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Full text of "Heidelbergische afterw. Heidelberger Jahrbücher der Literatur"

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H ei delb erger 



JAHRBÜCHER 



der 



Literatur 



unter der Redaction der Professoren 



Geh.Kirchenr.Dr. H. E.G. Paulus. 
Geh.Kirchr. Dr. F. H.C. Schwarz. 
Geh. Hofrath C. S. Zachariä. 
Professor G. F. Walch. 
Geh. Hofrath /. W. H. Conradi. 
Geh. Hofratlt F. Tiedemann. 



Geh. Hofrath F. Cremer. 
Hofrath Wüh. Muncke. 
Geh, r^ath Ritter K % C.v. Leonhard, 
Hofrath G. H. Ran. 



Fünfzehnter Jahrgang 

oder neue Folge: 
1 Zweiter Jahrgang. 

Erste Hälfte. 

Januar bis Juny« 



Heidelberg, 

in der Universität* - Buchhandlung von Mgust Ofswald, 

4 $ * ü. 



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I 



I 




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N= 1» Heidelberger 1822. 



* 

Jahrbücher der Literatur. 

*. 

• * 

4. Die lutherische Lehre von dem Unvermögen des freien Wil- 
lens zur hohem Sittlichkeit j in Briefen, nebst einem Anhat ge, 
gegen Hrn. Dr. Schleier machers Abhandlung über die Lehre 
von der Erwählung: Von Er nst Sartorti « > Doct. d. 
Philosoph, u. Bepet. der theolog. Fac. zu Göttingen. Göt- 
tingen bei J. Chr. D.Schneider 4 8* /. (XXII u. 476 S.S.) 

JJie protestantischen Lehrsysteme sind, von den Reformatoren 
an, in den Dogmen von dem freien Willen des Menschen und 
den Gnaden Wirkungen Gottes aus eiuander gegangen. Die vor- 
liegende Schrift redet von einer luthenscfien Lehre über diesen 
Gegenstand; wir finden das nur nicht bestimmt genug, da die 
Lehre Lut/tcrs selbst in seinen frühern Aeusserungen hierin eine 
andre war, als die in der Augsburger Confession und in d</r 
Apologie , da die Lehre Melanchthons wieder ihr Eigues hatte, 
und da die Lehre» der Concordienformel vou dieser wieder sehr 
abgieng. Der junge Gelehrte, weicher in jener Schrift durch 
umfassende Kcnntnifs der symbol. Bücher wie durch Klarheit 
des Urtheils , einen wichtigen Beitrag zur Belehrung der 'J hco- 
logen über diesen Gegenstand giebt, nimmt — wenn ihn anders 
Ree. recht verstunden hat — uuter der lutherischen Lehre hier 
jene Dogmen, wie sie im Gegensatz gegen die calvinische Lehre 
stehend, in den luther. symbol. Büchern, Melanchthons locos 
eommunes mit eingeschlossen, insbesondre aber in der Concor- 
dienformel vorkommen. Er will sie gegen den Schleierinaeher- 
schen Vorwurf des inuern Widerspruchs retten , welcher der- 
selben in der auf obigem Titel angegebenen , so tief und scharf 
gedachten Abhandlung gemacht wird. Wie weit es Hr. Dr. Sart. 
gelungen, und welche Verdienste er sich um die Aufhellung 
dieser wichtigen Lehre erworben, mag eine sorgfaltige Darle- 
gung lehren. 

Der Mensch ist von Natur, seit dem Sündenfall, unfähig 
zum Guten, er hat alle Freiheit und Kraft dazu verloren, er 
kann diese nur von Gott erhalten, und Gott giebt sie ihm durch 
das Wort und die Sacramente, nach seinem Wohlgefallen. Diese 
Wirksamkeit i»t die Guadenwkkumj des bedigeu GeUtes; sie, 

1 



Sartorius, Tom freien Willen; 



ist göttlich, also unwiderstehlich; sie erfolgt ohne alles Ver- 
dienst des Menschen, also nach unbedingtem Rathschlusse Got- 
tes, und dieser ist von Ewigkeit her bestimmt — Das ist die 
Calvinische Lehre in den Grundzügen. Es liegt in derselben 
der sogenannte Particidarismus, dafs nämlich nicht alle Menschen 
iur Seligkeit erwählt seyeo, diejenigen aber die Gott nach sei- 
nem unbegreiflichen Rathschlusse erwählt habe, not /wendig be- 
kehrt und selig werden. 

Die Lutherische Lehre, nach dem obigen Sprachgebrauche, 
ist dagegen Universalismus. Sie nimmt ebenfalls an, dafs die 
Gnadenwirkung des heil. Geistes zur Besserung und Seligkeit 
noth wendig- sey, und aus dem ewigen Rathschlusse Gottes er- 
folge, dafs aber allen Meuschen das Heil zugedacht, die Gnade 
also allgemein sev, jedoch nickt unwiderstehlich wirke, sondern, 
durch die Freiheit des Menschen bei ihrer Wirksamkeit bedingt 
werde. 

Es fragt sich also für den Streitpunkt des Verfasser?, ist 
die erstere Lehre consequent, und ist die letztere inconsequent 
Hr. Sart. antwortet mit einem entschiedenen Nein, das er mu- 
thig und kräftig vertheidigt. Er schlägt folgenden Weg in sei- 
nen Briefen ein, auf dem wir ihn mit den Bemerkungen , die 
•wir uns erlauben, begleiten wollen. 

Er stellt sogleich die Behauptung so, dafs die Luther. Lehre 
den Menschen als zurechnungsfahsig erkläre, ohne doch der 
ISothwendigkeit der Gnade Abbruch zu thun, und dafs diese 
Gnade bestehen könne, ohne die Annahme einer alle Freiheit 
und Zurechuungsfähigkeit aufhebenden Gnadeiiwirkuiig , jajlafs 
die Guade den Menschen wahrhaft frei mache. So wie dieses 
dasteht ist noch keiu Gegensatz mit der Lehre Calvins. Denn 
auch diese halt eben so fest bei der Zurechuung nämlich der 
Sünde, als bei der Prädestination, und behauptet standhaft, dafs 
letztere jener nicht im mindesten Eintrag thue, vielmehr ei st durch 
die Gnadenwirkung recht frei mache; und es finde bei den Er- 
wählten durchaus kein eignes Verdienst statt. (Calv. Inst it. L IL 
c. *,n. 7. sqq. e. 5, n. 3. sqq. I. III. c. 4 4. c. zh u. a. m.) Der . 
Streitpunkt zieht sich also in das Dogma von dem natürlichen 
Unvermögen und dem freien Willen (liberum ariitrium). Und 
mit Recht redet der erste Brief von dieser Lehre. Sie ist so 
wichtig, sagt der Verf., als die Lehre von Gott, und es ist das 
Eigentümliche der chrislichen Religion, daf* die Glanbenslehre 
von Gott die von dem Menschen voraussetzt, oder wie wir es 
anseheu gegenseitig eine die andre, denn e» ist von einem F er- 
hältnisse des Menschen ztt Gott die Rede. Hiermit besteht, waj 
der Verf. aui Mtlanchth. Vorrede ut den kc+ aomnu aufuhit, 



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Sartorius, vom freien Willen. 3 

was aber auch Calvin lehrt, dafs die Artikel vc#n der Macht de? 
Sünde, dem Gesetz und der Gnade diejenigen sind, aus wei- 
chen erst Christus erkannt wird. Das eben ist das Einfache und 
Grosse des Christenthums, dafs die Glaubensartikel, man mag 
anfangen bei welchem man will, Ein unzertrennbares Ganzes 
sind. Daher mochten wir den Ausdrück des Hrn. f^erf. dafs 
der einzig richtige Gesichtspunkt der moralisch -praktische des 
Christenthums sey, nicht ganz billigen, weil er das Handeln vonl 
Seyn trennt , utid weil beides doch in höchster Einheit in unserer 
Religion erscheint, welches auch weiterhin der Verf.* seihst 
sehr gut zeigt. Eben so giebt das mehrmals gebrauchte Wort 
SittengesetZj wo M clanchthoh lex oder decalogus hat, den etwas 
verschiedenen Begriff grause der Kantischen Sclmle. Noch mehr 
Mi fsverstand macht es, wenn von dem Unvermögen des freierl 
Willens geredet wird, da es vielmehr heisseh könnte des un- 
freien Willens ( servum arbitrium ) wie er nämlich durch den 
Sünden fall geworden. Doch die Hauptsache bleibt i und das 
Ziel und den Grund derselben 1 zeigt der erste" Br. recht gut. 
Der 2te giebt aus der Apologie der A. C. an. dafs der mensch- 
liche Wille seine Freiheit für äussere Dinge allerdings noch be- 
sitze, woraus ihm die justitia civilis s. rationis s. öperutn (wohl 
besser durcr? Gesetzlichkeit als Sittlichkeit auszudrücken) möglich 
ist. Grade die höchste Anforderung des göttlichen Gesetzes 
(hier wieder Sittengesetzes!) kann der Mensch durch die Kraft 
seines jetzigen Willens (hier wieder freien Willens!) am we- 
nigsten erfüllen,* denn er kann sich nicht zu der lebendigem 
Liebe gegen Gott zwingen. Die Grundtriebe' seines Herzens 
sind vielmehr Egoismus und Leidensehaft; das eben ist die Erb- 
sünde nach der Lehre der Luther* Kirche (jedoch nicht ihrer 
allein ) , dafs die Eigenliebe der Creatur eis nicht zur wahren 
Liebe und Ehrfurcht gegen Gott kommen läfsk Ganz richtig 
folgert der Verf. hieraus, dafs die blosse 1 Erkenritnifs des Ge-* 
setzes uns bei weiten! nicht hilft, und dafs unser freier (viel- 
mehr unfreier) Wille nicht die Kraft hat, ihm* zti genügen. Dal 
jnufs die göttliche Gnade helfen. Der VerX meint,- durch pa- 
thologische Motive, die aus derselben* fliessen.- Diesen Aus- 3 
druck aus der Kantischen Schule samt den! Begriffe finden wir 
an dieser Stelle unriouttgj denn das Pathologische' ist cid Be- 
stimmtwerden des Gefühls, und etwas Sinnliches y wenn auch 
immer von höherer Art, es macht nicht frei sondern unfrei. Und 
vollends ein pathalogisches Motiv ist etwaSj das aitf unser na J 
türliches Gefühl gegründet; durch unser Dendert iö natürlichen? 
Dingen erkannt, und als natürliche BeWggüng des Willens 
wirk*ant Uli YfiJt befinde** uns aJj«i hierbei gao* iä kiisejex .Na* 

u 



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4 Sartorius, vom freien Willen; 

- 

■ 

tur und jetzigen natürlichen Kraft, und es ist demnach keine 
andre Wirksamkeit von oben, als die, welche in der gesammteu 
£i r atur durch die göttliche Vorsehung thätig ist. Das ist aber 
nicht die Luther, oder überhaupt die streng christliche Lehre, 
denn diese behauptet, dafs die Gnade übernatürlich wirke. 
Nicht blofs das lehret sie, % dafs die Gnade höhere Mit'ive gebe, 
die der Mensch sich nicht selbst zu geben im Stande sey, » na- 
mentlich die in Christus erschienene Liebe) sondern auch, dafs 
sie eine höhere Kraft mittheüe, die sich der Mensch nicht ge- 
ben kann. Dafs Luther und Meianchthon Anfangs allen freien 
Willen dem Menschen abgesprochen, geschah gewifs nicht aus 
Eifer für jene »pathologisch eh Motive« sondern aus festerm ßlick 
auf die sündhafte Natur. Auch ist die Schwierigkeit, wie der 
freie Wille mit der Vorhersehung und Vorherbestimmung Got- 
tes zu vereinbaren sey, hier nirgends im Wege, da sie ohnehin 
durch die wahre Idee des Ewigen ganz wegfallt, denn ein 
Vorher Bndet in dem ewigen Wesen weder bei dem Wissen 
nqch bei dem Wollen statt. Aus Melanchth. führt der Verf. 
an, dafs die heil. S. nichts von jener äussern Freiheit lehre, 
weil es die innern Regungen sind, die Gott begünstige; es sey 
thörichte Sophistcnlehre, als könne da, wo man jemand hafst, 
der Wille beschli essen , ihn nicht mehr zu hassend, und Gott 
fürder zu lieben; und wie auch immerhin pharisäische Schul- 
gclehrte die Kraft des freien Willens preisen mögen, der Christ 
erkenne, dafs nichts weniger in seiner Willkühr stehe, als sein 
Herz. 

Hier schliefst der Verf. schicklich im 3 n , 4 n «• 5» Briefe 
ciue kritische Uebersicht der neueu philosophischen Lehren über 
diesen Gegenstand au. 4.) Kant lehrt: die praktische Vernunft 
ist sich selbst genug, und bedarf sowohl was das Wollen als 
was das Können betrifft keineswegs der Religion; der Mensch 
kann um so tugendhafter seyn, je sinnlicher und unreiner sein 
Herz ist, denn die Tugend besteht blofs in der moral. Starke 
des Willens, und diese Stärke beweist sich darin, dafs sie die 
deu Maximen gemasse Handlungen erzwingt. Hiergegen erin- 
nert Hr. S. Das sind die actus eliciti der Scholastiker, es ist 
blufs die justitia rationalis s, philosophica der Apologie, welche 
unter res rationi subjectae diejenigen Handlungen und Gesin- 
nungen versteht, die in unserer Macht sind. Liebe zu Gott 
als Neigung (»pathologische Liebe« ) ist unmöglich. Die Tu- 
gend nach Kant setzt inneren Zwiespalt voraus, sie ist nichts 
schlechthin und immerfort Thatiges, nichts Lebendiges und Schaf- 
fendes, sondern je Jasterhafter die Triebe eines Menschen, um 
desto tugendhafter ist er; und um so mehr t er au sich gut und 



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Sartorlus, vom freien Willen. 5 

gottähnlieh ist, um desto weniger tugendhaft. Allein das Chrt- 
stenthum sagt grade umgekehrt, dafs der gut sey, dem das Gute 
zur andern Natur geworden, der von allem Reiz und Zug des 
Schlechten befreit ist. Das ist die Freiheit der Kinder Gottes, 
das arbitrüan liberatum. Schon für die niedere Tugend findet 
Kant pathologische Motive nöthig, und lafst die Glückseligkeit 
di rch gute Handlungen verdient werden, aber zur Triebfeder 
dtr höchsten macht er das Gefühl unserer Erhabenheit, als 
sti nden wir wirklich in hoher moralischer Würde. Auch giebt 
es bei ihm nur eine Pflichteulehre. 

So treffend von dem Verf. diese Hauptpunkte des Kanti- 
schen Moralsystcms als nicht -christlich gerügt sind, so möchte 
dech Ree. noch einige Vcrtheidijnin'j desselben zulassen, welche 

CT O O ' 

ans der Annahme des rediealen Bösen und der Heiligkeit als 
Idial möglich wird. 

Fichte will in seiner Anweisung zum seligen Leben, dafs 
wir unser Selbstseyn rein, ganz und bis in die Wurzel ver- 
nichten , so bliebe dann Gott «Hein übrig:, und wäre Alles in 
Allem, dagegen wird von Hrn, S. eriunert, es fehle nur an der 
Ai Weisung, wie das zu inachen sey; man dürfe nur die Hand 
noch dem uns immerfort umgebenden Guten ausstrecken ,• um 
im Augenblick würdig und selig zu sevn. Jene uns einwoh- 
nende Seligkeit lernen wir erst dann kennen, wenn wir unser 
Selbstseyn vorher vernichtet haben, was soll uns denn bei un- 
serer natürlichen Zerstreutheit, da wir- in das Mannigfaltige ver- 
loicn sind, zu diesem Einen was Noth ist antreiben? Fichte 
antwortet, die Unseligkeit zerplagt und zernagt dein äusseres 
Leben so lange, bis du, alles aufgebend, in Gott einkehrst; aber 
welche verzweifelte Heilsordnung. 

Für Fichte Hesse sich allenfalls sage«: er will doch einen 
neuen Menschen, und damit dieser hervorgehe, soll der alte 
vernichtet werden; freilich wird er das aus sich selbst, wie 
sich die Naturwesen selbst aufreiben und aullösen. 

Schelting nimmt eine Sittlichkeit au, wie die justitia spiri- 
tualis bfci Luther und Melauchthon, wo die Seele aus innerer 
Notwendigkeit tugendhaft ist. Aber wie soll sie sich der ge- 
sunkene Mensch selbst geben, da die Macht des böseu Prin- 
eips in seiner Erstarrung immer grösser 1 wird? bemerk Hr. S. 

Herbart zeigt, dafs die Moral als Güter-, Tugend - uud 
Pflichtenlehre unwirksam sev, und macht zur Grundlage seines 
Moralsystems den sittlichen Geschmack für die eigenthümliche 
Schönheit der sittlichen Verhältnisse des innern Menschen. Al- 
lein da der Geschmack des Individuums doch nur der^Geschmack 
seiner Vernunft ist, und Herb, selbst auch unrichtige Cuaraktere 



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§ Sartorius, vom freien Willen. 

pnnimmt, so ist nicht zu sehen, wie dieser Geschmack wir herr- 
schenden Kraft werde, und mau müfste immer wieder einen 
peschmack an diesem Geschmack und so bis uns Unendliche 
voraussetzen, ohne je auf einen lebendigen Grund zu kom- 
men, v ie Hr. S. erinnert. 

Schulze läfst den Tugendhaften von einem wohlthätigen 
Genius das ganze Leben hindurch begleitet und in seiner gan- 
zen Persönlichkeit ausgebildet werden. Diese Vollkoinrapuheit 
kann sich der Mensch uicht durch die Kraft des freien Willens 
gebeu, wer sie nun in Ansehung der Geschichte noch nicht be- 
sitzt, für den ist es Pflicht sie sich zu verschaffen, wobei je- 
doch grade die höchste Vollkommenheit fehlt, denn diese kann 
kein Selbstzwang bewirken. Es beruht also alles auf der Aus- 
bildung der edleren Gefühle, diese aber wird durch eine zweck- 
mässige , d**r Idee der sittlichen Bestimmung angemessene Er- 
ziehung gewonnen. Hr. Sart. bemerkt hierzu, dafs also die 
Offenbarung als Erziehung des Menschengeschlechts eintreten 
müsse. Ree. ist der Meinung, das auch diese Lessingsche Idee 
nicht aushelfe. Denn die Erziehung hat keine solche Gewalt 
über die Freiheit des Menschen, dafs sie aus jedem Subject 
zu machen im Stande sey, was sie wolle, sie wirkt vielmehr 
b^i jedem verschieden, und es kommt auf das Subject an, wie 
es von innen heraus die erziehende Einwirkung aufnimmt. Wir 
waren hier ganz im Gebiete des Mechanismus, und. Organis- 
mus, nicht aber der sittlichen Freiheit. 

Boutevwek grimdet die Sittlichkeit auf Triebe, die über 
4er logischen Function der Vernunft in dem innern Sinne lie- 
gen, d. h. auf das Herz, auf das Gefühl sowohl der Würde 
als der uneigennützigen Liebe. Die Tugend, als die durcli 
/Vernunft unwillkührlich erregte Liebe, ist nicht nach der da- 
Jjei angewendten Kraft des freien Willens zu bemessen. Wenn 
fir. Sart. meint, der Theologe könne dieser Theorie seinen vollr 
komiitcnstcn Beifall geben, so erinnern wir nur, dafs er das 
nicht anders kann, als wenn jene Kraft dem hciLGeist zugeschrieben 
vvird, welche eben frei n^cht, dafs er aber entschieden wider- 
sprechen müfste, wenn die Naturkraft, gleichsam unter * der Frei- 
heit her , die Tugend hervorbringen solle. Wahr ist , was 
S. gegen J3° ut * Begründung der Sittlichkeit erinnert, dafs das 
edelste moralische Gefühl schon vorausgesetzt werde; wie auch, 
dafs das, erhebende Selbstgefühl iu moralischen Hochmuth aus- 
arten könne; endlich, dafs B. selbst bekenne, vergebens rufe 
4ic Moral dem Zitternden zu, er wM ihr wohl gehorchen, aber 

§r km* m<?bt, 



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Sartorius, vom freien Willen. 7 

Fries nimmt den Hang zum Bösen an, den sich der Mensch 
durch seine Schuld zugezogen, aber er richtet seine Sittenlehre 
an schon gebesserte Menschen, setzt also die Tugend voraus, 
die er lehren will, nennt sie auch nicht Pflicht, sondern das 
Vorausgesetzte, wodurch der Geist erst thätig werde, den 
Spruch der Pflicht zu vernehmen und ihm zu folgen. Uebri- 
gens zeigt Fries, nach Hrn. S. weiterer Bemerkung, Uukennt- 
nifs des Christenthums, und der Zusammenhang, in welchem 
unsere Kirche die Lehre von dem Unvermögen des Manschen 
mit der wahren Tugend gebracht hat, ist ihm unbekannt ge- 
blieben. Er spricht wohl von Bekehrung, die oft plötzlich ein- 
trete, aber er tudelt diese als etwas, wodurch die gesunde Kraft 
eines thatenfrohen Lebens nicht gebildet werde. Ganz anders 
unsere kirchliche Lehre: Gottes Geist wirkt unmittelbar (durch 
Wort und Sacrament) und, wie die Geschichte beweist, zur tha- 
tigsten Thatkraft. 

Köppen will, man solle die freie Herrschaft der Vernunft 
voraussetzen. Wohl! wenn nur diese Herrschaft erst da wäre. 

Also unkräftig ist alles, was die Philosophen statt des Chri- 
stenthums geben; sie setzen voraus, was ihre Lehren erst ver- 
schaffen sollen. Dieses hat Hr. S. zwar auf eine verdienstliche 
M^eise von jenen philosophischen Systemen der neuesten Zeit 
in kurzem dargelegt, allein es war doch noch mehr zu thun, 
um seine Behauptung zu sichern, es uiufste von jeder rationali- 
stischen Moral bewiesen werden, d. h. von jeder die nicht von 
dem Princip des Christenthums ausgeht. Dieses ist allerdings cm 
Princip eines philosophisch durchgeführten Moralsystems ; es ist 
das nur in dem Selbstbewustseyn des Christen gegebene Princip 
der Wiedergeburt und somit des neuen Lebens, das der Gna- 
denwirkung des heil. Geistes entquillt. In den folgenden Brie- 
fen kommt es weiter zur Sprache, 

6*« r Br. Gesetz und Evangelium. Der Verf. sagt, die 
Luther. Kirche verstehe unter Qesetz das, was man theologische 
Moral nenne, die sich von der philosophischen dadurch unter- 
scheide, dafs Gott, und nicht die menschliche Vernunft das 
Gesetz gebe; Paulus leite so das Sittengesetz aus der Erkcnntnifs 
Gottes her Rom, i, 19 ff. Die Vernunft habe nur «kennende 
und urtheilende Kraft (?), und Gebieten sey Wollen? die philo- 
sophische Moral könne daher nur als theoretische Lehre der 
reinen Vernunft auftreten, aber nicht zu einer Kraft gelangen; 
die Schulen zeigten genugsam, wie sich alles nach der Gemiiths*- . 
beschaffenheit ihrer Stifter richte; so werde fürder jeder seines 
Willens Ziel und Kraft für das höchste Out und die Tugend 
halten; auch sey der Verpflichte ngsgund der theologischen Moral 



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8 Sartotius, vom freien Willen. f 

ein ganz andrer, denn was sie lehre, seyen Pflichten von Gott, 
iiml sie gehe vom höchsten Wille» aus, in dein, dessen Wille 
von selbst auf das Gute und Heilige gerichtet ist, in Christus, 
stelle sie das Ebenbild Gottes, und in dein Beifall Gottes das 
höchste Gut auf. 

Sollte hier etwa ein Mifivefständnifs in den Ausdrücken, 
liegen? So wie es hier steht, findet Ree. fast alles unrichtig. 
Nicht dariu liegt ja der Unterschied zwischen theolog. und phi- 
losophischer Moral, dafs nur die erstere vom Willen Gottes 
au^ehc, das thut auch manches philosophische System, aueb 
Kant nennt das Vernunftgesetz, Gottes Gesetz und Gott den 
Gesetzgeber, welcher sagt: Ihr sollt heilig seyn, denn ich bin 
heilig; und, der Apost. Paulus verweiset nicht minder auf das- 
selbe Lei den Heiden Küm. 2, i4« Eben so wenig macht das 
Theoretisch* , den Unterschied, denn auch die christlich -theolo- 
gische Moral ist als System eine Theorie, und von Calixtus bis 
Reinhard und Stau^lin hat sie als solche keine lebendigere 
Kraft bewiesen, als dafs sie zur Erkenntnifs Anleitung giebt; 
denn das gottgefällige Leben ist eine Wirhung des heiligen 
Geistes. Vielmehr steht eine theologische Moral nicht grade im 
Gegensatz mit einer philosophischen, die christliche wird aber 
dadurch philosophisch behandelt, dafs sie zeigt, wie das Evan- 
gelium dem Gesetze seine Kraft in den Herzen ertheilt, dafs 
sie also. lehrt, wie das sittliche Leben eutsteht und wirkt, nicht 
aber ist die \yissenschaft als solche dieses" Leben hervorzubrin- 
gen uu Stande..; 

7 ei u. Br. Die Luther. Lehre, hat ferner den drei- 
fachen Nutzen des. Gesetzes wohl unterschieden; usus polt iicus, 
für aussereJCuclit uud Ehrbarkeit, — paedagogicus, um die Sünd- 
haftigkeit zu zeigen, — diducticus, um die guten Gesinnungen 
und Handlungen der Wiedergcboruen zu lehren. . Das Gesetz 
kann die Besserung gebieten, aber sie nicht machen, es kann 
nur das Geuiuth bei dem Bewustseyn seiner Gesetzwidrigkeit 
niederschlagen, und das vielleicht bis zur V erzvveifluwg. Nnr; 
das Evangelium fiöfst ILds gegen das Böse und Dankbarkeit 
ein, es giebt edle Begeisterung, brüderliche Liebe, Demuth, 
und. alle Früchte des Geistes. Damit bewirkt es die Wieder- 
geburt , man denke z. B. an Paulus. Melanchth. hat die philo- 
sophisch noth wendigen Wirkungen des Glaubens schön geschil- 
dert. Es sind k die Gefühle und Gcsiunungen der Liebe. Lu- 
ther sagt: j^Siehe , also iiiesset aus dem Glauben, die Liebe, 
und aus der Liebe ein freiwillig, .fröhlich Leben dem Nächsten 
zu dienen umsonst,.* (Wir erinnern/hierbei auch an die ciass. 
Steile in der \orr. ^uui Br. «n die^/.flöiner^. Unser Verf. weiset 



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~Sartorius, Vom freien Willen. g 

r 

darauf hin, dafs der Glaube sieb so äussern müsse, dafs er 
die Person gut mache, und dafs hierdurch jener 3 te Nutzen 
des Gesetzes einleuchte, indem dasselbe zugleich gegen den 
Mifsbratfcji der christlichen Freiheit sichere. »Das objective 
göttliche Gebot, sapt Hr. S., das nicht blofs moralisch spricht, 
sondern auch ausserlich aus Autorität des höchsten Gottes deu 
Menschen gegeben »ird, vermag auch den gröfsten Sünder auf- 
zurütteln, und die Offenbarung der Gnade verwandelt selbst 
einen wütenden Zeloten (Paulus) iu den wärmsten Menschen- 
freund.« 

Wir müssen auch hier einiges einwenden. Die Wirksam- 
keit des Evangeliums ist hier psychologisch -genommen, d. i. 
nach den Naturgesetzen unserer Seele. Die Natur dieser Seele 
ist es also, die ais die Quelle des Guten angeseheu wird, und 
der 3Iensch wird schon als gut vorausgesetzt, indem er den 
göttlichen Zuruf bereitwillig aufnimmt, die göttliche Autorität 
anerkennt, und sich in diesen göttlichen Dingen ganz so ver- 
hält, wie in ^menschlichen. Die Wirksamkeit Gottes geschieht 
ganz von aussen (eben jenes Beisp. von^ Paulus steht so da), 
und sie legt im Evangelium nur ein neues Motiv vor, ein stär- 
keres und doppeltes: die göttliche Autorität und Begnadigung. 
Von innen kommt da die menschliche Kraft entgegen , lafst sich 
durch diesen Eindruck afliciren, und hiermit eine pathologische 
Triebfeder geben — — wenn anders die Stimmung des Herzens 
gut ist. Innerhalb dem Menschen geht also alles natürlich zu; 
mag auch immer die Offenbarung in dem Evangelium überna- 
türlich seyu, sie ist etwas Aeusseres, wie das Wort des Va- 
ters in der Erziehung. Die Wiedergeburt erfolgt hiernach na- 
türlich, nach psychologischen Gesetzen, durch sinnliche Stim- 
mung; es ist hier alles im Gebiete der Sinnlichkeit und Natur- 
notwendigkeit, es wird nichts in der Natur und Kraft des 
Menschen geändert: es ist Freiheit vor wie nach, insoferne an- 
ders von Freiheit die Rede seyn kann, es ist alles wie z. Bv 
bei der Erziehung. So ist aber keineswegs die Lehre der Re- * * 
forraatoren und der Luther, symbolischen Bücher. Hier ist die 
Gnade etwas absolut Inneres; sie wirkt nicht nach psychologi- 
schen Gesetzen, sondern übernatürlich herein, nur die Entwick- 
lung ihrer Wirksamkeit steht unter diesen psychologischen Ge- 
setzen, die Notwendigkeit, womit sie wirkt, ist eine ganz an- 
dre als die Naturuothweudigkcit , und sie giebt erst die wahre 
Freiheit, sie ertheilt als eine neue Schöpfung eine neue, den 
Geist frei machende Kraft, und so wirkt sie die Bekehrung 
und den Glauben, d. i. die Wiedergeburt. Das äussere Wort 
(wie bei Paulus« der Ruf vom Himmel) ist zwar das Mittel r 



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io Sartorius, vom freien Willen. 

aber in demselben wirkt der beil. Geist innerlich, auch die 
eisten Regungen zum Guten, mithin zur Annahme des Rufes. 
(Luth. gr. Katech. zum 3 ten Art. Mel. /. comm. de lib. txrb. 
an mehreren Orten, bes. Pauli est — — sed ut sit vocatio 
fei ix et efficax , soliu' Dei donum est etc. de praedest. 
Dcum efßcacem esse per Evangelium. Cals>. Inst. I. III. c. st, 
n. 35. I. I. c. n. 4-~~ 5. c. y, n. 3. Aug. Conf. ort. t8. 
Form. Conc. de lib. arb. — cot da hommum aperit , ut diligen* 
ter attendant etc. Art. Smalc. 8. etc.) 

p/* Br. Der Verf. spricht alt ein achter Theologe gegen 
das Mifskennen der Hcilslehre, die vom menschlichen 8elbst- 
dünkel uud Unglauben vielfach angefochten, und in neuerer 
Zeit fast ganz aufgegeben worden. Die Rechtfertigung besteht 
nach den svmb. Büchern dariu, dafs uns Gott die Sünden ver- 
giebt und zu seinen Kindern annimmt. Der rechtfertigende 
Glaube ist der Glaube an diese Rechtfertigung, welche durch 
die Guade Gottes erfolgt, und so sagt Melanchth, »wir sind 
durch den Glauben gerechtfertigt heifst, wir sind durch die 
Gnade Gottes gerechtfertigt«. Also ist nicht der Glaube die 
Ursache oder geht voraus, sondern er bezieht sich auf die 
schon vorhandene Rechtfertigung; die Reue aber geht voraus, 
und diese kommt aus dem Gesetz. Die Rechtfertigung ist aus- 
gesprochen, aber der Glaube ist das Mittel, wodurch wir sie 
wissen uud fühlen (er h. in der Concor d. F. unicum medium et 
insirumentum ) ; gute Werke sind von diesem Glauben nuzer- 
trennlieh, wo sie nicht sind, da ist ein falscher Glaube »(Smalk, 
Art.)« sie sind nicht von ihm zu trennen, so wenig als Licht 
und Wärrile* vom Feuer »(Conc. F.) — »Die Gnade ist uns 
darum verkündet, damit wir das Gesetz freier und vollkomme- 
ner erfüllen, wie Augustinus sagt: quod operum lex minando 
imperat, hoc fidei lex credendo impetrat«. ( Apolog.J. 

Der iq te Br. behauptet, dafs schlechterdings auch nicht 
eine Stelle in den symbol. Büchern sey, welche die Wirkung 
des heil. Geistes als unmittelbare oder wunderbare Wirkung 
Gottes in dem Menschen lehre. Eine paradoxe Behauptung! Es. 
kommt freilich darauf an, wie man die Worte unmittelbar und 
wunderbar nimmt) nach dem gewöhnlichen Sprachgebranch be- 
zeichnete jenes alles Erste, was von einem Princip gewirkt wird, 
ohne dafs etwas dazwischen liegt, und dieses, alles, was Gott 
unmittelbar wirkt. Nun ist aber das, was der heil. Geist wirkt, 
ein absolut Erstes, gleich der Schöpfung, was. durch keine 
Naturursache hervorgebracht wird, es ist also eben weil es 
übernatürlich ist auch unmittelbar uud wunderbar. In diesem 
Sinne lehnen Luther und Melaochthon, $o 'gut wie Augustinus 



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Sartorlus , vom freien Willen. ii 

und Calvinus und die symbolischen Bücher, [das Unmittelbare 
und Wunderbare der Gnaden Wirkungen. Etwas anders ist, wenn 
man davon redet, wodurch der heil. Geist wirkt, und hier denkt 
man an das Aeussere, durch welches jene Wirksamkeit erfolgt, 
die darum, als ein Inneres nicbt minder übernatürlich , unnut- 
telbar und wunderbar ist, als man es auch bei dem Schöpfungs- 
wort zugeben mufs. Allerdings, lehren die Symbol. Bücher, 
das Mittel; wodurch der heil. Geist wirkt, seven d*is Wort 
und die Sacramente, aber hieriu wirke er als heil. Geist, «ört- 
lich, übernatürlich. Das Wort hört und liest zwar auch der 
noch nicht wiedergeborne Mensch, vermöge ^es freien Willens, 
den er in äusseren Dingen besitzt, allein vermöge dieses Wil- 
lens vermag er nmht innerlich in seinen Geist die Lehren auf 
die rechte Art aufzunehmen, ohne welches innere Hören jenes 
äussere ganz unnütz bleibt, ja sogar zum Bösen gebraucht wer- 
den kann, z. B. zum Spott, wenigstens unrichtig verstanden 
wird. Dafs nun diese innere GemüthsbeschatTenheit da sev 
kommt nach unserer kirchl. Lehre nicht von aussen, auch nicht 
von unserer naturlichen Freiheit und Kraft, sondern das, schon 
das j ist eine Gabe de*s heil. Geistes, wie jene Schriften an vie- 
len Orten sagen (z. B. Met. f. c. de Hb. arb. Est et hoc Dei 
donum, ne ignarus vel errore implicetur corruptelis doctrinae. 
Form. C. de praedest. ed. Rechenb. p. 80%. de lib. arb. p. 
58o. etc.). ' 

Es ist also die Verachtung jener äusseren Mittel allerdings 
die Schuld des Menschen selbst, aber nicht blofs eine Schuld 
der Art, wie wenn der Kranke die Arznei nichf nimmt, sondern 
eine tiefer liegende, nämlich er ist so verdüstert von der Erb- 
sünde, dafs er sein Verderben gar nicht erkennt, also weder die 
Sehnsucht nach Erlösung fühlt, noch ein solches Mittel ahndet! 
Oder milder angesehen, er mufs doch erst in der Lehre des 
Christenthums etwas Ausserordentliches vermuthen, ehe er sich 
■von seinem Gewissen nur soweit bestimmt fühlen kann, den 
Brediger zu hören oder die Bibel in die Hand zu nehmen. 
Dieser vorhergehende Entschlufs ist er von dem Menschen oder 
ist er von Gott? Bejaht man das erstere, so geht das Gute 
▼on dem Menschen aus, und was etwa weiter durch die Be- 
lehrung aus dem göttlichen Worte erfolgt, ist höchstens eine 
göttliche Nachhülfe, die der Mensch sich durch jenen guten 
Entschlufs erworben (und verdient) hatr Bejaht man aber das 
letztere in jenem unvermeidlichen Dilemma, dann mufs man 
auch consequentcr Weise zugeben , dafs jenes. Nichtwollen des 
Menschen daher komme, weil die Gnade noch nicht das Wol- 
len [im ersten EntscNufs] in ihm gewirkt hat, d. i. weil ihm 



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12 Sartorius, vom freien Willen. ^ 

Gott seinen Geist nicht gegeben hat. So führt freilich das 
Nichtwollcii des Menschen zu einem Nichtwollcn Goltes selbst, 
und das ist es, was die, ' Concordien ormeJ zu verneinen ver- 
sucht, und worin sie unser Verf. gegen Inconsequenz retten 
will. Er glaubt, wie schon oben bemerkt worden eine Aus- 
hülfe in dem pathologischen Zustand zu finden, den der heil. 
Geist in uus wirke, und zwar ohne Wunder, indem er Ge- 
fühle hervorbringe, welche das Ebenbild Gottes in uns erneuen ; 
zwar könne der Mensch diese Begeisterung nicht durch die 
Spontaneität erzeugen, aber. sie entstehe doch nach psychologi- 
schen Gesetzen mit Notwendigkeit; sie werde nur durch die 
übernatürlich geoffenbarten Mittel hesvorgebracht , deren Ge- 
wifsheit darauf beruht, dafs man Jesu in lürtein übernatürliches 
Wesen hält; und so gelangen wir zur Sittlichkeit nicht durcU 
unser» freien Willen soudern durch jene pathologische Afjici- 
rung. Ree. mifsversteht entweder alle jene angezeichneten Aus- 
drücke, dereu Erklärung er \ermifst, oder er findet die Sache 
in Widersprüche verwickelt, da z. B. nach dem letzteren Satz 
die Freiheit in den der Gnade vorhergehenden Zustand gesetzt, 
und mit dem Eintreten der Gnade vernichtet wird, gleichwohl 
der Zustand vor der Gnade der nicht gute (böse) ist^, wo der 
Mensch unter der Sinnlichkeit steht, und er erst durch die Wie- 
dergeburt, wahrhaft frei werden soll. Am Ende erscheint uns 
die übernatürliche Wirksamkeit Gottes nur in der äusseren An- 
statt des Christenthums * hiermit aber sind wir ganz aus dem 
Gebiete der Gnaden Wirkungen herausgekommen. Denn wir ste- 
hen hier in der Weltansicht einer göttlichen Vorsehung, nach 
welcher in der Verkettung * der Begebenheiten der Mensch vön 
aussen belehrt, beehrt, ja gebessert wird. Der heil. Geist 
aber wirkt sowohl nach der Lehre des N. Testam. als der Re- 
formatoren von innen auch dazu , um Christum zu erkennen. 
Wenn also Hr. S. die Gnadenwirkung anf die Anerkenn tnifs 
Christi und seiner göttlichen Offenbarung gründet — • wie es 
dem Ree. wenigstens scheint — so ist er zwar ganz folgerich- 
tig, aber die Folgerichtigkeit der Luther. Lehre hat er nicht 
gezeigt, deuu er ist in die Ansicht der äusseren Wirksamkeit 
nach den Naturgesetzen ( d. h. auch der Seele), uud etwa 
jener Lessingschen Theorie von einer Erziehung des Men- 
schengeschlechts, oder ;.uch. der Kantischen von einer Stif- 
tung der Kirche gegen das menschliche Verderben , gänzlich 
eingetreten. 

Anhang gegen ScMeiermachers Abhandlung über die Erwäh- 
lung, Der Mensch kann sich nicht durch se inen freien (vielmehr 
unfreien) Willen selbst bessern, d. h. zu jenem edlen begeisterten (?) 



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I 



Sartorius; vom freien Willen* i3 

, « ■ 

Zustande des Heszens erheben, er kann aber, wie die Conc. 
F. sagt, das "Wort Gottes boren oder nicht hören, in die Kir- 
che gehen u. s. v. Nur vermag nicht sein Wille bei dein Hö- 
ren und Lesen das neue Herz zu schaffen. Mit Hecht spricht 
also die Conc. F. dem Menschen das Vermögen ab sich zu bes- 
sern, macht aber auch mit Recht die Erwählung von ihm ab- 
hangig. Wir erwidern wie oben, jene innern Bewegungen sind 
es, worauf es bei dem Hören ankommt, und ohne welche alles 
nichts hilft; sie werden von dem heiligen Geiste hervorgebracht, 
und zwar nicht blos als Gefühle, sondern als Erk enntnisse und 
Entschlüsse; fehlen sie, so hat sie entweder der heilige Geist 
nicht hervorbringen wollen, oder der Mensch hat ihuen wider- 
standen. Den letztern Ausweg nimmt die Conc. F. in diesem 
Dilemma. Gerhard hat iu seinem loc* theoh die Erwähluug da- 
nach bedingt, wie Gott bei dem Menschen voraussehe, dafs er 
glauben würde. Unser "Verf. tadelt ihn mit Unrecht, als hierin, 
nicht den svnib. B. gemäfs, Gerhard folgert vielmehr ganz rich- 
tig nach ihrer Lehre. Das Wirken des heiligen Geistes hängt ja 
nicht von jenem (äusseren) Hörendes göttlichen Worts ab, wor- 
aus sich sogar eine ganz eigne Theurgic ergäbe, sondern es hangt 
lediglich von Gott, von der freven Gnadenwahl ab, der heilige 
Geist will nur, wo er wirken will, es durch dieses medium thun. 
Der Verf. sagt sogar selbst in einer Note, dafs < ott auch ohne 
dasselbe erwählen könne, wie das Beispiel des Paulus beweist. 
Der Entschlufs, in die Kirche zu gehen u. s. w. ist allerdings an 
sich noch keineswegs der Anffmg der Bekehrung, denn er kann 
aus unsittlichen Beweggründen kommen; ob es nun dem heiligen 
Geist gefalle, schon diesen Entschlufs zu bewirken, oder erst 
bei dem Höreu selbst sein Werk anzufangen, auch das steht le- 
diglich bei der freien Wahl des göttlichen Rathschlusses. Die- 
ser ist nach der kirchlichen Lehre von Augustinus her, nicht 
etwa durch den vorausgesehenen Glauben bestimmt worden, son- 
er hat vielmehr den Glauben selbst vorausbestimmt, und hat ihn 
darum vorausgesehen , weil er voraus bestimmt hat, ihn dem Men- 
schen zu erthcilen (ubi et quando Visum est Deo J, Eben die- 
ser absolute Kathschlufs hat den Glauben zur Bedingung gemacht, 
unter welchen der Mensch begnadigt werden soll, er Bat aber 
diese Bedingung selbst zu bewirken beschlossen, und so hat er 
diejenigen verordnet und erwählt, die er begnadigen will. Das 
ist die notwendige Consequenz, welcher sich freilich die Conc. 
F. zu entziehen bemüht. Aus dem Grundsatze, dafs die Gnade 
allgemein sey, folgert Schleiermahcer, dafs glaubig und ungläu- 
big Streben nur als ein früher oder später Aufgenommenwerden 
in das Reich Gottes unterschieden, sey, wie es die Idee einer 



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i4 Sartoriiis, vota freien Willen. 



zeitlichen Welt in jedem nach P rem Umfange gegebenen Maa- 
fse uothwcndig mit sich bringe. Auch Hr. Sart. bekennt sich 
mit vollem Herzen zu diesem allerdings freundlichen Satze. Aber 
damit ist abgesehen davon, dafs sie die Hölle keineswegs zu 
einem Fegefeuer macht, nicth die Incoiretruenz der Conc. F. 
widerlegt. Denn es bleibt doch immer dabei, dafs bei den un- 
gläubig Sterbenden- der heil. Geist nicht kräftig genug gewirkt 
hat, oder dafs ihnen, ohne e$ mehr als andre verschuldet zu 
haben, das Wort Gottes gar nicht oder unrecht gepredigt worden« 
Die Conc. F. setzt dagegen die Schuld in ein Entgcgenkämpfen de* 
Menschen (repugnare potest spiritui s,J indem er das Mittel ver- 
wirft und depravirt, wodurd der heil, G eist krafii^ wirken will ( cß* 
ßcaciter operari caput), wohl aber den Gefühlen widersteht. 
Hat hiebet die Conc. X. wohl bedacht , dafs jenes Begehren des 
beil. Geistes , ein Wünschen , das kein Wollen werden will und 
es also nicht sum Wirken bringen kann, vielmehr von dem mensch- 
lichen Wollen (oder Nicht woUen) überwältigt wird, doch wahr- 
lich nicht ein göttliches heissen kann ? Und der Satz gratiam es- 
se resistibilem , will auch noch mehr sagen. Unser Verf. folgert, 
es hange also von dem Menschen ab , ob die Regungen des Geil- 
stes ihu heute treffen oder ein andermal. Wir wiederholen das 
Obige; woher der Entschlufs dazu und die günstige Gemüths- 
stimmung? Dafs schon die natürlichen Gefühle diesen Entschlufs 
hervorbringen, und zum Siege über die niederen Begierden auf* 
regen, weil auch in der verdorbenen Natur das Verlangen nach 
Erlösung zurückgeblieben sey, iS* entweder jene oben mit Recht 
vom Verf« verworfene Theorie Ftchtes von der Selbstvernichtung) 
die zum seligen Leben führen soll, öderes wird in die mensch- 
liche Natur die Freikeit und Kraft zum neuen Leben gelegt, be- 
vor sie der heil. Geist noch gegeben hat. Das wollen aber die 
symb. B. aufs allerbest! mm teste nicht. Auch sagt z. B. Calvin 
sehr richtig, dafs das Verlangen nach Erlösung eben sowohl in 
Verzweiflung stürzen könne und stürzen würde, wenn alles der 
verdorbenen Natur überlassen blieben, und nicht die Gnade her- 
eintrete. Durch das Wort wirkt Gottes Kraft , und das soll doch 
keine unendliche, mithin keine unwiderstehliche Kraft seyn, son- 
dern göttliche Natuikrafty auf natürliche Weise wirkend? Hier 
sieht sich Ree. in offenbar widersprechenden Begriffen. Nicht 
etwa damit würden wir heraus kommen, wenn wir meinten, 
der heil. Geist habe selbst seine Wirksamkeit beschränkt, damit 
die Freiheit des Menschen nicht überwältigt werde, denn ver- 
geblich werden wir nach einem befriedigenden Begriff einer sol- 
chen Selbstbeschränkung des heiligen Wollens fragen, das doch 
eben frei nacht* iü> mag ein evangelisches Gefühl seyu, dai$ min dett 



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Sartorius, Tom freien Willen. i5 

Carnnisnms oder vielmehr Airgiistinianismus so wenige als den Pe- 
L<zi;misraus lieben mae:: aber es kann doch bei vertrauterer Be- 
kanntschait eine Vorliebe zu dem ersteren entstehen, wie die Er- 
fahrung lehrt. Jenes Gefuhl soll daher den Theologen zur Prü- 
fung antreiben, und Hr. Sart. hat sich rühmlich in dieselbe ein- 
gelassen. Kr schlagt nun ein drittes zwisehen beiden Systemen 
vor, weil die calvin. Theorie das Streben nach Heiligung zer- 
störe, ja alle Selbsttätigkeit des Menschen von Gott selbst zer- 
stören lasse, weil auch kein Erwählter zu denken sey, der das 
donum perseverantiae so weit habe, dafs er keine Sünde mehr 
begehe; ferner, weil sie Gott zum Urheber des Bösen mache, 
da Gott die Menscheu verstocke; und endlich, weil der Mensch 
sich nur dürfe gehen lassen, denn Gott leite ihn, wohin er ihn 
haben wolle, und wenigstens müsse dieses Sichgehenlassen als 
Sdbstbtwufstes von den verderblichsten Folgen seyn. Calvins 
Tiefe und Scharfsinn hat auf alle diese Einwendungen Antwor- 
ten; sie gehen hauptsächlich darauf hinaus, dafs der heil. Geist 
eben die rechte Selbsttätigkeit in dem Wollen und Vollbringen, 
also nur Gott das recht eifrige Streben wirke, dafs er dem Wil- 
len die wahre Kraft und Freiheit (was das mehr ist als jene Ge- 
fühle ! ) ertheile , und dafs der Mensch , welcher sich selbst recht- 
fertige oder sich gehen lasse, gewifs kein Wiedergebohr ncr, daf» 
dagegeu das ernstliche Suchen des Heils sehon die Gnaden wir-* 
kung sey, die in das wahre Selbst mit der wahren Freiheit ver- 
setzt. Auch naeh de* luther. Lehre hebt diese Freiheit (liberum 
arhitrium J erst mit der Wiedergeburt an ; dafs aber von der na- 
türlichen Freiheit in änsserlichen Dingen eine Brücke zu jener 
sey, davon weifs auch **p niehts, denn das alles ist reine Gnade. 
Die luther. Kirche versteht unter Prädestination den aus Gottes 
Gnade hervorgehenden geoffenbarten Rathschlufs der Begnadigung 
der Menschen und sie unterscheidet von derselben das Bed/ngt- 
seyn der Menseben durch Ereignisse und durch den auf Natur- 
notwendigkeit und Spontaneität ven Gert gegründeten und seiner 
Vorhersehung unterworfenen Weltlauf (mit einem Wort die Pro* 
videnz). Allerdings steht auch in dieser Hinsicht die Gnade 
der Natur so gegenüber, dafs nach unserer evangelisch -kirchli- 
chen Lehre zur Gnade auf keine Weise die Natur führt; sie ist 
recht eigentlich Supranaturalisrnus* 

Die für den Universalismus sprechenden: Stellen des 
N. T. Weifs Hr. Sart. sehr gut gegen Hrn. Schleierm. exegetisch 
behaupten f und fugt hinzu, dafs also der calvin isc he Particu- 
gar nichts mehr für sich haEe, v*eil ja die göttliche Gna- 



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t6 Sartorius, vom freien Willen. 



stehlichkeit der Gnade, werde von der luther. Kirche gelehrt, 
um, indem sie bei der Allgemeinheit der Gnade steht, zugleich 
zu läugnen, dafs Gott mit einem allmächtigen Willen die Selig- 
keit aller Menschen gewollt habe. Da Schleiern*, daueren ein- 

< > Kl O 

wendet, dals mau Gott also einen doppelten W illen beilegen müs- 
se, einen allmächtigen und einen nicht allmächtigen, einen vor- 
hergehenden, welcher alle Menschen, und einen nachfolgenden, 
welcher nicht a!le Menschen beseligen wolle! so erwidert Sart. 
dafs die Allmacht sich selbst beschränke, und dafs vielmehr die 
Calvin. Lehre zwei ganz entgegengesetzte göttliche Willen an- 
nehme. Die Nichterlösetcu betrachte sie als eine todteMa>se, wo- 
rin Gott Einzelne belebt, nach seinem .unbedingten Ratnschlufs. * 
Allein es verhak sich damit anders, als mit der Schöpfung der 
"Welt, denn mit dieser ist der Weltlauf noth wendig gegründet, 
die Gnade dagegen ist in denselben in der Zeit eingetreten, und 
wirkt . auf die schon bestehende Ordnung ein. Ree. giebt zu be- 
denken, dafs es doch auch hier der göttliche Wille, also ein ewi- 
ger Rathschlufs sey. Von der Calviuischeu Lehre sucht man die 
Folgerung, dafs Gott Urheber des Bösen sey, durch ähnliche 
Gründe abzuwenden, als es Hr. Sart. von der luther. Lehre ab- 
wendet, welche in Gott den Urheber der Freiheit erkennt, der 
die A|Cglichkeit zu süudigen mit derselben gegeben habe, der 
aber doch keineswegs die Sünde wolle, sondern verbiete. Dai 
Philosophireu über den Ursprung des Bösen , das nach Schleierm. 
für Gott gar nicht ist, miifste, noch^ufftandere Speculatioucu 
führen, welche noch lauge nicht durch den bekannten Begriff von 
Zulassung beendigt sind. Hr. Sart. w^lt zum Ausweg ans die- 
sen allerdings sich immer wieder aufs^Bhie erhebenden Wider- 
sprüchen den Glauben an eine endliche allgemeine Versöhnung, 
womit jedoch eine gew isse Ewigkeit der Strafen bestehen solle. 
Wir lassen das dahin gestellt sewi, und wiederholen nur zum 
Schlujs, dafs uns dieses als Bekcnntnifs erscheine, jene luther. 
Lehre nicht gegen Inconsequenz retten zu können. Wir sehen 
freilich nicht ein, wie namentlich die Concordicnformcl gegen 
innere Widersprüche in dieser Lehre zu retten ist, und über- 
lassen sie gerne sich selbst. Meianchthon r stand unserer Ueber- 
zeugung nach höher, als sie, auch Calvinus stand höher, und 
Sc hl ei ermach er hat mit seiner genialen Dialektik nun gezeigt, dafs 
letzterer cousequenter ist, als jene spätem Lehrer Hr. Dr. 
Sartorius steht, wenn auch nicht als Sieger, doch ehrenvoll in 
diesem Streit, und man wird ihm darin Recht geben, dals er 
auf Meianchthon hinweist. 

(Dh Fortsetzung folgt.) \ , 



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- 2* Heidelberger 1822. 

I 

Jahrbücher der Literatur. 



Sarlorius, vom freien Willen. 

♦ 

{Bescblufs.) 

Wenn unser Verf. scfiliefslich die Hoffnung äussert, dafs die 
Vereinigung der Lutheraner und Reformirten bald erfolgen 
werde, weil jene die reform. Abendmahlslehre vom Swificat 
diese die luther. Erwählungslehre annehmen werden, ° so hat 
Ree. gegen solche Union viel einzuwenden, vor allem dafs 
hier 2 Partejen nach gewöhnlicher unkundiger Ansicht ' ideal 
gegen eiuander gestellt werden, die real gar nicht so'-e-eu 
einander über stehen. Denn andre Lutheraner sind die "wel- 
che auch dieConcordienformel, als die, welche nur die Wsb. 
Coulession als symb. Buch haben, und andre Reformirte sind°die* 
nach der Dordrechter Svnode, als' die, welche blos den Heidel- 
berger Katech. und keine Gnadenwahl annehmen. Die strengen 
Lutheraner lassen sich von Melanchthonianern eben so weit un- 
terscheiden, als von Calvinisten, und diese von Zwinglianern. 
Aber das Evangelium selbst vereinigt alle sowohl in der Lehre 
fou dem Abendmahl, als von der Gnaden wähl. 

Wir haben diese obwohl kleine doch belehrende Schrift 
von wichtigem Inhalt etwas ausführlich beurtheilt. Die Gelehr- 
samkeit bei der evangelischen Denkart des Hrn. Verf. kündet in 
demselben einen vorzüglichen jungen Theologen an. Er wird 
auch in des Ree. Einwendungen, selbst für den Fall, wo er ih* 
sollte mrfsv erstanden haben, nicht seine Hochschätzun» eiuer Ar- 
beit verkenneu, die in einer dunkeln Lehre doch viel zur Auf- 
hellung beitragen kann. 



Wir sind auf den dunkleren Punkt hingeführt worden wel* 
eben das Nachdenken der Theologen in unsern Zeiten sorgfälti- 
ger zu ^leuchten sucht. Die folgende Schrift, bei deren An- 
teile wir auf manches Obige nur hindeuten werden, gehört zü/ 
deu vorzüglichsten über diesen Gegenstand. 

|. Ottomar. Drey Gespräche über Fre/heit des WlVen* und 
göttliche Gnade, fon Dr. Phil. Mahrfinkck» ; auch 
Uiter de« Titel; Gespräche über des AugMÜuu Uhr* 



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Ottomar, von Marheinecke. 



von der Freiheit des Willens und der göttlichen Gnade. Nebst 
beylagen. Berlin und Stettin +8*4 in der Fr. Nicolaischen 
Buchhandlung, 5. S. $. 

Es giebt eine Sünde, welche sich vom ersten Menschen bis 
auf den letzten Herab verbreitet, kraft der natürlichen Fdrtpflan- 
aung von»deui ersten, und als die Quelle jeder wirklichen Sünde 
anzusehen ist! Sic [die Erbsünde, peccatum originale] , verbrei- 
tete zugleich das ganze Elend, die Schuld und Strafe der Sunde 
über alle Nachkommen Adams. Durch sie ist der freie Wille von 

"ftatur in allen Menschen unfähig zum Guten geworden, und ver- 
Joren gegangen; er ist nun in ihrem Dienste. Anders kann er nun 

' nie t mehr, frei 14. gut werden, als wenn Gottes Gnade zuvorkömmt, 
und den Glauben bewirkt. Gott vergiebt dem Menschen die 

. Sunde um Christi willen, blos aus Gnade, ohne unser Verdienst 
und Würdigkeit; auch die vorhergehende Kcue und der Glaube 
an das Verdienst Christi sind Gnadengeschenke Gottes. Diese Sün- 
denvergebung ist mit der innern Kraft des heiligen Geistes ver- 
bunden, auch die künftigen Sünden zu meiden und .zu besiegen. 
Die iWiade ist es also allein, die den menschlichen Willen gut 
macht, und ihm nicht nur sagt, was er thun soll, sondern 
auch macht, <lafs er es thut. Die Sunde hat die Freiheit unser* 
Willens aufgehoben: die Gnade stellt sie wieder her. Sic wirkt 
in dem Menschen das W r ollen und das Vollbringen, selbst das 
Beten um« den Glauben und alles Gute; sie wirkt innerlich, 
verborgen, wunderbar, auf eine unaussprechliche Weise in den 
Herzen der Menschen die wahrhaftigen Erkenntnisse ( revelati-* 
ones)) und deu guten Willen, und hiermit die wahre Frei- 
heit, die nur im Gutseyn besteht und Eins ist mit der Liebe zu 
Gott. Die Gnade bewirkt in dem Menseben, dafs er wirkt, 
nicht aber aus Zwang, sondern aus Trieb und Kraft des Willens. 
Sie macht, dafs dem Willen das Böse gar nicht mehr möglich 
ist, sondern das Gute nothweudig wird, und dafs der Mensch, 
im Guten nicht nur beharren kaun , sondern auch beharren will. 

Dieses ist die Lehie des Augustinus im Umrifs. Tritt sie 
strenge folgerecht auf mit dem absoluten Rathschlusse Gottes zur 
Erwahlung mancher Menschen, und zur ewigen Verwerfung al- 
ler übrigen, so schreckt sie vollends zurück, und wie einmal die 

"jMens^hen sind, sagen sie: das ist eine harte Lehre, wer kann 
sie tragen. Desto freundlicher und einleuchtender kommt ihnen 
eine ganz andre eut^egeu, Lehre des Pelagius. Sie ist iu 
ihren Grumizugeu folgende:. ( 

1 ott hat dem Menschen das Vermögen zu wollen und zu 
Laudelu auerst hatten; jeder bat also das J&muca von Uott erhal- 



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Ottomsr, von Marheineck«, ig 

ten, das Wollen und Handeln steht aber lediglich in sömer ei* 
genen Macht; und nur auf diese Weise lic^t die göttliche Ona-» 
de demselben zu Grunde , ganz so Wie bei dem Sehen das Sehen* 
l innen von Gott kommt. Hiermit hat jeder Mensch das Ver-» 
mös-en alles Gute zu thun und alles Böse Zu unterlassen; er wird 
wie ohne Tugend so, auch ohne Sünde gebohren, un l Abirrt, 
hat durch seine Sünde niemanden» geschadet , als sich selbst, die; 
Kinder Werden noch jetzt in demselben Zustande gebohren, iii 
welchem sich Adam vor der Uebertretung befand, die allgemein 
ne Herrschaft des Bösen kommt nur aus dem Beispiel. Die or-» 
sprünglichc Freiheit ist uicht verloren, sondern die göttliche Gna*» 
de wirkt noch jetzt in dem Vermögen fort, auch macht sie ihn) 
dasGute leichter, zwar kann er ohne sie thun, was Gott geboten«, 
aber schwerer. Die Gnadezeigt nur den Weg, der freie Wille ist kraf* 
tig genug ihn zu gehen; sie befreit von der Unwissenheit, und 
das ist es , was der Mensch bedarf; sie belehrt durch das Gesetz* 
und noch mehr durch das Evangelium, besonders durch das Ben 
spiel Christi. Das Evangelium enthält nämlich ein neues Geboty 
den Glauben an Christus, ohne welchen Glauben niemand selig 
werden kann. Auch das Gebet hilft nur, um uns die Belehrung 
von Gott eröffnen zu lassen. Nur in dem «ChHsteu wird.de? 
freie Wille durch die Gnade unterstützt, und so wie Auf ings de* 
Stand der Natur bei dem Menschengeschlecht war, auf welcheak 
der Stand des Gesetzes folgte > so ist mit dem Evangelium def 
Stand der Gnade eingetreten. Sie besteht aber nicht Bios itl Bei* 
lehrung, sondern auch in Vergebung der Sünden, nämlich de? 
wirklichen, und zwar so, dafs sie verdient wird durch Besse- 1 
rung, dafs sie die Schuld nur der vergangenen- tilgt, und dafs 
sie die künftigen meiden und besiegen lafst, nämlich durch die) 
Kraft und Freiheit des eigenen Willens. Das heilige Leben * das 
Lieraus folgt, ist des Menschen eignes Verdienst. 

Die Pelagianische Lehre ist populär^ denn sie sagt dem g&* 
meinen Verstände zu, Und gefallt dem Stolze, sie ist daher zd 
jeder Zeit die verbreitete gewesen, und ist es noch* Die Au> 
gustiniauische Lehre erfordert höheren Schwuug der Denkkraft*. 
uud setzt den Menschen in den Zustand beständiger Selbstankla" 
ge. Beide Lehren haben immer sehr achtungswerthe Verthei* 
diger gefunden, die Augustinianische aber besonders an aus* 
gezeichneten Geistcsraännerii, namentlich ad den Reformatoren* ^ 
Es ist eine Wiedererhebung der Theologie, dafs dieser bishef 
so leichter Hand auf Seite geschobene Oegeusttud nunmehr ernst«* 
lieber in das Studium des Theologen eingeführt wird, SctiUier- 
mac/iers oben angeführte Abhandlung hat diesä Aiiregüng kraftg 

|eiöf*icri, mtkittMäfheiiiuteetHm sieh ditfeb du teriiegeiH 



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ao Ottomar, von Marbeinecke« 

de Werk kein geringes Verdienst in der Beleuchtung dieser dun- 
keln Lehre, pas gefällige Gewand, das er gewählt hat, zieht 
den Leser an, ohne der gründlichen Untersuchung zu schaden. Es 
ist ein Dialog. Ottomar, als Greis und Geistlicher und in jeder 
Hinsicht ehrwürdig, halt in der Theologie nur den Zusammen- 
hang von Leben und Glauben fest, wahrend er au allem mit re- 
gem Geiste Thcil nimmt; gehört mit ganzer Liebe der evangeli- 
schen Kirche an, ihr Princip, Glaube und Freiheit, aner ennend, 
und hat sich mit dem Deismus und Unglauben so wenig als ni.t 
der Mendclsohnschen Philosophie und dem Kautischen Formalis- 
mus jemals befreunden können. Er wollte die Vereinigung der 
beiden evangel. Confessionea, erfreute sich des Syuodalwesens im 
Preussischen Staate, und war der Meinung, »dafs die Epis opal- 
und Svnodal- Verfassung und ihr gegenseitiges Temperament un- 
ter der Obhut des Staats die vollkommenste Form der Kirche 
im Staate darstelle.* So wird die Hauptperson vorlaufig geschil- 
dert, welche diese Unterhaltungen als Anhang der Synodal- 
arbeiten anstellte. Er selbst tragt die Lehre des Augustinus vor, 
Hermann ette des Pelagius, Theodor tritt mit Zweifeln und Be- 
dcnklichkciten , Waldemar mit heiteren Bemerkungen dazwischen 
ein. So ist durch diese 4 Personen die Sache gut angehgt; 
nur glauben wir oft blos Eine Person in diesen mehreren zu hö- 
ren; sie machen es wenigstens ihrem öttomar nicht immer so 
schwer, wie es der Leser wünschen möchte. Das Dcs;iua von 
der Erbsünde wird mit Recht voran, und das von der Prädesti- 
nation zuletzt in die Untersuchung gezogen. 

Ottomar erinnert zuvörderst, dafs in der Kirche die Leltre 
von der Onade und der Freiheit nach vielem Schweben und 
Schwanken uuter mancherlei Ansichten im oten Jahrhundert 
zur Erklärung und Bestimmtheit kommen, uud sich in jenen bei- 
den Grundansichten, iu dem Augustiuiauismns und Pclagianismus 
aussprechen mufstc. Nunmehr sey es auch für jeden Theolo- 
gen noth wendig, dafs er eine Meinung darüber habe. Sodann 
bemerkt er, dafs die Pelagianische Ansicht., welche das Posse, 
>Vet(e, Esse in dem Menschen unterscheidet, und das erstere 
nach der Auslegung des Augustinus iu natura, das 2te in arbi- 
trio , das 3te in effectu setzt, die Ansicht des leeren Verstandes 
sey welche zusammenstimme mit jeuer mechanischen von der 
Selöpfuug, womacb sich Gott zurückgezogen öder, wie Hiero- 
nymus* den Pelagianern nachsagt, sich schlafen gelegt habe. 
Eben (lieser Kirchenvater bestreitet den Pelagius schon vor Aug. u, 
Uii ft uim vor, dafs, indem er- die Freiheit erklare als das Vermögen 
zwischen gut und bös zu wählen, er auch das Vermögen Böses 
zu thun üott zuschreiben, und den Ursprung des Bösen in die 



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Ottomar, von Marheinecke. 2 1 

Gnade setzen müsse. August, folgert also, was Gott anersebaf- 
fen hat, das Vermögen, ist so schwach, dafs er immer nach- 
helfen mufs, aber das menschliche Wollen und Handeini ist so 
«tark, dafs es keiner Unterstützung bedarf! August, hat die An- 
sicht der Vernunft und des mit ihr übereinstimmenden Verstan- 
des. Diese Bemerkungen können uns zeigen, dafs wir erst mit 
folgenden Grundbegriffen im Klaren seyn müssen , was heifst das: es 
stein in 'der Macht des Menschen? — es ist nach der Schö- 
pfung? — ein Wolleu ohne Gott ? — ein Wollen mit Gott ? — 
und inwiefern ist das Wollen ohne Gott das Böse? der Begriff 
von W uUen wird Pelagianisch blos in unserm Verstände nach 
ps dialogischer Erfahrung bestimmt, aber er sollte in der Ver- 
nuult zur höhern Idee zurückgeführt werden, und was heifst er 
da 9 Ottomar fahit fort, der Kampf des August. geg<*n den Pelag* 
habe hauptsachlich darin bestanden, dajs er die Lehre der heil. 
Sehrift von der Sündhaftigkeit behauptet, wie er denn überhaupt 
die Lehre der Kirche uac i der heil. Schrift bestimmter entwi- 
ckelt habe, als vor ihm geschehen. Da Ottoinar übrigens die 
biblische Begründung jener Lehre nicht vorlegt, so wundert es 
uns, warum Theodor kein Bedenken dagegen vorbringt. Jener 
bezeichnet weiter die Pelag. Lehre als einseitig und oberfläch- 
lich, die August, als die vernünftige und gründliche, indem die Erb- 
sünde die Anlage zu allem möglichen Bösen scy, die sich die Na- 
tur als solche zugezogen, welche durch die Zeugung fortgepflanzt 
werde, die angebohrne Sünde, deren Formen die wirklichen sind. 
IS ach August, müsse Adam nicht blos als Individuum, sondern als 
Idee des menschlichen Geschlechts und von diesem in nichts ver- 
schieden gedacht werden, in* und mit welchem alle gesündigt 
haben, alle Menschen waren Er. Der Pclaginismus scy dadurch 
Ideenlos, dafs er die Sünde Adams als die eines Individuums 
und Adam und die menschliche Natur als wesentlich ausser ein- 
ander ansieht, auch wirkliche und angebohrne Sunde in Gegen- 
satz stellt, da doch vielmehr die Sünde, die aus dem Willen 
Adams entsprang, als die Sünde eines jeden anzusehen sey, als 
der gemeinsame Zustand allen, die jedoch in der Thal immer 
iu dem eigenen Willen eines jeden zum Vorschein kommt, und 
keinem einzelnen fremd ist. ob sie gleich von den Eltern auf die 
Kinder fortgepflanzt wird. Die Schuld Adams wird also seinen 
Nachkommen nicht als eine fremde angerechnet, sondern als 
ihre eiguc , deren sie sich selbst theilhaftig gemacht. Die Sün- 
de eines jeden liegt über alles Selbstbewufstseyn hinaus, jeder 
hat sie gewollt und zugleich auch nicht, jedem ist sie Fremd, 
und nichts desto weniger sein eigen. Die Strafe bezieht sich auf 
den ganzen Menschen nach Leib und Seele. August, sagt nicafc 



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jxü Öttomar, vön Marhclneclce. 

ißt Urmensch sey unsterblich, sondern er sey vor der Sünde 
jmsterbeiid gewesen ( posse non morl , nicht aber non passe 
piorij, Das Sündigen brachte das St orben können zum wirkli- 
oi.en Stevbeu, welches eigentlich unser ganzes Leben hindurch 
geschieht, weil das Leben selbst von der Erzeugung an ein, be- 
ständiges Verzehren des Lebens ist. Durch die sündhafte Na- 
tur nimmt also jeder an dieser Sterblichkeit Theil. Die Seele 
nun nimmt an einem noch schlimmeren Tode .Theil, an dem 
geistlichst aus welchem auch eigentlich der leibliche erfolgt. 
l)a l.ott de« Menschen wegen der Sünde verlassen hat, so ist 
der Verstau ! verünstert, und bJermifc die VVeitliebe eiiigenöist, 
vie auch die wahre Freiheit im Willen erloschen. Also' ist 
mit der Erbsünde das ganzliche Unvermögen des natnrlicüeu 
Jdenschen zum < uten entschieden. 

Bei diesen LehrQ« möchte doch mancher an der Stelle 
Theodors diese und jeue Bedenklich ieeit äussern, namentlich 
viii uns die Idee der Meuschheit als Eins mit dem Individuum 
I«e t klar wcrdep.^Es giebt eiue collective Einheit aller ludi- 
viduen, und es giebt eine ideale Einheit der Gattung, an welche 
foll man hier denken? oder werden beide mit ciuauder ver- 
wechselt, gegen das bekannte logische Gesetz? Wie soll Na- 
tur hier zu verstehe« seyn? die ileale? oder die wirkliche, so 
gewordene Natur 7 Es folgt Äocii nicht die Noth vendigkeit 
der Sunde aus der Idee der menschlichen Natur ? Dan« er-» 
Heuert sich die Frage, wie jene Einheit «zu denken sey ? Ist 
die ibeijnahme jedes Menschen au der Natur Adams noth wen- 
dig, so war es auch die Christi, fc ^eil er wahrer Mensch 
war; und vou der andern Seite mufs auch die Natur jedes Men- 
schen an der Natur Christi noth weqdig Theil nehmen, weun 
»lies in der Idee Hegt; auf solche Art würde sich aber Sünd- 
haftigkeit und Süudlosigkeit gegenseitig aufhebeu, und für die 
■meusch Ücho Natur nur moralische Iodilfercnz übrig bleiben* 
l)as Dogma von der übernatürlichen Empfängnifs kann nicht 
Obiger Theorie dienen, weil sie ausdrucklich die Idee des 
Bieuschnche« beschlecbts als in nichts Verschiede« von dem 
llidiviüuMm Adam will gedacht wissen. Ist sie nun in nichts 
verschieden, so gehört entweder Christus nicht in jene Idee, 
Qdler er hat grade so wie jeder audre Mensch Theil an Adam, 
gehurt er «her nicht in die Idee des menschlichen Geschlechts, 
4U war er auch keiu menschliches Individuum, — Wir sa^e« 
»ur, dafs d'esc Bedenklich eiteu entstehen uud die Aufklärung 
darüber verwest wird, Zw welchen höhern dpecuiatiouen voa 
W.em «od idealem Sevn, von dem Ursprünge des Bösen u, s, wr, 
*i« auch steigen möchte, so fehlt doefe der Hauftpunct, woraus 



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Ottomar, von Marhei necke. 23 

alles andre seine begründete Entscheidung- erwartet, so auch 
d^s, dafs wirklich kein Manichaisinus in dem Augustianismus tie- 
fer verborgen läge. Oder wollte das besprach diese Hohen 
vermeiden, so mulstc es sich ganz aus der Kegion solcher S}>e- 
culation entfernt halten. Ausdrücke, wie der Augustinischc 
Vitium inseminatum est — »durch Verführung des Teufels ist 
oben auf gesäet worden die Sündhaftigkeit, wodurch sie unter 
der Sündhaftigkeit geboren, nicht, die Natur geschaffen worden, 
wodurch sie Menschen sind. Ursprünglich also durch den Wil- 
len, durch den Ungehorsam des ersten Menschen entstanden,, 
haftet die Sunde nur an der Natur, ist sie sündhaft geworden 
iu ihm und allen Nachkommeu desselben}« — diese Salzt» ge- 
ben weder Klarheit noch Beweis. Dafs die Thetlnahiue au ei- 
ner sündhaften Natur über das Selbstbewufstscyu hinaus liegt, 
kann man zugeben, ohne darum die Augustinischc Theorie zu 
erwählen, die es von Adam herleitet; man könnte ja auch mit 
Oiigcues an ein Sündigen der (Rüster im Voilebcu, che sie 
Meuschenseeleu geworden sind, deTiken.* Das Historische mufs 
also hier entscheiden, und darauf bezieht sielt duch der Apostel 
Paulus; die ideale Theilnallinc liegt darüber hinaus. Eben so 
sind wir auch mit jener Unsterblichkeit im Unklaren, denn wir 
fragen: woraus beweist man, dafs Adam sterbeu und auch nicht 
starben konnte, und dafs er na«h dem Sündenfall sterben 
mufste? Wiederum aus der Idee der Menschheit? Das liegt 
nicht vor ; oder aus *ler Idee der Süude ? ebenfalls non liquet. 
Also bleibt es nur bei dem historischen Dogma der heil. Schrift, 
und die speculative Idee des Augustinus behauptet mehr, als 
hier vertheidigt worden. 

Der Augustinischen Lehre von der Notwendigkeit de* 
Taufe will Ottomar selbst nicht beitreten, ob sie gleich mit der 
obigen im Zusammenhange steht. Hier giebt zunächst Anstofs^ 
dafs die Nichtgetauften verdammt wer Jen, auch die Kinder, und 
die Taufe eine Art Thcur^ie wird. Zwar will Augustinus den 
Einwurf, dafs die göttlhh? Thal, die Onadenwirknn«*, in die 
Gewalt einer menschlichen That, des Tau iens, gegeben werde, 
damit beseitigen, dafs ja diese menschliche nur durch den < otr- 
lichcn Willen erfolge, aber es war zu zeigen, wie mit dieser 
äusseren Prädestination der Ca u sali tat in der Natur, mit der Vor- 
sehung, jene innere, die Cnadenwirkun verbundeu sey. Di« 
Sache ist damit auch noch nicht aufgeklart, dafs die Taufe ein« 
sinnliche und zeitliche Nachahmung der ewigen und übersinn- 
lichen That C ottes sey, durch w lche sich Gott das Menschen- 
geschlecht weihet, und dafs sie also von Gott abhänge. 



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a4 Ottomar, von Marheinecke* 



Dieses der Gegenstand am ersten Abend. Am zweiten be- 
ginnt die Unterhaltung mit gerechtem Unwillen über die Wort- 
führer in den theologischen Tagesblattern, welche die tieferen 
Werke, die sie nieht verstehen, mit keckem Aburtheilen ver- 
werfen, weil sie nicht aus ihrer Mediocritat herausgehen wol- 
len. " Dieses führt zu einem strafendeu Blick auf die falsche 
Humanität, welche nichts von der Sündhaftigkeit wissen mag, 
und die hiermit auch nicht die Gnade, nicht die Wiedergeburt 
und Heiligung begreift. Augustinus sah tief in das Wesen des 
Christenthums, worin Eikenntnifs der Sünde und der Gnade 
unzertrennlich ist. Er glaubte alle früheren •rechtgläubigen Leh- 
Tcr, selbst der griechischen Kirche auf seiner Seite zu haben; 
denn so sehr diese die Freiheit hervorhoben, so schlössen sie 
doch die Gnade keineswegs aus. Und mag man anch noch 
so viel von dem frühem Manichäismus und andern Einflüssen 
aus dem Augustinus heraus oder in den August, hinein pragma- 
tisiren: die Lehre, die er ausgesprochen, bleibt immer in ihrer 
Hoheit, und sie konnte 1 ihn nur durch ihr göttliches Princip so 
durchdringen. Nur der kann solche Wirkungen begreifen, der 
eine < laubcnswahrheit, wie die von der Gnade, in ihrem 
Grunde, und innern Zusammenhange erkannt hat, und so von 
ihr selbst überzeugt worden. Es war ganz und gar gegen die 
Lehre der Kirche, dafs es eine absolut einseitige Thatigkeit 
gebe, sey es der Gnade oder sey es der menschlichen Kraft; 
und grade das ist die Behauptung des Augustinus. Er lehrt, 
dafs der Mensch ohne die Gnade ein Kind der Verdammnifs 
bleibt, dafs nichts in ihm gut genannt werden kann, was nicht 
au dem höchsten Gut d. i. an f *ott sein Princip hat, und dafs 
der heil. X eist durch seinen beständigen Einllufs nicht blofs in 
dein Vermögen zum Guten, sondern auch in allen eiuzelueu ^u- 
ten Handlungen des Menschen wirkt. 

So vortrefflich der Verf. dieses dargestellt, so bleibt nur 
noch unerklärt, wie der Unterschied dieser Wirksamkeit bei 
dem Menschen nach dem Sündenfall, und vor demselben iu 
dem Staude der Unschuld gewesen sey; denn auch der Engel 
kann ohne jenen Einflufs nicht Engel sewi. Das ist ja der gute 
Geist, welcher nicht von G.ott losgerissen, sondern von Gottes 
Geist ganz durchdrungen ist, wie auch im 3 ten Gesprach be- 
hauptet wird. 

Pelagius setzt alle Wirksamkeit der Gnade erst in die An- 
erschaftung des Vermögens, dann in die Belehrung durch Chri- 
stus, welche in seinem Beispiele ihre Vollkommenheit erreicht. 
Wenn Augustinus ein innerliches Verhältnis der Gnade im Den- 
ken, Wollen und Handeln annimmt, so nimmt Pelag. ein blofe 



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Ottomar, von Marhemecke, 25 

■ 

■ 

amserliches an. Nach ihm enthält das Evangelium das neue 
Gebot an Christus zu glauben, und ohne diesen Glauben kann 
niemand selig werden ^ das Evangelium erleichtert uns das Gu- 
testluin, und ist die göttliche Hiille, deren wir au unserm freien 
Willeu bedürfen, es ist *on dem Gesetz geschichtlich verschie- 
den. Allein so, fehlte ja die Gnade vor der Zeit, als das 
Evangelium geschichtlich eintrat, und die Hülfe Gottes fehlte! 
August, folgert ausdrücklich , dafs also die Mensehen vor Chri- 
stus von der Gnade hatten ausgeschlossen sevn müssen, und 
doch konnten auch sie nicht durch Natur und Vernunft, nicht 
durch das Gesetz und dessen Werk, sondern allein durch den 
Glauben an den Mittler , in welchem Glauben sie deu heil. 
Geist empfingen, vor Gott gerecht werden. Alles dieses zeigt 
Ottomar deutlich gegen den Pelagianismus. . Wir setzen hinzu, 
dafs die Hulf«, v¥ eiche die Gnade leistet, nach Pelag. nur eine 
Verstärkung des anerschaffenen Vermögens seyn kann, und das 
wissen wir nicht anders zu verstehen, als das Können wird 
zum Wollen verstärkt ; nun aber ist das Vermögen gleich stark 
mr Wahl des Bösen als -des Guten : wie sollen wir denn jene 
\cr*tärkung denken, dafs sie ein Wollen grade des Guten wer- * 
de? wie diesen, grade diesen, Ucbergaug ? Hier kommt also 
dei Begriff von einer Richtung hinzu, welche innerlich dem 
Willeu durch die Gnade ertheilt werden miifste. Aber davon 
weifs die Pelagianische Ansicht nichts, und die Klarheit, woriu 
sie sich gefallt, hat hier ein Ende. 

Pelagius setzt die Gnade nicht b'ofs in Belehrung, sondern 
auch in Sündenvergebung, aber er !ä r st diese blofs für die 
wirklichen Sünden gelteu. Und so giebt er der Kindertaufe 
die Bedeutung, als erklare Gott in derselben, dafs er das Kind der 
Belehrung durch Christum theilhaftig machen, und ihm künftig 
seine wirklichen Süuden vergeben wolle; die- nichtgetauften 
Kinder erhalten so wie alle rechtschaffene Nichtchristen am ewi- 
gen Leben Th eil, aber darum noch nicht am Himmelreich ; denn 
beides unterscheidet Pelagius. Was ist nun jene Sündenverge- 
bung, näher beleuchtet? Nicht ein Werk der göttlichen Gnade 
sondern des menschlichen Verdienstes, also nach August, ein 
malum meritum , denn es kommt, wie alles, was nicht zugleich 
Gottes Gabe ist, aus dem bösen Grund; eigentlich vergiebt 
sich der Mensch selbst seine Sünden, oder lafst es höchstens 
von Trott thun, denn es ist ja alles des Menschen eigne Macht. 
Die Gnade der Sündenvergebung ist also bei Pelag. etwas ganz 
Negatives, bei August, ist sie aber auch positiv, denn sie giefst 
die Liebe zu allem ' uten dürch das Gemüth aus; dort ist sie 
in allen Stunden und Augenblicken und für alle Handlungen 



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2>6 Ottomar, ron Marheinecke, 



noth wendig nur für das Gedachtnifs ß um uns zu cnnnern, dafs 
uns Gott die Sünden verhiebt, also eiue blofs ausserliche Be- 
ziehung bei innerer Trennung, hier dagegen bei August, eine 
innere und wesentliche Abhängigkeit des Meusthen von Gott 
in allen seinen guten Gesinnungen und Handlungen; und nur 
hierin ist i.ilösuug, d, h. Zuruckfiihruug zur Vereinigung mit 
Gott durch seinen Geist. Ohne diese innere Wirksamkeit sind 
*lle Anstalten Gottes zu unserm Heil vergeblich, und so gut 
wie gar nicht da. Ohne sie geht alles blols den Verstand und 
das Gedachtnifs an. Aber erst durch den heil. Geist entsteht 
in der Seele Vergnügim, Lust und Liebe zum höchsten Gut, 
um zur Theilnahine au dem wabreu Licht hinzuzutreten, damit 
wir von dem, durch welchen wir sind, auch das Wohlsevn er- 
kalten. Das Gesetz tödtet, indem es nur die böse Begierde ver- 
mehrt; Verstand und Gedachtnifs — und nur in dieses beides 
setzt Pcla^ius die Gnade — können auch nicht hellen: es ist 
jeue* innere Wiiksamkeit des heil. Geistes zur Besserung uud 
Heiligung noth wendig. 

Die Untt-i haituug am dritten Abend kommt zur Hauptfrage : 
Wird, wie Pclagius meint, durch die Gnade die Freiheit auf- 
gehoben, uud ist diese Gnade ein Zwang? Oder wird, nach 
Augustinus , durch die Guade die wahre Freiheit hervorge- 
bracht? , , , 

Vorerst wird bemerkt, dafs im Pelagianismus das Entgegen- 
setzen der göttlichen Gnade und menschlichen Freiheit die leere 
Verstandesansicht sey, und dafs nur derjenige Verstand, welchcu 
die Idee Gottes erleuchtet, zur Einsicht hierin gelange. Die Frei- 
heit ist nämlich Eins mit der Liebe Gottes. Jetzt nach dein Fall 
ist sie nicht mehr was Vor demselben; denn da war sie freie 
Liebe des Guten und hiermit Seligkeit, sobald aber der Menscji 
das Böse vorzpg, und seinen eigenen Willeu that, ging die Liebe 
Gottes und hiermit die ursprüngliche Freiheit verloren,, und der 
Mensch ist ein Feind des Guten, ein Sclave seiner Begierden 
geworden. Seitdem ist das Böse und Unselige herrschend, und 
nur die Gnade Gottes kann aus diesem Zustsude erlösen und 
zur ursprünglichen Freiheit zurückführen. Das ist die Erlösung 
durch Christus,' worin sein Geist auch die Liebe cinflöfst. Also 
ist die wahre Freiheit ganz Eins mit der Abhängigkeit von Gott. 
Unmöglich kann die Einheit des menschlichen Willens mit dem 
göttlichen, kanu die Eiuflössung der göttlichen Liebe die Frei- 
heit des Menschen äufhebeu. 

Dafs man diesem widerspricht, das eben ist der angebornc 
Stolz, das Böse selbst. Durch die Gnade bleibt vielmehr der 
IVieusch mit dem Princip seines Daseyns und Wirkens vereint, 



i - 

■ 



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Oftomar, von Märfceinecke. 



also £nt und recht frei. Das Gute kann ja nicht gedacht 
werden n!s getrennt vom Alleingutcn. Nur in der höheren Na- 
tur kann die niedere wahrhaft zu sich selbst kommen; nur wenn 
der Mensch zu dem Bowufstsejn gelangt, dafs Gott zu ihm 
gekommen t kommt er zu Gott. , 

Theodor hatte hier wiederum einige Fingen dazwischen 
weifen können, z' B. was heifst das, der Mensch that seinen 
eignen Willen bei dem Sündenfalle? Das würde in die Unter- 
scheidung zwischen Freiheit und Freiheit, zwischen Willkühr 
und Willen eingeführt haben, welche mehr angedeutet als he- 
stimmt wird, z. B. in dem Worte » wahre Freiheit.« Ferner: 
was heifst das Seyn des Menscheu ausser Gott, wenn es ver- 
schieden gedacht wird, wie hillig, von dem Nicht -Gott -selbst- 
seui? Damit will doch der Leser gerne ins Klare kommen. Au- 
gust, sagt in einer augef. St. — eique ( Deo ) adhaerendo /«- 
giter unus cum illo ef fieimur Spiritus. 

Ottomar zeigt weiter, dafs man schon in dem Lichte de$ 
Cliristeuthums stehen, und alles dieses im Zusammenhange über- 
schauen müsse, w enn man Andre, davon überzeugen wolle. Alle 
Religion, die nicht dnreh Gott, d. i. durch seinen Geist in uns 
ist, ist nur Richtreligion, Irrcligion. Dadurch ist der Mensch 
gefallen, dafs er das seiner ursprünglichen Freiheit zum Grunde 
liegende H'' ahlvermögen auch nacl» der andern Seite hin zur 
'Wirklichkeit kommen liefs, und dieses Vermögen, auch das 
Böse neben dein Guten zu wählen, in einen t Im t igen Zit~ 
stand verwandelte. Die Gnade will ihn durch das Evangelium 
aus diesem zweideutigen Zustande des Wahlens zur wahren 
Freiheit zurückfuhren. Nicht in Gott ist solcher zweideutige 
Zustand des Wählens die Freiheit. Er ist uns erst durch den 
Sundenfall geworden, und da ist nun die Freiheit die von ih- 
rem ursprünglichen Gegenstände, d. i. der Notwendigkeit des 
Willens, verlassene, subjective Form desselben. Weun der Mensch 
das Böse wählt, so thut das der menschliche Wille, wenn er 
aber das Gute wählt, so thut das dieser Wille nicht allein, 
sondern er wird von Gott unterstützt. Die formelle* Möglich- 
keit, zu thun was er will, hat er von Gott; zum Nichtsündi- 
gen fehlt es ihm uicht am freien Willen, nur reient seine Macht 
nicht hin zum Guten, wo nicht seine Schwäche unterstützt wird, 
ftichts steht so in unserer Macht als der V\ ille, denn er ist 
ohne Intervall iu dem Moment da, wo man will. Der freie 
Wille wird weder durch d> Gnade, noch die Gnade durch 
deu freien Willen aufgehoben. Die wahre Freiheit in und mit 
ihrer Integrität ist verloren gegangen, und die formelle übrig 
gehiiebep, die sich eben *>. leicht auf die Seite des Jiüseu 



- 

28 Öttomar, von Marheinecke. 

• 

«chlägt- Er hatte nicht die Gnade, dafs er niemals woll/e böse 
seyn, aber die hatte er, dafs er nie böse- geworden wäre, harte 
er in ilir verharren' wollen. Die Notwendigkeit zu sündigen 
befindet sich jetzt in dem Menschen, aber eine blofs äussere, 
geschichtliche, w^cu der natürlichen Zeugung von Adam her, 
leine innere und absolute, weshalb ein sündloser Erlöser Mensch 
seyn konnte. Die geschichtliche Nothvtendigkeit zu sündigen 
ist zugleich eine pönale j Gott straft immer die Sünden mit 
Sünden. 

Obgleich hier der Begriff der Freiheit etwas weiter be- 
stimmt worden, so vermissen wir doch noch manches zur Klar- 
heit. >>So dringt sich oben die Frage auf, was das der Freiheit 
zum Grunde liegende Wahlvermögeu heissc, und wie von der 
Freiheit dieser ihr Grund verschieden sey? Und was ist denn 
jenes Positive der Freiheit; etwa eine Kraft, welche durch die 
Gnade hineingelegt wird? Grade das ist ein Hauptpunct in 
dieser Lehre, und wir wünschten ihn erörtert zu selten. 

Die wahre Freiheit wird ferner dadurch unterschieden, dafs 
dem Willen das Böse gar nicht mehr möglich ist, und dafs sie 
also Eins ist mit der Notwendigkeit. So ist es in Gott. Au- 
gnst.nus sagt: Gott ist allmächtig ebeu defswegen weil er man- 
ches nicht kann, z. B. sterben, und eben so ist er das all er- 
frei est e Wesen, weil er nicht sündigen kann; das ist die Noth- 

wendigkeit innerhalb des Willens, als Eins mit der Freiheit. 

Nebenbei wird augefuhrt, dafs August, den Cicero, der wegen 
der Freiheit des Willens das Vorhersehen der Zukunft läugnet, 
damit widerlegt, dafs unser Wille in der Präscienz Gottes mit- 
begriffen sey. Wir dächten, dafs man das Vorher aus dem ewi- 
gen Wesen und so -in seinem Wissen und Wollen nicht weit 
genug verbannen könne. Was geschieht, und was der Wille 
frei will, w eifs er eben jetzt, w;o das Geschehen und Wollen ein- 
tritt, in seinem ewigen W'issen. 

Der Schlufs dieser Unterhaltungen ist, daCs in heidnischer 
Philosophie freilich Gott nnd der Mensch weit getrennt bleiben, 
in dem Chjistenthum aber der Mensch in der Vereinigung mit 
Gott stehe, und dafs nicht anders gedacht werden könne, als 
in aller Hinsftit sey nichts ohne Gott, und alles nur durch ihn. 
Ein Geist, v\ie Augustinus, in welchem eiue so reiche und le- 
bendige Anschauung der Grundidee des Christenthums gewesen, 
konnte nicht anders als mit Ernst darthun uud lehren, nichts 
Gutes könne der Mensch thun ohne Gott; denn das Gegeutheil 
väre ihm einerlei gewesen mit der Behauptung, der Mensch 
könne das Gute thun , ohne das Gute zu - thuti. In diese Spitze 
ist also mit ausg breit eter and tiefer Einsicht in die Schriften de* 



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Ottomar, von Marlieinecke. 2Q 

Augustinus, so wie in den ^ eist derselben, wie schon die reiche 
Auswahl der angehängten Stellen dem denkenden Leser beweisen, 
wird, von Hrn. Dr. Marheinecke eine Lehre zusammengeführt, 
deieii Betrachtung auch dem angehenden Theologen nicht mehr 
erlassen werden kann. Würdig schliessen diese gelehrten Ge- 
spräche mit dem Augustmischen Blick in das Land der Freiheit, 
wo die Sünde nicht mehr ist; dort ist die Freiheit in die Noth- 
weudigkeit eingegangen, denn die. Beharrlichkeit im Guten ist 
unwandelbar bei den Seligen und Engeln. 

Ob nicht H-jrrmann, der in diesen Gesprächen den Pelagius 
in vertreten bestimmt schien, noch manches für denselben hätte 
anführen können? — das erinnert Ree. nicht etwa als abgeneigt 
der von Ottomar behaupteten Lehre, sondern vielmehr als ihr zu- 
geneigt, damit bei desto mehreren Lesern noch Bedenklichkeiten ge- 
hoben und die Hanptlehren ins Licht gesetzt v* ürden. Zwar möchte 
dieses Licht so zu sagen die Dunkelheit vorzeigen, welche über 
der Tiefe dieser Lehre schwebt, aber wäre das nicht eben die 
rechte Erkenntuifs? Hier hat keine Vernunft und keine Offen- 
barung das Verhaltnifs zwischen der göttlichen Gnade und dem 
menschlichen Willen weiter enthüllt, als der Apostel Paitlus und 
ihm nach Melanchthon lehren. Es wird also dem Theologen 
durch fjeissiges Einschauen in die Theorien , welche weiter ge- 
gangen, namentlich des grossen Geistes Augustinus, grade die 
wichtige Einsicht ertheilt, wo die Lehrbestimmungen über die- 
sen 1 Gegenstand ihre Gränzen finden. Hr. Dr. Marh. trägtvdurcti 
die augezeigte geistreiche Schrift viel hierzu bei, und wir hoffen, 
sie werde um so mehx Leser finden, da sie anziehend geschrie- 
ben. Ree. erlaubte sich nur von der Seite eine Kriti \ wo 
sie sich an die Stelle mancher Leser versetzt, und bei dem Ver- 
suche -einer Vermittlung manches vermifst. Er hat die Behand- 
lung des Hrn. Dr. Schleiermachers über die Lehre von der 
Erwählung, welcher wir ein tieferes Nac denken über diesen 
Gegenstand verdanken, wie eben auah obige^. Schriften beweisen, 
als bekannt bei unseren Lesern vorausgesetzt. Er behält es 
sich indessen vor, bei der Anzeige des so eben erschienenen 
dogmatischen Lehrbuchs von demselben Verf. auf dieselbe zu- 
rückzukommen. 

Eine Abhandlung vdn Hrn. Dr. Ammon, deren Anzeige 
hier von einer andern Hand folgt, gehört in die Reihe dieser 
Schriften. Was wir oben als noch unaufgeklärt in diesen Spe- 
culationcn bezeichneten, finden wir auch in dieser Abhandlung 
nicht gelöst, ob sie gleich, aus jenen Regionen in die blofs re- 
ligiöse Ansicht zurückrufend, dem Theologen in diesen Streitig- 
keiten sehr dienen wird. J& zeigt sich nämlich bald, daJs hier 



3o Ammon, über Erwähiung zur Seligkeit. 

von der Freiheit wie sie in dem zeitlichen Bewnfstseyn vor- 
kommt und sicli entwickelt, die Rede ist: dort aber fragte es 
sich um die wahre Freiheit, wie sie in der Idee gegeben wird, v 
und um ihr Verhaltnifs zur finade/uod die \ugustinische Lehre, 
lafst diese erst durch die '^nade kervorgebracht werden. Auch 
bleibt hier noch der oben berrihrte Punct im DunM, wie der 
gute Mensch von Gott getrennt und in eigner Kraft gedacht 
werden köune, ohne auf der einen Seite der ^.ehre des NV 
Test, wie auch der Luther, syinbol. Biichcr, auf der f andern 
dem Bewufstscvn des freien Wesens zu widersprechen. Uuser 
Zweck war zu zeigen, dafs bis jetzt das Dunkel dieser Specu- 
latioifn noch nicht • eggezogen worden, weun gleich das chriat* 
lieh - religiöse innere Leben sich damit imm£r begnügt hat. 

Schwärs, 

i 

• 

lieber die Folgerichtigkeit des Evangelischen Lehrhegriffs von 
der sittlichen U »Vollkommenheit des Menschen and seiner 
Erwähl tut g ziu Seligkeit, Gegen die Einwürfe des Hm* 
Dr. Schleiern jcuer. Aus dem IV, Bande des (Amnio- 
nischen ) Magazins fiir christl. Prediger* Hannover und 
Leipzig bei Hahn /. 

Die hier gegebene \uflö*sung der Widersprüche, welche ein 
Autsatz von Hrn. Dr. Schleiermather »Uebcr die Lehre von 
der Krwahlung bes. in Beziehung auf' Hrn. Dr. Brctschueiders 
Aphorismen« (s. i. Heft der theolog. Zeitschrift« Berlin *#4QV 
S. 1 — 119.) in der Lehre der Lvangeiisch - lutherischen Kir- 
che, jenen Artikel betreffend, nachzuweisen suchte, spricht, 
nach der Einsicht des Ree. das was über diesen Gegenstand 
aus dem menschlichen Bewufstsevn selbst geschöpft und ge-v 
folgert werden kann, allgemein verständlich aus. Kr freuet sich da* 
her, hier, wo von grösserer oder verhaltnifsmassig minderer Folge-* 
.Tichti^keit der überlieferten symbolisch -kirchlichen ; (mit der 
speculativen Theorie einer absoluten Freiheit noch nicht be* 
kannt gewesenen ) Lehrbegfiffe die Frage ist, zui Beruhigung 
transceudenter Zweifel und nicht wünschenswert her ContTuver* 
.sen auf diese sehr klare Lrörterung des Hrn< Dr* AttunonX 
vorzüglich aufmerksam maclien zu können Der Verfasser 
giebt bis S. 22. einen Auszug ues Aufsatzes, welchen er prüft« 
I)er Linflufs, welchen die Persö>lici*kt it dv*f eilciuals älrcitei* 4 * 
d*u aui die Aufteilt seJJwt hatte, wud 2>< 23. geschildert* ab» 



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Ammon, über Erwählung zur Seligkeit. 3t 

dann folgen die Auflösungen» von denen das Wesentliche au* 
folgendem U eberblick zu ersehen ist : 

Augustinus war ein geschickter Auwald des strengen Pra- 
detcrri.inisnius, und zwar, wie er glaubte, ein schritt massiger und 
cousequentcr. Aber, abgesehen von seinen Rctractationen , die 
wir als einen rühmlichen Beweis seiner f<rt<eb enden Geistes- 
bildung betrachten, so wie von der Bemerkung, dafs er da, wo 
er keinem Widerspruche gegenüber steht, ganz in unser m Sinn 
von der allgemeinen Liebe und Gnade Gottes spricht, mochte 
ihn wohl die Furcht vor dem früheren Mauichaism unmerklich 

. iu weit auf den entgegengesetzten Standpunkt herüberged rangt 
und abermals einseitig beschrankt haben. Pelagius dagegen 
schrieb dem Menschen, wie er von Natur, d.* i. nach seilten 
Raturanlageu ist, ciue Kraft zum Guten zu, welche, genau be- 
trachtet, schon allgemeine Gnade Gottes ist Da zeigte ihm 
Augustin aus seiner Itala (!) der Mensch sey von Natur nur ein 
animalis komo und ein ßlius irae , und glaubte nun in der That 
einen biblischen Grund für seine Vorherbestiramung gefunden zu. 
haben, deren Einseitigkeit ihm doch aus dem Zusammenhange 
der Schrifdehre hatte einleuchten können. Als Luther den Men- 
schen 'ein Lastthier nannte, welches der Teufel, oder der heilige 
Geist nach Gefallen leite, war er in der Hitze des Streites mit 
Erasmus, so wie in der Besorgnifs, dem Teufel nicht vollen 
Abbruch gethan zu haben, auf eine ähnliche Klippe gerathen. 
Wir wollen auch gerne glauben, Calvin sey zur Entwicklung 
seiner strengen Vorherbestimmungslehre, wenn schon nicht auf 
polemischem Wege,- doch durch den scheinbaren Sinn einzelner 
Schriftstellen, durch geistesverwandte Vorgänger, und durch den 
Rigorism seiner eigenen Persönlichkeit hingeführt worden. »Oer 
»Meusch, lehren Wir nunmehr, kommt zur Welt mit Anlagen 
»zu einem vielfachen Begehren, das dem Gesetze der Gottheit 
»und der Vernunft oft widerstrebt, und dann wahrhaftig Sünde ist. 
»Er geht folglich verloren, (ist unselig) wenn er nicht durch 
»die Taufe und den h. Geist (im Willen) wiedergeboren wird.« 
Die Begierde ist aber keines* egs zwingend für den Menschen, 
denn »obsefron Gott die Creatur schafft und erhält, 'so ist doch 

"die Ursache der Sünde, der Bösen Wille, des Teufels uemlich 
und der Gottlosen, der sich, so Gott nicht hilft, von Gott ab- 
wendet. Die Freiheit nehmen wir, nach dem evangcl. Kir- 
cheusystem, dem Menschen nicht; er kann in Dingen Wahlen, 
die seiner Vernunft unterliegen; gerecht d. i. rechtschaffen, vor 
Gott aber kann er nur werden durch den h. Geist, wenn dieser 
durch das Wort in dem Herzen (Willen) empfangen wird. Wenn 
.daher die Maischen sündigen, so müssen sie das nicht der Vor- 

1 •• 



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3a Ammon, über £rwahlung zur Seligkeit. 



sehung Gottes, sondern sich seihst und ihrem Wo'len des Bösen zu-* 
schreiben; denn Gotles Vorhersehung crslreckt sich ai f Gute und 
Böse , die ewige Vorherbestimmung oder Erwahlung Gottes aber 
nur auf die Frommen, welche Christum, der alle Sünder zn sich 
ruft, nicht von sich weisen, sondern durch die Wirkungen des 
verheisseuen heiligen Geistes im Glauben beständig bleiben s. in 
der Coucordienformel die Epitome Art. XI. und Solida dtdar. 
Art. XT. 

Nach allem diesem räumen wir zuvörderst ein, dafs die 
Vorhersehung de* Glaubens, an welche <^ott die Erwählung der 
«Frommen bindet, allerdings ein wesentliches Merkmal unsers 
Lehrbegriffs sev, ob gleich sich diese Foimel selbst in unsein 
Symbolen nicWt findet; denn das will ja zuletzt auch Paulus 
sagen (Rom. 8, 29.) »die er zuvor versehen hat, hat er auch 
»verordnet des Ebenbildes seines Sphnes theilhujtig zu werden.* 
In diesen Worteu haben wir immer die strengste Vereinigung 
eines unbedingten Rathschlusses , und dafür den klaren Siun ge- 
funden, von welchem Gott vorher sah, dajs sie tüchtig und für 
den Glauben empfänglich seyn> würden, von diesen hat er auch 
vorher beschlossen, dafs isie durch die Hcilsordnung an Christi 
Herrlichkeit Theil nehmen sollen j welches die rein -lutherische 
Ansicht ist. Auch aus der Stelle des fünften Artikels, »der hei- 
lige Geist bringt den Glauben hervor,« und aus der »Vorhersc- 
bung des Glaubeusa folgt dann keineswegs »Gott habe nur die- 
jenigen zur Seligkeit verordnet, von welchen er vorausgesehen, 
dajs er ihnen selbst den heiligen Geist schenken weide.« Da 
wir dem Menschen Freiheit, also auch das Vermögen , sich von 
Gott abzuwenden und dem heiligen Geiste zu widerstreben zu- 
schreiben, so folgt nur, »Gott habe die zur Seligkeit verordnet, 
von welchen er vorhergesehen, dafs sie sich den Wirkungen sei- 
nes Geistes nicht widei setzen , sondern den Glauben annehmen 
würden.« Der illusorische Satz. »Gott liabe seine eigene »Prä- 
vision vorhergesehen,» fallt zurück. So v\enig aber jener fünfte 
Aitikel von einer unwiderstehlichen H ükung des Glaubens han- 
delt, eben so wenig handelt er von einem Gutdünken der Er- 
wählung. beides lafst sich von Melanchthon , der immer ein hef- 
tiger Geguer des unbedingten göttlichen Rathschlusses war, gar v 
nicht denken. Vielmehr ist sowohl in diesem, als in, dem kurz 
darauf angeführten , eillten Artikel der Eiutrachtsforniel nur die 
Rede vou dem Gutdünken Gottes in der Berufung durch das 
Wort, welches er giebtund wirken lafst, nicht nach einem Ge- 
fallen blinder Willkühr, sondern nach einem Gefallen, welche« 
für uns, die wii den moralnahen Zusammenhang der göttlichen 
Schickung uicu> übersehen, zur Zeit uucriorscbbxh ist* 

{Der btsebttt/i jol&tj 



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3* Heidelberger . 1822« 

Jahrbücher der Literatur. 



^»^^^^»'^'•»»■^'^■^■•^^'^'■W^'» — " •*■ ~ — ~ * . — "» ~ — — — — — — — t -»-t.^. 

■ 

Ammon über Erwählung zur Seligkeit. 
(B e s c b l u s s.) 

Doch die Verhandlung meint: «auch das Widerstehen des Men- 
schen gegen die Wirkungen des Geistes komme nur von dem 
Ausbleiben der göttlichen Hülfe, die der in die Begierde ver- 
flochtene Mensch nicht erreichen könne ; dieses Ausbleiken der 
Hülfe sev aber die göttliche Vorherbestimmung , also könne man 
dem Menschen auch den Glauben nicht früher zumuthen , bis die 
Hülfe Gottes ihm den Glauben bringe.« — Der Mensch also 
widersteht, weil die Hülfe Gottes ausbleibt? die Hülfe des All- 
gegenwärtigen und All wirksamen , die Hülfe dessen, der seinen 
Geist ausgießt über alles Fleisch j durch den wir leben, wirken 
und sind, der in uns das Wollen und Vollbringen nach seiner 
Gnade schafft? Grade umgekehrt lehrt die Schrift: ihr Halsstar» 
rigen widerstrebet dem heiligen Geiste, und er weicht von den 
Ruchlosen; und anders kann sie nicht lehren, wenn sie nicht die 
gröbste Vermenschlichung und Un Vollkommenheit Gottes begün- 
stigen will. 

Der Mensch, fragen wir weiter, hätte nichts in sich selbst, 
was nicht in die Begierde verflochten, wäre? er müfste sich von 
ihr umrennen lassen, wie vom schwanen Tode, oder von dem 
gelben Fieber ? er stände in der Reihe der Naturursachen wie 
ein vom Sturm entwurzelter Baum, ohne Intelligenz, ohne Au- 
topragie uud Selbstkraft da? Wo wird in den härtesten Stellen 
unserer Svnibole, selbst da, wo sie den Menschen mit einem Stei- 
ne oder Klotze vergleichen j ein so entschiedener Materialism ge- 
lehrt? So wenig sie aber von uns früher ein Wissen verlangen, 
als wir lernen können, eben so wenig fordern sie von uns den 
Glanben früher, als wir den heiligen Geist, und durch ihn de» 
religiösen empfangen können, da Gott ja nur darum allen Men- 
schen an allen Enden gebietet, Bufse zu thun, wed er nicht fer- 
ne ist von einem Jeglichen unter uns* Darin besteht ja gerade 
das Maas des Glaubens (Rom. 12, 7.) und der Gabe Christi 
(Ephcs. 4» 7«) da** SIC » das Bewüfstsevn jedes' Menschen, der 
tou der göttlichen Hülfe Gebrauch machen will, Uen Birkungen 

3 



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34 Ammon, über Erwählung zur Seligkeit. 

des Geistes stufenweise aufscblicfst und durch sie auch stufen-' 
weise zur lebendigea Erkenntnifs Gottes und seines Heils gelangt. 

' Aber, fragt die Verhandlung weiter: wie soll das zugehen, 
dafs der endliche Widerstand des Menschen grösser sey, als die 
unendliche Gnade, und dafs jener »der Menschen Schuld sey 
und nicht Gottes ? « Die Antwort ist : Weil Gott in seiner Hei- 
ligkeit über jeden Vorwurf der Schuld erhaben, auf uns nicht 
unmittelbar und überwältigend durch seinen allmächtigen Geist, 
sondern mittelbar und widerstehlich in seinem, durch den Buch- 
staben vermittelten , und darum endlichen Worte wirkt, und je- 
de Versuchung ein Ende gewinnen läfst, dafs wir's ertragen kön- 
nen, i Kor. 40, i3. 

♦ Unendlich und absolut an sich ist gewifs unsere Freiheit 
nicht. .Dennoch ist unsere moralische Freiheit, wie das noth- 
wendig aus der Autopragie eines intelligenten Geschöpfes folgt, 
in Beziehung auf die Gewalt der sinnlichen Begierde im beson- 
nenen Zustande zur Freithatigkeit kraftig genug j wir sind frei, 
um durch die Wahrheit des Sohnes Gottes immer freier zu wer- 
den Joh. 8, 36. Es gibt also Grade dieser Freiheit, wie Grade 
der Einsicht und Vollkommenheit. Auch kann unser Widerstand 
gegen die göttlichen Anregungen, (weil das aufgenöthigte Gute 
nicht ein Sittlich -Gutes wärej vermöge der uns einwohnenden 
Kraft der Selbstbestimmung, bei jeder einzelnen Handlung grös- 
ser seyn, als das Moment der auf uns einwirkenden Gnade. Mit- 
hin fällt die Schuld des Widerstrebens, so wie der Effect der 
an diese Schuld gebundenen Nichterwählung , abermals auf den 
Menschen und nicht auf Gott zurück. 

Wie die Vernunft weifs, dafs Gott das vollkommenste We- 
sen ist, so mufs sie auch wissen, dafs reine Kenntnifs des höch- 
sten Gutes der Gegenstand, uud die allgemeinste Mittheilung 
desselben an die Creaturen der höchste Endzweck seiner Weisheit 
ist, weil sie ohne diese leitende Idee nicht einmal an moralische 
Eigenschalten in Gott glauben, geschweige denn einen höchsten 
Weltzweck, und mit ihm eine haltbare Vorsehungslehrc aufstel- 
len könnte. Die Schrift verhindert aber dieses Streben der Ver- 
nunft nicht nur auf keine Weise, sondern sie ertheilt uus viel- 
mehr über die allgemeinste Mittheilung des höchsten Gutes durch 
Christum, namentlich Röm. n, 33. ff, l Kor. a, 7. ff. so herr- 
liche Aufschlüsse, dafs wir mit voller Zuversicht wissen, Gott 
wolle alle Menschen selig machen, die seinem Kufe folgen und 
dem Bilde Jesu ähnlich; werden. Da uns die Gnade gewifs ist, 
wenn wir wollen, so ist uns auch die höhere sittliche Freiheit 
gewifs, wenn wir sie erstreben ; unsere Formel schliefst uns da- 
her Allen die Pforten der Freiheit auf durch die allgemeine Gnad \ 



1 



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Ammon , über Erwahlung zur Seligkeit. 35 



Warum im Gcgentheil beschuldigte Jesus jene blinden Ei* 
fercr einer Sünde gegen den heiligen Geist? warum wollte er 
sie unter seine Flügel versammeln, und sie wollten nicht? war- 
um klagt Judas sich selbst eines schweren Verbrechens an ? war- 
um setzen wir allen jenen Frevlern nicht ein Ehrcndenkmal, wenn 
sie das und nur- das wollten, was Gott beschlossen hatte ? Wenn 
zwar alle jene Missethaten in dem grossen W eltzustimmenhang 
nicht fehlen durften, um den historischen Glauben an einen 
sterbenden Erlöser möglich zu machen; so hatten sie doch feh- 
len sollen in der moralischen Welt des Herzeus jener Ruchlo- 
sen; darum hat auch ihre Schuld nichts gemein mit dem Seegen 
des Todes Jesu, und gerade die Verwerfung jener Gottlosen, 
die der Heiland retten wollte, be weifst deutlich, dafs zwar der 
Endzweck der Erlösung allgemein, ihre Wirkung aber nur von 
dem Glauben abhängig, also auch die Erwahlung nicht katego- 
risch, sondern bedingt ist. 

Wenn wir lehren, Gott will alle Menschen selig machen 
durch sciuen Sohu, aber fiele wollen ihn nicht; so hat die Er- 
lösung Christi zwar keine Allgemeinheit des Erfolgs, aber doch 
eine Allgemeinheit der Kraft. Gewifs ist Gottes Wille eben so 
untheilbar, wie seine Eigenschaften und Rathschlüsse; wenn er 
daher beschlossen hat, den Menschen das höchste Gut, das heifst, 
Wahrheit, Heiligkeit und Seligheit, Jedem nach seiner Empfäng- 
lichkeit und Fähigkeit, durch Jesus mitzutheilen , so ist dieser 
Rathschlufs nur Einer. 

Wohl aber bringt die Natur der Sache mit sich, einmal, 
dafs Gott den Menschen Wahrheit und Glauben, Gerechtigkeit 
und Heiligung nicht geben und mittheilen kaun, wie er ihnen 
eine reiche Ernte oder Weinlese giebt, sondern dafs sie Glau- 
ben und Gerechtigkeit geistig, also freithätig ergreifen sollen. 
Zweitens fordert es die Natur dieses Einen göttlichen Rathschlus- 
ses, dafs ihnen Weisheit und Heiligkeit nicht augeschaffen, oder 
die ganze Seligkeit, wie durch einen Zauberschlag, mitgetheilt 
werde, sondern dafs sie in der Zeit, dem Elemente aller Crea- 
toren, zur Wirklichkeit gedeihe, und zwar in dem Maafse, als 
sie ihre geistige und sittliche Natur freithätig entwickelt 

In dem einen und uutheilbaren Rathschlusse Gottes enthält 
also die Mittheilung des Heils an diejenigen, welche es neh- 
men und empfangen wollen, die Nichtmittheilung und Verwer- 
fung derer, welche dieses Heil nicht wollen, schon von selbst. 
Es ist also in Gott kein getheiltery oder halber Wille denkbar, 
welcher nur ein Unterschied unseres schwachen Verstandes wäre, 
der ohne Absonderung und Scheidung die Ordnung des weisen 
luad heiligen Willen Gottes nicht zu erkennen vermag. Die 

3* 



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36. Ammon, über Erwählung zur Seligkeit 

* 

Ordnung Gottes aber bezieht sich nur auf die Causalit3t der 
Freiheit, welche auch die Möglichkeit des Unglaubens in sich 
schliefst, nicht aber bezieht sie sich auf den wirklichen Unglau- 
ben selbst. In Gott selbst ist eine unendliche Freiheit nicht 
nur mit jeder Willkühr unvereinbar, weil sie mit der höchsten 
Vernunftuothwendigkeit zusammen fallt, sondern sie mufs auch 
mit unendlicher Heiligkeit des Willens verbunden seyn, weil 
dieser wieder die Anschauung der reinsten Wahrheit in dam 
göttlichen Verstände voraussetzt. Von jeder endlichen Freiheit 
aber -ist das Aiterniren des Denkens und Wollens, also auch 
die Möglichkeit des Irrthums und der Sünde unzertrennlich. 
,Wenn daher nach Gottes heiligem Wollen freie unvollkommene 
Wesen sind, so kann von dieser Schöpfung auch die Möglich- 
keit der Sünde nicht geschieden werden, und er ist Urheber 
dieser Möglichkeit, nicht aber der Sünde selbst, die gerade des- 
wegen, weil sie auf einen, dem Menschen vermeidlichen , und 
doch aus Vorliebe für die Sinnlichkeit eigenwillig von ihm auf» 
gefafsttn und festgehaltenen Scheine beruht, ihm allein zur Last 
fallt. 

Bei aller Schwachheit der Vernunft ist ihr doch so» viel 
von dem Bilde Gottes geblieben, dafs sie überall Grund und 
Endzw eck, wirkende und Endursache verbinden kann, und wenn 
sie sich nicht träger stellt, als sie wirklich ist, selbst verbinden 
mufs: es entgeht ihr nirgends die Möglichkeit, dafs der Mensch, 
den das belebende Wort der Schrift jetzt noch nicht erreicht, 
doch durch das natürliche auf seine höhere Bestimmung vorbe- 
reitet werden mag; und wenn ihr, bei dem festen Glauben an 
Gottes Allwissenheit und Allgegenwart, der Uebersehene eine 
Thorheit ist, so ist ihr vollends, bei der Ueberzeugung von 
Gottes weiser Güte, der Verworfene aus Vorherverordnung ein 
Aergernifs, von dem sie sich, als von feinem göttlichen Undinge, 
mit Entsetzen wendet. 

Dafs der erleuchtete Verfasser der Einwürfe, diese Ansicht 
im Grunde mit uns theilt, sehen wir, sagt Hr. Dr. Ammon, 
aus dem offenen Geständnisse,, dafs man sich unter der ewigen 
Verdammnifs entweder gar nichts ordentliches denken könne, 
oder doch den Zustand der Verdammten nur als eine Entwick- 
lungsstufe denken müsse, weil auch diese von der Vaterhebe 
Gottes «icht ganz auszuschli essen seyen. Aber gerade durch 
diese Verwande}ung der Hölle in das Fegefeuer einer Entwicke- 
lungsstufe verliert auch der •augustinische und calvinische Präde- 
terrainism seinen alten , dogmatischen Stachel. 

Auf unserer Seite liegt demnach die Sache so: Wir sagen 
nicht, Gott hat uns zum Bösen vorherbestimmt ; wir ntunen ihn 



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Ammon , über Erwählung zur Seligkeit. ' 37 

noch weniger den Urneber' des Bosen, und am allerwenigsten 
gehen wir in die verzweifelte Losung ein, dafs in Beziehung 
auf Gott das Böse gar nicht ist. Ueberall hat uns Gott nicht 
zum Bösen vorherbestimmt, denn einmal kann er das nicht, weil 
er weise und heilig ist, und zweitens sind wir es nicht, weil 
wir es aus Gründen läugnen, die wir aus Gottes weiser nnd 
heiliger Natur nehmen. Noch weniger vermessen wir uus Gott 
den Urheber des Bösen zu nennen. Denn wie das Wasser, so> 
die Quelle, und wie die Frucht, so der Baum; ein Gott aber, 
der die Sünde, und mit ihr den Teufel in seinem Schoofse 
trug, wäre ein bei weitem mehr furchtbarer Widerspruch, als 
dafs aus der Mittagssonne, die Mitternacht vom Himmel fallen 
sollte. Am allerwenigsten endlich behaupten wir, dafs in Be- 
ziehung auf Gott die Sünde gar nicht ist; denn ob sie schon 
als Zweckwidrigkeit und praktische Thorheit der Wurzel eines 
beharrlichen Sevns ermangelt und daher den Keim der Zerstö- 
rung in sich selbst hat; so wird sie doch von Gott gerichtet, 
nicht als ein Unding, sondern als eine Unthat, deren wirkliche 
Schuld dem Gewissen einwohnt. Gott »ist nur der Urheber der 
Möglichkeit des Bösen, weil von der endlichen Freiheit der 
Antagonism des Guten und Bösen eben so wenig zu trennen ist., 
als von dem endlichen Verstände der Kampf des Irrthums mit 
der Wahrheit, oder Bcitz und Gegenreitz von dem endlichen 
Leben. Das wirklich Böse hingegen, als Frucht der falschen 
Selbstbestimmung des Willens, ist einzig Schidd der Menschen, 
weil es Gott nicht nur verbietet sondern es auch überall, so 
weit es nur die Natur der sich heranbildenden Freiheit gestat- 
tet, beschränkt, verhindert, vertilgt, wahrend er dafür dem 
Guten allein durch seinen Geist überall Gedeihen, Wachsthum 
und Fortgang zur unendlichen Vollendung gewährt. Vorherbe- 
stimmung und sittliche Unvollkommenheit des Menschen sind 
also wohl vereinbar, da zur Vermeidung des Bösen nur ein mo- 
ralischer Widerstand / erfordert wird , dessen Möglichkeit von 
unserer Kirche nie gelaugnet wurde. Und so bekennt noch der 
Verf.: dafs er es für einen traurigen Rückfall aus unserem evange- 
lischen Bekenntnisse halten und von ihm nichts geringeres, als 
die gröfste Verwirrung der Gemüther besorgen würde, wenn 
mau, was sich doch bei der genauen Verwandtschaft der Rett- 
gion mit der Theologie gar nicht vermeiden Hesse, in unserer 
Kirche öffentlich lehren dürfte Gott sey der Sünde Urheber, 
es sey seine Vorherbestimmung , dafs das Böse aus dem Men- 
schen plötzlich in schrecklichen Thaten hervorbreche , vor Gott 
sey überhaupt nichts böse, und wenu der Mensch v olme Glaube 
dahinsterbe | so geschehe das, weil er unter die on Gott Ue- 



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38 Theologisch • Exegetisches Coüservatorium. 

übersehenen und Verworfenen gehöre. Nichts ist gewisser, als" 
dafs dergleichen Paradoxa sorgfältig aufgelöst und vermieden 
werden sollten, weil besonders junge Prediger — wovon man 
bereits bestimmte Fälle, z. B. aus Hamburg, erzählt — nur gar 
zu leicht das Misverstandenc und Unverständliche überlaut aus- 
zusprechen eine Vorliebe zeigen, und indefs, bis der neue Wein 
ausgegohren hat, doch mancher guter Tropfen verschüttet seyn 
Jiann. U. E. G. Paulus. 

- 

n 

Theologisch-jExegetisches Coüservatorium oder Aus- 
wahl aufbewahrungswerther Aufsätze und zerstreuter Deiner' 
hingen über die alt - und neutestamentischen Religions- 
Urkunden, revidirt und mit ungedruckten Zugaben vermehrt 
von Dr. H. £. G. Paulus, gr. 8. /J% Bogen. Hei- 
delberg b. August Oswald. 4 ß. 54 

9 

D er Vf. möchte dem theologischen Publicum durch diese erste Lie- 
ferung, die Aüssicht eröffnen, von seinen zerstreuten Nebenarbeiten 
über Bibelerklärung, besonders aus seinen immer con am ore gemach- 
ten Recensionen merkwürdiger Schriften, das der Aufbewahrung 
und des Fortwirkens würdigste nicht nur gesammelt und ver- 
bessert , sondern auch nach Materien zusammen geordnet zu er- 
halten. Für diesmal erscheint eine Reihenfolge vielseitiger Er- 
örterungen über den Ursprung und Inhalt der drei ersten kano- 
nischen und mehrerer apokryphischen Evangelien, i.) Beurthei- 
lung der ( Eichhornischen ) Muthmassung von einem schriftlichen, 
aramäischen Ur- Evangelium, wo zugleich die Beschaffenheit des 
Marcionischen Evangeliums und die Entstellung des Marcus- Ev. 
aus dem griechischen des Lucas und Matthaus nachgewiesen 
wird. a\) Dafs die Denkwürdigkeiten bei Jus tut dem Märtyrer 
nicht das Evang. der Hebräer waren. 3.) Was sie wahrschein- 
lich waren. 4«) Weitere Nach Weisung, wie das Marcus - Evang. 
aus dem griechischen Urtext des Matth, und Lucas entstand. 
5.) und 6.) Die Wahrscheinlichkeit eines mündlichen Ur -Evan- 
geliums , als Grundlage der 3 Kanon. Evangelien, bereits 48 4 n 
und 4843 mit eigenen, zum Theil anderswo noch nicht berück- 
sichtigten Gründen entwickelt. JJfebst Bcurtheilung der Versuche 
von Dr. Gratz und Dan. Fr. Schütz auch weiteren Aufsclilüssen 
über die meisten älteren apokryphischen Evangelien. 7.) Rc~ 
sultate aus diesen und den verwandten Untersuchungen für die 



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/ 

s 

Brodie, üb. d. Krankheiten d. Gelenke. 3q 



3 ersten Evangelien iiberh. (Ein Abschnitt aus einer noch uuge 
druckten Einleitung des Vfs. in das N. Test.) 8.) Warnende 
Beispiele von Uebertreibungen im Ableiten des Evangelientcxtes 
aus einem hebräischen Urtexte. 9.) Entstehung und Beschußes, 
beit des (romanhaft travestir enden) Nicodemus - Evangelium* , 
C Acta Pilati , verwandt mit der Lehre vom descensus ad infe- 
ros). 10.) Gelehrte Nachricht von Hrn. de Sacjr von einem 
Pariser Ms. eines ähnlichen Apokrvphum, n.) auch von JVoide 
über die Koptische 2o(piec. 12.) Epimetron über eine Variante 
im Hebräer - Evangelium. Alle diese kritisch - historische For- 
schungen veranlassen zugleich exegetische Erörterungen über 
manche Stellen der Evangelien. H. E. G. Paulus. 



Pathologische und chirurgische Beobachtungen über die Krank- 
heiten der Gelenke von B. C. Brodie. Aus dem Engli- 
schen übersetzt und mit Anmerkungen begleitet von G. P. 
Hölscher. Hannover in der Hahn* sehen Buchhandlung 48*1» 
in 8. 4oo S. mit 6 Kupfer tafeln. 

Der Verf. hat die Absicht, zu zeigen, dafs die Krankheiten 
der Gelenke ursprünglich in dem einen oder andern Gebilde 
der die Gelenke zusamnujipctzcndcn Theile auftrete, dafs nach 
der Verschiedenheit des Mechanischen Baues und der organischen 
Eigenschaften der ergriffenen Theile die krankhaften Zustände 
verschieden sind, ihre eigenen pathognoinonischen Zeichen ha- 
ben, und nach ihrem primären Sitze eine verschiedene Behaud- 
lungsweise verlangen. Obgleich bei vorgerücktem Uebel tlie 
krankhafte Entartung sich über alle Theile des Gelenkes aus- 
breitet, so läfst sich doch erweisen, dafs dieses beim erste» Ent- 
stehen des Uebels nicht der Fall ist. Zur Bekräftigung dieser 
Ansicht bemühte sich der Verf. die Beweise durch Zergliede- 
rungen Zu liefern, wodurch er die krankhaften Veränderungen, 
besonders jene der frühern Stadien der Krankheit, wahrzuneh- 
men Gelegenheit hatte, und die Deutung der Erscheinungen, 
weLche diese krankhaften Zustande bezeichnen, erlernte. 

Mehrere Abhandlungen, weiche der Verf. in den medi- 
zinisch-chirurgischen Verhandlungen bekannt machte, liegen die- 
sem Werke zu Grunde. Mit neuen* Erfahrungen und Beobach- 
tungen sind dieselben bereichert ; der Verf. hat durch diese neuen 
Erfahrungen die Zweckmässigkeit der frühern Einteilungen be- 
stätiget gefunden und diese beibehalten. 



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4o Brodle, üb. d. Krankheiten d. Gelenke« 

In wie weit der Verf. den vorgesteckten Zweck erreicht, 
wie viel die Wundarzneikunst in" diesem Theile durch die pa- 
thologisch - anatomischen Untersuchungen gewonnen habe, auf 
welche Weise die Therapie dieses Gegenstandes bereichert 
wurde, soll hier durch eine kurze Analyse des vorliegenden 
"Werkes erhellen, wobei sich Ree. erlaubt, eiuzelne Bemerkun- 
gen einzustreuen. 

Das Werk zerfällt in 8 Capitel, in welchem folgende Ge- 
genstände abgehandelt sind: i.) die Entzündung der Synovial- 
membranen der Gelenke, 2.) die Ulceratiou der Synovialmcm- 
branen, 3.) die krankhaften Veränderungen in der Struktur der 
Synovialmembraucn , 4«) die Ulceration der Gelenkknorpel, 5.) 
die scrophulöse Krankheit der Gelenke, welche in der zelligen 
Struktur der Knochen entspringt, 6.) Caries der. Wirbelhäute, 
7.) einige andere Krankheiten der Gelenke, &♦) die Entzündung 
der Schleimbeutel. Die einzelneu Capitel sind in mehrere Ab- 
schnitte abgctheilt, so, dafs zuerst die pathologischen Beobach- 
tungen und die hieher gehörigen Krankheitsfälle mit dem Sec- 
tionsberichte angegeben sind, dann die Ursachen und Symp- 
tome, endlich die Behandlung der Krankheit festgesetzt wird. 
Mehrere Kraukheitsgeschichten, w elche die Aehulichkeit des be- 
schriebenen Leidens mit andern herausheben, schliessen dann 
das Capitel. 

Obgleich der Verf. zugesteht, dafs in seltenen Fällen die 
in den Gelenken befindliche Fettmusflk sich entzünden, und der 
Sitz von Eitersammlungen und Gescnwülsten seyn kann, und 
obgleich die fibrösen Gelenkbänder erkranken können ; wodurch 
dann Schmerzen und leichte Anschwellungen der Gelenke, be- 
sonders bei syphilitischen Beschwerden und nach Verstauchun- 
gen , hervorgebracht vv erden ; so sind dieses doch sehr seltene 
und bei den gewöhnlichen Gelenkkrankheiten nicht vorkommende 
Ereignisse. Dagegen erkrankt kein Theil des Körpers häufiger 
als die Synovialmembrau (S. 8.). Dieses soll von dem anato- 
mischen Baue und den Verrichtungen dieser Theile abhängen, 
da lebende Organe in ihren natürlichen Functionen um so eher 
erkranken, je gefafsreicher sie sind, und je mehr ihnen ein Ab- 
bonderungsprozefs obliegt. Die Syuovialhaut ist ein blinder Sack, 
welcher die Knorpelflächen, die Fettmassen im Gelenke und ei- 
nen geringen Theil der Knochen als Beinhaut überzieht, die 
Absonderung der Synovie w bewirkt und viel analoges sowohl 
in Hinsicht ihrer Function als ihrer Krankheiten mit der Pleura, 
dem P cricardaun , und Peritoneum hat. Bisweilen tritt ohne 
Entzündung eine Gelenkwassersucht auf; gewöhnlich aber ist 
diese Folge einer Entzündung, vermöge welcher vermehrte Ab- 



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* 



Brodie, üb. d. Krankheiten d. Gelenke« 4.1 

sonderung der Syuovie Statt findet. Die sieh zurückschlagen- 
den Falten der serösen Häute gehen bei Ent&ündungen leicht 
unter sich Adhäcsionen ein. Ein Unterschied aber zwischen Ent- 
zündung der Synovialhaut und jener der serösen Häute soll nach 
dem Verf. darin bestehn, dafs hier leicht eine Ergiessnng von 
coagulabler Lymphe Statt findet, welches dort nur das Resultat 
lange dauernder heftiger Entzündungen seyn soll ( S. 19. ). Ree. 
findet diesen Ausspruch des Verf. nicht übereinstimmend mit 
den Erfahrungen anderer berühmter Beobachter. 

enn die Synovialhautentzündung vernachlässiget wird, so 
kann sie Uiceration der Gelenkknorpel hervorbringen; gewöhn- 
lich aber, beim gleichzeitigen Bestehen beider, bemerkt man, 
dafs die Uiceration der Gelenkknorpcl primär und die Erkran- 
kung der Synovialhaut secundär ist. Sie befällt vorzüglich Er- 
wachsene, sie kann mit Rheumatismus, mit Mercurialkrankheit 
in ursächlicher Beziehung stehn, gewöhnlich aber ist sie Folge 
der Erkältung, wefshalb das Kniegelenk am wenigsten von Mus- 
kelmassen umgeben, vorzugsweise von diesem Uebei befallen 
wird. 

Als charakteristische Zeichen dieser Entzündung stellt der 
Verf. auf: den Schmerz, welcher das ganze Glied einnimmt, 
allein au einer Stelle festsitzend, und viel heftiger ist, als die 
Anschwellung, welche nicht die Form der articulirenden Kno- 
chenenden hat, sondern da am meisten hervortritt, wo die Sy- 
novialhaut am wenigsten in ihrer Entfaltung gehindert ist. Die 
Geschwulst, als Folge der vermehrten Absonderung der Synovie, 
gewährt im Anfange das Gefühl des Fluktuation, später aber 
wird diese nicht mehr bemerkt, da die Synovialhaut auf ihrer 
inner n und äussern Seite mit Lymphe überzogen und verdickt 
wird. In seltenen Fällen tritt diese Krankheit unter der Form 
einer andern Entzündung auf, und ist alsdann in ihren Erschei- 
nungen dringender und im Verlaufe rascher. 

Die Behandlung im Allgemeinen bestimmt der Verf. den 
ursächlichen Verhältnissen gemäfs; bei Mercurialkrankhcit soll 
die Sassaparillc , bei Rheumatismus das Opium mit Colchicum 
autumnale , da wo mehrere Gelenke leiden, sollen Mcrcurialicn 
von Nutzen seyn. Blutigel und Schröpfköpfe (letztern wird der 
Vorzug gegeben) selbst allgemeine Blutentziehungen, diese nach 
Umständen wiederholt, kalte Umschläge, und eine ruhige Lage 
sind besonders empfohlen , um die heftigen Zufälle zu bekäm- 
pfen. Dann dienen Vesicantien , deren Eiterung unterhalten 
wird. Ist die Entzündung grÖfstentheils gehoben , so mufs das 
Glied massig bewegt werden, auch dienen dann hautreitzeude 
Linimente. Ist Geschwulst und Steifigkeit zurückgeblieben, so 

» 



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I 



42 Brodie, üb. d. Krankheiten d. Gelenke. 

sind Mercurialfriktionen , Duschbäder zu empfehlen. Das Haar- 
seil und die Fontanellen sind nur dann von Nutzen, wenn 
eine Ulceration der Knorpel begonnen hat. Mehrere der ange- 
hängten Beobachtungen beweisen die innige Verwandtschaft der 
Schleimhäute der Harnröhre, und des Auges mit der Syno- 
vialhaut. 

Im zweiten Capitel führt der Verf. zwei Fälle von Ulce- 
ration der Synovialmembranen auf, welche tödtlich verliefen, 
und zieht hieraus den Schlufs, dafs diese Krankheit einen so 
hohen Grad von Stöhrung In der Constitution hervorzubringen 
vermag, dafs dadurch (S. 70.) der Tod herbeigeführt wird. 
Das Fieber, welches tödtlich für die Kranken in beiden Fällen 
verlief, scheint jedoch nach des Ree. Ansicht nicht in Beziehung 
zu dem örtlichen Leideu gestanden zu seyn. 

Das 3 le Capitel, welches von den krankhaften Veränderun- 
gen der Struktur der Synovialbäute handelt, schliefst mehrere 
interessante Beobachtungen in sich. In den aufgeführten Fällen 
zeigte sich nach Zerlegung des erkrankten Theils, dafs die Sy- 
novialhaut in eine breiartige Masse verwandelt und verdickt war, 
eine hellbraune Farbe besafs, die von weissen membrauösen 
Streifen durschnitten wurde, und mit rothen Punkten besetzt 
war. Im Fortschreiten der Krankheit werdcu aueh die übrigen 
Theile des Gelenkes ergriffen, indem sie Ulceration der Knor- 
pel, Caries der Knochen, und Zerstöhrung der Ligamente be- 
wirkt. An den serösen Häuten wird keine ähnliche Entartung 
angetroffen. 

Der Verf. vergleicht diesen, immer in der Synovialhaut an- 
hebenden krankhaften Zustand mit den Tuberkeln der Lunge, 
mit dem Scirrhiis der Brüste, mit dem fungns hämatodes der Ho- 
den. Gcwifs ist diese Vergleichung ganz unpassend. Nach den 
von dem Verf. selbst erzählten Beobachtungen ergiebt sich, dafs 
diese organische Veränderung der Synovialhaut blofs Folge vor- 
hergegangener, mchrmal sich wiederholender Entzündungen ist; 
was doch bei den damit verglichenen Zuständen gewöhnlich nicht 
Statt findet. Auch findet Ree. die Losreissung dieses Zustand es 
von der Entzündung der Synovialhaut unpassend, da dieser doch 
nichts anderes, a\s ein Ausgang einer stattgehabten Entzündung 
(st, wie dieses der Verf. selbst (S. 96.) zu erkennen scheint« 
Die Entzündung der Synovialhaut endiget in Hydrops acutus bei 
welchem mehrenthcils nur quantitativ, selten qualitativ verän- 
derte Sekretion der Synovie vorhanden ist, oder in Ulceration 
oder endlich in Verdickung und Zerstöhrung ihres eigentüm- 
lichen Baues, wenn nicht zeitig die Gewalt der Entzündung 
gebrochen wird, und die ursächlichen Momente entfernt werden. 



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I 



Prodie, üb. d. Krankheiten d. Gelenke. 43 

■ 

So wie die Entzündung der Synovialhaut am häufigsten im Knie- 
gelenk haftet, so auch deren Entartung. Eine organische Ver- 
änderung von dieser Beschaffenheit lafst sich ohne vorausgegan- 
gene Entzündung nicht denken. 

Wenn diese Entartung ausgebildet ist, so wird sie durch 
die schmerzlose Anschwellung und die Steifigkeit des Gelenkes, 
io wie durch die weiche elastische Geschwulst ohne Fluktuation 
erbaut Der Schinerz wird aber, wenn die Knorpeln exulce- 
riren, und Absccsse sich bilden, heftig. Durch Ruhe und 
kalte Umschläge läfst sich die Krankheit etwas zurückhalten, 
allein gewöhnlich wird die Amputation nöthig. J)er Verf. er- 
wähnt hier der Anwendung des Glüheisens nicht, welches, wie 
der Uebersetzer in einer Anmerkung (S. io3.) richtig anführt, 
mit gutem Erfolge in diesem Falle in Gebrauch gezogen wird. 

Ueber den Ursprung der Ulceration der Gelenkknorpel, 
von welcher der Verf. im 4 ten Capitel handelt, wird die An- 
sicht aufgestellt , dafs sie entweder »ds secundäres Leiden auf- 
irete, indem sich die krankhafte Thätigkeit in den benachbarten, 
weichen Theilcu oder auf der Oberfläche der Knochen entspon- 
nen W, oder aber sie ist primäres Leiden, indem ursprünglich 
die krankhafte Thätigkeit in dem Knorpel haftet. Der Verf. 
montan, dafs die Ulceration der Knorpel ohne vorausgegan- 
gene Entzündung Statt finden könne; allein diesen krankhaften 
Zustand kann Ree. nur als die Folge eines schleichenden ent- 
zündlichen Leidens anerkennen, was aus den Beobachtungen 
des Verfassers selbst erhellt, und noch dadurch bestätiget wird, . 
dafs die Verwandlung des Knorpels in eine weisse fibröse 
Masse, in welcher rothes Blut führende Gefafschen wahrge- 
nommen werden, gewöhnlich der Ulceration vorangeht. Merk- 
te urdig aber ist, dafs hier Ulceration ohne Eiterbildung stattzu- 
finden scheint (S. 4 06.). Bei vorgerücktem Ucbel findet sich 
der Knorpel gewöhnlich an einigen Stellen völlig absorbirt. 

Der Verf. nimmt an, da/s dieser Zustand gewöhnlich die 
onter dem Namen Cojcalgie bekannte Krankheit und die ana- 
logen Leiden an andern Gelenken bedinge. Die Krankheit be- 
fallt vorzugsweise das Hüftgelenk, die Knorpel des Acetabuli 
sind in der Regel zuerst leidend, durch die Ulceration der Knor- 
pel wird die Caries erzengt. Die Ansieht des Verf. stimmt mit 
der von Rust nicht übereilt. Der letztere setzt den Grund der 
krankheu in eine Caries centralis, welche in der Regel vom 
Gelenkkopfe ausgehen soll. Ree. glaubt, dafs die Beobachtun- 
gen dieser beiden berühmten Männer hinlänglich beweisen , dafs 
<Q einzelnen Fällen der Knorpel, in andern aber das Pvriosteutn 
werniün zuerst leide. 



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44 Brodie, üb. d. Krankheiten d. Gelenke. 



Die Ulceration der Knorpel soll sich nach dem Verf.* vor- 
züglich dadurch erkennen lassen, dafs im Anfange der Schmerz 
nicht beträchtlich un*\ mehr herumziehend ist, dafs dieser sich 
endlich steigere, vorzüglich aber dadurch vermehrt werde, wenn 
ein Druck der ulcerirten knorplichten Flächen aufeinander ver- 
anlalst wird. Defshalb sind Patienten dieser Art nicht im Stande 
das Gewicht des Körpers auf der leidenden Extremität ruhen 
zu lassen, und bei Krankheiten des Hüftgelenks wird der Schmerz 
beträchtlich vermehrt, wenn der Wundarzt mit seiner Hand die 
Ferse des Patienten umfafst und den Schenkelkopf gegen die 
Höhle der Pfanne drückt. Die Untersuchung auf diese Weise, 
worauf der Verf. besondern Werth legt, sollte bei jedem Kran- 
keu dieser Art angestellt werden. 

Die verschiedenen Stadien dieser Krankheit, die diese cba- 
rakterisirenden Erscheinungen, die' ursächlichen Verhältnisse die- 
ses Uebels und die Verwechslungen mit andern Krankheiten 
sind oberflächlich oder gar nicht berührt. In dieser Hinsicht 
hat das vorliegende Buch Lücken, und steht, obgleich der Ue- 
bersetzer durch sei r lehrreiche Zusätze diese auszufüllten suchte, 
Rust's Werke über Arthrocacologie nach. Der Verf. läugnet ge- 
radezu die so vielfältig beobachtete Verlängerung des Gliedes. 
Er hält diese nur für scheinbar und von einer veränderten Rich- 
tung des Beckens herrührend (S- i5i.). Hätte der Verf. hier 
richtig gemessen, wie er es vorschreibt; so würde er gefunden 
haben, dafs in vielen Fällen eine wahre Verlängerung sich vor- 
finde, da die tägliche Erfahrung dieses beweist. 

Da der Verf. die verschiedenen Stadien der Krankheit so 
wenig unterschied, so ist die Behandlung auch nicht völlig ent- 
' sprechend angegeben. Der Verf. sucht zwar die Mittel anzuge- 
ben , wie sie die einzelnen Verhältnisse erheischen, allein es 
geschieht dieses nicht mit der gehörigen Praecision, und es fehlt 
hier gänzlich an einer methodischen Zusammenstellung derselben. 
Blutentziehungen und warme Bäder werden bei Entzündung der 
ulcerirten Kuorpelflächen angerathen, Ruhe des Gliedes, um die 
Bildung einer Anchylose zu begünstigen, hält der Verf. für eiue 
unerlässige Bedingung zur IjJ eilung. Im frühem Stadium der 
Krankheit könuen Blasenpflaster nützen, beim vorgerückten Sta- 
dium scheinen die mit dem Aetzmittel gelegten Fontanellen 
wirksamer zu seyn. Der Verf. bedient sich nicht der Bohnen, 
um die Fontanelle in Eiterung zu erhalten , sondern er pflegt 
zu diesem Endzwecke die Oberfläche derselben mit Kali cem- 
sticum oder Cuprum sulphuricum in jeder Woche zwei bis drei 
mal zu reiben. Das Haarseil in die Leistengegend gelegt wird 
vorzüglich empfohlen. Der Verf. verwirft die frühzeitige Oeff- 



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Brodie, üb. d. Krankheiten d. Gelenke. 45 



nung jenler Abscesse,* welche mit einer Gclenkkrankbeit in Ver- 
bindung stehen. Man soll zuvor die Quelle der Eiterung, den 
entzündlichen Zustand der ulcerirten Knorpel durck Ruhe und 
die passenden Heilmittel bekämpfen (S. 20 1) das Verfahren, 
welclies der Verf. als das zweckmässigste hiezu aufstellt, besteht 
darin, dafs man mit einer Lanzette eine Ocffnung macht, das 
Glied alsdann mit einem Stücke Flanell, das mit heissem Was- 
ser getränkt ist, so lange umwickelt, bis der Ausflufs des Eiters 
aufhört. Rust hat die grossen Oeffnungcn anempfohlen und Ree. 
könnte durch mehrere Beobachtungen dieses Verfahren als das 
zweckmassigste bestätigen. Ueber das Cauterüim actualc hat der 
Verf. keine Erfahrung., daher der häufig vorkommende ungün- 
stige Ausgang der Krankheit, welche gewifs in mehrem Fällen 
gebeilt worden wäre, wenn nach Rust's Angabe das Glüheisen 
in Anwendung gezogen worden wäre. 

Jener krankhafte Zustand, welchen man unter der Benen- 
nung Spina ventosa, twhor albus scrophulosus , Paedarthrocace 
aufstellte, wird vom Verf. im 5ten Capitel (S. 225) als scrophu- 
-löse Krankheit der Gelenke, welche ihren Ursprung in der zel- 
ligen Struktur der Knochen nimmt, beschrieben. Der Verf. glaubt, 
dafs dieses Leiden von einem krankhaften Zustande der ganzen 
Constitution Herrühre, indem dasselbe in der Regel nur bei Sub- 
jecten mit einer scrophuloseu Diathesis beobachtet wird.* Die 
zellige Structur der Knochen wird zuerst durch Entzündung er- 
griffen, als Folge davon tritt Erweichung und Ulceration der G.e- 
leakflächen ein, bald werden auch die Knorpel exuleerirt, end- 
lich erkranken auch die Synovialhaut und die ausserhalb des Ge- 
lenkes liegende Cellularmembran. Die Zeichen, durch welche 
diese Krankheit sich charakterisirt , sind: geringer Schmerz im 
Verhältnifs zur örtlichen Desorganisation, das Gelenk bildet eine 
elastische Geschwulst , ohne dafs in demselben Fluktuation wahr- 
zunehmen wäre, wie dieses bei Entzündung der Sjnovialhaut 
statt findet j endlich Bildung mehrerer Abscesse im Umfange des 
Gelenks, aus welchem sich ein dünner Eiter, in dem Partikeln 
einer dicklichen Substanz, sich umhertreiben, entleert. 

Ruhe des erkrankten Gliedes ist auch hier eine nothwendi-» 
.ge rfedingung zur Heilung. Blutentziehungen wirken nach des 
Verf. Ansicht wenig zur Bekämpfung dieser Spezifiken Entzün- 
dung. Ree« theilt diese Ansicht des Verf.- nicht, indem auch hier 
im isten Stadium der Krankheit nebst Mercurialfriktionen die 
örtliche Blutentziehung mit dem gröfsten Nutzen angewendet wird. 
Kalte Umschläge scheinen den Gang der Krankheit zu hemmen. 
Da diese Krankheit Folge eines Allgemeinleidens ist, so mufs die 
Darreichung der Mittel zur Bekämpfung der Diathesis nicht vesr 



4ü Brodie, üb. d. Krankheiten <L Gelenke; 



nachlässig« werden ; der Verf. empfiehlt den Gebrauch des Ei- 
sens. Vesicantien und Fontanelle sollen keinen erwünschten Dienst 
leisten. Der Verf. handelt sehr gründlich über die Anzeige zur 
Amputation; er räth im allgemeinen, diese Operation bis zur 
Besserung der Constitution zu verschieben. Auch hier hat der 
Verf. des kräftigsten Hülfstnittels, nämlich der Anwendung des 
Glüheiseiis nicht erwähnt, dessen Werth bei Behandlung dieser 
Krankheit nicht mehr in Zweifel gezogen werden kann. 

Da der Verf. im 6ten Capitel über die Caries der Wirbel- 
häutc keine wichtige Bereicherung der Wissenschaft aufstellt, so 
enthalten wir uns, dieses Capitel ausführlich anzugeben. Die 
Krankheit entspringt nach dem Verf. entweder in den Knorpeln 
oder aber in den Wirbelbeincn selbst. 

Im 7tcn Capitel fuhrt der Verf. einige Gelenkkrankheiten 
auf, über die er, ohne sie genauer zu beschreiben, blos einzel- 
ne Bemerkungen mitthcilt; diese sind: i. die Auftreibung der 
Knochen als Folge des einfachen entzündlichen Prozesses der Ge- 
lenkenden, 2. Nekrose und Exfoliation der Gclenkenden, 3. die 
fremden Körper in den Gelenken, 4» die Entartung eines Knie- 
gelenks in einem dem Fungus haematodes ähnlichen Zustand. 

Das 8te Capitel handelt von der Entzündung der Schleim- 
beutel. Der Verf. glaubt, dafs sich an die Stelle des exstirpir- 
ten Schleimbeutcls in der Folge ein neuer bilde , um den erstem 
# zu ersetzen (S. 348). Er sucht diese durch die einfache Struk- 
tur der Synovialhaut zu erklären. 

Aus der hier mitgctheilten Ucbersicht des Inhaltes dieses 
Werkes, wird die Wichtigkeit desselben zur Genüge erhellen. 
Hr. Brodic hat für die Bearbeitung der Gelenkkrankheiten eine 
neue Bahn ausgesteckt. In pathologischer Hinsicht übertrifft die- 
ses Werk alle bis jetzt über diesen Gegenstand erschienenen Be- 
arbeitungen. Die Therapeutik lafst allerdings Viel zu wünschen 
übrig, und würde weniger dürftig ausgefallen seyn, wenn der 
Verf. die Leistungen der deutschen Chirurgie gekannt und be- 
nutzt haben würde. Der Uebcrsetzer hat dadurch, dafs er die- 
ses interessante Werk in unsere Muttersprache übertrug, kein 
geringes Verdienst um die deutsche Literatur sich erworben^, be- 
sonders , da er mit lobenswerthem Fleifse und mit vieler Sach- 
keuntnifs durch Zweck entsprechende Anmerkungen die Lücken 
dieses Werkes auszufüllen bemüht war, und durch die beige- 
fügten Zusätze über Gelenkwassersucht, über Ahse esse in den 
Gelenken, fremde Körper in den GeleukhcHden, und über Anchy- 
lose das vorliegende Werk wahrhaft bereicherte. Sechs Ku- 
pfertafeln sind zur Erläuterung des über die verschiedenen Ge- 
Unkkrankhciten Gesagteu beigefügt. C. J. Beek. 



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Cic. orat. Phil. edit. Wernsdorf. 47 

1 

M. T. Ciceronis Orationes Philippicae in Antoni- 
um; Textum ad codicis faticani, aliorumque libromm op- 
timorum ßdem castigavit , notis variorum cditionis grjEVia~ 
Hjs aliorumque interpretum, integro Gasp Garatoku com.' 
mentario nondum edito , et suis animadversionibus instruxit, 
denique Manutii commentarium et indices adjecit Gre- 
gor Gottlieb Wernsdorf. Tomusprimus (die erste und 
zweite Rede enthaltend) Lipsiae apud Gerh. Fleischerum. 
MDCCCXXI. XXIV und 65* S. gr. 8. 7 ß. 

Eine vorzügliche, künftig für Jeden, der das beste und Wich- 
tigste über diese Reden kennen und besitzen will, unentbehrli- 
che Ausgabe, die schon durch ihren Herausgeber auch nach des- 
sen erstem Plane viel Werth erhalten haben würde, die aber 
nun durch einen Zusammenflufs günstiger Umstände zu einer 
Schatzkammer der Kritik und Interpretation dieser Meisterwerke 
Ciceronischer Beredsamkeit geworden ist. Um unsere Leser 
auf den Standpunkt zu stellen, von dem aus diese Ausgabe be- 
traphtet werden mufs, theilcn wir aus der, gut geschriebenen, 
Vorrede die nöthigen Notizen mit. Als die Quelle der besten 
Lesarten ist der Codex vaticanus schon von Mure ins ß Faernus und 
Ursinus erkannt, und zum Grunde gelegt worden. Er giebt oft 
allein das Wahre und bestätigt in der Regel die besten Lesar- 
ten anderer Handschriften. Dafs der Text dieser Reden in den 
Ausgaben noch so fehlerhaft ist, kommt fast immer von den Ab- 
weichungen von jenem Codex her. Gravius hat oft seine Lei- 
tung verlassen , noch weit Öfter Ernesti : nie ohne Schaden der 
Reinheit des Textes. Darauf hat Hr. W. schon i8i4 i R einer 
eigenen Schrift ( De Codicis V aticani in Cic. Oratt. Philipp, 
textu restituendo auetoritate Numb. ap. Klaffenbach ) aufmerksam 
gemacht, hat die Quelle des gewöhnlichen, nicht nach dem Vat. 
Cod. verbesserten, Textes nachgewiesen, nämlich die Römische 
Ausgabe voii i46o, oder die von Pannarz und Schweynheim 
von i47*, auch die Herausgeber, die dem Codex folgten, und 
die, die ihm nicht folgten, bezeichnet; darauf im Jahr i8i5 die 
zweite Philippische ReJe übersetzt und, mit einem nach Hand- 
schriften berichtigten Texte versehen (Leipz. bei Gerh. Fleischer 
8.), herausgegeben, und dazu den Ernestischen Text verglichen, 
dessen Abweichungen vom Cod. Vat. gewöhnlich Fehler sind. 
Nun beschlofs er, die Philippischen Reden ganz herauszugeben. 
Hr. C. Göttling verglich für ihn den Codex der Universität Je- 
na, von welchem J. M. Heusiuger in der Vorrede zu Cic. Orr. 
seil. (Isenac. 4744) vermuthete, dafs er derselbe sey, den einst 
Gravius bei seiner Ausgabe des Cicero brauchte. Das Resultat 



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48 Cic. orat. Phil. edit. Wernsdorf. 

der neuen Vergleichung war, dafs Ihn entweder Gräviu9 nicht 
hatte, oder nicht genau verglich. Diefs war die beste von den 
neuer» Handschriften, die Hr. W. zu benutzen bekam. Von, 
einer andern, ziemlich alten und guten, aus dem Kloster Te- 
gernsee (wir wissen nicht, warum Hr. W. immer Teegernsee 
schreibt), schickte ihm der verstorbene Harles die Varianten, 
■und bei der ersten Rede konnte er auch die Lcsarteu einer als 
Erlauger Codex bezeichneten neuern Handschrift benutzen. Die 
Lesarten des Cod. Gud. St. , nach Görenz aus dem loten Jahr- 
hundert, das sagt aber t*. nicht, wie Hr. W. angiebt, in der 
Praef. ad Cic. Tuscc. y die unseres Wissens leider noch nicht 
"erschienen sind, sondern zu Cic. de Legg. p. Vll). Im Jahr 
1816 gab Hr. W. im Specimen novae editionis Ciceronis orati- 
ontim Philipp, adornandae. Lips. ap. Tauchnitz. 8. und erklärte 
seine Absicht, mehr auf die Herstellung eines guten Textes, als 
auf die Erklärung des Einzelnen sich einzulassen , statt dessen 
aber eine geuaue Geschichte jener Zeit und des Lebens des An- 
tonius vorauszuschicken. Nach diesem erhielt er noch die Les- 
arten der Oxforder Ausgabe. 

Durch "Wolf in Berlin aufgemuntert schrieb er nun auch 
noch an den, damals noch lebenden, Garatoni, welcher ihm 
mit grosser Bereitwilligkeit seinen bereits seit 3o Jahren aus- 
gearbeiteten, für den taten und lliten Band, der unglückli- 
cher Weise unterbrochenen grossen Ausgabe^ bestimmten , noch 
ungedruckten Commentar überschickte. Nun raufste der Plan 
ganz abgeändert werden. Sollte (was Dankbarkeit und Recht- 
lichkeit erforderten) ' der Commentar Garatonis unverstümmelt ge- 
geben werden , so mufsten nun auch alle notae variorum 
aus der Ausgabe des Grävius abgedruckt werden, ohne die 
jene nicht verständlich waren, nebst den Noten von Lalle mand, 
M. Ant. Ferrutius , Cpelius Secundus Curio (diesen selten ge- 
wordenen Realcommentar kennt Ref. längst aus eigenem Ge- 
brauehe als vorzüglich) und zur zweiten Rede auch die von 
J. M. Heusiugcr, die Gar. beigefügt hatte. Der Letztere hat den 
trefflichen Vaticanischen Codex (den er übrigens für zwei Jahr- 
hunderte jünger als Muretus halt) aufs neue, und nicht ohne 
Ausbeute, verglichen, und dabei die Entdeckung gemacht, dafs 
die Ursache des Unterschiedes zwischen den Angaben , der Les- 
arten dieses Codex bei Muretus und Faernus daher kommt, dafs 
Muretus auch die von einer andern Hand beigeschriebenen Les- 
arten notirte, Faernus aber von den letztem keine Notiz nahm. 

{Der Besebhfs folgt,) 

t 

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. . . •. 



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N or 4 1899 

= Heidelberger IQWt 

Jahrbücher der Literatur. 

- - - - ■*-—- ■ f- i -B Tfc M i | _ I H 

r 

\ 

Cic. oral. Phil. edit. IVernsdorf. , 
{B e sc k i u J s.) 

■ 

Das Letztere tadelt Gar., und sagt, die andern Lesarten seiet* 
eben so zu beachten und eben so alt, als die des Codex sdjksU 
Ausserdem hat Gar. noch 2 Handschriften aus dem i5ten m*r- 
hundert, die Ausgaben des Victorius, Camerarius, Manutius, Car. 
Stephanus, Lambinus, Aldus, die Römische von 1469, die Gry- 
phischc von i539, un< l die Venetianische von i483 gebraucht. 
Nun giebt uns also Hr. W. erstlich die Noten der frühern Her- 
ausgeber, dann Garatoni's ganz, ob er gleich zuweilen gerne Ei- 
niges weggelassen, Anderes zusammengezogen, Einiges geändert 
hatte, darauf seine eigenen Bemerkungen, die seine Ansichten 
über Garatoni's, Ernesti's (den Gar. nicht hatte) und Schütz's 
Lesarten und Noten enthalten, ändert zuweilen die Lesarten des 
zum Grunde liegenden Gravius'schen Textes nach dem Cod. Va» 
tican. und giebt endlich die Lesarten aus seinen eigenen neue« 
Hülfsmitteln , denen er aber nur wenig Werth beilegt. Betrach- 
ten wir diese Masse von Anmerkungen, so werden wir uns nicht 
wundern, dafs in dieser Ausgabe dutzende von Seiten voller An-* 
merkungen ohne eine Zeile Text sind. Ueber Garatoni's Anmer- 
kungen wollen wir nicht ausführlich sprechen , da er schon längst 
als ein feiner Kenner der Ciceronischen Latinität und als ausge- 
zeichneter Erklärer bekannt ist. Die Grävius'sche Ausgabe der 
Reden des Cicero., die so selten geworden, wünscht ohuediefs 
Jeder zu besitzen; und hier haben wir wenigstens einen Theil 
der Reden in ihr, unvcrstümmclt und sehr bereichert. Hrn. Ws. 
Anmerkungen aber, die nun freilich nur ei ucn ganz kleinen Raum, 
* der Ausgäbe einnehmen, haben unsere Erwartung ganz befrie- 
digt, und wir sind nur auf wenige Stellen gestossen, wo wir 
unser Urtheü mit dem seinigen nicht vereinigen konnten. An- 
statt nun mit dem Herausgeber über einzelne herausgehobene 
Stellen zu polemisiren, wollen wir lieber, um unsern Lesern ei- 
nen Vorschmack von dem zu geben, was Cicero's Text durch 
diese neue Ausgabe gewonnen hat, in einer Anzahl von Capiteln 
4er »w«it«u Phiiippischen Rede, dio von der Ernestischen Aus- 

4 



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5o Cic. orat. Phil. edit. Wernsdorf. 

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gäbe abweichenden Lesarten mittheilen und über einige unsere 
Bemerkungen einschalten. 

Cap. I. viginti annis - — dtdit (ohne Fragzeichen) II fr" 
miUari et necessario ('ohne meo) III. nun quam qui illum intet f. 
ohne iY — At (Tür nam) in illa querela — Qu od (iiax Et) 
quidem- cujus *■ — - IV* -reducere y adjurasque — facturum, idque 
■ — quem ('für quam} neque auetoritas — itJUa esse poterat — 
V. vel quod ita /actus est ( ohne consul) — Ja. ("für M') Gla- 
brioni — proyidit, tum quod — KI Hujus ego , alienus , co/i- 
siliis — tum Gnathoni , tum etiam Ballioni — qui rem ("für 
do mum) suam nuüam habent — nihil ref er as, ad eos refc- 
ras ("für refers) < — VII, a te omnibus vitiis jam esse — VIII» 
totMjin oratione tua — ( cupit enim se audveem ) ohne dici 
— - TR> Ityraeis. — Bald darauf will Gar. sed quia tantam rerum 
repugnantiam non videas aus dem Cod. Vat., der alle bisher 
angeführten bessern Lesarten hat, auch aufgenommen wissen, 
und sucht die Richtigkeit dieses Conjunctivs durch mehrere Stel- 
len zu beweisen. Wir wunderten uns, dafs Hr. W. diefs noch 
durch die Codd. Jen. und Teg. zu bestätigen schien; bis wir 
endlich sahen, dafs es ihm späterhin doch mi stiel. Denn er sagt 
in den Addendis, die von Gar. angeführten Stellen beweisen nichts: 
Nam ubi loci ratio , sagt er, ea est, ut res, seu, quum de par- 
ticula quia disputetur , caussa per se, non tanquam cogitata, 
efferatur, sequi debet indicativus, sin minus, conjunetims. Jam 
ad hanc rationem lo/ci a Garatonio allati, referendi sunt, non 
item noster Ganz richtig : doch hätte sich die Sache noch kla- 
rer ausdrücken lassen. — cum rei publicae perniciosa arma ipse* 
ceperis., — Quam id te ( dii bonüj non decebat / — de vor- 
swus plura respondebo — te neque illos, neque ullas omnino 
— IX. Quod q uidem ("für Sed quid?) ego favisse — eum 
id jacturum esse suspicaretur — Quid? Ergo in tanta (i\\v .quid 
ergo?) in t. — X. se totum Pomp ejus Caesari tradiderat. 
Keine einzige Handschrift hat tradiderat, alle tradidit , eben 
so auch die altern Ausgaben sämmtlich. Jenes ist eine, auch von 
Schütz aufgenommene, Conjcctur Ernestis, die wir allerdings 
billigen, aber die als Conjcctur anzugeben war. — Cum jam 
opes omnes — quae ego multo ante provideram. — XI. qui * 
(socii) non fuissent. Hr. W. wollte ohne Zweifel [socii] 
in Klammern, nach tiaratoni's Ansicht, der socii und die andere 
Lesart censcii für Glosseme halt, drucken lassen. Er selbst 
aber will mit Grävius und Andern schreiben: quum conscii 
non fuissent. Wir möchten es mit Gar. halten. — Hi igitur 
hi* major ibus orti -— ad contraria/n ,< nav is (d. i. naves ) ap- 
pulisset. — An C. Trebonio eg o persuasi! — <■ idque rci publicae 

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Cic. orat. Phil. edit. Wernsdorf. 5i 

praeclarum, fuisse tarn multos, ipsis glorios um. Aus dem 
Cod. Vat. wie fast AUcs, was wir auszeichnen. Ohne Zweifel 
nicht nur der Ernestischeu , sondern auch der Hcusingei'scheu 
Lesart, die Schütz aufgenommen hat, und die eine blosse Cou* 
jectur ist, vorzuziehen. — XlL excepto te et üs — omnes er- 
~go ffür enim) in culpa — utrum Uli, qui etc. homicidaen* 
sintj an. — ■ Hier konnten zur Bestätigung Cic. de N. D. II. 3£ 9 
ib. Dav.j die 4 ort von Moser angegebenen Lesarten der Hand- 
schriften und Gberenz ad Cic. Academm. II. »n. p. 433 citirt f 
werden. — XIII. quae disjunc t ius dicuntur intelligis'. Für 
das gewöhnliche distinetius hat zwar Schütz auch disjunc- 
tius aus dem Cod. Vat. aufgenommen, aber disjunc te vorge- , 
schlagen. Ohne Noth, dünkt uns, denn Cic. will wohl nicht 
sagen, Antonius verstehe gar nicht, wenn Gegensätze gemacht 
werden; iondern, wenn er dabei nachdenken müsse, weil es 
nicht ganz offen da liege. — • praemiis dignissimos judicatos 
esse. — ne aut celatum nie, Ulis ipsis non — commendalior 
f ohne erit) dominum memoriae — - qui illos quum accesserint, 
— Alle Ausgaben haben quo, Hr. W. giebt gar keine Vari- 
ante aus einer Handschrift an. Schütz Miat quum aus Ernestus 
richtiger Conjectur aufgenommen. Aber alle drei , unser Her- 
ausgeber, Sch. und Eni. konnten quum urkundlich nachweisen; 
denn die Cratander'sche Ausgabe, Bas. 1 5a 8 Fol. hat zwar quo 
im Text, aber quum, aus Handschriften, am Rande. — XJV. 
conturbatus esse mihi oideris. — XV. meisque conservatam con- 
siliis — dimissa molestiis omnibus, ohne Corama nach dimissa. 
Ganz recht; so wie im XIV. Cap. das Comma zwischen domus 
q^uäestuosissima mit Recht weggelassen ist. Hr. W. hätte 
noch manches überflüssige Comma, mit denen besonders seit Er- 
nesti die Ausgaben überladen sind, wegstreichen können. — pri- 
mum , ut poslea dignitati possemus — qiii eum de Pharsali- 
ca fuga. — - Gleich darauf will Gar. persecuti für proseenti 
aus dem Cod. Vat. aufgenommen wissen, und beweist aus vie- 
len Stellen, dafs per sequi auch im freundschaftlichen Sinne für 
comitari gebraucht werde. Hr. W. bestätigt es noch aus der - 
Jen. Handschrift, und auch Ferrarius fand diese Lesart in einem 
Codex. Sie kounte also immerhin aufgenommen werden. Da- 
gegen nimint er Be auf, ohne zu sagen, dafs es nicht blos Er- 
nesti weggelassen hat, sondern dafs es noch in mehreren alten 
Ausgaben und Handschriften fehlt. Dafs es aufgenommen ist, 
billigen wir übrigens sehr. XVI. Erat quidem illa castra — 
albus a lerne (für das schlechte atervc) — Hier macht * Jarat. 
eine scharfsinnige Conjectur; Et quidem vide, quam te amarit 
ü, qui albus aUrne fuerit, ignoras, Fratris fdium etc., wel- 



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5a Cic. oral. Phil. edit. Wernsdorf. 

eher Hr. W. zwar Gerechtigkeit widerfahren läfst; die wir aLer 
mit ihm für nicht gerade nothwendig halten. — Q, Fufii, Ao- 
nestissimi — suique amantissimi (Tür amicissimi). Von 
-den zwei Lesarten: ne nomen quidem perscripsit und ne nominat 
quidem behält Hr. W. die letztere im Text. Heusinger und Gar. 
halten beide für Glossen, und diese Ansicht, der auch Schütz 
gefolgt ist, scheint Uns die richtige; ob wir gleich Hrn. Ws. 
■ Vorschlag, nach amantissimi ein Punctum zu setzen, und 
dann ne nominat quidem zu behalten, nicht geradezu verwerfen 
wollen. Nothwendig ist das folgende aus dem Cod. Vat. , aut 
certe nun quam salutaverat für ac n. s. Schütz läfst aUt weg, 
XVII. quanta merces data est rhetori? Wir können dem Vor- 
schlage Garatoni's: at, quanta merces data est rhetori, auditez 
audite , P.C. etc. zu interpungiren , aus grammatischen und rhe* 
torischen Gründen nicht heistimmen. — Ut p opuli Rom an £ 
tanta mercede (Tür ut pro t. m.) y welches auch Schütz aufge- 
nommen hat, der überhaupt sich weit mehr an den Vaticanischen 
Codex anschliefst und einen bedeutenden Theil der bessern Les- 
arten aus ihm giebt. XVIII. muliebrem togam (Tür stolam) 
reddidisti — se in exilium iturum (ohne esse). — . Quo tem- 
pore ego quanta mala. — Haec tu quum per me — ohneln- 
terpunetion inach tu. Besser. — XIX. contra senatus auctoris 
tatem, contra rem publicum et religiones: so giebt auch Schütz, 
sagt aber in' seiner Note unrichtig: vulgo religionem; denn 
vulgo stehen auch die Worte rem pubheam e t nicht im Text. 
"Wir haben vor uns den Text des Cratander , des Manutius , des 
Brutus, Gruters, Stübels, (welcher religione s bat), Verburgs, 
die Zwcibrückcr Ansgabe: in allen fehlen jene drei Worte. 
Aber der Cod. Vat. hat sie , und nach Schütz auch der Cod. 
Jen., wovon aber Hr. W. nichts erwähnt. Ihre Aufnahme ver- 
dient Beifall. — Suarn enim quisque domum obtinebant. — XX, 
ad par entern tuum (Tür tuam ) venisse. Diese Lesart ist im 
Cod. Vat. Ihre Richtigkeit zeigt Gar. theils aus dem Charisius 
p. 72. (her es, parens, homo , etsi in communi sexu intelli- 
gent ur , tarnen masculino genere Semper dicuntur) , theils aus 
Stellen der Alten , w o parens von der Mutter im mascul. ge- 
braucht wird. Doch schwankt er wieder am Schlüsse. Hr. 
W. entscheidet sich bestimmt für das Mascul in um. Freilich ha- 
ben alle Handschriften tuum, mehrere dabei das falsche patrem, 
ungeachtet die Mutter gemeint ist. Allein das Beispiel steht bei 
Cicero doch zu einzig da, die Stelle aus Virg. Aen. III. 34*- 
ist kritisch ungewifs. Wir wollen also lieber mit Gar. ea^c/v. 
Accepetam ("ohne enim) jam ante. — 



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Ueber eine Aegyptische Urkunde v. A. ßoeckh etc. 53 

Doch das Bisherige mag hinreichen, um auf diese Ausgabe, 
ihre Vorzüge und ihren Gehalt aufmerksam zu machen. Wir 
wünschen nur ununterbrochene Fortsetzung und baldige Vollen- 
dung des Werkes, das wohl nicht weniger als drei solche Bän- 
de (vielleicht 'vier) füllen wird; weswegen wir den Schmutzti- 
tel bei dem Bogen A nicht recht deutlich finden können , wo es 
heifst: M. T. C. Otationuni PhiUppicarum pars prior. — Druck 
und Papier sind gut; die Correktur besorgte der auch in die- 
ser Hinsicht verdienstvolle Hr. Prf. Schäfer. 



4. Erklärung einer Aegjrp tischen Urkunde auf Papyrus 
in Griechischer Cursivschrift vom Jahre 4o4 vor der clirist- 
lichen Zeitrechnung in, der öffentlichen Sitzung der KönigL 
Preussischen Akademie der Wissenschaften den */ t . Januar 
vorgelesen von August Boeckji > ordentlichem Mit glicde der 
KönigL Akademien zu Berlin und München. Mit einet Ta- 
fel in Steindruck. Berlin 48*4* Gedruckt und verlegt bejr 
G Reimer. 36 S. in gr. Quart. 

». Ueber die in den Sammlungen der KönigL Akademie der fVis- 
senscJiaften zu München befindlichen, Mumien und andere 
Aegyptische Altert hümer. Von Gustav Friedrich Waa- 
gen t Dr. Ph.. — Nebst einem Vorwort des Gen. Secr. 
der AL Dir. v y $chlichtegroÜ. 68 S. in gr. Quart und ei- 
ner Tafel in Steindruck. 

D ie Urkunde , deren Erläuterung Gegenstand dieser Schrift ist, 
ist eine mit dem grossesten Fleisse bis auf die Löcher des Pa- 
piers und dessen Farbe nachgeahmtes Fac simile einer Papyrus- 
rolle, im Besitz des Schwedischen Consuls zu Alexandria, durch 
den Herrn General von Minutoli der Königl. Akademie der Wis- 
senschaften zu Berlin übersandt. Es zeigt dieselbe trotz des lio- 
hen Alters von 1925 Jahren — sie ist io4 vor Chr. geschrie- 
ben — noch wohl erhaltene Schriftzüge, und betrifft den Ver- 
kauf eines Grundstückes, das ein gewisser Nechutes an sich ge- 
kauft hatte, dorn diese Urkunde wohl auch wahrscheinlich ins 
Grab mitgegeben worden. Nicht blos von Seiten ihres Inhalts 
ist sie wichtig, sondern auch von Seiten der Schrift selber , wel- 
che das älteste Denkmahl einer vollkommenen Cursivschrift ist, 
und unter Andcrm zeigt, wie schon damals in Aegypten die 
Griechische Sprache so eingeführt War, dafs sie die amtliche, 



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54 Ueber eiue Acgyptische Urkunde v. A* Boeckh etc. 

selbst in Privatangelegenheiten war. (Eine Behauptung, dif wir / 
jedocb nicht in dieser Bestimmtheit auszusprechen wagen wür- 
den, wenn sie nicht in der Folge durch neue Funde Bestätigung 
erhält; zudem war ja auch Ptolemajs, wo die Urkunde abge- 
fafst wurde, eine Griechische Stadt, gegründet noch nicht 
so lange durch die jetzt regierende Dynastie der Ptolemäcr *). 

DerEingaug dieser Urkunde enthält die gewöhnlichen Zeit- 
bestimmungen , die genauen Augaben der regierenden Häupter — : 
Kleopatra und ihr Sohn Ptolcmäus , zubenamt Alexander — der 
Priester, der obrigkeitlichen Personen zu Ptolemais, unter deren 
Aufsicht der Kaut' abgeschlossen', so wie des Ortes, in dem das 
Grundstück lag, des Lathyritischen Nomos. Dann folgeu die 
Namen der vier Verkäufer, und zwar genau signalisirt (wie z. 
B. : y>PamoHÜies t schwärzlich von Farbe, schön, von Körper lang, . 
runder Gesichtsbildung, gerader Nase«) ; was eine gewifs auflal- 
lende, den Hellenen auch völlig tinbekannte Erscheinung ist. Der 
Käufer dieses- baumlosen Grundstückes von 5o5o Ellen ins Ge- 
vierte ist Nechutes, die |Ankaufs"-Summe beträgt 60 1 Stück Kup- 
fergeld. Auch der Käufer ist, eben so wie die Verkäufer ge- 
nau signalisirt. — »Nechutes Kleinprasser, gelbfarbig, angenehm, 
von langer Gesieh tsbildung, gerader Nase, eine Narbe mitten 
auf der Stirn« — und bei dem Grundstück sind die Naehbartt 
genau bezeichnet, wie bei unsern Hypotheketa und Obligationen 
wohl zu geschehen pflegt. Die Unterschrift der Stcueranieger 
Und Schreiber nebst Datum bcschliessen die Urkunde. 

Nur weniges ist dem Scharfblicke und dem geübten Auge 
des Hrn. Böckb , der hiebei von den Hrn. Professoren Buttmann 
und Bekker unterstützt ward, unleserlich geblieben, was bei 
den höchst schwierigen Schriftzügen der Urkunde, wie d<e 
beigefügte Tafel zeigt, gewifs nichts leichtes war. Sehr 
schätzbar und wichtig sind die.- Erläuterungen, mit welchen Hr. 
Böckh diese Urkunde ausgestattet hat. Sie verbreiten sich über 
mehrere schwierige Punkte der Urkunde, dergleichen z.B. die 
Zeilbestimmungen, die Angaben der Regenten und Götter sind. 
Was das erster« betrifft, so hat Hr. Böckh durch Vcrgleichung 
der Aegyptischcn Monate, und mit Zuratheziehung der neue- 
sten Untersuchungen von Champollion - Figeac Annales des La- 
gides als das Datum der Urkunde den i3ten Februar des Jah- 
res vor Christi io4 ausgemittelt (S. 17). Auch über die hier 



) Wie wir so eben sehen, hat auch Jomard in der Anzeige die- 
ser Abhandlung denselben Zweifel gehegt und seine Gründe wei- 
ter ausgeführt; Revue Encyclopedique i&U May S. 372, 



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1 

lieber eine Aegyptische Urkunde von A. Boeckli 1 . 55 

erwähnten Personen namentlich findet man ausführlichere Erörte- 
rung. Es gehören nemlich die vier Verkäufer zu den Petoli- 
t tosten unter den Memnonischen Lederarbeitern, welche nach 
S. 24. wohl nur einen besonderen, geschlossenen Zweig oder 
eine Unterabtheilung der von Herodot mit dem Namen xocmjkoi 
bezeichneten Kaste bildeten, in sich eben so wieder geschlos- 
sen, fac die Kaste im Allgemeineren. Merkwürdig ist, dafs sie 
Grundeigeuthum und Grundbesitz haben, ferner dafs Einer von 
ihnen als Herr der drei Andern, die indefs doch auch Autheil 
am Grundstück besitzen, genannt wird, woraus wir die That- 
sachc gewinnen, »dafs in den Ägyptischen Kasten der n ede- 
»ren Art wieder ein Unterschied zwischen Herrn und Theten ( 
»statt fand, welcher so natürlich ist, dafs er kaum fehlen 
»konnte.« (S. 28.) 

Wir hoffen, diese Proben werden hinreichen, um das 
Publi cnm auf diese wichtige Urkunde, wie auf die beigefügten, 
schatzbaren Erläuterungen, wie sie freilich nicht anders von ei- 
nem solchen Gelehrten, als der Hr. Verf. ist, zu erwarten wa- 
ren, aufmerksam zu machen, wir wenden uns zu Nr. 2., eiuer 
Abhandlung, vorgelesen in den Sitzungen der Münchner Akade- 
. mie von Hr. Dr. Waagen, aufgenommen in die Denkschriften 
derselben, »weil sie so treu darstelleud und belehrend gefüu- 
»den,« wie das Vorwort des Hrn. Director Schlichtegrqll ver- 
sichert. 

Es ist bereits aus Öffentlichen Bliktern bekannt, wie im 
Jahr 1820 die köuigl. Baltische Academie der Wissenschaften 
zu München durch die Freigebigkeit ihres Königs Tn den Stand 
1 gesetzt ward, durch Ankauf einiger vorzüglich reicher und 
wohlbehaltener Mumiensärge nebst ihren noch unentwickelten 
Leichnamen und einer beträchtlichen Anzahl anderer Aegvp'ti- 
schcr Alteithümer, von Hr. Sieber aus einer Reise durch Ae- 
gypten mitgebracht, den Aufang einer Aegvptischen Alterthunis- 
ffainmlun« zu raachen. Das Merkwürdigste dieser Sammlung, 
vier noch vollkommen eingewickelte Mumien, mit ihren vollstän- 
digen reich mit Malereien geschmückten Decken und Sarko- 
phagen, zwei zu Theben, die dritte in der Nähe desselben, 
die vierte an noch nicht bekanntem Orte gefunden, sind neben 
sieben von den Kreisbinden mehr oder weniger entblöfsteu Mu- 
mienköpfen und einigen andern minder bedeutenden Aegvpti- 
schen Alterthümern zunächst Gegenstand der erwähnten Ab- 
handlung des Hr. Dr. Waagen. Nachdem derselbe ebeu jene 
sieben Köpfe aufs genaueste untersucht und beschrieben, kommt 
er S. 20. auf die Beschreibung der Decken oder Masken und 
der Sarkophage nebst ihren Deckeln. Wir bedauern, durch 



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» 



56 Ueber eine Aegyptische Urkunde von A. Boeck h. etc. , 

den Raum beschränkt, dem Hrn. Verfasser, in seiner eben so 
genauen als getreuen Beschreibung, die sich bis in das geringste 
Detail verbreitet, nicht überall folgen zu können, versichern 
auch unsere Leser , dafs wir nach dieser Beschreibung die An- 
sieht desselben theilen zu müssen glauben, wenn er nemlich be- 
hauptet, dafs diese Mumien in Vergleich m|t den in den ver- 
schiedenen Museen Europa's befindlichen zu dem Merkwürdig- 
sten gehören, Ayas man von dieser Art noch kennt, besonders 
was die überhaupt seltenen, hier überdem noch so reich und 
prachtig mit Malereien gezierten und so gut erhaltenen Sarkophage 
betrifft, die selbst deu bekannten, jüngst vou Hr. von Haminer 
beschriebenen Sarkophag der Wiener Mumie übertreffen. Konu- 
ten selbst die Franzosen bei ihrer grossen Expedition keinen 
einzigen vollständigen Sarkophag entdecken! Sehr merkwürdig 
sind die Malereien , womit jene Sarkophage geschmückt , sind, 
auf die Aussenseite, wie von Innen , im Styl übereinstimmend 
mit denen der eben erwähnten Wiener Mumie, in Rücksicht 
des Inhalts ebendenselben uichts nachgebend j eben so merkwür- 
dig und belehrend sind die Aufschlüsse, die uns Hr. Dr. Waa- 
gen darüber giebt. Sehr auffallend mufs es allerdings seyn, . 
wenn z. B. auf dem Sarkophag Nr. i. Osiris erblickt wird, ' 
mit beiden Händen thronend, den Thyrsus haltend, unter des- 
sen Spitze die heilige Binde befestigt ist, und längs dem ein 
Pantherfell, wie wohl nicht bezweifelt werden kann, herab- 
hängt, wenn ferner auf einer Art Altar vor demselben ein Op- 
ferkorb, heilige Brode und ein Granatapfel liegen. Vorstellun- 
gen, wodurch die Ansichten des Hrn. von Hammer in Erklä- 
rung der Malereien der Wiener Mumie allerdings neue Bestäti- - 

fung gewinnen. (S. Fundgruben des Orients V. Bd. III* Heft.) 
,s ist davon auf der beigefügten Steindrucktafel eine, obwohl 
nicht ganz deutliche Abbildung mitgetheilt. Unter den Farben 
herrscht das Grüne vor, jedoch iso dafs die Grundfarbe sämmt- 
licher' Vorstellungen auf allen vier Sarkophagen das Gelbe ist; 
Gesichter und Hände der Deckel und Masken, meist auch die 
nackenden Theile der gemahlten Figuren sind gelb, was auch 
bei der Göttinger Mumie der Fall ist. (Vergl. S. 39, 52, ff.). 
Da überdem auf sämmtlicheu vier Sarkophagen in bestimmten 
Verhältnissen auch immer dieselben Farben wiederke ren, so 
hielt sich unser Hr. Verf. um so vielmehr berechtigt, der An- 
nahme derer beizupflichten, die wie z 4 B. Böltiger, eine sym- 
bolische Anwendung und Bedeutung der Farben behaupten 
(S. 54-)* Nach einigen allgemeinen Bemerkungen über die 
Farbenstoffe, über den Chara ter der Physiognomien und Kör- 
per, so wie über das Verhaltuifs dieser Mumien und Sarko- 



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Mei&ner, üb. Heitzung mit erwärmter Luft. 57 

r 

phage zu andern anderwärts befindlichen, schildert uns dann 
Ilr. Waagen noch Einiges unter der grossen Auzahl von Antif 
caglieu, Mumienidole, künstlich von Kohr uud Binsen gefloch- 
tenen Schnäbelschuhen u. dgi. mehr. — 

Wir glauben dabei nicht verschweigen zu dürfen, wie 
auch diese mit eben so viel Pünktlichkeit als Genauigkeit 
angestellten Untersuchungen die Wahrheit dessen von neuem 
bekräftigen, was Hcrodot und Dipdor berichtet, uud was 
in neueren Zeiten mit so grossem Eifer und Beifall von 
Französischen Gelehrten in dieser Hinsieht geleistet wor- 
den ist. Einige Punkte werden durch die seitdem erschie- ' 
neue Reise von Belzoni in noch helleres Licht gesetzt werdeu. 
Als Beispiel wollen wir frier nur den dreifachen Unterschied 
der Mumisirung anführen, dessen unser Ycrf, S. n. gedenkt, 
worüber sich jetzt Belzoni in Bezug auf die Hauptstelle des 
Hcrodot ausführlicher erklärt hat; s. dessen f^oyages en Egypte 
et Nubte, (traduilis par G. B. Depping. Paris 4824.J Tonu Ii 
pag. 962. ff. 

Wir sehliessen unsere Anzeige dieser verdienstlichen Ab- 
handlung mit dem Wunsche, über ähnliche Gegenstände auf 
ähnliche Weise d. h. eben so getreu als genau und ausführlich, 
belehrt zu werden; dann erst wird es uns nach und nach mög- 
lich werden, eine richtige und vollkoramnere Einsicht in das 
Aegvptische Alterthum zu gewinnen. B. 



Die Heitzung mit erwärmter Luft als das wohlfeilste, bequemste 
und zugleich die Feuersgefahr am besten entfernende Mittel 
zur Erwärmung grösserer Räume, als: der öffentlichen Ge- 
bäude, der Herrschaftswohnungen , Fabriken etc.; darge- 
stellt von P. F. Meissner , Prof. der techn. Chemie am 
k. polytechnischen Institute in IVien u. s. w. Mit 6 Ktfln. 
Wien 4 8» 4. 44 S. 8» 

Wegen der Wichtigkeit des hier angeregten (gegenständes er- 
, lauben wir uns' eine kurze Beurtheilung dieser kleinen Schrift. 

Das gewöhnliche Hcitzen der Zimmer geschieht bekannt- 
lich durch Stubenöfen > in denen das Brennmaterial verzehrt 
wird, und welche in den zu erwärmenden Räumen stehen. 
Sollte die Erwärmung dieser Räume blofs durch die Verbrei- 
tung der Wärme in denselben von den Oefen aus nach den ge- 
wöhnlichen Gesetzen der Wärme -Leitung geschehen; so würde 



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58 Meifsner , üb. Heitzung mit erwärmter Luft. 

es unmöglich seyn, grössere Räume auf diese Weise zu heitzen. 
Allein nach aeiostatischen Gesetzen steigt fortwährend die er- 
hitzte, den Ofen zunächst umgebende Luft in die Höhe, wie 
man namentlich an den bekannten kleinen Flugrädchen wahr- 
nimmt, die kalte Luft dringt von unten wieder zum* Ofen, und 
so geschieht die Erwärmung des Zimmers offenbar ganz eigent- 
lich durch erwärmte Luft. In grossen Räumen geht diese 
Strömung oft langsamer, wenn nicht darin beGndliche Menschen 
durch ihre Bewegung oder sonstige Ursachen sie befördern. 
Ei nangesehener Physiker mischt daher zuweilen die ungleich 
erwärmten Schichten vermittelst eines bewegten Regenschirmes 
durch einander, und in England hat man versucht, den Ofen 
mit einer blechenen, an beiden Seiten offenen Trommel zu um- 
geben , um nach Art der gläsernen Schornsteine argandscher 
Lampen den Luftzug, zu vermehren. 

Bei dem immer höher steigenden Preise des Brennmaterials 
ist man vorzüglich darauf bedacht, die gröfste Wärme -Produc- 
tion durch die geringste Consumtion des Materials zu erhalten. 
Dieses geschieht zuerst durch Festhaltung der erzeugten Wärme 
vermittelst Vermeidung einer Ableitung derselben durch bekannte 
Mittel, und demnächst dadurch, dafs die erzeugte Wärme mög- 
lichst vollständig der Ziromerluft mitgetheilt wird. Am unvoll- 
kommensten geschieht letzteres durch Caminc, am vollkommen- 
sten bis jetzt durch gut gebauete sogenannte schwedische Oefcn. 
Blofs in solchen Trockenstuben, worin leicht feuerfangende Sub- 
stanzen getrocknet werden, ist es gefährlich, Feuer auch in den 
festesten Oefen eingeschlossen zu haben, und man hat daher 
eine Erwärmung durch Dämpfe vorgeschlagen, weil diese nicht 
über die Siedehitze kommen, und also auf keine Weise eine 
Entzündung bewirken können. 

Statt dessen schlägt der Verf. vor, die Luft in besondern 
Kammern zu erwärmen, und sie durch Röhren uach aerostati- 
schen Grundsätzen in die zu heitzenden Zimmer zu leiten. 
Ree. will nicht in Abrede stellen, dafs man durch die angege- 
bene Vorrichtung den vorgesetzten Zweck erreichen wird, auch 
ist diese Aufgabe ausnehmend leicht, und die angegebenen Ccm- 
struetionen sind allerdings praktisch und der Sache angemessen; 
allein der Ausführung dieses Vorschlags stehen, wo nicht aus- 
nahmsweise örtliche individuelle Benutzung erwärmter Räume 
statt findet, bedeutende Hindernisse im Wege. Hierhin gehört 
vorzüglich der -grössere Aufwand von Brennmaterial, indem man 
doch, ausser den zu erheitzenden Zimmern auch die Heitz- 
kammeru erwärmen mufs, bei denen eine Wärmeableitung durch 

Wände und Thüren, aller angewandten Sorgfalt ungeachtet^ 

» 



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Meifcner, üb. Heitzung mit erwärmter Luft. 5g 

nicht ganz vermieden werden kann; ferner der grössere Raumauf- 
wand beim Bauen , verbunden mit der oft grossen Schwierigkeit, 
einen oder mehrere schickliche Heitzraume zu finden, und ausserdem 
eine grössere Unbebülflichkeit und Langsamkeit in der Hervor- 
bringung und Unterhaltung einer gemässigten Temperatur in ver- 
schiedenen Zimmern einer ganzen Oetoncmie. Oft will man 
nämlich nur ein oder einige Zimmer , geh citzt haben, und eins 
vorzugsweise stark und schnell, was sich durch das ohnehin 
beschwerliche Oeffnen und Schliessen der. Köhren nicht immer 
und im Allgemeinen nur unvollkommen erreichen lafst. Die 
unverkennbare, zuweilen allerdings beschwerliche höhere Wärme 
in der Nahe der Stubenöfen als in grösserer Ferne von den- 
selben ist zwar im Allgemeinen unangenehm, oft aber erwünscht, 
und a'ueh bei den Heitzröhreu durch erwärmte Luft nicht ganz 
vermeidlich, wenn man ihre Zahl nicht sehr vermehren, und 
dadurch die Anlage kostbarer machen will. Dafs übrigens nach 
der Behauptung des Verf. durch eine solche Vorrichtung das 
Emporsteigen der wärmeren Luft in den Zimmern gänzlich ver- 
mieden, und überall eine gleichmässige Temperatur erzeugt wer- 
den sollte, widerspricht schon in sofern der ganzen Anlage, als 
ja die wärmere Luft oben in die zu erheitzenden Räume ein- % 
strömen, die kältere aber unten ab fli essen soll. Endlich ist es 
auch weit entfernt, dafs hierdurch jede Feuersgcfahr vermieden 
wurde, indem ein Brand im Schornsteine der Heitzkammer eben 
so leicht und noch leichter möglich ist, als in einem Üfenschorn- 
steine, die aus der zur Glühhitze erwärmten Luft der Heitz- 
röhren entstehende* Gefahr nicht zu erwähnen; auch weifs Ree, / 
jedoch nur aus Erzählungen, dafs der letzte Brand des Schlosses 
in Hessen -Cassel einer fehlerhaften Anlage solcher H eitzröhren 
zugeschrieben wurde. Der Vorschlag wäre demnach nur da 
anwendbar, wo man gewisser technischer Arbeiten wegen oder 
zum grösseren Luxus in herrschaftlichen Zimmern mit einem 
grösseren Aufwände von Brennmaterial und Baukosten vermit- 
telst Anlegung vieler allseitig verbreiteter Heitzröhrcn, ohne di- 
recte Erwärmung durch Stubenöfen, eine allgemeine und gleich- 
massige Temperatur zu erhalten geneigt wäre, und in diesen 
Fallen sind die Angaben des Verf. allerdings zweckmässig und 
ausführbar. 

Ree. wünscht sehr, dafs diejenigen, welche durch die * 
Schrift aufmerksam gemacht allenfalls geneigt sevn könnten, der 
versprochenen Erspamifs tvegen solche Anlagen zu machen, hei 
der Wicntigkeit der Sache auch die hier dargelegten Zw eitel 
vorher unparlheiisch prüfen mögen. 



i 

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I 



60 G. Weber, Theorie der TonsetzkunsL 

Per such einer geordneten Theorie der Tonsetzkunst zum Selbst- 
unterricht, mit Anmerkungen für Gelehrtere , von Gott- 
trieb Weber, sr Bd. Mainz 4848. XII und 335' S. 8. 
mit 7 Notentafeln. 3r Bd. ebendas. 4 82 4. 4oo S. 8. nebst 
einem Notenhefte. (Vergl. diese Jahrb. 4848. S. 80.) 

t 

W ir haben das Erscheinen des ersten Bundes dieses eben so 
klaren als gründlichen Werks in unscm Jahrbüchern mit gebüh- 
rendem Bcifalle ange/eigt. Beim Nachfolgen des zweiten Ban- 
des, (welchem jedoch, wenigstens bei unserm Exemplare, das 
auf dem Titel versprochene Register über beide Bände fehlt) 
wurde dieses zufallig verabsäumt, Woran der nunmehro hinzu- 
gekommene dritte und letzte Band uns wieder erinnert. Zu 
sehr durch den Raum beschränkt, als dafs wir in eine Critik 
oder selbst ausführliche Anzeige einer so reichhaltigen Schrift, 
deren dritter Band ausschliefslich der Theorie des reinen Satzes 
gewidmet ist, eingehen dürften, möge es geniigen, unsere Leser 
auf dasselbe aufmerksam zu machen, indem Ref. hinsichtlich sei- 
nes Uitheils sich ganz auf dasjenige bezieht, was er über den 
ersten Band im Allgemeinen ausgesprochen hat. 



t 

Friedrich roN Rjumer.i Vorlesungen über die alte Geschichte 
in zwei Theilen, Leipzig b. F. A. & rockhaus 4 8% 4. 4r Tld. 
X u. 436 S. ar Thl. Aoü S. in 8. 

* ■ » * 

Fleissiger und gründlicher, als seit langer Zeit geschah, wird 
gegenwartig das Studium der alten Geschichte in Deutschland 
betrieben. Wenn unsere Historiker sich früh er hin gröfstentheils 
damit begnügten, Hand» und Lehr -Bücher über die alte Ge- 
schichte zu schreiben, und unsere Philologen mehr Fleifs ver- 
wendeten auf linguistische und grammatische Untersuchungen, oder 
auf Kritik und Interpretation einzelner Schriftsteller, wobei meist 
jeder Nachfolger die Anmerkungen seiner Vorgänger mehr oder 
minder vollständig wieder abdrucken liefs, und doch im Ganzen 
die Kritik und Exegese der Profanschriftsteller hinter der des 
neuen Testamentes zurückblieb, als auf den Aufschlufs des Al- 
terthums überhaupt, so hat unsere Zeit den Vorzug, dafe sie 
mehr das Alterthum selbst als' die Erläuterung der Quellen, aus 
denen wir dasselbe kennen lernen, berücksichtigt. Es mufste 
aber auch die kritische Prüfung und grammatisch - historische 
Interpretation der alten Schriftsteller vorangehen, ehe Philolo- 



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■ 

t 

F. r. Räumer Vorlesungen üb. d. Geschichte, 61 

* 

■ 

■ 

gen und Historiker sich, mit gründlicher Gelehrsamkeit und 
mit den nothigen Vorkenntnissen ausgerüstet, an die Erläute- 
rung der Alterthümer und Geschichten der classischen Vorzeit 
selbst wagen konnten. Einen doppelten Hauptweg haben unsere 
neueren Historiker, welche das Alterthum zum Gegenstand ihrer 
Forschungen wählten, betreten, indem die Einen hauptsächlich 
im Orient neue Aufschlüsse über die älteste Menschen- und 
Völkergeschichte, so wie über die Anfange der religiösen und 
politischen Cultur und über den Zusammenhang der Völker 
suchen, Andere hingegen die bisher nur zu sehr vernachlässig- 
ten Specialgeschichten' einzelner Stämme, kleinerer Republiken 
und Völkerschaften - in helleres Licht zu setzen bemüht sind. 
Die Bestrebungen beider Partheien haben zu wichtigen Resul- 
taten und beträchtlichen neuen Entdeckungen geführt, auch ha- 
ben die grossen Fortschritte, welche die Naturwissenschaften in 
den letzten Decennien machten, entscheidenden Eiuflufs auf 
richtige Ansichten über die sogenannte Urwelt und die alte-* 
sten 'Mythen gehabt. Den sicheren Weg scheinen uns indessen 
diejenigen zu betreten , welche nicht wie die meisten Forscher 
der mythischen Ueberlieferungon des Orients durch scharfsinnige 
Combinatiouen , welche sich bald auf tiefere Sprachforschungen 
und genauere Sprachvergleichungen, bald, auf blosse Etymologien, 
hM auf Zahlenverhältnisse, bald auf andere einzelne Aehnlich- 
keiten in religiösen Meinungen, bürgerlichen Einrichtungen und 
artistischen Darstellungen, bald auf eine höchst willkührliche 
Behandlung der Mythen selbst gründen, neue Resultate über 
Alter und Zusammenhang der Völker und ihrer .Cultur zu ge- 
winnen suchen ; sondern auf dem rein historischen W ege das 
Einzelne zu erläutern und dadurch der gehörigen Zusammen- 
stellung des Ganzen vorzuarbeiten streben. Wie viel Licht wird 
nicht die ältere griechische Geschichte erhalten, wenn erst die 
vielen Specialgeschichten pelasgischer und hellenischer Stämme 
und Staaten genauer untersucht worden sind, auf die Art wie 
besonders K. O. -Müller angefangen hat. Ree. möchte behaup- 
ten, dafs wir eben so wenig an eine Nationalgeschichte der Grie- 
chen denken können, bevor das Einzelne gehörig erläutert ist, 
als sich eine den Forderungen der historischen Forschuug und 
Kunst entsprechende Geschichte der Deutschen erwarten läfst, 
bevor die Specialgeschichten der einzelnen Stämme, Länder uud 
selbst kleinerer reichsstädtischer Gebiete summtlich sorgfaltig er- 
forscht sind. Wir wollen hier nicht über die Grenzen der My- 
thologie und der Geschichte streiten, uoch weniger behaupten, 
<büs »ich der Punct, wo sich die Mythe von der Geschichte 
trennt, genau angeben lasse, und räumen gern ein, dafs der 



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62 F. Y. Raumer Vorlesungen üb. d. Geschichte« 

Geschichtsforscher eben so gut auf die mythischen als auf die nur 
historischen Ueberlieferungen Rücksicht nehmen müsse, indem 
der Anfang aller Uebcrlieferung mythisch ist; aber wir halten 
dafür, dafs die Mythen des Orients mit bei weitem schärferer 
Kritik behandelt werden müfsten, als gewöhnlich geschieht, und 
dafs man nicht die Lieblingsidee uuserer Zeit, alte Völker, mit 
ihren Sprachen und ihrer Cultur, aus dem Orient abzuleiten, 
im Voraus zu den Forschungen mitbringen, und dafs mau neben 
den Aebnliohkeiten auch die Verschiedenheiten mehr berücksich- 
tigen solle. Wie sich aber auch die verschiedenartigen Bestre- 
bungen dieser beiden Arten von Historikern gegen einander ver- 
halten mögen, so ist gewifs, dafs gerade durch diese verschie- 
denartigen Ansichten über Behandlung der alten 'Geschichte das 
Studium dcrselbeu ungemein viel weiter gefördert worden ist. 

^Die Hauptresultate der neuen Forschungen und Ansichten 
über das Alterthum, insbesondere die über den Orient dem 
gebildeten i Publicum bekannter zu machen, ist der Zweck des 
zur Anzeige und Beurtheilung vor uns Ii gen den Werkes des 
schon durch andere Arbeiten im historischen Fache rühmlich be- 
kannten Herrn Verf. Das Buclv darf also nicht nach den Er- 
wartungen der eigentlichen Gelehrten vom Fache , selbst nicht 
einmal nach den, Forderungen, welche an academische Vorle- 
sungen mit Recht zu machen sind, bcurthcilt werden, sondern 
es ist lediglich als ein für die grössere Classe gebildeter Leser 
geschriebenes Buch zu betrachten, in 'welchem also, weder neue 
Untersuchungen anzustellen, noch bereits gemachte Untersuchun- 
gen auf gelehrte Art vorzutragen, sondern nur die Endresultate 
eigener und fremder Untersuchungen mit der nöthigen Deutlich- 
keit mitzuthcilen waren. Dabei konnten nicht alle neuere For- 
schungen berücksichtigt werden, sondern nur- diejenigen, deren 
Resultate so weit gediehen sind, dafs sie dem gebildeten Publi- 
cum vorgelegt werden und dasselbe Lnteressireu können , nicht 
aber diejenigen, welche nur für die Esoteriker angestellt wor- 
den sind, 'noch diejenigen, über welche noch Streit obwaltet^ 
und über welche also der nicht mit dem ganzen Gebiete' unse- 
rer neuesten historischen Kritik bekannte Leser keineswegs zu 
urtheilen berufen ist. Von diesem Standpuncte aus müssen wir 
die Arbeit des Hrn. v. Raumer für sehr gelungen erklären. Die 
Auswahl ist gut getroffen, die Anordnung im Ganzen zu loben 
, und die Darstellung dem Zwecke des Buches angemessen. Jeder 
gebildete Geschichtsfreund wird diese Vorlesungen mit Vergnü- 
gen lesen und sie nicht ohne reiche Belehrung aus der Hand 
legen. Sehr billigen müssen wir insbesondere, dafs der Verf. 
mehr Rücksicht genommen hat auf Verfassungen, Religionen und 



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F. y. Raumer Vorlesungen üb. d. Geschichte» 6$ 

das innere Leben der Völker, als auf die äussere Geschichte, 
auf Dynastienregister uud Regentengeschichte , überhaupt mehr 
den Geist der Zeiten darzustellen bemüht war, als die einzel- 
nen Tha t sachen , in welchen sich derselbe ausspricht, und die 
der Historiker eigentlich nur darum auffafst, um aus ihnen die Zeit 
verstehen zu -lernen; nur hätten wir gewünscht dafs nebeu /len 
bürgerlichen und religiösen Einrichtungen der Völker die wis- 
senschaftliche und künstlerische Bildung derselben näher beleuch- 
tet worden wäre, wodurch insbesondere die griechische Ge- 
schichte, namentlich das Zeitalter des Periklcs, weit anschauli- 
cher, belehrender und anziehender geworden wäre. Bei der 
engen Verbindang in welcher zu Athen das öffentliche Leben 
mit Kunst und Wissenschaft stand, ist es rein unmöglich die 
bürgerliche Geschichte abgesondert ▼ on der Kunst - und Litera- 
targeschichte vollständig darzustellen. Ganz hat der Hr. Verf. 
diesen Punct zwar nicht übersehen, aber einestheils weit von 
der politischen Geschiebte der Griechen getrennt und anderu- 
theüs im Verhältnifs zu kurz behandelt. Auch gegen die Folge 
ier Capitel Hesse sich manches einwenden; , doch müssen wir 
m Ganzen die von dem Hrn. Verf. gewählte Anordnung bil- 
so wie uns insbesondere gefallen hat,« dafs er häufig, im 
, oder in den Anmerkungen synchronistische Nachwcisun- 
giebt, und zwar nicht nach Jahren, sondern nach Begeben- 
So wird z. B. S. 86 der Leser daran erinnert, dafs 
tat der Umwandlung . Aegyptens durch Psametich gleichzeitig 
war die Errichtung der raedischen und der babylonischen Mo- 
narchie, der Untergang Juda's, die solonische Gesetzgebung in 
Atliea, etc. 

Doch nicht das ganze Altcrthum, sondern eigentlich nur 
die Ueberlieferungeri und Alterthümer des Orients und die 
griechische und macedonische Geschichte hat Hr. v. R. geschil- 
dert, nicht aber das römische Zeitalter. Sein Werk bricht mit 
den unmittelbar ea Nachfolgern Alexanders des Grossen ab. Der 
Kaum dieser Blätter gestattet uns nicht bei einem Buche dieser 
Art in das Einzelne zu gehen. Wir müssen uns damit begnü- 
gca den Plan desselben im Allgemeinen anzugeben und zum 
Belege unseres Urtbeils nur wenige kritische Bemerkungen ein- 




Die erste Vorlesung Tbl. I. S. i — 12. enthält die Ein- 
leitung. Etwas zu kurz und oberflächlich werden hier die mehr 
dem religiösen als dem historischen Glauben angehörenden Sa- 
gen and Meinungen über die allerälteste Menschengeschichte 
durchgegangen. Wir ehren den religiösen Standpunct, von wcl- 
der Hr. Verf. ausgeht, hätten iudesseu gewünscht, es sejr 



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t>4 F. v. Raumev Vorlesungen üb. d. Geschichte* 

auf die Bereicherungen, welche die sogenannte Urgeschichte 
durch die Naturkunde gewonnen bat, mehr Rücksiebt genom- 
men worden. Gerade hierüber verlangen gebildete Leser, de- 
nen die mosaischen Sagen historisch nicht genügen, nähere Aus- 
kunft. Billigen müssen wir dagegen, dafs auf den Streit über 
das^Altcr der mosaischen Schriften, über- die Abstammung der 
Menschen von einem Paare, die Allgemeinheit der noachitisclien 
Fluth, die Erklärung der Völkertafel u. dgl. andere in ein sol- 
ches Buch night gehörende Untersuchungen keine Rücksicht ge- 
nommen worden ist. — Die zweite A orlesung bis S. Sy. han- 
delt von den wilden Völkern der alten Welt uud den Indern. 
Sehr ungenügend ist, was auf ein Paar Seiten von den ersten 
gesagt wird. Der fiinflufs der Nomaden auf Handel und selbst 
durch ihre häufigen Wanderungen und Angriffe auf die Bewohner der 
flacheren Gegenden hätten ausführlicher dargestellt werden sollen. 
Mit viel Interesse haben wir dagegen die Darstellung der indischem 
Mythologie und Verfassung gelesen, wenn wir gleich cinestheil» 
gewünscht hätten Hr. v. R. habe, so wie er sich ziemlich aus- 
führlich über die Sanscritt - Literatur äussert, auch mehr eres 
über die Kunst der Inder und ihre alten Bauwerke hinzugefügt, 
und anderntheils nicht so viel über die indische Mythologie 
philosophirt, sondern die Mythen selbst dargelegt. Irrthümer 
sind uns hier mehrere aufgestossen , so z. B. wenn S. 27 gesagt 
wird, die Sudras seyen ausgeschlossen gewesen von Menschen- 
rechten. Dies kann nur von den Parias gesagt werden. S. 3o 
heist es der Kampf der Braminen und Kschelryas sey im Rama- 
yan besungen. Dies kann leicht zu einer schiefen Ansicht von 
dem Stoff dieses vornehmsten unter den epischen Gedichten der 
Inder führen. Der eigentliche Inhalt des Ramayan ist der Sieg 
Ramas über die bösen Genien und nur episodisch wird der frühere 
Avatar Parasurama, oder die Erscheinung Wischnus in dem Kör- 
per eines Braminen, um dieser Kaste den Sieg über die der. 
Krieger zu verschaffen, besungen. Auffallend war uns besonders 
S. 32. die Vermuthung, die Rajas oder Kouige seyen Ober- 
eigenthümer des Grund und Bodens gewesen. Dies ist keines- 
wegs wahr, denn auch die Braminen haben, wie die vielen 
Inschriften über Verleihungen beweisen, Landeigentum gehabt, 
und wenn auch die Waischyas grossentheils als Landpächtcr an- 
zusehen seyn mögen, so geht doch schon aus den Steuergesetzen 
Meuus hervor, dafs sie nicht blofs gepachtetes, sondern auch 
steuerbares Grundeigenthum besasseu. S. 33. ist von dem Han- 
del Indiens die Rede. 

{Der Betcblufs fol^t.) 



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N= 5. Heidelberger 1 S'J'K 

Jahrbücher der Literatur. 

**** ***** ** ********* ■■ -» -i m_ v 

F. v* Raumer Vorlesungen über die Geschichte. 
(B e s c b l u/s.) 

Nur zu sehr eilt der Hr. Verf. in seinem ganzem Werk« über 
diesen wichtigen Theil der Geschichte dahin. Besonders bei 
Indien und Phöuicien wird der Leser ungern nähere! Belehrung 
darüber vermissen. In diesem ganzen Abschnitte über Indien 
hätten wir genauere Sonderung der aus griechischen und aus 

inländischen Quellen geschöpften Nachrichten .gewünscht. 

Die dritte Vorlesung ( — S. 92.) enthält die Acthiopeu und die 
Acgypticr. Ree. stimmt mit dem Hrn. Verf. vollkommen über- 
ein, wenn er S. 69.. die sieben Kasten Herodots auf die vier 
indischen zurückführt, nur möchte er nicht die Landeiutheilung, 
sondern die Beschäftigung als die Grundlage der Kastenabthei- 
lung ansehen. Ungern wird auch hier der Leser nähere Be- 
schreibung der ägyptischen Monumente vermissen; mit Vergnü- 
gen dagegen die Darstellung der ägyptischen Religion und Ver- 
fassung lesen. Zu loben ist, dafs der Hr. Verf. sich nicht auf 
eine Vergleichung der Hcrodotisclien£ Diodorischen und Maue- 
thoischen Dyuastieurcgister eiuliefs, aber was soll in einem Bu- 
che dieser Art der Zusatz über die .spätere ägyptische Geschickte 
(S. 9<.)i wo nichts als Dynastien und Jahre angegeben sind, 
uud sogar der "Wechsel muhamedanischer Dynastien bis auf die 
Eroberung dusch die Üsmanen hei abgeführt wird. — Vierte 
Vorlesung ( — S, 112.) die Ässyrcr, Babylonier und Med er. — 
Fünfte Vorlesung ( — S. 106.) die Juden. [Etwas zu weit aus- 
geholt sind für die Leser, welche sich der Verf. dachte, die 
Untersuchungen über das Hall- und Sabbatjahr (S. i$i — i4o.).j 
dagegen ist auf den Einflufs der Prophetenschulen und der Mes- 
siasidee zu wenig Rücksicht genommen. Mögen gleich manche 
Mängel, welche an der mosaischen Gesetzgebung gerügt wer- 
den, gegründet seyn, so ist doch Ree. der Meinung dafs der 
Verfall des Hebräerstaates hauptsächlich daraus zu erklären sey, 
dafs der achte Mosaismus nie vollständig .realisirt wurde, und 
besonders das Königthum und dio Hof - und Scraileiurichtungen 



(>6 F. v. Räumer Vorlesungen üb. d. Geschichte. 

zu Abweichungen von den theokratischen Begriffen des Juden- 
thums führen mufsten]. — Vorlesung 6. Die Phönicier (> — S. 
iG5.). — Vorlesung.; 7. Die Perser und Lyder ( — • S. iSo.) — 
Vöries. 8. Die Griechen. Mythische Zeit. Pclasger, Helleneu, 
Kolonien, Wanderungen, die Argonauteu, Tröja, die Hcraklidni, 
die öffentlichen Spw?ley die Amphiktioneu, die Orakel ( — • S. 
307.). — Vöries. 9. Athens Anfange, Thcseus, Kodrus. Spar- 
tas Anfange, die messenischen Kriege ( — S. 228.). — Vöries» 
10. Lykurgus und die spartanische Gesetzgebung ( — S. 24<).) - - 
Vöries. 4 1. Solon und die athenische Gesetzgebung ( — S. 280.). 

— Vöries. 12. Zoruaster uud die persische Gesetzgebung ( — 
S. 3o3). — Vöries. i3. Darius und die Scythen, die Empö- 
rung der Jonier, Pisistrutus und. seine Söhne, Deinaratus, Mtl- 
tiades, Marathon. (— S. 322). — Vöries. i4« Der grosse per- 
sische Krieg. Xerxes, Themistokles, Aristidcs, Pausauias, Cimon 
[Kimon] ( — S. 34o). — Voiles. i5. Die Zeit vom Cimoni- 
schen Frieden bis znm Ausbruche des pclopoucsischen Krieges 

S. 358). — Voiles. 16. Perikles und sein Zeitalter (— 
S/397). — Vöries. 17. Der peloponesische Krieg bis zur Un- 
ternehmung der Athener gegen Syrakusa ( — S. 4oi). — Vör- 
ies. 18. Aeltere Verhältnisse Siciliens und der Feldzug der 
Athener ( — S..420). — Vöries. 19. Von der Niederlage der 
Athener in Sicilicn bis auf die Einnahme Athens durch Isysan- 
der ( — S. 436 ). — Vöries. 20. Von dem Ende des peiopo- 
nesischen Krieges bis auf den Frieden des Antalcidas [Antalki- 
das] (TM. 17. S. 4 — 3o). — Vöries. 21. Vom Frieden des 
Antalcidas bis auf den Tod des Epaminondas ( — S. 61). — 
Vöries. 22. Vom Tode des Epaminondas bis zum Tode Phi- 
lipps von Maccdonien [Makedonien] ( — S. 92). — Vöries. a3. 
Geschichte Siciliens von der Niederlage der Athener bis auf 
den Tod des Tünoleou (— S. 426). — Vöries. 24. Die Fi- 
nanzen und der Handel ( — S. 456). — Vöries. 25. Die Li- 
teratur und Kunst ( — S. 484). — Vöries. 26. Die Philoso- 
phen ( — S. 2*3). — Vöries. 27. Die Geschichte der Perser 
von der Schlacht bei Kunaxa bis auf Darius Kodomannus ( — 
S. 223). — Vöries. 28. Geschichte Alexanders bis auf die 
Schlacht bei Arbela (— ■ S. 262). — Vöries. 29. Von der 
Schlacht bei Arbela bis auf den Tod Alexanders (— S. 3o4> 

— Vöries. 3o. Vom Tode Alexanders bis ;,uf den Tod des 
Eumenes ( — S. 34o). — Vöries. 3i. Vom Tode des Eume- 
ncs bis auf den Tod aller unmittelbaren Nachfolger Alexanders 
( — S. 370). — Anhang über einige Trauerspiele des Euri- 
pides ( — S. 402). — 



- 



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Pertz Geschichte der Hausmeier. .J 67 

Möge der Herr Verf. recht bald die römische Geschichte 
auf ähnliche Art behandeln und sich dadurch den doppelten 
Dank des Publikums verdienen. 

<& * * /t. 

■ V ■ • ________ 

• . '•*••♦' 

Die Geschichte der Meromnghehen Haitsrneier von Dr. Georg 
Heinrich Pertz (jetzt Genealog des Kdntgreiehs Hannover 
und Archivar zu Hannover ), hut einer f orrede vom Hof rath 
Ritter Heeren, Hannover 48 4 q in der HaJuischen Buch- 
Handlung, zrt iu no» in Svo. 

Der gründlich gelehrte Herr Verfasser hat durch diese Mono- 
graphie ( einen sehr schätzbaren Beitrag zu der fränkischen Ge- 
schichte geliefert. Mit grossem Fieifs arbeitete Herr Pertz seit 
mehreren Jahren an einer kritischen Bearbeitung der Quellen 
für die Geschichte des Karolingisclicn Hauses, hielt sich ge- 
raume Zeit im Auftrage der Gesellschaft für ältere deutsche 
Geschichtskunde in Wien auf und hat in /. L. Dächler und 
C. G. Diimge Archiv sehr erfreuliche Nachrichten vou dem 
Erfolge seiner Arbeiten mitgetheilt. Mit diesen Studien steht 
die Geschichte der Hausmeier in enger Verbindung. Sie ist 
zwar, wie Herr Ritter Heeren in der Vorrede sagt, als Thcil 
der Frankischen Geschichte oft behandelt, aber damit noch kei- 
neswegs erschöpft und, fügen wir hinzu, von keinem früheren 
Gcschichtschreiber, so geistvoll und gründlich dargestellt wordeu, 
als von Hr. Pertz. Nur hätten wir hin und wieder schärfere 
Kritik der Quellen und* genauere chronologische Angaben hinzu 
gewünscht« Die Jahrzahlen sind meist nur am Rande bemerkt. 
\%s kann aber dies leicht zu Verwechselungen führen, wenn in 
derselben Zeile mehrerer Begebenheiten erwähnt werden. Be- 
sonderer Fieifs ist auf die Darstellung der Charactere einzelner 
Männer,' namentlich der Pippine, verwendet worden; aber oft 
mochte man fragen, woher alle einzelnen Züge in diesen Cha- 
racterschilderungen genommen > sind, und immer mehr den Mann, 
wie der Verf. sich denselben dachte, als wie et in der Wirk- 
lichkeit war, finden;» In der Rechtschreibung der Eigennamen 
ist JHr. Pertz nicht immer consequent, wenn er den einen Na* 
men genau nach der Schreibart der Quellen wiedergiebt, den, 
andern wiM&ührlich verändert, ja denselben Namen verschieden^ 
schreibt. *L B« S. ai Chlothar und S. 22 Chlot/tachar. Eben so 
ist uns aufgefallen, dafs bald die lateinischen bald die französi- 
schen Ortsnamen gesetzt sind. Uebrigens ist auf dift Geographie 

6* 



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ö8 Heinroth LehcR <L Stfoiiogtm d. Seelenlebens. 

viel Sorgfalt verwendet ' worden , nnd< £egen ' wenige Verglel- 
chungen der allen Ortsnamen .'mit den neuen mochten sich ge- 
gründete Ein Wendungen vorbringen bissen. 

Dag Hu tHi .zerfallt in drei Abteilungen, von deneu die erste 
(* — S. 39) die Geschichte der Hausineier bis zum Tode Pip- 
pins des Aeheren im Jahre 639 enthält. Dieser Abschnitt ist 
am wenigsten genügend und es Ii esse sich hier über viele zu 
aHgeitfein 4 ausgesprochene Behauptungen streiten. Die zweite Ab- 
theiiung ( — S.67) führt die * Geschichte bis zum Toxi c Pippins 
des Mittlern' J. 7*4 fort und die dritte M (— S. ioi) bis zur 
Thronbesteigung'- Pippin» des Jüngern .1. 7 5«. Dann folgen An» 
m erklingen und Beweise. Die aufgehobenen BeweüsstcHeri sind 
passend gewählt und besonders die geographischen Anmerkun- 
gen 'Schätzbar, Man ' siebt , da/s der Hr. Verf. seine '-Quellet» 
sehr .sorgfaltig Vstudirt h*t und überall mit eigenen Augen sali. 
{Möchte er uns in einer an diese- seine erste Schriftlich ;m- 
^chliessenden zweiten, die Karolinger als Könige, eben so sebif- 
dirn, wie es ihm im - Ganzen mit denselben als Hausmeier ge- 
•lungen ist. — * 

; '■ - • ■ t - • ■ r ' 1 »' • «•' y 

* • 4 * r ■ * 

Lehrbuch der Störungen des Seelenlebens, oder der Seele&slüriyii. 
gen und ihrer Behandlung vom, rationalen Sta/ulpiwjsf uns 
, entworfen von Dr. F. C. A. Hei x rot Professor der psy- 
chischen Heilkunde und Arzt am Waisen- , ZucliX - und 
Versorgungsliuuse zu. St. Georgen in Leipzig. . Zwei TheJc. 
Leipzig 4 S<8 bei Fr. Chr. Willi. Fagel (in8va3 9 6 und 
385 Seiten ). 2 Rtldr, 48 ggr. 

Ein Werk, wie das torliegende, Worin sieh der Verfasser kein 
geringeres Ziel setzt, als die bisher geherrschte allgemeine Ver- 
worrenheit und Dunkelheit in den- Begriffen von den psychischen 
Krankheiten zu zerstreuen und — während alle seitherigen For- 
scher theils 'nur die Oberfläche der Erscheinungen bestreiften, 
theils einseitig an einigen hervorragenden Punkten hängen blie- 
ben und die Erscheinungen weder in ihrer Allgemeinheit noch 
Besonderheit zugleich aimafsten — «las - Wagstück unternimmt, 
mit kühnem Blicke in die Tiefe der Einheit des menschlichen 
W esens ein di ingen und aus dieser heraus, nach iühern Prin- 
eipien die Kiemente sondernd und entgegensetzend^ deren ver- 
schiedene Richtungen , wodurch endlich die mannigfaltigen* Er- 
saheinungcu herbeigeführt werden, verfolgen und an Tag^ för* 



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Heinroth, Lehrb. d. Störungen d. Seelenlebens. 69 



dem zu wlien (1 Tbl« §; «8.*.) 5 — ei* Werk das dies grosse, 
übermenschlich scheinende Unternehmen, mit Iliilf«^ des glän- 
zendsten Scharfsinne, durch ein meisterhaft durchg»ftihries Sy- 
sUin vollbracht zu ha hm den Anschein bat; Und welches über- 
dies von dem tiefen -Standpunkte aus, aus welchem der Verf. 
dennoch mit bew und erungsw ürdiger Klarheit hervorspricht, zu- 
gleich die erhabensten Aussichten im Reiche der Moral und Re- 
ligion wie die herrlichsten Einsichten im Gebiete der psychischen 
Medizin darbietet; ein solches originelles, in seiner Art ein- 
ziges Werk bedarf entweder nur der Anzeige in einer gelehr- 
ten Zeitung (und als solche würde das nur als Einleitung eben 
Gesagte hinreichend seyo) oder verdient die vollständigste Ke-. 
ucnsion und die schärfste Kritik, um in ihr entweder die Gründ- 
lichkeit des aufgeführten Prachtgebäudes von Theorie durch an- 
derweitige Grnude zu bestätigen und der neuen Wahrheit laut 
beizutreten; oder aber 'um die etwaigen Schwachen und innern 
Disharmonien des kühnen Baues, wenn auch nur durch leise 
Andeutungen aufzudecken und damit das Signal zur künftigen 
ernstlichen Bestreitung der wunderbaren Lehre des neuen Re- 
formators zu geben. Ree. wird es versuchen, einen möglichst 
richtigen Begriff von der aufgestellten Lehre zu geben, wobei 
er jedoch nur das allerwicbtigste des vielen Neuen, wovon dies 
Buch voll ist, wieder geben kann, und wird dabei einen und 
den andern Zweifel an der allgemeinen Gültigkeit der obersten * 
Grundsätze des Verf. aufwerfen y gründlichem und gelehrtem 
Denkern, als er ist, es überlassend, den wichtigen, in das Wohl 
der gesunkenen Menschheit tief eingreifenden Streit durchzufüh- 
ren, wenn sich anders die Sache zu einem solchen eignen sollte. 

In den H Vorbegriften , 11 ml zwar im istcn Kapitel derselben, 
geht der Verf., nachdem er 3 Stufen des Bewufstseyns festge- 
stellt: i. das sinnliehe oder Wcltbewufstscyn als das uiedrigste, 
2. das Bcgriffsbewufsrseyn oder Seibstbewufstseyn , und 3. das 
Vernunft- oder das höchste Bcwufstseyn, — von der Idee aus; 
"der Mensch sey ein Einziges Selbst oder Ich (Individuum) , aus 
hincrem und Aeusscrem, Seele und Leib, bestehend; nicht als 
*wei verschiedene, die da vereinigt wären \ sondern als Eines 
ued Dasselbe (Leben), das sich nur nach zwei entgegengesetz- 
ten Seiten entfalte und der äussern Anschauung im Räume als 
Leib, der innern in der Zeit als Seele erscheine; Wie der Baum, 
uuter der Erde sich in Ganzes von Wurzeln ausbreite, über der 
Erde als Stamm und Wipfel erscheiue. Was vom Baume in der 
Dunkelheit der Erde lebe, sey gleichsam der Leib des Bauraes; 
tjas über der Erde im Lichte des Tages sichtbar sey ,. gleichsam 
des Baumes Geist. Und wer wollte wohl WuneL und Wipfel 



I 



;q Heinroth , Lehrb. d. Störungen, A. Seelenlebens. 

nicht als Theile eines und desselben Baums, nicht als. zur Ein- 
heit, zum Begriff des Baumes gehörig betrachten? Das Sichtba- 
re wie das Unsichtbare mache Ein Ganzes aus, sey unzertrenn- 
lich nicht Mos, sondern auch nicht einmal verschiedenartig.« — 

Schade! dafs in diesem — Ungleichnisse gerade das Un- 
sichtbare (die Wurzel) zum Leib, das Sichtbare (der Wipfel) 
zum Geist werden mufs. 

»Gemüth, Geist und Wille, in Einem Bewufstseyn ver- 
schmolzen, und doch gesondert auseinander tretend und in or- 
ganischer Gliederung wirkend, machen den Begriff der Seele 
aus.« 

»Gegen das Ich und seiri Bestreben erhebe sich in dem In- 
nern des sich selbst bewufsten Wesens ein Widerspruch, der, 
wie wohl im Ich, dennoch nicht von dem Ich, sondern von ei- 
nem höhern, in das Ich eintretenden Thätigk ei t ausgehe, *— das 
Gewissen. Das Gewissen sey eine nothwendige Naturerschei- 
nung in uns, es trete mit eben der Unabwendbarkeit in uns 
hervor, wie im äussern Menschen die Sinne und die Glieder. 
Aber es sey ein Keim, der, wie jeder Keim genährt uud gepflegt 
werden müsse, wenn er höchstes, vollendetes Bewufstseyn wer- 
den soll. Dafs dies möglich sey, werde von Vielen gar nicht 
geahndet, um so weniger geschehe von ihnen dafür, dafs es 
wirklich werde. Bei manchen werde dieser Keim durch das 
Ucbcrgewicht des Welt- und Selbstbcwufstseyns allmälig zusam- 
mengedrückt, seiner Lebenskraft beraubt, bis er bei den Un* 
glücklichsten ganz verderbe und absterbe, und bis dem selbst* 
ich- tliierischen Streben die Alleinherrschaft überlassen bleibe.c 

»Das Vernunftbcwufstseyn oder die Vernunft überhaupt sey 
der Sinn für das Unendliche, Unbeschränkte, Ewige. Und die- 
ses sey das Höhere, das Ueber Uns^ welches sich ursprünglich 
im Gewissen unserm Gefühle, späterhin der Vernunft als dem 
lichtesten Bewufstseyn offenbare. Die Vernunft sey der Licht- 
punkt unseres ganzen Wesens. Nur durch die Vernunft kom- 
me man zu Gott.« 

»In dem Inbegriffe dieser Stufen des Bewufstseyns sey der 
Begriff des menschlichen Lebens enthalten. Dieses sey demnach 
so verschieden in jedem, als das Bewufstseyn eines jeden ver- 
schieden ist. Darum sey aber das menschlicjh« / Leben nicht dem 
Zufall Preis gegeben, sondern die gesetzlieh bildende Kraft, wel- 
che die ganze Natur erfüllt und erregt und fördert zum fort- 
schreitenden Werden, erfülle und errege und fördere auch das 
innere Wesen und Leben des Menschen und Menschengeschlechts 
organisch, stufenweise, das Niedere zum Höhern hin entwickelnd; 
nur nicht mit der Gewalt der Notwendigkeit, wie in aller iua- 



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Heinrotb, Lehrb. d. Störungen d. Seelenlebens, ji 

serer Natur, sondern mit zarter Richtung und Lenkung in dem 
einzig freigelassenen der , Erde etc. 

Ree. hat den Gang des Verf. in diesem ersten Kapitel zwar 
möglichst kurz doch treu darzustellen gesucht. Denn die Kri- 
tik, ttenn sie sich ferner selbst klar bleiben soll, hat den gan- 
zen kuhneu Lauf de** psychischen Weltumscglers hauptsächlich 
schon in der ersten Richtung, die er nimmt, zu beurthcilcn. 
In diesem Kapitel finden sich allerdings die Andeutungen des 
. erhabenen moralischen Standpunktes, zu welchem der Verf. die 
psychische Mediein hiuaufzuheben so sehr strebt; und von wel- 
chem aus er zu Geist und Herz mit einer Kraft spricht, die sei- 
nem Unternehmen, als inorulischem , zum voraus den Sieg ver- 
spricht ; aber nicht so als psychisch - ärztlichen Unternehmen. 
\Vo ist denn die Freiheit des menschlichen Willens, die fast 
nur als Meteor am Horizont des menschlichen Lebens bald fun- 
kelt, wiewohl selten genug, bald und nur zu häufig verschwun- 
den ist, und deren wirkliches Scyn den Forschern bis jetzt so 
unzugänglich geblieben; — wo ist diese Freiheit, auf die der 
Verf. so fest rufst, von ihm genetisch erklärt, der er doch sonst 
alles Hohe und Wunderbare genetisch erklart? Wessen Wir- 
kung — dies hätte er erklären sollen — ist es, dafs sich der 
eine seltene Mensch der Richtung des Gewissens, gleich einem 
leitenden Compafs ergiebt, trotz der entgegengefetzten Reitze, 
während es tausend Andere nicht tbun und vielleicht nicht thun 
können? Wessen Wirkung ist die grössere Vcruunftentwicklung 
d. h. di« Ausbildung des Gewissens, von der er spricht? ist es 
die gesetzlich bildende Kraft in der Natur, welche das Niedere 
zum höhern hin entwickelt? Dann aber ist es Notwendigkeit! 
Oder soll es Freiheit bew irken? Aber die wohnt ja (uaeh §.45.) 
nur in dem Kreise des Höchsten,, oder Vernunft- Bewufstseyns ; 
und kann um so weniger die Schuld tragen, als schon (nach 
2« 4 1«) der Keim des Gewissens durch Uebergewicht des Selbst- 
bewufstseyns, also durch zwingende Notwendigkeit gar oft un- 
terdrückt und gelähmt wird. vVas endlich soll man von dieser 
Freiheit denken, wenn es erst heifst: (§. 37.) »Freies Wahl- 
vermögen, Willkühr ist jedes Menschen ursprüngliches Eigen- 
thum« und dann ( §. 252. J »Wii sind blos scheinbar selbststän- 
dig wie die Flamme des Lichtsc und endlich (§. 546. J: die 
Vernunft ist frei und mufs es bleiben ; der Mensch aber ist nicht 
frei, und soll es erst durch den Offenharungsgtauben werden.c 
Unstreitig wird mit dem Begriff der Freiheit mannigfaltig 
gespielt, und sie bald so bald anders definirt, je nachdem es 
die Hypothese verlangt, die man damit in Verbindung setzen, 
und daraus beweissen will; und die Freiheit dient so nur zu 



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72 Heinroth, Lehr]»* d. Störungen. cL Seelenlebens. 

■ ■ 

einem theoretischen Schlupfwinkel. Audi mit der angebohrnen 
blossen Willkühr oder Wahl vermögen, die noch nicht wirkli- 
che Freiheit seyn soll, ist nichts erklärt; denn zum Wahl ver- 
mögen zwischen' dem Guten und Bösen gehört schon Freiheit. 
Der Mensch ist ohne Widerspruch frei; insofern er thut, was 
er will (" wenn keine äussere Abhaltung da istj; und will, was 
er thut. Aber von dieser Freiheit (Spontaneität) ist hier nicht 
die Kcde; sondern davon, ob dieser sein Wille, der hinsicht- 
lich se ner Ausübung allerdings frei ist, durch eine Reihe vor- 
hergehender und gleichzeitiger, äusserlicher und innerlicher Mo- 
tive, dem Menschen unbemerkt und unbewufst, so und nicht 
anders determinirt werde ^Determinismus^); oder aber ob der 
Mensch vielmehr unumschränkter Herr seines Willens, d. h. ob 
dieser Wille indifferent frei sey, erhaben über die süssesteu Lo- 
ckungen der Sinne und selbst über die stärksten Beweggründe 
des calculirenden Verstandes (Indifferentismus J, Lassen wir den 
reinen Geist, die Vernunft als reine Vernunft im ungestörten 
Besitze der metaphys. Freiheit; und stellen wir blos die Fra— 
* gc: Besitzt der Mensch, als Sinnenmensch, wirkliche oder ei- 
ne ihm von den strengen Moralisten nur angedichtete Selbstmacht ? 
Und die unpart eiische Antwort wird und kann nur halbe Ant- 
wort werden ; nämlich r er besitzt wirkliche Selbstmacht, je nach. 
Maafsgabe der göttlichen Vernunft, die in ihm erwacht ist oder 
nicht. Aber auf eine solche halbe Antwort läfst sich keine gan- 
ze Theorie, und kein ganzes System bauen. Und in so weit 
sich des Verf. Theorie, sowohl was die absolute Freiheit eines 
jeden Sinnenmenschen, als auch die angeschuldigte völlige See— 
lenunfreiheit des zur Maschine geworden seyn sollenden See— 
lenkranken betrifft, — auf diesen theoretisch so schlüpfrigen 
Anfangspunkt grüudet, so bleibt sie prekär, und zugleich immer 
Widersprüchen unterworfen. Uud wie viel mehr dies nicht als 
eine psychisch -ärztliche Theorie. 

Utes Kapitel. Begriff des gesunden Seelenlebens. »Ja wem 
das ganze Leben in den Leib eingesenkt ist, der nennt Gesund- 
heit: das leibliche Wohlbehagen. Wer aber sein Ich nicht blos 
als leibliches, sondern auch als Seelenwesen betrachtet, dieser, 
wie er überhaupt Seele und Leib nicht trennt, dem die Seele 
nur der innerlich gewordene Leib, wie der Leib die äusserlicL 
gewordene Seele ist, kennt keine halbe Gesundheit und keine 
Gesundheit eines halben Wesens, sondern, wie sein Ich, aus— 
serliches und innerliches, leibliches und geistiges, Ein und das- 
selbe Ich und Leben ist, eben so ist in ihm das Gesundheit*— 

gefüld Leib und Seele umfassend, uud es fühlt sich nur daun 

■ ■ ■ • » 



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4 



I 



Heinrotb, Lehrh. d. Störungen d. Seelenlebens. 73 

ganz wohl und gesund, wenn ihm innerlich wie äusserlich frei 
und behaglich zu Muth ist. Er ist menschlich gesund.« j 
Hier unterscheidet der Verf. sehr schön die menschliche Ge- 
sundheit von der thierischen Gesundheit des Menscheu, und die 
weitere wirklich berzerlicbende Schilderung, die er von jenem 
Zustande entwirft, nähert sich dem Bilde des Stoischen Weis- 
sen oder fallt mit demselben zusammen. Ist aber darum sein 
Satz von Einheit, von Seele uud Leib, von dem er ausgeht, 
wahr? Auch die entgegengesetzte Ansicht, nämlich -von blosser 
Vereinigung, nicht Einheit, von Seele und Leib führt und hat 
geführt zur nämlichen moralischen Höhe, wovon uns eben das 
bereits im grauen Alterthum entworfene Bild des Stoischen Weis- 
sen zum sichersten Beleg dient. Und was war der Kern dieser 
Philosophie und zugleich das Tugend -Geheimnifs ihrer prakti- 
schen Helden anders als eben die lebendigste Unterscheidung 
von Seele und Leib? Ja! die letztere Ansicht führt viel unge- 
zwungener zu einem noch höhern Standpunkt, als die Idcntitats- 
Philosophic vermag. Der Verf. sagt ja selbst , und es folgt ganz 
richtig aus seiner Ansicht: »Der Mensch fühle sich nur dann 
ganz wohl, wenn ihm innerlich wie äusserlich behaglich zu Mu- 
the sey.« Also raufs die Seele des Weissen, wenn durch Zu- 
fall und ohne sein Verschulden der Körper erkrankt, ihre Schwin- 
gen sinken lassen und den Flug in die höhere Region, in der 
sie bisher schwebte, einstellen und sich demüthig zur Erde her- 
ablassen: denn, »in dem menschlich gesunden Zustande gehört 
unerläfslich und unzertrennlich vor ihm die Leibesgesundheit (§. 
26.).« Und überhaupt kann dem Identitäts - Philosophen der 
jetzt krank gewordene Leib nichts anders seyn als die äusser- 
lich krank gewordene Seele, un» eben darum mufs auch der 
iunerliche Leib , was man sonst Seele hiefs, ebenfalls mit leiden. 
Endlich mufs nach dieser Korpuskular-Psychologie fin weicher" 
der Körper vergeistigt und der Geist verkörpert wird J un- 
glücklicher Weifse sogar der letzte edle Zweifel an der Unfrei- 
heit des Menschen untergehen; denn wenn der äussere Leib so 
ganz dem Naturzwang unterworfen ist, wie könnte der innere 
Leiby ("die SeeleJ viel frei seyn? Eben darum nun, weil des 
Verf. Lehre von Einheit von Seele und Leib moralisch nicht so 
hoch fuhrt, als jene von blosser Vereinigung beyder; ja, weil sogar 
in erstercr das Bild des Wcifscn ein nur geistreich -künstlich 
aufgepfropfte, nicht natürlich entsprossene Blüthcu- Krone dar- 
stellt, wagt es Ree. gegen die Identitäts- Philorophie des Verf. 
und alle ihre Folgen j die sich ius Gebiet der psychischen Me- 
dizin vorbereiten und daselbst eine allgemeine UmsUdtuug der 
Dinge drohen, gerade zu protestiren. 



74 Heiaroth, Lehrb. d, Störungen d. Seelenlebens. 



3tes Kapitel, Begriff' des krankhaften Seelenlebens. 
v »Da der Mensch blos Mensch ist % als ein im Bewufstseyn 
lebendes Wesen, so ist ein menschlich krankhafter Zustand der- 
jenige, >vö sich der Mensch im Bewufstseyn beschränkt findet; 
wird folglich, — da es nur den einen menschlich gesunden Zu^ 
stand giebt, wo der Mensch als Vernunft -Wesen lebt, — ist 
jedes nicht im Gewisscu oder Vernunft aufgenommene Bewufst- 
seyn , ein Bewufstseyn im krattkhaften Zustande. Der mensch- 
lich krankhafte Zustand ist also nur im Gebiete des Welt- und 
Selbstbcwufstscyus möglich , folglich auch nicht ausserhalb dieses 
Gebietes im bios leiblichen Leben , wenn ein solches, abgetrennt 
vom Bcwufstseyn, gedacht werden könnte. Wohl aber ist um- 
gekehrt das leibliche Leben, da^es ins Bewufstseyn aufgenom- 
men ist, bei jedem menschlich krankhaften Zustande wirklich 
krankhaft beschauen,' da ja der ganze Mensch nur Ein Leben ist. 
Das Bewufstseyn ist ursprünglich weder als Welt- noch als Selbst* 
Bewufstseyn im krankhaften Zustande. Denn beide sind noth- 
weudige Entwicklungsstufen des Bewufstseyn» überhaupt zum 
höchsten Bewufstseyn. Aber so wie das Gewissen erwacht, 
wird das Leben, nicht in der Welt, sondern für die Welt, so 
wie das Leben nicht tri dem Ich, sondern für das Ich zur Sun- 
de d. h. zu einem menschlich krankhaften Lebcnszustaud. Vom 
C moralischen ) Herzen aus geht jeder menschlich krankhafte Zu- 
stand.« * 

Man sieht aus dieser Probe von Auszug, wie der Verf., 
um die Entstehung der von ihm sogenannten Seelenstörungen 
oder des Irreseyns einzig und allein aus der Quelle der Immo- 
rulität ableiten zu können, den noch geheimen Sinn seiner Ab- 
sicht schon in die Vorbegrifle hinein zulegen versteht, und wie 
in dem Munde des gewandten Dialektikers ein einfaches Beiwort 
die befruchtende Kraft eines reformirenden Lehrsatzes' gewinnt. 
Menschlich gesund, menschlich krank — um diese Axe dreht 
sich die protestirende Lehre desselben im Gegensatz von der 
bisherigen catholischen fallgemeinen J. Allerdings hat der Verf. 
die menschliche Gesundheit zu einem höhern Sinn gesteigert, aber 
auch die menschliche Krankheit um so viel mehr herunter gesetzt. 
Kec. fragt: da die eigentliche menschliche Gesundheit nur seltenen In- 
dividuen, selbst nach dem Eingeständnisse des Vrf. (*§.36.J zuTheil 
wird; sollte es nicht auch eine mensc/ilicheKrankhth geben, die eine 
eben so seltene Erscheinung sey? Wenn der Mensch durch Zufall 
leiblich erkrankt , aber auf dem Krankenlager als Mensch , als Ver*- 
nuiift wesen , als Held das Beispiel hoher Resignation und from- 
mer Fügung ui den Willen des Weltregenten giebt, so möchte 



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Heinroth, Lehfb. d. Störungen d. Seelenlebens. 75 

Rcrens. diesen Zustand ausschltefstich einen menschlich kranken 
(nach dem Verf. kann er nicht menschlich gesund und auch nicht 
menschlich krank heissen und existirt also nicht in seiner Iden- 
titäts-Welt, wiewohl er in der wirklichen keine Fabel ist), und 
jeden andern, von dieser Seelenstiramuug abweichenden, einen 
thierisch kranken nennen. In diesem Sinne nur würde das Ir- 
reseyn, in welchem Zustande ohnehin oft der Mensch ausser- 
lich zum Thier herabzusinken scheint, der thierischste unter al- 
len thierisch- w kranken Zuständen des Menschen seyn. Je schwe- 
rer nämlich das Thier im Menschen bis in seinen innersten Or- 
ganen-' und im leiblichen Gehirne selbst erkrankt, um so mehr 
müssen die Aeusserungen des Vernunft menschen gehemmt wer- 
den und zurücktreten, aber darum der Götterfunken im Men- 
schen nicht verlöscht seyn, wie dies das Fieberdelirium, dem 
selbst der Weisse unterworfen sern kann, auf eine unzweideu- 
tige Art an Tag legt. Ist es so, so verliert auch für den Verf. 
das einfache, aber wichtige Beiwort •menschlich« seine befruch- 
tende Saamenkraft, 

4te* Kapitel. Begriff der Seelenstörungen, 
In diesem wichtigen Kapitel eilt der Verf. mit raschen Schrit- 
ten seiner neuen Theorie Haltung und Inhalt zu geben. Nach- 
dem er erst den geraden und naturgemässen Entwicklungsgang 
des Menschen und Menschengeschlechts durch alle Lebensstufen 
hindurch mit Meisterhand geschildert, fügt er nun hinzu: «Al- 
lein der Mensch ist keine Pflanze und die Notwendigkeit der 
Naturgesetze nicht seine höchste Gebieterin. Zwar wirkt das 
Gewissen, als sein höchstes Gesetz« mit der ganzen Strenge der 
Notwendigkeit auf ihn ein, aber er ist nicht geuöthigt ihm zu 
folgen. Und so erscheint er als der erste und einzige freigelas- 
sene der Schupfung auf der Erde. Aber diese ihm gelassene 
Freiheit der Wahl zwischen dem Leben im Aeussern und Irdi- 
scheu und dem Leben im Innern und Ueberirdischen , die H^ill- 
kühr , ist zugleich die Klippe, an welcher der Schöpfungsver- 
such, das Vergängliche zum Unvergänglichen zu erheben, schei- 
tert; nicht durch die Schuld des Schöpfers; denn er thcilte uns 
seine Natur mit und liefs uns frei , sondern durch die des Men-< 
sehen, welcher freiwillig auf diese Natur Verzicht leistet. Das 
bringt Verwirrung in den grÖsteH Theil seines Lebens ; das schö- 
pferische Bildungsgeschäft wird in ihm mannigfaltig gehemmt, un- 
terbrochen und zurückgedrängt; und so entsteht uns durch die 
Betrachtung eines solchen gestörten innern Orgauisationsproces- 
ses zur Entwicklung des vollendeten d. h. freien Lebens, der 
Begriff der Seelenstörung. . Dieser Begriff noch ganz allgemein 
aufgefafst, bezeichnet uoch weiter nichts, als. das gleichsam in 



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I 



Heinroth, Lehrb. d. Störungen d. Seelenlebens, 

seinem geraden Wüchse gehemmte Seelenleben, und man könnte 
demnach in dieser Hinsicht schon jeden menschlich krankhaften 
Zustand SeclenstÖruu<r nennen. Scharfer und bestimmter aufge- 
fafst, mufs der Begi itf der Seelenstörung als gänzliche Stockung» 
reiuer Stillstand, ja als ein inneres Streben der zur höchsten 
Entwicklung bestimmten Schöpferkraft nach dem Gegentheti, 
nach Selbstvernicht uog dargestellt werden. Und dies sind solche 
Zustände, in denen die Willkühr gänzlich untergegangen und 
an deren Stelle bleibende Unfreiheit eingetreten ist, und die mau 
gewöhnlich Geist es Zerrüttung nennt. Die Individuen, an denen 
diese Zustände haften, existiren nicht mehr im Gebiete der Mensch- 
heit, und sind nicht sowohl Thiere, die von einem heilsamen 
Instinkte geleitet werden, als vielmehr Maschinen, nur noch im 
leiblichen Leben durch die Gesetze des Lebens bestehend. Der 
neue Name Scelertstörung rechtfertigt sich durch die ihm zum 
Grund liegende Beziehung. — Sehr mannigfaltig ist die Art, 
wie das Seelenleben gestört werden kann. Wie ferne die Seele 
Gcmüth ist, kann sie als Gemiith; wiefern sie Geist ist als Geist; 
wie fern sie Wille ist, als Wille erkrauken. Nun ist die Seele 
innere Lebensthätigkeit, welche, wie alle Thätigkeit, die wir 
aus Erfahrung kennen, widernatürlich erhobt oder herahgestimmt, 
oder auch, statt aus sich heraus zu gehen, gleichsam krampfhaft in 
sich zuKick gezogen erscheinen kann. Wenn also das Gemuthim 
gespannten leidenschaftlichen Zustande gleichsam sich selbst ent- 
zogen wird, und nur in der Welt seiner Träume lebt, so giebt 
dies den Zustand des Wahnsinns; Wenn es aber, in sich selbst 
zurückgescheucht, gleichsam an sich selbst nagt, so zeigen sich 
die Erscheinungen der Melancholie. Wenn der Geist in Ueber- 
spanuung aus seinem Kreise tritt, so erblicken wir mannigfaltige 
Gestalten der Verrücktheit; zur ganzlichen Nichtigkeit herabge- 
sunken verliert er sich in den Blödsinn. Endlich wenn der IVd- 
le aus seinen Schranken getreten, so erseheint die Tollheit; de- 
ren reines Gegentheil die fViUenlösigkeit ist.« 

Da dieses Kapitel als der Schlufsstein der Vorbegriffe der 
medicinisch - psychologischen Theorie des Verf. anzusehen ist, 
so mufs Ree, um im noch übrigen kürzer zu Werk gehen zu 
können, hier noch einmal und zwar als im allerwichtigsten Punk- 
te, den Verf. anhalten und bestreiten. . Ree. will nicht klügeln 
und will die »Klippe, an welcher der göttliche Schöpfuogsverr 
such am Menschen scheiterU vorübergehen, unbekümmert was 
eiue reine Theodicee dagegen einzuwenden habe; er will auch 
nicht empfindein, und die Maschinen von Seelengestörten, die 
aus dem Gebiete der Menschheit, ja selbst derThierheit verwie- 
sen worden sind, bejammern oder über die verschwenderisch* 

4 . ' • 



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Heinroth, Lehrb. d. Störungen d. Seelenlebens. 77 

Grosmuth des Staats Sternen, womit an dergleichen Maschinen 
die ehemalige Menschheit noch geehrt wird; noch will er nach- 
forschen, wo die grosse Kunst zu finden sey, die, wenn auch 
nur in den seltensten Fallen, den gestorbenen Funken der Wjll- 
kiihr im moralischen Cadaver wieder ins Lebeu zurückzurufen 
vermöge. Er will endlich die scheinbare Subtilität, womit man- 
che Formen des. Irreseyns von dein Klassenbegriffe derjenigen 
Krankheiten, welche hier Sccleiistörungen heis&en, ausgeschlos- 
sen werden, blos auf Rechnung der strengen Consequenz des 
Verfs. schieben. Vielmehr will Ree. und mufs einen Satz an- 
fechten, der in diesem Kapitel nur wie im Vorbeigange berührt, 
als der Hauptgrundsatz, als der unsichtbare Träger der gauzen 
uiedicinischen Psychologie des Verf. anzusehen ist. Der Verf. sagte; 
»die Seele ist innere Lebensthätigkcit, welche, wie alle Thätigkeit, 
die wir aus Erfahrung kennen, widernatürlich erhöth, oderherahge- . 
stimmt, oder auch, statt aus sich herauszugehen , gleichsam krampf- 
haft in sich zurückgezogen erscheinen kann.« Recht eigentlich aiuV 
diesem Satze beruht des Verfs. Grund der Eintheilung der See- 
lenstorungen in drei Ordnungen: 1. Exaltationen, «.Depressionen 
und 3. Mischungen von beiden. Wir sehen demnach hier die 
Brownische Lehre von Hyperftehnie (Exaltation) und Asthenie 
(Depression), die nur vom lebenden Organismus abstrahirt und 
nur auf ihn anwendbar ist, sogar auf die Seele übergetragen - f 
und wir treffen hier, nicht etwa blos bildlich und ideal, sun- . 
dem wahrhaft reell den Leib in der Seele wieder an. Und das 
ist nicht mehr Idcntitats- Philosophie, sondern wahrhafter, hand- 
greiflicher Materialismus! Ab«r spricht nicht die Erfahrung für 
den obigen Satz des Verfs. ? Sehen wir nicht sthenischc und 
asthenische Fälle von Irreseyn in der wirklichen Erfahrung die 
Menge? Ree. giebt dies ■willig zu, er läuguet aber den Satz*, 
»dafs die Seele eine innere Thätigkeit sey, welche, wie 
alle Thätigkeit, die wir aus Erfahrung kennen, widernatürlich 
erhöht oder herabgestimmt weiden könne;« — und er ist viel- 
mehr der Meinung, dafs die Seele selbst keine innere Thätig- 
keit sey, sondern die Quelle aller Thätigkeit; und diese Quelle 
selbst kann, ohne sie mit der erst aus ihr fliessenden organisch 
bedingten Thätigkeit zu verwechseln, unmöglich widernatürlich 
erhöht oder herabgestiramt seyn. Diese Erhöhung und Herab- 
stimmung der Thätigkeit geht blos in der Erregung flncüatto) 
des belebten materiellen Seelcnorgans vor sich. Das ist es al- 
lein , worauf dem Begriff von Hypcrsthenie und Asthenie Anwen- 
dung* gestattet seyn kann ; tiefer hinauf nicht. Die Seele selbst 
kann nie brownisirt werden; und des Verfs. Korpuscular-psy- 
chologie mufs vor dieser Feste den Rückzug antreten und auf 



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78 Heinroth , Lehrb. d. Störungen ä. Seelenleben*. 

demselben einen nicht unbeträchtlichen Verlust vou grobem Ge- 
schütze cinbiisseu. — Also sind Wahnsinn, Melancholie und al- 
le die verschiedenen Formen von psychischer Rxaltatioti und De- 
pression im Seeleiiorganc, uud nicht in der Seele selbst begründet! 
5 t es Capitel. Begriff' des psychischen Arztes. 
Da nach des Verfs. Theorie der Kreifs von Erscheinungen, 
denen Seclenslörung zu Grund liegt, aus der Reihe der somati- 
schen Krankheitsforinen herausgehoben und in ein fremdes Ge- 
biet übergetragen wird, in das Gebiet des Seelenlebens, so ent- 
steht nun allerdings die Frage, wessen Sache nun die Dehand- 
bing der Seel engestörten werde, ob des Arztes, oder Geistli- 
chen, oder Philosophen, oder Erziehers? Nachdem er sowohl 
die Bildung und Gcistesrichtung als auch, die verschiedenen Ge- 
schäftskreise dieser verschiedenen Stände -Glieder gewürdigt, so 
giebt er die Entscheidung dahin: dafs der psychische Arzt aus 
der Klasse der Aerzte hervorgehen müsse, aber auch nicht in 
dieser Klasse bleiben dürfe, tbcils weil das Gebiet der Seelen- 
heilkunde so viclumfasscnd ist, dafs es die volle Kraft . eines 
thatigen Mannes ganz für sich in Ausprueh nimmt, theüs weil 
der Arzt, als psychischer Arzt, sich eine ganz eigene Bildung 
und Richtung geben mufs, die von der des blos leiblichen Arz- 
tes bedeutend abweicht und ihm als nothweudig auflegt, bei dem 
Psychologen, bei dem Geistlichen, bei dem Erzieher in die Schu- 
le zu gehen, 

Nun unterwirft der Verf. dos Ideal des psychischen Arztes, 
— ein Bild, das der schönsten Begeisterung des Meisters eut- 
* flössen, selbst lebt, wirkt und begeistert. 

6tes Kapitel Begriff des ärztlichen Erkennens und Handelns. — 
Ueber Theorie und Technik ist mehreres beherzigungswen- 
thes gesagt. 

ytes Kapitel. Begriff einer psychisch- ärztlichen The- 
orie und Technik. 

Die Theorie zerfällt nach dem Verf. in drei Glieder: auf 
dem Standpunkte, wo sie die Gesararatheit der Bedingungen des 
gestörten Seelenlebens übersieht und darstellt, ist sie Elementar- 
Lehre. Als Betrachtung und Darstellung der Formen des ge- 
störten Seelenlebens , ist die Theorie Formenlehre* Insofern die 
Theorie das Wesen des erkrankten Seelenlebens aufschliefst, ist 
sie ff tsenlehre. — — Hiermit sind auch die Elemente der Techr 
nik gegeben, deren erstes Glied, die Auffindung der Heilrae»« 
methodeu, die Hevristik; das zweite Glied; die geordnete Auf- 
Stellung der Hülfsmittel, die Heilmittellehre ; und das dritte Glied, 
die Kurlehre ist, welche zeigt, wie in jedem gegebenen Falle 
noch Angabe der Heuristik zu verfahren sey. *•* In diesen Glie* 



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Heinroth, Lehrb. d. Störungru d. Set icnlebeas. 79 

> 

dem der Theorie und Technik würde der ganze Organismus 
der psychcishen Medicin geschlossen seyn, weun nicht die Wirk- 
samkeit des psychischen Arztes noch auf andere Weise vom Staate 
entweder schon jelzt. thciJs in gerichtlicher, theilsin polizeili- 
cher Beziehung in Anspruch genommen würde, oder künftig in 
bessern Zeiten in Rücksicht auf das Krziehungs- und IJildungs- 
wesen in Auspruch genommen werden sollte und, durfte. Hier-* 
aus geht ein dr.itter.Thdl der psychischen Medicin hervor, uem- 
lich die psychisch -ärztliche Notnothetik oder Gesetzgebung in 
zwei verschiedenen Zweigen dem staatswissensehaf fliehen und 
dem prophylacUschen, oder ethischen. 

Den mit dein 6ten Gapitel geendigten VarbegruTcii folgt 
min von S. f»4 — 170, eine kritische Geschichte der Theorie 
und Technik der Seelenstörungen vou der ältesten Zeit bis aut 
die neueste. — Ein Meisterstück von tiefer Gelehrsamkeit und 
von Charakter -Schilderung psychisch -ärztlicher Schriftsteller uud 
ihrer Ansichten. Dafs übrigens der Verfasser die Hippokratische 
Medicin, .so vvie die nachfolgenden Schriftsteller bis auf die 
neueste Zeit beschuldigt, einer falschen Spur nachgegangen zu 
seyn, indem sie das Wesen, die Quellen und die Heilmittel psy^ 
chischer Störungen in körperlichen Organen, Kräften uud Be- 
schaffenheiten suchten, ist dem Verfasser; nicht sowohl für Ein- 
seitigkeit in Beurtbcilung als vielmehr für strenge Gonscquenz 
in seinen Grundsätzen anzurechnen, und -schadet bei seiner son- 
stigen Unparteilichkeit und tiefen Forschung der historischen 
Entwicklung in nichts. X <■ 

Nun folgt als weite Abtheilung; die Theorie der Seelen* 
Störungen. . j ♦ 

4ster Abschtnitt. El cmcn rarlehre»' 

Utes Capitel Von den Elementen der Seelenstörungen 
überhaupt. 

Die Bedingungen krankhafter Zustände, die man bisher mir 
dem Worte Ursache bezeichnete , welches Wort der Verf. als 
unlogisch verwirft, nennt er Elemente der /Crankheit. Da nun 
nur die Totalität der Bedingungen ein Ding hervorbringt und 
die Ursache desselben ist, so sollte man noch weit weniger von 
Ursachen in der Mehrzahl, von vorbereitenden, gelegentlichen 
und nächster Ursache Sprech cu ; noch eine einzelne Bedingung, 
ein- einziges Element -Dings Ursache nennen* Er durchgeht die 
bisher sogenannten vorbereitenden Ursachen der Seelenstö- 
rungen der Reihe nach, wie sie in den ärztlich - psycho- 
logischen Schriften aufgestellt worden, und zeigt in der kriti- 
schen Würdigung einer jeden derselben, so wie der einzelnen 
Praedispositionen das Unzureichende zur Erzeugung der »See-* 



1 

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8o Heinroth, Lehrb. d. Störungen d. Seelenlebens. 



lenkraiikhettcn , und dafs man also den Blick nicht auf Einzeln* 
heiten werten, sondern auf dem gesam raten Menschenleben in 
allen seinen Beziehungen festhalten müsse. Eben so mustert er 
mit scharfem Blicke die gelegentlichen Ursachen und sucht , ins 
Einzelne gehend, auch von ihueu zu beweisen, dals ihre isolirte 
Auffassung, ohue Bindung an das Gesammtieben des Menschen 
unfruchtbar sey, und dafs jederzeit ein ganzes, fehlerhaft ver- 
brachtes Leben dazu gehöre, wenn sie als Wahnsinn erregende 
Reitze augeseben werden sollen. — Scharfsinn und grosse, 
doch oft fast spielende, Gewandtheit des Verf. im Behandeln 
und Umdrehen der Ursachen und der Wirkungen glänzen hier, 
bei mancher vortrefflichen Lehre, hervor. — Der Begriff end- 
lich einer nächsten Ursache ist dem Verf. gar nur ein Wind- 
begriff. 

Die Krankheiten entstehen, nach dem Verf., wie Alles ent- 
steht: durch Zeugung. Die Bedingung dieser aber ist Entge- 
gensetzung der Elemente derselbeu. Vereinigung Entgegenge- 
setzter in einem dritten j dies ist die Formel für alle Zeugung ; 
und so auch für die der Seelenstörungcn , die Mutter ist hier 
die Seele selbst. Auch der Erzeuger ist nicht schwer auszu- 
mitteln; e» ist allezeit das Böse, mit dem sich die Seele be- 
gattet. So schwierig auch die Art der Vereinigung selbst aus- 
zumitteln scheint , so hilft hier doch die Analogie aus. Die 
Seele und das Böse werden vereinigt, wie überall die Ge- 
schlechter vereinigt werdVn; durch die Liebe oder den Hang 
der Seele zum Bösen. Die Verbindung der Seele mit dem Bö- 
sen ist allezeit ein Fall. Die- Seele als Eigen thura des Bö<cn 
ist dem Reiche des Lichts entwichen und mit Ketten der Fin- 
stemifs gebunden. Der Act, der Moment, wo die Seele das 
Eigenthum- des Bösen wird, ist der, wo die Seelenstöruug em- 
pfangen und gezeugt wird. Das Erzeugnifs ist verschieden, nach 
Verschiedenheit der Seelenstimmung und der Form, in welcher 
das Böse aufgenommen wird. Und hiermit ergeben sich die 
Elemente aller Seelenstörung; sie heissen: Seelenstimmung und 
bestimmender Reitz; jene als das innere, dieser als das äussere 
Element der Seelen Störungen,, und welche im 2 ten und 3 tea 
Capitel näher betrachtet werden, i 

Dies des Verf. ernsthafte Ansicht im Gegensatz gegen die, 
seiner Meinung nach, bisherigen last scherzhaften Ansichten der 
Aerztc über die nächste Ursache des Wahnsinns, 

{Der BtscklMfs 



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N = ^ Heidelberger 1822 » 

Jahrbücher der Literatur. 



* « 

Heinroth) Lehrbuch der Störungen des Seelenlebens. 

(B e s c h l u j f . ) . , . » 



■ : 



2*» Capitel Von der Seelenstimmung, als innerem Elemente 
' * "' rf«r Seelenstörungen» 

*Der eigentliche Schoos gleichsam der Seele ist das Ge- 
fühl, Gemüth, Herz, kurz das für Freude und Leid empfäng- 
liche innere Wesen, zugeich auch der Sitz der Seelenstimmung, 
Das Wesen der Seelenstimmung besteht demnach in der Art 
und Weise der Ajfection des Gemüt/u. Zwei Momente der 
Seelenstimmung müssen scharf ins Auge gefafst werden; i.) der 
Grad der (Temperaments- ) Lebendigkeit des Gemüths, der 
zwar in den verschiedenen 1 leiblich bedingten Temperamenten 
gegründet ist, doch so, dafs eben die Erhaltung der richtigen 
organischen Stimmung die Sache der Seele ist, die Seelenstim- 
mung ist nämlich nie ohne Beziehung, auf das Gewissen; und 
dadurch Iegitimirt sie sich als Etwas, das, wiewohl leiblich be- 
dingt, doch nicht blofs Reflex des leiblichen Lebens ist. a.) Die 
Empfänglichkeit desGemiithsivw die Leiblichkeit, für das Sinnen- und 
Weltleben. Vermöge der dadurch bewirkten Abhängigkeit der See- 
lenstimmung von äussern Verhältnissen erhält die Empfänglichkeit 
des Gemüths den Charakter des Hanges, durch welchen jede 
Seelenstünmung ab gefesselt erscheint; und die dadurch be- 
stimmte Beschaffenheit der, unter dem Drucke dieses Hanges, 
erliegenden Seele heifst Selbstigkeit, Egoismus. (Ree. mufste diese 
Definition des Egoismus, wegeu eines bald zu machenden Ge- 
brauches gegen den Verfasser, hier buchstäblich aufnehmen). — 
Man kann also als Regel annehmen, dafs die Seelenstimmung 
eines jeden, dessen Gemüth nicht auf das Göttliche geriphtet 
ist, den Charakter und die Farbe der sich auf Temperaments- 
Lebendigkeit und Selbstigkeit (Egoismus) beziehenden Lust 
oder Trauer an sich tragen werde. Auf verschiedeneu Staud- 
punkten, nach verschiedenen Richtungen, in verschiedenen Ver- 
wicklungen kann das Gemüth des Menschen zu einer Seelen- 
stimmung reifen, in welcher der Reim zu einer oder der andern 
Seelenstörung schon völlig vorbereitet 'liegt und nur der Be- 



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8* Heinroth, Lehrb. d. Störungen d. Seelenlebens. 

• ,'•>*.. 

fruchtung durch Reitz bedarf, um bald langsamer bald schneller 
entwickelt zu werden und in lebendk^r Gestalt, in bestimmter 
Krankheitsform tofcrvorzutretem — Die Geburtsstätte den &«e- 
lenstörungen ist und bleibt also die Seelcnstimmung:* 

Unstreitig ist die wirkliche Ausführung des hier nur an- 
gedeuteten eine der vortrefflichsten der vielen- vortrefflichen Par- 
teien im ganzen Buche. 

3 tM Cajntel. Vom Reitze, als äussern Elemente der See- 
lenstörungen. 

»Alles, was den Menschen mr Ruckwirkung von innen 
heraus aufregt, ist ein Reitz, er mag nun von aussen herkom- 
men oder im Innern des Menschen selbst angefacht werden. 
Die. Natur des Reitzes zum Bösen hat nicht blofs Aebnlichkeit, 
sondern genaue Verwandtschaft mit dem Miasma; indem die 
Urzeugung von Krankheiten durch Miasma dem eigentlichen 
ßrzeu^ungsproecsse gleich steht. Einer steckt den andern an; 
4er eiue pflanzt das' ursprüngliche Verderben auf den andern 
fort. Es giebt eine Erbsünde, dieser Reitz zum Bösen eilt durch 
die Länder, hängt sich an die Gegenstände und ihre Verhält- 
nisse in der Gestalt von Ideen, die man sonst in einem Wahren,' 
aber blinden Glauben: Geister, Dämonen nannte, un i denen 
man die Kraft, Böses zu stiften, mit allem Recht beilegte. Das 
Haupt, der Einheitspunkt dieser Geister, von welchem alle 
übrigen ausgehen v und dem sie untergeordnet sind, heifst Selbst- 
sucht. Diese' höchste böse Idee umspinnt die weitesten wie 
die engsten Verhältnisse der Menschen , die Idee des Geldes, 
der Herrschaft, des Besitzes, des Genusses etc. sind dienstbare 
Geister jenes grossen Beelzebub.« 

' Auch in diesem Capitcl kommt der Verfasser noch einmal 
darauf zurück, »dajfs die Entstehung der Seelen stör ungeu der 
Zeugung nicht blofs Zu vergleichen, sondern dem Wesen der- 
selben gleich zu setzen sev. Das weibliche und gleichsam müt- 
terliche Element, die zu keimen bereite Masse des Stoffes in 
der Scclenstimmung bedürfe nur der befruchtenden Einwirkung, 
Diese gebe der Reitz. Der Reitz sev also das befruchtende 
Princip; und als zeugende Kraft müsse der Reitz immer eine 
wirkliche und wirkende Potenz seyn.« t 

Ree. mufs hier, kurz verweilend, diörahf aufmerksam ma- 
chen, wie im ersten Capitcl der Verf. die Begattung der Seele 
mit dem Bösen, der Natur getreu, durch die Liebe, d. h. den 
Hart* der Seele zum Bösen vermitteln läfst. Hier sind also offenbar 
drei Bedingungen zur Begattung festgesetzt : die Seele, der Hang 
der Seele zum Bösen , und das Böse selbst. In diesem V* 11 
Capitcl', gleichsam dem Vor -Abend vor der wirklichen Ver- 



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Helnroth, Lehrb. d, Störungen d. Seelenlebens. 83 

mähiung (welche im 4 ten Capitel gefeiert wird) ist auf einmal 
Eines von den dreien verschwunden, und es fehlt entweder der 
Hang der Seele zum Bösen, wenn anders die Selbstsucht (Egoismus) 
nicht diesen Hang, sondern das wirkliche Böse repräsentiren soll ; 
— wie kommt aber alsdauu die noch nicht egoistische also noch 
gute Seele zum verbotenen Umgang mit'dcm bösen Egoisten? Oder 
es fehlt das wirklich Böse, wenn anders der Egoismus den 
Hang der Seele zum. Bösen bezeichnen soll ; dann aber ist die 
egoistische Seele .eine Schmachtende ohne Object, und da ist 
Begattung eine pure Unmöglichkeit. Nach der vom Verfasser 
im isten Capitel gegebenen Definition ist aber Egoismus nichts 
auders als die Beschaffenheit der unter dem Hang zur Leiblich- 
keit erliegenden Seele. }st hier etwas Böses, da es der Hang 
selbst nicht sevn "kann, so kann es nichts anders seyu als die 
Leiblichkeit Aber Leiblichkeit, das Leibliche, der Leib ist 
niebt selbst Egoismus, das ist klar, und ist eben so wenig an 
und för sich etwas Bös«. Wo ist also das Böse selbst? Noch 
rätbsclhafter wird der Verf. dadurch, dafs er in diesem 3ten 
Capitel nicht mehr vom Bösen selbst, sondern immer nur vom 
Reitze zum Bösen spricht, welchen Reitz er mit dem Miasma 
vergleicht. Aber Reitz — - zum Bösen, ist Reitz, mehr nicht, 
und als solcher unschuldig; das Böse mufs er erst noch finden. 
Und so auch der Verl*, mufs das Böse erst noch finden, trotz 
dem dafs er im Egoismus das iuprjxx ausrufen zu dürfen wähnt, 

fites Capitel, ff on dem V erhällnisse der Seelenstimmung 
und des Reitzes j zu Erzeugung von Seelenstörun gen. 
überhaupt , und den besondern Formen derselben. 

Das Genie unsers Verf. zeigt sich am grösten, da wo es 
unüberwindliche Schwierigkeiten zu bekämpfen unternimmt. Ree« 
glaubte zum Voraus in diesem Capitel den bösen Bräutigam, 
der eben seine Hochzeit zu feiern auf dem Punkte steht, ver- 
scheucht und die wirkliche Empfangniis der Seelenstörung noch 
zur rechten Zeit verhindert zu haben. Aber der Verf. lafst 
diese Empfangnifs durch den Saamen des Reitzes auf die sinn- 
reichste und doch eiufache Art wirklich vor sieb gehen, und 
man kanu ihm ein glänzendes Verdienst um Aufklärung über 
den Eutstehungsact der Sceleustörung schwerlich absprechen. 
Freilich, — und das ist die unüberwindliche Schwierigkeit, — 
fehlt dem Kinde der Böse als Vater. Scheuken wir daher lie- 
ber dem Verf. die Ausfindigmachung desselben, tbun wir frei- 
willig Verzicht auf den von ihm angeklagten Bösen und halten 
uns blos an den befruchtenden Saamen des weder guten noch 
bösen, aber immerhin hier schädlichen Reitzes; und wir gehen 
mit Bewunderung seines Scharfsinns zum grossen Tbeü in seiue 



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84 Heinroth, Lehrb. d. Störungen d. Seelenlebens« 

Ansichten ein und folgen ihm als Anführer in der neu angebau- 
ten Wüste -von nun an mit behutsamen Schritten. 

So sehr dies herrliche Capitel eine Andeutung seines wich- 
tigen Inhalts verdiente, so darf sich dennoch Ree. blos auf Re- 
ferirung des Hauptresultats einschränken. 

»Bei der plötzlichen Entstehung der Scelenstörung trifft 
— als ob zwei Funken zusammen schlügen — in dem Augen- 
blicke, wo der Zustand der Unfreiheit eintritt, der Act der 
Zeugung theils auf einen Grad der Seelenthätigkeit , theils auf 
eine Art derselben : 

Auf einen Grad der Seelenthätigkeit : je nachdem die See- 
lenstimmung aufgeregt oder deprimirt ist und wird, d. i. durch 
den Charakter der Exaltation oder der Depression werden die 
sämmtliclien Seelenstörungeu zunächst in zwei Reihen oder Ord- 
nungen geschieden, wozu noch die 3tc Ordnung, die Compli- 
cationeu oder der gemischte Zustand von Exaltation und De- 
pression hinzukommt. Wenn daher der dauernd unfreie Zu- 
stand überhaupt (daurende Vcrnunftlosigkeit, Vesania) den 
Gassen - Charakter der Seelenstörungen bestimmt j so bestimmt 
der vorwaltende Zustand der Exaltation öder Depression oder 
endlich der gemischte Zustand von beiden, den Ordnungs - Cha- 
rakter der Seclenstörungen. 

Auf eine Art der Seelenthätigkeit: Trifft der Moment der 
Zeugung des unfreien Zustandes auf eine Art von Seelenthätig- 
keit, so fragt es sich, ob es eine Thätigkeit des Gemüths oder 
des Geistes oder des Willens sey. Welche Thätigkeit nun im 
Augenblicke der in das Bewufstseyn eintretenden Unfreiheit ge- 
troffen wird, diese nimmt auch noth wendig den Charakter der ' 
Unfreiheit an, und tritt nun als solche ebenfalls entweder in 
der Sphäre der Exaltation oder der Depression oder in der ge- 
mischten, als werdeude Krankheitsform hervor. Bei einem z.B. 
Von Liebe entzündeten, unfrei gewordenen Gemüthe, wird die 
Form der Gemüt hskrankheit erscheinen, im exaltirten Zustand 
als Wahnsinn, im deprimirten ab Melancholie, im gemischten 
als melancholischer Wahnsinn. Trifft der unfreie Zustand im 
Zeugungs - Momente der Seelenstörung auf die Thätigkeit des 
Verstandes, so fixirt er dieselbe als Verrücktheit bei Exaltation, 
als Blödsinn bei Depression, als V erwirttheit bei Vermischung. 
Trifft die erzeugte Unfreiheit auf die vorwaltende WiUensthä- 
tigkeit, so entsteht Manie mit Exaltation, Willenlosigkeit mit 
Depression, Scheue mit gemischten Charakter. — 

Dies die Ordnungen und Gattungen. 

Die Arten betreffend, so kann ein jedes Genus nur vier 
ganz ächte Species enthalten, wovon die erste die Erscheinung 



j 



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I 



Heinrotb, Lehrb. d. Störungen d. Seelenlebens, 85 

der reiuen generischen Form ist, wo die Reinheit, die Unver^ 
mischtheit mit fremden Charakteren den speci eilen Charakter 
ausmacht; die drei andern Species aber aus der Beimischung 
und Subsumtion der andern beiden Gattungen derselben Ord- 
nung, entweder einzeln oder zusammen, genommen , entstehen.« 

Ilter Abschnitt. Formenlehre. 
4stes Capitel. Otganon der Formenlehre. 
»So wie der Inhalt der Elementar -Lehre aus der Reflex i ob 
erzeugt ist, so hat die Formenlehre einen anschaulichen Iiihalf, 
und die Elementarlchrc als Schlüssel der Formenlehre läfst uns 
durch diese einen Blick in das Wesen, der psychisch- krankhaf- 
ten Zustände thun. Die Formenlehre hat ihre eigenen Entwick- 
lungsgesetze. Die psychisch -krankhaften Zustände wachsen, wie 
die Pflanzen auf einer Erdfläche, wild durcheinander; aber sie 
haben, wie diese, ihre Kennzeichen, durch welche sie ihren 
Aehulichkeitcn und Unterschieden nach bestimmt und bis zur 
Individualität der Hauptarten aufgefafst werden können. Die an- 
schauliche Darstellung der unter den Rubriken von Ordnungen 
und Gattungen aufgefafsten bestimmten Erscheinungsweisen ist die 
Aufgabe der Formenlehre.« 

Utes Iis 4tes Capitel. 
Nun giebt der Verf. von S. 260 — 371 eine Nosographie 
der reinen Arten oder Formen und zwar 4.) ihrem speeifischen 
Charakter nach, 2.) nach ihren Vorläufern, 3.) nach ihrem rei- 
nen, ununterbrochenen Verlauf durch ihre verschiedeneu Stadien, 
4) nach ii;rem Ausgang, 5.) nach ihrem semiotischen , diagno- 
stischen und prognostischen Momenten. Sodann sind nach jeder 
reinen Art die übrigen Arten aufgestellt; und am Schlüsse einer 
jeden Artenreihe das nöthigste von den Unterarten , Abarten, 
Spielarten beigebracht. ,' • 

Die Vortrefflichkeit dieses n osographischen Theils des Bu- 
ches mufs Ree. Jaut und freudig anerkennen, und er gesteht 
gerne, dafs er, selbst Arzt an einer betrachtlichen Irrenanstalt, 
nun, — nachdem das herrliche Genie des Verfs. Licht in d^e 
chaotische Nacht der sich tausendfach verschieden darbieteuden 
psychischen Krankheitserscheinungen erschaffen und dieselbeu un- 
ter die Regeln des Systems geordnet hat, — lieber in seinem 
eigenen schweren Beruf forthin arbeiten wird als bisher gesche- 
hen ist und geschehen konnte. Sey auch das neue System mit 
seinen Ordnungen, Geschlechtern und Arten nicht durchaus das 
System der Natur selbst, und zum Theil mehr nur subjectiv im 
Kopfe des Erfinders als objectiv in der kranken Natur selbst 
gegründet; es schafft doch ein gewisses Licht der Ordnung im 
Kopfe des psychischen Arztes; dieser wird, wenn auch nicht er- 



* *. - 

86 Heinroth, Lehrb. d. Störuogen d. Seelenlebens. 

t * 
■ 

leuchtet vom vollen Glänze der Wahrheit, doch geleitet von 
einem Strahl derselben : denn dieser Nosographie liegt zum Theil 
die Erfahrung von Jahrtausendeft zu Grund; und nur vom 
selbststäudigen Lichte des psychischen Arztes her T onnen die 
ihn umkreisenden Irrstcroe aus ihrer Totalfinsternifs erlöst wer- 
den, und zum Leuchten, sey es auch anfänglich nur mit retlec- 
tirtem Lichte, gelangen. 

Mancher Zweifel regt sich allerdings gegen die durchaus 
©bjective Gültigkeit des hier aufgestellten Systems.- Schon der 
klassische Charakter der Unfreiheit, der sich, natürlich durch 
alle Ordnungen, Geschlechter und Arten hindurch zieht , — auch 
abgesehen von den frühem blos theoretischen Einwürfen des Ree. 
dagegen — scheint an einer und der andern Art von Seclenstöiung 
mehr oder weniger offenbar zu scheitern. So sagt der Vf. (2 t. B. 

292.) von der Verrücktheit mit der Form der Exaltation, 
— • wo also nicht das Gemüth , nicht der Wille , sondern der 
f^ersthnd selbst, der Geist unfrei seyn soll: »die meisten Kran- 
ken in diesem Gebiete besitzen Scharfe des Geistes genug, um 
die sie umgebenden Individuen zu durchschauen; und 'es ist auf- 
fallend, welche Orakelstimmc nicht selten aus ihnen spricht, um 
die scharfsinnigsten, treffendsten Urtheile zu fallen.« Ree. möchte 
hier lieber die nächste Ursache ( — ; wäre sie nicht ein Windbc- 
griff — ) in jedem andern und zwai körperlichen Hindernisse 
suchen, als in der Unfreiheit des Verstandes, des Geistes. Wenn 
die Spontaneität durch ein äusserliches Hindernifs (z. B. durch 
das Gebundcnseyn des Gefangenen an eine Kette) in ihrer wirk- 
liehen Aeusserung gehindert wird; hört darum der Gefangene 
auf, Spontaneität zu besitzen? Um wieviel mehr mufs die Frei- 
heit in ihrer Aeusserung gehemmt erscheinen, ohne darum auf- 
zuhören Freiheit zu bleiben, wenn das Hindernifs im Körper, 
ja im Seelen organe selbst liegt? Freilich halten wir ein solches 
exaltirtes Wesen nicht für verantwortlich, aber nur deswegen, 
weil wir es für ein in seinen Aeusserungen gebundenes Wesen 
erkennen; und vielleicht auch aus dem weitern Grunde, aus 
welchem wir dem höhern Dichter die im freien Fluge seiner 
Phantasie begangenen grammaticalischen und metrischen Sünden 
nicht anrechnen dürfen. Offenbare Unabhängigkeit des Phan- 
tasten von äusserlichen sinnlichen Einflüssen und Erhabenheit 
"über dringende Forderungen seines Körpers; so wie die tiefe 
Verstellungskunst so mancher Irren , — ist das so offenbare Un- 
freiheit? Spielt hier so offenbarer Mechanismus? 

Ob auch die so vielfaltigen Complicationen der verschie- 
denen Arten untereinander allemal im Buche •— nicht nur des 
Verfassers, sondern auch der Natur geschrieben stehen? Der 



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Heinroth, Lebrb. iL Störungen d. Seelenlebens. 8? 



Verf. sagt z. B. von der Ecstasis melanekolica i Stiller Wahnsinn) 
B. II. §. 398. »So einfach diese Form erscheint, so zusammen- 
gesetzt ist sie aus entgegengesetzten Elementeu.« — Dürfte hier 
diese Zusammensetzung nicht blos im Systeme existireu? — 
Complicationen sind nach dem V*rf. , so wie nach der Natur 
der Sache, schwieriger zu heben als einfache Fälle; und den* 
noch giebt, nach B. ii. §.375. die Ecnoia eestatica (*ine Com- 
plicata on) mehr Hoffnung zur Genesung als selbst die reine, ein- 
fache Ecnoia. Könnte auch hier nicht die Complication blos 
ün Begriffe existireu? 

Wir sehen feruer in dieser, in jeder Hinsicht vortrefflichen, 
aber rAa Nosographie den spreiüschen Charakter , die Vor- 
läufer, den Verlauf, Ausgang, die semiotischen , diagnostischen 
und prognostischen Momente einer jeden Art so bestimmt, so 
entschieden und scharf aus einander gesetzt, dafs selbst dieser 
so schöne Vorzug, der alles ungewisse Schwanken ausschliefst, 
fast zum Fehler wird und einen gewissen Verdacht erregt , als 
liege hier, wenigstens zum Theil, mehr theoretisches Sondern 
a priori als wirklich erfahrungsmässige Beobachtung der Natur 
zum Grunde, die in einer solchen Ausdehnung, auch wenn man 
die Erfahrungen, welche das gelehrte Studium der Alten und 
Neuen darbietet, mit einschliessen will, kaum einem Sterblichen 
vergönnt sejn dürfte j am wenigsten wenn er die Nosographie 
erst neu begründet. 

Endlich, wenn man §. 2o3 und §. 221 unter den progno- 
stischen Momenten liest: »Entstehende Blutflüssc, namentlich 
Hämorrhoidalfliifs und das Bersten von Krampfadern sind in der 
Ecstasis matiiaca von günstiger Vorbedeutung.« Und : »Iu der 
Melancholie ist es gut, wenn sich unterdrückte Biutflüsse oder 
Wechselfiebcr wieder einstellen« — so mufs man wenigstens 
die Unparteilichkeit des Verls, rühmen, wenn man gleich darum 
seine Conscquenz nicht schelten darf; denn er verwahrt sich, 
doch mehr nur durch Scheingründe, gegen die Folgen, die man 
daraus auf die somatische Natur jener Gemüthskraukheiten zie- 
hen könnte. Diese Verwahrung reicht aber nicht mehr aus, 
wenn der Verf. §. 226 den reinen Blödsinn ^Depression des 
Denkvermögens) vou mangelhafter , uicht zur Reife gekomme- 
nen Ausbildung des Hirns, bei fehlerhafter Schädelbilduug, ent- 
stehen zu lassen gezwungeu ist ; — da man dadurch zum Sehl ufs 
berechtigt wird: dafs, wenn die Depression somatisch bedingt 
ist, auch die Exaltation, als der dircete Gegeusatz, gleichmässig 
somatisch, in der glücklichern, weniger beschränkten Hirnor- 
ganisation bedingt sejn müsse. — Diese Zweifel des Ree. ha- 
ben indessen nicht die Absicht, dem hohen Verdienste des 



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88 Heinroth, Lehrb. d. Störungen d. Seelenlebens. 



Verfs. zumal um Classification der Seelenstörungen wirklichen 
Abbruch thun zu Wollen. 

Bei Abhandlung der Melancholie wird §. 221 die bisherige, 
seit Jahrhunderten geherrschte Vorstellung vou fixer Idee als 
falsch erklärt und dahin berichtigt, dafs sie eine Krankheit, 
nicht des Verstandes, sondern des Gemüths seyen; - — was al- 
lerdings so seyn müfste, wenn die Stellung der Melancholie als 
Gcmüthskrankheit die richtige im Systeme seyn und keinen in* 
nern Widerspruch veranlassen soll. 

3ter Abschnitt. Wesenlehre. 
4 st es Capilcl. Von dem Wesen der Seelenstörungen überhaupt. 
»Es giebt einen Geist der Finsternifs, und dies ist^ r böse 
Gest, dem alles Böse angehört, auch das Wesen der Seelen- 
störungen. Ohne ganzlichen Abfall von Gott giebt es keine 
Seelenstörung. Ein böser Geist also wohnt iu den Seelenge- 
störten; sie sind die wahrhaft Besessenen. Wunderbarer Weise 
trifft hier die (neue) Theorie des Seelenlebens mit den Aus- 
sprüchen beiliger Offenbarung zusammen.« '» 
Man sieht wohl, dafs des Verfassers Gegenstand keine 
Theodicee war. 

Das 2te, 3te und 4te Capitel handeln über das Wesen der 
Gemüths-, der Geistes- und der Willensstörungeu. — Und 
hiermit endigt sich der iste theoretische Theil und Band. Kur- 
ier mufs sich Ree. beim 2t. praktischen Theil aufhalten. 
Dritte • Abtheilung. Technik. 
In der Einleitung ist die Nothwendigkeit der Beschränkung 
des ausgelassenen Willens bei für heilbar gehaltenen Irren gründ- 
lich dargethan ; während man die Unheilbaren im Genüsse gröst- 
möglichcr Freiheit lassen mag. 

4sUr Abschnitt. Hevristik. 
»Auf der Setzung des Gegentheils der psychischen Krank- 
heitselemente und somit auf der Ausgleichung des Ungleichen 
ruht die Basis der Wiederherstellung.« 

Der Verf. thcilt seine Heilmethode in die ütdirect - und 
die direct - psychische. Erstere zerfällt in 8 Momente : 

i.) »Negative Behandlung, 2.) graduelle Behandlung, näm- 
lich a.) Depression der Aufregung; und zwar des Willens in 
der Mania durch die beschränkten Mittel; — der Phantasie im 
Wahnsinn dnreh die ableitenden Mittel j — des Verstandes in 
der Verrücktheit durch den beschwichtigenden IVitt , der eine 
Verkehrtheit im strengen Gegensatz gegen die andere zu erfin- 
den weifs. b.J Aufregung der Depression; im Wahnsinn, im 
Blödsinn, in der Willenlosigkeit durch die ableitenden, Schmer- 
zen erregenden , aufregenden Mittel; durch (Tollheit erregende) 
Transfusion des Bluts im Blödsinn und der Willenlosigkeit. 



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1 



Heinroth, Lehrt, d. Störungen d. Seelenlebens. 89 

3.) Formelle Behandlung «1er bestimmten Formen von Ge- 
miiths-, Geistes- und Willenskrankheiten, durch Umstttnmung 
im i rten Fall, Berichtigimg im a ten , und Richtung im 3* ea 
Fall. ■ — Die so nöthige Umsicht des Arztes ist hier (4*** 
itel) sehr fein auseinander gesetzt. 

4«) Individuelle Behandlung, hinsichtlich des Geschlechts, 
Alters, -Constitution etc. 

5. ) Somatische Hülfs - Behandlung : zur Beseitigung der 
Schlaflosigkeit, Constipation , Trockenheit der Haut, Conge- 
stionen, Convulsionen und Lähmungen etc. — kalte Bäder bei 
Maniacis , beisse bei Melancholicis. — • Nicht die starken Kör- 
per, die ihren plastischen Stoff zur Muskelmassc verarbeiten, und 
noch weniger die schwammigen, welche ihn in die Fettzellen 
absetzen, auch wenn sie sich in der Manie noch so unbändig 
gebehrden; sondern die hagern mit straffer Faser, denen eiu 
reicher Vorrath plastischen Stoffes in den angefüllten Gefassen 
strozt, shid diejenigen, welche einen grossen Blutverlust er- 
tragen. '\ 

6. ) Palliative Behandlung. 

Fast spafshaft ist es übrigens anzusehen, wie der Verf., um 
die somatische Behandlung als eine blos symptomatische in Schat- 
ten, und dadurch seine Grundhypothese von erkrankter Seele 
ins Licht zu stellen, und ihr einen praktisch brauchbaren An- 
strich zu geben , seine Zuflucht zur nomenclaturischeu List 
nimmt. Es schliessen nämlich sämmtliche Kurmomente von der 
graduellen bis zur individuellen Behandlung bei weitem zum 
grösten Thcil pharmaccutische Mittel in sich. 

Nun folgt im St. Capitel die direct -psychische Methode. 

Der Verf. postulirt im Seelenarzte eine Kraft, die direet- 
psychisch gegen die kranke Seele selbst gerichtet sey: »der 
erlösende Glaube, welcher von der Gewalt des Satans zu Gott 
führt , ist und hat eine Gotteskraft. Eingetaucht in diesen 
Glauben, erfüllt und durchdrungen von ihm, sind wir geläutert 
und geheiligt , von einem neuen , höhern Lebern und seiner 
Kraft beseelt und in das Reich des Lichts und der Liebe ein- 
gegangen. In diesem Glauben lebten und wirkten die Apostel. 
Wer diesen Glauben errungen hat, — und wir sollen und kön- 
nen ihn Alle erringen — steht nicht blos fest über allem Wech- 
sel und Wandel des Lebens, sondern er vermag auch durch 
diesen Glauben und seine Kraft zu wirken, was sonst Niemand 
vermag: Heilung der mannichfaltigsten Gebrechen durch den 
blossen Wüten, durch die blosse Berührung; denn was von dem 
Heiligen berührt wird, wird selbst heilig d. h. gesund. Das 
Medium alles "Wirkens und Schaffens ist der Wille} und so sey 




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90 Heinroth, Lehrb. d. Störungen d. Seelenleben! 



denn jeder bestrebt seinen Willen zu kräftigen, zu läutern und 
zu heiligen, und er wird und mufs in den Besitz einer Kraft 
kommen, die Wunder verrichtet. — Zu verwundern ist es, 
dafs ein wilder Zweig des Glaubens, d. h. der natürliche Glaube 
oder der durch das Selbstvertrauen belebte Wille in der Ge- 
stalt des magnetischen Agens sohon so viel vermag. Im Willen, 
als absoluter Kraft ist eine Zcugungs- oder Fort pflanzungskraft 
vorhanden; sein Wesen erscheint in voller Reinheit als Schöp- 
ferkraft; die sich in einigen Naturen den lebendigsten, unver- 
letztesten als freie Kraft entdeckt. Daher die Heilungs - Gabe 
mancher Geringen im Volke. Vox populi vox Dei. Lasset uns 
also glauben j so werden wir helfen. ... So erhalten wir 
ein direet - psychisches neues Agens gegen die mächtigsten 
Uebel etc.« 

Lcr Geist, womit der Verf. diese Phantasmata zu einer 
religiösen Höhe zu steigern weifs, gebietet achtungsvolle Schoi- 
nung im Urtheile über ihn. Dies ist um so mehr Noth, als 
gerade gegenwärtig in einer gewissen Stadt und Gegend Teutsch- 
lands das vox populi vox Dei zu Schanden geworden ist und 
den Verf. a posteriori widerlegt. Ree. will dem Verf. die trif- 
tigen Vorwürfe nicht entgegen rufen, die dieser selbst in §. 332 
aus dem Munde seines künftigen Ree. vorher zu hören glaubt. 
Neil», er will vielmehr blos nur die einzige Fruge an den Verf. 
stellen: Läfst sich denn die Moralität, die Freiheit, ohne wel- 
che nach dem Verf. keine menschliche Gesundheit statt 6 ml et-, 
von aussenher durch blosse Berührung mittheilen, und mufs sie 
nicht stlbsterrungen , eigenes Werk und Verdienst seyn? Im 
helfenden Ar*te setzt der Verf. selbst diese Bedingung als un- 
erläfslich voraus; und im Patienten sollte sie ganz und gar feh- 
len dürfen und überflüssig seyn? Welche leichte und bequeme 
Religion, ohne eigenes Verdienst, durch blos fremde Tugend 
selig und gesund zu werden! — Eine Religion, welche uicht 
blos dem Aberglauben, sondern auch dem Laster, und eben da- 
durch den Seelenstöruugen selbst Thor und Tbüre öffnet. Al- 
lerdings liegt im Glauben eine grosse Kraft, eine V\ underkraft 
verborgen, die der inbrünstig Betende inne wird. Aber das 
Gebet, die Unterredung mit Gott, mufs *zu allererst vernünftig 
seyn. Ein solches Gebet aber lautet dem ähnlich : »Mein 
Vater! ist's möglich, so gehe dieser Kelch von mir; doch nicht 
wie ich will, soudern wie Du willst.« Und gewifs es wird 
ein Wunder geschehen; abtn- kein sichtbares durch einen Wun- 
der - Arzt, sondern ein noch grösseres : Der Betende wird mit 
Himmelskraft erfüllt wieder aufstehen. — Das geht auch mehr 
als nur naturalistisch znj 



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Heinroth, Lchrb. d. Störungen d. Seelenlebens, gt 

%ter Abschnitt. Jfeämittellehre. 
3ter Abschnitt. Kurlehre, 

Vierte Abt Heilung. Nomothethik. 

Der <ste Abschnitt beschäftigt sich mit dem Staats wissen- 
scha deutlichen Theil der Noraothetik, nämlich der psvchisch- 
gcrichtlichen und der psychisch - polizeilichen Nomothetik. 
Von ersterer ist mehr nur ein Orgcmon als die Wissenschaft 
selbst vorgetragen. Neues findet sich nichts darin als Mos der 
Name. 

Die psychisch - polizeiliche Nomothctik hat es mit der An- 
lage, Einrichtung und Verwaltung einer Irrenanstalt zu tlmn, 
und enthalt treffliche Vorschläge. 

Der 2te Abschnitt handelt einen neuen Zweig der Nomo- 
thetik, den Ethischen Theil oder die Prophylactik, ab. In der 
Einleitung, Welche vom Glauben, als dein Princip der Prophy- 
lactik handelt, fliefst tiefe Wahrheit, heilsam dem menschlichen 
Stolze, Balsam dem wunden Herzen, ohue Fessel für die Ver- 
nunft, — aus der Feder des Verfassers, als ein Meisterstuck 
sinnreicher Ausgleichung der scheinbar entgegengesetztesten mo- 
ralischen Elemente. 

hi dem letzten Capitel nimmt das durchaus originelle, eben 
so gut religiöse als arztliche Buch sogar noch einen hobern po- 
litischen Charakter an, und es ist darin von nichts Geringerm 
die Rede, als von einer für das lebendige Christenthum pas- 
senden moralisch - religiösen Staaten - Einrichtung j wozu der 
heilige Bund die Bürgschaft der Möglichkeit und selbst der 
bevorstehenden Verwirklichung hergeben mufs. Wenn man auf 
der einen Seite den grossen, Alles umfassenden Blick des Ver- 
fassers, mit welchem er seinen Gegenstand theoretisch umfafst 
und erschöpft hat, die Bewunderung nicht versagen kann; so 
Jcann man ihu doch, insofern er an die Realisiruug seiner poli- 
tischen, wie religiösen und zum Theil selbst ärztlichen Ideale, 
mit frommen Sinne glaubt, vom Vorwurfe einiger Schwärme- 
rei nicht lossprechen. Aber so schwärmen kann nur eiue 
schöne und seltene Seele, die ihr eigenes hohes Ideal in der 
Außenwelt in Vielzahl wiederzufinden vergeblich hofft. 

Dr. Friedrich Groos, 
in Pforzheim. 

1 1 



Beiträge zur Zoologie und vergleichenden Anatomie von /jfe/jr» 
MCH Kühl j Doctor der Philosophie ß und mehrerer ge— 



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g2 Kühl, Beiträge z. Zoologie u. vergl. Anatomie. 



lehrten Gesellschaften Mitgliede. Frankfurt im Verlag der 
Hermannschen Buchhandlung. 4820. in 4- nut Abbild. 6fl.45 kr. 

Der Verfasser vorliegenden Werks, ein junger tilent voller Na- 
turforscher, der auf Kosteu der Niederländischen Regierung 
eine Reise nach Indien angetreten hat, besuchte während der 
Vorbereitung zu seiner grossen Reise die vorzüglichsten natur- 
historischen Sammlungen Hollands, Deutschlands, Frankreichs und 
Englands. Diese Beiträge sind die Frucht seines seltenen Fleisses 
und eifrigen Forschens, für deren Mittheilung wir ihm ihrer Reich- 
haltigkeit wegen allen Dank schuldig siud. Sie berechtigen zu 
grossen Hoffnungen und zeigen was wir dereinst von ihm im 
Gebiete der Zoologie zu erwarten haben. Möge er nur so 
glücklich sejn, die mit einer solchen Reise verknüpften Be- 
schwerden und die nachtheiligen climatischen Einwirkungen 
eines fremden Wehtheils zu ertragen, dessen Naturprodukte 
ohnehin einen eifrigen Naturforscher zu grossen Geistes -An- 
strengungen aufregen. 

Die zoologische Abtheilung der Schrift beschränkt sich 
nur auf die drei obern Thier -Klassen, enthält aber des Neuen 
und Schätzbaren so viel, dafs der Raum dieser Blätter kaum 
einen dürftigen Auszug gestattet, der indefs schon hinreichen 
wird, 'die Freunde der Zoologie auf das Werk aufmerksam zu 
machen. 

Den Anfang macht eine Tabula synoptica Simiarum, nach 
Art Geoffroy St. Hiladree's Systeme des Quadrumanes (in den 
Annale du Mus. T. %o.), ohne Zweifel das Vollständigste und 
Beste, was wir über diesen Gegenstand besitzen. Geoßroy's 
Hauptabtheilung in Catarrhini und Platyrrhini ist beibehalten 
und im Wesentlichen auch das übrige System, jedoch mit ein- 
zelnen Ausnahmen. 

Cmtjrkhijit. Nach Ultgers Beispiel sind Pithccus satyrus 
und Throglodytes niger. Geoff. unter Simia vereinigt, die übri- 
gen Pitheci , die Cuvier gleichfalls zu jenen zog, bilden die 
Gattung Hylobates Iiiig. Von Simia satyrus L. untersuchte der 
Verf. vier, und von troglodytes drei Exemplare; er halt das Vor- 
nandenseyn des Nagels an dem Hinterdaume bei letzterem und 
dessen Mangel bei ersterem für constant, wofür sich neuerlich 
auch Leach erklärte. 

Colobus Hl ig- Die Existenz von Affen der alten Welt ohne 
Daumen an den Vorderzehen bezweifelt der Vf. mit Recht. Er be- 
schreibt eine neue Art, die er O Temminckü nennt, und die zwei 
früher bekannten aber verloren gegangenen Arten, S.polycomos und 



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Kuh), Beiträge z. Zoologie u. vergl Anatomie. 93 



ferruginea, Werden nach den Gemählden des Pariser Museums be- 
schrieben. 

Cercopithecus. Hieher sind nach Cuvier's Beispiel auch 
die Gattungen Cercoccbus und Pygathrix Geoff. ( Lasiopyga II- 
lig.J gezogen. Cercopithecus cynomolgus bildet den Uebergang 
zur Gattung Inuus Geoff., wozu der Verf. ausser Inuus ecau- 
datus , nemestrinus und rhesus nach S. leueophuca Fr. Cuvier's 
rechnet, eine wirklich verschiedene Art, die Geoffror mit Un- 
recht für einen jungen Papio mormon gehalten hatte. 

P apio. Die bisherige Verwirrung in der Nomenclatur 
der verschiedenen afrikanischen Paviane scheint hier endlich ge- 
löst zu seyn. Kürzlich hatte zwar Fr. Cuvier (in den Mem. de 
Mus. 'Jörn» 40 Arten cynovephalus und Sphinx genauer 
charakterisirt, aber rücksichtlich der übrigen blieb noch man- 
ches schwankend. Der Verf. zeigt , dafs Geoffror die wahre 
Sitnia porcaria, wozu auch sylvestris Sclireb. (Tab. 18 C.) ge- 
hört, gar nicht kannte, und unter diesem Namen das junge Thier 
seines Papio comatus beschrieb. Die n ähre Simia porcatia be- 
sitzt das Berliner Museum der Naturgeschichte, und den P. co- 
matus brachte Peron von Cap der guten Hoffnung mit. 

Platyrrhini. Diese Abtheilung ist sehr vermehrt wor- 
den, besonders durch die gefälligen Mittheilungen des Prinzen 
Maximilian von Neuwied. Wir begnügen uns die neuen Arten 
blofs zu nennen. 

Atetes Geoff. A. hypoxanthus Max., ßdiginosus, Geof- 
froy, Mycetes IUig. M. rußmanus. 

Cehus Geoff. C. frontalis , robustus Max., xantostemos 
Max., und lunatus. Letztere Alt nach dem bis jetzt einzigen 
Exemplar der Heidelberger Naturalien - Sammlung. 

Callithrix Geoff. C. insulatus Lichtenst., melanockeir Max. 

Pithecia IUig. P. rufibarbata und ochrocephala Temm, 

Midas Geoff. M. chrysomeles Max. 

Die Charakteristik der sammtlichen Affenarten ist mit gros- 
sem Fleissc ausgearbeitet. 

Hierauf folgt die Beschreibung einiger zum Theil neuer 
Marsupialien, Gliren uud Falculaten des Iiiiger. Von Beutel- 
thiereu sind Dasyurus peniciUatus Shaw., Phalangista sciureat 
ByaUuitia Cookii , und Didelphis tristriaia vom Berliner Muse- 
um, als neue Arten anfgeführt, und von Nagethieren Arctomys 
melanopus , Marmota canadensis , Gastor canadensis , Sacropho- 
rus bursarius, Sciurus congicus, Levaillantii, Tamias americana, 
Meriones musculus u. apicalis, Hystrix insidiosa, nyethemera u. sub- 
spinosa, Loncheres paledeea und anomala. Ferner werden noch 
zwei neue Arten von Raubihieren beschrieben, Hiaena picta 



1 



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g4 Kühl, Beil rage z. Zoologie u. vergl. Anatomie. 



Tem. und Miistela Icuc opus. D ic neue Hyäne ist dasselbe Thier, 
dessen Sparrman, Levadlant u. a. unter dem Namen des wil- 
deu Hundes erwähnen. 

In den Beiträgen zur Kcnnrnifs der Amphibien bewährt sich, 
der Verf. ebenfalls als ein genauer Kenner. Wir wollen nun 
das Neue kurz herausheben. Von Cheloniern sind zwei ueue 
Arten beschrieben , Testudo ocidijera und Chelonia multiscutata. 
Um bei den Schlangen ein sicheres Resultat zu erhakcu, in wie 
fern man sich auf die Zahl der Bauch- und Schwanz- Schilde 
als Kennzeichen der Arten verlassen könne, zählte er dieselben 
an allen Exemplareu der verschiedenen Arten, die er nur zu un- 
tersuchen Gelegenheit hatte. Es erhellet daraus, dafs die Au- 
zahl der Bauch- und Schwanz -Schilde nach deu Individuen, be- 
sonders nach dem Alter, verschieden ist, und folglich kein si- 
cheres charakteristisches Kennzeichen abgibt. Beständiger dage- 
gen ist bei den Arten das Yerhältnifs der Länge des Schwanzes 
zum Körper. Vou neuen >chiaugen- Arten werden beschrieben: 
Colubcr btaehyurus und lubiatus , Trigonocephalus nigromargi- 
natus, Acrochordus javensis, Python bivittatus und ffurria cari- 
nata. Den Beschrufs machen einige kritische Bemerkungen über 
Daudtn's Arbeit über die Schlaugen, worin er dem Verf. der 
Histoire na(utelle des reptdes mit Recht ausser mehreren began- 
genen Nachlässigkeiten, eine Menge von Irrthümcru in den Sy- 
nonymen , vorzüglich bei der Anführung der Abbildungen Seba's, 
vorwirft. 

Die Ordnung der Saurier ist ebenfalls durch viele neue 
Arten bereichert worden. Ausser Draco tincatus, viridis , fuscus 
sind uoch Draco tinioriensis Peron. . und ßmbriatus beschrieben. 
Von Chamaeleoncn sind sieben Arten genannt. Zu den Aga inen 
sind folgende neue Arten hinzugekommen : Agama gigantea, 
cristatel/a j Tiedemanni und Jacfcsonie/tsis. Die von Daudin auf- 
geführten Arten der Amaiven werden critisirt; Unter den La- 
certen sind neu: Lac. t ig rina Pallas j variabilis P.* unieolor uud 
ptycltodes , und unter den Tupinambis Arten, T. bwi,tiatus. Aus- 
serdem werden vom Verf. noch mehrere in verschiedenen S*rnui<- 
lungen aufgefundene .Arten als eigene aufgestellt, nämlich : Sein-* 
cus mo/iotropis j undecitn striatus, caesius und Gecko annulatus» 

Unter den Beitraget! zur Ornithologie zeicluiet sich die Ab* 
haudlung über die Proccllaricu aus. Der Verf. hatte in Lon- 
don Gelegenheit, viele dieser Vögel zu sehen, und die vott 
Banks und Forster mitgebrachten Exemplare und Original -Zeich- 
nungen zu benutzen. Er geht die ganze Reihe der Alten durch 
und beschreibt sie genauer, als es bisher geschehen ist. Am 
Schlüsse stellt der V erl. uüch ein neues Genus ü* der Familie 



/ .' • 

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Anatom. Untersuch, üb. 4 Verbind, d. Saugadern. g5 

der Raben auf, unter dem Namen Ptüonorhyttchus , wozu er 
Corvus squamulaats Iiiig. oder Oriolus holosericcus Rob. Brown 
zahlt. 

Die in der zweiten Abtheilung vorkommenden Untersuchun- 
gen sind gemeinschaftlich vou Kühl undDoctor von Hasselt y sci- 
D«n Reisegefährten, angestellt. Wenn gleich hin und wieder 
eine neue Bemerkung mitgetheilt wird, so ist das Meiste doch 
längst bekannt. Ueberhaupt vermissen wir hier eine gute Me- 
thode in der Beschreibung und Darstellung, und es ist nur zu 
sehr sichtbar, dafs die Verf. keine gute Schule für vergleichen- 
de Anatomie besucht haben. Es finden sich '.Bruchstücke zur 
Anatomie vou Cercopithecus sütkus , aethiops , Atcles., Gulago 
madagascariensis ß Stenops gracilis und Phova vUulina. Das Hirn 
mehrere Fische uml s Amphibien ist beschrieben und abgebildet, wie 
wohl sehr roh ^und oberflächlich. Ferner endlich werden ana- 
tomische Notizen über den Bau mehrerer Vögel, einiger Amphii 
bien und vieler Fische der Nordsee mitgetheilt. Diese gatize Ab- 
teilung hätte vorläufig noch, unbeschadet der Wissenschaft, 
uugedructvt bleiben können. 



Anatomische Untersuchungen über die Verbindung der Sauga~ 
dem mit den Venen von Dr. Vincenz Foiimmnh , Prosec- 
tor am anatomischen Theater zu Heidelberg. Mit einer Vor- 
rede ron Tiedemjnn. Geheimen Hofrath und Professor, 
Heidelberg 4 Sa 4 bei Karl Groos. 88 S. in 8. 54 kr. 

D. . " 4 1 

ieses Schriftchen bringt wieder einen Gegenstand zur Spra- 
che, der seit geraumer Zeit als völlig ausgemacht betrachtet 
wurde. "Wie es bei schwer zu entscheidenden gerichtlichen Ver- 
handlungen zn gehen pflegt, so bei wissenschaftlichen Streitig- 
keiten, der bekommt nicht immer Recht, dem es gebührt, son- 
dern der, welcher die meisten Schein -Gründe für seine Sache 
beibringt, und dem die berühmtesten Advocaten dienen. Einem 
solchen Prozesse zu vergleichen, ist die seit zwei Jahrhuuderten 
gelührte Streitigkeit über die Verbindung der Lymphgefasse 
mit den Blutadern. Obgleich schon Stenonis, Pecquet , Nuck, 
rValueus und viele andere bald nach der Entdeckung der Saug- 
adern durch Aselli, Verbindungen dieser Ccfässe mit den Blut- 
adern, noch ausser den Milchbrustgängen, aus mancherlei Gründen 
annehmen zn müssen glaubten, so wurde jedoch die Annahme 
derselben durch Hallet j Mascagni, Cruikshank, Hewson, Sö'm* 



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96 Anatom. Untersuch, üb. d. Verbind, d. Saugadern, 

merrtnp u. a. , die sich grosse Verdienste um die Lehre von den 
Sangadern erworben, als irrig betrachtet. Auch sie nehmen 
zwar nicht selten bei der Einspritzung der Saugadern mit Queck- 
silber dasselbe in den Venen wahr, deuteten das Phänomen aber 
auf eiue andere Wiise, durch eine hypothetische und keineswegs 
erwiesene Zerreissung der Saugadern und Venen. Dann und 
wann traten nun wohl ein und der andere Anatom mit neuen 
Untersuchungen gegen diese Irrlehre auf, allein sie konnten ih- 
ren Untersuchungen gegen solche gewichtige Autoritäten kein 
Ansehen verschaffeu, und so kam der Streit in Vergessenheit, 
und die Sache wurde zu Gunsten derjenigen entschieden, die 
keine Verbindung der Saugadern mit den Venen, ausser eine 
blofs durch die Milchbrustgänge vermittelte, lehrten. Der Verf. 
dieser Schrift, aufgemuntert und durch Rath und Tbat seines 
Vorredners, unterstützt, bcschlofs die Sache wieder aufzunehmen, 
und neue Untersuchungen an Menschen und Thieren anzustel- 
len, die hier mitgetheilt sind. Wir bcguügen uns die Resultate 
herauszuheben. 

In allen, zu den Untersuchungen verwandten Leichnamen 
von Menschen gelangte ein Thcil des in die Saugadern des Darm- 
kanals injicirten Quecksilbers in die Zweige der Pfortader, lhi 
genauerer Untersuchung ergab sich, dafs die Verbindung der 
Saugadern mit den Venen innerhalb der Gekrösdrüsen statt fand. 
Er spritzte nun auch wiederholt die Lyniph-Gefäfse der ober» 
und untern Gliedmafseu eiu, und bemerkte das Vorkommen des 
Quecksilbers in der aus den Drüsen der Anabuge, der Achsei- 
grube, des Kniegelenks und der Leistengegend hervortretenden 
Venen, ohne dafs irgend eine Zerreissung der Gefafsc weder 
ausserhalb noch innerhalb der Drusen zu erkennen war.. Bei 
Raubthieren, Hunden, Katzen, einem Baummarder, einer Fisch- 
otter und bei mehreren Seehunden , deren Saagaderu des Darm- 
kanals, wie bekanut, zu einer grossen Gekrösdrüse, dem soge- 
nannten Patiereus Aseliii, sich begeben, v sah der Verf. immer 
das in die Saugadern gebrachte Quecksilber in die Venen uber- 
gehen, welche aus der Druse hervortraten. Ja, bei See- 
huudeu, was höchst merkwürdig ist, gibt es gar keine aus der 
Drüse kommende vasa lymphatica efferenfia, sondern die Venen ver- 
treten ihre Stelle, und nebmen folglich allen Chylus aus dem 
Darmkanal auf. Bei Pferden uud Kühen gelangte gleichfalls das 
in die Saugadern des Magens und Darmkanals injicirtc Queck- 
silber in die Venen, welche aus den Saugaderdrüsen hervortreten. 

• * 

{Der Bctcblrfs fo&t.) 

- 



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N r =7. Heidelberger 1822, 

Jahrbücher der Literatur. 

Anatom. Untersueh. üb. die Verbind, d. Saugadern* 

(Bescblufs.) 

Bei Hunden bemerkte der Verfasser ferner wiederholt, dafs 
das Quecksilber- in die aus den Drüsen des Kniegelenks, der Lei- 
stengegend und der Achselgrube hervortretende Venen über- 
gieng war. Einigemal sah er selbst nach der gelungensten 
Injection solcher Drüsen, blofs Venen aus denselben treten,* die 
das Quecksilber enthielten, ganz ohne ableitende Saugadern. 

Da nach diesen Untersuchungen an Menschen und Säuge- 
thieren eine Verbindung der Saugadern mit den ^Venen inner- 
halb der lymphatschen Drüsen nicht weiter zu bezweifeln war, 
so richtete der Verl', nun auch sein Augenmerk »auf das Sauge- 
adersystem deJ Vögel, das in neuester Zeit von Magendie, ei- 
nem eifrigen Vertheidiger der Venen- Einsaugung, wohl eben 
zu Gunsten seiner Lebte, in Zweifel gezogen werde. Bei meh- 
rern grossem, Vögeln, Störchen, Reihern, einer Rohrdommel, Gänsen, 
Enten und einem Mäuse- Bussard wurden die Saugadern, sow ohl am 
Darmkanal als am übrigen Körper, aufgefunden. Hier entdeckte er 
dann ferner eine unmittelbare und mit blossen Augen zu erken- 
nende Verbindung der v. den untern Gliedmassen kommenden Saug- ' 
ädern mit den Venen des Beckens in derNierengegend, was dieGc-» 
guer dieser Lehre bisher auf das hartnäckigste geläugnjst hatten. 

Nach Aufzaehlung der Untersuchungen werden gegründete 
Einwürfe gemacht gegen die von Mascagni und andern aufge- 
stellte Erklärungs weise, als ob jeder Ucbergaug von iujicirten 
Massen aus den Saugadern in die Venen, an andern Orten aU 
an den Einsenkungs- Stellen der Milchbrustgänge in die Bluta- 
dern , nur durch Zerreissuug der Saugadern und Venen geschähe. 

Am Schlüsse bringt der Verf. endlich noch Einwendungen 
vor, gegen das von Magendie zu ausgedehnt angenommene Ein- 
saugungs -Vermögen der Venen. Da sich nämlich aus diesen 
Untersuchungen ergiebt, dafs da» Saugadersystem, abgesehen von 
seiner Vereinigung mit den Venen durch die Milchbrustgänge 
vermittelt, noch sehr vielfache anderweitige Verbindungen mit 
den Blutadern eingeht, so ist es einleuchtend, dafs der von magendie 
u.DeliUe bei Versuchen an bedeutenden Thieren beobachtete Uc- 

• * • 

7 



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Penlateuch, über jlzt von Abt Venusi. 



bergang verschiedener Substanzen, aus dem Donnkanal jn die Blu- 
adern, und von Giften ans dem Zellgewebe der Glied mafsen 
in die Venen, nach Unterbindung der Alilchbrustgängc oder nach 
Durchschneidung der Saugadem, keineswegs die Venen -Einsau- 
gung beweist. Es konnte ja ein solcher Ucbergang aus den Saug- 
adem in die Venen schon in den Saugaderdrüsen statt gefun- 
den haben, und zwar unterhalb der unterbundenen Milchbrusl- 
gange, oder der Stelle, wo die Saugadern durchschnitten wurden. 



P en t ateuch , oder die fünf Bücher Mosis, übersetzt von 
Jos. Bernh. Benedict J^exusi, Abten zu Osscg.» Pra«. 
48x0. bei Joseph Kr aufs. 4~4 S. 4- — Dazu gehörig in 
' einem zweiten Bande: IV ort er buch zu den fünf Bü- 
chern Mosis. 268 S. 4' 

* 

Ein acht deutschen FIcifs und grundliches Studium der he- 
bräischen Sprache und Literatur beurkundendes Werk, das man 
mit inniger Hochachtung für den gelehrten Verf. aus den Han- 
deu legt, welcher, aus einer vielleicht zu grossen Bescheiden- 
heit, über seine eigene Arbeit in einem Vorworte zu reden 
Anstand nehmend, den Hrn. Dr. Rosenmüller iu Leipzig, der die 
Aufsicht über den Druck des Buches gefälligst übernommen, 
gebeten hatte, den Leser über Zweck und Bestimmung des 
Werkes in einer Vorrede zu unterrichten. 

»Der Vf. »sagt der Vorredner,« wollte zunächst den unter sei- 
ner Aufsicht und in seinen Umgebungen lebenden angehen- 
den Theologen mit wenigen Kosten ein Buch in die Hände 
liefern, das i».nen als praktische Anleitung zu dem Studium der 
hebräischen Sprache dienen und ihneu dasselbe zugleich beim 
Anfang erleichtern möchte. » Zur schicklichen Erreichung dieses 
Zweckes wählte der Verf. unter den alt-testamentlichen Büchern 
vorzugsweise den Pentateuch . als die eigentliche Grundlage 
der Bibel und aller auf sie sich beziehenden Studien, nämlich 
so, dafs er zuerst neben dem gewöhnlichen masorethischen rei- 
nen in einem reinlichen Drucke vorgelegten Texte, von dem 
nur sparsam unten am Rande abweichende Lesarten nach den 
Angaben von Handschriften und alten UeberseUungen angezeigt 
werden, eine Uebersetzung parallel laufen läfst, bei deren Ab- 
fassung er nach des Hrn. Vorredners Worten rs sich zum Ge- 
setz machte; »sich von einem ängstlichen Anschliessen au die 
hebräische Wortfolge, wo die Eigenthümlichkcit der deutschen 
Sprache widerstrebt haben würde, wie von einer sogenannten 



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Pentateuch , übersetzt voa Abt Venusi- 



v freien Uebersetzung , in welcher man einen Schriftsteller unsere 
Jahrhunderts zu lesen glaubt, gleich weit entfernt zu halten.c 
Sodann folgt ein ungemein sorg! alt ig- und fleissig ganz vollständig 
ausgearbeitetes Wörterbuch, in welchem man zugleich die Gründe 
für manche eigene Erklärungen schwieriger Stellen gelehrt erör- 
tert findet, wobei einem Gelegenheit gegeben wird, sich von 
des Verf. Kenutnifs der übrigen Semitischen Dialekte, besonders 
auch des Aetiopischen zu überzeugen. Um >lem angehenden He- 
bräer sein Studium soviel möglich zu erleichtern, sind in dem 
Lexicou die Derivata in alphabetischer Ordnung aufgeführt und 
bei den Zeitwörtern immer die gewöhnlichen und besonderem 
Formen angegeben; zugleich sind dem Wörterbuche vier Ver- 
zeichnisse beigefügt, von welchen das erste die von der Regel 
abweichenden Formen. 'in alphabetischer Ordnung enthält und 
auf ihr Stammwort hinweiset, das zweite in Tabellen alle regel- 
mässigen uud unregelmäßigen ^Conjugationen, das dritte und 
vierte aber die Suffixen mit den Zeit- und Nennwörtern darstellt. 

Ref. hat diese neueste Üebersctzung des Peutateuchs gröfs- 
tentheils mit der genauesten Aufmerksamkeit gelesen und ge- 
prüft. Zur Charakteristik des Ganzen beleuchtet er hier nur 
den ersten Theil, die Genesis, uud überlafst es andern Ge- 
lehrten auch die übrigen vier Bücher einer sorgfältigen Prüfung 
zu unterwerfen. 

Cap. i, 2. sind die unaussprechlich, erhabenen Worte de» 
Textes, welche uns- den eindrucksvollen Gegensatz zwischen der 
stillöden chaotischen Todcsuacht der finsteren Urgewässer und 
»lern über denselben webenden Licht, Leben und Ordnung auf- 
regenden Gottesodem am hcrandämmernden Schöpfungsmorgen 
im einfach- wahreu Bilde vorhaltet!, so übersetzt: »Die Erde aber 
4 war Öde und wüst, und* auf dem Wasserabgrunde Finsternifs: 
über dem Gewässer schwebte Gottes Geist.« Diese Uebertra- 
gung scheint uns den eigentlich poetisch -philosophischen Licht- 
punkt in dem Gedanken des alten Weisen nicht scharf genug 
hervorzuheben, — Finsternifs und Licht, rohe Wassermassc und 
ordneuder Gottes- Odem. Wie etwa auf diese Weise? »Aber 
die Erde war wüste und leer und Finsternifs über der Wasser- 
tiefe ; aber Gottes Odem regte sich auf der Oberfläche der Was- * 

ser.« — ffTO lin giebt der Ueberjetzer durch Geist Got- 

tes und ereifert sich im Wörterbuche S. 202 in der Anmerkung 
zu ITV) über die Erklärung des Wortes durch Wind, indem 

er sagt: »Man pflegt das Wort ny) hier durch Wind zu über- 
etzen und zu erklären. Ich fürchte dafs mit der Zeit aus 4er 

7* 



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ioo Pentateuch, übersetzt von Abt Venusi. 



Exegese eine Windmacherei werde. Der Wind war ja damals 
noch nicht erschaffen : wie kann man ihn denn über den Gewäs- 
sern wehen oder schweben lassen? Diefs ist wider alle wahre 
Kritik.« So entfernt nun auejh Ree. von der von unserm Verf. 
bitter angeklagten Erklärung ist, in dem Ruach Elohim nichts * als 
einen gewöhnlichen starken Wind zu finden, so nann er doch 
auch die Ucbersctzung der Worte durch Geist Gottes nicht bil- 
ligen, indem sie ihm für die kindlich- sinnliche Philosophie des 
naiven Dichters zu abstract scheint. Die Erklärung der Wor- 
te ist durch den Ausdruck Geist Gottes allerdings philoso- 
phisch richtig gegeben, insofern der hebräische Weise in seinem 
Ruach Elohim gewifs die Erhabenheit der göttlichen Natur über 
der gestaltlosen Wassermasse des Uranfangs aller Dinge und ihre 
belebende Einwirkung auf dieselbe lehren wollte und nicht et- 
wa blos nüchtern genug einen lauf den dunkeln Fluthen herum- 
tanzenden Morgenwind hu Siime hatte; aber die lieber Setzung 
spiegelt sicher den poetischen Sinn der alten Naturphilosophie 
reiner ab, wenn sie Ruach Elohim durch Odem Gottes giebt. 

Hll * st nämlich i. Wind, 2. weil nach der einfachen Naturbetraqh- 

tungder Wind ganz ausserordentliche Wirkungen hervorbringt, oh- 
ne dars man seiner als einer bestimmt gestalteten Erscheinung gewahrt, 
so bedeutet Ruach die geheimnifsvoll und wunderthätig schaffende 
und belebende Kraft Gottes, so dafs es diese Bedeutung selbst 
ohne das folgende Elohim haben kann, wie z. B. 4 Mof. 27, 
iS. Aber nicht blos in den Räumen der beobachteten äusse- 
ren Natur wehet und wirket dieser Schöpferodem , sondern auch 
im Innern des menschlichen Beobachters thut er sich kund im 

Hauch. Daher ist Hl") 3. Seele, nach der Ansicht der ältesten^ 
Welt nur eiu Theil des göttlichen Odems. So liegt auf alle Fal- 
le in dem D"rt72* T\Y) unsrer Stelle das geheimnifsvoll- schaffen- 

de Pruicip des Lebens aller Dinge. 

- 

a ■ 

Cap. i, 4 6. »Gott machte die zwei grossen Lichter : das gros- 
sere Licht zum Dienste des Tages ; das kleinere zum Dienste der 

Nacht; und die Sterne.« Diese Uebersetzung von 

V v : V . 

»zum Dienste« ist gegen Sprache und Sinn. Die Bedeutung des 
hebr. JVomen ist gerade die umgekehrte, wie hinlänglich be- 
kannt, Herrschaft, nach dem Slmw. blüft Der Verf. beruft 
sich im Lex. S. 120 auf den Syrer, der an dieser Stelle und / Pa- 



■ 

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Pentatcuch, übersetzt von Abt Vcnusi. 101 

... 

3. einen und denselben Ausdruck, nämlich Schultono 
habe; aber dieser Ausdruck bedeutet auch keineswegs offici- 
um, sondern dominium. Auch im Arab. lieifst j^A** nie, 

wie der Verf. hier will, dienen, sondern immer herrschen; und 
wollte mau im aussersten Notlifalle das Acthiop. Stmw. dieses Na- 
weus, welches perficere munus bedeute, mit dem Verf. zu 
Hülfe rufen, um Sonne und Mond zu Dienern des Tages und 
der Nacht zu machen,, so scheinen sich uns diese Gestirne im 
Sinne des dichterischen Schöpfuogsmahlers mehr zu Herrschern 
als zu Dienern zu eignen. . 

► 

Cap. a, 4. nn^lH tt^K »dies ist die Schöpf ungsgeschich- 
tc des Himmels und der Erde.« So' dieser neueste Ueberse- 

Ucr mit vielen andern seiner Vbrgängcr *nnWn bedeu- 
tet i. Geschlechter, 2. die Gcschlcchtsfolge, 3. besonders 

1DO Geschlechtsregister, und insofern nun bei den 

Morgenländern die älteste Geschichte von Genealogie ausging 
i Familiengeschichte und hier (so sagt man) 5. Geschichte über- 
haupt. So übersetzt man denn: »das ist die Schöpf ungsgeschich- 
te.» Aber warum wäre für Geschichte gerade diefs seltene Wort 
gewählt? Am natürlichsten bleiben wir bei der gewöhnlichen 
Bedeutung des Wortes stehen und diese giebt einen sehr pas- 
senden Sinn, welcher* zugleich eine andere Schwierigkeit hebt: 
nämlich ob dieser Verl mit dem Vorhergehenden oder Nachfolgen- 
den iu verbinden scy. Der Ausdruck ]"iV7^in ist in dieser Be- 

ziebung unstreitig vom Volke hergenommen : als einem durch 
die Reihe der 'einzelnen auf einander folgenden Geschlechtsglie- 
der gehildeten Körperganzen. »Diefs sind die Geschlechter des 
Himmels und der Erdec heifst daher: diefs ist die successive 
teilweise, gliederweise Entstehung des Himmels und der Erde, 
'hre allmählige Bildung zu der Vollendung , iu welcher wir sie 
jeUt sehen; wir üherblicken sie gleichsam nach dem Verf. in 
der Geschlcchtstafel vom ersten j)is zum letzten Gliede. Der 

Verf. wählte also diesen bildlichen Ausdruck nVT^in i» 1 

*ug auf da* bereits überblickte Schöpfungsgemähide , auf wel- 
chem wir die Welt in sechs Zeiträumen nach und nach zu dem 
hnnonisch vollendeten Ganzen aufsteigen sehen. Auf diese Weise 



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103 , Pentateuch, übersetzt von Abt Tenusi. 

i 

ist nun auch die Streitfrage der Ausleger gelöst, ob dieser Ver* 
auf das Vorhercrzählte zurücksehe, oder ob er die Uebcrschrift 
des folgenden bilde? Nach der eben gegebenen einfachen Er- 
klärung von nr&W bezieht er sich auf das Vorhergehende 

Denn auf die folgenden drei Verse, in welchen ziemlich kurz 
von der Belebung der Erde durch Gewächse und von Erfri- 
schung derselben durch Regen, so wie von Erschaffung des Men- 
schen die Rede ist, pafst jener Ausdruck als Uebcrschrift gar nicht: 
; 2 > 7' ist 80 «hersetzt: »hauchte er in sein Angesicht 

eine Lebensseele,. Warum nicht;» hauchte er durch seine Na- 
senlöcher Lebensodem? Diefs wäre besser nach Wort und Sinn 
übersetzt, 

Cap. 2, \ i — i 5. hatten wir wohl über die. vielbesproche- 
nen Paradiescsflüsse eine w-eitläuftigere geographische Erörterung 
im Lexicon erwarten können. — flffiQ wird im Levicon S- 



474 als der Phasis angenommen, in der Gegend des kaspischen 
Meeres. So die frühern Erklärer fast alle, wegen der Schall- 
ahnlichkeit der Namen, wie. auch noch Wahl (im alten und neu- 
en Vorderasien S. 855) und Ritter (in der allgemeinen Erd- 
kunde TU. 2. S. i4). Aber von Hammer, welchem das Ver- 
dienst nachgerühmt werden mufs, die wer, Ströme Edens und 
die Lander, welche sie durchflössen, deutlicher und bestimm- 
ter nachgewiesen zu haben, als alle früheren Bibelausleger und 
Geographen von Profession, hat klar genu- gezeigt, dafs der Pi- 
schon der Bibel kein anderer Strom als der heutige Sihonoder Ja Wir- 
tes sey, der östliche Gränzflufs des von «Moses als das Paradies 
gezeichneten mittelasiatischen Hochlandes, welches westlich der 
^uphrat begrenzt. (S. von Hammer über die älteste persische 
Geographie in der Reccnsion von Corres üebersetzung des Sha- 
name im 9. B. der Wiener Jahrbücher der Littcratur S. 2 1 u. flg.) 

»ich will ihm einen 

Gehülfen machen, der seines gleichen ist wird hier 

wie gewöhnlieh, nur halb verstanden , indem man es nur halb, 
für 3 überhaupt erklärt und ^3 coram ganz vernachlässigt. Es 

liegt aber darin: »ein Gehülfe, der dem Menschen gleich und 
um ihn sey.c » 

Cap. 2, 19. sind die Textesworte so übersetzt: »nachdem 
Gott Jehova aus der Erde alle Landtiere und alle Vögel des 
Rimmels gebildet hatte: so führte er sie zum Adam, um zu se- 
hen, wie er sie nennen würde; und jedes Thier, wie immer 

■ 



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Pentatcuch, übersetzt von Aljt Venusi. io3 

Adam es nennen würde, sollte so heisscri.« Das fIT! macht 

die Cotistruction der letzten Hälfte des Verses ziemlich verwor- 
ren und scheint uns in dieser Uebersetzung, welche aber die 
gewöhnliche ist, nicht genügend erklärt. Besser vielleicht laftt 

sich der Ausdruck auf D*lXrl beziehen, der nach V. 7 fpn 

geworden war. Wir übersetzen dann : »und alles, was ihm (ei- 
nem jeglichen der ihm zugeführten Thiere), der Mensch, die /e- 
bendige Seele, zurufen wurde, — es sollte sein Name sevn.« Es 
liegt dann darin der Grund, wie der Mensch habe gewürdigt 
werden können, die Thiere zu benennen und sein Vorzug vor den- 
selben ist dadurch deutlich hervorgehoben. 

Cap. 3, i5. »Er w ird dir den Kopf abhauen und du wirst 
ihm die Ferse durchbohren.« V. findet noch mit den ältesten 
Dogmatikern in diesen Worten eine Weissagung- auf den Messias 
und diese typische Erklärung philologisch bewährt, indem er bei 

dem schwierigen Ppgf dasAethiop. sajava amputare, per cuter e 
caput gladtOj und das Arabische {J\+m pefeutere ense und per- ' 

forare vergleicht; beide Bedeutungen : abkauen und durchbohren 
sollen dann in dieser Stelle vorkommen. Am Eude heifst es 
(Lexic: S. 218) »diese durch jene Dialecte bestimmte Bedeu- 
tung bestätigt selbst Christus, dieser göttliche Saamen, am Kreu- 
ze hangend.« Ree. läfst diese typische Erklärung der individu- 
ellen Theologie eines jeden frei, dem sie ein Bedürfnifs seines 
religiösen Gemüthes ist, hält sich aber für einen eben so guten 
Christen, wenn er in den Worten dieses Verses nur eine als 
Weissagung gefafste Strafe der tückischen Schlange erkennen kann. 
Er übersetzt: »er wird dir trachten nach dem Kopfe und .du 

wirst ihm trachten nach der Ferse.« ist ihm demnach hier 

s. v. a. schnaufen, trachten nach etwas. 

Cap. 6, 3. lautet die Uebersetzung : »Mein Lebensgeist 
soll nicht ewig in diesem Menscheugeschlechte bleiben.« So 
übersetzt unser Verf. mit den meisten Alten, von denen 
es zweifelhaft ist, wie «sie die Bedeutung von bleiben in 





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io4 Pcntatfuch, übersetzt von Abt VeuusL 

»Mein Geist soll nicht ewig herabgewürdigt seyn in diesem Men- 
schengeschlecht.« Diefs ist entrüstete Sprache Jehovens über die 
Vermischung der Götter mit den Töchtern der Menschen , iti 
die sie sinnlich entbrannt waren. 

Cap. 6, 4* dS*BJ übersetzt der Verf. durch Riesen und 

«rklärt es im Lex. S. i4* durch Bastarden, wie auch in einer 
deutschen Bibelübersetzung aus dein i4 ten Jahrhuuderte dafür 

Stehe: »die Grundwurzel (beifst es) ist eigentlich ^'ö und 
welches im Chaldäischcn misceri, sich vermischen und im Syri- 
schen mixtus, vermischt, heifst, Chaldäisch, so wie Ara- 

bisch, heifst: elephas, wodurch die Grösse und Stärke ange- 
deutet wird.« Diese etymologische Deutung scheint zu künst- 

lieh; wir würden das Wort weit lieber von *?BJ ableiten und 

es durch Gefallene übersetzen, in Bezug auf den Niedcrfali der 
Göttersöhne von der Höhe des Geistes zur Niedrigkeit des 
Fleisches. 

Cap. 6, i4« Das dunkle Wort ^ßj giebt der Verf. durch 

Kiefer, dessen Bedeutung selbst die deutsche Sprache erhalten 
haben soll. Lex, S. 3q. Auf alle Fälle ist es mit Pech ver- 
wandt. 

Cap. 2i, i6. »Sic (Hagar nämlich) ging weg und setzte 
sieb gegenüber, JltÜp 'intDD3 prOrt *fern gleich' den Do» 

genschützen wie diese Worte von dem Verf. gegeben sind. 
Im Lex. S. 76. ist liiezu die Anmerkung gemacht: »Die Bo- 
genschützen entfernen sich, wenn der Wind nach, dem Wild 
zugeht, damit es nicht ihren Geruch wahrnehme. So entfernte 
sich die Agar von dem Knaben, dafs dieser sie nicht weinen 
und sie ihn nicht sterben sehe.« Es liegt aber wohl in den 
Worten nur das unbestimmte Maas der Entfernung, wie wir 
auch sagen: Bogenschufsweite.* 

Cap. 3o, 3. Die Worte: ^3 ?U l^ni sind so über- 

-ff-": 

setzt: »und sie auf meine Geschlechts folge gebäre;« in der An- 
merkung zu *?p2 Lex. S. 33. steht die Erläuterung: So hiefs 

Knie vordem im Deutschen Geschlechtsfolge, generatio; sowie 
Kumte Geschlecht hiefs. Sieh das Wort in Adelungs Wörter- 
buche.« Wir übersetzen passend, bei der gewöhnlichen Be- 



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Pentateuch, übersetzt von Abt Venusi. io5 

deutung des Wortes stehen bleibend, »sie soll auf meine Kniee 
oder auf meinen Schoos gebären,« welches prägnant gesagt ist 
für: die Kinder, die sie gebiert, will ich auf meinen Knieen 
wiegen. 

Cap. 32, 3 1. »Die Sonne schien ihm, als er bei Phanuei 
vorüber ging« ist nicht deutlich. Die Textesworte sind zu 
übersetzen : »eben beleuchtete ihn die aufgehende Sonne, als er 
bei Phanncl vorüberging d. i. er machte sich mit dem Aufgang 
der Sonne auf den Weg. Denn der ganze im Vorhergehenden 
erzählte Vorfall fällt in die Nacht. 

Cap. 3g, 4 klingt die Uebersetzung sehr übel »und gab 
ihm alles über, was sein war.« So ist auch V. 6 die Ueber- 
setzung sehr ungeschmeidig, wenn schon richtig: »daher über- 
liefs er dem Joseph Alles, was sein war, und er wufste unter 
ii.in nichts ausser die Speise, die er essen wollte.« 

Cap. 42, 4 ist J1DK durch Unglück, Leid, Schaden er- 

klart. Das S tn *w. ist aber wohl nicht noxam pati, son- 
dern trist is et soilicitits ftuP, doluit. 

Cap. 42. 19. D^na »bringet da« 

Getraide zum Bedürfnisse eurer Familien.« J12Jp soll (Lex. 
S.^206.) indigentia heissen, mit Vergleichuug des Arabisch en 
res ad sustentandam vitam necessariac pap"} ist 

aber gewifs im Hebr. Sprachgebrauch nicht mehr als 3Jp» Daher: 

»bringet hin das Getraide zur Hungersnoth eurer Familie« für: 
»zu eurer leidenden Familie.« 

Cap. 4* , 37 eine unangenehme Uebersetzung: »gieb mir 
ihn über« für: »übergieb mir ihn.« 

Cap. 43, 8. Nach Lex. S« 77 soll ftü von flßü her- 

kommen, während doch gewifs umgekehrt ftßü ein verb. de- 

mm r *■ 

nom. von Pu ist. 

Cap. 44} 5. »Habt ihr nicht das, woraus mein Herr trinkt,« 
12 ttfHJ SMrlJ und daraus man zu weissagen pflegt* 

So übersetzt der Verf. das streitige ttfrtf im Einklänge mit den 
70 durch weissagen und im Widerspruch* mit den meisten neue- 



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I 



106 Pentateuch, übersetzt yon Abt VenusL 

ren Exegeten, welche liier dem verb. blos die Bedeutung von 
ahnden, spüren geben, wie Gen. 3o, 27 und 1 rleg. 20,' 33? 
so l. B. Pater »und was er dalier ahnden wird.« Ree. sieht 
aber nicht ab, warum hier die Erklärung der Septuag. zu ver- 
werfen sey, da im ganzen Orient der Glaube an Weissagen 
aus Bechern verbreitet ist. Wer denkt nicht an Dscheraschids, 
Salomons und Alexanders Becher? Man vergleiche nur Herbelot 
unter Giajn und Giemschidj auch den Divan des Hafis nach 
von Hammers Ucbersetzung i Thl. S. 221. Daher geben wir 
der Ucbersetzung des Ilm. Verf. unsere ganze Zustimmung und 
ziehen noch den in der Folge der Bedeutungen wohlgeordneten - 

Artikel von %?T\2 aus dem Lex. S. i3j aus: 4.) contemplari 
- r ✓ ✓ *■ 

( et oculis et animo ) s.J scrutari wie P. merken, ob- 

servare 2.) errathen divmare 3.) wahrsagen (aus Schlangen) 

augurari, 4-) weissagen (aus dem Trinkbecher) divinare. 

Cap. 46, 28; »Er a*ber sandte den Juda zum Joseph vor 
sich her« um nach Gosen ihm entgegen zu fahren, nach den 
jo, welche die Worte d^rch <svvxvm\<soti avrp geben, als 

9 

hätten sie H1*)p^ gelesen. 

Cap. 49« Die Ucbersetzung des durch die Schönheit seiner 
Poesie wie durch die Schwierigkeit seiner Auslegung gleich 
mächtig anziehenden Seegens Jakobs ist eben *so kräftig als 
wohllautend gcrathen. 

V. 3 — 5. Die so mannigfaltig erklärte Stelle ist von un- 
serm Verf. so übersetzt : »Rüben ! Du bist mein Erstgeborner, 
meiner Stärke und meiner ZeÄ^ungskraft Erstling, der Vorzug 
an Hoheit und der Vorzug an Macht, schnell wie Wasser ver- 
schwindet er. Du sollst nicht vorgezogen werden: als du dei- 
nes Vaters Ehebett bestiegest, da entweihtest du mein Lager. c 
In dieser Uebersetzung bemerken wir zuerst, dafs die Anfangs- 
worte des 4*en Verses 0^23 IHS* nach dem Vorgange meh- 
rerer Ausleger, mit dem Tp *>JV7 HXtÜ VV des 3t. Verses ver- 

buudcn sind, dafs 2.) das schwer anzubringende ftf?p am Ende 

des 4»en Verses, nach der ausdrücklichen' Angabe einer Anmer- 
kung mit dem den Vors beginnenden 0*cD ttlö verbunden iat 9 

welche Zusammeuziehung äusserst hart und gewaltsam scheint. 



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Pentateuch, übersetzt voü Abt Venusi. 107 

Ree. glaubt sowohl diese Härte zu vermeiden, als die urspriinrr- 
liche Versabtheilung beibehalten zu dürfen, wenn er so über- 
setzt; »Rüben, du mein Erstgeborner, meine Stärke, Erstling 
meiner Zeu^ungskraft! Glanz der Hoheit, Glanz der Macht! 
Tragbild, Wassern gleich, du sollst nicht den Vorzug haben: 
denn du bestiegest deines Vaters Lager, der Liebe Glutli ent- 
weihtest du — mein Bett hat er bestiegen!« Auf diese Weise 
Delimeu wir tp VN DKtt? noch als Worte der Anrede 

♦ V V • 

• -- 

*d Rubeu. So schliefst der Vers uud der folgende beginnt 
wieder mit einem Ausruf an deu misrathenen Sohn: JHD 

» T ™gkild, Wassern gleich!« fllS ist dann nicht, wie der 
Verf. will, Schnelligkeit, rapiditasj mit Vcrgleichung des Cbald. 
?I1D subsäire, mit Schnelligkeit herunterspringen (Lex. S. i 7 4) 

andern das Eitle, Trüglichc, a. v. JHß a . superbi- 

ü>falso gloriatus est; daher Lügenpropheten Zachar. 

3, 4« Der Sinn des bildlichen Ausdruckes ist demnach: all 1 
deine Stärke und Hoheit ist lügenhaft und eitel , wie das wan- 
delbare, unzuverlässige und trügerische Element des Wassers. 
Warum ? « Denn du sollst doch keinen Vorzug vor deinen 
Brüdern haben, weil du deine Kraft misbrauchtest, sie in dei- 
nes Vaters Ehebette entweihtest.« Die hierher gehörigen Tex- 
tesworte übersetzt man gewöhnlich : »als du deines Vaters Ehe- 
bett bestiegest, da entweihtest du mein Lager.« — Ree. hält 

Her das fj* da für 'gar zu matt und nimmt es als nom. sxibst. in 

der Bedeutung von fervor venereiiSj mit Vergl. des Arab. A fer- 

vuit dav. ^1 coitus; congretsas vener eus. S. Go lius p. $3. — 
Nach einer Pause bricht der entrüstete Jakob noch einmal in 

die Worte aus: fl*p}) i me in Bett hat er bestiegen.« §q 

ist die 3te Person des nf>Ü leicht erklaret und dabei von 
grosser Wirkung. T ^ 

V. 5. Simeon und Levi sind leibliche Brüder ; ihre listigen 

Anschläge sind des Unrechts Werkzeuge. — örMTHaO »ihre 

listigen Anschläge.« Als -S(mw. ist das Aethi'op. mahara ma~ 
rhinari angenommen. Ree. glaubt, dafs die Verglcicbung d« 



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io8 Pentateuch, übersetzt von Abt Venusi. 

i 

Avab. Ai=3 prostravit et convolutum velüt deturbavit fodiens 
hasta )f näher liesre und «iebt das blos an dieser Stelle vorkom- 
mendc Wort mit Hieronymus durch arma: »die Brüder Si- 
meon und Levi — Werkzeuge der Gewaltthat ihre Waffcn.c 

V. lo. »Von Juda wird der Sceptcr nicht weichen, noch 
von seinen Füssen der Herrscherstab , bis der kömmt, der ist 
und Völker werden sich zu ihm versammeln.« Wir finden hier 
eine ganz neue Erklärung des hochberühmten und vielfachgc- 

deuteten rif^ttf* Der Verf. findet in dem dunklen Namen 

mit den alten Uebersetzcrn den Messias; aber auf folgende 
Weise: das Stammwort ist ft^fi 5 gleichbedeutend mit fPtt 

TT $ TT 

oder welchem das Aethiopische halawa, esse entspricht; 

die Form selbst der In/in. abs'oL tV?f] mit vorgesetztem J£T 

praef. Durch diese Verbindung aber mufs nach der Regel das 
Kametz in ft?T\ in Schwa übergeheu, so dafs es fhfVÜ 

T . • • 

r " • 

wäre. Zwei Schwa können aber im Anfange eines Wortes nicht 
zusammen stehen, das erste wird in C/tir. parv. verwandelt: 

also fihiVüi der Consonant T\ wird aber mit dem Vocalbuch- 

staben 5 verwechselt, der im vorhergehenden Vokalzeichen ruht. 
So bekommen wir denn die Form rt^*£ y welche ganz dem 

Aethiop. zahalo entspricht; wer ist , der ist, 0 tmv. Der Infinit. 
macht keine Schwierigkeit, indem er im Hebräischen häufig die 

Bedeutung des Jndicat, haben kann; die Verwechselung des ft 

mit * fällt auch nicht auf, insofern dieser die sogenanfiten qui- 
escirenden Buchstaben überhaupt unterworfen sind. Daun wäre 

fi^Ttf etymologisch soviel als rt1?V und erschöpfte ganz den 

streng -dogmatischen Begriff des Messias. S. Lex..S. 5o. — To 
der That eine sehr sinnreiche Erklärung! — Schade nur, dafs 

wir kein verb. fi^fl sonst im Hebräischen finden und nicht ab- 

T T 

sehen, warum Jakob bei Verkündigung des Messias eines Ae- 
thiopischen Wortes in Hebräischer Form sich habe bedienen 
sollen ? Die einzig zu beachtende Antwort auf diese Frage 
möchte noch unter den sieben für die Vertheidigung des Aethi- 

opischen .ffoytt aufgeführten Gründen in Nr. 3. liegen: »Jakob 
habe dieses WoTt «yewählt, weil es das passendste scy, um den 

1 

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Pentateuch, übersetzt von Abt Venusi. 109 



Messias oder Christus, der dereinst kommen sollte, .damit aus- 
zudrücken;« aber immer schlägt die natürliche uud unbefangene 
Frage diesen Grund mit dem Einwände: warum setzte denn 
doch der Hebräer Jakob sein hochwichtiges acht - nationales 

HUT nicht dafür, mit dem es doch gleichbedeutend ist f wie 

• t ■ 

» 

der Verf. selbst sagt? — « ?oT\ sagt der Verf., ist aber nicht 

einmal ein neues Wort. Man hat mir nach der Zeil ein Hcbr. 
Vokabularium zur Genesis gezeigt, worin dasselbe, obgleich ohne 
Bedeutung stand.« Warum beschrieb uns doch der Verf. die- 
ses Vocabularium nicht näher, damit es uns als hinlängliche Au- 
torität beglanbigt würde? und konnie der Autor desselben liier 
nicht eben so gut iircn, wie unser Verf.', indem er ihm blos * 
nach dieser Stelle ein Bürgerrecht unter den Hebräischen Wör- 
tern gönnte? — Uebcrhaupt scheint uns bei der Anführung 
aller . Gründe zur Verteidigung des Schiloh in dieser Bedeu- 
tung vom Messias iin strengsfen Sinne* der Kirche das dogma- 
tische Interesse über das exegetisphe vorzuherrschen. Immer 
aber ehren wir hoch den ernsten Geist, welcher die Grundidee 
aller Religion, den tiefen und geheimnifsvollen Glauben an die 
Erscheinung des Messias, in den heiligen Schriften des alten 
Bundes mit frommer Emsigkeit sucht und sind überzeugt, dafs 
die wahre Gesundheit der Menschheit wie der Wissenschaft 
sicherer dadurch gefördert werde, als wenn man eifrig bemüht 
ist, die erhabene Lehre der alt -testamentlichen Propheten von 
einem himmlischen Messias in misre Erde zu vergraben und über 
die ehrlichen Vcrtheidiger einer höheren Bedeutung der prophe- 
tischen Poesie der Hebräer wie über Schleichhändler herzufallen. 
Auch Ree. ist der Meinung, dafs. unter Schiloh am natürlich- 
sten und ungezwungensten der Messias zu verstehen scy, indem 

er die defective Schreibart Hbü? ) welche, in vielen bedeuten- 
den Handschriften gefunden, sich zugleich der Begünstigung der 
alten Versionen erfreut, annehmend zugleich mit diesen das 

Wort aus fib für & ihm und dem V) praefix. für ,")#l< 

zusammengesetzt hält und übersetzt: »bis der kömmt, dem er 
(nämlich der Herrscherstab ) angehört d. i. der Herrscher im 
vorzüglichsten Sinne, der Messias. Vortrefflich wird besonders 
diese Erklärung, welcher schon die exegetische Tradition kein 
geringes Ansehen giebt, von einer Stelle des Ezechiel empfoh- 
len, nämlich Cap. 21, 32. wo der gehoffte Messias fast auf 

gUicbe Weise so angekündigt wird: ÜBtt?£fl t> y£J)k Kl 9 ^JJ 



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no Pentatcuch, übersetzt von Abt Venusi. 

bis der kömint, dem das Gericlrt gehört. Wollte man uns nun 
mit der Frage einen Einwand machen: »wie denu der Messias in 
den Mund des Jakob komme?« so antworten wir t.) dafs die 
Meinung derjenigen Exegeten vieles für sich habe, welche den 
Seegen Jakobs in der Gestalt, in welcher wir ihn lesen, einer 
spätem, vielleicht der Zeit der eigentlichen Prophcteu anweisen 
zu können glauben, wo dann die Erwähnung des Messias na- 
türlich keine Schwierigkeit machen würde, und 2) gesetzt, selbst 
das ganze Stück sey Wort für Wort so vom Jakob gesprochen 
worden, wie wir es jcUt lesen uud bewundern, so fragen wir 
dagegen : warum auch sollte nicht hier schon die Idee des Mes- 
sias lebendig erscheinen 7 — Sie war ja der eigentliche Glanz- 
stern, durch welchen der Religionshimmel Judäas alle Weisheits- 
schulen der Welt überstrahlte, ein auszeichnendes Volksklcinod, 
um welches die Israeliten alle Nation« u der Erde zu beneiden 
hallen. Und sollte diese recht - eigentliche Nationalidce, die wir 
mit hoher Ehrfurcht in den gewaltigen Reden der heiligen Pro- 
phetenschaar vernehmen,, jetzt enst auf einmal in deu Seelen 
einzelner Männer, eines Jesaias und Ezechiel aufgegangen seyu? 
ist es nicht einer vernünftigen Annahme gemässer, sie schon 
in einzelnen Aussprüchen der Gotterfülltcu Patriarchen, wie hier 
eines Jakob zu linden? Warum soll nicht auch Jakob ein Je-^ 
saias seyn, wenn Jesaias ein Jakob ist? Freilich trat der Mes- 
siasglaube erst in der Zeit des eigentlichen Staatslebens der 
Israeliten nachdrücklich und eindringlich hervor und erschien in 
heilsamer Verbindung mit der Regierungsweisheit eiuBufsreichcr 
Männer, welche mit Feuerkraft der Rede die weissageude Ver- 
kündigung des Ilimmelskduiges als einen schreckenden Blitz in 
die Nacht der Sünde schleuderten und ihn zugleich als eine 
tröstende HofTuungssonne der frommen Leidensduldung aufsteck- 
ten. Gewifs ist aber dieser Messiasglaube ein uranfänglicher 
Licht/unken in dem innersten Kern Jüdischreligiösen Glaubens. 
Und so glimmte er immerfort im Allerheiligsten des Volkes d. i. 
in den eileuchtetcu Seelen seiner Weisen, die ihn zu solchen 
Flammen anzufachen wufsten, wie sie uns noch aus dem hehreu 
Dome der Propheten eutgegcnglänzeii, bis ihn endlich der, 
welcher sich selbst im kräftigen Gefühl der Göttlichkeit das 
Licht der fVelt nannte, als Strahleukroue seiner Köuigswürdc 
der ganzen Menschheit sichtbar machte. 

F. IV. C. Um breit. 



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Fufs epistolä ad C. B. Hase de J. L; Lydo. m 



/. D. Fuss ad Carolum . Benedict um Hase Epistolä, in qua 
Joannis Laurent ii Ly d i de Afagütratibus ReipubLcae 
Romanae opusculi tt.rtus et versio emendantur , loci diffici- 
Mores älus/rantur. Leodii, typis P. J. Collardin, typo-, 
graphi Academici , sumtibus Auctoris, mdcccxx. 48 S. 8vo. 

Vorliegender Brief des Hrn. Prof. Fufs an den vielfach ver- 
dienten Hr. Hase, Vorsteher der handschriftlichen Schätze der 
königlichen Bibliothek zu Paris, war ursprünglich in französischer 
Sprache niedergeschrieben und bestimmt in dieser Sprache be- 
kannt gemacht zu werden. Allein die plötzliche Versetzung des 
Verf. vou Paris nach Kölln und von da nach Lüttich , der für 
die Wissenschaften nur allzufrtihe Tod Millin's, der diesen Brief 
in Jas vou ihm redigirte Journal encyclopedique aufnehmen woll- 
te, verhinderte die Bekanntmachung und bewirkte die Umge- 
»tahung desselben in seine gegenwärtige Gestalt. Dafs auch 
das Publicum dadurch gewonnen hat, bezweifeln wir nicht. 
Erlauterungen einzelner Stellen des Lydus, Vorschläge zu Ver- 
besserungen, Berichtigungen u. dgl. mehr machen den Inhalt des 
Briefes aus, der»auf diese Art als eine Nachschrift oder ein Zusatz 
n der von ebendemselben Hrn. Fufs zuerst veranstalteten Aus- 
gabe der Lydischeu Schrift de Magistratibus lipmm., gelten kann. 
Ohne blindlings für seinen Autor eingenommen zu seyn, setzt 
ifm Hr. Fufs unter die Zahl der Schriftsteller « quos nulla scri~ 
kndi arte, sola verborum rerumque nobis incognitarum aut obscu- 
ramm eommemoratio commendat.,«. hängt aber mit Recht die 
Worte bei : »atque hoc nomine non modo luce indignus nobis non 
suletur, sed aliis quibusdam nostra aetate in vitam idque merito 
localis antcferendus.a. Hr. Fufs verhehlt uns nicht, dafs sein 
\utor zuweilen «quadrata rotundis misceie,<L dafs er zuweilen 
*.7ät halucinari, ut nihil supra ne fingi quulem possit,<k allein er be- 
merkt auch, und mit Recht, wie ebenderselbe in andern geschichtli- 
chen und antiquarischen Punkten desto mehr befriedigt, wie er 
Nachrichten und Angaben von Wichtigkeit enthält, die blos durch 
Im dem Strome der Vergessenheit entrissen worden sind. % 

Die Anmerkungen sind meistens nicht sehr gedehnt, sie bemer- 
ken den Sprachgebrauch des Lydus, der die unverkennbaren Spuren 
>üner Zeit au sich trägt, und der, wie überhaupt der Sprachge- 
brauch der spätem Griechischen Schriftsteller noch so wenig be- 
dachtet und berücksichtigt worden ist ; sie verbessern verdorbene 
Mellen und einzebie "Wörter, erklären dunkele Stellen, berichtigen 
i'ie, und da die von dem Verf. seiner Ausgabe des Lydus beige- 
fügte Lateinische Uebersetzungu. s.w., lauter Bemerkungen, die wie 



112 Hegenberg, Lchrb. <L Elementar- Mathematik. 

alle Bemerkungen der Art, Gelegenheit zu Dtscussioncn geben kon- r 
nen, in die wir uns iedoch hier nicht einlassen können, ohne die 
ausgesteckten Gräuzcn zu überschreiten. B. 



Vollständiges Lehrbuch der reinen Elementarmathematik. Zum 
Gebrauch für Lehrer , besonders aber für Selbstlernende 
0 und Examinanden bearbeitet von F. A. Hkgenberg , Kön. 
Pr. Konducteur und Privatdocentar d. Math. ist. T/tl. 
Arithmetik und niedere Algebra. Berlin 488 S. 8. 

Dieses Lehrbuch, eins unter den zahlreichen mathematischen 
Werken, welche fast in jeder Messe erscheinen, dürfte schwerlich 
für Lehrer dieser Wissenschaft von Nutzen seyn , dagegen aber 
kann es den Selbstlernenden sehr empfohlen werden, indem 
es zwar blofs das Bekannte, dieses aber hinlänglich vollständig, 
und sehr deutlich vorgetragen enthält. Der Titel giebt den 
Inhalt genügend an , weswegen Pvef. sich einer näheren Be- 
zeichnung desselben überhebt. Von den Greichungen, auch 
der höheren, wird im Allgemeinen gehandelt, aber uahhher nur 
die Auflösung derselben bis zu denen vom dritten Grade aus- 
führlich gezeigt, welches für den vorliegenden Zweck völlig 
hinreichend ist. Die Beispiele sind überall zweckmässig ge- 
wählt nnd vollständig gerechnet, so dafs sie bei der Correcthcit 
des Drucks sehr zur Belehrung und Ucbung benutzt werden 
können. Als eine kleine Erinnerung wollen wir nur bemer- 
ken, dafs es wohl am besten seyn dürfte, die Unbestimmtheit 
zwischen Algebra und Analysis, welche beide einigemale als 
gleichbedeutend angeführt werden, durch Beibehaltung des von 
Lorenz vorzüglich hervorgehobenen Unterschiedes zu vermei- 
den,, wonach die erstere.die Gleichungen, die letztere aber die 
Functionen umfafst. Endlich ist zwar die S. 335 aus Biirja's 
Lehrbuche aufgenommene Methode der Berechnung von Loga- 
rithmen gjaiz sinnreich; weil aber niemand jetzt mehr weder 
nach diesen noch nach den gewöhnlichen älteren Logarithmen 
berechnen wird, so hatte sie füglich, wenigstens in einem für 
Anfänger bestimmten Buche, wegbleiben können. 



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Heidelberger 

* . • •* * 

Jahrbücher der Literatur. 

.. m mmmmm i ■ , M ******* 

/ 

Das Gebirge in Rheinland - Westphalen nach mineralogischem 
und chemischem Bezüge. Herausgegeben von Dr. J* Noeg- 
gehatHj Königl. Preuss. Bergrßthe u. ord. Prof. der Mine- 
ralogie und der Bergwerks- Wissenschaften ( an der Universität 
xu Bonn) u. s. w. I. Band mit 7 äluminirten Steintafeln. 
Bonn, bei TVeber\ <8h%. XII 1/. 3jo S. Svo. 

Ein Unternehmen f das iu Anlage und Ausführung den Dank 
des mineralogischen Publicums verdient. 

Wir geben vom Inhalt des ersten Bandes Rechenschaft. 

/. Bemerkungen über das Liegende des Steinkohlen- Gebir- 
ges in def Grafschaft Mark ( von Hrn. Dechent) mit An- 
merkungen vom Hrn. Präsident v. Hövel. Das Steinkohlen - Ge- 
birge* der genannten Gegend Hsl ausgezeichnet durch eigentüm- 
liche Verhältnisse der Lagerung, wie durch den grossen Reich- 
thum seiner Flozze. Zu jenen gehören besonders die Bildun- 
gen sich immer wiederholender Mulden und Sättel, bei flacher 
und stehender Lage der Schichten, die auf ganz ähnliche Weise 
auch im unterliegenden altern Gebirge gefunden werden. Ob 
die Bildungsweise dieser Lagerungs- Verhältnisse als gleichzeitig 
mit der Entstehung der Massen zu betrachten sev, oder als 
Folgen späterer Einwirkung? — Wir möchten uns mit Hrn. 
von Hövel dafür erklären, dafs Mulden und Sättel als ur- 
sprüngliche Lagerungs - Verhältnisse gelten müssen. Als Lie- 
gendes der Gegend/ d. h. des Eneppe - Thaies von Vörde bis 
zum Nirgena, erscheint deutlich geschichteter Grauwackenschiefer 
von höchst einfacher Zusammensetzung. Vollkommen gleichför- 
mig ist die Lagerung des Steinkohlen-Gebirges auf dem altern; 
eine anhaltende Sandstein -Bildung, das Steinkohlen -Gebirge 
einschliessend , ein Glied der Flözzeil, bezeichnet die Grenze 
des Uebergangs - Gebirges. //. Geognostischm Beobachtungen 
über die Lagerungen des Sandsteines in' der Grauwacke, mit 
Rücksicht auf die bei Neigen aufgefundenen Steinkohleht heile, 
so wie über die merkwürdigsten Flöz - Trappgebirge in einem 
Theäe der Eifel von Hrn. Hütten- Verwalter StengeL Ein in- 
teressanter Beitrag zur weiteren Begründung der Ansicht, dafs 
das ältere Kohlen - Gebilde sich unmittelbar anschliefst an die 



Di 



1 14 Das Geb. in Rheinland- Westphaleti v. Noeggeratb. 

» 

Formationen der Grauwacke, des" Thonschiefers und des Kalkcd 
"der Uebcrgangszcit. Nicht minder wie tig ist das, was über 
oge vulkanischen Gebirge der Eifel gesagt wird. 'Wir vernaö- 
• gen diesen Aufsatz besonders als manche der Steininger'schea 
Angaben berichtigend oder ergänzend zu empfehlen. . ///. Be- 
schreibung des Mosenbergs bei Manderscheid und des Murfelder 
% See's 9 von Hr. Stengel. Die Masse dieses denkwürdigen 
Berges ist eine, meist sehr leichte, blasige Schlacke von röth- 
lichbrauner oder grünlichgrauer Farbe, welche Bruchstücke von 
Thonschiefer, kleine Krystallc von Augit u. $. w. umschlicfst, 
und die'nach aussen ästig, zackig u. s. w. erscheint. IV* Beschrei- 
bun n des vulkanischen Berges beim Gerolstein in der Eifel > 
von Hr. Stengel, Laven, Schlacken, manchen Vesuvischen 
Erzeugnissen tauschend ähnlich.. V. V erdeutschter Auszug eines 
Briefes an den Herausgeber y die Vergleichung der Eifel er Vid- 
haue mit jenen in Auvergnc enthaltend von Hrn. Grafen 
Montlosier. Im Ganzeu unbedeutend» Auf die Abtheilung 
der Vulkane in alte und neue möchten wir wenig WerVh 
legen. Der treffliche Gebirgsforscher, Hr. L. v. Buch hat, Fu 
seinem meisterhaften Aufsatze über einen vulkanischen * Ausbruch 
*uf der Insel Lanzerote > eine Abtheilung geboten, die durchaus 
naturgemäfs ist, d. Ii. im Einklänge .mit Thatsachen. Er theilt 
die Inseln, durch vulkanische Gewalten erhoben über die Ober- 
fläche des Meeres,- in basaltische , bestehend aus Schichten ba- 
saltischer' Gesteine, meist mit einem Erhebungskratcr; ferner in 
eigentliche. Vulkane und in Eruptions - Eilande; jene sind ein- 
zeln stehende, hocherhabene Kegelberge, aus Trachyt zusam- 
mengesetzt, fast stets mit einem grossen Krater im Gipfel, diese 
verdanken einzelnen Ausbrüchen ihre Erhebung. — Wir können 
nicht umhin zu bekennen, wie sehr wir wünschen, dafs die 
künftigen Bcschreiber basaltischer Gegenden auf jene Abhand- 
lung des Hrn.* v. Buch Rücksicht nehmen fcnögen , so wie auf 
das, was von "ihm in dem Aufsatze über die Zusammensetzung 
basaltischer Inseln und über Er ebungskra erc gesagt worden. 
Keiner der jetzt lebenden Gnoguosten hat mehr gesehen , als 
Hi. v. B.; keinem steht darum ein besser begründetes Recht 
xu, über jene interessanten, in die ganze Naturgeschichte der 
Erde" so wesentlich eingreifenden Erscheinungen, im Allgemeinen 
abzusprechen; Niemand war mehr geeignet, dem Beobachter 
einzelner Theile des Erdgauzen einen gewichtigen Maafsstab zu 
bieten, um das Einzelne vergleichen zu können mit dem AUge~ 
meinen. — — VI* lieber einige gangförmige Gebilde des 
Basalts und ihm geognostisch verwandle Gesteine im ÄAei— 
nisch- fVestvhälischen Gebirge , vom Herausgeber. '• Eine Rei-» 
heniolge ungemein interessanter Beobachtungen , für deren Mit— 



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Das Geb. in Rheinland-» Westphalen v. Noegger&th« nS 

theilnng wir dem Hrn. Noeggerath uns besonders verpflich- 
tet achten. Wir -würden die Grenzen dieser Auzcige über- 
schreiten, wollten wir uns gestatten in eine ausführliche Darle- 
gung des Abgehandelten einzugehen , wir beschranken uns viel- 
mehr darauf die « verschiedenen einzelnen Gegenstände namhaft 
xu machen. Diese sind: Basaltgang im Grauwacjteuschiefer bei 
Liers an der Ahr ; Basaltgänge im ürauwacken - Gebirge des 
Landes Siegen; Zusammen - Vorkommen von Basalt- und basalt- 
artigen mit erzführenden Gängen im Uebergangs-Gcbirge; Gange 
verschiedener Art im Trap - Porphyr- Konglomerat des Siebeu- 
gebirges. f^J. Gediegen -Gola* im Tonschiefer- und Grauwak- 
ken- Gebirge der Mosel ge gend , vom Herausgeber. Vlh Geo" 
postische Reise- Bemerkungen über die Gebirge der Bergstrasse, 
der Hardt j des Donnersberges und des Hundsrjxck'ens , vom Hrn. 
Bergamts - Referendar Fr, v. Oeynhausen, im Auszuge mit- 
getheilt vom Herausgeber. Bei weitem der ausführlichste Bei- 
trag im vorliegenden Buche (er nimmt die Seiteu i4b* — 280 
eiu) und ausgezeichnet durch die vielseitige Kenntnifs des Be- 
obachters, wie durch das Wahrhafte, Unbefangene, jedem Schul- 
twange. Fremde, womit die Thatsachen erzählt werden. Zu ei- 
reo Anszuge für unsern Zweck eignet sich die Arbeit des Hrn. 
von Oeynhausen nicht j wir begnügen uns damit einige An- 
deutungen zu bieten, zumal was die von ihm 'bereisten Gegen- 
den angeht, die, aus älterer oder neuerer Zeit, uns bekannter 
geworden. Im Maynthale zwischen Hanau und Frankfurt fin- 
det sich kein Ort der Dormingen heifst ( S. i5t), wohl aber 
ein Dorf Dörnigheim genannt, 3 / 4 Stunden von Hanau, auf 
der Strasse nach Frankfurt. Bei Dörnigheim kennen wir keine 
Kalkbrüche. Der sogen anute grünsteinartige Basalt von Stein- 
um ist wohl mehr Doelrit, als Basalt. Oh der körnige Urkalk 
bei Auerbach in Granit Hegt? — ■ 'Wir möchten eher glauben, 
<la£s er dem Gncisse, oder dem Syenite Untergeordnet sev. 
Sehr richtig ist, was der Verf. über die grosse Mannichfaltigkcit 
der Granite bei Heidebberg sagt. Der dieses älteste Gestein 
der Urzeit überlagernde Sandstein dürfte doch wohl ohne Zwei- 
fel als Glied des altern Sandstein -Gebildes, d. h. des soge- 
uaonten rothen Todt - Liegendeu zu betrachten seyn. Dafür 
sprechen sehr auffallend seine Lagerungs- Verhältnisse. Er ist 
nicht scharf geschieden vom Grund- Gebirge durch andere da- 
iwischen liegende Gebilde. Wo , wie namentlich auf dem 
Schlofsbcrge, Punkte geboten sind, uin die Auflagerung beobach- 
ten zu können, sieht man, zunächst dem Granite, ein, mitunter 
sehr grobes, Konglomerat grosser abgerundeter Stücke von 
Granit, Äit Feldspath- und Quarz -Fragmenten verkittet durch 
eine mehr und weniger aufgelöste, granitische, theüs auch wahre 



I 

\ 

it6 Da$*Geb. inRheinland-Wcstphalent.Nocggeratb. 

i 

Sandsteinmasse. Und aus diesem groben Trümmer- Gestein«? 
lassen sich die Uebergänge ve/folgeu, bis zum feinkörnigen Sand-» 
steine, der die höheren Punkte einnimmt. — Diese Ansichten 
theilt auch einer der vorzüglichsten Geognosten unserer Zeit 
(ja, es beruhet die Annahme mitunter auf Beobachtungen von 
ihm, so u. a. der wichtige Umstand, dafs bei Handschulisheim 
mit dem Sandslein ein Porphvr in dünnen Schichten wechselt). 
Ganz ähnliche Verhältnisse dürften sich für <[ie Lagerung» - Be- 
ziehungen des Sandsteines des Schwarzwaldes nachweisen lassen, 
und, wie wir höreu, sind bewährte Geognosten des Elsasse» 
geneigt, den Sandstein der Vogesen gleichfalls dem rothen 
Todt - Liegenden beizuzählen. (Dieser Vogesen - Sandstein, wel- 
cher in «jenem Gebirge weite Räume einnimmt, namentlich auf 
dem nördlichen Abhänge der Kette, ist durchaus dem Heidel- 
berger ähnlich). — — Aus den vom Herausgeber zusammen- 
gesteinten Resultaten der Beobachtungen des Hrn. von Oeyn- 
hausen auf der w estlichen Rheinseite entlehnen wir Nachste- 
hendes, um wenigstens eine allgemeine Ucbersicht der interes- 
santen Forschungen zu bieten. Die Gesteine des Uebergangs-' 
Gebirges (mau möge an dem Namen kein Aergernifs finden; 
»die Grenze zwischen Ur- und Uebergangs- Gebirge, noch Öf- 
»ter zwischen diesem und dem Flöz- Gebirge, wird man in 
»der Natur, vielleicht vergebens suchen, dennoch scheiut es er— 
»laubt, gewisse Glieder der Gebirgs- Bildung unter dem Namen 
»Uebergangs -Gebirge zu begreifen«), Thon- und Grauwacken- 
schiefer und schieferiger Kieselfels (?), selten mit Quarz- oder 
Kalk -Lagern, erstrecken sich nach N. N. W. und N. O. weit 
über das beobachtete Gebiet; iu W. S. W. erreichen sie ein 
schnelleres Ende, indem sie nur wenig über das linke Saarufer 
hinaus treten. Die Hauptstreichungslinie ist 3 bis 4 St. mit 
stark geneigtem bald nördlichem, bald südlichem Fallen. -Das 
höchste Niveau (Hr. von Oeynhausen hat sich durch viele 
genaue barometrische Messungen in den bereisten Gegenden 
ein besonderes Verdienst erworben) steht zwischen 2200 und 
a3oo Fufs über dem Meere. Das Steinkohlen- Gebirge , vor- 
züglich zusammengesetzt aus Kohlen - Saudstein, Schieferthbn, 
sparsamen Flözzen von Kalkstcm und Steinkohlen (welche letz- 
tere erst in grösserer Mächtigkeit und in kürzereu Distanzen auf- 
einanderfolgend im südwestlichen Theile bei Saarbrücken auf- 
treten), wird in N. W. vom Uebergangs Gebirge begrenzt, so 
namentlich bei Windesheipi ß bis auf mehrere Stunden ostwärt» 
von der Saar ab. Gegen S. W. geht alsdann die Grenze, in 
bald mehr bald weniger gerade!* Richtung, bis Saarbrücken und 
von hier, nach S. O. und N. W. bis zum Donnersberge, Die 
Hauptstreichungtlinie lauft parallel mit jener des Uebergangs-Ge- 



1 



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Das Geb. in Rheinland- Westphalen v. Noeg gerath. i t f 



birg es. Sättel und Mulden finden sich häufiger, wie in jenem; 
auch ist die Fall - Richtung in der Regel von geringerer Nei- 
gung, als beim Uebergangs - Gebirge. Das Niveau * des Koh- 
len - Sandsteines erreicht meist nur eine Höhe von looo bis 
iioo F.; nur an einigen Punkten, wo er sich an PSrphyr- und 
Trappmassen anlegt, oder wo er durchtrüraincrt ist von Queck- 
silber führenden Gängen, steigt er bis zu i337, i4»5 und 
selbst bis zu i684 F. über das Meer. Der (vom Verf. alt 
der jüngern Formation zugehörig betrachtete) Sandstein er- 
streckt sich vom linkeu Ufer der Mosel über Trier, längs der 
Grenze des Uebergangs - Gebirges an der Saar aufwärts, bis 
dahin, wo dasselbe an das Steinkohlen -Gebirge grenzt, von hier 
zieht er sich, dem letztern entlang, über Saarbrücken an den 
Donnersberg und bis nahe bei Kirchheim - Bohlanden, das 
Steinkohlen- und Uebergangs -Gebirge umlagernd und ersteres 
in kleinen Kuppen überdeckend. Nach O. erreicht er sein 
£nde auf dem östlichen Abfall des Hardt -Gebirges. Ein an- 
deres Sandstein -Gebilde findet sich zwischen dem linken Ufer 
der Nahe und der davon durchschnitten werdenden Steinkohlen- 
oder Uebergangs- Gebirgs - Begrenzung j jedoch dehnt es sich 
auch etwas auf das rechte Nahe - Ufer aus,* besonders dem 
Rheine zu und bis in die Gegend von Galsheim. »Endlich 
tritt , zwischen Nierstein und Laubenheim, nochmals Sandstein 
auf, bedeckt jedoch blofs den gegen das Rheinthal geneigten 
Abhang. Das Fallen richtet sich meist nach jenem der unter- 
liegenden Gebirgsart; gewöhnlich ist seine Neigung nur schwach, 
oft liegt der Sandstein ganz wagerecht. In der Höhe übertrifft 
er das Kohlen - Gebirge sehr, denn er steigt bis zu ao48 F. 
über das Meer. Der jüngere Flözkalk (Muschelkalk) zieht sich, 
an der östlichen Frenze des Steinkohlen - Gebirges und des 
Sandsteines, von Maynz bis Dürkheim ( manches gehört ent- 
schieden nicht dem jüngern,. sondern dem jüngsten Flözkalk an, 
der sogenannten Pariser Formation, die, wie neuere Erfahrun- 
gen beweisen, weit ausgebreiteter ist, als man bis jetzt zu glau- 
ben geneigt war ). Von Dürkheim breitet sich das Kalk - Ge- 
bilde, nur hin und wieder hervorragend aus dem durch den 
Uli ein angeschwemmten Schuttlande, über Landau und weiter« 
Auch im Zwerbrückischen zeigen sich Verberei tungen dieses 
Gesteines, so unter andern nach Pirmasenz bis Bischmisc/Jieim^ nur 
mit häufigen Örtlichen Unterbrechungen, zumal da, wo die Flufs- 
thäler den Kalk, wie den Sandstein 4 ur chscbnittcn haben. Nach 
W., in der Gegend von Trier, legt sich der Kalk' auf den 
Sandstein. Seine Lagerung ist meist wagerecht. Das höchste 
Niveau, welches er über dem Meere erreicht, beträgt io4a F. 
— • Ausser diesen, mehr allgemein ausgedehnten, Felsarten, zeigt 



1*8 Das Geb. in Rheinland- Wcstphalen v. Noeggeratli. 



die untersuchte Gegend noch Granit, Porphyr, grünstein artig© 
"frappc (Dolerite?) u. s. w. Die Quecksilbererze der Pfalz» 
kommen auf Klüften theils im Porphyr vor, tbeils im Steinkob- . 
len- Gebirge selbst. VIII. Uebersicht der Gebirgs - Bildungen 
in dem westlichen Thcde des Diirener Bergamts - Reviers , vom 
Hm. Bergmeister Schulze. Durch gründliche Sachkcnnrnifs 
ausgezeichnet, wie des verdienstvollen Verf. frühere Beiträge 
im Gebiete des geognosti sehen Wissens, zu einem Auszuge je- 
doch nicht wohl geeignet. IX. Mineralogische Beschreibung und 
themische Untersuchung eines grünen ehalzcdonartigen (nicht 
calzedonartigen) Fossils vom Haidberge im Bergischen, vom Hm* 
.Apotheker Ber gjemann in Berlin. Die grüne Farbe der Sub u 
stanz hatte Anlafs geboten, einen Gehalt von Chrom oder Nik- 
keioxydul als färbenden Stoff zu vermuthen; eine* sorgsame Zer- 
legung zeigte jedoch, dslfs die Färbung einem Eisen- und Man- . 
ganoxydul - Antheil zuzuschreiben sey. X. Mineralogisch - che- 
mische Untersuchung zweier ausgezeichneten Abänderungen von 
Holzopal aus dem Siebengebirge , vom Hm. Dr. R. B r and es. 
Eine Analyse des sogenannten Holzopals wurde bis jetzt ver- 
mifst, die vorliegende Untersuchung zeigt, dafs der Holzopal von 
Q uegst ein zusammengesetzt sey aus: Kiesel 86,000, Wasser 
9.963 , • Eisenoxydul a,54o, überbasisches schwefelsaures Eisen- *. 
oxyd o,843, Thon o,5oo, Kohlenstoff o,o3a. Der faserige, 
oder bastartige Holzopal aus der Oberkasseler Gegend aber 
(noch sehr deutlich die ganze Holztextur tragend) gab: Kiesel 
93,000, Wasser 6,4 25, Thon o,i25, Eisenoxyd o,3y5 und 
Spuren von überbasischem schwefelsaurem Eisenoxyd. XI. Ue- 
ber den Lepidohrokit in mineralogischer und chemischer Bezie- 
hung, vom Hm. Dr. R. Brandes , Hrn. Prof. Bischof und von 
dem Herausgeber. Der Lepidokrokit gehört der Gattung Eisdi- 
oxyd- Hydrat *zu und macht die schuppig - faserige Abänderung 
des Braun -Eisensteines aus. Die damit angestellte Aualyse lie- 
ferte: Eisenoxyd - Hydrat 98^556 , Manganoxyd - Hydrat o,55i, 
Kiesel (mechanisch beigemengt) o,5oo. — — Endlich findet 
man in diesem Bande noch eine Notiz über die Entdeckung 
zweier merkwürdiger Fossilien im Rheinischen Trapp- und 
vulkanischen Gebirge, nämlich des Apatits umi des Zirkons. 
Das erstere Mineral ward durch Hrn. B rassard am Laacher 
See in einem Gemenge aus glasigem Fcldspathe und weniger 
Hornblende gefundeu. Der Zirkon kommt hyazinthfoth (der 
Hyazinth der altern Mineralogen) in den Basalten am Unkel bei 
Oberwinfher vor, und graulich weifs, mit Feldspath-, Glimmcr- 
und Augit-Kry stallen in manchen Lesesteinen des Laacher -Sees. 



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Pharmacopoea Saxonica. 119 

Pharmacopoea Saxonica. Jossa Regio et Publica Auctoritatt 
Edita. Dresdat sumtibus G. M. TVahheH dSüo. 

1 . • \ ■ * . * 

• 

Vorliegende Pharmacopoe des Königreiches Sachsen * kanu, 
als eine völlig neue Arbeit augesehen werden, indem auf die 
für dieses Land früher erschienenen Apothekcrhücher keine be- 
sondere, Rücksicht genommen zu seyn scheint, und namentlich, 
des Dispensatorii für die Chursächsisclien Lande, Leipzig i8o$ 
hier nirgends gedacht wird. — 

In der Vorrede werden die Grundsätze auseinander gesetzt 
die man bei Bearbeitung dieser Schrift befolgen zu müssen 
glaubte, sie enthalten nichts Besonderes oder Eigenes, weswe- 
gen es nicht nöthig ist sie hier zu erörtern; nur ein Umstand 
war dem Recens. so auffallend, dafs er ihn nicht ganz mit Still* 
schweigen übergehen kann. Es wird nämlich der Wunsch ge- 
äussert man möge auf Recepten die Medicamente nicht mehr mit 
Karaktcreri oder, chemischen Zeichen, auch nicht abbrevirt an- 
deuten, sondern die Worte ganz ausschreiben und nun wört- 
lich folgendes hinzugesetzt *non tarnen moventibus famulorum 
ypharmaeofloei risum, quem facilc provocare possent, qui, ad- 
isuefacti vidgo reeepto more ßexionem nominum per casus nc- 
ygligendi et quaevis casu primo enunciandi, alterum non raro 
tprorsus ncsciunt* (!!!) Diesen Satz hätten die Herrn Ver- 
fasser zu Sachsens Ehre unterdrücken sollen, denn was ist er 
anderes als ein de- und vvchmüthiges Bekcnntnifs, dafs selbst' 
io dem gelehrten Sachsen es Aerzte und Wundärzte giebt, de- 
nen die ersten Spuren wissenschaftlicher Bildung mangeln? die 
die lateinischen Declinationen nicht gelernt haben ; gerne giebt 
Recens. zu dafs solche in allen Provinzen Teutschlands exisü- 
ren, aber ihr Dascyn gereicht wahrlich nicht den' Academicn 
zur Ehre, auf denen sie ihre Doctorwürde sich erwarben, und 
noch weit weniger jenen mediciuischen Corporationen die ihnen 
die Erlaubnifs zur Praxis ertheilten. Für solche Leute . existi- 
ren die wichtigsten Werke unserer Wissenschaft nicht, für sie 
schrieb nicht Celsus, nicht' Plinius, nicht Boerhave, Stall, Gru- 
ner u. s. w. Und von den Quellen der Medicin von einem 
Hippotrates, Galen* Dioscorides -möchten sie wohl kaum etwas 
von weitem gehört haben. — Solche Züge »mufs man auf- 
fassen, sie charakterisiren unser Zeitalter, wo neben Aufgebla- 
senheit und üebermuth nicht selten die gröbste Unwissenheit 
mit einhergeht. Während, dem manche academische Lehrer mit 
abgeschmackten und hirnlosen» Theorien, die sie Naturphiloso- 
phie zu nennen belieben, ihre Zuhörer unterhalten, kümmern 
sie sich wenig darum, ob diese selbst nur die Vorkenntnisse 



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120 Pharmacopoea Saxontca. 

• * * 

besitzen, die dem Arzte nÖthig sind, und wenn der Candida* 
in der Prüfung etwas nach dem Sinne seines Meisters von Po« 
laritaten und Differenzen schwatzen kann, «so ist ihm das Diplom 
gewifs , wüfste er auch nicht eine elende Receptformel ohne 
Fehler zu schreiben! Wohl mochte die allgemeine Bekanntmachung 
des Rescriptes nicht schaden, welches Herzog Wilhelm Ernst 
▼on Weimar im Jahre 1726 an die Universität Jena erlicfs. — • 

Kehren wir übrigens zu .unserer Pharmacopoe «uruck; 
die erste Abtheilung, .welche die Materia pharmaccutica ent- 
hält , ist folgenderniassen eingerichtet j die Mittel folgen alpha* 
betisch, bei jedem ist der oflicinelle, systematische und deutsche 
Jfame angemerkt, auch eine kurze Beschreibung des officinellen 
Thciles der Pflanze beigefügt , ferner die Dauer des Gewächses, 
nebst seinem Vaterlande angezeigt. Mittel, welche die Apo- 
theker kleinerer Städte auch beständig vorrathig halten müssen, 
sind durch ein Aster isk angedeutet. — 

Von Mitteln, die anderwärts jetzt wenig oder gar nicht 
gebraucht werden und hier aufgenommen sind^ wollen wir ci- 
nge anführen: als Arttmisia pontica, die auch in Teutschland 
wachst, (Man sehe Pollichs Flora von der Pfalz und Gmelins 
Flora von Baden) sie wird als eine blos in Italien, Ungarn und 
der Schweitz vorkommende Pflanze angegeben. — Als oflici- 
neller Sturmhut ist angegeben Aconitum tauricum und neomon- 
tattum Linnaei, — — Diese Angabe zeigt recht deutlich dafe 
bei Abfassung dieser Pharmacopoe- es versäumt worden ist einen 
Botaniker zu Rathe zu ziehen; es ist dies um so unverzeihlicher, 
da Herr Prof. Reichenbach, welcher eine vortreffliche Mono* 
graphic der Aconiten geliefert hat, in Dresdeu wohnt. Linne 
beschrieb weder ein Aconitum tauricum noch ein neothontanum; 
erste res stammt von Wulfen und letzteres von fViÜdenow. Aco- 
nitum Napellus und A. Cammarum sollen eben so wirksam seyn 
wie die Hrn. Verf. bemerken. — — 

# Der Bärlapstaub (Pulvis fycopodiij wird als Pollen der 
Staubbeutel, beschrieben, eine Ansicht die die meisten Pflanzen- 
ph> siojogen nicht als richtig anerkennen möchten. Radix Britan- 
nica, R. Fracincllaej Semen Dauci silvestris, Herba Equiseti, 
Radix Efjngii, Semen Lupini und viele andere hier noch be- % 
6chriebcne möchten wenig mehr von den Aerzten verordnet 
werden. • 

- 

Der zweite Theil ist überschrieben Opera pkarmaceutica* 
Bei den Zusammensetzungen sind keine bestimmte Gewichte, 
sondern blos das Verhältnifs der Ingredienzien gegen einauder 
angegeben, nach Art der neueste^ französischen Pharmacopoe. 
Die Nomenclatur ist im Ganzen die der Pharmacopoea borussica; 
5ind aber öfters bei einem Mittel drei bis vier Namen ange- 



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Pharmacopoea Saxonica. i*t ' 



ititfi zweckmässig ist es übrigens, dafs die alten Benennungen 
die Hauptaufschrift ausmachen, so wie dafs bei jeder Compo- 
sition auch der deutsche Namen hinzugesetzt wurde, den man» 
in den meisten Pharmacopoeen Deutschlands vermifst. 

Von den hier vorkommenden weniger bekannten Präpa- 
raten und Compositionen wollen wir einige anführen: als Aqua 
joetida ein sebr zusammengesetztes Mittel, das: wie die Hru. 
Verf. bemerken sich sehr wirksam gezeigt habe. G alba na 
stinkender Asand, Bibergeil, Myrrhe, Camphor, Baldrian, Ka- 
miileo, Schafgarbe, Krausemünze, /tauten, Holluuderblüthe 
nebst mehreren Gewürzen werden blofs mit "Wasser destillirtj 
das Destillat ist das verlangte Mittel. — Aqua Opii. Ein Theil 
Opium wird mit 10 Theileri Wasser Übergossen, und die- 
Hälfte abdcstillirt. — Elixir foetidum eine Tinctur aus Biber- 
geil, stinkendem Asand, Mohnsaft und flucht igen» Lauircnsalz mit 
spanischem Wein bereitet. — Von den Krähenaugen sollen zwei 
verschiedene Extrakte, ein wäfsriges und ein geistiges bereitet 
werden, wovon letzterem der Vorzug gegeben werden durfte 
indem das erste wenn es nicht bis zum vollständigen Trocknen, 
abg-raucht wurde in sehr kurzer Zeit schimmelt und verdirbt« 
Die Blätter welche zur Bereitung des Extr. Rhois radicaatis 
Verwendet werden, soll man während der Blüthezeit des Bau- 
mes einsammeln; sollten sie dann besser sevn als kurz vorher? 
wenigstens gilt bei den meisten Gewächsen die Regel, die Blät- 
ter vor der Erscheinung der Blüthe einzusammeln ; übrigens will 
man bemerkt haben, dafs die bei trübem regnerischem Wetter 
eingesammelten Blätter des Giftsumachs ein wirksameres Mittel 
lieferten, als wenn die Einsammlung bei heiterer trockner Wit- 
terung vorgenommen worden war. Zur Bereitung der Benzoe- 
säure ist die alte Vorschrift mittelst der Sublimation angeführt, 
es wird aber bemerkt, es werde ein •'reineres Mittel durch Di- 
gestion der Benzoe mit Weingeist erhalten, indem man dann die 
Tinctur mit Wasser vermischt, alles Geistige durch Destillation 
entfernt, wtfbei die harzigen Theile sich absetzen, und aus der 
wassrigen Flüssigkeit durch Kristallisation die Säure getrennt 
werden kann. — 'Eigen ist die Isländische Mooschocolade. 
Pasta cacaotina liclienifera i sie besteht aus dem Pulver der 
Isländischen Flechte, Pulver. der Salepwurzel, Zucker - und 
Cacaosaamenteig. — - Den Brustkräuteru ist die sonst wenig 
gebrauchliche Herha Qreoselini beigemischt. — Aufgeführt ist 
ein Spiritus suaveolctis pro sitffitu. Wohlriechender Geist zum 
Räuchern < soll wohl heissen zum Riechen ) er besteht aus Es- 
sig -Naphta, Citronen-, Bergamott- und Lavendelöhl. Unguen? 
tum arnarum. Bittre oder Wurm -Salbe, die wahrscheinlich äus- 
serlich angewendet zur Ausführung der Würmer dienen soll, sie 



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132 Theolog. u, philolog. Schriften v. Dr. Winer. 



besteht aus Ochsengalle, Aloe, Coloquintcn, gereinigtem Schwe- 
fel, dcstiüirteni Wernutth und Birkenholzöhl mit Butter zur 
Salbe gemacht. . Eigen ist die roohnsafthaltige Galläpfelsalbe, 
Unguentum ex Gallus opiatum, die vermuthlich gegen gewisse 
Hämorrh<>idalzufällc bestimmt ist, f sie besteht aus Opiiuu, Gall- 
äpfelputver und Leinkrautsalbe. Obsolete und mitunter auch 
nicht sehr zweckmässige Compositionen sind übrigens in grosser 
Zahl noch aufgenommen. Eiu doppeltes Register schliefst die 
Schrift, wovon das letzte diejenigen Medicamente aufzählt, welche 
in allen Officinen vorrathig gehalten werden müssen. — . 

* 

* , 

' * 

* • 

/. Abschiedst/orte beim Schlufs dogmatischer Vor- 
lesungen gesproc/ien von Gr. Benedict Wine*, der 
Tkeol. Dr. und Professor. (Efet/yars tkq ypet(fccc), Leip* 
zig b. Glück. 48*4. 44 S. in 8. 

Ä. Aphorismen über die lateinische Schreibart der Neu* 
eren, Alien, welche Lateinisch zu schreiben haben, zur 
Beherzigung vorgelegt. Leipzig bei Reclam. ' 4824. 3o S. 
in 8. 

3, Biblisches Realwörterbuch , zum Handgebrauch jür 
Studierende , Candidaten, Gymnasiallehrer und Prediger, 
Ausgearbeitet von Gr, B. fViner.. Leipzig bei Reclam, 
/. //. ThL 

^ 

JLlie Schrift Nro. i. so kurz sie ist, bezeichnet den gelehrt- 
und religiös -theologischen Sinn und Geist des Vfs^ so beifalls- 
würdig , und umfafst in belebter, von .Selbstorfahr ung durch- 
drungener Rede die treulichsten Grundsätze so, dafs Ree. Haupt- 
stellen daraus mit Abkürzungen allgemeiner bekannt zu machen 
für sehr zweckmässig achtet. An Zuhörer, mit denen der Vf. 
ein volles Jahr sich vereinigt hatte, um sie in der Ueberzeu-. 
gungskraft zu üben, welche nicht etwa ein abgeschlossenes Sy- 
stem von unbez weif elbar en Lehrsätzen sich einzuprägen, vielmehr 
sich ein wohlbegrüodetes, aber lebenslänglich im Geiste wach- 
sendes Gebäude von ^Lehreinsichten" "auszubilden fähig werden 
soll, wendet sich der Vf. in der Abschiedsstunde, selbst durch- 
drungen von dem Gegenstand, welchen er, wie Er selbst em- 
pfindungsvoli ausspricht, »mit Begeisterung umfafst uifd welchem 
die regsten Kräfte seines Lebens gewidmet sind.« Er redet sie 
an als Uebcrgehende in das Selbststudium der christlichen Glau- 
beoslehre, das sie nun durch das ganz Leben fortsetzen sollen.« 
Mo£eri Sie, so ermahnt der sclbstdenkende und zu diesem Selbst- 



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I 



Theolog, u. philolog. Schriften v. Dr. Winer. 125 

denken mit Gründlichkeit der Kenntnisse und Wahrheitseifcr 
■usgernstete Lehrer, mögen Sie immer von dem Geiste des Pro» • 
testaniismusj der zugleich der Geist Hes reinen Christen thums ist, 
geleitet werden. Ihre Lebensjahre sind in ein Yiclbewegteg 
Zeitalter gefallen, in ein Zeitalter, das nicht nur auf dem sicht- 
baren Schaaplatz der Staaten, sondern auch auf dem unsichtba- 
ren Gebiet religiöser Wahrheit die widersprechendsten Extreme 
gegen einander treten sieht. Schwärmerei und tückischer Aber- 
glaube heben ihr Haupt empor; die Einen machen das Heil des 
Christenthums vom Buchstaben abhängig und wollen veraltete 
Formeln, von Menschen ausgedacht und in der Bibel nicht be- 
gründet, als die Losung jedes wahren Protestanten aufdringen, 
mieiugeüeu der Worte des Meisters: der Buchstabe tvdtet, nur 
der Geist macht lebendig! Andre täuschen sich in einen Cvclus 
gottlicher Offenbarungen hinein, finden in jedem Spiele ihrer 
legellosen Phantasie unmittelbaren Einflufs der Gottheit, anmas- 
seud genug, um durch Behauptung eines festen Glaubens sogar 
"Wunder thun und mittels des Ucbersinnlichen auf das Gebiet 
<Ies Sinulicbcn einwirken zu wollen. Andre endlich verwan- 
deln wenigstens die Religion in einen Gegenstand eines sinnli- 
chen Gefühls, schmähen die Vernunft, welche das Göttliche 
in seiner Tiefe nicht' zu erfassen vermöge, und umhüllen das 
Gebaltlose ihrer. Träumereien durch hoebklingende frömmelnde 
Phiascn.« 

Dies sind allerdings die Verirrungen, denen ein nicht klei- 
ner Theil unserer Zeitgenossen sich hingiebt. Der Verf. kennt 
seine Zuhörer, als 1 solche, die, schon zu vertraut mit crem In- 
halt der biblischen Urkunden, auch nach dein, was er in seinen 
Vorlesungen selbst verhandelte, die Grenze des Vernunftgebraucht 
in der Religion mit Klarheit erkennen und die Forderung eine» 
blinden Glaubens zu würdigen wissen werden. So gewifs sie da» 
Studium der gelehrten Theologie Heb gewonnen und sich durch 
dasselbe in deutlicher Erkenntnifs in sicher begründeter Ueber- 
zeugung merklich gefördert gesehen haben, werden dieselbe auch 
an hohler Phraseologie, die den Geist mit einer Meinungs- Wolke 
umzieht, nimmer Geschmack finden. Aber die Mittel, durch 
welche Mysticismus und Schwärmerei ihr Gebiet zu erweitern, 
und die Geschäftigkeit mit der jener neumodische Irrglaube na- 
mentlich unter studierenden Jünglingen sich Opfer zu gewinnen 
sucht, sind, sagt der Vf., vielfältig erschmeichelnd und ver- 
führerisch. Hört man doch selbst von Missionärs zur Prosely- 
tenmacherci unglaubliche Kunden und überhaupt scheint die 
Loosung zu seyn: Verbreitet jede Art von Afterglauben. Jede 
fuhrt zu dem gemeinschafüichen Ziel kirchlicher und politischer. 
Hcrrsehbeperde. « 

* 

* 



i 

ia4 Theolog. u. pliilolog. Schriften v. Dr. Wiocr. 



Die erste Hülfe dagegen ist und bleibt ernstes Studium 
der heiligen Urkunden selbst , das ja überhaupt den Mittelpunkt 
des gunzcu theologischen ^privatfleisses bilden mufs. In diesen 
bcrrliclieu Denkmälern Gottbegeisterter Andacht paart sieb Klar- 
heit mit religiöser Wärme; sie erfassen unwiderstehlich den 
ganzen Menschen, sie sind aufklärend für den Verstand, wie 
sie das Gefühl beleben und kräftigen. Durch sie werde die 
wahrhaft heilige Stimmung, welche Festigkeit bei allem Winde 
der Lehre gewährt. Aber Bibclforschung heifst nicht ein ärm- 
liches Exponiren des biblischen Grundtextes unter der Vor- 
mundschaft irgend eines beglaubigten Commcntars, noch viel 
weniger das blosse Lesen in deutscher Uebersetzung j denn, wie 
ehrwürdig auch Luther in diesem unvergänglichen Werke sei- 
ner Kraft erscheint, so dafs im Ganzen diese Bibelübersetzung 
noch nicht übertroifen ist; doch bleibt gewifs, dafs wir durch 
neuhinzugekommeue Hiilfsmittel der Interpretation den Sinn der 
das heiligende wollenden Verfasser in gar manchen Stellen' 
richtiger zu erkennen vermögen. Gefade an einige von Lut er 
gebrauchte deutsche Ausdrücke, die zum Theil der altern Sprache 
angehören , haben sich auch . Mifsverständnisse und schwärmeri- 
sche Ansichten geknüpft, die nur der geschärfte Blick in den 
GrundtCAt und Zusammenhang berichtigt. Des Religionslehrers 
gewöhnliche Abgeschiedenheit von der grossen Welt kann er 
selbst nicht schöner beleben, als wenn Er seine stille Muse 
fruchtbar anwendet, um durch dieses Studium sich und den Ge- 
meinden gegen alle Thorheit, die im Gewände der Religion 
hervortritt, den Standpunkt zu sichern, von wo sie jeden Abcr- 
und Wahnglauben von dem ächten Gottesglauben, der das Hei- 
ligw erden, weil Er heilig ist, das Vollkommen werden durch red- 
liches Wollen, weil der Vater vollkommen ist, zur Hauptsache 
der Christus -Religion erhebt, unterscheiden. 

Mit diesem Bibclstudium verbindet der gute Unterricht ein 
ernstes Forschen auf dem Gebiet der Philosophie und Geschickte, 
Jene tragt schon in dem hochstrebenden . und doch bescheidenen 
Namen eine gültige Empfehlung. Mit welch einem Schatz, herrlicher, 
lichtvoller, das Leben verklärender und kräftigender Ideen erfüllt 
sie deu Geist; mit dem Streben nach Deutlichkeit in der Er- 
kenntnifs weckt sie zugleich eine entschiedene Abneigung gegeu 
Alles, was dem Reiche der Finstemifs angehört und auf dem 
bodenlosen Meere einer mit sich selbst spielenden Mystik sich 
umtreibt. Der Philosophie steht freundlich die Geschichte zur 
Seite: Speculation und Erfahrung! Jedoch nicht die einzelnen 
Thatsachen, die Verknüpfung vielmehr zu einem sich gleichsam 
fprtspinn enden Gewebe, und der höhere Gottesgeist, der über 
dem Ganzen, unsichtbar zwar, aber merklich jwaltet, das sind 



■ 



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Theolog. xu philolog. Schriften t. Dr. Winer. 125 

die Momente, die das Geschiehtstudium des Theologen ergreifen 
nrnfs. Hat er in dieser Stimmung das Leben verschwundener 
Geschlechter sich veranschaulicht, so ist ein ruhiger, besonne- 
ner Blick auf die Gegenwart, der Erwerb dieser Bemühung. 
Erkennbar wird in allen Excentricttäten der Mitwelt jenes sich 
immer wiederholende Spiel ungeregelter Kräfte, in der religi- 
ösen Schwärmerei aber das Irrlicht, das in allen Jahrhunderten 
vor dem Sonnenlichte des Christenthums und der klaren Men- 
ichenvernunft nach kurzem Geflimmer verlosch. 

Endlich ist ununterbrochener IJmgang nothig mit den Lich- 
tern der klassischen Literatur des Alterthums, wo Verstand und 
Gefühl in so schönem Einklang, wo der ungetrübteste Abdruck 
äc ter Humanität erscheint. Rufen Sie sich nur, sagt der auf 
Leipzigs philologisch - theologische alte Schule mit Recht stolze 
Lehrer, all 1 die grossen Manner in's Gedächtnifs , 4ie einst oder 
noch jetzt in unserer Wissenschaft glänzm. Waren die& nicht 
heimisch geworden im griechischen undrömischen Alterthura, 
ehe sie es wagten, auf dem Gebiet der Theologie als Führer 
hervorzutreten und ihren Zeitgenossen das Verständnifs der hei- 
lten Schriften zu öffnen? Oder was zeichnet die, welche in 
der Schule des unsterblichen Ernesti und Morus aufwuchsen und 
die zum Theil noch segensreich unter uns wirken, so unver- 
kennbar aus, als eine Vertrautheit mit den. Musterschriften 
der klassischen Vorzeit, die selbst in ihren öffentlichen Vorträ- 
fen kräftig uns anspricht? Wer nennt dagegen auch nur Einen 
unter den vielen Schwärmern und Theosophen, der von dem 
klassischen Alterthum eine mehr als nachgesprochene Keifntnifs 
besessen hätte? (Die Unwissenden nennen jetzt jeue Muster 
eines selhstthätigen Verstandes und gereinigten Geschmacks gerne 
nur Heyden., nicht um die Christliche Lehrweisheit zu erheben, 
vielmehr weil jenes Helldenken, mit der Christuslehre verei- 
nigt, alles Dunkel der Schwärmerei unwiderstehlich verscheucht 
und zu jeder Zeit, wie in der Reformation, die Glaubenslehre 
von abgeschmacktem, hineingetragenem Meiuungskram reinigen 
hilft.) 

Sind nicht, fährt der Vf. fort, auch in unserer Zeit die 
lautesten Sprecher einer abergläubischen Mystik aus der bedau- 
ernswerten Zahl derer, die in der Jugend entweder nicht Ge- 
legenheit oder ernste Ausdauer hatten, um den Grund zu le- 
gen, ohne welchen jedes wissenschaftliche Studium der sichern 
Haltuug ermangelt? Kein Wunder, dafs solche Flachköpfe das 
Studium der klassischen Literatur als heidnisch verschreien und 
in ihrer Verblendung von ihm den Untergang alles christlichen 
Sinnes und Glaub eus fürehten lassen wollen. Wäre es ihnen 
nur erst gelungen, die Schriften der AJten aus den christliche* 



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ia6 Theolog; iu philolog. Schriften v. Dr. Winef. 



Schulen zu verbannen, (und etwa die Gregorius vou Naziane 
und die Prudentius zu Mustern der Geistesbildung zu machen,); 
das Unkraut jeglicher Schwärmerei (und des Nachbetens grund- 
loser, unsteter Meiuungs-Ucberliefeiung) würde wuchernd um 
sich greifen uud die protestantische Kirche bald dahin zurück- 
drücken, von wo sich erhoben zu haben, einst die fromme Freude 
unseres Volkes war. 

»Nein! nur mit klarem, durch Philosophie, Geschichte und 
klassisches Studium gebildetem Geiste vermögen würdige Reli- 
gionslehrcr unserer Zeit die Lehre Jesu rein aufzufassen, Mcn- 
scheutand und Aberglauben von ihr Zu scheiden und eine Ue- 
berzeugung in sich zu begründen, die nicht blos wahrend eini- 
ger Jahre phantastischer SeJbstbethÖruug sondern auch dann noch, 
fortbesteht, wenn jedes erdichtete innere Licht, das nicht an 
der Vernunft ^sich entzündete, vor dem Glänze des ewigeu Ur- 
lichts unwidcrbringlich^erüscht I Ja der Geist des Evangelischen. 
Protestantismus ist ein edler, unvergänglicher Geist, mögen sich 
die äussern Verhältnisse der sichtbaren Kirche trüben, mögen 
Einige ihrer Glieder die Gemeinschaft, in der sie geboren wur- 
den, verlassen, mögen selbst un-t er ihren Sprechern manche seyn, 
die die Zwecke derselben mehr hemmen als fördern: Die 
unsichtbare protestantische Kirche bleibt unter allen Stürmen der 
Zeit unberührt, und dafs auch die sichtbare nicht verschwiude, 
dafs' sie fröhlicher immer und kräftiger aufblühen werde — • 
diese Hoffnung ist aus Gott, wie die Wahrheit selbst. Sie be- 
lebt den Lehrer, dafs er unverdrossen den Kreis derer erwei- 
tere, 'die im r^ekenntnifs der reinen Lehre Jesu schon auf l£r- 
den sich selig* fühleYi, in dem. ganzen Leben der ihm Anver- 
trauten jeglichen Aberglauben und alles uuehristliche Wcseu ent- 
schlossen austilge, uud die Zeit herbeizuführen suche, w<o die 
ganze Menschheit, im Streben nacu Tugend verbundeu, nur 
eine Heerde unter dem Emen guten Hirten seyn wird, (wel- 
cher nicht zu einem Menschenreich, sondern zum Reich des 
heiligen GotteswiHens die. Thüre öffnet). Einzelne Persönlich- 
keit verschwindet im Laufe der Zeiten, das Leben ist ein schnell 
dahinfliegender Traum; nur was wir Gutes wirkten und be- 
gründeten, das bleibt und dauert durch alle G esc Rechter, das 
wird in Gottes Haud die Grundlage unübersehbaren Segens, 
das folgt uns in das ewige Seyn.« — — 

Nicht besser, als durch diese Selbstschilderuug der Em- 
pfindungen des Vfs. vermag Ree. auch deu Geist und Geltalt 
der beiden andern Schriften zu charakterisiren , dereu Titel 
voranstellen. 

Das Biblische Realwörterbuch beweist nicht nur einen Reich- 1 
thum der zweckmassigsten .Sachkenntnisse, sondern auch eine 



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Theolog. u. philolog. Schriften v. Dr. Winer. 127 

treffliche Methode, da* Nötbige gedrängt auszuwählen, und tref- 
fend auszudrücken. Eben dies sind die wahren Erfordernisse 
eines solchen Hülfebuchs. So kurz also die Schilderung ist, 
-welche Ree. davon entwirft, so bestimmt ist seine Absicht, hier- 
durch die w ahre Vorzüglichkeit desselben auf das empfehlendste 
angezeigt zu habeu. Darf Ree. einen Wunsch beifügen, so wäre 
es dieser, dafs der Vf. welcher zu dergleichen Arbeiten die 
seltene Kunst, das beste zu prüfen und ohne Verlust* der Deut- 
lichkeit in gedrängter Kürze zu verbreiten, besitzt, mehrere 
Theile der Theologie in ähnlicher Form zu erläutern sich be- 
mühen möchte. t 

In ISro. 3. erklärt zwar des Vfs. Bescheidenheit, nur als 
Laye zu sprechen. Der Satz aber, welchen er mit Beweisen 
belegt, ist sehr durchgreifend. S. 4» »Unter allen Sprachen, 
welche jein Gegenstand gelehrter Forschung geworden sind, ist 
keine hinsichtlich ihrer Grammatik und Lexikographie so bei- 
spiellos vernachlässigt, oder vielmehr so oberflächlich und geist- 
los behandelt worden, als die lateinische, und so grofs auchj 
ja so uuzählbar die Menge lateinischer Lexica, Sprachlehren, 
Anleitungen zum lateinischen Styl und zum Uebersetzen aus dem 
Deutschen in's Lateinische ist, noch immer kann die alte Rö- 
mersprache sich nicht der hebräischen, arabischen, griechischen, 
ja selbst der deutschen au die Seite setzen, ohnerachtet gerade 
im Lateinischen die Forschung einen leichtern und küraern Gang 
zu nehmen hat. Diese Anklage wird hart klingen, aber sie ist 
nichts desto weniger gegründet.« 

Insbesondere suchte, wie S. 7. bemerkt, Seifert durch seine 
auf Geschichte und Kritik gegründete lateinische Sprachlehre 
das Bedürfnifs eines tiefer eindringenden grammatischen Lehr- 
gebäudes zu bei riedigen. (C. J. A. Seyfert, auf Geschichte und 
Kritik gegründete lateinische Sprachlehre. Brandenburg 4798 bis 
1802. 5 Bdch. oder 4 Kursus, gr. 8. 3 Thlr. 12 gr.) Obgleich 
nun seinem Werke lichtvolle Anordnung und wahre philosophi- 
sche Kritik abgehe, so zeichne es sich durch eine ziemlich voll- 
ständige grammatische Beobachtung, durch geschickte Benutzung 
der alten Grammatiker und durch manche feine Bemerkung aus, 
und würde gewifs einer gründlichen Bearbeitung der Li toi tu- 
schen Grammatik den Weg gebahnt haben, wenn es nicht fast 
geflissentlich in den Hintergrund gedrängt worden wäre. Ein 
Schicksal, mit dem dies Werk noch jetzt zu kämpfen hat, so 
dafs mancher, der über lateinische Grammatik schreibt,' es nicht 
einmal dem Titel nach kennt. 

Dankbar bemerkt dagegen der Vf. die allgemeinen gramma- 
tikalischen Werke eiues Orotefend, Schneider, insbesondere des 
letztern ebensowohl, als die specialen Bemerkungen tüchtigec 



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128 Theolog. u« philolog. Schriften r- Dr. Winer. 

i 

Herausgeber lateinischer Klassiker, -»reiche tlieils das Gebiet den 
grammatischen Stoffs erweitert, jtheils einzelne Regeln tiefer er- 
gründet, und bestimmter gefafst haben. Er rechnet hieher be- 
sonders Bremi , Görenz, Hand, Gernhard, Heindorf und neu- 
erlich Beter (Cic. de offieiis lib. III. ad probatiss. quorumq. exempL 
ßdem emend. etc. commentar. editit. iSio. m. 9 Tom. 8.) Aber 
selbst die Forschungen der genannten achtungswerthen Männer 
betrachtet er nur als Anfang zur Reform der lateinischen 
Grammatik, 

Bei Vcrgleichuug der zwei besten deutsch - lateinischen 
Wörterbücher erklärt der Vf. als Feind des Küchenlateins, wel- 
ches Scheller schon in dem Titel seiner Praecepta stjrli bene 
Icitini offenbarte, auch "gegen die SchcÜcr-Lünemannische Aus- 
gabe, dafs L. nur weniges gebessert habe. »Das Bauer sc he sey 
mit weit mehr Gründlichkeit und Umsicht gearbeitet, und 
zeichne sich besonders durch reiche Phraseologie aus; indefs 
I£fst es doch in gar vielen Fällen unbefriedigt und selbst an 
der Reinheit der lateinischen Ausdrücke dürften Ausstellungen 
gemacht werden. 

Rector Kraft in Nordhausen übernahm die Bearbeitung ei- 
nes neuen und vollständigen Wörterbuchs. Was er bisher ge- 
liefert hat, beurkunde seinen Beruf zu dieser Arbeit. Doch 
fiir geübte, an lateinisches Denken gewohnte, aber nur dann 
und wann rathlosc, Lateinschreiber sey ein ganz anderes Hülf- 
buch* nothw endig, als ein deutsch-lateinisches Lexicon, nämlich ein 
Werk wie Sethi Calvisii Thesaurus ling. tat.; worin die Wor- 
ter nach der Verwandtschaft der durch sie bezeichneten Begriffe 
geordnet und jedem Verbum die passenden Adverbia beigefügt 
wären. Zur Ausarbeitung eines Lexicon' Latinitatis theologicae in 
dieser Form entschliefst sich der Verfasser vielleicht selbst ein- 
mal, da er schon Manches darauf Bezügliche gesammelt 'habe. 

Hiezu legitimirt Er sich durch weitere Kritik über den 
Charakter der neuern lateinischen Schreibart, wobei S. .i5. be- 
merkt: Es ist auffallend, doch nicht ganz unerklärlich dafs un- 
ter, deu Theologen die katholischen gewöhnlich schlechter latei- 
nisch schreiben als die protestantischen. Einige der neuesten 
Beispiele liefern der verstorbene Jahn und der Professor Arm- 
ier in seiner Hermen, generalis. 

(Drr Beschluß f$t&t.) 



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Heidelberger 

Jahrbücher der Literatur. 

* 

* ■ 

1 

Theologische und philologische Schriften von Dr. IViner. 

(B e s c h i u s i.) 

*Dafs das meiste Neulatein nicht lateinisch gedacht ist, zeigt 
sich, weil es gewöhnlich sofort ins deutsche übersetzt werden 
könnte. Verwerflich aber ist es häufiger in lexikalischer als in 
grammatikalischer -Hinsicht. Es gilt eine grosse Anzahl Wörter 
und Redensarten den neuern Lateinern für elegant, die entweder 
gar nicht bei den Schriftstellern des goldenen Zeitalters sich 
finden, oder die, von iiineu iu einer andern Bedeutung gebraucht 
wurden, oder die wenigstens nicht dem prosaischen Style ange- 
hören. Beispiele erläutern das Gesagte. Diese Hauptgebrechen 
des neulateinischeu Styls in lexicalischer Hinsicht entspringen zum 
Theil aus Unkunde, vorzüglich aber aus dem Streben nach ei- 
ner gesucht eleganten Dictiou, die man am sichersten errei- 
chen zu können glaubt, wenn man gemeine Ausdrücke wie pu- 
tare, vocarij reprehensio, itide, iterum u. s. w. mit Pracht Wör- 
tern, wie nutumare, audire, vituperium , exinde, secitndn vice, 
vertauscht. Demi in dem ungewöhnlichen und pretiösen sucht 
der verderbte Geschmack stets das Elegante. So nähert man 
sich jenem erhabenen Vorbilde, dem Apnlejus, entfernt sich aber 
von der wahrhaft schönen Einfachheit und Natürlichkeit, die 
den Styl der besten Klassiker charakterisirt. 

Zu diesen positiven Fehlern der neulateinischen Diction ge- 
sellt sich noch ein negativer, dafs eine nicht unbedeutende An- 
zahl solcher Wörter und Redensarten, die bei den Klassikern 
des goldenen Zeitalters häufig wiederkehren und gewissermassen 
xur elegant ia sermonis gehörten, bei den Neulateiuern ganz in 
Vergessenheit gerathen sind, weil sie den deutschen nicht völlig, 
auch der Etymologie nach, entsprechen, mithin solchen, welche 
das Lateiiiisch -niederzuschreibende deutsch zu denken pflegen, 
weder beifallen können, noch bequem sind. 

Was das grammatische (warum nicht: grammatikalische?) 
betrifft, so wird die Natur und Bestimmung des Conjunctivs von 
den Wenigsten richtig aufgefafst. Ausserdem wird im Gehrauch 
der Participialconstructiou uud in der Stellung der Wörter nicht 
selten gefehlt und einzelne Sprachgesetze, deren Gründe sieh 



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9 



130 Thcolog. u. philolog. Schriften v. Dr. Winer. 

_ _ 

* » 

ohnschwer nachweisen lassen, sind bisher mit völliger Allgemein- 
heit verkannt worden. Herrschend ist es, das Jmperfectum 
(wie im Deutschen) als das gewöhnliche erzählende Tempus zu 
brauchen. Vergl. dagegen /. H. C. Dau über den richtigen 
Gebrauch der hist. temporum, insbesondere des Imptrfecti in 
der lateinischen Spraehe. L. 1819. 8. — Vergangene Ereignisse 
können nemlich in der Gegenwart auf eine doppelte Art gedacht 
werden, thcils als dauernd und fortschreitend in der Vergan- 
genheit, gleichsam einen Raum erfüllend, dann setzt auch der 
Römer sein Imperfectum; theils als rein abgeschlossen, nur einen 
Punkt in der Vergangenheit einnehmend; alsdann mufs unbedingt 
das Perjectuin, das den Begriff der reinen Vergangenheit bezeichnet, 
gebraucht werden. In einer Erzählung denkt mau sich die einzelnen 
Facta immer nur als Pun te in der Vergangenheit, mögen sie auch an 
sich selbst dauernd, vielleicht lang dauernd geweseu seyn, da- 
her das perfectum das alleinige tempus kistoricum im Lateinischen 
ist. Hicmit steht in Verbindung der so oft übersehene und von 
Bröder ganz falsch gewürdigte Unterschied zwischen imperfectum 
und perfectum Conjunctit'i. Das deutsche Plusquamperfect. Con- 
junetivi verleitet insbesondere häufig zu Verstössen gegen den 
acht- römischen Gebrauch def tempora , da Neulateiner gewohnt 
sind es ohne Unterschied durch das lateinische Plusquamperfectum 
Conjunctivi zu geben. — Auch zwei oder drei Präpositionen, welche 
verschiedene Casus regieren, können nicht zugleich mit einem 
Nomen verbunden werden z. B. in, sub et cum pane. Die 
römischen Schriftsteller wiederholen jedesmal die Präpo ition.— 
Die bei Neulateinern so oft wiederkehrenden Formeln : vocabuhun 
religio descentlit a religere^ oder: dixit : insam\ hoc sensu 
u. dgl. müssen lauten i voc. relig'ionis descendit ( oritur ) a 
religendo — dixit insanos etc. Ein Wort, das an sich decli- 
mationsfahig ist, betrac. ten die Römer nie als indcclinabel, auch 
nicht in dem Fall, wenn blos der Laut, nicht der Begriff, den 
es bezeichnet, zunächst gemeint ist. — Dafs zwei Negationen im 
Lateinischen (der Regel nach) affirmiren, ist bekannt. Dennoch 
mufs man oft lesen z. B. admirari satis non possum neque 
hominis ipsius continentiam neque t empor um diseiplinam , vgl. 
dagegen Cic. Sen. 46. 55. Möchten diese Zeilen dazu beitra- 
gen, die Aufmerksamkeit auf einen lang vernachlässigten Gegen- 
stand hinzulegen, möchten besonders Schulichrer, von denen 
auch in dieser Beziehung das Beste geleistet werden mufs, die 
ächte Latinität studieren, um ihre Schüler richtig leiteu und 
vor aller Verkünstelung und Verunstaltung der Schreibart, welche 
die Gelehrten aller Lander verbinden kann und daher auch in sich 
reitzend seyn sollte, verwahren zu können. v 

H. E. G. Paulus. 



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Berndt, über Scharlachfieber- Epidemie. i3t 

Pie Scharlachßebcr - Epidemie im Custrin' sehen Kreise in den 
Ja/iren 484J+, 4848 und 48 ig, und die aus solchen gezo- 
genen Bemerkungen , sowie die mit der Belladonna als Schutz- 
mittel angestellten Versuche. Dargestellt von Dr. F. A. 
G. II Ena dt, Kreisphjsicus zu~Cüstrin. Leipzig und Ber- 
lin 4820 bejf F. Oehmigke. S. XIV. und S. 4 48. gr, 8* 

Tj\i den "Wichtigeren Ereignissen in der medizinischen Welt ge* 
hören unstreitig die Epidemien, deren ausführliche öffentliche 
Mittheilung jedem damit beschäftigt gewesenen Arzt vom Staate 
zur strengsten Pflicht gemacht werden, sollte. Die vorliegende 
Meiuc Schrift enthält daher die Frucht der mit Sachkenntnifs u. 
grosser Unbefangenheit augestellten Beobachtungen und Versuche 
des Hrn. Berndt in jener fürchterlichen Scharlachfiebcr- Epide- 
mie, die in seinem Kreisphysikat — welches gegen 3o,ooo See- 
len hat — in den Jahren 1817, 1818 und 1819 so verheerend 
um sich gegriffen hat, dafs es dem Hrn. Verf. wirklich zur Eh- 
re gereicht, eine genaue Schilderung derselben dem medizinischen 
Publicum übergeben zu haben. 

Als Einleitung liefert aber Hr. Berndt eine viel zu ober- 
flächliche und gar nicht erschöpfende medizinisch- statistisch -to- 
pographische Ucbcrsicht von Cüstrin's geographischer Lage und 
seinen Umgebungen. Hierauf schreitet der Hr. Verfasser zur ur- 
sprünglichen Entstehung der von ihm beobachteten Scharlachfie- 
bcr -Epidemie , die im Herbste 1817 zuerst sich entfaltete, nach- 
dem im Frühlingc und Winter desselben Jahres die Masern und 
den Winter zuvor der Keichhuslen die Schaubühne verlassen 
halten. Die Scharlachfieber - Epidemie griff aber allmählig so 
seitr um sich , dafs drey und zwanzig Dörfer' und mehrere Städ- 
te von Scharlachkrankeu gleichsam überfüllt waren. So herrsch- 
te nun diese Epidemie vom November 1817 bis Ende Dezem- 
bers 1818 in fünf und dreifsig Ortschaften des Cüstrin'schen 
Kreises, in welchen 12 34 Individuen vom Scharlachfieber und 
16 von häutiger Bräune befallen waren, von welchen am reinen 
Scharlache 201 und au häutiger Bräune 12 Individuen starben« 
im Jahre 1819 war indefs die Epidemie minder fürchterlich, 
mehr gutartig* und nur in einigen Ortscbafteu mufsten wegen 
Böfsartigkeit des Scharlachfiebcrs polizeiliche Mafsregeln genom- 
men werden. Bei dieser Tödtlichkcit bemerkt aber der Herr 
Verf., dafs bei der ßeurtheiluhg der Gefahr und Tödtlichkcit. 
einer solchen Krankheit sowohl diese als die Kranken selber be* 
rücksichtigt werden müssen. Hierüber stimmt Recenseut voll- 
kommen bei; nur Schade, dafs grosse Vorurtheile und angebor- 
gt Dummheit des gemeinen Publikums liier so oft die Tödt* 
liclikeit der Epidemien bedingt! Hoffentlich wird die beutige 



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i32 Berndt, über Scharlaclifieber - Epidemie. 



Aufklärung; der Jugend uusern Nachkommen kein solches dru- 
ckendes Bckeuntnifs mehr autdriugen! — Aucli hier vemifst Ree. 
äusserst ungern eine ausführliche Angabe der in dem Cüstrin- - 
sehen Kreise damals statt gehabten "'meteorologischen Verhältnisse. 
Genau sollte hier angegeben seyn der Stand des Barometers, der 
Warme- und Feuchtigkeits-Grad, sowie die Winde u. die Wit- 
tcrungs-Veranderuug überhaupt. Denn nur bei der gehörigen 
Berücksichtigung, wie und auf welche Weise meteorologische 
Verhältnisse Pla.z greifen, wie stark ihre Abwechslung ist, und 
von welchen besondern Natnrphäuomeuen sie begleitet werden, 
wird man sich dereinst jenem Puncte nähern, auf welchem man 
-mit grösserer Wahrscheinlichkeit die cosniischen und tellurischca 
Verhaltnisse auf den thierischen Organismus besser ausmitteln, 
und einen tieferen Blick in die ursprüngliche Geburt solcher 
Epidemien zu thun vermag. Hr. Berndt lese t ieriiber den klas- 
sischen Aufsatz des Hrn. MedR. Dr. fVittmtlum über die ste- 
hende Constitution in medizinisch-practischer Hinsicht im IV. B. 
□ . St. der rheinischen Jahrbücher p. 80, und Harle/s* Jahrbü- 
cher der teutscheu Medizin und Chirurgie i. B. Nürnberg 1 8 13, 
welche beide meisterhafte Aufsätze Ree. seinen Amtsbrüdern 
nicht dringend genug anempfehlen kann. 

Äun geht der Hr. Verf. (p. 6 ff.) zur Bekanntmachung 
seines zur Beschränkung der Gefahr und Ausbreitung der Schar- 
lacldieber- Epidemie angeordneten medizinisch -policedichen Mas- 
regeln über, die unter kräftiger Mitwirkung des Justizbeamten 
vorzüglich darin bestanden, die unkundigen Landbewohner mit 
den Erscheinungen und der Gefahr der Krankheit bekannt zu 
machen, wobei zugleich das diätetische VerfaJircu vorzüglich 
angegeben ward. Damit aber Hr. Berndt stets einen Hauptüber- 
blick sich von der Epidemie verschaffen konnte, um da seine 
Wachsamkeit zu concentriren, wo die gröste Gefahr war, mufs- 
ten die Ortsbewohner jeden neu Erkrankten unverzüglich beym 
Ortsvorstande meldeu, der hierauf schleunigen Bericht au das 
Krcisphysikat erstattete. Sodann wurdeu die Häuser von Schar- 
lachkrauken augefüllt mit einer Tafel zur Warnung des Umgangs 
mit diesen versehen, den Kindern aller Umgang mit Scharlachr 
krauken aufs strengste verboten, die Schulen geschlossen, und 
das Sterbgeläute etc. verboten. Einzelne Häuser mit böfsartigem 
Scharlachheber wurdeu sogar mit dem gröstcu Nutzen gesperrt, 
so dafs hiedurch in drei Dörfern das Scharlachheber gleichsam 
abgeschnitten ward u. s. w. 

Jetzt beschreibt Hr. Berndt (p. « t und 42) die Scharlach- 
fieber -Epidemie, von welcher er folgende Hauptarten zu beob- 
achten Gelegenheit hatte: 



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Berod t, über Scliarlachficber -Epidemie. i33 

#, Einfaches Schariachfieber (p. i3 ff. ), welches durch das 
gemeinschaftliche Vorhandensein aller wesentlichen Zufälle 
des Scharlachs, nämlich des Fieber- Ausschlags, der Hals- 
entzündung, der Abschuppung und nach des Hrn. Verfass,. 
spec eilen Ansicht vom Scliarlachficber, durch die Affcctto- 
nen des gastrischen Systems, ,bc/.eichuet war. Diese Art 
Scharlachficber theilt aber Hr. Berndt wieder in a) den 
niederen , b ) mittleren, u. c) in den höhern Grad (p. 17 (!. ). 

3. Scharlachfieber (p. 21) mit Entzündungen einzelner Orga 7 t 
ne gepaart. "llicher gehören vorzüglich die entzündlichen 
Aftectioncn des Gehirns u. s. w. mit ausserordentlich schnel- 
lem Verlaufe. 

3. Schariachfieber (p. 2 4) mit verschiedenen böfsartigen ady- 
namischen Gestaltungen. * * 
4 Schariachfieber ohne Ausschlag (p. 3o) mit reiner Halsent- 
zündung. — Der Hr. Verf. ist geneigt noch einen fünften 
Grad anzunehmen, wo nemllch das Scharlachlieber unter hefti- 

w 

gen Convulsionen zu Tage bricht, und schnell mit Tod endet. 
Ferner bemerkt er, dafs ihm häufig Fälle vorgekommen seyen, 
wo die Angina gleichsam die Scarlatina substituirte , dies soll 
jedoch nur bei Erwachsenen geschehen seyn. Auch hier wird 
die so oft bestrittene Thutsache erhärtet (]>. 3i) dafs es -kein 
Schariachfieber ohne Halsentzündung gebe. Ree. stimmt hicrait 
vollkommen iibercin; denn, so wie bei Maseru die Augencrit- 
zuiidung ein pathognoraisches Symp/om dieser fieberhaften Efflo- 
rescenz ist, eben so ist die Angina, die wie die Augenentzüu- 
duug von verschiedener gradueller Differenz sein kaiin, eiu Haupt- 
zufall des Scharlachs, wovon sich Ree. im J. 1819 bei einer grossen 
Schariachfieber - Epidemie hinlänglich überzeugte. — Zu den 
traurigen Nachwehen des Scharlachs rechnet der Hr. Verfasser 
(p. fa) auch die Wassersucht, die so' constant war, dafs der 
sechste Thcil der Erkrankten davon befallen woiden sey, und 
die theils der Krankheit selber, theils und vorzüglich aber den 
meist unachtsamen und zweckwidrigen Verhalten der Rcconva- 
lcscrotcn ihre Entstehung verdankt. Ree. wird unten Gelegen- 
heit hahen, wegen des Hrn. Verf. Ansicht über die Entstehung 
der Wassersucht, das Nöthige zu bemerken. — Die von Hrn. 
Bernelt beobachteten Wassergeschwülste nahmen iudefs (p. 34) 
verschiedene Formen an, die bald mit einem Fieber verbunden 
waren, bald völlig fieberlos gewesen seyn sollen. Ree. bezwei- 
df-'lt völlig fieberlose Wassersuchten nach Scliarlachficber. Indefs 
gesteht doch Hr. Berndt im Verlaufe seiner Schrift, dafs sich 
doch etwas Fieber gegen Abend bei seinen Wassel süchtigen ein- 
gestellt habe. Wie sollte wohl auch dieses fehlen , da die Was- 
sergeschwülste selbst nur durch die fortdauernde entzündliche 

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i34 Berndt, über Scharlachßeber- Epidemie. 

Affection der Hautgebilde und der dadurch erregten y normwidrig 
gen Reizbarkeit bedingt sind! — Eine andere Nachkrankheit 
des Scharlachs ist nach Hrn. Berndt's Beobachtungen (p. 36) 
ein höchst gereizter Zustand der Verdauungsorgane mif Erbre- 
chen und Durchfall verbunden, das durch Abzehrung und Was- 
sersucht tödtlich werde. Meist soll sieh Atiophia mesenlerica 
daraus entwickelt haben. Vereiterung der Parotis ohne böscu 
Ausgang, so wie Convulsionen nach Erkältung, die oft plotzli- 
. chen Tod zur Folge hatten, und Brand untejr Fieberbewegun- 
gen im Stadio recovalescentiae , der als Crisis auftrat, und ein- 
mal tödtete, das andermal mit Zerstörung eines Ohrs und der 
Nasenspitze endete, waren die übrigen bemerkenswertben Nachr 
wehen des Scharlachs. 

Die Prognose ist von Hm. Bemdt triftig und wahr darge- 
stellt (p. 38). Auch widerspricht er mit Recht die grundlose 
Behauptung, als könne .der Scharlach zweimal das damit sehon 
einmal befallen gewesene Subject ergreifen. Auch stimmt Ree. 
vollkommen dem Urtheile des Hrn. Verfs. bei, dafs das Schar- 
lachfieber ansteckend sey (p. 43). Nur Mangel an Erfahrung 
und vorgefafste Meinungen konnte solche lächerliche Hypothe- 
sen gebären. Man sehe nur nicht durch die mit Eigenliebe unol 
SopWistik buntgefarbte Brille, und man wird sich gewifs von 
der unwidersprechlichen Wahibeit hinreichend überzeugen. 

Nun geht (p. 44 ff.) der Hr. Verf. zur Untersuchung über 
die Construction des Scharlachfiebers, seine Entwitkelung und 
sein Verhältnifs zu den verschiedenartigen Zufallen, uud führt 
hierüber zuerst die Ansichten Sydenkam's, Pleneitz's, ßf'ithe- 
rings, Röschlaub's , Reich's, MarCus , Kieser' s — dessen Mei- 
nung meisterhaft vom Hrn. Verf. widerlegt ist Pfeuffer's, 
Wendt's — auf welche beide Schriften man bald zurückkom- 
men wird — Schulz, Morton'*, Schrök's, GohVs und Storc/i'j 
an. Sehr ungern vennifst hier Ree. die vortreulichen Werke 
euties IV Man y aus dem Engl, v Friese u. ßatemann's nach IVil- 
lan's System, eines Reil, Cidlen, Reufs, Stieglitz, Frank's u. 
s. w., die doch bei einer solchen Monographie nicht hätten feh- 
len sollen. — Der Hr. Verf. glaubt nun , dafs das Scharlachfie- 
bercontagium (p. 57) die vegetative Sphäre des menschlichen» 
Organismus zuerst ergreife, und damit im Ganglien -Nervensy- 
stem die ersten Reactionen errege, weil in diesem jenes Lebcns- 
verhältnifs sein höheres vereinigendes Band finde, von wo aus 
sich nun unter Leitung dieses Systems die nachfolgenden Revo« 
lutionen bedingen. Daher scheine das Ganglicnsystcm, als Ver- 
mittler zwischen der eigentlichen Contagion uncl der nachherigen 
Kraukheitsbildung zu stehen, und zuerst in den Organen Revo- 
lutionen zu bedingen, die am meisten unter seinem Einflüsse der 



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I 

Berndt, über Scbarlachfieber- Epidemie. *35 

< 

Erregung tchen. Deswegen empfange das gastrische und Blut- 
i eiäissystem die frühesten Einflüsse einer veränderten Ganglien- 
st n mnng, in beiden treten demnach die Zweige hervor, jedoch 
scheine auf das Letztere die gröste Uebertraguug statt zu finden, 
und von diesem die weitere Verästelung der Krankheit auszuwe- 
iten. Daher seye der äusserst schnelle zusammengezogene Puls 
in einem gereizten Zustande der Gaugliennerven, von welchem 
das t. efafssvstem seine Aeste empfangt, zu suchen. Nach dieser 
Uebertragung der Contagion auf das Bl utgefafssy stein , welche 
noth wendig werde, um durch das Fieber zur Austilgung des 
anomalen Lebensverhältnisses zu wirken, träte nun das Fieber 
mit der excessivesten Gefäfsbewcgung hervor, durch welche die 
höchste Warme-Entwickelung herbeigeführt werde. Halsentzün- 
dung nnd Ausschlag giengen jetzt als Verästelungen hervor, weil 
was den Ieztcren betrifft, die execssive Gefafsbcwegung im Schar- 
lachfieber durch den Eintritt des Blutes in die nicht bluf füh- 
renden Kapillargefäfse bedingt werde, worauf dann die Rothe 
der Haut beweifse, dafs keine Exsudation vorhanden, und das 
Blut vielmehr in den Grenzen der Gefafse eingeschlossen sey, 
insofern die Rothe beym Drucke des Fingers schwindet, hnd 
nach aufgehobenem Drucke wieder ein freier Zu Hufs gestattet 
werde. Jedoch scheine nicht allem die excessive Blitfbewegung 
allein, sondern auch eine auf das sympathische Verhältnifs mit 
dem gastrischen System gegründete veränderte Vitalitätsstimmung 
der Haut an dieser veränderten Thätigkeit in den das Hautsy- 
stem constituireuden nicht blutführenden GefäfsenTheil zu haben. 
Ein vorzüglicher Grund läge aber wohl in dem gesamtsten Er- 
krankungsprozesse, welcher sich nur durch endliche Ausschei- 
dung des Contagiums lösen könne, wenu zuvor jene' Ausglei- 
chung in der gegenseitigen Erregung der Organe und Systeme 
durch das Fieber vor sich gegangen ist. Das K;ipillargefafssy- 
stem scheine diesen Ausscheiduugsprozefs zu übernehmen, weil 
ihm durch die Eigenthümlichkeit des Contagiums und des* Er- 
krankungsprozesses dieses Geschäft aufgelegt wird, wodurch die 
Schöpfung des Ausschlags bedingt werde, der aber nicht nöthig 
zu seyn scheint, weil a) entweder ein mindrer Grad contagiöser 
Einwirkung eine mehr einseitige Erschöpfung der Krankheit in 
der Halsentzündung bedinge, b J oder Weil eine vorherrschend 
ausgebildete Halsentzündung den Prozefs von der Haut ableite 
uifd in sich erschöpfe j c) oder endlich auch weil die Vitalität 
des Hautsystems und der Stand der Erregung im individuellen 
Organismus dabei sehr in Betracht komme. Deswegen sey der 
Hautausschlag sehr verschieden, so dafs er im höheren Grade 
Wohl an Entzündung grenzen könne. Die Halsentzündung be- 
treffend, *o hält Hr. Berndt (p. 60) diese für ein wesentliches 



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i36 Berndt, über Scharlachfieber -Epidemie. 



■ 

Symptom des ScharlachfiebcrS, denn es fehlte nie, und reichte 
oft bin, den ganzen Erkrankungsprozefs in sich zu ersticken. 
Ihre Erscheinung, sagt er, scheine mit der Affection des gfastii- 
sc ti.cn Systems iu der innigsten Verbindung zu stehen, und des- 
halb läge dieselbe der Scbarlachvergiftung unter aüeu Zufällen 
am nächsten j denn der Organismus, gewohnt das ihm fremdarti- 
ge nach der Peripherie zu weifen, übe dasselbe Gesetz in den 
einzelnen Systemen aus, daher erscheine die Halsentzündung als 
endliche Vcruichtungsstätte der Scharlach Vergiftung in Beziehung 
auf das gastrische System. Von der Erregbarkeit des Körpers 
überhaupt, von der Richlung, welche das Ganglicnsystem der 
Ausbreitung der Krank eit verstattet, und von der kräftigeren G e- 
iafsthätigkeit hänge endlich die niedere oder höhere Ausbildung 
derselben ab, vielleicht bedingte auch einigermafsen die Ner- 
venverbindung diese Richtung u. s. w. Ree. findet diese Hy- 
pothese ziemlich glucklich durchgeführt, kann sich indefs von 
seiner .festen Leberzeugung, deji Scharlach für Hautentzündung 
zu halten, bis jetzt noch nicht losreissen. Diese Ansicht bekräf- 
tigen auf eine unwidersprechliche Weise die vier Hauptzufalle, 
ziemlich i. die so überaus trockne und gliihheisse Haut, 2. der 
schnelle und geschwinde Puls, so wie der höchst acute Ver- 
lauf der Jtrankheit «entweder* zur- Genesung oder zum Todej 
3. die schnelle Verbreitung der ' Entzündung über alle ähnliche 
und gleiche Gebilde, und endlich 4* die Wasserergiessungen. 
Die Trockenheit und heissc Haut- Temperatur sind unmittelbare 
Wirkungen der in dem Capillarkörper und Capillargefassen statt 
habenden Scharlachcntzündung; denn diese bewirkt in ihnen ei- 
ne um so stärkere krampfhafte Zusammenschnürung und eine 
gänzliche Verschliessung derselben, uud eine zu gleicher Zeit 
um so stärkere Wirme -Entbindung, und Zersetzung der orga- 
nischen Stoffe in ihre Elemente, je heftiger sie isL Die näch- 
ste Wirkung hievon ist Zurückhaltung- und Anhäufung des Wär- 
mestefTs, und selbst der unmerklichen Ausdünstung. Die näch- 
ste Ursache von dieser aber ist, dafs die zurückgehaltenen und 
heftig reizenden Stoffe das ursprünglich uud entzündlich afß- 
cirte organische Gebilde der Haut noch mehr abnorm morgen, 
und die Entzündung dcsselbeu bis zum Culmiuationspunkte stei- 
gern. Deswegen mufs sich das Obcrhäutcheu um so trockner 
und heisser anfühlen lassen, je heftiger die unmittelbare unter 
ihm Platz gegriffene Entzündung ist, und je rascher diese ver- 
lauft. Der schnelle und geschwinde Puls ist der wahre Reflex 
der Scharlacbent zündung, die in das irritable uud sensible Sy- 
stem des allgemeinen Hautsystems eingegriffen hat. Das eine 
solche Entzündung begleiteude Fieber mit seinen wesentlichen 
uud zufalligen Erscheinungen beurkundet sich daher notlnv endig 



■ 

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Berndt, über Scharlachfieber -Epidemie, 137 



durch jenen Puls und verläuft auch in demselben Vcrhä'Itnifs sehr 
hitzig, endigt sich aber so leicht und bald in den Tod, als in 
die Genesung, und ist mit Zufällen eines abnorm gereizten und 
entzündlich äfficirten Nervensystems aller Art verbunden. Was 
die schnelle Verbreitung der Entzündung über alle ähnliche und 
gleiche Gebilde betrifft; so ist dieser Prozefs durch die Verbrei- 
tung des Hautsystems nach Innen und Aussen und dem harmo- 
nischen Zusammenwirken leicht ersichtlich. Hiezu kommt aber 
noch' der Umstand, dafs durch eine krampfartige Verschhessung 
der das Oberhäutchen durchdringenden Ausdünstungsgeiafscheu 
die Abscheidung des Wärmestoffs und andrer durch die Verbin- 
dung mit diesem als Gasarten erscheinenden Stoffe gehindert, 
diese zurückgehalten werden und sich nothwendig im Körper der 
Kranken anhäufen müssen. Diese Stoffe verbreiten sich zu glei- 
cher Zeit mit dem sich entwickelnden Scharlachcontagium, durch 
die Wege der CirCulatiou im ganzen Körper, afficireu als ab- 
norme und heftig reizende Stoffe das Nervensystem, verbreiten 
Entzündung, chemische Zersetzung, Auflösungen, und fuhren 
auf diese Art dircete oder indirecte Schwäche und zuletzt wohl 
gar den Tod herbei. Endlich ist sehr wahrscheinlich die bei 
dieser Krankheitsform so eigentümlich eintretende Wasserge- 
schwulst eine Wirkung eines unterhaltenen entzündlichen Zustan- 
des des neu sich erzeugteu Oberhäutchens und der serösen Haut, 
welche die innere Seite der Gehirn-, Brust- und Bauchhöhle über- 
ziehe, so wie des Zellgewebes selbst, wodurch die normale Aus- 
dünstung unterdrückt und durch krampfhafte Verschliessung der 
Ausfuhrungskanäle diese Stoffe zurückgehalten werden, und sich 
deshalb in einem oft so bedeutenden Grade ansammeln. Glei- 
che Ansicht was die Wassergeschwulst betrifft, scheint der Hr. 
Verf. (p. 3a) zu habeu , . welcher bemerkt, dafs durch die iu 
der Haut vorgegangene Veränderung der Vitalität und den dar- 
auf erfolgten Absterbungsprozefs der Oberhaut eiu Zustand reiz- 
barer Schwäche zurückbleibe, wodurch sie zu krampfhaften Zu- 
sammenziehungen sehr geneigt werde, und durch äussere Ein- 
flüsse leicht erzeugt werden könne, worauf dann Unterdrückung 
der Hautausdünstung folgen müsse. Ree. glaubt nun dargethan 
zu haben, dafs Scharlachfieber ursprünglich Hautentzündung sey, 
deren einzige uud nächste Ursache der Scharlachstoff' ist, und 
primär das Hautorgan und die in demselben sich befindendeu 
peripherischen Nervenenden afficirt, diesen Affect aber per Con- 
sensum auf die übrigen Thcile des Organismus verbreitet, von 
yvo denn die Zufalle der örtlichen Entzündungen so wie des 
angegriffenen gastrischen Systems herrühren uud als sekundäre 
Zufälle, oder als Wirkungen, nicht aber als primäres Leiden, 
■w ie der Hr. Verf. meint, betrachtet werden müssen. 



1 

i38 Bornck, über Scharlachfieber •Epidemie« 

Hr. Berndt j ausgegangen von' der Idee (p. 70), dafs zur 
Entwickelung des Scharlacrifiebers die Vermittlung des Gang- 
lien Nervensystems einträte, glaubt nun, dafs es zur Verhütung 
und Ausbreitung der Ansteckung in medizinisch polizeilicher Hin- 
sicht Mittel geben müsse, welche djrch speei fische Erregung 
auf dieses Gauglicnsystcm jene veränderte Lcbensstimmung in die- 
sem Systeme so wie -die Empfänglich' ei t für das Contagium so 
lauge mindern oder gar unterdrücken könnten, als die Wirkung 
desselben im Organismus anhält. Daher schien ihm die von 
Hcduiemann empfohlene Belladonna t die späterhin auch noch 
von einzelnen Aerzten mit Glück als Präservativ gebraucht wur- 
de, dieser Ansicht am besten zu entsprechen. Indefs holt der 
/Hr. Verf. die von Hahneinann augerühmte Dosis zu klein. Er 
verordnet nun die Belladonna auf folgende Art; 

R. Exiract Belladonnae p. Gr. II, 
Aquae Cinam. vinos. (Inc. I. 

M. D. S. 

Hievon läfst er nach Verhältnifs des Alters in den ersten 
Tagen Kindern von einem Jahre Morgens und Abends zwei bis 
drei Tropjen, und älteren Kindern auf jedes Jahr einen Tro- 
pfen mehr geben. Spaterhin gehrauchte er noch stärkere Do- 
sen, jedoch blieben zwölf Tropfen die stärkste Gabe-, die selbst 
den ältesten Kindern gereicht wurde. Je nachdem die Qefahr 
längere oder kürzere Zeit dauerte, setzte er dieses Mittel vier 
Wochen und noch länger fort, aber allmahlig wurde dann mit 
der Dosis abgebrochen, und nie beobachtete der Hr. Verf. auch 
nur den geringsten ISachtheil. Die Versuche selbst wurden un- 
ter der Aufsicht des Hrn. Berndt gemacht, und um eine richti- 
ge Ucbersicht zu erhalten, wurden Listen verfertigt, in welche 
der Name, der Tag der Anwendung, des etwa späterhin er- 
folgten Erkran ens, überhaupt der Erfolg und die Dosis genau 
aufgezeichnet wurden. Das Resultat dieser mit sehr grosser Ge- 
inmigkeit und Gewissenhaftigkeit angestellten Beobachtungen uud 
Versuche war (p. 82) dafs: 

1. Von ii)5 täglich d*r Ansteckung ausgesetzten Kindern bei 
der mindesten Gabe des Mittels, uud wo keine sichere Con- 
troller Platz greifen konnte, i4, und bei der stärkeren Ga- 
be keines erkrankten. 

2. Alle diese beim Gebrauche des Mittels erkrankten Kinder 
übet standen eine höchst gutartige Krankheitsforin. 

3. Mehrere hundert nicht der unmittelbaren Berührung mit 
Kranken ausgesetzte Menschen, gebrauchen dieses Mittel 
bis zum z anzigsten Jahre, und blieben völlig frei. 

4. Scheint sich aus allen Versuchen zu ergeben, dafs es wirk- 
lich möglich sev, durch pünktliche allgemeine Anwendung 



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Bcrndt, über Scharlachfieber- Epidemie. i3<j 

• 

des Mittels in grössern als die von Hahnemann empfohlenen 
Dosen eine Epidemie vollkommen zu unterbrechen. Zur 
Bestätigung des Gesagten führt der Hr. Verf. die Bürgschaf- 
ten eines Hufeland', Jördens, Speun, Ettmuller, Schenk, Hede- 
aus, Gumpert , Rauschenbusch , Spiritus, und die Abhandlun- 
gen schwedischer Aerzte B. 3. 1816 an, die alle damit sehr, 
glückliche Versuche gemacht haben. Recensent bezweifelt nicht 
das Gesagte, hatte aber doch gewünscht, dafs der Hr. Verf. 
bei der einmal gebrochenen Bahn, seine Versuche auch noch 
mit sonstigen Mitteln , die mit der Belladonna mehr oder weni- 
ger übereinstimmen, und speeifisch das Ganglien -Nervensystem 
Area, wie z. B. Helleborus niger, Gratiola, Pulsat il/a, Aco- 
nitum, Hyoscyamus , Datura Stramonium u. s. w. erweitert hät- 
te. Es wäre sehr zu wünschen, dafs die practischen Aerzte mit 
einer so hochwichtigen Sache, die auf Ausrottung einer der 
färebterlichsten Kinderkrankheiten zielt, eher genaue Beobach- 
tungen und Versuche anstellten, als gleich darüber lieblos den 
Stab zu brechen ! — 

Was die Behandlung (p. 92) betrifft, so verschaften dem 
Hrn. Verfass. die Brechmittel aus Jpecacuanha im Anfange der 
Krankheit den herrlichsten Nutzen. Vorzüglich hülfreich zeig- 
ten sich diese bei der mit Sc arlatinp verbundenen Angina mem- 
hmiacea. Er fand sie aber »nicht günstig bei den höheren 
Graden des Fiebers (p. q3), denn alsdann wurden die Conge- 
itionen nach- dem Kopfe zu sehr befördert. Uebrigens wurden 
W aber nicht als Solche, sondern als Excitantia gegeben , um 
durch die bewirkte Erschütterung eine mehr geregelte Verkei- 
lung der Vitalität in den eiuzelneu Organen zu bedingen. Ab- 
iühningsraittel wandte iudefs der Hr. Verf. nie an (p. 93), weil 
lie durch ihre heftige Wirkung gar zu leicht die kindische zar- 
te Organisation zerrütteten und höchst gefährlich wurden. Da- 
gegen aber nützten (p. 95) dem Hrn. Verf. kühlende, die arte- 
rielle Thätigkeit abspannende Mittel. — Hier widerspricht sich 
nun der Hr. Verf.; denn wenn er (p. 94) das Scharlach heb er 
^ allgemeinen für gastrisch - entzündlicher Natur hält, warum 
wendet er hier die Evacuanti nicht als solche, sondern als Ex- 
ulantia, und warum keine Laxantia an? Sind sie denn nicht 
^e Hauptinittel gegen gastrische Affectionen? und müssen diese 
nicht schlechterdings durch die gastrische Methode entfernt wer- 
den, soll die Heilung rationell seyn? und beurkundet nicht Hr. 
^emdt stillschweigend durch die Anwendung seiner rein an-* 
t'phlogistischen Mittel die rein entzündliche Affection des Haut ge- 
bildet im Scharlacke , da doch die gastrische Aftectton nach sei- 
ö *r trüuereu Aeusserung ein so wichtiges und uothwendiges 4 Agen* 
*ur Eatwickelung des Scharlachs ist?! Allein so geht es in der 

1 

1 



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i 4o Berndt , über . Scharlachfiebcr - Epidemie. 



Heilkunde ! theoretisirend entfemen sich die Aerztc von einander 
in divergirender Richtung, während sie am Kraukenbette doch 
convergirend freundlich sich nähern! 

Bei erschöpfenden Durchfällen wurden Mucilaginosa mit 
Opium heilsam gefunden (p. 96) oft auch in Verbindung mit 
yimmon, mariat. Indcfs genasen die meisten Kranken auch ohne 
allen innern Arzneigebrauch blos durch eine vernünftige Diät, 
und ein zwckmässigcs Verhalten. In der Abschuppungs-Pcrio- 
de (p. 99) wurde, ein wärmeres Verhalten beobachtet, welches 
oft- noch durch den Gebrauch des Spiritus Minderen unterstützt 
wurde, — Im höchsten Grade der Entzündung (p. 100) wur- 
de Kali nitricum mit OxymelL simpl. auch Bluten tzi.'mngen 
bis zum Stadio decrementi der Krankheit angewandt, worauf 
dann ein gelind diaphoretisches Verhalten anempfohlen wurde. 
Die Entzündungen des Unterleibs erforderten mehr oder weni- 
ger kräftige antiphlogistische Mittel, z. B. Mercurias dulcis. Die 
Gehirnentzündung mufstc durch widcrholte Blutentlccrung, kal- 
te Umschlage, Nitruin, und durch Mercur. dide. in grossen Ga- 
ben bekämpft werden. Die Ucbergiessungen mit kaltem Was- 
ser konnte der Hr. Verf. wegen des grossen Vorurthcils dage- 
gen nicht anwenden. Gehirnentzündungen im höheren Grade 
wurden selten geheilt. Auf wiederholte und kräftige Blutent- 
leerungen, wobei man nicht zaghaft seyn durfte, befand sich 
Hr. Berndt am besten. Bei Kindern wurde nie zur Ader ge- 
lassen, aber desto mehr Blutigel gesetzt — Bei dem Schar- 
lachfieber mit adynamischem Character mufstc verschieden ge- 
handelt werden. Bald waren Blutentziehungen bei Ueberfüllun- 
geu der Gcfässe des Kopfes not lug, bald musten Excitantia, 
namentlich Baldrian, Serpentaria, Arnica, Moschus in grossen 
Gaben, Acid. muriat. oxygenat. angewandt werden. — Die 
Wassersucht durch unterdrückte Hautausdüustung entstanden, wurde 
durch Diaphoretica,ä\v entzündliche W. durch jfntiphJogisticabesei- 
tigt., Tartarus depur.mlt OrymelLsquiü. war jedoch ein Hauptmittel. 
Sprach sich dabei noch ein Entzündungsleiden aus, da leistete der Mer- 
cur^dulcis und warme Bäder, und Bähuugeh ausgezeichnete Dienste. 
Selbst Blutentziehung war bei einigen entzündlichen Wassersuchten 
dringend nothweudig. Bei der Complication der Wassersucht 
mit Würmern leisteten einige Dosen versüfstes Quecksilber ' guten 
Erfolg. DasUebrige in der Behandlung der Scarlatina ist nichts 
Erhebliches. 

Am Ende (p. nvt) bemerkt Hr. Berndt noch die Coexi- 
stenz der Köthel n mit dem Scharlachc in einigen Orten. Auch 
führt er noch das Verhältnifs der häutigen Bräune mit Schar- 
lach&eber an. Als Prophilaxis leisteten bei gelinden katarrhali- 
schen Beschwerden mit Scharlache Brechmittel , welche den Aus- 



1 



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Thorbecke commentatio. 



bruch der Angina membranacea gleichsam unterdrückten. Bei 
schon höheren Graden dieses fürchterlichen Ucbcls wurdcu von 
10 derartig jii kranken Kindern drei durch wiederholte kräftige 
Blutentlecrungcn und durch 20 — 3o Gran versüfsten Queck- 
silbers innerhalb a4 Stunden gerettet. Schwefelleber blieb 
fruchtlos. 

Ree. schliefst diese Kritik mit der Versicherung, dafs die 
bündige, kräftige und bescheidene Darstellung, die gute Zeich- 
nung des Scharlachfiebers und seiner verschiedenartigen Nuancen 
und Complicationen , so wie die mit Umsicht und Ruhe ange- 
stellten Beobachtungen und Versuche des Herrn Berndt in der 
vorliegenden Schritt ihm viele Freude gemacht haben, und dem 
Hrn. Verl. wegen seiner sehr gut angeordneten medicinisch-poli- 
zeiiiehen Masregeln und der glücklich gelungenen Versuche 
mit der Belladonna als Schutzmittel gegen Scharlach Vergiftung 
die voljkommnc Zufriedenheit zu ertheilen sich verpflichtet 
füiile. X, 



'Johannis Rudolph i Thordecke, Zwolla-Batavi, Philos. theoret. 
et literar. human. Candidati et in acad, Lugduno - Batava 
Studiosi , Responsio ad quaestionem philosophicam : de 
eoj quodj in dogmaticis oppugnandis ß inter 
Academic os et Scepticos interf uit. In certaminc 
literar io cmuni academiarum Belgicaruin , die f^IJI. Mensis 
Febr. a. MDCCCXX, ex sententia ordinis phUosophiae tlito- 
reticae et literarum hum. academiae Lugd. Batavat., p r ae mio 
<ornata. Lug dum Batavorum, apud S. et J. Lucht mans, 
acad. tjpographos , MDCCCXXI. 400 enggedrnchtc Sei- 
ten in gro/i Quart, * 

Vor Kurzem haben wir in diesen Jahrbüchern (1820. Oct.) 
eine Schrift desselben jungen Gelehrten über den Asinius Pollio 
mit dem ihr gebührenden Lobe angezeigt: hier haben wir eine 
andere, äusserst gehaltreiche, in einem etwas verschiedenen Fache 
vor uns, von der wir um so mehr eine ausführliche Anzeige 
geben wollen, da sie von sehr grossem Interesse ist, uud den- 
noch in Deutschland nicht so verbreitet werden mochte, als 
sie verdient. Wir gehen ohne weitere Vorbemerkungen zur 
Sache. 

Die Einleitung zählt die Quellen der Irrthtimer in der Ge- 
schichte der alteu Philosophie auf, dauu die Mäuuer, die deu 
Untci schied zwischen den Academikern und Pyrrhouikern ange- 



Thorbecke commentatio. 



i 

ben wollten, und angaben, bis auf Krug, ihn aber thefls nicht 
genau auffafstcn, theils beide für ziemlich gleich hielten. Die 
Abhandlung selbst zerfällt in drei Theile. I. Metkode der Ar ad. 
und Skeptiker in Bestreitung der Dogmatiher ; //. Unterschied 
beider; IlL Ursachen des Unterschieds. I. /. Cap. Begriff und 
Form des Skcpticismus. Er erscheint in mannigfachen Formen, 
daher seine verschiedenen Definitionen. Er, wird betrachtet : 
subjeettv, als Gcmüthsstiramung, Form, Methode, Kunst: objec- 
tiv, als System. Als Gemüthsstiminung ist es der Zustand der 
Seele, wenn sie an Allem zweifelt, sogar daran, ob an Allem 
zu z w eifeln sey. Dieser Zustand kann nur in abstracto gedacht 
•werden. Als Kunst ist er Fertigkeit, allen Gründen gleich' ge- 
wichtige Gegengründe gegenüber zu stellen. Er darf aber keine 
stehende Principicn haben; sonst ist er Dogmatismus, sondern 
mufs nur ex concessis und ad c//c/?i disputiren. Das Resultat die- 
ser Kunst ist dann der objective Sk., wenn er, der an sich kein 
eigenes Feld hat und haben will, in das Gebiet eines Systemcs 
einfallt und sich gleichsam durch Aushöhlung desselben uud Ein- 
nistung die Gestalt eines Systems erobert. Auf diesem Zuge 
aber ist er in Gefahr, indem er seine Rolle am besten zu spie- 
len glaubt, in das seine Natur eben so gut, wie das Behaupten, 
aufhebende positive Läugnen zu verfallen, oder gar in das Behaup- 
ten des Gegentheüs. Es giebt in der Erscheinung des Sk. Grade. 
Der höchste ist, wenn er blofs zugiebt : phaenomena, eonseien tia 
nostra coneepta, ad assensum actionemque cogere ß aber alles 
Uebrige ihm zweifelhaft ist. Im zweiten Grade giebt er zu : 
es gebe wohl eine subjective, aber keine zwingende objective, 
Wahrheit; im dritten: unsere Begriffe von den Dingen entspre- 
chen nicht den Dingen selbst; im vierten: die Wahrheit zu er- 
kennen ist nicht an sich unmöglich, aber sie ist noch nicht er- 
kannt. — In Beziehung auf den Inhalt giebt es einen physi- 
kalischen, logischen, psychologischen, moralischen, theologischen 
11. s. w. Skepticismus. Seine Form hängt ab a ) von dem je- 
desmaligen Zustande der Philosophie, b.) vou seiner Ausbildung, 
c.J von dem ihm entgegenstehenden Dogmatismus; d.) von dem 
Geiste und der Bildung der Skeptiker. 8. Cap. Skepticismus 
vor Pyrrho. Sein Princip ist: to xttvri \by$ XJoyov faov xvn- 
Xti'cöcu. Schon die Eleatiker fanden sich durch den Widerstreit 
der (Petivofi&cüv und voovfiivwv genöthigt, ein gedoppeltes System 
zu gründen , ein rationelles und ein empirisches. Diesen Wi- 
derstreit finden wir auch bei dem Heraklitus, der vom Skepti- 
cismus zum Dogmatismus überging. Die Eleaten und Megariker 
eröffneten zuerst den förmlichen Kampf gegen den Empirismus. 
Die letztern hatten von den Sokratikern nur die Dialektik ange- 
nommen. Da mufste der Sk. hervorgehen. Die altern Philoso- 



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I 



Thorbecke commentatio. t43 

pheu hat : en nicht daran gedacht, dafs unsere Betriff»; , die wir 
von den Diugen haben, von den Dingen selbst verschieden sejn 
können. Als jene auf den Gedanken ''amen: dje Sinne lehren 
uns uicht das Wahre, und auch der Verstand nicht, der ja 
aus ihnen schöpfen mufs ; da lag der Schlafs nahe, dafs, wenn 
beide einzeln uns tauschen,, sie die Wahrheit verbunden auch 
uicht geben. Aus der Mitte des Empirismus selbst holt der Sk. 
seine Wallen. Der Widerstreit der Scusibilien Und Inteiligibilien 
■öthigte zur Aufsuchung einer Kunst, der die Entscheidung die- 
ses Streits anvertraut werdeu könnte. Diese schrieb das Alt. r- 
thum dem Zeno uud Parmeuides bei. Die Waffen der Dialektik, 
die die Megariker gc^en den Empirismus führten, sind eben die 
Haupt wafTen des Sk., der sich vorzüglich in den Widersprücl en 
der Philosophieen verschanzt. Die Sitte dialektisch pro et contra 
zu disputiren fand Pyrrho schon vor. Das &Ck^iv bei gleich 
starken entgegensetzten Gründen (die sich ja bei allen Dingen 
üuden lassen, nach Protagoras) hatte schon Sokratcs als not- 
wendig erkannt. Aus den 10 Grundsätzen (modis, rpoirotc) des 
Pyrrlto, die fast alle von der Täuschung der Erkenntnifs durch 
die Sinne hergenommen sind, sieht man auch, dafs der k. aus 
dein Kampfe gegen den Empirismus entstanden ist. Nur spater 
bekam er weitern Umfang. Auch die Sophisten, mit ihrem Dis- 
putiren in utramque partem s waren eine Quelle des Sk.; wozu 
ooch kam, dafs die gröfsten Philosophen endlich merkten, dafs 
sie der Natur mit ihrem Forschen nicht auf den Grund kommen 
könnten, und sagten, der Mensch wisse nichts und könne nichts 
wissen, so dafs Sokrates am Ende behauptete, man dürfe nach 
jenen Dingen gar nicht forschen, man müsse von der Philosophie) 
nur leben und sterben lernen, uud seine Weisl ieit sev zu wis- 
sen, dafs er nichts wisse. Sein Schüler Plato disputirtc ber 
Alles, suchte bei jedem Satze die ihm gegenüber stehenden 
Gründe, und sein Resultat war Wahrscheinlichkeit, nicht Ge- 
wifsheit. Das reizte den Aristoteles zur Opposition uud er 
stellte sich als Vertheidigcr des Emp. uud Dogm. auf. Dies 
mufste daun wieder den Sk. aulfordern, und da jener im Eifer 
oft blossen giebt, so hatte, dieser desto leichteres Spiel. Nach 
und nach waren in der Philosophie fast alle möglichen Formen 
des Dogmatismus da gewesen, woraus sich der universelle Sk» 
bilden konnte und mufste. So rief in neuerer Zeit Wolfs Dog- 
matismus Humes Skepticismus hervor, und dieser wieder Kants 
Philosophie. 3, Cap. Der vollendete Sk, Er hat 2 Perioden 
von den Gründern der beiden sogenannten Schulen, Pyrrho und 
Amesidemus. P. Grundsatz war im Theoretischen: ov6tv 06(SsiV 9 
im Prak tischen: fitjSkv biottyipeiv fyv jj rs$v Er schrieb 

nichts, aber sein Schüler Timon von Phlius, der Sillugraph. 



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Thorbecke commentatio. 



Sein Grundsatz ist: Zweck des Lebens ist Erreichung des höch- 
sten Gutes. Die höchste Glückseligkeit ist nicht erreichbar ohne 
die ct(pot<j(ct [diese Bedeutung fehlt bei Schneider] d. i. ßTO^w, 
und die daraus folgende etTotpet^ioc. Die zweite Schule beginnt 
mit Aenesidemus, aus dessen Büchern wir bei Photius Auszüge 
haben. Grundsatz : xdkv ßeßutov tlc. xocrSckyipiv, vre St a/atö/oreac, 
iVXV *T6 fil\v voi}<J scüi. Nach dem Pyrrho und Timon nem- 
lich hatte die neuere Academic (Arkesilas uud Kameades) die 
Bekämpfung des Dogmatismus mit Glanz übernommen, und die 
pyrrhoniker mufsten in den Hintergrund treten. Aber als sich 
die Academie selbst wieder zum Dogin. wandte, da konnle der 
Sk. wieder das Feld besetzen. Aenesidemus trat auf und schrieb 
mehrere Bücher, aus deren einem Sextus Empirikus Titel nnd 
Anordnung seiner P/rrhonian. Hypotypos % nahm. Er blieb aber 
nicht reiner Skeptiker, sondern vermischte den Sk. mit der Phi- 
losophie des Heraklitus. Nun trat Sextus Erop. auf (cui, sagt 
Hr. Th., quem anteponat tota antiquitas habet neminem , umun 
Aristoteletn , quem aequiparet). Dieser giebt das Vollständigste 
und Genaueste über das Wesen des Sk. Der Sk. der behaup- 
tet : nihil posse comprehendi, erfafst ( coniprehendit ) doch die. 
Satze der Do£raatiker, die er bestreitet, und hebt also gleich 
von Anfang sich selbst auf. Diefs setzt, ihm der Dogm. entge- 
gen. Er mufs also, was keine Pbilosophirart zu thuu braucht; 
seine Existenz begründen, und thut diefs, indem er das skep- 
tische comprehendere (ohne Rücksicht auf die Existenz der Sache) 
vom Dogmatischen unterscheidet, indem er keineu Satz aufstellt, 
nie secundum 6&yy,ct suum , sondern immer secundum 7ra<9*0£ 
spricht, ja sogar das Wort sejrn nur in der Bedeutung von 
scheinen gebraucht. Für ihii giebt es kein criterium cognoscendi, 
wohl aber ein criterium agendi fürs Leben, das Qttti/brtsvov. Man 
kann den Sk. zwar im Allgemeinen betrachten, in wie f«*ru er 
sich vou allen Philosophenschulen unterscheidet, und speciell nur 
(«/i/KW Xoyu) als negativen Dogmatismus. Aber iu diesem Ge 
gensatze erscheint er klar; für sich allein hat er gar keinen Stoff, 
kein Gebiet, sondern fällt in sich selbst zusammen, wogegen er 
im Kampfe sich entfaltet und stärkt. Die alten Pvrrhoniker ar- 
gumentirten ex rerum ipsarum diver sa natura, quae cogat assen» 
sum cohibere; die neuem kämpften gegeu die Philosophirwme 
der Dogm. und gegen ihre Fehler. 

(De t r Beschluß foljit.) 



* 

r 

,A ■ . 

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N= 10. Heidelberger 1822. 

-- 

■ - » 

Jahrbücher der Literatur. 




Thor hecke commcntat io. 
(Besch lufs.) 

Der wahre Sk. verwahrt sich gänzlich vor Zustimmung, 
die ihn aus seiner Glcichraiitbigkeit bringen würde; ja wenn 
sein Widerspruch die Wagschaale zu stark auf seine Seite 
herabdrücken will, SU cht er durch Gegengrunde sie wieder 
ins Gleichgewicht zu bringen, und er erkennt Dogmatismus 
nicht nur bei denen, die sagen omnia possc comprehendi, 
sondern auch bei denen, die sagen nihil posse comprehendi, 
und gegen beide kämpft er. 4. Cap. Die Academie, Ihr 
Kampf mit den Dogmatikern, Arkcsilas führte die Academie 
aus der Ruhe wieder auf den Kampfplatz. Sein Studium 
des Piato lehrte ihn für Alles und gegen Alles zu disputiren, 
und der starre Dogmatismus des Zeno rief ihn auf, diese Waffen 
gegen ihn zu kehren, der den längst verstorbenen Plato angriff. 
Das ist der Anfang der neuen Academie, die in ihrem Kampfe 
gegen Zeno viele Aehnlichkeit mit dem Pvrrhonismus zu haben 
scheint, weswegen auch Nuinenius meinte, Ark. habe von de* 
Academie nichts als den Namen beibehalten. Aber Cicero sagt 
bestimmt er habe blofs die Disputirw eise des Sokrates wieder 
aufgefrischt, und nur noch verstärkt, Üenn er *negabat esse 
quidquam, quod sciri possit: ne Ulud quidem ipsum, quod So 
crates stbi reliquisset (videlicet: scire se, se nihil scirej.« Zeno, 
g^en den Ark. kämpfte, behauptete dagegen die vollkommenste 
Wahrheit der «innlichen Anschauung: »verum visum dicens im- 
pressum effictumque ei eo, unde esset, quäle esse non passet ex 
eo, unde non esset* Gegen diesen ging der ganze Kampf 'der 
neuen Acad., weil, sobald er galt, die Platonische Ideenlehre und 
der ganze Platonismus 6el. Seihe Opposition gegen Zeno war: 
st Ulli rei sapiens assentietur unquam, aliquando etiam opinabitur: 
mmqiiam autem opinabitur; nuUi igitur assentietur. Aber schon 
das Alterthum behauptete, Ark. scy blofs exoterisch ein solcher 
Aporetiker gewesen, gegen Vertrautere, esoterisch, ein Dogm*- 
tiker, und sein Sk., sagten besonders die Pogmatiker, sey 
Wofs geheuchelt gewesen,, da kein Mensch sey, der nicht 
im Denkeu, wie im Handeln, etwas Bestimmtes als *ahr 
annehme. Denkbar ist wohl, dafs Ark. seinen Vertrauten, als 



10 



1 



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*46 - ; Thorbecke commentatio. 

ä'chter Platoniker, seine innerste Ueberzeugung über. Dies und 
Jenes raittheiltc, dafs er aber öffentlich academisch, d. i. nichts 
entscheidend, dispntirte, welches noch nicht beifst Skcpticisrous 
heucheln. Daneben, und das ist besonders zu beachten, hatte 
und lehrte Ark. auch die ersten Gründe einer praktischen Bro- 
babihtät' fiirs 'Leben und Handeln, die dann Karneades tiefer" lfe— 
gründete und sogar auf eiue theoretische Wahrscheinlichkeit (des 
Erkcnncns) übertrug. Des Karn. Hauptgegner war Chijsippus. 
Ohne Chrys., sagte er selbst 1 , wäre er nicht. Sein Hauptsatz 
war: es giebt kein Kriterium der Wahrheit, oder wir haben 
kein Qrgan, womit wir die Wahrheit erkennen können, da Ver- 
nunft, Sinu und Phantasie uns tauschen. Veranlassung zu diesem 
academisch en Sk. hatte Plato gegeben, durch seine bestimmte 
£nt Wickelung, dafs die nnne uns keine Wahrheit gewähren, uud 
als er diese Quelle 0er. Erkenntnifs aufgegebeu hatte, die Er- 
kenntnifs selbst aber doch nicht fahren lassen wollte, flüchtete 
er sie in die Ideen, und entzog ihr Gebiet dadurch den Schran- 
ken der Erfahruug, ohne die wir doch nicht zu allgemeinen 
Begriffen kommen, so dafs, wer die Zuverlässigkeit der sinnli- 
chen Wahrnehmung* auf heht, auch die Würde der Vernunft un- 
tergräbt. Gab nun piner Plato's Hypothese, dafs Erkenntnifs 
eben doch seyn müsse, Preis (auf), entweder weil er sie nicht 
beweisen konnte, oder weil er sie nicht für nothwendig hielt, 
so stand er am Thorc des Skepticismus. Kam. schlofs nun so; 
die Vernunft hangt so mit den Sinnen zusammen, dafs, wenn 
diesen nicht zu trauen ist, auch sie keinen Halt hat. Da sie 
jiun nur durch die täuschenden Sinne sieht, so giebt es für uus 
kein Mittel zur Erkenntnifs, und auch dieser Satz ist nicht ge- 
wifs, weil sonst einer von der Ungewifshcit ausgenommen v\are. 
Bei allem dem hing er aber doch am Plato und behielt, obwohl 
durch den Piatonismus hindurch in den S;. gefallen , 4 immer ei- 
nigen Hang zum Dogmatismus , der sich bei -ihm starker als bei 
Ar fc. und wieder bei Philo stärker als bei Karn. zeigte. Seine 
Theorie der Probabilitat (x/^av?/ (ßftvrao/a) enthalt sogar den 
Satz: der Mensch könne als Mensch nicht vefi irLvTttv iw4x eiV 'i 
es seyen zwar alle Dinge etKotTotkujirrec, , aber nicht /alle ccdrjAay 
diese letztern seyen visa , denen man folgen könne , zwar sine 
assensiij doch mit propensio: Philo findet die ax«TaX>,^/« nicht 
mehr in den Dingen selbst, sondern nur in der Schwäche uu- 
serer Erkenntnifs kraft. Er behielt zwar den Ausdruck bei, 
.fand ^ber überall Wahrscheinliches, sowohl fürs Erkennpn al* 
fürs Handeln ; und so konnte er ein Moralsystem aufstellen, wel- 
ches Kafn. und Ark. {dieser noch weniger) nach ihvcu Grund- 
sätzen «gar nicht thun konnten. Nach i£ni hörte die *to^jj in 
der i^cad., das beifst , die Acad. selbst, auf. Sein Schüler An- 

» 



■ 



I 



Thorbecke commentatio. f K T 

fcclras heifst c, > ti aV ftgTt,v«yer ei 'c ^ U^, /r 
(S. 77 ) Unterschied der Skeptiker und MademikerL BestreU 
mg des Dogmansmus. Cap Ucber die U.Ue«cheidunl 
punde und Untcrsche.dungsmethode zwischen verschiede«;,, 
P .losopb.en S . C«p y on Jenen Untersckiede se(b T i™l 
müssen nach de« vcrsch.cdenen Zeiten in Rücksicht auf w"chl 
tlmn. und Blute und dann im Moment ihrer höchsten Blüte 

Tl H n " AC!,d - *"* VOni Z»«r3?S und nä 

uad nach >„ den Dogmat.smus über^ der Sk., obgleich von Tn- 

™8™ sc.nen Prmc.pien vpUkommen ausgebildet, wurde n£ 
dem Fortgange der Zeit immer constante? und couse™L~ 
Mesdas zeigte, dafs er kein wahrer Skeptiker sev T J 
J*e, den er dogmatisch behauptete: bonul es^ clhlL Z 
*m Um , dafs er das allgemeine Bezweifeln im x* T k uAoo- T7L ^ 
aaBöste und dadurch schwächte, endlich, ZI eftb Zw?* 
des Lebens die evicuftou'x setzte, als Mittel da/.,. di- /r> ' 
ds bestimmte Richtschnur des Handelns das fc£j SKS 
der Skepuker »„ humana unbecdlitatis ZtoZläfb 

umperat, qu<ü assensum actionemque non suadet , sed iubetet 
T q a A Ka !:r adcs Mst .(«'Septisch) objective Ähei 
gdteu uud Annäherung zu ihr bis zur Wahrscheinlichkeit und 
«also vom Sk. noch eine Stufe weiter entfernt plliT'- 
(»och unskeptischer) förmliche Erkennbarkeit des wtns'T 

^VeichtTocfmeh" 1° *°* "-t 

men, weicht »och mehr vou dem D sput Iren in utrnmn,.. . 

*, so dafs selbst die, welche die AcademTker uÄCik« 

zusammenfallen lassen, bei der sogenannten fünft™ a?T 

- Trennung annehme. Nie bat ein tte^ZfZnZ 

Addern, nur v.elle.cht Philo, die Allgemeinheit d es subfcctivcn 

Scherns anerkannt Die Prrrhoniker gestehen, dafs sie sich Tum 

Be.fall, wae zum Handeln genötigt fühlen, sie unterwerfen 

der Not hwenchgke.,, weil sie ihrer nicht'Meister werden koi - 

»cn. Alles Uebr.ge bezweifeln sie im ausgedehntesten, V 

Sj. *%. ü " terSChiftd ^ ^ Uud Sk *°» derSeited« 
Wüten Skepuasmus aufgefafst. Die Vergleichung beider un! 
ter «..ander g, e bt fo geudes Resultat : Dem^. is f Zweck d Z 
Ph.losoph.rens d.e Ärovi selbst: Lebenszweck di,. •* t 
r ichbar durch <^,™. K^T^^Jt'^Srt 
Besümtnung alles W issciis und Handelns in die frohst! 
«udwdl nur dafs man „icht über diese hinausgehe 3 
f« ™\*™> Einern wenigen Zweifeln, b«ondeÄ 
Abs.cbt, ja doch zur Probabilität zu «elaneen Der Pv r ?) L 
Zweck ist ™|/* ; zu dieser kommen «^wiT^e^Äl^ ' 
«der Ph losophie durch fcjrf, im Leben" wo sie Ä 
meutern können, zur welche sie aber von dSpbS 



*10 



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i4& Thorbeckc commentatio. 

sophischen Betrachtung ganz absondern und sagen, sie leben 
x&r' ot&iko<ro(pov rri^ctv. Ihre Ataraxic ist aber nichts als der 
Skepticisraus, tan quam animi affectio , in so fern er sich durch 
den Widerstreit der Grunde uicht beunruhigen läfst. Die 
fLSTpiOTrxösiec suchten sie stets zu erreichen, zu bewahren und 
zu zeigen. Bei den Acad. geht der Zweck des Zweifelns gar 
nicht auf Begründung eines Gemüt hszustandes, wie bei den 
Skept.' Diesen bestimmten sie durch die probabilia) ihr Skcpti- 
cismus (oder richtiger ihr Disputiren in utramque parte/n ) war 
der Stoff, an dem sie ihre Beredsamkeit entwickelten, an deren 
Ruf ihnen y obgleich nicht in dem Grade wie den Sophisten, 
mehr als an dem Rufe, Philosophen zu heisseu, gelegen war. 
Daher die Sitte, eiuen Satz zu fordern, über den gesprochen 
werden sollte, oder den sie widerlegen sollten, welche nach und 
nach in förmliche rhetorische Ucbungcn überging, an welchem 
Ruhme den Pvrrhonikern gar nichts lag. Diese begnügten sich 
mit philosophischer Ruhe und kümmerten sich nichts um den 
Beifall der Menschen. *Ita. sagt der Vf., Acadcmici fere subsi~ 
stebarit in ar te Scepticismi exercenda: Pyrrhonii per artem tew* 
debant ad affectionem Scepticam; ita ut hac in fastigio collo* 
cala, ejus gratia unice dubitandi magistcrüim ac disciplinam pro- 
ßteri se dicerent.%. Aus der Vergleichung des Princips des Philo- 
sophirens beider geht hervor: Ar/ - , (gegen Zeno) sagt: nulluni 
esse tale visum a vero, ut non ejusmodi etiäm a falso possit esse. 
Damit dies aber nicht dogmatisch aussehe, so nahm er von den 
Stoikern den Satz an, sapientem, nunquam opinaturum , wogegen 
sie nichts einwenden kounleri ; dann bewies er, dafs mau 'es 
höchstens bis zum opinari bringen könne, und dafs folglich nach 
ihrer eigenen Ansicht der Weise, um dem zu entgehen, sich 
auf das «ri^e/v werfen müsse. Er hat also ein sehr enges Ge- 
biet; äusserst beschränkt gegen den oben angegebenen allgemei- 
nen Skepticismus. Korn., indem er etwas objectiv Wahres an- 
nimmt, hat ein Princip, welches den allgemeinen Zweifel gera- 
dazu ausschliefst, und die Probabilität einlafst. Philo endlich 
will nur die zweifellose Ueberzeugung der Stoiker nicht gelten 
lassen; um Begründung der iiroxif ist es ihm gar nicht zu thun« 
Der Skepticismus hat dagegen das ausgedehnteste Princip : Omni 
rationi cequaUs ponderis rationem adver sari; er ist uicht nur ge- 
gen eine Gattung des Dogmatismus, sondern gegen alle gerich- 
tet; er bildete sich zu einem Waffenhausc gegerf alle Befesti- 
gungen und Wehrmittel des Dogmatismus, während sich mit der 
Ansicht d<r Academie ein leiseres oder stärkeres Hinneigen zum 
Dogmatismus vertrug, und sie sich nur gegen eine ihr zu dog- 
matisch scheinende 'Schule schlug. Auf uVr eiuen Seite gingen 
iher die strengen Academiker sogar weiter als die Skeptiker, 



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' Thorbecke commenlatio. > ifaj 

indem sie die Möglichkeit der Auffindung der \\Jahrbeit laug- 
neten, die Skept. dagegen erklarten, sie hofften noch immer sie 
zu finden, sie suchten sie deswegen immer, und kämpften nur 
ge^eii die, welche sie schon gefunden zu halben behaupten; sie 
iUnden also in der Mitte zwischen der Verzweiflung der stren- 
gen Acad. und der Zuversicht der Dogmatikcr. In der Form 
iieht man den Acad. immer au, dafs sie den Stoikern sich ent- 
gegenstellen; immer gebrauchen sie denselben Gang und dieselben 
Ausdrucke, wie die Gegner, die ihnen gegenüber stehen. Die 
S ept. gingen ihren eigenen Gang, und brachten ihre gegen deu 
Dogmatismus ausgesonnenen Satze unter bestimmte .Formen (rps- 
m. roiroi). Die Form der Acad. ging von der rednerischen 
Daist eil ungsweise aus und wurde am Ende fast blosse mündliche 
Redeuhung; der Skcpt. trachtete mehr nach Gehalt und Tiefshin, 
er hatte sich eine eigene Sprache gebildet, voll eigener Bedeu- 
tung der Wörter und voller Cautelen. Aber auch die Schick- 
sale der Academie und des Skepticismus waren ungleich, so wie 
ihr Einflufs auf die Philosophie/ Der acad ein. Skepticismus war 
nur relativ und temporär, und sank selbst stufenweise in den 
Dogmatismus hinein, der ihn ins Dasevn gerufen hatte. Der ei- 
gentliche Skepticismus trug den Keim zur Vernichtung aller Wis- 
senschaften in sich und stieg immer in der Ausbildung der gleich 
Anfangs gelegten Fundamente, wobei er sich doch im Ganzcu 
immer gleich blieb. Die Acad. wandelte ihre Gestalt, sie war 
eine förmliche Sekte, und suchte und bildete Schüler. In die- 
sem Sinne bildeten die Pjrrhoniker keine Schule, sie haben ja 
keine positiven Principien, und Suchen keine Harmonie und Ue- 
hercinstimmung der Gesinnungen zu bewirken. ///. (S. 92.) ■ 
Ursachen des Unterschiedes der Acad. und der Shept. in Bestrei- 
tung der Dogmatiker. 4. Cap. im Allgemeinen. 9. Cap. Ur» 
Jachen in diesem speziellen. Falle. Sie liegen a.) in den Grün- 
dern. Schon bei Arkcsilas, der eine treffliche Rednergabe und 
Geistesgewandtheit besafs, war die Philosophie der Beredsamkeit 
>iicbt über-, sondern untergeordnet. Das charakterisirte seine 
Schule, so wie die des Karneades und Philo, welche jene bei- 
den Talente gleichfalls in hohem Grade in sich vereinigten. Diese 
Schule suchte zu glänzen, mehr, als in die Tiefen der Philo- 
sophie hinabzusteigen; sie wollte nur die Stoiker in Verwirrung 
bringen. Für solche Köpfe und Gemüther taugte die skeptische 
Ataraxie nicht. Pjrrho, tiefsinnig, ernst, 'ruhig, wollte nicht 
glänien; er beschäftigte sich mit seinem Innern, und aus seinem 
«rosten Streben nach Wahrheit ging ihm der Zweifel und end- 
lich die Ataraxie hervor, b.) In der Bildung , die die Häupter 
jener Philosophirw eisen genossen. Die Academiker studirten be- 
sonders den dialektischen Künstler Plato, der aber im Grunde 



iSo • Thorbecke commentatio. 



doch nichts weniger als Skeptiker war. Dagegen hatte Pyrrh© 
vom Demokritus gelernt, die Sinne für unzuverlässig zu erklä- ■ 
ren, hatte dann bei der Vernunft Hülfe gesucht, und war, auf 
die oben angegebene Weise zu seinem Skepticismus gekommen. 
Er war von einem 4 as Gemuth befangenden Dogmatismus aus- 
gegangen; sein Geist war frei und an keine Autorität gekettet« 
Es scheint ihn (wie den Huet und Bayle) das Studium der Ge- 
schichte der Philosophie auf den Skept. gebracht zu haben, gleich- 
sam, an den Felsen, an den er sich nach dem Schiffbruche an- 
klammerte. c.J In Aem j< desmaligen Zustande der Wissenschaf- 
ten. Der modificirte Dogmatismus des Plato und das zuversicht- 
liche Behaupten der Stoiker gaben dem Zweifeln der Acad. seine 
Entstehung und seine Form. Pvrrho's Skepticismus weckte der 
Kampf 'gegen den Empirismus und der Streit zwischen Plato 
und Aristoteles, von denen jener der Vernunft, dieser den r 
Sinnen zu viel einräumte. Darum eben zweifelte Pyrrho au Allem, 
Dieser Kampf hinwiederum gegen Alle brachte auch alle Dog- 
matiker gegen den Skept. in Harnisch, und dies machte wieder, 
dafs der Skept. sich innerlich so vollendete und eine bleibende 
Würde erhielt j ob er gleich, (setzen wir mit Tenneinanu [Grundr.. 
d. Gesch. der' Phil. §. 182.] hinzu) als im Grunde sich selbst 
widersprechend, mit dem wesentlichen Streben der Vernunft 
streitet, und selbst seinen vorgesetzten 'L weck, die Gemüts- 
ruhe, nicht zu bewirken vermag. 

Dies ist die gedrängte Inhaltsangabe dieser gehaltreichen, 
Schrift. Die Ausführlichkeit derselben werden uns unsere Leser 
aus dem Grunde verzeihen , vielleicht danken , weil die Sache 
selbst, unseres Wissens, weder in einer allgemeinen Geschichte 
der Philosophie, noch in der diesem Gegenstande gewidmeten 
eigenen Schrift von Stäudlin (Gesch. und Geist .des Skcpticis- 
inus) *) von allen diesen Seiten und aus diesem Gesichtspunkte 
betrachtet und beleuchtet worden ist. Wir haben uns aber, eben 
um nicht zu wcitläuftig zu werden, fast aller Einreden enthalten. 
Unsere Leser werden ohne unser Erinnern bemerkt haben, dafs 
es dem Vf., vielleicht ohne seine bestimmte Absicht, begegnet 
vt, für die Skeptiker und den Skepticismus gleichsam Partei zu 
ergreifen. Auch eiuiges Misverhältnifs der Thcile, so wie einige 
Wiederholungen könnten wir rügen. Der Vortrag der Schrift 
ist in hohem Grade zu loben und unterscheidet sich sehr vbu 
dem DissertationenAa.ein, das wir immer noch nur gar zu häufig 
su lesen bekommen. Dafs S. 4* steht: praeclare nobiscum actum 
arbitremurj si — attigissent, ist wohl ein. Druckfehler für 



*) Auch if Mellins Wörter!), der krit. Phil, stehen Arkesüas 
t&4 Käwieades Fürmlich in der Reihe der eigentlichen Skeptiker. 



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Supplemente zu Schneiders griech. Wörterb. i5i 



arbiträr emur , si wie 'S, ,16 commun* vincido c o II ig er e für 
colligare. Nicht ganz gut scheint gesagt S. 20 experientiam 
ingredij tanquam certae cognitionis vi am. Zu viani pafst 
freilich ingredij zu experientiam nur durch ein schwerlich er- 
laubtes Zeugraa. Tm < riechischen sind uns auch einige unrich- 
tig gedruckte Wörter aufgestossen. S. i4 führt Hr. Th. ihm 
Grund aus Diogenes Laert. IX. 70. an , warum Theodosius bV- 
hauptet habe,« man müsse die Skeptiker nicht Pyrrhoniker nen- 
nen : tc pbt rb fiTjis TrpjTQV etyj/x&oc/ rt}u <r;t6Tr/x^v 
So heifst es freilich Diog. Luert. aber da heiCst vpoc rb fin\ he- 
da äberdiefs auch nicht etc. Hr. Th. raufst e , wenn er den Grund 
Griechisch anführen wollte, sagen: itec rb jtij x. t X. — Dock 
wir brechen ab mit der Aeusseruug der sichern Hoffnung, dafs 
die künftigen Forschungen des Verf. in diesem Fache noch man» 
ches gediegene Resultat liefern werden. 

- 



Griechisch-Deutsches IVörterbuch beim Lesen der Grie- 
chischen profanen Scribenten zu gebrauchen. Ausgearbeitet 
von Johann Gottlob Schneider^ Professor und Ober- 
bibliothekar zu Breslau. S uppTe nie ßt band zu allen drei 
Auflagen A — Sl. Leipzig in der Hahn* sehen ^erlags-Buch- 
handiung. 48m. Mit dem zweiten Titel: 

Nachträge zu dem griechisch-deutschen Wärterbu- 
che ("jj gesammelt theüs aus handschriftlichen Beiträgen 
vorzüglich der Herren Hof rath Jacobs in Gotha, Hof" 
rath und Doctor H^eisel in Dresden und Director S ttu- 
ve in Königsberg in Prcussen ( ,) theils au s gedruckten Bei' 
trägen vorzüglich der Heiren Butt mann in Berlin, Lo- 
beck in -Königsberg und Coray in Paris, und vermehrt 
mit eignen von J. G. Schneider , Saxo. Leipzig u. s. w. 
4 Alphabet in 4' 20 gf> 

• 

H err Schneider versprach im Mai 1819 bis zur nächsten Oster- 
messe einen Band Zusätze und Berichtigungen zu seinem Wör- 
terbuch e. Er erfolgte zur Ostermesse 1821, vermuthlich durch 
die Erwartung der Beiträge des Hrn. Dr. Weigel zum zweiten 
Theile, welche derselbe durch Amtsgeschäfte am Ende dennoch 
zu liefern verhindert wurde, verspätet* Ausser dcif auf dem 
zweiten Titel genannten dankt der Verf. aucii dem Hrn. Pastor 
Nothnagel bei Nürnberg und zwei jungen Philologen in Berlin 
für Beiträge. Das in Kecensionen dargebotene y sagt Hr. Sehn., 



i5a Supplemente zu Schneiders griech. Wörterb. 



habe er, sofern es brauchbar war, gewissenhaft benutzt; aber 
es sey ihm nicht möglich gewesen, die dargebotenen Bemer- 
kungen alle, ohne zu grosse Weitläufigkeit, zu benutzen, ^ und 
diese bleiben einer neuen Ausgabe vorbehalten, welche er nach 
strengem Grundsätzen behandelt zu seheil wünschte ; namentlich 
sollte darinn Alles, was aus nichtprofanen Schriftstellern aufge- : 
nommen ist , ausgestrichen ^ nicht aber, wie in der zweiten und 
sogar noch in der dritten Auflage geschehen ist, noch vermehrt 
aulgenommen werden, so wie alles blos Theologische , alles was 
techuische^Grammatik, Rhetorik und den so »variabcln« Sprach- 
gebrauch der Scboli asten betrifft. Von der ihm gedruckt an- 
gebotenen Fauna classica und Flora classica habe er keinen Ge- 
brauch machen können. Was giebt er uns nun? Tausende von 
Zusätzen und Verbesserungen auf den 1S0 enggedruckten Quart- 
seiten, und das ist sehr dankensWerth. Hier finden sich viele, 
früher fehlende , Wörter, Bedeutungen, Citate, viele sehr aus- 
führliche, untersuchende und sich auf Kritik der angeführten 
Stellen einlassende Artikel, manche wirklich gegen das Uebrige 
unverhältnifsmässig ausführlich ; wie denn überhaupt das Verbalt- 
nifs der Theile zU einander, das von Anfang an nicht gut gere- 
gelt war, weil das Werk unglücklicher Weise auf den Erne- 
stischen Hederich gepfropft wurde, und nicht einem plaumässi- 
gen Studium der Alten, in lexicographischer Hinsicht, seinen Ur- 
sprung verdankt. Ref. hat in diesen Jahrbüchern schon dreimal 
(1819 Nr. i3. 1820 Nr. 29. 61. und 62.) ausführlich und mit 
der gebührenden Achtung von diesem Werke gesprochen, auch 
jedesmal, wie er hofft, nicht ganz unbedeutende und unzweck- 
mässige Zusätze und Verbesserungen aller Art geliefert, aber da- 
von wenig oder nichts hier berücksichtigt gefunden , denn Wenn 
er zuweilen ein von ihm nachgewiesenes Wort, ein Citat, das 
er nachgetragen hatte, eingetragen sah, so mufste er bald wie- 
der glauben ) dafs diefs Hrn. Sehn, auf einem andern Wege zu- 
gekommen sey, weil er Anderes, nicht minder Wichtiges nicht 
beachtet und aufgenommen fand. Doch ist vielleicht das, von 
uns Mitgetheilte nicht zeitig genug eingetroffen und es Hessen 
sich die vielen Einzelnheiten im Laufe des Druckes nicht mehr 
eintragen. Refer. könnte hier seine Anzeige dieses schätzbaren 
und gewifs jedem Besitzer der bisherigen Auflagen erwünschten 
Supplemcntbandes schli essen, wenn er nicht noch einige, ihfn 
seit seiner letzten Anzeige ungesuebt in die Hände gefallene, 
Zusätze und Berichtigungen hier niederlegen wollte. *Apßew. Die 
Stelle Flut . Ljrcurg. ist falsch verstanden von dem erhabenen 
Boden des Bechers. Schon Xylanders Uebersetzung hat richtig 
mnjr actus sive sinus pocuti. — 'A(pcuji* kommt in der Bedeutung 
*on kxox*l bei dem Sextus Empir.adv. Math. XL p. 4&o vor. — 



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Supplemente zu Schneiders griech. Worterb. i53 



Qsofwd'fec fehlt. Es steht bei Proclus in Theo!. Plat, Lih. I. c 
4< p. g. — KccrxppOw fehlt. Athtnacus XI. p. Äjr. D. Schw. 
T. IP". p. %44 % — Oto^mov steht nicht Nonn. 8, p. 4*4* son- 
dern p. aa4«) und zwar im löten Verse*dieses Buches. — 2e- 
ßi'fo ist nicht blos poetisch, sondern steht auch bei Lucian. de 
fistrol. j. — 2eXjjva/g steht nicht blos bei Dichtern als Mond, 
sondern auch in den in ionischer Prosa geschriebenen Stücken 
des Lucian z. B. de Dea Syria 4* — ^K&tpcttyeTcv fehlt. Diese 
Form steht bei Lucian. Lexiphan. 4o. Hr. Sehn, hat blos die 
Formen «xtptQeiov und ff*/px<P/oy. — Tnopodofucx 0 ^ fcnIt - E « 
iteht bei Lucian. Ver. Hist. L 43. — Urpcrem fehlt. Als Bei- 
namen der Athene steht es bei Lucian. Diall. Meretr. IX. — 
HvyxkTeifU fehlt. S. Lucian. Mortt. Diall. %y, 7. — HvyHOuQlge» 
ist nicht zweifelhaft. Es steht sicher bei Lucian. Deorr. DiaU. 
no, 6. — ^EvfnrotTpdmjc fehlt. Es steht bei Lucian. Soloec.5. 
S. das. ciie Ausleger. — XvntypovTtfo nicht zweifelhaft. Es 
steht richtig bei Lucian. Demosth. Encom. $5. — Jlvvavxvvoia) 
fehlt.* Es steht, obwohl zweifelhaft, bei Lucian. Cät. 48. —7 
^vvccptcroG dagegen ist nicht zweifelhaft; es steht unangetastet 
bei eben demselben Asin. H4. — ^EuvSetTTOV ist Druckfehler 
für GuvdetTvov. — YiwtxiCTEvca^w steht bei Epictet. Man. 46. — 
Tc?roT«pj)T3K * st Druckfehler für TcnrorTjffririjt. Aus den von uns 
zufalliger Weise aus dem Lucian blos aus dem Buchstaben 2 
aufgegriffenen Wörtern geht hervor , dafs für dieses Wörterbuch 
zum Theil die zugänglichsten Hülfsmittel noch nicht genug be- 
nutzt sind Denn wollten wir das Reitzische Lexicon Luciäneum ß 
das den vierten Theil des Hemsterhuis-Gesner'schen Lucian aus- 
macht, vor uns nehmen, so wollten wir noch eine reiche Nach- 
lese von ganz fehleudcn Wörtern halten , und tausende von Wör- 
tern, die entweder gar nicht, oder blos durch »Lucian.* nach- 
gewiesen sind, durch bestimmte Stellen belegen. So etwas zu 
thun ist übrigens kein Verdienst; getadelt aber kann derLexico- 
graph wohl nicht mit Unrecht werden , wenn er es unterläfst. Hier 
also, und noch in so manchen vollst Lexicis über einzelne Schrift- 
steller, ist noch ein weites und reiches Feld für Verbesserun- 
gen , welches für den Behuf einer künftigen Ausgabe gleich jetzt 
und nach und nach, aber nicht erst, wenn dem Verleger die 
ganze Auflage ausgegangen ist, bearbeitet werden sollte. Doch 
auch in dieser Gestalt dürfen wir uns dieses Nationalwerks freuen 5 
am allerwenigsten aber brauchen wir unsere Nachbarn jenseits 
des Riieins zu beneiden, die sich erst kürzlich bewogen fanden, 
zur Beförderung des Studiums der Griechischen Sprache den 
kläglichen Schrevclius wieder abzudrucken! 

' M. ff, G. 



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i54 S. C. Pape Gedichte- 

» * 

Gedichte von Samuel Christus Pape, begleitet mit einem bi- 
ograpkisahen Forworie von Frie drich Baron de la Motte 
Fouque: Tübingen bei C. F. Osiander, 48*2. XXXII 
und 438 S. 8. m 

Aus der biographischen Phantasie des berühmten Vorredner* 
heben wir folgende uubez weifelbare Lebeusereignisse hervor« 
S. C. Pape ward 1774 in Bremen geboren. Sein Vater Hein- 
rich Pape, Prediger im Bremischen Dorfe Wulfsbüttel hat sich 
durch zahlreiche Schriften tfteolog. Inhaltes und eine Umarbei- 
tung des Bremer- Verdischen Gesaugbuches bekannt gemacht. 
Seinen WohuOrt umgiebt eine endlose einsame Heide, aus der 
Hr.v.F.j an Ossiau denkend, das erste Aufkeimen von des jun- 
gen Dichters »ernster und in tiefer Wehmut so unaussprechlich 
»holden Sehnsucht« nach dem Jenseit ableitet, Ree. dagegen, 
dem der Fou<jueische Blick abgeht, einen Theil von des liebens- 
würdigen Mannes düsterer Befangenheit und u nigrischer Trocken- 
heit. Bis 1783 lebte er als »einsames Heideblümchen ein 
wunderschöner Knabe, in kräftiger Fülle der Gesundheit blü- 
hend, »die so gerne« (sagt F., wir wissen nicht nach weicher 
Erfahrung) »bei tieferen Gemütern einem elegischen Gefühle Raum 
»zu gönnen pflegt, der Empfindung des Reichen oder Ruhmge- 
»krönten vergleichbar, welchen ein höheres Ahnen die Nichtig- 
»keit aller irdischen Dinge zuflistert. »Dabei — und wohl 
»auch Daher* (woher? aus Fülle der Gesundheit??; »regte sich 
»in dem Knaben eiue seltsame Neigung zum Wechsel.« Keinem 
Tisch gönnte er lang' seine Stelle; seine Bücher waren einem 
ewigen Tauschhandel unterworfen j und selbst als Mann verkauf- 
te er bald wieder seiue Kleider und sonstigen Sachen, um sich 
andre dafür anzuschaffen. Eine elegische Unart , meint Ree. , die 
der Vater ihm hätte abgewöhnen sollen. Jetzt ward seiu Vater 
nach Visselhövde in Verden versetzt, in eine etwas freundlichere 
Umgebung, die deu unverwöhnten Knaben , wie Hr. v. F. meint, 
«ein Paradies ahnen und finden liefs.« »Was mag« (ruft er aus) 
»der junge Dichter an jener seltsamen Stelle (am Kirchhofe) 
»wolü alles geträumt , gesonnen haben, — wohl auch gehofft J « — 
Im Herbst 1783 kam er nach Bremen auf die Schule, wo er, 
die Ferienzeit ausgenommen, bis 1791 blieb,- und dann noch ei- 
nige Jahre beim Vater den Studieu, besonders der hebräischen 
Sprache, widmete. Hier liebte er mit Leidenschaft ein junges 
Mädchen, deren frühen Tod er 1794 in einem rühreuden Li eile 
(S. 56) besang. In deinselbigen Jahre gieugx er nach Göttingen, 
und schlofs dort seine dreijährige Laufbahn mit einer Ueberse- 
tzung des Hiob, welche Eichhorn mit einer Einleitung beehrte. 
Nach seiner Heimath zurückgekehrt , lebte er, durch äussere Uu- 



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S. C. Pape Gedichte. i55 

falle gebeugt, wiederum trübe Zeiten. Hr. v. F. sacht das zu- 
gleich »hohe und tiefe« Wesen seiner »sogenannten Melancholie« 
mit der Elle des »gläubigen Sinnes« auszumessen , giebt aber auch, 
bei seiner gewohnten Milde, den Freunden Pape's nicht ganz 
Unrecht, die »eine poetische Verletzlichkeit , ein anmutiges Hin- 
träumen und Hindämmern in seinem Gram und ähnliche Dich- 
Verwarten* wahrnehmen. Am Ende des Jahrs 1794 als Haus« 
lehrer in Grasbergen angestellt , könnt' er immer noch nicht fröh- 
licher werden. Der einsame Ort von zwei Feuerstellen zeigte 
ihm nur Himmel und Mohr; weit umher lebten nur Bauren: 
»ein lieber wackerer Stand, der viel des Schönsten aus guter 
*Forzeit€ (aus welcher?) »in sich aufbe wahrt hat«, aber doch 
nicht zum Umgange genügte, »wenn er auch vielleicht bisweilen 
»dem Dichter manchen tief und zart empfundenen Anklang ver- 
»lieh.t Jetzt gesc't ah , nach des Biographen Ansicht, ein n Sei- 
ten hindurch besprochener Angriff auf PapeV Dichtcrruhm, den 
wir weiter unten beleuchten wollen. Im April 1801 ward Pa- 
pe Pastor secundarius zu Nordleda im Lande fladeln. Sterb- 
falle in seiner Familie verkümmerten ihm das Leben, besondert 
* 1808 der Tod seiner Gattin. Seiner Stiefmutter schrieb er 1809 : 
»Ich bin jetzt", seit ich Wittwer bin, so äusserst hypochondrisch, 
»und dabei so träge und faul, als ich nie gewesen:« und: »ich 
»bin öbrigens jetzt ziemlich gesund, abgerechnet meine starke 
»Hypochondrie, wie es in meiner traurigen Lage und an dem 
»hiesigen, einsamen Orte nicht anders seyn kann.« — In dem- 
selben Jahre neu vermählt, schien er froheren Tagen entgegen 
zusehen, aber neue Sterbefalle erneuerten seiueu Gram. Dazu 
gesellte sich eine Brustkrankheit j er ward »finster, niedergeschla- 
»gen, beinahe menschenscheu.« Am 5ten April 1817 verschied 
er endlich. 

»Ich habe nie,« sagt der Vorredner, »in dem mindesten 
»unmittelbaren Verhältnisse zu dem Sänger gestanden, dessen 
»Liederklänge mich bereits als Knaben mächtig erregten, >so : 
twenig des Wiederholtes auch meine Freude und Bewunderung 
^damals fand.* Ist hier keine Personenverwechslung, so möch- 
ten wir fragen : bis wie lange ist Hr. v. F. Knabe geblieben, 
der, laut S. 22 »im Rheinkriege 4794 die ersten Waffen trug,« 
und erst im Jahr 1796 (S. d. Inhaltsverzeichnis) ein Gedient 
von Pape lesen konnte? Oder nimmt er das Wort Knabe in ei- 
nem andern, dem Ree. nicht geläufigen Sinne? S.. 22 erzählt er 
beiläufig, Klopstock habe den »werdenden Jungling Friedrich 
»Stolberg bei der Lesung eines antiken Dichters in französischer 
liebcrsetzung betroffen. »Und Sie lesen ihn nicht in der Ur- 
sprache?« fragte der Barde ernst. »Da erglühten die Wan- 
den des Knaben Friedrich, Und bald bewiesen seine philola«i- 



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S. C. Pape Gedichte. 



»sclien Fortschritte u. s. w.« Friedrich Stolberg war über ein- 
undzwanzig Jahr, als er, von seinen Bundcsbriidern ermuntert, 
das Griechische zu erlernen begann. Erst ein Jahr darauf kann 
ihm Klopstock das ernste Sirafwort gesagt haben. 

Doch zum boshaften Angriff! Bei Pape's erstem Auftreten 
(1796) in den damaligen Almanacben *) (in welchen? nicht in 
den vossischen) bewirkte, nach des Hnu v. F. Darstellung, ei- 
ne ungünstige Reccnsion , »oder einige«, denu F. bat »die Re- 
»cension oder die Recensionen nie ausftiiidig machen können« — : 
»Dafs Pape zwar dem süssen Umgänge der Musen nicht ganz 
»entsagte, aber doch bei weitem minder des Herrlichen aus sei«-, 
»nen Liedessaiten hervorlockte, als ohne solch eine feindliche 
»Störung würde geschehen seyn.« Ist das wahr; — aus Pape T s 
Worten S. 9 folgt es nicht, und spätere reifere Gedichte be- 
zeugen, dafs er Rccensenten winke nicht verschmäht habe; — 
aber ist es wahr, so geht aus dieser krankhaften Reizbarkeit 
hervor, dafs Pape kein eigentliches Dichtertalent besafs, sondern 
höchstens nur Anlage zum Talent. Den wahren Dichtergenius 
lähmt und beengt keine Recension, zumal eine schmähende, so 
wenig als die harte Erdrinde den Schmetterling, der, ohne sei-^ 
nen Farbenstaub zu verwischen, hervorschlüpft und die Flügel 
im Sonnenlicht entfaltet. Hr. v. F., der gar nichts vom Receu- 
senten erfahren, weifs »a priori*, es sey ein »übelwollendem; 
« — doch S. ii giebt er mildherzig zu, es könne — da »wir 
»alle arme Sünder« — auch wohl ein Ehrenmann seyn , »dessen 
»edles Gemüth« durch »eine dunkele verdrufsdurchwebfe Stun- 
»de verstimmt worden«; nur kein Dichter, weil (S, 9) »die 
»recht wundersam romantische Poesie des Sängers in sein das- 
*sisch versteintes oder doch vergipstes Gemüth keinen Eingang 
»finden konnte«. Ree. hat nicht die mindeste Lust, die Recen- 
sion in den gelehrten Zeitungen vqn 1796 — 98 aufzusuchen, 
wohl aber findet er sieh zur Verteidigung seines Collegen auf- 
gefordert; er behauptet daher, wie Hr. v. F. »a priori*, der 
Reccnsent, oder sein etwaiger Doppeltgänger, sey eiu gar lieber 
wackerer und verständiger Mann, und die Recension habe un- 
gefähr so gelautet . 



*J „Institute,*' sagt F., „denen nnsre politisch* gewordene Zeit 
9j jetzt kaum ein augenblickliches Leben vergönnen mag» in denen 
* jedoch zu jener oft prosaisch gescholtenen Zeit sieh das lyri- 
sche Daseyn vieler unserer edelsten Dichter entwickelte." Ehe- 
mals, als Boie die deutsche Littcratur hob, war es die höchste 
Ehre, wenn ein junger Dichter mit seinem Namen in einem AI- 
snanache stand; heut zu Ta<e schreibt jeder Anfänger seinen, ei- 
genen Almanach , und die erbärmlichsten Versemacher werden von 
den Vorstehern zur Bogenfullung aufgefordert. 



* 



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I 

I * * 

I 

S. £. Pape Gedichte. 167 

»Zum erstenmale tritt noch ein Dichter auf, Namens 
Pape. Er scheint jung zu seyn; wenigstens ist seine Bildung 
jugendlich und einseitig, und bei einem schönen Streben nach 
Vollendung und Tüchtigkeit, das er einem Höitjr oder von Sali* 
abgelernt haben mag, will die Kraft nicht zureichen. Die Natur 
hat ihm ein warmes Herz und einen guten Verstand verliehen, 
aber sonst dürftig begabt. Ein^Zug tiefer Melancholie, der sei- 
nen Liedern eingeprägt ist, scheint aus Leibesschwäche zu ent- 
springen; der Dichter überlafst sich der Gefährtin seiner Ein- 
samkeit mit süssem Wohlbehagen, aber sie tröstet ihn nicht, sie 
quält ihu nur. Untere Theilnahme erregt er , aber es ist eine 
Theiinahme, wie wir sie Kranken uud Unglücklichen zollen. 
Unter den Balladen sind einige anziehend, andre sind unklar, 
nebelhaft, andre sogar komisch wider des Vfrs. Absicht, z. B. 
die Floren tiuetin, durch eine sonderbare Courtoisie, die dem 
Ritter und dem Fräulein kein Du gestattet, sondern ein höfli- 
ches Sie. Der Dichter gleicht einer mit Nebel umflorten Heide, 
auf der ein paar ossiansche Gespenster mit unheimatlichem Un- 
behagen auf -* und abschweben. Aber auch so wird er deii 
Phantasten, die sich jefft um den Parnafs drängen, willkommen 
wvn. Und hat sich erst die Romantik, die kaum noch er- 
schlossen ist, zur heiligen Ueberromantik entfaltet, dann tritt 
wohl 1 gar einer auf, und bewundert »die tiefen Herzenslaute, die 
»phantastischen Schwingungen, die wunderbar hohen Ahnungen, 
»die unaussprechliche Sussigkeit der Wehmuth«j und selbst in 
den mangelhaften Kunstwerken* einer künftigen Sammlung wird 
»ihm die Idee des Dichters aufgehn, und eine Ahnung von der 
»schonen Gestaltung, die der Dichter ihnen bei einem fröhliche- 
»ren üange seines schriftstellerischen Lebens verliehen hätte.« 

Da diese Gedichte noch in vier Literaturzeitungen müssen 
receusirt werden, und in sehr vielen Tageblättern, so wird 
wohl einer der Collegeu sageu können, ob sein Colieg den Sinn 
uusres vielleicht schon seligen CoUegen getroffen. Und damit 
entlassen wir diesen Gegenstand. Den wackern Baron von Fouque 
aber, den Sänger des edlen Sigurd und tler lieblichen Uudine, 
Litten wir, sich selbst die ernste Frage vorzulegen, ob er wirk- 
liche Wesen vor sich sah, oder Scheinbüder, als er — gewifc 
iu der Absicht, strenge gerecht zu seyn — so grelle Urtheile 
iprach über einen Dichter und seinen Recensenten. 



De* Xenophon von Ephesos Anthia und Habrokomes. 
Aus dem Griechischen übersetzt von Johahn Georg Kra- 
bin ger, erstem Scriptor an der königl. Hof- und Centrat- 



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i58 Xenophon d. Ephcsicr, übers, v. Krabinger. 



bibliothek in München. München, 48'XO, bei JE. A. Fleisch* 
mann 8» XII und 476 Seiten. 

Der schon durch seine Verdeutschung des Lonaus j( Lands- 
hut, 1809)) bekannte Hr. Krabinger »iebt uns hier auch den 
Roman des Xenophon von Ephesus, und bewährt dadurch aufs 
neue seine Kcnutnifs beider Sprachen , sowie er die ihm zu Gebot 
stehenden Bücherschätzc benutzt. Der Ephesier Xenophon, den 
Manche, unter Andern Corajr (Epist. ad Afexandrum, Basilii 
fil.j p. 45 , in edit. Heliodori) , für jünger halten als den Ver- 
fasser des Theagenes und der Chariklea, wird von Locella 
(Praefat. ad Xenoph. Ephes. etc. VI, seqq.) in das Eude des 
zweiten, oder, zu Anfang des dritten, Jahrhunderts christlicher 
Zeitrechnung gesetzt; und Bast (Jen. Allg. Lit. Zeit. Febr» 
*797- *89'J stimmt demselben im Ganzen bei,*indem er an- 
nimmt Xenophon sey, nach der guten Sprache und der einfa- 
chen, von der Ziererei spaterer Zeit entfernten, Schreibart zu 
urtheilen, unter den vorhandenen Erotikern einer der ältesten.' 
Auch Peerlkamp (Orat. de Xenophonte Eph. Accedit in eundem 
Observationunx critic. <Specimen. Hartem^ 480b, 8.) enthält 
sich z ' ar eines Urthcils über sein Zeitalter, erklärt ihn jedoch 
ebenfalls für den ältesten und für das Vorbild dieser Dichter. 
Sonach verdiente er die Auszeichnung, die ihm durch diese 
Verdeutschung (nach der Leipziger, 1775, angeblich von /?/*/- 
ger, uud jener, die 2 Jahre später in Ouolzbach erschien, die 
dritte), und durch die Anmerkungen, die sie begleiten, wi- 
derfahrt: denn die Verdeutschung ist im Ganzen richtig, und, 
einige Ungelenkheit abgerechnet, lesbar; die Anmerkungen aber 
bekunden verständige Belesenheit und Kritik. Der Raum be- 
schränkt 'uns auf wenige Proben aus beiden. Seite 3. lautet 
das Deutsche so: «Man beging das heimische Fest der Arte- 
mis — von der Stadt bis zu dem Tempel sind sieben Sta- 
dien — .« Hr. K. folgte hierbei der falschen Interpunction der 
Ausgaben, nemlich dieser: *£\xstq bk T7fc Äpräfuboc ixt^po^ioc, 
koprrf kwo.v^Q iroksa)c.i,Tri ro Upbv aMioi bi efaiv kttr». Peerl- 
kamp streicht 6e vor ehh f wo es freilich in diesem Zusammen- 
hange nicht stehen kann. Gleichwohl unrichtig. Die Worte 
iHyero bis /epov sind Ein Satz: »Es wurde ein heimischer 
Festaufzug der Artemis von der Stadt zu dem Tempel gehalten, 
7 Stadien weit.« Festaufzug ist die eigentliche Bedeutung von 
ioprii : daher die Ausdrücke hpTyv'hystv oder (weil die Tem- 
pel auf Anhöhen zu stchn pflegten) kvctytn/ Hcrod. 4> 76« u » 
an a. O. Seite 5. »Schön ist Habrokomes, — und, wie kein 
einziger, des schönen Gottes Ebenbild.« Des schönen? Das 
Wtire tov *«kw. Im Original steht xot\ou ulprffJL* &eov, eines 



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Xenophoa d. Ephesier, übers, v. Krabinger. 159 

schönen Gottes, etwa des Apoll oder des Hermes. S. 7. u. 8. 
ist »was dulde ich?« etwas Anderes als das Griechische rl t£- 
irw&oc? (wie ist mir? was fühle ich?). S. 8. Äßpoxbuy 
fiahofixi, xaAft; fih, etkk* trjreprftpetvu). «Ich rase gegen den schö- 
nen, aber stolzen, Habrokomcs.« Vielmehr: ich bin sterblich 
(rasend) in ihn verlieht. Ein bekannter Ausdruck. S. 9. ist die 
Uebcrsetzung : »Unterdessen weilten sie den Tag hindurch im 
Tempel der Göttin» gegen den Zusammenhang: dcq£nur Anthia 
war in den Tempel gegaugen. Freilich steht im griechischen 
tovtw , aber es mufs heissen *Px tovtou, »hierauf.« S. 29. 
v&j tU tfJLQi ßfof TrepiXtfxsTcci — ; »Welch ein Leben ubrigt mir — ?« 
Ein süddeutsches, Wort, weiterer Verbreitung wohl würdig, da 
es Umschreibungen - erspart. Schwerfällig ist S. 44- »Tugend- 
haftigkeit 1 « {acvG pwvi/7\<i) und noch weuiger analog als, was wir 
jüngst einmal hörten, Tugendsanikeit. Enthaltsamkeit ist /las 
Wahre. Undeutsch klingt uns »ein Opfer entrichten* (trefft ttju 
Svslav iyhovTo) S. 49; unförmlich S. Co: »Sie — dachte an 
vieles zugleich, au die Liebe, Schnüre, Vaterstadt, Ackern, 
Drang und Vermahlung. ( 'ßievoe Pro U »jm iro\Xa , tov spwr» 9 
Toirc opot/f, T7ju TrxTptdot, tijv kvotynyv, tov yot/xov)* S. 
65. heilst -nxvret kocwx nicht »alles ist mir wunderbar«, sondern 
Alles trifft mich unerwartet, widernatürlich. Diese Worte sind 
weder ein Einschiebsel, noch fehlt etwas. Achnliches aus 
Achilles Tatius (V., 26, S. 494«) und Chanton (IL, 3. S. 37.) 
führt Hr. K. selber an. Ungebräuchlich ist auf der folgenden 
Seite »Ungemache« in der mehrfachen Zahl. Zu wörtlich über- 
setzt wurde rb <wua ottyuvkc i'jroirja'oiv durch »sie machten den 
Leichnam verschwinden.« S. 6^, »So will ich — - grössere Strafe 
dulden, als diese, ist sie anders eine Strafe, S. 76., «st unrich- 
tig: et tIq feh wenn es eine (grössere) giebt, heilst es im .Grie- 
chischen. »Sikelicn« für Sizilien S. 85, 87, 91 und öfter ist 
afl'ektirt. Undeutlich ist S. 95. dies : »Ja bald werde ich am 
Gemache stehen («AA* 'rjiri }{Xf £tc' qim\ijxltoc ott/cto,««/).« Hier 
mufste eine Umschreibung die Stelle wörtlicher Uebersetzung, 
welche unpassend ist, vertreten. »Vor dem Gemache zu stehen« 
S. .98. ist schon verständlicher, und »er stellte sie vor dem 
Kaminerchen zur Schau aus« (yyev wc Trpoo-njaopsvijv r^ywc) 
eben da trifft den Punkt wenn man nur die Worte »zur Schau« 
weglafst. S. .n3. »So hatte sich alles glücklich gefügt; nur 
Habrokomes wufste noch nichts davon.« Im Original: 
tot fiev otXKot, iv ülvtoTc tTrtnjSelwct rb ik * OTt^fuiUvw Äß?*- 
%bfi7iG tocvtoc £vf<TTOtTott. Hr. K. hat den Sinn gefafst. Auch 
kann man die Auslassungszeichen missen, da es wohl offenbar 
ist, dafs Xenophon so schrieb: ro 6k obx, tri etc., und ot/x in 
«las folgende on, der Achuüchkeit wegen, sich verlor. Gemein 



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160 Gefsneiy über Ablösung d. geistl. Zehnten. 

ist S. Ii 5. der Ausdruck: »Keiner konnte mich zum Falle be- 
reden ("ETf/w $4 fie aficc^TeTv ovfc/c)*« 

Soviel dieser Erinnerungen, die dem Ucberseteer bei ähn- 
lichen Arbeiten in der Folge nützlich seyn können. Wir mau- 
tern ihn dazu auf, überzeugt, dafs die Literatur dadurch nicht 
anders als gewinnen könne. Der Verleger hat das artige Buch 
anstandig ausgestattet, auch für einen fleissigen Corrector ge- 
sorgt, und 4f rdient dafür das Lob aller Feinde von grauem Pa- 
pier, stum^n Lettern und Druckfehlern. Y — v. 




praktisches Handbuch zur rechtlichen Beut t keilung des Z*e- 
' heut Verhältnisses für Zehentberechtigte und Zehentpflichtige. 
Von W. Gxssnkr* Berlin 48% t* Gedruckt und verlegt bei 
G. Reimer, 

Dieses von einem gründlichen Denker und sachkundigen Ge- 
schäftsmann über die Ablösung des geistlichen Zehen ten veran- 
lafste Werk ist so gediegenen Gehalts, dafs es nicht laut genug 
angepriesen und empfohlen werden kann. Der Verfasser spricht 
sich auf eine so gründliche und zugleich fafsliche Weise über 
diesen höchst wichtigen Gegenstand aus; dafs er sich dadurch 
die vollesten Ansprüche auf den Dank des landwirtschaftlichen 
Publicums erworben hat. 

.Zur besseren Beurtheilung des Anspruchs und der recht- 
lichen Natur der Zehentabgabe, schickt er eine geschichtliche 
Entwicklung des Zehentwesens in gedrängter Kürze voraus, 
und spricht sodann in 6 besonderen Abtheilungen . i .) Von der 
Art und Weise, wie der Schmälcrung der Pfarreinkünfte in 
solchen Gegeudeu vorgebeugt werden könne," wo die Geistli- 
chen nicht auf einen bestimmten Staatsgehalt gesetzt, sondern auf 
Grundbesitz, Naturalien und unbestimmte Gefälle angewiesen 
sind, a.) Von der Art und Weise, den Natural - Zehentbezug 
in eine andere zweckmassigere Abgabe umzuschaffen. 3») Vom 
Nachtheil des Natural - Zchentbezugs. 4«) Von dem Interesse, 
welches die Gesetzgebung bei der Abschaffung und Umwandlung 
des Naturalzehentcn hat, und von den Grundsätzen, von welchen 
dieses Interesse ausgehen dürfte. 5.) Von den allgemeinen Gruud- 
zügen zur Ermittelung des Werths und Bestimmung des Gegen- 
satzes für den Natural- Zehen tbezug. 6.) Von den streitigen Ze- 
hent - Gegenständen. 

(Der Bescblnfs fol&t,) 




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N£ll. tt • j m 1822, 

Heidelberger 

Jahrbücher der Literatur. 



Gefsner, über Ablösung des geistlichen Zehenten, 

{Besch l ufs.) Ä 

Um ctas bestehende Zehentverhältnifs gründlicher heurtlieilen zu 
können, und zugleich den Berechtigten uud Pflichtigen einen 
J-eitiaden für jenes zu geben, hat er die, in Preussen, über 
diesen Gegenstand vorhandenen allgemeinen gesetzlichen Be- 
stimmungen in einem Anhange mit abdrucken lassen. 

Ohneruchtet diesem Werke die preussischen Zebentyerhält- 
jusse zum Grunde liegen; so hat dieser Gegenstand darum nicht 
minder grosses Interesse für jeden andern Staat, insofern jene 
Verhältnisse fast allenthalben nahe zu dieselben sind. 

Man kann daher jedem zehendpflichtigen Landwirth und 
jedem zeheutbereebtigten Landgeistlichen dieses Buch unbedenk- 
lieh zur Nachlese empfehlen, und zwar um so unbedenklicher 
als der Verfasser sich, in seinen Ablösungs- Vorschlägen nur 
von dem Geiste leiten läfst, welcher Recht und Gerechtigkeit 
gebietet, und insofern er, in dem möglichsten Schutze des Ein- 
zelnen, dem Ganzen förderlich zu seyn strebt. 

Er setzt die Ablösung als wesentlich noth wendig, zugleich 
aber ein vollkommenes Eutschädigungs— Aequivalcnt als obersten 
Grundsatz voraus, und betrachtet die Ausgleichung als einen 
Gegenstand der Uebereinkunft zwischen Pfarrer und Gemeinde 
wobei aber der Staat in der Stellung des Vermittlers auftritt* 
der sein Augenmerk unverrückt darauf hinrichtet, dafs weder 
der eine Theil etwas verliert, noch der andere zum Nachtheil 
jenes gewinnt. Die von ihm empfohlcue Art und Weise die- 
sen Zweck am besten zu erreichen, scheint Ref. ganz dazu ge- 
eignet, dem Zehentpflichtigen und Zeheutberechtigteo volle Be- 
friedigung zu gewahren, ^ 



dessen bei G. Fr. ffejrer. Betrachtungen über die Öffentlich- 
keit und Mündlichkeit der Gerechtigkeitspflege von A. Rittet 
von Feuerbjcuj königl. baicrischen Staatsrate, Präsiden- 

11 



iß z Feuerbach üb. Oeffentlk. u. Mdlk. d. Gerechtigk. Pfl. 

ten des Appellationsgerichts für den Rezatkreis etc. i8%i. 
S. 43°- 4 ß- 3 *r. 

Es bedarf keines weiten Zurückgeheus in der Literatur, um 
der Zeit sich zu erinnern, In welcher die Vertheidiger öffent- 
licher Rechtspflege, und einer auf die Grundlagen englischer 
Justiz gebauten Rechtsverfassung entweder als excentrische Köpfe 
höchstens mitleidig angesehen oder selbst des Jacobiuismus und 
gefahrlicher Neuerungen beschuldigt einer strengen Aufsicht un- 
terwarfen waren. Der Sinn für die höchsteu Interessen mit 
welchen die Forderungen und die Sehnsucht nach Verbesserung: 
der Justiz zusammenhingen, hatte steh verloren, das Andenken 
an die ehrwürdigen Formen der deutschen Rechtspflege war 
untergegangen, und wo es sich erhalten hatte, war der Ueber- 
rest zu einem erbärmlichen Gaukelspiele herabgesunken, wovon 
ein merkwürdiges Beispiel (nach dem Zeugnisse des Freiherrn 
y. Drais in seiner Geschichte der Regierung und Bildung von 
Baden unter Carl Friedrich. I. Thl. S. 60,) noch 1756 im Mal- 
bergischen vorkam, indem den Schöppeu, ehe sie zur Stimmen-' 
ablegung beim Blutgeiichte ausrückten, bei Leib - und Lebens- 
strafe verboten wurde, anders zu votiren als das schon vorher 
ausgefertigte Unheil lautete. In Zeiten, in welchen noch die 
Folter, wenigstens zur Ausmittelung unbekannter Mitschuldigen 
in Deutschland verth eidigt wurde, in welchen die Justiz so sehr 
die Achtung der Menschenwürde verloren hatte dafs sie die bei 
jedem Züchtlinge, der das Zuchthaus betrat oder verliefs, her- 
kömmlichen körperlichen Züchtigungen mit dem empörenden 
Scherze: Willkomm, und Abschied belegte, mufsten freilich die 
kühnen Verbesserungsvorschläge einzelner auf unfruchtbaren 
Boden fallen, und nur für eine kommende Generation konnte 
die Saat reifen. Nach harten Leiden und Kämpfen ist es end- 
lich in Deutschland dahin gekommen, dafs derjenige, welcher 
vor zwanzig Jahren (Ree. bedient sich des Bildes das der Ver- 
fasser in der herrlichen Zueignungsvorrede der Schrift an den , 
Staatsminister von Grohnann braucht) eingeschlafen wäre , um 
wie Epimenides jetzt wieder zw erwachen, glauben müfste, dafs 
ein Jahrtausend unterdessen über den Schläfer hinweggegangen 
sey! — was er suchte, würde er nicht wiederfinden, was er 
sähe , nicht mehr wieder erkennen. — Das ewig denkwürdige 
Jahr «8i3, das Jahr der Wiedergeburt der Freiheit Deutsch- 
lands, gab auch der Stimme, welche die bestehende Rechts Ver- 
fassung bekämpfte und Umgestaltung verlangte, Kraft und Nach- 
druck. U eberall fehlte es nicht au empfänglichen Gemutbern, 
welche gerne die Stimme der Verbesserung horchten. Die Schule 
der Leiden hatte auf manchen grossen Zusammenhang aufmerk- 




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Fcuerbachüb.Oeffentlk.p.Mdik.d.Gerechtigk.Pfl. i63 

sam gemache, das Schlechte und Erbärmliche hatte in der letz- 
ten Zeit offen sich zur Schau getragen, und immer mehr solche 
Anhänger verloren, welche den tauschenden Lockungen so 
lange trauten bis die Maske abfjeworfcu war; überall hatte der* 
rastlos vorwärts schreitende Geist eines neuen Lebens an den 
Instituten gerüttelt, manche grosse Idee welche den Einrichtun- 
gen des Staates zum Grunde lag, mit welchen Deutschland in 
eine oft traurige Verbindung gekommen war, hatte schnell 
auch in Deutschland das Bürgerrecht sich erworben, die überall 
in den neuen Gesetzen wenigstens ausgesprochene Achtung der 
bürgerlichen Freiheit, die dem Volke zugesicherte Thednahme 
an öffentlichen Geschäften, und viele unverkennbare Vortheile 
öffentlicher Rechtspflege hatten den neuen Instituten Anhänglich- 
keit bei dem grossen Thcile der Nation verschafft. Ab vor- 
xüglich durch die Abtretung mehrerer einst deutschen in den 
letzten Jahren mit Frankreich vereinigten Provinzen an deutsche 
Staaten die Frage über Beibehaltung des französischen Verfah- 
rens oder Einführung der im Mutterstaate geltenden Rechtsver- 
fassung entschieden werden mufstc, wurde die ernste Prüfung 
der Ausbeute und der Vorzüge der neuen Institute in Verglei- 
chung mit den deutscheu Fo meu und Einrichtungen ein unab- 
wcisliches Bcdürfuifs, und das grosse königliche Wort in der 
preussischen Kabinetsordre vom 20. Juny 1816: Ich will, dafs 
das Gute überall, wo es sich findet, benutzt, und das Rechte 
auerkannt werde, die Niedersetzung einer eigenen zur Prüfung 
bestimmten aus den achtungswürdigsten Mäuuern bestehenden 
Cominission waren völlig geeignet, jeden Freund der Wahr- 
heit zu beruhigen und zu grossen Erwartungen zu berechtigen. 
Noch schien aber die Zeit nicht gekommen zu sevn, in welcher 
ruhig und leidenschaftlos der grosse Streit über Einführung 
neuer Formen geführt werden sollte. Die im kurz vorhergegan- 
genen politischen Kampfe entfesselten Partheien waren uoch 
nicht beruhigt, die Stürme der Leidenschaften hatten noch nicht 
geschwiegen. Wohl fühlten viele, dafs die Einführung der 
neuen Institute nicht ohne Verletzung alt hergebrachter Rechte, 
nicht ohne Verrückung des Sorgeustuhls der Bequemlichkeit ge- 
schehen könnte. Manche mistrauisch gegen alles Neue hielten 
es für Pflicht, zu warnen. So hiefs Einigen, welche die Deutsch- 
heit im Munde führen ohne das Gefühl derselbeu in der Brust 
zu haben , jede Anpreisung öffentlicher Rechtspflege und der 
damit verwandteil Institute, Franzosenthum; Andere, welchen 
die Worte: Verfassung, Oeffcutlichkeit, Verantwortlichkeit, 
Schreckensworte sind, weil sie den Schleier von manchen Wer- 
ken der Fiusternifs nicht wegreissen lassen wollten, suchteu die 
Freunde der Oeffentüchkeit als gefahrliche Neuerer zu verläum- 



< 

i64* Feuerbachüb. Oeffentlk.u.Mdlk. d. Gerechtk.-Pfl. 

den, die Stimmen der Macht}.' aber gegen sie zn lenken und 
zu beweisen, dafs es nur ein kleines Häutlein excentrischer 
Schriftsteller sey, welche nicht das Leben in seinen grossen Be- 
wegungen und in den einmal notwendigen Veihältnissen auf- 
zufassen vermögend, ewig nur in eiuer selbstgeschaffeiien VN clt 
lebten, und verlangten, dafs alles nach den in der Studirstube 
ausgebrüteten Idealen sich gestalte. Andere, welche entweder 
in ihrem Leben nie öffentliches Verfahren in der Wirklichkeit 
keimen gelernt, oder höchstens als unvorbereitete oder parteii- 
sche Zuschauer, oder auch als Mitglieder, aber mit schlechtem 
Erfolge, und daher als erbitterte Gegner Theil genommen hat- 
ten, andere, welche in der OefFentlichkeit ein Gespenst sich 
dachten, und das ehrwürdige Heiligthum der Theinis gefährdet 
glaubten, andere, welche die Rechtswissenschaft selbst, die sie 
sich nicht anders als ein Kastengut und mit geheimuifsvollen For- 
meln denken konnten, für bedrol t hielten, suchten durch ein 
Aufsuchen aller möglichen skandalösen Anekdoten aus der fran- 
zösischen oder englischen Justiz, durch eine Nachweisuug, wie 
wenig die OefTeutlickeit mit den bisherigen übrigen Instituten, 
mit Vorschriften der Gesetze vereinbar se>t und durch ein An- 
häufen von Gründen gegen die OefFentlichkeit/ wie. jeder sie 
beliebig sich construirt und so schwarz als möglich gemalt hat- 
te, um sie dann desto besser bekämpfen zu können, die dro- 
hende Gefahr abzuwenden, und eine nicht geringe Zahl von Geg- 
nern der OefFcntlichkeit , die zu wohl fühlten, welch erbärmli- 
che Figur sie bei der öffentlichen Rechtspflege spielen würden, 
wahrend sie bisher glücklich das Gcrichtsgeheimnifs vor unberu- 
fenen Zuschaucru und Zuhörern sch ützte, gesellte sich gerne 
zu dem Kreuzzuge gegen die neue Rechtsverfassung. 

Als zuerst mit Umsicht und . c achkcnntnifs nach würdiger 
Berathung von den ehreuw erthen Vertretern der Nation auf dem 
Landtage in Baiern, in dem Laude, das in so vieler Rück sieht 
seinen Nachbarn vorausgeeilt ist, und schon die Früchte mancher 
lauge vor Jahren bereits gemachten Experimente geniefst, wah- 
rend andere Staaten erst beratheu, ob sie denu den Versuch 
wagen sollten, als von den Vertretern dieser Nation die Ocf- 
fcntlichkeit iu Antrag gebracht wurde, als Mitglieder aus allen 
Standen den lebhaftesten Antheil aussprachen, da vvollte es mit 
dem Geschrei nicht mehr gehen, dafs nur ein paar gedungener 
oder excentrischer Schriftsteller als Ritter der Oeneutlichkeit 
auftreten. Man mufste alJmahlig eiuseheu, dafs der Forderung 
der OefFcntlichkeit andere grosse Forderungen zum Grunde lagen, 
dafs sie mit einer veränderten Ansicht der politischen Verhältnisse, 
mit dem Erwachen eines lebendigen Sinnes des Volkes, für die 
grossen Angelegenheiten de* Vaterlandes zusammenhange, und 



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Feuerbach üb. Oeffentlk. u. Mdlk. d. Gerechtk.-Pfl. i G5 



dafs der Kampf gegen die Oeffentlichkeit ein Kampf gegen die 
Allmacht der Idee sevu würde, welche einmal erwacht durch 
keine Mac t der Erde zum Schweigen gebracht werden kann. 
Was der geistreiche Berenger von der Ohnmacht des Versuchs, 
eilten Schriftsteller, der politische einmal anerkannte, Wahrheiten 
predigt, zu bestraten, sagt: votts punissez un eerhain pour avoir 
procta>ne des verites qu'il croit utiles: aussitöt vingt ecrivains 
entrent dans la lice et loin d'e'tre effrayes ds repelcnt les nienies 
veritts üs les repe'.ent sous vosj'eux. Quipcut donc les enhardir, 
d braver et vos cachots et vos fffrets? c'tst , quils croient voir 
la nation derriere eux, c'est qu'il leur semble entendre la voix 
de Vopmion , qui les anime et les soutient etc. pafst auch auf ie- 
deri -chriitsteller, der Öffentlichkeit vertheidigt. Nur selten mehr 
ertönt die Stimme der Gegner; mag auch z. B. ßesekorner (in 
seiner * chrift die Grundziigc eines ' ieWinwescns I. Thl. S. 20,4) 
uns versichern, dafs bei dem deutschen Crimiualverfahren alles 
— die Hauptpunkte wie die Ncbenpuukte — öffentlich sey, 
wahrend bei den Engländern und Franzosen nur das Ausserwe- 
sentliche. öffentlich wäre, mag aucli noch znweilen, wie z. B. in 
einer muen Schrift (über das Forum der administrativ - conten« 
tiosen ^achen. Ulm 1821 S. 47) noch behauptet werden: »man 
frage doch die ruhigsten und besonnensten Menschen aus dem 
Volke, ob nicht die OeiTentlichkcit unserer Ständeversammlungen 
schon einen widrigen Eindruck auf sie machte, wozu soll die 
Oeffentlichkeit der Gercchtigkeitspflege nützen?« so tauschen doch 
dergleichen Stimmen nicht mehr. — Allein noch ist die wichti- 
ge Angelegenheit nicht entschieden, mit einem Antrage auf Ein- 
führung der Oeffentlichkeit ist nichts gethan, und die Vcrthei- 
diger der Publicitat haben selbst häufig durch den Mangel einer 
klaren Vorstellung der guten Sache mehr geschadet als genützt, 
weil bei dem neuen Thurmbauc keiner den anderen verstand, 
da jeder eine andere Art der Oeffentlichkeit im Sinne hatte. 
Einige, die glaubteu, dafs sie wie der Theaterdirector in Faust 
wohl wüfsten, wie man den Geist des Volks versöhne, glaub- 
ten, dafs sie alle Forderungen erfüllt hätten, wenn sie ein Ju- 
stizschauspiel aufführten, in welchem Herr und Knecht, das Weib 
mit ihrem Strikstrumpfe, und der Knabe der eben nicht spielen 
mag, 111 trauter Eintracht wie auf den Bänken des Schauspiel- 
hauses bunt durch einander sässen , um nach geendigtem Prozes- 
se zuzuhören, wie dem armen Teufel von Iinjuisiten all seine in 
den bisherigen Akteubergen aufgehäuften Aussagen noch einmal 
vorgelesen und mit der Frage beschlossen würde, ob er uichts 
mehr hinzuzusetzen wüfstc. Dafs die Oeffentlichkeit nicht we- 
gen des Publikums allein da sey, dafs diese nur die untergeord- 
nete Rücksicht gewähre, schien fliesen Gesetzgebern gar nicht 



1 66 Feuerbach üb. Öeffentlk. u. Mdlk. <L Gerechtk .-Pfl. 

einzufallen, dafs der Angeklagte die Zeugen zu sehen und zu 
hören ein Urrecht habe, schien gar nicht der Beachtung werth 
zu seyn 7 manche kamen sogar dazu, die Oeffentlichkeit nur auf 
diese Vorlesung der Aussigen /u beschränken, liessen dann die 
Akten zum Spruche an ein anderes Gericht versenden, das deu 
Angeklagten gar nicht zu Gesicht bekam, und schriebeu für das 
Gericht eine gesetzliche Beweistheorie vor. Vergessend, dafs 
die wahre Oeffentlichkeit eben darin bestünde, dafs das erken- 
nende Gericht den Totaleindruck der ganzen Verhandlungen er- 
hielte, dafs nur auf die vor dsm Gerichte abgelegten Aussagen 
Urthcil gebaut werden dürfe , überredeten sie sich der Nation 
'Oeffentlichkeit gegeben zu haben, die in nichts weiter bestand, 
als dafs die Thüre der dumpfen schmutzigen Gerichtsstube ge- 
öffnet werden „durfte, und etwa la oder 20 Personen in der 
Amtsstube gegenwärtig sejqp konnten. Viele hatten, wenn sie 
von Oeffentlichkeit sprachen , nur die des französischen Prozes- 
ses im Sinne, sie schienen vergessen zu haben, dafs der franz» 
Civilprozefs gerade in dem wichtigsten Punkte bei der Aufnahme 
des Zengenbeweisses inconsequent wurde, indem er die Ver- 
nehmung der Zeugen nur in Gegenwart eines Gerichtsdeputirten 
anordnet und dem Tribunal, wclehes nur auf den Grund der 
in der Sitzung vorzulesenden Zeugen protokolle entscheiden mufs, 
«das wichtigste Mittel raubt, durch eigene Wahrnehmung, durch 
Gegenwart bei der Zeugenvernehmung selbst, den zuverlässig 
gen und vollständigen Eindruck Von der Glaubwürdigkeit der 
Zeugen und ihrer Aussagen zu erhalten; diejenigen, weiche die 
Oeffentlichkeit des französischen Criminalprozesses anpriesen, schie- 
nen nicht zu beachten, dafs sie nur Zuschauer und Zuhörer im 
Parterre waren, dafs aber zur gründlichen Beurtheilung des 
Verfahrens es noth wendig sey, das bekanntlich geheime Verfah- 
ren selbst zu beobachten , um in der Nähe auch hinter dem Vor- 
hange und den Coulissen die Scenen zu besehen, Welche bei 
dem Glänze der Lichter den ferne stehenden und mit der Thea- 
tcrmalerei nicht bekannten Zuschauer blendeu und entzücken 
können. Rccens. , der seit Jahren häufig an verschiedenen Orten 
Zeuge öffentlicher Cr iminal Verhandlungen war, gesteht aufrichtig, 
dals er die Öffentlichen Sitzungen der Assisenhöfe immer noch mit 
hoher Achtung verlassen und sich unbedingt überzeugt habe, 
dafs alle Einwendungen, welche man gegen Oeffentlichkeit ge- 
macht hat, am besten durch eigene Anschauung sich beseitigen 
lassen, er gesteht, dafs der Gang des französischen Criminal- 
. Verfahrens von dem Momente an, als der Angeklagte in der öf- 
fentlichen Sitzung des Assisenhofes erscheint, bis auf wenige 
leicht zu ändernde Punkte, unfehlbar den Vorzug vor dem deut- 
schen geheimen Verfahren, wie es in den meisten deut- 
schen Staaten noch gilt, Ree. gesteht aber anch eben so 



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Feuerbachüb.OefFentUc.u.Mdlk.d.Gerechtk.-Pfl. 167 

aufrichtig, dafs er in Rücksicht des Vorverfahrens , welches er aus 
einer grossen Zahl französischer Akten und durch eigene Ver- 
folgung bis in die klcinsteu Punkte des Gcrichtsgebrauchs ken- 
nen gelernt hat, keinen Vorzug des französischen Verfahrens 
vor dem deutschen gefunden habe. Das französische Gesetzbuch 
ist ollenbar in Ansehung der Präliminar -Instruction zu kurz uud 
lucken'.aft und überlafst zu viel der Willkür der darin handeln- 
den Beamten, welche zu leicht in eine der Wahrheit schädliche 
feindliche Wechselwirkung kommen. Wenn auch der Instruk- 
tionsrichter die natürliche, ruhige, leidenschaftslose Stellung un- 
verrückt beibehält, so mafst sich dagegen die Staatsbehörde zu 
pcnie zu viele Instructionsacte an; durch eine unfehlbar unrich- 
tige Auslegung des clame.ur publique durch die gesetzlich (Art. 
40 4* Code d' Instruction J gemachte Ausdehnung der Befugnis* 
•e der Staatsbehörde im Falle des delit flagrant übt die Staats- 
behörde ein entschieden ihrer Stellung als öffentlichen Ankläger 
widersprechendes Recht der Vernehmung des Verdachtigen aus, 
und der Gerichtsgebrauch findet kein Bedenken, dem Staatspro- 
kurator das Recht fortgesetzter Vernehmungen zu geben, unge- 
achtet Art. 45 (s. auch Carnot Instruction criminelle Tom. /. 
j>. 43.5 ) die schleunige Ablieferung der Acten an den Un- 
tersuchungsrichter verlangt; und .den verdächtigen sous la main 
de la Justice stellt. Nur zu leicht überläfst sich die Staatsbe- 
hörde dem Amtseifer, sieht überall Verbrechen und Verbrecher, 
und nimmt oft in der besten Absicht es mit den Mitteln nicht 
so genau, durch welche sie zum Ziele kömmt; (welche nicht 
übertriebene Klagen die französischen Schriftsteller über diese 
Ausdehnung der Macht der Staatsbehörde äussern , zeigt in neue« 
ster Zeit kräftig Bavoux in seinen lecons prehminaires sur le Co» 
de penal p. 6%% ). Die Staatsbehörde stellt sich zu leicht in 
Verbindung mit der geheimen Polizei l und läfst sich zu ver- 
ächtlichen Mitteln derselben herab, sie unterhalt mit besol- 
deten Spionen Einvcrständnifs, und erlaubt sich jede List, um 
nur Geständnisse zu erhalteu; sie halt sich für befugt, wenn 
der Untersuchungsrichter auf ihren Antrag einen Verdächtigen 
nicht verhaften lassen will, au das Tribunal erster Instanz sich 
zu wenden, und wenn auch dies die Verhaftung als noch nicht 
gegründet erkennt, verfolgt sie die Klage weiter an den Appel- 
latioushof. Wer mag darin die ruhige würdige Stellung des 
Anklagers der im Namen des Gesetzes auftritt, erkennen? Eiu 
Theil der Vertheidigcr der französischen Öffentlichkeit scheint 
selbst gar nicht zu wissen, dafs die französische ein sehr empö- 
rendes nicht selten angewendetes Mittel kennt, den Ver- 
dächtigen au secret zu setzen; ein Mittel, das. der deutschen 
Folter nicht sehr unähnlich "ist und viel schrecklicher wird, da 



i68 Feuerbach üb. Oeffentlk.m.Mdlk.d.Gcrcchtk.-Pn. 



das Gesetz sich darum gar nicht kümmert, und nur die Will- 
kür der Beamten entscheidet. Mögen alle, die sich die unbe- 
dingte Einführung des französischen Prozesses (auch des Ver- 
fahrens in der Voruntersuchung wünschen) nur die Schilderun- 
gen Bercnger's de la justice criminelle p. 38 J ^ und die neueste 
Schrift von Dupin: Observations sur plusieurs points etc, p. j$ 
lesen;! — Am schlimmsteu war es noch, dafs mau in Deutsch- 
land, wenn man die Einführung der OefFentliciikeit verlangte, 
an die Ungeheuern Erschütterungen nicht dachte, welche die 
ganze Gerichtsverfassung und die Ree' tspflegc im Civil- wie" 
im Criminal - Verfahren eben so wie die Civil- und Criminal- 
Getetzbücher selbst erleiden mufsten, wenn die neueinzuführeu- 
de Ocffentlichkeit kein hohles Wort und eine in sich selbst zer- 
fallende Form werdeu soll, an welcher bald selbst diejenige 
keine Freude haben sollen, welche für ihre Einführung stimm- 
ten. Wahre Public ität des Verfahrens ist keine Pflanze, die 
überall auf jedem Boden der für sie gar nicht zubereitet ist, 
und unter jedem Himmelsstriche gedeiht, sie verlangt organische 
Umgebungen, sie ist nicht mit Einzelnrichtern, sie ist nicht mit 
einer Verfassung verträglich in welcher die Justiz noch gar nicht 
von der Verwaltung getrennt ist; sie, eingeführt bei unserer 
deutschen, in den meisten Staaten noch bestehenden Verfassung 
der Aemter und Gerichte auf dem Lande, eingeführt bei der 
noch geltenden Patrimonialgerichtsverfassung , wäre ein neuer 
Lappen, der dem alten Kleide aufgeflickt würde, uud das alte 
Kleid jetzt nur noch lächerlicher machte. Die Grundmaximen 
des Verfahrens müssen selbst durch Einführung der Ocffentlich- 
keit erschüttert werden, z. B. im Civilprozesse die Eventualma- 
xime, die ganze Einrichtung der Partheienschrifteir, z.B. in An- 
sehung des Punktes, ob die Rechtsausführuugea auch noth wen- 
dige Theile der Schriften seven; die ganze bisherige Art der 
Beweisführung, z.B. bei dem Zeugenbeweise wird durch'Oef- 
fentlichkeit eben so sehr, als das bisherige System der Rechts- 
mittel erschüttert. Im Strafprozesse erhalt die ganze Trennung 
der General- und Special- Untersuchung, wenn wahre Öeffent- 
Jichkeit eingeführt wird, eine andere, und zwar ihrem wahren 
Wesen wieder entsprechende Bedeutung, und es zeigt von dem 
völligen Verkennen der v/ahren Ansicht, wenn z. B. der Verf. 
eines neuen Entwurfs, der angeblich auf Oeffcntiichkeit gebaut 
sevn soll, behauptet, dafs auf den Unterschied der General -und 
Special -Untersuchung nichts weiter ankomme, oder wenn in ei~ 
nem andern Entwürfe die Special -Untersuchung in dem Sinn, 
wie sie z. B. im Baieri sehen Getetzbuche vorkömmt, aufgestellt 
und nur am Schlüsse ein Actenau zug öffentlich vorgelesen wird. — 
Ree. findet kein Bedenken, zu gestehen, dafs eine halbe Oef- 



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Feaerbach üb. Oeffentlk. u. Mdlk. d. Gerechtk.-Pfl. \ 69 



fentlicbkeit schlechter als gar keine ist, weil sie eine Täuschung 
des Volkes enthalt, dessen gerechte Forderungen auf etwas ganz 
anderes gtengen, als man gab, weil der Gesetzgeber, der soge- 
nannte Oeffentlichkeit eingeführt hat, sich einbildet, dafs er den 
Forderungen der Zeit Genüge geleistet habe* und dadurch die 
Einführung eines auf wahre Oeffentlichkeit gebauten Gesetzbuchs 
um Jahrzehnde wieder verzögert wird» da vor der Hand we- 
iiigstens etwas geschehen ist , weil vorzüglich durch eine Pseudo* 
Oeffentlichkeit die Ansichten des Volks irre geführt werden, 
und das Gute, welches man sich in gerechter Erwartung ver- 
sprach, eine solche frazenhafte Jfatur in der neuen Gestalt an- 
nimmt', dafs allmählig selbst der Sinn für das Gute unterdrückt, 
das Interesse und die richtige Ansicht des Volkes zerstört wird. 

Unter diesen Verhältnissen bei diesen Verschiedenheiten der 
Ansichten über Ocffeutlichkcit, war die Erscheinung eines Wer- 
kes Bcdürfnifs, dessen Verfasser lange schon als einer der aus- 
gezeichnetsten genialen Rechtsgelchrten allgemein verehrt war, der 
mit seltener Kenntnifs der Geschichte der Völker mit geschärf- 
tem philosophischem Blicke die Gabe richtiger und sicherer Be- 
obachtung mit einem Schatze des theoretischen Wissens und 
einer Fülle von Erfahrungen verbindet, und selbst durch vi elf a* 
che Amtsverhaltnissc, als Gelehrter, als Mitglied eines in Deutsch- 
land hochverehrten Justizministeriums und seit einigeu Jahren als 
Chef eines geachteten Appellationshof es vor vielen berufen war, 
über einen Gegenstand zu reden, welcher im nahen Zusammen- 
hange mit einem andern stand, der dem Verfasser schon i8i3 
eine classische Bearbeitung verdankt. In einem Werke über 
Oeffentlichkeit raufste, wenn es der grossen Aufgabe entspre- 
chen sollte, vorerst das Wesen der Oeffentlichkeit erforscht wer- 
den, es mufste, weil nur dadurch eine lebendige Anschauung 
des Rechts gewonnen werden kann, auf dem historischen Wege 
die Ansicht der Völker von Oeffentlichkeit zugleich mit deu ver- 
schiedenen Formen verfolgt werden, unter welchen bei Völkern 
von verschiedener Kultur die Publicität erschien, es mufste der 
Zusammenhang der Oeffentlichkeit mit allen verwandten Institu- 
ten, mit den Forderungen die als consequente Folgerungen sich 
aus der Oeffentlichkeit ergeben, mit allen Umgestaltungen, die 
sie verlangt, nachgewiesen werden. Es kam in einem solchen 
Werke nicht darauf au, im Gewände einer gelehrten Deduktion 
oder in steifer Actcnsprache einen Gegenstand zu behandeln, 
welcher eine grosse Volksangclegenheit geworden, darauf rech- 
nen konnte, dais die ihm gewidmete Schrift nicht im engen Krei- 
se der Gelehrten bleiben, sondern bald ein Gemeingut aller Ge- 
bildeten des Volks aus allen Ständen werden würde. Ein Werk 
der Art mufste durch die Tiefe der wissenschaftlichen Forschun- 



1 70 Feuerbach üb. Oefl entlk. u. Mdlk. d. Gerechtk.-Pfl. 

gen, durch das sorgfältige Verfolgen aller möglichen Beziehun- 
gen des Gegenstandes, den wissenschaftlich gebildeten Staatsmann 
und Juristen befriedigen und durch die Klarheit der Begriffe 
durch die Lebendigkeit des Vortrags jeden Nichtjuristen über- 
zeugen. Es bedarf in diesen Blättern nicht der Versicherung 
des Rccens., dafs das uns vorliegende Werk jede Forderung 
befriedigt, und zu den bedeutendsten Wcrkcu der deutschen 
Literatur gezahlt werden mufs. Das Ergebnifs seiner Betrach- 
tungen bat der Verf. S. 4oo selbst ausgesprochen; i. die Par- 
theien sollen vor dem urtheilenden Gerichte mündlich ihre Sache 
vortragen, wobei die Prozefsgesetzgebung dafür zu sorgen hat, 
dafs, -zumal bei verwickelten Rechtssachen, dies Gericht eines 
siebern schriftlichen Leitfadens nicht ermangle. 2. Den, mündli- 
chen Verhandlungen zum Erkenntnifs (welche die Stelle des 
Vortrags durch Berichterstatter vertreten) geht in bürgerlichen 
Rechtssachen ein schriftliches Vorverfahren durch eingereichte 
Wechselschriften voraus, um den Streit zu ordnen, und den 
Stand der Sache fest zu stellen. 3. Jeder Parthei steht es frei, 
durch einen Fürsprecher ihre Sache zu verhandeln. 4« Die Ver- 
waltung der Gerechtigkeit d. h. nur Beurtheiluug und Entschei- 
dung streitiger Rechtssachen soll nur kollegialisch zusammenge- 
setzten G crichten übertragen seyn. Man hat nicht selten dies 
oben angegebene Resultat als das Ergebnifs der ganzen Schrift 
angesehen, allein mit Unrecht, es bezieht sich dies nur auf die 
Mündlichkeit des Verfahrens , deren Wesen der Verf. in der 
zweiten Abtheilung (ans 10 Hauptstücken bestehend) betrachtet 
hat, während die erste Abtheilung die Oeffentlickkeit der Ge- 
richte in 9 Hauptstücken untersucht Der Verf. trennt S. a5 
eine unmittelbare und mittelbare Oeffentlichkeit, und nennt die 
erste jene, durch welche die gerichtlichen Handlungen selbst 
ein Gegenstand der eigenen sinnlichen Wahrnehmung Anderer 
werden , während bei der zweiten Andere nur durch Zeugnisse, 
und zwar bei uns durch urkundliche gerichtliche Zeugnisse von , 
dem Geschehenen in Kenntnifs gesetzt werden; die zweite ist 
(S. 29) nur unvollständig, weil der Weg vom Wollen durch 
das Thun und Handeln bis zu dem bekundendcu Papier oft ein 
sehr langer ist, auf welchem Manches geschehen kann, welches, 
wenn es bekannt wäre, die Kraft des ganzen Ergebnisses zer- 
störte, nur unmittelbare Oeffentlichkeit ist wahre, eine blos ört- 
liche kann mit westphälischen heimlichen Gerichten und einer 
Justitz der Grönländer bestehen (S. 3i) zur persönlichen gehört 
(S. 35 ) dafs sie ausser den eigentlichen Richtern bei Ausübung 
des richterlichen Amtes auch die Gegenwart anderer Personeu 
fordert oder gestattet; darnach ist sie i. Oeffentlichkeit in Be- 
zug auf die Partheien selbst (S. 36) oder 2. erweitert auch auf 



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Feuerbach üb. Oeffentlk. u. Mdlk. d. Gercchtk.-Pfl. 1 7 i 



»nbetheiligte Zuhörer (S. 37). Nach der Verschiedenheit (des 
Rechtsgrundes aus welchem, und des Zwecke« für welchen das 
Volk bei Ausübung der Richtergcwalt zugegen ist (S. 3o — 5o) 
ist die OefTeutlichkeit verschieden, je nachdem das Volk selbst 
richtet oder das Richteramt duroh Magistrate ausüben läfst, oder 
in despotischen le'iden sich verhält, oder in verfassungsmässigen 
Monarch ieen seine gesetzliche Stellung bewährt. Nach Verschie- 
denhejt des Umstandes, welche gerichtliche Handlungen in den 
Kreis der Oeffentlichkeit gezogen, oder von dieser ausgeschlos- 
sen sind, nimmt der Verf. (S. 5i) absolute Oeffentlichkeit nur 
da an, wo ohne Ausnahme alle Gerichtshandlungen in Gegenwart 
der Partheien und des Publikums, und alle Handlungen der 
Partheien vor diesem öffentlich versammelten Gerichte geschehen; 
beschränkt ist die Oeffentlichkeit, je nachdem der Anfang des 
Rechtsstreits oder das Ende desselben verborgen ist, das erste 
ist der Fall, wenn den Streitsverhandlungen vor dem erkennen- 
den öffentlichen Gerichte zur Begründung und Befestigung des 
Streits, Verhandlungen unter den Partheien selbst vorgehen, das 
zweite, wenn die Richter die Abstimmung und Urtheilsfindung 
im Gebeimen verrichten. Der Verf. schaltet hier einige Betrach- 
tungen (S. 56 — 6i) über die Voruntersuchung im Crimiualpro- 
zesse ein, er gesteht, dafs es zwar dem Begriffe der General- 
Untersuchung nicht widerspreche., wcw\ dies Verfahren auch 
öffentlich gedacht werde, allein es steht nach seiner Meinung 
die Oeffentlichkeit mit dem Gedanken au Erreichbarkeit der 
Zwecke dieses Verfahrens selbst in einem auffallenden Wider- 
spruche, daher dies Verfahren, nicht ausgenommen die gericht- 
liche Verhandlung und Entscheidung über die Frage der Verse* 
zung in den« Anklagestand, als nicht öffentlich angenommen wer- 
deu mufs. Ree. beklagt es, dafs der Verf. nicht ausführlicher 
seine Gründe zu dieser Ansicht augegeben hatj es ist wohl ei- 
ner .der wichtigsten Punkte, in wie ferne gerade in dem 
Vorverfahren Publicität möglich ist. Recensent giebt zu, dafs 
durch die nachfolgende öffentliche Verhandlung einige Zwecke, wel- 
che die Oeffentlichkeit des Vorverfahrens fordern, erreicht werden 
können, indem das Geheime in der öffentlichen Sitzung an das 
Licht gezogen wird, daher derjenige, welcher im Geheimen Bö- 
ses zu verüben Lust hätte, die Geisel der spätem Publicität 
scheuend sich hüten wird. Allein* erwägt man, dafs der Straf- 
prozefs doch der Sache nach und als ein Uebel gedacht, schon 
in dem Momente beginne, wo der Bürger als angeschuldigt er« 
klärt, summarisch vernommen, oder doch, wo er verhaftet wird, 
erwagt man, dafs er von diesem Augenblicke an, beraubt der 
nöthigen Ruhe seines Geistes, abgeschnitten von der Berathung 
mit Rechtsgelehrteu, den Händen eines im Amtseifer leicht ex- 



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1 72 Feucrbacb üb. Oeffcntlk. u. Mdlk. d Gerechtk.-Pfl. 



cedirendcn Beamten Preis gegeben ist, dafs die Qualen, welche 
der Iiiquircnt dem Angeschuldigten zufügen kann, und die Fol- 
gen der geistigen Folter nicht ungeschehen gemacht werden kön- 
nen , wenn auch in der öffentlichen Sitzung manches darüber be- 
kannt wird, erwägt man dafs in diesem Vorverfahren, das nach 
Belieben verlängert werden kann, schon die Aufnahme von Be- 
weisen vorkommt, welche später benutzt werden, auf welche 
selbst eine Verurtheilung erfolgen kann, erwägt man das Ur- 
recht jedes Bürgers gegen jeden Mifsbrauch der Beamtengewalt 
sicher gestellt zu werden, so kann man nicht den Wunsch un- 
terdrücken, dafs Publicität schon im Vorverfahren eingeführt 
werde, ohne dafs es eben diejenige zu sevn braucht, welche 
dem Hauptveriahren zum .Grunde liegt. Es verdiente ein ern- 
stes Nachdenken, ob nicht das französische Gesetz vom 9. Oclbr. 
4789 über Reform einiger Punkte der Criminal- Gesetzgebung 
(in liondonean cbllection generale Tom. I. p. 33) benutzt wer- 
deu könnte. Darnach wurden vom Anfange des Prozesses an 
iu allen Verhandlungen gewählte Notables beigezogen, welche 
verpflichtet waren : en leur ame et conscience de faire au jage 
des obsenations tant d charge qu'ä decharge. Vom Momente 
an als ein Bürger verhaftet wird, hatte er das Recht, sich Ver- 
teidiger zu wählen, welche frei mit ihm sich unterhalten konn- 
ten j der Vertheid iger konnte bei allen Zeugenvernehmungen und 
andern Akten der Untersuchung gegenwärtig seyn, und nach 
dem Ende des Acts dem Richter die geeignete Bemerkungen 
machen. Sollte es nicht möglich seyn, ähnliche Vorschriften ein- 
zuführen? Sollte nicht eine Art von Publicität durch Beiziehung 
von zwei rechtlichen Bürgern zu jedem Akte der Voruntersu- 
chung möglich werden? Würden so grosse Bedenklichkeiten ge- 
gen das Reclrt des Angeschuldigten sprechen, sich schon vom 
Momente der Verhaftung au einen Defensor zu wählen ? Recens. 
hört freilich schon die Stimmen derjenigen, welche ohnehin in 
neuerer Zeit lieber alle Advokaten verbannen möchten, und die 
es sich gar nicht als möglich denken, dafs der Advocat redlich 
und gewissenhaft seine Pflicht thue, ohne zu niederträchtigen 
Mitteln seine Zuflucht zu nehmen; er hört die Stimmen so vie- 
ler Inquircnten , welche versichern, dafs- nach Einführung sol- 
cher neuen Vorschläge es nicht mehr möglich sev, ein Gestäud- 
nifs zu erhalten. Freilich wiri,. wenn solche Publicität einge- 
führt würde, die Sitte aufhören müssen, nach welcher der In- 
quirent eijiem Mitgefangenen den Auftrag giebt, dfeu Angeschul- 
digten, der nicht gestehen will, auszuhorchen, nach welchem 
der Gefangenwärtcr angeblich vom Kameraden oder Mitschuldi- 
gen abgefafste Biüets dem Angeschuldigten bringt, damit der Ar- 
me sich verrat he. Allein schweilich ist dem Untergänge dieser 



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Feur rbach üb. Oeffentlk. u. Mdlk, d. Gerechtk.-Pfl. 1 ?3 

schändlichen Mittel nachzuweinen, und dafs Niemand das sogenannte 
mcttre au secrct vertheidigen wird, glaubt Ree. hoffen zu dürfen. 
Es ist hier nicht der Raum, die Einwendungen zu beseitigen, 
und die Ausführbarkeit der Vorschlage, so v\ie die Beschrän- 
kungen, unter denen sie empfohlen werden können, nachzuwei- 
sen. Was das ErkenntnifF der Versetzung in den Allklagestand 
betrifft, so scheiueu die Gründe, welche schon öfters und vor- 
züglich in neuerer Zeit in den Memoircs über Einführung der 
J ry im \Aaatlandc, IL Thl. S. 3j2 für die Notwendigkeit an- 
gegeben worden sind, dafs das Gericht, welches über Anklage 
erkennt, den Angeschuldigten selbst höre, überzeugend zu sevn. 
— In Ansehung der Öffentlichkeit der Hauptuntersuchung spricht 
der Verf. S. 59 die Meinung aus, dafs wenn reclusgelchrtc Rich- 
ter nach gesetzlich bestimmten Beweisgründen richten , eine schrift- 
lich geführte Hauptuntersuchung noth wendig sey, u. dafs, wenn 
Oeffentlichkeit statt finden soll, dies nur in so fern möglicii wer- 
de, dafs 'nach geschlossenen, urkuudJich beglaubigten Beweis- 
verfahren , der Angeschuldigte seiuen Richtern gegenüber gestellt 
und hier auf den Grund der geführteu Hauptuntersuchung öl* 
fcnüich angeklagt und vertheidigt wird; der Verf. bemerkt (S. 
6i) dafs zwar dies mehr zur Förmlichkeit und Feierlichkeit 
dienlich sevn wird, wenn man nicht noch anderes damit in Ver- 
bindung setzt, was zur Bekräftigung der ü esezlichkcit der Un- 
tersuchung und des Inhalts der Untersuchungsprotokolle uud zur 
Versicherung der Vollständigkeit aller Schutzmittel des Ange- 
schuldigten dienen kaun. Wir dürfen hoffen, dafs der Verf. 
diesen wichtigen, hier nur angedeuteten Punkt mit seinem Sc! arf- 
sinnc uud nach den Erfahrungen, welche er auf seiner letzten 
Reise nach Paris gemacht hat, in der nächstfolgenden Schrift 
erörtern werde j es ist dies um so notwendiger, als manche Le- 
ser der vorliegenden Schrift schon verleitet v ordeu . siud , zu 
glauben, dafs der Verf. in Crimiualsachcn die Oeffentlichkeit aar 
nicht für nothwendig halte, iudem er die Nichtöffentlich cit der 
Voruntersuchung klar (S. 58) auerkenne und S. Ol selbst geste- 
he, dafs dies Schlufsverhör nur zur Förmlichkeit dienlich seyit 
würde. Ree. kaun aber nach sorgfältigem Studium der Schrift 
diese Meinung nicht theilen, uud der Verf. selbst hat über die 
einzelnen Momente der OtÜentlichkeit sich zu bestimmt ausge- 
sprochen, als dafs die Anwendung auf den Strafprozefs schwie- 
rig sevn sollte. Wenn der Verf. -S. 98 klar ausspricht, dafs ein 
zur richterlichen Behandlung ausgestelltes Recht bei seinem Durch- 
gänge durch verborgeue gerichtliche Wege allerdings wesent- 
lich gefährdet sey, wenn er S. io4 überzeugend beweiset, dafs 
alle Zeugen in Gegenwart des Betheiligten vernommen werden 
müssen, wenn er S. 4 35 ein sehr niederschlagendes leider nur 



1 74 Feuerbach üb. Oeffentlk. u. Mdlk. d. Gerecfatigk. P0* 

xu wahres Bild von der Gestalt der Richterversammlungcn machfy 
wo er S. i64 selbst eben so kräftig als wahr sagt »wo die er- 
kennenden Gerichte nicht auf eigene Vernehmung des Ange- 
schuldigten, sondern blos auf dasjenige, was ihnen in den Ge- 
richtsprotocollen eines Untersuchungsriflbters vorgelegt wird, ver- 
dammen und lossprechen, wo diese über Leben und Tod, Frei* 
heit und Ehre entscheidenden Urkunden, ohne Beisevu auderer 
Personen bei geschlossenen Thören von einem Richter und sei- 
nem Schreiber aufgenommen werden , da sind die härtesten Na- 
men, welche die Sprache besitzen mag, noch nicht stark genug, 
um den heillosen Zustand einer Gerichtsverfassung zu bezeichne^ 
die genau so und nicht anders eingerichtet sejrn müfste, wenn 
sie absichtlich darauf berechnet wäre, Gewalt und Frevel jeder 
Art unter dem Richtermantel zu begünstigen;« wenn solche 
bestimmte Aeusserungen vorliegen , so kann kein Zweifel 
über die Liberalität der Ansichten des Verfassers obwalten. — 
Um das Wesen der Oefientlichkeit zu entwickeln, fand der 
Verf. es nothwendig den Geist der altdeutschen Gerichtsöf» 
fentlichkeit darzustellen (S. 62 — 85.) und dies Kapitel eut- 
halt einen Schatz höchst wichtiger interessanter historischer 
Forschungen, da der Verf. vorzüglich mehrere von den Ger- 
mauisten gewöhnlich nicht beuutzte Urkundensammluugen , z. B, 
Lori Geschichte des Lcchrains, Kreimers Landtagshandiungen 
benutzt hat. Der Verf. entwickelt hier S. 67. die alte Ding- 
püichtigkeit, S. 74. die zweckmassige Ausschliessung aller Un- 
genossen vom Gerichtsplatze, S. 72. das Wesen der Dingpflich- 
tigkeit, in so ferne als die Pflichtigen ergänzende wesentliche 
Bestandteile des Gerichts selbst waren, theiis als Urtheilsfinder, 
theils als rechtsgültige Zeugen, S. 77. zeigt der Verf. dafs bis 
tief in das XV. Jahrhundert auch in Baierii alle Biederleute an 
der Schranne des Urtheils gefragt wurden, und dies erst da- 
durch dafs die Menge auf ihren Eid demselben Folge gegeben, 
seine Rechtskraft erhielt. (Es würde nicht schwer hallen die 
Belege hiezu auch von anderen Läudcrn zu vermehren. Viel 
Unbenutztes findet sich noch in Ild. von Arx. Geschichte von 
Buchsgau S. 96. in den Verhandlungen van het Groninger 
Genootschap pro excollendo perl patrio IL vol. p. 38$. Ei neu 
interessanten Beweis * der Urtheilsfindung durch den Umstand 
enthalt eine Urkunde v. 1234 in Chr. Böhme Abh. über die 
Todtheilung mit ihren Folgen, wo es klar heifst: quaesitum est 
per sententiam et inventum per honest um virum Gogonem de 
Zamingen omnibus qui tunc affuei-e laudantibus ). Zur Ge- 
schichte des Verhältnisses der öffentlichen placita und gewisser 
geheimen Gerichte, mit welchen unfehlbar die Weslphälische« 
heimlichen Gerichte zusammenhangen, trüge besonders die Ver* 



1 

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Feuerbach iib.Oeffentlk. u. Mdlk. d. Gerechtigk.Pfl. 1 7z 

fül^uog der alteu fimelthin g ß s bei, welche in Friesland und 
dach Ihre - Zeuguifs selbst in Schweden vorkommen. Ist viel- 
leicht daraus nicht das bei Guden cod dipl. tont. I, p. 853 vor- 
kommende Ajtt.rdink erklärbar?) Mit einer hinrcisscnden 
siegenden Beredsamkeit entwickelt der Verf. (S. 86 — 9".) 
die allgemeinen aus dem Wesen der Gerechtigkeit selbst her vor- 
gebenden Gründe der Oeffentlichkeit; auch der von der mifs- 
trauenden Volksmeinung auf unser gegenwärtiges Gerichtswesen 
in Deutschland geworfene Verdacht sollte (S. 93.) schon hin- 
reichen, um die Notwendigkeit einer Aendcrung zu erweisen. 
Die Oeffentlichkeit welche auf die personliche Gegenwart der 
Partheien oder ihre Vertreter bei deii Gcrichtshandlungen be- 
rechnet ist, ist nach dem Verf. (S. 96.) der Mittelpunkt, in 
welchem alle Strahlen vernünftiger Vorstellung, von gerichtlicher 
OeJfenthf hiteit sich vereinigen j kein Mittel z. B. das. der Ta- 
bellen, Staatsbehörden u. A. surrogirt ihren Mangel; zu den 
leitenden Gerichtshandlungen, bei welchen das Gericht nicht 
entscheidet, sondern nur die Sache zur Entscheidung vorberei- 
tet (S. to3.), gehört keine Anwesenheit der Partheien, dagegea 
i*t sie nothwendig zu allen beurkundenden Handlungen , daher- 
Zeugenvernehmungen unfehlbar öffentlich von den Beteiligten 
Türgehen müssen (S. io5 — 109.). (Der Verf. findet jedoch 
nach nofe /. S. 109. die Vernehmung des Zeugen in Gegen« 
wart des Angeschuldigten nicht vereiubarlich mit dem Wesen 
des Uutersuchuugsprocesses, wohl aber die Anwesenheit eines 
deu Inkulpaten vertretenden Rechtsv er th eidigers ; der Verf. hat 
selbst zugegeben S. 97. dafs die Parthei einen unbestreitbaren 
Anspruch auf die reinste, klarste Kcnntnifs alles desjenigen ha- 
be, was auf das Ihrige so wesentlich einwirkt, dafs es über 
Gewinn oder Verlust desselben entscheidet; soll dieser Anspruch 
durch Gegenwart des blossen Vertreters hinreichend gesichert 
sejn? Ree. giebt dies zu in Ansehung der Zeugenvernehmung 
iu der Voruntersuchung, nicht aber in Bezug auf die Haupt- 
uutersuchutig, welche uach des Ree. Uebcrzeugung nicht auf 
deu reinen Untersuch ungsprocefs gebaut sevn darf). Bei den 
entscheidenden Gerichtshandlungen trennt der Verf. (S. ni.) 
i.) die Dm Stellung der Sache z. B. durcii einen Referenten, 
welche immer öffentlich iu Gegenwart der Partheien geschehen 
soll, weil zwischen den verschlossenen Wänden des Gerich Issaales 
in Abwesenheit der Partheien sehr leicht manches geschehen kann, 
was Scham und Furcht unfehlbar verhüten, da wo die wacheude 
Aufmerksamkeit der gegenwärtigen Partheien dem Richter iu die 
Augen sieht. 2.) Die Berathung , bei welcher der Verf. aus 
der Geschiebte zeigt (S. 120 — 123.) wie man immer die 
Berathung • von der Abstimmung getrennt habe, kann und mufe 



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t 

1 7G Feilnbach üb. Ocffentlk. u. Mdlk. d. Gerechtigk. Pfl. 

geheim seyn, schon aus Griiudcn , aus welchen jeder Einzeln« 
um einen wichtigen Gegenstand zu überlegen, sich aus Frem- 
der Umgebung auf sich selbst zurückzieht; dagegen 3.) mufs 
das Abstimmen Öffentlich seyn, weil eben darin die Haupthand- 
luo£ Hegt, bei welcher die Partheien am allerhöchsten bethei- 
ligt sind, weil eine Justiz, welche sobald sie selbst handeln 
Soll, sich hinter den Vorhang schleicht, um im Geheimen das 
Hinge zu treiben, keine öffentliche seyn kann, weil es dehjenw 
gen welchen ein Erkenntnifs gelten soll, von der äussersten 
Wichtigkeit ist, zu wissen dafs' und wie dasselbe aus den ein- 
zelnen Stimmen hervorgegangen ist, weil wenn das Volk blos 

fegenwärtig ist, wenn die Richterversammlung den Vortrag der 
ache anhört, es höchstens das sieht, dafs die gehörigen 
Richter in gesetzlicher Zahl in würdiger Haltung beisammen 
sitzen, und so aussehen, als hörten sie recht aufmerksam zu, 
weil bei geheimer Abstimmung alle Leidenschaften unet Nach- 
lässigkeiten ungeh.ndert ihr Spiel treiben können, und der vor- 
laute aufdringliche Gerichtsvorstaud oder der viel sprechende 
Kollege leicht den schüchternen, weniger der Rede mächtigen 
Kollegen übertäubt, und die Stimmenfreihheit hindert. Wenn 
Ree. zu diesen gewichtigen Gründen noch erwägt, wie schwie- 
rig gerade im Strafprocessc das Stimmensammcln ist, wie oft 
ein wahrhaft zusammengebettelter Beschluf* zu Stande kpinmt, 
wie bestritten die Grundsätze des Stimmenzählens sind (man 
sehe darüber die neuesten interessanten Schriften von Mezard 
du principe consewateur pog. 4x5- etc. und mit besonderer An- 
wendung auf das deutsche und baierische Verfahren ( O.deWendt 
de sujfragiorum calculo in seinen observationibus ad jus bavari~ 
cum, Norimberg 4 Sa i ) so stimmt er gerne dem Vorschlage 
öffentlicher Abstimmung bei; wogegen freilich manche Einwen- 
dungen z. B. v\egeu der unangenehmen Verlegenheit des Stim- 
menden und wegen der Gefährdung der Partheilosigkeit durch 
Furcht u. v a. nicht zu übersehen sind; der Verf. widerlegt diese 
Bedenklichkeiten (S. i4a — i46) und meint äafs der welcher 
zugänglich der Furcht vor Ungunst oder der Hoffnung auf Gunst 
ist durch das geheime Zimmer gegen die Einflüsterungen dieser 
geistigen Gewalten nicht gesichert wird, sobald er einmal weifs 
dafs derjenige dem jene mächtigen Geister dienen, ihn als einen 
• seiner Richter so eben auf dem Richterstuhle gesehen habe. 
(Nur im Criminalprocesse verdient nach des Ree. Meinung die 
Sache eiue ernste Erwägung,, weil vorzüglich bei Aburtheilung 
über Bandeglieder der Richter welcher fürchten kann, dafs an- 
dere Glieder der Bande etwa selbst unter den Zuhörern gegen- 
wartig sind, durch eine sehr natürliche Furcht leicht gehindert 
"werden kann, partheilos der strengen Ueberzeuguug zu folgen. — 

{Der ßcsbhlnfs fokt,) 



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N r ± 12» Heidelberger , 1822. 



Jahrbücher der Literatur. 

■ 

i 

• • i 

.Feuerback, über Oeffenflic/ikeit und Mündlichkeit der Gerecht 

tigkeitspflege. 

v (B e sc b l ufs.) 

Bei <ler Prüfung der Gerichtsöffentlichkeit in Bezug auf da» 
Volk, berichtigt der Verf. (S. i48) vorerst den Satt, dafs das 
Volk den Gerichten beiwohne, um die Richter zu controhren, 
er zeigt, dafs von einer solchen Controlc nur gesprochen wer- 
den konnte, als in Deutschland noch nach einfachen Gewohn- 
heiten gerichtet wurde, und die Umstehenden allenfalls von ih- 
ren Rechten eben soviel wufsten, als die Schoppen, dafs aber 
dies jetzt nicht mehr passe, indem der Controlirende dem gan- 
zen Geschäfte des Controlirten au Kenntnifs und Uebung ge- 
wachsen seyn imifste; er zeigt (S. i56) dafs die Vorstellung der 
Volkscontrole selbst gefahrlich durch ihre Unbestimmtheit, und 
durcu unpassende Nebttuvorstellungen wirke, Anmafsungen auf 
der einen Seite, und auf der andern diesen Anmafsungen ent- 
sprechende Ansichten erzeuge, und die nöthige Unabhängigkeit 
des Richters eben gefährde. Die Ocffentlichkeit rücksichtlich 
des Publicums wird vielmehr nur nothwendig weil und in wie 
ferne diejenigen Zwecke, um derentwillen die Zulassung der 
Partheien selbst rechtlich und politisch nothwendig ist, nur 
durch Ausdehnung der Oeffentlichkcit auf das Publicum voll- 
standig erreichbar sind (S. i5g,), weil in Strafsachen durch das 
Verbrechen die Gesammtheit verletzt ist und das Volk als mit- 
beteiligt bei dem Gerichte erscheint (S. i63), und weil die 
Rechte der Verfassung selbst auf die Gegenwart des Volkes 
fuhren, indem die Verletzungen der Verfassung, welche von 
den Gerichten ausgehen, eben am gefährlichsten sind (S. 170)» 
— Noch betrachtet der Verf. (S. 174 — *8a) die Oeffent- 
lichkcit in der Beschränkung auf Personen und Sachen, er for- 
dert Beschränkung, so dafs. das Erscheinen bei Gericht ein Staat*» 
bürgerliches Geschäft seyn, daher Niemand zugelasscu wer- 
den soll der nicht die Eigenschaften zur vollen Ausübung aller 
bürgerlichen Rechte besitzt,* (S. «79) Auch fragt der Verf. oh 
sieht etwa passend die alte Dingpflichtigkcit herzustellen wäre*, 
Trefflich widerlegt (S. i83 499) der Verf. die Kuweit 

12 ' 



178 Fcuerb.üb. Oeffentlk.u.Mündlk. d.Gerechtigk.PH. 

düngen gegen Oeffentlichkeit, zeigt den Irrtlium der Meinung 
welche von Gerichtsöffentlichkeit wie von einet .Entweihung 
heiligcY Mysterien redet, und behauptet, gewifs mit Grund, 
dafs es nicht von Willkür der Einzelnen abhängen könne ob 
sie Oeffentlichkeit für ihre Sache wollen, weil die Oeffentlich- 
keit aus Grundeu noth wendig sey, üRcr welche die Staatsbürger 
nicht verfügen könnten. Eben so herrlich "\vd die Emwen- 
duug wegen Gefahrdung der Vulkssittlichkeit S. 18a widerlegt. 
Möchten alle, welche in unserer frommen und mystischen Zeit 
so gerne das Wort: Sittlichkeit im Munde führen, die kraftigen 
Aeusserungen des Verf. (S. 190 — - 192) wohl beherzigen!. 
Wer unterschreibt nicht den Satz: »Jetzt giebt ca. viele un- 
keusche' Rechtsstreite deren sich Niemand schämt, sind aber die 
Verhandlungen öffentlich, so werden eben, weil viele* sich schä- 
men müssen, solche Verhandlungen desto seltener werden.« I» 
der zweiten Abtheilung über Mündlichkeit des Verfahrens zeigt 
der Verf. (S. 199) vorerst die Grundvorstellung der schriftli- 
chen Rechtsverwaltung, nämlich die: dafs allc r die Entscheidung 
des Rechtsstreits betreffenden Gedankenäus&crungen zwischen 
dem erkennende 1 Gericht und - der Recht suchenden Parlhet 
vermittelt werden durch Schrift und nur hiedurch rechtliche 
Wirkung erlangen,, während bei der mündlichen der rechtlich 
wirksame Gedanken verkehr zwischen dem erkennenden Gericht 
und den Partheien durch gesprochene und gehörte Worte ver- 
mittelt wird. Als Formen der Mündlichkeit kommen vor i.) 
reines mündliches Verfahren, weun alle gerichtlichen Verhand- 
lungen ohne Ausnahme vor dem versammelten erkennenden 
Gerichte mündlich geschehen; 2.) gemischtes, wenn einzelne 
Theile des Verfahrens nur mündlich sind; das zweite kann ver- 
schieden seyn a.) in Ansehung der Handlungen der Partheien, 
wenn entweder a.) die zur Einleitung und Befestigung des 
Streits noth wendigen Handlungen schriftlich geschehen oder ß.) 
alle Beweishandluugen schriftlich aufgefafst werden oder 7.) zu 
den schriftlichen Verhandlungen nur mündliches Schlufsverfahren 
kömmt, b.) In Ansehung der Handlungen des erkennenden Ge- 
richts, je nachdem «.) die Richter schriftlich ihre Stimmen ge- 
ben oder ß.) das Rechtserkenntnifs schriftlich verfafst wird. Der 
Verf. verfolgt vorerst (S. 211 — 229) die von der Geschichte 
nachgewiesenen Formen der Mündlichkeit, und zeigt uie in 
Deutschland neben dem mündlichen Verfahren früh schon in deu 
geistlichen Gerichten das schriftliche sien ausbildete und zuletzt 
die Oberhand gewann. (Nach deu vom Ree. gesammelten No- 
tizen liegt noch ein Hauptgrund der Verbreitung des schriftli- 
chen Verfahrens iu der Vermehrung der Appellationen, in wei- 
cher auch der Grund der Ausbildung der deutschen süeugge* 



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Feuerb.üb.OeffentJk.u. MÜndlk. d.Gereehti&.Pfl. J?9 

des miindlichcn oder schriftliche» V^h^fÜ S^f 
so gcste] t werden: ob die zur Beurteilung u„d richt.ri.VI . 
E„.scl,e,du„g dienenden Gedanken - Mittheilung™ zwthel 1*" 
Parthae» und dem erkennenden Gerichte, in ßVw « u 
Zweck der_ Rechtspflege besser durch schriftliche oder l||„s 
mundhehe Erklärungen vermittelt werden; und der Verf fofc 
dabo, den 0„.cbl.pu„L, der Gründlichkeit so wie der Beschleu- 
liigung des Verfahrens; er gesteht S. 2 3 7 die -r««e,.Tl i 
ligkei, der „»mdliche» Geda°„ke„mitt»e luL , J™ " 7 l .t 
wo^die Partbeieu nicht unmittelbar demGericW" oL„t t£ 
e,n Kemhtserstatter „o.h T e,,dig und dadurch leicht die °ahX e 
Ccw.lshe.t welche das Gericht sonst erhalten könnte, R eh ndcr t 

und «elbst den dadurch entstehenden Zeitverlust, und de, S 
thed i»r d,e gcst.gc Ausbildung der Richter, die zu sX ,1 
Schreiben verurthed. s.ud; allein er zeig, an'ch (S. 34o ) w" 
d.ese Unscluckhchkcten nicht sowohl de?, schriftlichen Vorhand! 
lungen aU der Art .„gerechnet werden müssen, wie das ft 
neb. über den Inhalt der schriftlichen Verhandlungen RennSs 
erhalt. Unparthe.isch würdigt der Verf. (S a5, _ Ä- 
Mangel der n, ndlieben Verhandlung, «cht 'hiezu J j/ , " 
..o, sehen Noti.cn über die im Al^JJ 
vorkommenden wandernden Richter aus, und zeigt wie »„„ , 

:::cf s d sefs v , ' , 1 c ', 0e,ic,,,c , m,r b ^x: v z^z 

den, auch d,c Verhallmssc s.ch änderten, „„d durch EmferLl 
der Parthe.e» von dem Gcrichtsorte Ungleichheit in der RecT? 
hülfe entsteh, welche durch schriftliche Verhandln»» amleieh 
teste» ausgesehen würde, wahrend die MÄhTdfdt 
Parthe.e» „otlngte, nur durch Mittelspersonen, durch Wä 
sich zu hellen, wodurch wieder manche Nachtheile cnfctund n 
Als Gefabren der Mündlichkeit ,.) i„ Bezug auf die PelhZl 
detuden »welche d,e Richter von ihren Rechte"« überzeug wol- 
en können angeführt „ erden; die Schwierigkeiten d°er fielen. 
Hede, d,e Seltenheit des Rednertalents, und die Nacheile des 
blossen lre,c» Vortrags (obwohl der Verf. zugesteht fS 261I 
dafs d.cse N«cl,the,le n.ehr in Mifsverständnissen liegen) . a | 

A ti 7 K a a " r S T f d '\ Rk t ter wird Mündlichkeit leicht durch 
den fc,«flufs , er Rednerkunste, und durch den Mangel einer 
sicher» Gnmdlage gefährlich, ohne welche die Richte/zu X 
ihrem Gedacht»,** traut» müssen. Trefflich würdigt der Verf 
(S. 262 - 272; das was »irklich a » diese» Bedc^klichkefte» 
Z I T' v 7™" nar ," U( MU ""^»«1 beruht Ks kömmt ' 

bebe fc\ , MC v UUg & & " Ur darauf «» = » b d'e Ä 
Lehe VcrhaudJung d,e zur richtigen Bcurtheilung der Sad«, er- 



12* 



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f 

1 80 Feudrb. üb. Oeffentlk. u. Mdlk. d. Gerechtigk. - Pft 

forderlichen Momente (in tatsächlicher und rechtlicher Bege- 
hung) eben so gut oder besser oder schlechter als die schriftli- 
che dem Geiste der Richter niitzuthcileu und gegenwärtig zu 
erhalten fähig ist; und hier bemerkt der Verf., dafs das schrift- 
liche vor dem mündlichen Verfahren unbestreitbar den Vorzug 
habe, dafs die Schrift bcharrt, die Rede vergeht (S. 2y3) dafs 
es darnach schwierig für den Richter wird, leicht und vollstän- 
dig die Streitpunkte aufzufassen (S. 276) und dafs der Nach- 
theil entsteht, dafs die im gemeinen Prozesse völlig passende 
höchst zweckmässige Eventuahnaxime (S. 282) nicht auf den 
mündlichen Prozefs angewendet werden kann. Trefflich weise! 
der Verf. S. 285 nach,, dafs bei der Würdigung der Gründe 
für und wider die Rücksicht der angeblichen fVohlfeilhcit der 
mündlichen Rechtspflege eben so wenig, als manche rlci dem 
Streite, oft in die Waagschale gelegte Neb eniücksichten entschei- 
den dürfen, dafs auch bei der angeblichen Schnelligkeit (S. 289) 
alles dasjenige wohl von der atigeschuldeten Langsamkeit des 
schriftlichen Verfahrens abzurechnen sei, was gar nicht ihr , son- 
dern ganz anderen Ursachen, z. B. fehlerhafter Gerichtsverfas- 
sung oder schlechten Prozefsgesetzen zur Last falle. Dagegen 
entscheidet (nach S. 296} der Satz: es darf einem Rechtssuchen- 
den nicht benommen seyn, aU Parthci vor dem Richter selbst: 
aufzutreten und von eben denselben Richtern, welche über ihn 
urtheilen, unmittelbar selbst gehört zu werden, daher den Par- 
theien erlaubt sevn mufs, roindlich gegen einander vor Gericht 
zu veihandchi; nach richtiger Erwägung der einzelnen Gerichts- 
handlungen kann nur (S T 3oo) durch geschickte Combination de« 
Mündlichen mit dem Schriftlichen, die Aufgabe der Begründung 
wahrer gerechter Ürtheile gelöfst werden. Am wichtigsten scheint 
dem Verf. (S. 307) die Einrichtung eines Vorverfahrens, durch 
welches eine feste Grundlage der Verhandlungen entstehen soll. 
Dies Verfahren mufs aber schriftlich sevnj t der Verf. zeigt, wie 
selbst nach der Geschichte überall die Völker auf diese Vörver- 
handlung geführt wordeu sind), auch die Aufnahme der Beweifse 
mufs schriftlich (nach S. 3 18) geschehen; mit blosser mündlicher 
Schlufs- Handlung aber ist es allein nicht ^ethan, die deutsche 
Prozefsordnung bedarf bei Einführung der Mündlichkeit einer 
durchgreifenden Reform (S. 325) und der Verf. warnt, die 
"Wechselschriften unter den Partheien im deutschen Prozesse 
nicht mit den blos zur Instruction und Vorbereitung bestimmten 
Schriften der Vorvexhandlung fur gleichbedeutend zu halten; 
iu Ansehung der Einrichtung des Vorverfahrens hält der Ver- 
fasser (S. ,3*6; die d s französischen Prozesses mit Acten von 
Auwald zu Auwald und durch den Huissier nicht für genügend, 
das Vorverfahren soll vielmehr gerichtlich unter vermittelnder 



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Feuerb. üb. Oeffentlk. u. Mdlk. d. Gerechtigk.- PfL 1 8 t 



Leitung einer Gerichtsperson gepflogen werden, (S. 33o) doch 
•oll jedem streitenden Theilc frei gelassen werden durch ein- 
gereichten Schriftsatz oder durch mündliche Erklärung zum Gc- 
richtsprotokoll zu verhandeln (S. 334)» der Zwang nur in der 
letzten Form es zu thun, ist ungerecht und unzweckmässig, vor- 
züglich, wenn die Gesetzgebung Auwälde aus den Gerichten 
verdrängt, und die arme Parthei oft den Händen der Rich- 
tern übergiebt, welche mit tausenderlei Geschäften überlastet, 
keine Zeit haben, einer einzelnen Rechtssache besondere Auf- 
merksamkeit zuzuwenden (S. 336). In Ansehung des Untersu- 
chuugsprineips zeigt der Verf. (S. 34o),'dafs dasselbe für das 
Vorverfahren einer mündlichen Hauptverhandlung durchaus nicht 
passe. Soll für die Veredlung der Prozefsform etwas geschehen, 
«o mufs vor allem Hand an die Verbesserung der Gerichtsver- 
fassung gelegt werden (S. 345). Die deutsche bunte und lau- 
neubaft bestehende Gerichtsorganisation kann nicht befriedigen, 
der irröfste Theil des bestehenden Justitz- Labyrinths mufs ab- 
gebrochen werden, wenn der Öffentlichkeit und Mündlichkeit 
Gedeihen versichert werden soll (S. 35 1). Ueberall'war nach 
dem Zeugnifs der Geschichte Kollegialität der Gerichtsverfassung, 
das alleinige oder doch d s vorherrschende Princip unter freien 
Völkern (S. 309). Einzelnrichter vertragen sich nicht mit Oef- 
feutlichkeit und Mündlichkeit, und es ist eine verkehrte Ansicht, 
wenn man in den uutersten Instanzen, die dem Volke am näch- 
sten stehen, am häufigsten angerufen werden, nur Einzelurich- 
ter, und nur in den höheren Instanzen Gerichtskollegialität an- 
nimmt, (der Verf. yergleicht eine solche Einrichtung S. 363 mit 
den Negerkonigen, die barfufs sich mit goldbordirten europäi- 
schen Uniformen schmücken, Epaulctten auf den Schultern und 
kein Hemd auf dem Leibe tragen). Einzelnrichter entsprechen 
nur der Despotie (S. 364) , vertragen sich nicht mit der Würde 
der Gerechtigkeit, ihr sogenanntss Urtheil ist keines, sondern 
nur eine Meinung, Mit Unrecht hat die neuere Zeit aus falschen 
Vorstellungen Sachwalter verbannen wollen; soll nicht, sagt der 
Verf. S. 371 die Macht Recht geben, sondern das Recht Macht 
haben, so. mufs, wenn Recht uud Macht nicht in dersclbeu Per- 
son beisammen sindj die Kraft des Einen dem Rechte des An- 
dern dienen. Nur Staaten mit .despotischer Eimichtung, ver- 
bannen die Advokaten (S. 373), wo Freiheit blühte, waren 
die Rechtsvertheidiger hoch geachtet (S. 377 — 38o ). Wenn 
man in dem freien Bürger das Recht zur eigentlichen Rechts- 
vertheidigung anerkennt, bedarf man der Rechtsfürsprecher, die 
unentbehrlich werden, wo die • Verteidigung durch mündliche 
Rede geführt werden soll (S. 382J. Die neuere Zeit versuchte 
Vereinigung der Pflichten des Fursprecheramtes mit denen des 

_ 



i82 F^uerb.üb.Oeffentlk,u.Mündlk.d.GerechtigIcpff. 

Hichteramtcs; diese Form kann nur für die beste Art der Rechtspfle- 
ge unter der einzigen Voraussetzung gelten, unter welcher auch der 
Despotismus die beste Regierungsart genannt werden kanu, nämlich, 
wenn gerade die Person des Gewaltträgers an Eiusicht, Geist 
und Cemiith so vollkommen ist, wie der Mensch weder imin<:r 
noch gewöhnlich , sondern nur in sehr seltenen Ausnahmen zu 
erscheinen pflegt (S. 3d3). Es erweckt Jicin Vertrauen, wenu 
Richter und Gewaltige wider die Nutzlosigkeit upd Verderblich- 
keit des Advokatenstandes eifern. Wenn, sagt der Verf. 386 
ein Wolf dem Hilten zuspräche: dieser möge deu unhöflichen, 
"widerlichen Schäferhund an Ketten legen, oder um nicht, einen 
so beschwerlichen Wächter unnöthig zu füttern, die Schaafe 
lieber sogleich ihm selbst zum unmittelbaren Schutze vertrauen, * 
dann wüfste jedermann, was solche Rede für eine Bedeutung 
habe. — Wenn der Advokatenstand herabgesunken ist, so trägt 
die Gesetzgebung selbst die Schuld davon (S. 392 — 99). Bei- 
gefügt sind dem Werke Beilage I. die amtlichen Aeusserungen 
des Verfassers 1812 über OefTeiitlichkeit, II. alte Gcrichtsbriefe, 
III. Auszug aus der Baierischen Lnndesordnung von i49*< ~~ ' 
Ree. hat vor wenig Wochen über einen grofseu Theil der Von 
dem Verf. behandelten Gegenstande sich in der Schrift über den 
bürgerlichen Prozefs etc. erklärt , v und dürfte hier nur das Amt 
des Referenten üben, da er mit inniger Ueberzeugung die An- 
sichten des Verf. unterschreibt. Wohl wird es der vorliegen- 
den Schrift nicht an Gegnern fehlen, welchen in dem Zeitgeiste 
ihre eigene Furcht als Gespenst erscheint; sie werden, weil sie 
sich schämen zu gestehen, dafs sie ihre Privilegien für gefährdet 
halten und nur das liebe Ich vertheidigen, an Woite und einzelne 
Stellen der Schrift sieh halten, und den grossen lebendigen Geist 
der durch die Schrift weht, verkennend, es an EiuflüsteiHiu- 
gen nicht fehlen lassen, um eine Rechtsvcrfassung zu retten, die 
mit dem Schieier ihres Geheimnisses so leicht Unrecht deckt, 
und für tauhe und stumme Richter berechnet ist. Mit frohen 
♦ Erwartungen sind dagegen die Blicke des Freundes der Wahr- 
heit auf das Land gerichtet, in weichein zuerst die Vertreter 
des Volks den Antrag auf Einführung der Oefteutlichkeit ge- 
macht haben. Dort hat die ins Leben übergegangene Verfassung, 
gegründet auf festes Vertrauen eines kralligen und edlen Volkes 
zu einem hochherzigen Herrseber, dort hat die Oeflcntlichkeit 
der Landtagsvcrhandlungen bereits deu Stachel des Milstraucns 
gegen Publicitat der Rechtspflege gebrochen, dort ist die Bahn 
geebnet, alle Elemente sind günstig, um der jungen Pflanze 
im fruchtbaren Boden Gedeihen zu versprechen; dort wird keiue 
kalhc Maasrrgel ergriffen, und nur eine Scheinöflentlichkeit ge* 
(gründet werden; Alles bürgt dafür, dafs dort die geistreiche 




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FeuerbachülxOcfrentlk.u. Mdlk.d.Gereclitk. Pfl. i«3 

■ > 

Schrift des Verf. verstanden werden und grosse Einrichtungen her»- 
vorrufen wird.* Aber nicht Mos in Baicrrt, sondern auch in jedem 
Tiieile Deutschlands wird mehr oder .weniger die Schrift em- 
pfängliche Gcraüthcr treffen; überall ist die Ueberzeugung er- 
wacht, dafs die in vielen Staaten bestehende (Gerichtsverfassung 
und die gemeinrechtliche Rechtspflege den gerechten Forderun- 
gen der Untertbanen nicht entspreche, überall deuten die selbst 
von oben herab in Anregung gebrachten Gesctzesverbcsserungen 
auf die Einsicht der Noth wendigkeit einer Reform, obwohl man 
nur nicht überall das Uebel an der Wurzel anfassen will. Mau 
bat nicht selten in Öffentlichen Blättern behaupten wollen, dafs 
in den Hegenden, welche z.B. im ehemaligen Königreiche West- 
phalen uuter französischen Gesetzen lebten , die Stimmen des 
Volks laut die neuen Einrichtungen verwarfen, und nach Wie* 

n . ... 

aereiuführung des deutschen Verfahrens sich gesehnt hätten; die- 
jenigen, welche diese Meinung verbreiten , scheinen wohl zu ver- 
gessen, dafs theils in diesen cgenden das" Öffentliche Verfahren 
zu kurze Zeit bestand, als dafs es hätte Wurzel fassen und sich 
nationalisiren können, dafs theils viele Beamte zu wenig vor« 
bereitet Waren, um würdig den Geist des neuen Verfahrens zu 
ergreifen ü. die Liebe des Volks dafür zu gewinnen, u. dafs theils 
das Volk zu sehr die neuen Justizeinrichtungcn als aufgedrungen 
und als Anstalten des neuen fremden Herrschers erkannte, und 
daher oft das Kind mit dem Bade verschüttend, die Institute hafste, 
weil es deu Gesetzgeber nicht liebte. Es ist aber nicht schwie- 
rig den Beweis zu fuhren, dafs ungeachtet dieser Erscheinungen 
noch jetzt in. Gegenden, die z. B. zum Königreiche Westphalen 
gehörten, die gebildete Klasse der Einwohner gerne an die Oef- 
feutlichkeit sich erinnert und sie zurückwüusc t , während da- 
gegen ein sehr grosser Theil gegen das Geschworncngericht seine 
Stimme erhebt. Frage man aber die Bewohner der Rheingegen- 
den, welche an deutsche Herrscher gefallen sind, ob sie nicht 
in der entschiedensten Majorität mit Begeisterung für die Beibe- 
haltung ihrer Institute sicli erklären; soll dies Zeichen gering ge- 
achtet werden? — Beklagen ^nufs es nur der Freund der Wahr- 
heit, dafs durch leidenschaftliche Einstreuungen , und absichtliches 
Zusammenwerfen von Instituten, die nicht nothwendig zusammen 
gehören, der richtige Standpunkt bei dem grossen ernsten Streite 
verrückt, und mancher Unbefangene irre gemacht wird. Noch 
giebt es eine nicht geringe Zahl von Juristen, welche Oeffent-- 
lichkeit und t cschworuengerichte im notwendigen untrennba- 
ren Zusammenhange sich denken, welche, wenn sie die Stimme 
für Publicitat auch gcrue gebeu möchten, so-leich mit Schrecken 
an die Gefahren denken, welche als unvermeidliche Folgen des Ge- 
schwornengerichts dargestellt werden, und welche auf Rechnung der 



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1 84 Feuerbäch üb. Ocffeiadk. u. Mcllk. d. Gereclitk.-PfL 

Oeffentlichkeit gesetzt werden, während die Jury sie zu ver* 
antworten hat. Nicht weniger zu 'beklagen isf es, dafs man so 
gerne iu neuerer Zeit einige Stellen aus französischen Schriften 
zusammengerafft, und ohne daran zu denken, in welchem Sinne, 
und in welchem Zusammenhange diese Stellen bei den Schrift- 
stellern selbst vorkommen, sie zum Beweise gebraucht hat, dafs 
die Franzosen selbst mit ihren Instituten unzufrieden seyeu. Es 
ist sehr erbaulich zu vernehmen , (was man nicht selten in Schrif- 
, ten dreist versichern hört dafs Berenger , Cotttt , Carnot , Du- 
pinj leComte u. a. selbst den französischen Criminalprozefs und 
die Grundsätze desselben verdammten; wir bitten die Leser,! nur 
die Schriften dieser Männer selbst nachzulesen , um sich zu über- 
zeugen, dafs die genannten Schriftsteller einzelne Bestimmungen 
des französischen Strafverfahreiis nur deswegeu tadeln , weil sie 
glauben, dafs durch die bestehende Einrichtung und durch die 
Ausf&hiung der an sich richtigen Grundsätze die bürgerliche u. indi- 
viduelle Freiheit nicht hinreichend gesichert sey, weil sie eine 
grössere Ausdehnung der Oeffentlichkeit , eine schärfere Beschrän- 
kung der Gewalt des lnqüircnteu und der Staatsbehörde, und 
grössere Entfernung aller Einflüsse, die die Unabhängig- 
keit der Fuchtergewalt gefährden könnten, verlangen. Wie 
wenig diejenigen, welche die Oeffentlichkeit verdammen, Recht 
thun, auf Berenger u. a. sich zu berufen, wird jeder zugeben, 

welcher die Schriften selbst kennt. Es ist nichts für die 

'Wahrheit gewonnen, wenn man ein paar Anekdoten, (welche 
häufig nicht einmal wahr sind) dem Publikum zum besten giebt, 
weun mau versichert, (was jeder gerne glaubt, welcher weifs, 
dafs von menschlichen Einrichtungen die Rede ist) dafs auch die 
öffentliche Justizpflege ihre Schattenseite haben , dafs nicht immer 
würdig verhandelt wird. Welche Anekdoten Hessen sich wohl erzäh- 
len, wenn man den Schleier des Geheimnisses von deu deutschen 
Richtercollegien wegziehen dürfte ! Mögen nur auch überall, wo die 
Stimme der Verbesserung laut wird, nicht die Stimmführer an ein paar 
Stellen der vorliegenden Schrift, wie sie gerade in den Plau taugt, 
kleben, möge die Grundidee des Buchs lebendig erkannt wer- 
den, die: dafs das Geschenk der Oeffentlichkeit nur dann ein 
wahres heilbringendes sey, wenu die Publicität und die Münd- 
lichkeit des Verfahrens, so eingeführt werden, dafs sie zug leich 
mit einer Umgestaltung aller übrigen Einrichtungen verbunden 
sind, ohne deren Voraussetzung und organische Umgebung die 
Oeffentlichkeit ein Gaukelspiel wird, undwenu sie in dem Verfahren 
in jenen Theilen der Gerichtshan dl ungen angewendet werden, welche 
nach ihrem Gruiidcharaktcr Oeffentlichkeit und Mündlichkeit ertra- 
gen, ohne dafs die Gründlichkeit leidet. Mit termaitr. 



* X , 

r 

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Sa vlgny Zeitschrift f. geschichtl. Rechts wissensch. 18 5 



StrrcNr Ze'tsehrift für geschichtl, Rechtswissensch., Bd. J. H.3* 
ff um. i3> Nachricht von einem Breviarium des Justinianischen 
Codex f 

Num. 46. Notizen über Handschriften in der Vaticana. — -* 
Beide Aufsätze von Niebühr. 

Mit dieser Anzeige fangen wir an , die Rückstände aus dem 
dritten Bande der Zeitschrift (siehe oben, Jahrgang 1820 
Seite 73o) nachzuhohlen. 

Nicht nur mit eigenem Eifer, Scharfblick und Kenntnissen, son- 
dern auch mit Savignj's und Haubold's Anfragen und Notizen 
ausgerüstet, hat Niebuir seine" Forschungen in den Büchersamm- 
lungen Italiens fortgesetzt, und aus denselben auch hier wieder, 
wenn gleich nicht so Grofses und Unerwartetes, als bei seinem 
ersten Eintritte in Italien, doch auf jeden Fall dem Civilisten 
Wichtiges mitgetheilt. 

Im Ganzen sollen wir unsre Erwartungen voti Italien hin- 
abstimmen. In den Sammlungen der Dornst ifter, in Venedig, Flo- 
renz, selbst «Bologna stehe es über alle Erwartung elend. Doch 
werden uns beschrieben folgende drei, in verschiedenen Bezic- 
luingen wichtige Handschriften : 

1. Die 8 letzten Bücher des Theodosischen Codex, in der 
Yaticanischen Sammlung, unter den Handschriften der Königin 
Christine, Num. 886. vormals, laut Inschrift, dem Petavius ge- 
hörig, in Uncialschrift oder Majuskel, also von bedeutendem 
AUertnum. 

So wissen wir endlich wieder, wo, in Beziehung auf solche 
Stelleu des Tneodosischen Codex, welche nicht in der Westgo- 
thischen Bearbeitung vorkommen, irgend eine Hülfe durch Hand- 
schriften zu suchen ist: denn wo die Handschrift des Tilius, und 
wo diejenigen, welche Cujacius gebrauchte, oder wo vielleicht 
gar andre des ächten Theodosischen Codex jetzt Seyen, das 
wufste, wenigstens 1809, Haubold nicht (ausser, dafs er auf 
'die ziemlich unbestimmte Nachricht von einer jetzt Meermanni- 
ftchen Handschrift vermutungsweise aufmerksam machte}, und 
so wusste es wohl keiner unsrer Civilisten. — Es ist ein son- 
derbares Zusammentreffen, dafs das erste bestimmte VYieder- 
AuHindeii von Handschriften gerade dieselben Bücher des Theo- 
dosischen Codex betrifft, welche auch im t6 ten Jahrhunderte 
zuerst aufgefunden wurden; ja, dafs wahrscheinlich die jetzt 
wiedergefundne eben die Handschrift des Tilius ist. So vermu- 
tbet Niebuhr, und dieser Vermuthung steht, auch nach dem, 
was ich vergleichen konnte, nichts bestimmt im Wege. Selbst 
was er als Zweifel aogiebt, und nur aus einem spätem Dieb 




i83 Savigny Zeitschrift f. geschichtl.Rechtswissenscli. 

Stahle glaubt erklären zu können, dafs die Vaticaniscbc Hand- 
schrift in 1. 4 6 t. 10 1. 12 4. 2 abbricht, enthält mehr eine 
Bestätigung, indem, zufolge Hügo's Beschreibung der Ausgabe 
des Tilius (im index editionum jbntium iur. Ante-Jiist.) , auch 
in dieser dieselbe 1. 12 die letzte ist. Dennoch mögte die -Iden- 
tität nicht eher mit völliger Zuverlässigkeit, erhellen, bis die 
Vatieanische Handschrift mit der Ausgabe de«* Tiljgis selbst; oder 
doch mit allem Auflalleridcn , was Hugo davon bemerkt ; oder 
wenigstens alle einzelnen Lesarten (von In - und Unterschriften), 
welche I^iebuhr auslicht,' mit der Tiliusischcn Ausgabe (welche 
weder m der Gothof redischen Ausgabe des Codex, noch in der 
neuesten des Jus, ciY\ Ante Just, mit Bestimmtheit hervortreten) 
genau verglichen seyn werden. Die nianchfachen Lücken der 
Ausgabe des Tilius vom 4 un Titel des *G u ' n Buches an, welche 
Hugo angiebt, und wovon wenig glaublich ist, dafs der auf 
alles Merkwürdige so aufmerksame Niebuhr ähnliche grosse Aus- 
lassungen in der Handschrift nicht sollte bemerkt haben, geben 
mir den positiven Zweifelsgrund an der Identität. Möge Nie- 
buhr selbst, .oder .ein Andrer, dem die Faticatta . od er Tihus 
Ausgabe zugänglich ist,, bald Gcwifsheit hierüber geben : und 
da mufs es uns sogar angeuehmer seyn , wenn sich findet^ dafs 
es eine andre Handschrift ist, damit noch grösserer Nutzen für 
Kritik sich daraus versprechen lasse; aber auch wenn es die des 
Tilius ist, Iäfst sich «us wiederholter Vcrglcicbuug jener Hand- 
schrift immer noch Nutzen erwarten, da besonders die Heraus- 
geber der frühern Jahrhunderte ihre Handschriften nie auszu- 
nutzen pflegten» ' 

2.) Ein Brcviarium des Justinianischen Codex, in der Bib- 
liothek des Domcapitels von Perugia, man. j, Wahrscheinlich im 
loten Jahrhundert geschrieben i mit der neuern Ueberschrilt 7/i- 
stituliones , der altern ln<ipit Kapitula libri prinii Dotnni Justi- 
niani Adnotativnum Cvdiccun jeticiier. Es enthält Sumtnaricn 
des Codex mit gröfstentheils vollständigen Inschriften der ein- 
zelnen Stellen, von Anfang' bis 1. 8. t. 54- 1. 8. Die Sunima- 
rien sind zuweilen in gutem, bei weitem gröfstentheils in ganz 
ungrammatischen von aller Rücksicht auf genera und casus ent- 
blöfstcm Lateiu, doch ohne Beimischung Deutscher Worte ge- 
schrieben; woraus Niebuhr vermuthet, dafs aus altern guten 
Summarien dieses Buch etwa im jten, Sten Jahrhuudcrte für deu 
praktischen Gebrauch jeuer Zeit in die damalige Vulgarsprache 
übergetragen sey. 

Die ziemlich reichlichen Proben des Werkes, welche uns 
egeben werden, machen wahrscheinlich, wohin auch Niebubrs 
rtheil geht , nlafs ein genaueres Studium desselben für die Ge- 



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Savigny Zeitschr. f. geschieh tl. Rechtswissensch. 187 

schichte des Codex im Allgemeinen, für die £intheiluug dessel- 
ben, und für Kritik der Inschriften einige nicht unerhebliche 
Ausbeute liefern wird; für die Unterschriften und den Text 
selbst wird schwerlich etwas Erhebliches daraus sich ergehen. 

In Beziehung auf Geschichte des Textes im Allgemeinen ist 
gleich jetzt merkwürdig, dafs schon in der Urschrift diese» 
Werks das Griechische gröfstentheils fehlte, nur zuweilen noch 
gestanden haben mufs, wo denn hier die Woite lex greca ste- 
hen, auch wohl Platz gelassen ist. Ks stimmt dieses mit dem 
was Ciossi us ( Code/, digesti veteris descriptio $> 2i) bemerkt 
bat, und was ähnlich auch in der Erlangcr und zwei Strafsbur- 
ger Pandekten - Handschriften und nicht wenigen Institutionen- 
Handschriften vorkommt, dafs nämlich die einzelnen in neuem 
Handschriften sich findenden Spuren des Griechischen aus der 
uur den altem Zeiten angehörigen Uncialforni abzuleiten, sind^ 
Wohl überein. Denn Beides weist darauf hin, dafs nur iu den. 
ältesten Zeiten das Griechische vollständig vorgekommen sev.it 
mag, und sehr früh angefangen hat, sich zu verlieren. — Bü- 
cher, Titel und einzelne Stellen sind mit Zahlen versehen : wor- 
aus über Anordnung und Daseyn ganzer Stücke Schlüsse abge- 
leitet werden mögen. — Die Angaben des Inhalts sind so dürf- 
tig und grossentheils so schlecht geschrieben, dafs daraus , nach 
den gegebenen Proben zu urtheilcn , kaum ein Nutzen mögte 
geschöpft werden können. Die Vollständigkeit der Inschriften 
steht dagegen in sonderbarem , doch in jenen Zeiten nicht un- 
gewöhnlichem Contraste. (Das Bernische Brcviarium des West- 
gothischen Kechtsbuchs hat im Codex Theodosianus bei Ähnli- 
cher Mangelhaftigkeit, nur nicht grammatischen Schlechtigkeit 
des Inhalts, nicht nur die Inschriften sondern auch die Unter- 
schriften fast durchaus vollständig). Die Proben von Inschrif- 
ten, welche Niebuhr giebt, (verglichen mit dem Vorrath der 
Spangenbcrgischen Ausgabe, und der Stuttgarter mit' vollständi- 
gen Inschriften versehenen Handschrift j zeigen einen genauen 
Zusammenhang, in den meisten Fällen Identität mit den aus spä- 
tem Handsehrilten bekannten Lesarten; bei den Kaiser- Namen, 
wo Prüfung leicht ist, ;lafs die Schlechtigkeit von Verfasser und 
Schreiber auch hierauf stark eingewirkt haben; in den Namen 
derer, an welche die Stellen gerichtet sind, findet sich am mei- 
sten Eigcnthüinliches und was — so weit ich mir hierin ein 
Irtheil zutrauen darf: — oft die Sprach- Analogie mehr für sich 
hat. So C. 6, 5g (Commun, d. success.J L 40 Danato (etwa 
Oonato) für Dcmubio, Diumlo) C. 3, '44' (d* relig* et sumf* 
funer. J L / Dionysiae für Doritae , Domae. 

3.) Ein Enc/iiridion iuris, üv der Vatican^ vormals der 
Königin Christine gehörig, num. 44* j spätestens im i3teu Jahr* 



i8$ Savigny Zcitschr. £ geschieht], Rechts wissenschr 

i 

«widerte geschrieben. Dieses EnchiricUon enthält' a.) Petri ex* 
ceptiones Ugum Rom» ohngefabr in der Gestalt, in welcher die 
Tübinger Handschrift diese giebt. (Dieses vermuthet Niebuhr 
nur und giebt, in Vergleichung mit der von Savigny besorgten 
Ausgabe, au, was und iu welcher Ordnung es sich finde. Dar- 
aus bestätigt Savigny jene Bemerkung, nur habe die Tübijjgcf 
Handschrift etwa 4 Capitcl mehr. Jch habe bei eigner Ansicht 
jier Tübiuger Handschrift, so weit ich verglich, dasselbe bestä- 
tigt gefuudeu; nur, dafs die Tübinger auch etwas weniger ent* 
hält, nämlich den ganzen Prologus > welcher sich iu der Vati* 
cunischeu Handschrift findet.) Diese Schrift ist, nicht, wie der 
vollständige Petrus, einem Odilo Valentina* civitatis Magister 
sondern einem Guillelmus > ohne den Heisatz, dedicirt; auch 
werden I, 4 g biisnardi transmontani austsatt im Gedruckten 
cistnantaru genannt. Niebuhr bauet auf die erste Abweichung 
die scharfsinnige Vcrmuthung, dafs etwa dieser Auszug, und 
heillose Veränderung der Anordnung gemacht sey^ um es einem 
Giullelmus als ein eignes Werk zueignen zu können; und Sa- 
vigny fügt diesem bei, dafs die Abänderung des eis- und trans* 
montani darauf hinweise, dafs* Wenn das Hauptwerk in Frank- 
reich, diese Umarbeitung in Italien gemacht sey. Diese letzte 
Vermuthung steht in Verbindung damit , dafs Niebuhr wegen 
Verweisung einer Randglosse zu 4, 42 auf ein Capitidare Ca- 
roU, welches eins zu den Lo ngobardischen Gesetzen seyn kann, 
und. der, genauen Uebcreinstimmung des Textes mit diesem Ca- 
pitulare, meint, die Hauptschrift selbst müsse iu Italien geschrie- 
ben seyn. Savigny widerspricht diesem besonders deswegen, 
weil es auch ein ganz ähnliches Fränkisches Capitulare giebt; 
wohl mit Grunde: aber, es fragt sich, ob auch nur die Vcr- 
muthung wegen des Vaterlandes der Umarbeitung gegründet ist, 
da die Tübinger Handschrift gerade dieser Umarbeitung cismon- 
tani liest. (Der Prolog fehlt hier). Schon ein Abschreiber 
konnte dies ändern. 

Der Text enthalt bedeutende Abweichungen vom Gedruck- 
ten. So auch der der Tübinger Handschrift ; nur, dafs zu die- 
ser das Einzelne, was Niebuhr aushebt, schlecht pafst. Darin: 
stimmt unsere Handschrift mehr mit der von Savigny g( brauch- 
ten vierten. 

Eine gleichzeitige Glosse enthält besonders Citatc, von de- 
nen Niebuhr die aus den Pandekten giebt. Ganz ähidiche Ci- 
tate buden sich auch bei der Tübinger Handschrift, uur aus dem 
Codex genauer, so dafs auch die einzelnen Stellen angeführt 
sind. Merkwürdig ist hierbei Verse tedeues: dafs hier aus den 
Pandekten, zwar nicht, wie Niebuhr sagt, blos das Dig. vetus, 



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I 



Savigny, Zeitschr. f. geschichtl. Rechlswissenscli, 189 

aber doch, wie auch sonst in jener Zeit, nirgend das Infortia* 
tum, gebraucht ist; dann einzcbie starke Abweichungen in den 
Lesarten, aus denen sich bestätigt, was bei den Erörterungen 
über Rubriken in Clossius Schrift oft gebraucht ist, dafs die 
entsprechenden Rubriken des Codex den Schreibern besonders 
im' Sinne lagen, und die im Einzelnen für die^Kritik offenbar 
wichtig werden können, z. B, Dig- tit. int er dicti unde vi, 
was eben so auch in der Tübinger Handschrift vorkommt, Dig. 
de Iiis quae vi mortis vel metusve causa gesta sunt , anstatt 
dessen die Tübinger Handschrift nicht so unsinnig, aber eben- 
falls vom Gewöhnlichen höchst abweichend liest de his quae 
in metu sine causa gesta sunt, ßig> äe conditionä ob causam 
dalam causa non secuta, wofür in der Tübinger steht, de con- 
diiionis causa dati causa non secuta. Diese Beispiele schon 
werden dem Kritiker auch auf die übrigen Cilate, namentlich, 
die aus Codex und Institutionen aufmerksam machen, welche 
NieL-uljr in einem Nachtrage zu diesem Aufsätze nachgeben mö- 
ge. — Ohne /eichen von etwas Neuem folgten auf den Petrus 
noch eine Reihe juristischer Satze, deren erste i3 Niebuhr mit 
den Anfangs-, auch wohl End -Worten bezeichnet; die folgen- 
den 16 seyen Decrctalen, und darunter viele falsche. Von den 
ersteu weist er selbst verschiedene nach, als aus dem Justinia- 
nischen Codex genommen. Ein paar andre nwn. 3, 4 scheinen 
aus «lein Cod. Theodos. und dessen Interpret atio (C. Th. 4* 4 
d. testamentis l. 6; u. 8, 4% de donation. L 4 ). Das Uebrige 
nach den Anfangs- und End-Worten aufzufinden ist mir nicht 
gelungen; wie es aueh dem' dazu auf geforden Savignv nicht ge- 
lungen zu seyu scheint. — In der Tübinger Handschrift und et 
sich nichts diesem Anbange Entsprechendes, 

h.) Den Brachylogus , wovon hier nur eine kürzere Nach- 
richt gegeben vird, weil — in Rom kein gedrucktes Exemp- 
lar zur Verglcichung aufzutreiben war. Eine Sachen und Worte 
erklärende gute Glosse zeichnet diese Handschrift au*. Gar 
nicht aus den Justinianischen Rechtsbüchern, sondern aus Au- 
gustinus, Seneca f Isidorus geschöpft, und, gleich dem Brachylogus 
selbst, wunderliche Anspielungen auf Salustius enthaltend, stimmt 
sie damit wohl überein, dafs der Rechts-Unterricht in den gram- 
matischen Schulen ertheilt wurde; und verdient dieser Beschaf- 
fenheit wegen wahrscheinlich vorzüglich von einem Kenuer «nd 
Forscher der Geschichte des Rechtsstudiums im Mittelalter einmal 
ganz durchgegangen und benutzt zu werden. — Eine von Nie- 
buhr ausgezeichnete Glosse giebt eine Stelle der Interpretatio 
zu Paulus reeep*. sentent. mit dem Citate. Er bauet hierauf die 
Vermuthung, dafc auch dem Verf. des Brachjrlogus^ wie seinem 



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i yo KrampitzvDicht. R. v.Harteubach Dumm. ti. Morgr # 

Glossator die Westgothen nicht unbekanut gewesen seyn mög- 
teu. Insofern beide als Sinn verwandt Zu betrachten sind, mag 
dafür . — — da man' an sich nicht gerade vom Glossator auf den 
Schriftsteller wird schliesseu könneu — allerdings einige Wahr- 
scheinlichkeit seyu. Eine sorgfaltige, auch die Quellen genauer 
erforschende ^Ausgabe des Brachylogus, welche schon Saviguy 
für sehr wünscnnesweiih erklärte, mag auch diese Vcrmuthuug 
bestätigen oder widerlegen. 

• Diese neuen Gaben unsers gelehrten Forschen kann Ref. 
nicht verlassen, ohne noch den herzlichen. Wunsch ausgespro- 
chen zu haben, das weder überhäufte Geschäfte noch viel we- 
niger, wie leider die Sage geht, geschwächte Gesundheit , «Im 
lange abhalten mögen, durch Vollendung des angefangenen Mei- 
sterwerkes und andere Untersuchungen und iiemerkun^cn unsere 
Studien so zu fördern, wie Wenige, gleich ihm vermögen. 

Schräder, 



.4. Dichtungen von Frtf.dr. Wilh. Krampitz, Danzig, itn Ferl^ 
der Alberlischen fiuch~ u. Kunsthandlung 344$> g r >8 , 

2. Dämmerung u. Morgenroth, geschildert und der erwachsenen 
Jugend besonders empfohlen von H. J. Ritscul v. Harten - 
bach. Erfurt b. Mütter, 48m, i3o St. kl. S. 



Wenn nach langer Ruhe ein grosser Dichter neue Bewegung 
in das stille Leben bringt, versammeln sich um ihn viele Gleich- 
esinnte oder Gleichgestimmte von untergeordnetem Range, wie 
ie Kreise im stillen Soe, die immer matter und matter werden 
•und am Ende in uichts zcrtli essen. £o ging es Klopstock, dem 
Lyriker, und in noch höherin Grad Schillern, dessen leichter 
nachzuahmende Eigentümlichkeit mit der Kraft des Magnetes 
wirkte. Vor etwa zwanzig Jahren erstand ein nunmehr verschol- 
lener Dichter, der sich so ganz in Schillers philosophische An- 
sichten, Bildersprache, Gefühle und Formen eingeübt hatte, dafs 
er nach seines Meisters Ableben ihn gewissermasseu forsetzen zu 
können schien. Einer von solchen Kreisen um Schiller ist auch 
Herr Krampitz, zwar schon vou ziemlich redseligem Umfange, 
aber immer noch kennbar genug. Auf Genie wird- er selbst 
nicht Anspruch machen ; Talent und Fleifs mufs ihm auch der v 
Befangene zugestehn : was ihn aber dem Ree. besouders werth 

.14» ■«• 

gemacht hat, ist der fromme Sinn, der schöne Patriotismus, und 
überhaupt die Biederherzigkeit, die aus diesen Dichtungen spricht. 



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- 



VirgiPs Aencide, übers, v. Nürnberger. igt 

Er nrnfs auch solcher Tugend wegen seinen Landsleuten vor- 
züglich wert!» sevu; deim in . Daiuüg allein hat er gegen 200 
Pranumeranten gefunden. — Per ihm beigesellte Gefahrte krei- 
set nicht blofs um Schiller, sondern um alle möglichen Lyriker; 
und fast überall ist er dem Zerfliessen nahe. Doch wagen wir 
iiiotit,* ihm alien Werih und alles Verdienst abzusprechen. Fr 
hat unter andern das hohe Verdienst der Bescheidenheit und 
das seltene der Selbsterkenntnifs ; und dabei erwirbt ihm Ach- 
tung seiue unbestechliche Rechtlichkeit. Drum werden diese 
Gedichte als gedrucktes Manuscript für Freunde ihren Werth 
behaupten. Vorzüglich anziehend waren uns die Ottaverime, 
der brave Göbel, obgleich der ha tnäckige Kampf zwischen bra- 
ver -Gesinnung und Unpoesie manchmal ein Lächeln erregten. 
Der wackere Kriegsgenosse reicht dem bedürftigen Dichter: 

Sein lang Erspartes', wen'ge Louisd'ors, 

Drauf sagt dieser c 

Da. fühlt' ich mich 'Von Ehrfurcht hingerissen : -~ 
Ein grosser Mensch vollbringt so'ch Opfer nur ! 
Jch wagte nicht des Edeln fllund zu küssen} 
Das Göttliche der menschlichen Natur 
Sah iih\vor mir , und unter seinen Füssen j 
Fühlt' ich beschämt, verfolgt' ich meine Spur: 
>. Doch müßt' ich mich auf ewig vor mir schämen, 

, Hätt' ichs vermocht die Gabe anzunehmen, 

•}.• • 

Beide Dichter, besonders den letzteren, müssen wir auf 
«langelhalte Technik, auf falsche Reime, auf die öftere Wie-» 
dei kehr des Hiats u. dgl. aufmerksam machen. 



Firgil's Aeneide. In deutschen Jamben von Dr, Joseph Nürn- 
berger. Erstes Bändchen. 4S — 3s Buch. Zweites Bänd- 
eheu. 4s — 6s Buch. Zwickau, bei den Brüdern Schu- 
mann. /«. 

Von einer Uebcrtragung des Virgil, die sich an Schillers be- 
kannte Jugendarbeit ergänzend anschliefst, kann weder geistig* 
Treue, noch buchstäbliche erwartet werden; man mufs zufrie- 
den seyn, wenn etwas lesbares, und froh, wenn etwas geist- 
reiches zum Vorschein kommt. Das erste ist in vorliegendem 
Werke fast immer der Fall, das zweite mitunter. Freilich 
nimmt sich die Aeneis im Gewände, des Oberon etwa* wunder* 



< 

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Virgile Aeneide, übers, v. Nürnberger, 



lieh aus; sie hat sieh namentlich, der Strofe und dem Reim« 
zu lieb, oft müssen dehnen und foltern, und dann wieder zwi- 
cken und verstümmeln lassen j mit Einem Worte, der hohe Geist 
Virgils ist in der veränderten Form verloren gegangen, was auch, 
nur in geringerem Grade, von Schillers Arbeit gilt. Aber es 
giebt getuig Leser, denen jede Form die rechte ist, wenn Jwch 
die Dichtung in ihr nur «lieblich und geschwind diu et»« lifst; 
und so können dem wackeren Bearbeiter oder »Ucberdichter«, 
der kein Gelehrter, sondern Postmeister in Sorau ist, aller- 
hand Leser und Leserinnen nicht entgehn. Unsern Schiller, 
der sehr gering von seiner virgilischeu Verdeutschung dachte, 
hätte Hr. Nürnberger für seine Meinung, die gewählte Form 
$ey die rechte, nicht gewonnen; warum aber soll nicht auch 
für anderer Leute Geschmack gesorgt werden? — Dafs Hr. 
Nürnberger vom kunstreichen Hexameter, diesem schwierigsten, 
-weil mannigfaltigsten, unter allen Versen, gar nichts versteht, 
ergiebt sich aus einigen Aeusserungen in der Vorrede; und 
schon dies, da er sich einmal berufen fühlte, den. Virgil zu 
deutschen , entschuldigt einigermassen die Wahl der um vieles 
leichteren Strofe. Auf den Bau derselben hat er sorgsamen 
Fleifs gewandt, und hierin* Schillern ziemlich erreicht. Auch 
die Sprache ist, wenn schon oft sehr prosaisch, im Ganzem 
gut zu nennen, Eiuzelne Fehler, z. B. S. 11. Trümmern für 
Trümmer, wird der' Scharfblick des bescheidenen Verfassers 
von selbst entdecken , , falls es zu einer zweiten Auflage kom-» 
jnen sollte; und dann mag er auch versuchen, wie viel er von 
den vermifsten Eigeuthümlichkeiteu Virgils in seine Form oder 
Unform noch hineinbringen kann. — Zum Schlüsse die Ver- 
sicherung, dafs .diese Acneis, hoher steht ak der schier verV 
unglücktc Kannegiesscrsche Horaz, 



i 



* 



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N = 13 * Heidelberger 

Jahrbücher der Literatur. 

* * • 



Wilhelm Meisters Wanderjahre. * Tkeüe. Quedlinburg 
und Leipzig, bei Gottfried Basse. 48%4> % Thl. 

Göthe, den gefeiertsten Dichter Deutschlands, gleichsam auf 
seinem eigenen Grund und Boden xu bekriegen und, wo mög- 
lich, auch zu besiegen, ist offenbar der Zweck dieser Pseudo- 
wander jähre. Zu dem Erstem bedurfte es nur einer gewöhnli- 
chen Kühnheit, da sich der Angreifer hinter dem weiten Sc ilde 
der Anonymität zu decken für gut fand; das Andere hing na- 
türlich, wie fast in allen Kriegen, von der Kraft des Angriffs 
ab, von den Waffen u. dercu geschicktem Gebrauche, von dem 
Ansehn des Gegentheiis und dessen fest oder schwach begrün- 
detem Reiche. Lassen wir daher vorläufig alle Rücksicht auf 
die Schrift an und für sichj d. h. auf ihren Werth oder Un- 
werth von Seiten der Kunst, um zu sehen, wie der Kampf "selbst 
geführt, und ob der Verf. an Göthe zum ritterlichen David ge- 
worden. 

Zunächst, scheint es, will der Verf. durch Nachahmung der 
Darstellungsweise Göthe's diesem gleichsam indirekt einen Streich 
führen. Daher die sorgfältige Beschreibung des Kleinen und 
Unwichtigen, daher die Genauigkeit des Details, die Umständ- 
lichkeit und sich breitende Behaglichkeit, daher endlich selbst 
die Form des Romans, um allerlei Gegenstände, besonders aus 
dem Gebiete der Kunst, hin und herzu besprechen. Aber gleich 
hier möchte der Verf. wohl eher für als gegen Göthe operiren, 
indem er durch das Verfehlte in jener Manier darthut, dafs nicht 
jeder Unberufene sich derselben bedienen könne, sondern nur 
derjenige, welchem Genius, Leben und Bildung dazu die nö- 
thige Weihe ertheilt. Bei Göthe ist sie wirkliche Poesie der 
Form, bei jedem Andern wird sie mehr oder minder unpoeti- 
sche Künstelei werden. Daher kommt es denn auch, dafs wir 
statt des unvermerkten und erquicklichen Mitfortgehens, wozu 
uns die bequeme Behaglichkeit des genannten Dichters einladet 
und gleichsam verführt, bei der Darstellung unsers Anonymus 
vielmehr gleich Anfangs Langeweile verspüren, welche (wenig- 
stens im i ten Theile) mit jedem Schritte vorwärts wächst. Kanu 
man z. B. auf eine breitere und peinlichere Weise mit dem 

13 



594 Wilhelm Meisters Wandefjahre; 

Werthe der Natur und des Lebens in ibr bekannt gemacht wer* 
den, als solches hier geschieht oder doch geschehen soll? Wenn 
nun freilich auch Göthe dem Leser in dieser Beziehung oft et- 
was zu viel anmuthet, wie z. B. namentlich in den Lehrjahren, 
Thl. I. gleich in den ersten Kapiteln , oder auch neuerdings wie- 
derum in den IVander 'jähren , wo die langwierige Reise durch 
die Provinz nicht von allen belohnend und interessant genug 
gefunden werden dürfte; so wird doch jeder Unbefangene ge- 
stehen, dafs man durch die angenehme; zuthätli che Redseligkeit 
die Lange des "Weges mehr oder weniger vergifst, und wobl 
schwerlich zur Ueberhüpfuug bedeutender Strecken versucht 
wird. 

Doch wenden wir uns zu den eigentlichen, direkten An- 
griffen. Hier soll das Resultat erzielt werden, dafs Göthe we- 
der unter die grossen Dichter überhaupt , noch unter die ersten 
und vorzüglichsten unserer Nation zu zählen ser , sondern sich 
mit dem Prädikate eines geistvollen zu begnügen habe. 

Drei Momente werden als beweisend öder vielmehr als jenes 
Resultat begründend hervorgehoben. Erstens: Göthe ist weniger 
Dichter dem Inhalte als der Form nach. Zweitens : Seine Cha- 
rakteristik ist gewöhnlich und poetisch mangelhaft. Drittens: Er 
huldigt mehr dem Modegeschmacke , als dem eigentlichen Kunst" 
geschmacke. 

Um die Wahrheit des ersten Punktes darzuthun, bahnt sich 
der Verf. den Weg durch eine Voraussetzung, indejn er an- 
nimmt, dafs die Wesenheit des Schönen, somit auch der Kunst, 
in der Darstellung der grossen Ideen, des Erhabenen innerhalb 
des Gebiets der Religion, der Tugend, der Menschheit über- 
haupt bestehe, dafs eigentliches Princip der Kunstproduktionen 
daher die Idealisirung se> , allein (wie sich aus dem Gauzen er- 
ciebt) die absolute , wie sie besonders Schiller durch Lehre und 
Schöpfungen mehrfach in die Dichtkunst einzuführen ver- 



cigene 



suchte. Obgleich nun der Verf. diese Voraussetzung mijt vielen 
seiner Landsleute gemein hat; so ist und bleibt sie nichts desto 
weniger eine blos beliebige Annahme, und wahre Petitio prin~ 
erpii. Eine genauere und philosophischere Betrachtung des We- 
sens der Kunst, gestützt und bewährt durch die Geschichte 
derselben, muis jeden von ihrer Einseitigkeit überzeugen. Alle 
Kunst bedarf nothwendig des Wirklichen, des Gegebenen, um 
an und in demselben das ursprünglich Freie nachzuweisen durch 
unmittelbare schöpferische W iedergeburt. Wohl soll daher alle 
Kunst, um diesrs zu seyn, idealisiren (das Batteux-Baumgarten- 
sche Princip der Nachahmung der Natur, oder das Bouter- 
wek'sche des Wetteifers mit derselben und ahnliche können of» 
fenbar das echte Kunststrcbcii nur hemmen oder miklciten) ; al 



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Wilhelm Meisters Wanderjahre. 



lein nicht absolut idealisiren, soll sie d.h. ohne Berücksichtigung de» 
Realen, sondern relativ .idealisiren , d. h. das Reale, Gegebene 
in der Bescheinung des Idealen, des ursprünglich Freien dar- 
stellen. Diese relative Idealisirung kann auf doppelte Weise 
statthaben, nach oben nämlich und nach unten (welches leztere 
man mit J.Paul die perkehrte Idealisirung nennen mag). In die- 
ser freien Wiedergeburt des Wirklichen besteht die eigentliche ■ 
Produktivität des Künstlers, nicht in dem nihilistischen Streben 
nach idealen Wolkengebilden , denen in ihrer Mark-, Blut- und 
Flcischlosigkeit auch das Gepräge des Lebens fehlt. Den Verf. 
hätte hierüber schon die griechische Kunst eines Andern beleh- 
ren müssen, wäre er nur mit deren eigentlicher Bedeutung ver- 
trauter gewesen. Ree. will ihn daher blos an Schiller's in viel« 
facher Hinsicht unbilliges Verfahren gegen Burger erinnern, wo- 
zu denselben die Einseitigkeit jenes Princips offenbar verleitete; 
eben so an einige Charaktere dieses sonst so eminenten Dich- 
ters, z. B. an den des Don Carlos, noch mehr des Marquis Po- 
sa, welchen J. Paul (Vorschule der Aesth. Thl. II. S. 458, a'* 
Ausg.) nennt »hoch und glänzend und leer wie ein Leuchtthurm.« 
— Mit der Nichtigkeit der Voraussetzung des Verf. lallt daher 
auch (wenigstens der Hauptsache nach) der Vorwurf, den er 
Göthe macht, behauptend, dafs dessen Produktionen darum un- 
ter der eigentlichen Kunsthöhe bleiben, weil es ihnen an Grösse 
der Ideen , an hohem religiösem Sinne, an sittlichem Ernste fehle, 
weil in ihnen Wirklichkeit und gewöhnliches Leben zu sehr 
hervortrete. Vielmehr hat der Hr. Anonymus auch in dieser Be- 
ziehung dem Gegenpart durch seinen vermeinten Tadel ein be- 
deutendes Lob geredet, so lange er nämlich den Beweis schuldig 
bleibt, dafs Göthe's Kunst bloße Kopie nackter, baarer Wirk- 
lichkeit sey. Recens. will deshalb an ein bekanntes horazisches 
Wort erinnern. 

Ex noto fictum carmen sequar , ut sibi quisque speretidem, 
Sudct multttm frusttaque laboret aitsus idem. 

i Ars» p, F. »4° MQq. 

Wenn der mchrberülirten Voraussetzung gemäfs nun S. 219 
Herder über Göthe gestellt, wenn eben daselbst gesagt wird: 
»Jakobi und Schiller nahen eine innere Dcmuth vor dem Göttli- 
chen, die Göthe fremd ist,« wenn S. 212 ihm die Gröfse der 
Ideen abgesprochen, dagegen technische Kunst und poetische 
Melodie zugestanden wird, oder wenn es S. 2i5 heifst: »So lange 
ein Fenelon nicht sagt, dafs er in Göthen Andacht, oder ein So- 
krates, dafs er sittlichen Ernst in ihm finde, so lange ein Les- 
sing ihm nicht Wahrheit , ein Luther Kraft und Patriotismus zu- 
etkenut; so lange darf es Sie nicht irren, wenn hundert und 
aber hundert Andre in ifym die treue Kopie von Originalen zu 



ig 5 Wilhelm Meisters Wander jähre. 



finden behaupten, die sie selber nie zu Gesiebte bekamen u. s. 
w.« Wenn also dieses und Aehnüches ausgesprochen wird; so 
ergiebt sich desfalls Widerlegung und Würdigung von selbst. 
Schwerlich möchten die aufgeforderten Zeugen , denen zum Glü- 
cke für unsernVcrf. derjTod sammt und sonders längst die Spra- 
che genommen, gegen Göthe Zeugnifs geben. Beiläufig gesagt, 
giebt der Verf. durch diese Induktion einen Beleg seines gründ- 
lichen Studiums historischer Charaktere. Besonders möchten So- 
9 krates und Lessing sich bei ihm zu bedanken haben. Wenn es 
aber an einer andern Stelle (Thl. I. S. 4 64) heifst, Göthe sey 
ein poetischer Geistesleugner , der nicht die unsichtbare Gottheit, 
sondern nur ihre sichtbare Erscheinung, nicht das wesentlich 
Schöne, sondern nur seine Offenbarung anbete; so sieht mau 
leicht, wessen Geistes Kind der Verf. selber ist, und wie ver- 
lassen von aller tiefern philosophischen Betrachtungsweise der 
Dinge. Ist denn die sichtbare Erscheinung des Göttlichen, kraft 
der Kunst möglich ohne Erfassung des Göttlichen an sich? Ist 
nicht vielmehr jede wahre Erscheinung des Göttlichen dieses selbst, 
iusofern überhaupt von einer Erscheinung desselben die Rede 
seyn kann? Ist die Offenbarung das Schönen zu trennen von sei- 
ner innern Wesenheit? Oder glaubt der Verf. vielleicht, die 
durch Verstat dcsreligion in dem Kopfe Vieler ständig und fest- 
gewordene Bestimmtheit solcher Trennungen finde auch in der 
"Wirklichkeit statt? — Uebrigens gesteht Kec, dafs er keines- 1 
wegs geneigt sey, die Vertheidigung mancher Göthe'schen Pro- 
duktionen vor dem Richterstuhle echter Kunstwissenschaft zu 
übernehmen; vielmehr ist er der Meinung, dafs unter denselben 
nicht selten leichte Waare sich vorfinde, ja, dafs auch selbst der 
der Kunst heilige Ernst für das Sittliche, wie z. B. namentlich 
in den Wahlverwandtschaften, hier und da vermifst werde. Al- 
lein wer des Trefflichen und Vorzüglichen so viel geleistet hat, 
dem wird jeder Billigdenkende gern das Quandoque. bonus dor- 
mttat Homerus zu Gute kommen lassen. 

Der zweite Haupttadel betrifft die Charakteristik. Unser Ano- 
nymus vermifst nämlich iu Göthe's Charakteren alle höhere Po- 
esie und echte Idealität; dagegen findet er in demselben Wie- 
derholung, Identität, Mangel an Consequenz und Energie, selbst- 
süchtige Schwache ohne Gehorsam gegen eine in sie.) festgesetzte 
Re«cl, Gewöhnlichkeit, — kurz, es soll jene Charakterwelt 
seyn eine Welt ohne Heroen, in der nur un|grgeordocte Grösse, 
Lebensgewaiidtheit, Klugheit, Sinnlichkeit, Auinafsuug und vor- 
nehm Bildung Anerkennung finden. 

Je schwerer diese Beschuldigungen sind» um desto gründ- 
licher sollten die Bewcifse seyn, auf welche sie sich stützen; 
allein auch hier muis jeder Besonnene abermals nur beliebige, oft 



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Wilhelm Meisters Wanderjahre. 197 



wirklich leichtfertige Versicherungen statt haltbarer Begründung 
finden. Ree. erlaubt sich desTals nur einige Bemerkungen, und 
zwar zunächst in Bezug auf den Vorwurf der Wiederholung uud 
Idcndität der Charaktere. So mannigfach und vielverschlungcn 
im wirklichen Leben die Verhältnisse einerseits und die subjec- 
tiven Anlagen andererseits auch scyu mögen, als durch welche 
beiden Momente Charaktere überhaupt sich bilden ; so lasseu sich 
in denselben doch gewisse Hauptrichtungen unterscheiden , die 
wiederum durch besondere Grundeigenthümlichkeiten ausgezeich- 
net werden. Diesem gemäfs giebt es nun auch nicht nur Haup- 
klassen von Charakteren, sondern auch für jede derselben be- 
stimmte Grundähnlichkeiten. Lebeuserfahrung und Geschichte 
leisten dessen hinlängliche Gewähr. Es kommt bei poetischer 
Charakteristik, die, wie alle Poesie nach früheren Bemerkungen, 
auf dem Boden des Gegebenen ruhen mufs, nur darauf an, ein- 
mal, welche Art von Charakteren ein Dichter sich vorzugsweise 
wählt, und dann, wie er, dem Normaltypus treu, in mehrfachen 
Zeichnungen jedesmal das individuelle Gepräge der Allgemeinheit 
aufzudrücken versteht. Dieses angenommen, fragt es sich nun, 
ob Göthc in seinen Charakteren, bei denen allerdings, wie auch 
bei den Schiller'schen , ein Hinneigen zu einer bestimmten Art 
nicht zu verkennen ist, blosse oberflächliche Allgemeinheit, oder 
wirklich individuelle Verschiedenheit ansgedrückt habe. Hier, 
denkt Ree, wird wahrlich kein Unbefangener anstehen, sich lür 
das letztere zu entscheiden, und über des Verfs. Blindheit sich 
zu wundern, wenn er liefst, wie dieser den Charakter eines Tor- 
quato Tasso mit dem des Eduard in den Wahlverwandtschaften, 
den Egmont mit dem Orest, Hermann mit Faust uud Götz ideu- 
tificirt. Auch hier beweifst der kühne Kritikus höchstens nur, 
dafs er weder das Leben und die Menschen, noch die Göthe- 
schen Charaktere verstanden und studirt habe. Wcun er aber 
den Verehrern des grossen Dichters vorwirft , dafs sie am Aeus- 
serlichen hängen bleiben; so möchte dieser Vorwurf vielmehr 
auf ihn selbst zurückfallen, indem er sich, wie die heldsüchti- 
gen Weiblein und raschen Jünglinge an dem prunkhaften Schei- 
ne vieler Schiller'schen und vielleicht auch Schillersch- Körner- 
schen Personagen zu weiden besondere Lust verräth. Indcfs 
aus Gefälligkeit gegen den Verf. zugestanden (was nicht zuzuge- 
stehen ist), dafs die grossen, erhabenen Charaktere der Muse 
Schiller's die allein echt poetischen seyn, wie mochte er denn 
die Aehnlichkeit derselhen übersehen, die c bei den Göthe- 
schen so scharfsinnig aufgespürt ? Scheinen nie t Don Carlos und 
Mortimcr, Posa und Max Piccolonitni, Wallcnstein und Carl 
Moor fiel eher Brüder zu sevn, als Torquato Tasso uud Orest, 
Egmont und Hermann, Eduard und Götz? Aber so ge ts, man 



1 



Di 



198 Wilhelm Meisters Wanderjahre. 



sieht, was man sehen will , und mochte dann Andere gern eben 
so blind machen, als man selber ist j der Fehler vieler Kritiker. 

Die übrigen Vorwürfe, welche den Göthe'schen Charakte- 
ren gemacht werden , sind gleich grundlos nnd unbedacht. Denn 
wenn der Verf. z. B. im Torquato JTasso Schwäche und Incon- 
sequenz findet, so hätte er nicht übersehen sollen, dafs es eben 
des Dichters Idee war, einen Charakter dieser Art — das arg- 
lose Gemüth des schwärmerischen Dichterjünglings im Gegensä- 
tze mit dem abgeschliffenen , festbestimmten Weitleben — ~ künst- 
lerisch darzustellen, eine Darstellung, welche Gothe's echtes Kunst- 
genie glänzend offenbart. Wenn uns im Egmont Leidenschaft 
und Leichtsinn entgegentreten, so dürfen wir nicht unbeachtet 
lassen, wie beide mit dem höchsten Ernst des Lebens, mit der 
Entschlossenheit zu sterben, in Verbindung gesetzt werden — 
ein wahrer Triumph der Göthe'schen Muse, wie sich hier Le- 
benslust und Todesmuth die Hände bieten! Wie möchte aber 
der Verf. jene gerügte selbstsüchtige Schwäche, jene Inkonse- 
quenz, jene blosse Klugheit und vornehme Gewandtheit im Götz 
nachweisen? Wie im Hermann, wie im Orest? Die blosse Ver- 
sicherung, diese Flecken finden sich auch hier, kann nicht statt 
des Beweises gelten. — Wenn der Verf., Shakspear's Charak- 
tere mit denen Göthes vergleichend, bemerkt, dafs er dort nur 
einen einzigen treffe, der sich den Göthe'schen zugeselle, näm- 
lich den des Hamlet, als in welchem gleiche Schwäche sich her- 
vorthue, gleiche blofs ausserlichc Bildung für gewisse Lagen des 
Lebens, zur Gewandtheit für gewisse Kreise, aber keine für 
alle Lagen, keine zur Kraft und Resignation; so hat er die tiefe 
und hohe Bedeutsamkeit dieses Charakters mit seinem leichten 
Senkblei nicht ergründet. Galt es denn hier eine gemeine In- 
trigue , eine blosse Kabale des vornehmen Lebens ? War es blos- 
se Convenienz, die gegen den von Natur edeln, aber allerdings 
mit seiner Kraft und seinem Willen in Zwiespalt gesetzten Jüiig- 
ling andrang? Kann es eine höhere, poetischere Charakteristik 
geben, als die ist, womit uns jener Kampf, jener Zwiespalt in 
seiner fortschreitenden Entwickclung dargestellt wird? Unser 
Anonymus und Seinesgleichen würden der Sache freilich ein 
schnelleres Ende gemacht haben — sie hätten den Jüngling mit 
polternder Wuth den königlichen Oheim durchboren, oder aber 
ihm christlich -fromm — Alles vergeben und verzeihen lassen. 
Ein bischen Hin - und Herreden - und Rennen in orakelndem 
Pathos und auf klirrendem Sporenkothuru würde die Stelle der 
Handlung vertreten haben. 

Fast gleiches Urtheil. wird über die weiblichen Charaktere 
gefällt. Anch hier findet der Verf. die an den männlichen ge- 
rügte Identität; Lotte ist eine Zwillingsschwester der Herzogin 



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■ 

Wilhelm Meisters Wander jähre. 199 

im Torquato Tasso; beiden zum Sprechen ähnlich sind Ottilie, 
Klärchen, G retchen. Ausserdem tadelt er an der Charakteristik 
der Weiber, dafs überall die Vorstellung hervortrete, als müsse 
dys Weib seine Güte und Trefflichkeit blofs der Geburt, der 
Naturbegünstigung nicht aber der Bildung verdanken. Was 
den Vorwurf der Identität betritt ; so zeigt sich dessen gänzliche 
Nichtigkeit f. den Kundigen hinsichts der meisten Charaktere durch 
die blosse Zusammenstellung. Wenn aber bei Klarchen und 
Greteben sich allerdings eine grössere Aehnlicbkeit findet; so 
wird der Vernünftige dieses dem Dichter eben so wenig zum 
Vorwurfe machen, als er die Natur darum tadelt, dafs sie unter 
ähnlichen Bedingungen Aehnliches schafft; genug, dafs beide 
Mädchen* trotz aller Aehnlichkeit dennoch ihre eigene Ichheit 
behaupten und nicht zwei leere Abstrakte sind. » 

Was aber den andern Tadel angeht; so ist er theils un- 
wahr, theils aber auch wiederum mehr Lob als Tadel. Denn 
wer kann sagen, dafs die Prinzes«in Elcnorc ihre VortreflTlichkeit 
blos der Gunst der Natur verdanke? Kann es einen weiblichen 
Charakter geben , in welchem natürliche Anlage und' höhere Bil- 
dung sich harmonischer und reiner verbinden, als eben in die- 
sem? Kann das Gefühl der Liebe und das Bcwufstseyn edler 
Sitte schöner gepart erscheinen, als in diesem Musterbild« weib- 
licher Charakteristik ? Ist Eu^enie in ihrer gesamraten Erscheinung 
ein blosses Kind der Natur ? Ree. würde auch noch auf die Iphi- 
genie hinweisen, wenn der Verf. nicht, ihm gleichsam zuvor- 
kommend, bemerkt hätte, Göthe sey in diesem Charakter durch 
die Geschichte gezwungen worden, von seiner gewöhnlichen 
Manier abzuweichen. Wir wünschen dem Anonymus Glück, 
dafs ihm hier ein Dens ex machma zu Hülfe eilte, um das wan- 
kende Treffen herzustellen. Uebrigcns ist der Tadel zum Thcil 
auch wirkliches Lob für unsern angefochtenen Dichter. Denn 
nach dem Geständnisse aller Unverbildeten sind die anziehend- 
sten weiblichen Charaktere gerade diejenigen, in welchen sich 
die natürliche Schönheit und Trefflichkeit, wie eine Blume, 
gleichsam sich selber unbewufst, entwickelt darstellt, wofern nur 
die Natur nicht als gemeine Blödigkeit erscheint, was schwerlich 
jemand von den Lotten, Ottilien, Clärchen und G retchen behaup- 
ten wird. — Dafs Thekla und Johanna bei Schiller ganz an- 
dere Wesen sind^ wie es weiter heifst, weifs und sieht jeder; 
allein sie treten auch in ganz, andern Verhaltnissen und unter 
ganz verschiedenen Umständen auf. Und dann , wie mag doch 
der Verf. von Göthe als Dichter fordern wollen, dafs er gerade 
solche Charaktere schaffe als Schiller ? Eben dadurch beweifst er 
sich ja als vorzüglichen Dichter, dafs er auf eigner Bahn sichern 
Schritts in der Kunst heiligen Hallen wandelt. Betrachten wie 

1 



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200 Wilhelm Meisters Wanderjahre?. 



aber das Wesen der Kunst überhaupt etwas genauer in Bezie- 
hung auf die Charakteristik ; so möchte sich wohl das un wider- 
sprüchlich e Resultat ergeben, dafs eiu viel grösseres Talent und 
ein viel tieferes Studium dazu gehört , Charaktere nach den Le- 
bcnsverhältnisseu poetisch darzustellen, als absolut ideale zu 
schaffen. Daher mag es auch kommen, dafs unsere Schauspiel- 
kunst .mehr leidliche Thcaterhcldcn als poetische Lebensdarstel- 
ler zählt, dafs Schiller's himmlisch - ideale Charaktere leichter 
zum Aushalten gegeben werden, als die irdisch - idealen Göthe's. 

Wenn endlich der Verf. zur Bestätigung beider Momente, 
nämlich des Mangels an Hoheit der inneru Poesie und Charak- 
teristik den Faust anführt , bemerkend , Göthe habe z. B. hier 
in der Komposition das Grosse und Erhabene der alten Sage 
keinesweges erfafst, sondern diese in's Gemeine herabgezogen, 
eben so in der Person des Faust nicht den ungeheuren Frevler, 
sondern einen gewöhnlichen Schwächling hingestellt u. s. f., so 
dafs Alles den marklosen Gang eines bürgerlichen Trauerspiels 
gehe; so mufs Ree. abermals den gänzlichen Maugel einer phi- 
losophischen Durchdringung des Lebens, des menschlichen Stre- 
bens und Denkens, des Verhältnisses des Bösen zum Guten als 
Grund dieser Behauptung annehmen, obwohl er keinesweges 
geneigt ist, in diesem Gedichte mit manchen Neuern bestimmte 
philosophische Schulsysteme zu finden. Auch möchte es aber- 
mals einen Beweis für Göthe's Dichtergenie abgeben, dafs er 
die Sage mit so grosser poetischer Freiheit behandelte, ohne 
jedoch ihren Sinn eigentlich zu verfehleu. Hat doch auch Sha- 
kespear, von welchem der Verf. meint, dafs er diese Sage nach 
ihrer ganzen Grösse und Erhabenheit würde aufgefafst uud dar- 
gestellt haben, in seinem Hamlet die alte nordische Sage gleich- 
falls nicht in ihrer ganzen Gröfse genommen, sondern sie nach 
seiner besondern Kuustabsicht verändert wiedergegeben. Denn 
(wie ja auch der Verf. selbst andeutet) erscheint der Hamlet kei- 
neswegs als der gewaltige dänisch-* nordische Achill, wie ihn die . 
Sage hinstellt. — Wenn endlieh darin, dafs Göthe mehr Em- 
pfänglichkeit finde bei gewöhnlichen Menschen und in den un- 
tern Ständen (S. 2*6 ff.), ein Grund für die geringere poetische 
Kraft Göthe's gesucht wird; so wird jeder Kundige merken, 
wie sehr sich hier der Verf. als Ignoranten beweist, indem ge- 
rade das umgekehrte Verhältnifs statt findet. Weiber, Jüng- 
linge, Leute aus den niedern Klassen finden im Allgemeinen 
viel mehr Geschmack an den Schiller'schen und ähnlichen (nach- 
geahmten) Poesien, als an den Göthe'schen, an welchen dage- 
gen das gesetztere Alter und die dnreh gediegene Kultur gereift 
ten, in sich fester beschlossenen Menschen grösseres Gefallen zu 
haben pflegen. 



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Wilhelm Meisters Wanderjahre. aoi 



Der dritte Anklagepunkt endlich besteht darin, dafs Göthe 
dem Modegeschmacke zu sehr fröhne. 

Um diesen Tadel zu begründen, macht es der Verf. der 
ganzen schönen Literatur Deutschlands zum Vorwurfe, dafs sie 
vielfach gewechselt und der Mode gedient habe. Kann Ree. 
nun freilich nicht leugnen, dafs es eine oder andere Epoche ge- 
geben, in welcher eine solche unkünstlcrische Unselbstständig- 
Jieit in unserer Literatur statt fand; so darf er doch den Vor- 
wurf für die gesammte Geschichte derselben keines weges als 
begründet annehmen. Vielmehr offenbart sich in den Hauptbil- 
dungs - und Blüthenepochen der deutschen Poesie eine wahr- 
haft nationale Selbstständigkeit und Freiheit. So in der Zeit 
des Minnesangs, so seit Lessing. Die Vielseitigkeit ist ein natio- 
naler Zug unsers Volks und eben darum auch unserer Kunst 
und Literatur. Es will und soll sich nicht absolut beschliessen; 
sein Streben ist auf Alles gerichtet, was sich als hoch, edel und 
trefflich darthut. Will der Verf. so wie manche Andere einen 
unbeweglichen Typus in der Literatur; so findet er ihn so voll- 
kommen als möglich in der französischen , wo das unveränder- 
liche Boileau'sche Maschinen werk trefflich gedient hat, eine glei- 
che steife Bewegung und Physiognomie in dem ganzen Gebiete 
der Poesie zu bewirken. Der Deutsche protestirt mit Recht, 
wie gegen allen Papisraus, so auch gegen einen solchen in der 
Kunst. Ist es also noth wendig zu einer nationalen deutscheu 
Literatur, dafs sie mit jener Viclgestaltigkeit des Volks einer- 
seits und den Entwickchmgsepochcu desselben andererseits glei- 
chen Schritt halte; so folgt daraus, dafs Göthe alle, jene Phasen, 
welche die deutsche Poesie seit Lessing dargestellt hat, in seinem 
Kunststreben ausgeprägt, keinesweges, dafs er in unkünstlerischer 
Unselbstständigkeit der Mode gehuldigt, sondern vielmehr, dafs 
er eben in seiner Vielseitigkeit sich als wahrhaft deutschen Na- 
tionaldichter ohne Gkicben bewährt habe. — Was der .Verf. 
S. 2^4 über die Wandelbarkeit der griechischen Poesie zur Er- 
läuterung beibringt, beweist wiederum des Kritikers Mangel an 
scharfer Vergleichung und Einsicht. Denn dafs dort in der ei- 
nen Epoche die epische Poesie vorwaltete, in einer andern die 
lyrische, in einer dritten die dramatische ff., zeigt doch wahr- 
lich keinen Wechsel des Kuustgeschmacks an, wie der Verf. 
meint, sondern nur verschiedene Richtungen des nationalen grie- 
chischen Lebens, als womit die Kunst noth wendig und innerlich 
zusammenhing« 

Doch es ist Zeit unserm Gegenreden ein Ziel zu setzen, 
indem eine Erschöpfung dieser Sache ohnedies kein Vorwurf 
einer Recenskm seyn kann. — Also nur noch Einiges im All- 
gemeinen. 



203 Piaazi Lehrbuch der Astronomie. 

> 



So wenig auch der ungenannte Verf. seinen Zweck, die 
< Niederkämpfimg des Göthc'schen Dichteransehns, erreicht hat, 
so viel auch seinem Romarae selbst, wie derselbe zumal im i n 
Theile sich entwickelt, die eigentliche Poesie und Kunstvollen- 
dung mangelt; so kann Rccens. doch nicht verhehlen, dafs in 
demselben Manches gesagt wird, was nicht nur die überschä- 
tzenden, blinden Verehrer Göthe's zu vielfacher nützlicher Ue- 
berlegung zu veranlassen vermag, sondern was überhaupt auch 
Beherzigung verdient. Hierhin gehört z, B. ThL IL S. 109 die 
Bemerkung über die Wahl des Stoffes für das ernste deutsche 
Drama, eine Ansicht, welche Ree. in diesen Blattern bereit* 
früher angedeutet hat; ferner ThL II. S. 172 ff. die Ergicssung 
über die wahre höhere Kunst des Lebens; ebenso S. 177 die 
Ermunterung zur Darstellung des Schönen im Leben und deren 
Möglichkeit. Ueberhaupt ermangelt der ganze 2teThl. nicht so 
sehr aller Poesie als der iste, obwohl sich auch hier der Gang 
der Handlung noch immer zur Genüge langsam fortbewegt. Da 
erst mit dem Schlüsse des 2 n Theils die eigentliche Wander- 
schaft beginnt; so läfst das Werk noch eine bedeutende Fort- 
setzung vermuthen und, man darf wohl hinzusetzen, auch er- 
warten. Nur will Ree. dem Verf. rathen, seinen Helden nicht 
allzuheqnem und gemächlich reisen zu lassen, damit dem 
Leser das etwaige Iutercsse nicht durch überflüssige Langeweile 
wieder verkümmert werde. 



Lehrbuch der Astronomie von Joseph PtAzzt, Aus dem Ita* 
lienisehen übersetzt von Joh. He ihr. IVestvhal. Mit einer 
Forrede des Herrn Hofrath Ritter Gau/s. Berlin 48*2 
f. ThL FI u. %58 S. IL ThL IV u. 356 S. S. mit 
4 Kupfert, 

Ohngeachtet des beschränkten Raumes unserer Blätter und so 
wenig dieselben auch aus dem Gebiete der astronomischen Li- 
teratur aufnehmen können, glauben wir es dennoch unsern Le- 
sern schuldig zu seyn, sie auf dieses Werk aufmerksam zu ma- 
chen , und die Tendenz desselben im Allgemeinen anzuzeigen. 
Bei der ziemlich allgemeinen und grossen Liebhaberei für Astro- 
nomie giebt es der Lehrbücher dieser Wissenschaft eine grosse 
Zaul, worin die Resultate der Beobachtungen und Rechnungen 
hinlänglich klar und richtig dargelegt sind. Merkwürdig ist 
hierbei, wie einfach und leicht zu fassen diese durch die tief- 
sten Kenntnisse des Calcüls und angestrengtesten, höchst ge- 



> 

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Piazzi Lehrbuch der Astronomie* ao3 

naaen, Beobachtungen aufgefundenen Resultate in der Astrono- 
mie, wie in der Naturlehre überhaupt sich darlegen lassen, ein 
Beweis, dafs jeder Mensch ein angebornes Talent zum Auf- 
lösen geometrischer Wahrheiten besitze. Eben dieser Leichti»- 
keit wegen aber wollen die meisten Verfasser astronomischer 
Lehrbucher von einer recht grossen Zahl von Lesern verstanden 
werden, und indem sie das Allgemeinbekannte wiedergeben, 
vermeiden sie sorgfältig dasjenige, was nur durch einige Ein"* 
sich in den Calcül verstanden werden kann. Einige Leser 
werden indefs hierdurch weniger befriedigt, und wünschen die 
Methoden der Beobachtung und Rechnung kennen zu lernen, 
wodurch man zu den gegebenen Resultaten gelangt ist. Diese 
sind hier so vollständig mitgetheilt, als es in einem Compendio 
geschehen konnte, und mit einer Deutlichkeit, welche den Mei- 
ster in dem bearbeiteten Gegenstande beurkunden. Im Gan- 
zen merkt man zwar, dafs der, durch seinen grossen Sternen« 
Caialog und die Entdeckung des ersten der zuletzt aufgefunde- 
nen Planeten rühmlichst bekannte Verf. durch Lalande gebildet 

allein man findet hier bei weitem nicht die Weitschweifig- 
keit, welche in dem übrigens schätzbaren grossen Werke des 
letzteren nicht selten ermüdend ist, und ausserdem erhält man 
genügende Kenntnifs von demjenigen, was seitdem durch mehrere 
Astronomen, namentlich z. B. durch Lagrange, Delambre, Burk" 
hardj Burg ß O Ibers, Biot und vor allen andern durch Gauji 
geschehen ist. Den neueren beweglichen und repetirenden Mefs- 
Werkzeugen läfst der Verf. wohl nicht genug Gerechtigkeit wi- 
derfahren, inzwischen darf man es nicht blofs einer viel jährigen 
lebung beimessen, sondern es läfst sich wohl absolut verthei- 
digen, wenn er behauptet, dafs die Zahl seiner eigenen vielen 
Beobachtungen minder grofs sejn würdet wenn er sich der 
repetirenden Werkzeuge bedient hätte. 

Das Original des Werks kennt Ref. nicht, und kann daher 
nicht angeben, wie grofs die Menge der kleinen Einschaltungen 
ist, welche der Uebersetzer nach Angabe der Vorrede einge- 
schoben hat. Indefs ist die Uebersetzung sehr fliessend und 
korrect, auch ist es eine schätzbare Zugabe, dafs am Ende die 
Olbcrsche Methode, Comctenbahnen zu berechnen, angehängt 
ist. Ref. wiederholt daher mit voller Ueberzeugung die Worte 
am Schlüsse der. Vorrede des Ritter Gaufs, wenn er sagt: 
»Möge diese Arbeit dazu beitragen, die mehr als oberflächliche 
»Befreundung mit einer Wissenschaft zu befördern , die so 
»vielfachen Stoff zu einer edlen und kräftigen Geistesnahrung dar- 
bietet.« 

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I 

« 



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204 



Müller, über den Raupcnfrafs. 



lieber den Raupenfrafs in den Fränkischen Kiefern* Waldungen 
vom Jahr 48 ig bis 4810. Von D. E. Müller , königl. 
Bäuerischem Forst amts gehülfen. Mit 4 färb. Kupfer und J 
Tabellen. Aschaffenburg (bei Knode) 4 8% 4. VIII u. 44% 
S. in 8* 4 fl. 3o kr. 

Noch b esitzen wir über Waldverheerung durch Raupen über- 
haupt, und besonders über die in neuester Zeit verheerend ge- 
wordene Kienblattwespe , Tenthredo pini Becks t. keine so 
umfassenden, gründlichen Beobachtungen, als diese Schrift sie mit- 
theilr, und dieselbe liefert daher einen höchst schätzbaren Bei- 
trag zur Kenntijifs und Behandlung jenes Waldübels. 

Der äussere Habitus der verheerenden Kienblattwespe, 
die stets noch von mehreren ihrer Geschlechtsgenossen in ge- 
ringer Anzahl begleitet zu werden pflegt, stimmt nach des Ver- 
fassers Darstellung mit Degeers und Becksteins Abbildungen und 
Beschreibungen vollkommen überein. In Franken zeigten sich 
die Raupen zuerst und am zahlreichsten an Sommerseiten, so 
wie an Waldrändern und ausgelichteten Schlägen, und gingen 
von hier aus erst in die geschlossenen Bestände über (sie schei- 
nen feuchte, kühle und schattige Stellen zu meiden!). Sie er- 
schienen in einem Gemeindswalde dortiger Gegend so zahlreich, 
dafs die Rinde der Bäume kaum mehr zu erkennen war und 
die Raupen in Klumpen von der Grösse eines Menschenkopfes 
zusammengehäuft über den Boden hin neuer Nahrung zuzogen. 
Sie folgten bei dieser Wanderung aus einem gewissen Distrikte 
durchaus der Richtung nach Mittag, obschon nördlich und west- 
lich unangegriffene Kiefernbestände für ihre Ernährung zu Gebot 
standen; und indem sie in solcher Richtung unaufhaltsam einem 
jenseits eines Wassels etwas entfernt gelegenen Kieferndistrikt 
entgegen zogen, fanden sie alle in jenem Gewässer ihren Tod, 
ohne dafs eine Raupe umgekehrt und nach einem andern Orte 
gekrochen wäre. Die Waldung jenseits des Wassers blieb da- 
her verschont. 

Sehr thätig und wirksam in der Zerstörung der Raupen 
und Puppen fand der Hr. Verf. die Specl te, Baumläufer und 
Meisen, auch mehrere kleinere Vögelarteu und dazu noch den 
Heher, Kukuk und Nachtschatten; dagegen nicht besonders oder 
gar nicht aufgelegt dazu waren Raben, Krähen, Dohlen etc — 
Höchst beachtenswerth ist der bisher noch nicht bemerkte Fleiß 
der Mäuse in Zerstörung der Puppen, während auch der Verf. 
beobachtete, dafs die so oft gegen die Raupen und Puppen em- 
pfohlenen Schweine nicht allein diese nicht fressen, sondern statt 
dessen die sehr wirksamen Mäuse verjagen, also das Uebel of- 
fenbar vermehren helfen. Ferner fand der Verf. dafs gelinde, 



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Müller, über den Raupenfrafs. 2o5 

aber mehrere Tage und Wochen anhaltende, so wie auch sehr 
heftige Regen, auf welche kühle und trübe Witterung folgt; 
endlich Schlössen, Honigthau, Meblthau und im Herbste meh- 
rere Tage kalter Regen (wirksamer noch als Reife), die Rau- 
pen i'd grosser Menge tödten; dafs aber die Puppen jede Wit- 
terung und selbst die heftigste Kälte gewöhnlich unbeschadet 
ertragen ; dagegen durch schnelle Temperaturwechsel zerstört wer- 
den. Hierin liegt denn wohl auch der Grund, warum die Rau- 
pen zu ihrer 'Verpuppunt; entweder das, die Wärme schlecht 
leitende, Moos, so wie die, eine gleichere Temperatur behal- 
tenden, Nord-, Nordwest- und Ostseiten der untern Baumthsile 
und die Risse in der Rinde, — auswählen. 

Ausserdem wendeten die dortigen Forstbehörden alle an- 
deren, bisher üblichen oder in Vorschlag gekommenen künstli- 
chen Zcrstörun£smittel gegen die Raupen etc. mit verschiedenem 
Erfolge an , und zwar raffte man viele Raupen bei ihrer Wanden 
rung auf, man las und schüttelte sie vom jüngeren Holze ab, 
und veibrannte sie nachher. Durch das Ausrechen der Nadeln 
und des Mooses (was jedoch von einer andern Seite dem Wald- 
bestand auf mehrere* Jahre hinaus so sehr nachtheilig wird) und 
das Eintauchen desselben in Mistjauche wurden viele Puppen 
wrstort und noch 800,000 dabei verzettelte Puppen mittelst 
Schulkindern eingesammelt. — Wenig oder gar keinen Erfolg 
hatten die zur Flugzeit des Insekts angezündeten nächtlicheu 
Feuer, wogegen aber die bekannten Umgebungen der angegrif- 
fenen Distrikte mit senkrecht abgestochenen Graben sich als sehr 
nützlich erwiesen. 

Der Gang und die Verbreitung des Uebels , der Erfolg 
der augewendeten Mittel und viele andere, keines Auszugs fä- 
higen, Beobachtungen sind in tabellarischer Form dargestellt Es 
geht. daraus hervor (wie selbst der Hr. Verf. zu gestehen 
scheint), .dafs, der sehr lobenswerthen Sorgsamkeit der dortigen 
Behörden ohugeachtet, die Witterung zur Abstellung des Uebels 
das Meiste beitrug j dafs ferner: der Natur wohl Manches hier- 
bei überlassen und die übertriebene Furcht vor dem Uebel et- 
was vermindert werden könnte, wenn man den durch die Rau- 
pen entstehenden Nachtheil, und den Vertilgungsaufwand mit 
dem Erfolge ruhiger vergleichen wollte. Denn so sind von 1^4 
Tagwerken beschädigten Kiefernwaldes, nur 122 Tagwerke (also 
etwa y i2 des Ganzen) wirklich so abgestanden, dals sie wieder 
kultivirt werden müssen, wofür o,3o fl. berechnet werden j 
wahrend der Aufwand zur Vertilgung der Raupen zu 55oo iL 
veranschlagt ist. 

Lebrigcns ist noch zu bemerken, dafs zugleich mit den 
Raupen des Tcnihredo pini in ziemlich grosser Anzahl der 



2o6 Die Rationelle Landwirthschaft v. J.E.V Reider. 

Dermestes piniperda Sechst, erschien, aber nur ans Noth die 
von den Raupen entnadelten Kiefern anfiel, und demnach nicht 
{wie es Zeitungsnachrichten verbreiteten) die Folge der Rau- 
pen Vermehrung war. Er nahm überdies nicht sehr überhand, 
und beschränkte sich überhaupt mehr auf das Anbohren und 
Ausfressen der Seitentriebe, als dafs er die Herztriebe ange- 
gangen hätte. Dies würde ihn also auch im Allgemeinen weni- 
ger gefahrlich machen. H. 



Die rationelle Landwirthschaft nach ihrem ganzen Um- 
fange in der lieber sieht der Grundsätze derselben im AU" 
gemeinen, dann der Viehzucht, des Feld- und* Gartenbaues, 
der Holzzucht etc. der landwirthsc haftlichen, Gewerbe und 
Gerechtsame, von und für Deutschland. Mit Zugrundelegung 
der landwirtschaftlichen Verhältnisse in Baiern, in £ Thln. 
Von Jakob Ernst *v. Reidjw, erstem Assessor am hbnigl. 
Landgerichte Hersbruck im Rezatkreise. Wixrzburg in der 
Stahelschen Buchhandlung 48*4. 4 ß- 

Derselbe Hr. Vf., dem das Ökonomische Publicum das so wohl 
gelungene und mit so grossem Beifall aufgenommene Werk, über 
Hersbrucks Hopfenbau verdankt, trägt uns in vorliegendem Werke 
die Resultate sämmtlicher landwirtschaftlicher Zweige, in einer 
umfassenden, aber doch gedrängten Uebersicht, nach den Grund- 
sätzen der rationellen Landwirtschaft vor. 

Es ist kein fruchtloses, sondern vielmehr ein dem allgemei- 
nen Bedürfnifs entsprechendes Unternehmen, auf die Nutzanwen- 
dung jener Erfahrungs - Satze hinzuwirken, die Hr. Staatsrath 
Thaer in seinem Meisterwerke: Grundsätze der rationellen Land<- 
mrthschaft, dem gebildeten ökonomischen Publicum schon im 
Jahre 1809 mitgetheilt hat. Je mehr diese Grundsätze auf eine 
fafsliche und einleuchtende Weise verbreitet und zur praktischen 
Anschaulichkeit hingegeben werden — desto mehr Gewirii für die 
gesammte National- Oeconomie! Die Kenntnifs dieser Grundsatze 
ist jedem Landwirthe unentbehrlich, dem es darum zu thun ist^ 
zu einem recht lebendigen Begriff und zu einer zusammenhän- 
genden Uebersicht seines Gewerbes zu gelangen. Die Bekannt- 
machung sicherer Resultate, wie sie hier aus dem landwirtschaft- 
lichen Gewerbe, nach Grundsätzen der rationellen Landwirt- 
schaft, aufgestellt sind — verdient daher von Seiten des ökono- 
mischen Pubkcums eine so willfährige als dankbare Aufnahme. 
Obgleich diese Resultate in einer Uebersicht aufgestellt sind, die 



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I 



Die rationelle Landwirtschaft v. J.E.v.Reider. 207 

schon einige Vorkenntnisse voraussetzt, indem 3er Hr. Verf. nur 
bei solchen wirtschaftlichen Verrichtungen in's nähere Detail 
eingeht, von deren Umschreibung die Bestimmung des Kosten- 
Verhältnisses abhängt, und obgleich dem Werke selbst, im stren- 
gen Sinne genommen, noch Manches abseht, was der aufmerk- 
same Leser in einer rationellen Landwirtschaft nach ihrem gan- 
zen Umfange vermifst; so wird dcnnoA das Ganze, in seiner 
Zusammenstellung; sowohl» dem Theoretiker als Pratiker eine in- 
teressante und nützliche Lecture gewähren. Der Eine wird in 
den Stand gesetzt, die Ausübung leichter zu beurth eilen, und 
dem Andern verhilft es zu einer gründlicheren Werthschätzung 
jedes Wirtschaftszweigs, und erleichtert ihm auch das Verstand- 
nifs der neueren Wirthschafts- Systeme. Besonders wird es der- 
jenigen Classe der Leser eine genugthuende Lecture gewähren, 
die einen allgemeinen, noch so ansichtlich richtigen Satz, nicht 
dafür erkennen, wenn sie ihn nicht in Ziffern ausgedrückt sehen. 
Und an Ziffern und Berechnungen fehlt es hier nicht! Die Art 
und Weise der Befolgung vorgeschriebener Regeln für eine oder 
die andere Lokalität, ist aber auch in der Oeconomie immer 
das schwierigste. Bei den besten Kegeln wird nicht selten der 
Zweck verfehlt, wenn man deren Anordnung nicht genau kennen 
gelernt hat. Eine Mittheilung dessen, was uns die Erfahrung ge- 
lehrt hat, verbreitet über jeden Gegenstand das hellste Licht. 
Der Beweis, in Ziffern ausgesprochen, wie viel eine Sache ko- 
stet und wie viel sie einträgt, leuchtet am Deutlichsten ein. 

Was oh n längst, bei Beurtheilung des Taschenbuchs fiir prak- 
tische Landwirthe, von Rudolph Andre, zur Empfehlung dessel- 
ben gesagt worden, läfst sich verbotenus mit Fug und Recht 
auch von diesem Buche sagen : »sowohl dem Herreu , der seine 
Beamten über die Zweckmässigkeit ihrer Wirtschaftsführung 
beobachten, als dem Beamten, der ausmitteln will, auf welche 
Weise er am sichersten den Vortheil seiner Herrschaft befördern 
könne, leistet dieses Buch die besten Dienste.c 

Durch die Uebersicht der Vergleichung von Maas und Ge- 
wicht mehrerer Deutschen Provinzen, mit dem Baierischen Maas 
und Gewicht, welche dem zweiten Theil als Anhang beigefügt 
ist, gewinnt das Ganze an Gemeinnützigkeit; insofern alle Rech- 
nungs- Ansätze, die im Baierischen Maas und Gewicht angege- 
ben sind, durch diese Vergleichung leicht auf das Maas und 
-Gewicht anderer Provinzen reducirt werden können. 

Forstner. 



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2o8 Griesel Mährchen und Sagenbuch. < 



Mährchen- und Sagenbuch der Böhmen von A. W. Grt&sll. 
Prag 4 8 Ho bei Friedrick Tempsfy , 2 Theüe. 2 Rthlr. 

Eine Sammlung unterhaltender Erzählungen, gröfstentheils, der 
Angabe des Herausgebers zufolge, aus den Sagen Böhmischer Vor- 
zeit zu Nutz und Frommen der Gegenwart bearbeitet und ihr 
angeeignet. Wirklich zu^Nntz und Frommen! denn die Dichtun- 
gen enthalten uicht blos, was den grossen Haufen an Sagen, Fa- 
beln und Mährchen fesselt: nicht blos Erscheinungen aus einer 
fernen, fremden, zauberischen Welt, ausgestattet mit aller Farben- 
pracht, die eine lebhafte, üppige Phantasie darbietet, um zu über- 
raschen und zu blenden; diese Erzählungen leistcu mehr. "Wie 
die Sagen aus der Nordischen Vorzeit häufig nur die Hullen sind 
eines tieferen, ernsteren auf die Bildung des Volkes zweckenden 
Sinnes, von den Verständigen der Vorzeit aufgefafst und der 
Mit- und Folgezeit übergeben, so ergreift auch das vorliegende 
Sagenbuch jene höhere, Geist und Gemüth ansprechende Bedeu- 
tung, und die Erzählung ist meistens nur das anmuthvolle Ge- 
wand, in welches sich ein belehrender Satz kleidet. — Verderb- 
liche Folgen der Eitelkeit und Sucht nach höheren, dem wahren 
Glücke fremden, und oft den Frieden des Gemüthes störenden 
Dingen, — Lohn edler Aufopferung — wohlthätige Ergebung in 
die Fügungen einer höhern Leitung — glücklich und erfolgreich 
angewandte, jeder Versuchung widerstrebende sittliche Kraft,- — 
Das und ähnliche Sätze stellt der Herausgeber uns in den Er- 
zählungen dar. 

Die Dichtungen gewinnen dadurch an Mannigfaltigkeit und 
Bedeutung, dafs der Herausgeber Freunde von* verschiedenem 
Sinn uud Temperamente aufstellt, die zur Erheiterung eines ju- 
gendlichen Kreises, die Sagen der Vorzeit gegen einander auf 
Bergeshöhen, im Anblick der grossen Natur des Böhmische» Lan- 
des, austauschen, wo denn ein jeder nach seiner Art zu schil- 
dern und vorzutragen Gelegenheit findet. 

Als besonders vorzüglich sind Ref» vorgekommen: Des Jung' 
lings Geist im i st *Tl.S.iQi. u. der Landesverräther im at'Tl.S.iSa,« 

Dafs mau bei der Düringserle Thl. I. S. 78. hie und da au 
Undine und beim Landesherr ät her an Musäus Rübezahl mährchen 
erinnert wird, kann dem Verfasser nicht zum Vorwurf gereichen. 

Einige Nachlässigkeiten z. B. die Ausdrücke »Menschenengel, 
»allermeisten« etc. konnten vermieden werden ; doch sind sie 
reichlich ersetzt durch das Anziehende der meisten Erzählungen, 
durch die im Ganzen lebhafte blühende Sprache, und durch die 
häufig eingewebten gediegenen oft feinen Bemerkungen ; durch 
welche letztere sich der Verfasser als richtigen Beobachter der 
Menschen und ihrer Verhältnisse beurkundet. 



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fl= 14 Heidelberger 1822, 

Jahrbücher der Literatur. 



UM 



Fr. Aug. Lud. Adolph Ghotefend , Clausthalo-Hannoverani, 
Seminarii reg. Philolog. et Homilet, nec nan Societalis 
Theol. Goettiitgcns. antchac Sodalis, Common tat io , in 
qua Doc Irina Piatonis ethica cum Chris tiana 
comparatur, ita, ut utriusque tum consensus 
tum discrimen exponatur. . . d. 4- Jim. 48*0. prae- 
mio.. ornata. (Qfioc ftev 0 tcX&tuv, Ssoc y'b XP {l > 0 O- 
Göttin g. b. Vandenhöch 48%o. 4- 76 S. 4% ggr. 

Wohl unterscheidet der Verf. dafs Plato in manchen Dialogen 
mehr die Dialektik der Sophisten seiner Zeit und Umgebung 
mit aller dialektischen Kunst aufzulösen uud sie aufs äusserste 
tu treiben, als seine eigene Lehre rein miuutheilen suche. Zu 
enem Zweck benutzt er oft auch Ansichten, welche sonst die 
gen nicht sind. So im Euthydemus, beiden Hippias, und 
er Sokrates mit einem Sophisten kämpfen läfst , wie zum 
l auch im Protagoras und Gorgias. Wie im Protagoras, Pla- 
Sokra'tes den Sophisten nur in Neze seiner eigenen Art ver- 
strickt, die Sache selbst aber nicht genug erörtert, so behandelt 
er umgekehrt, einem Lchrbegierigeu gegenüber, die nämliche 
Materie nach ihren eigentümlichen höchsten Gründen und schil- 
dert die Tugend, der Veruunftidec gemä'fs, im Menon. Hier ist 
Plato's eigenster Sinn, wie er im Philebus deii Gang seines Phi- 
losophirens, seine Methodus inveniendi verum, vorzeichnete, und 
vornehmlich das Wiedel betrachten empfahl, um nicht gar zu 
schlimm durch sich- seihst getäuscht zu werden. XPV VCU %ctv9t 
GKk'tyciG&at rt ^97 ktyv. to yxp egetiretTctadou ocurov uty kura vxvtuv 
XxkfTTttrctTov. CratjL p. 64> Wie Plato gegen Sophisten, so 
hatte Jesus in seinen Gegensätzen vornehmlich Pharisäische 
Scheintugend im Auge, seltener Essäische Härte und Uebertreibung, 
noch seltener das Sadducäische Läuguen einer solchen Geistesfort- 
dauer, welche die Fortdauer der wahren Gottcsvereh rung durch 
Gotterkennende Tugend und die Ewigkeit ihrer Beseligung zum 
Zweck hat. Joh. 17, 2, wo der Sinn des /va im Unterschied 
von ort zu bemerken ist. Jesus aber hatte meist auf das Volk» 
Plato auf wissenschaftlicher Gebildete oder nach Wissenschaft 
' Begierige zu wirken; doch beide so, dafs sie mehr ihren Ge* 

1* 




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2i o £rotefcnd Compar. Ethices Piaton et Chfistianae. 



dankenzusamenhang in einem inneren Ganzen haben u. voraussetzen, 
als irgeud mit einem fllal darstellen. Selbst auf ein Denken der 
Ideen, der Basis aller seiner Wahrheit, deutet Plato's Phädrus 
nur in Allegorie, klarer im Symposion; doch werden sie, als 
Grundlage alles seines theoretischen und praktischen Denkens, 
nur durch Vcrgleichung des Philebus, Phädon, Parmeuides und 
Theatetus deutlich. Bei Plato ist ein Deduciren aus allgemeinen 
Grundideen, wie er dieses im Philebus als nöthig für das Wis- 
sen darthut. Im Urchristenthum des N. Ts. meint der Vf. kein 
Princip zu finden, das im Gemüth Jesu ein System der Pflich- 
tcnlehre gebildet hätte. Ein Kunstgerechtes allerdings nicht. 
Auch ist jene dreifache Liebe Matth. 22, 34 — 4o. mehr ein 
Wink, die Pflichten gleich zu stellen und keine höher als die 
andere fixiren zu lassen, als ein Aufstelleu Eines Princips. 
Aber in Jesus und den Aposteln war nach des Recens. Einsicht 
leitender Grundgedanke, notio rectrtTj das Hauptbild der Wil- 
lens- Vollkommenheit , wie sie in Gott als dem Ttkeioc Matth. 
6, 48. »st« Da» rechte und gute, 6/xeuov und ctyotdov war ihrem 
Geiste vergegenwärtigt, wie es in ihrer Gottheit ihnen verwirk- 
licht vor den Geistesaugen stand, Matth. 19, 17. Joh. 17, 25. 
4 Joh. 1, 9. 2 Tim. 4, 8. Im Hinblick auf dieses Musterbild, 
in dem sie nicht sowohl die Idee allein dachten, als vielmehr 
auf sie als im Ideal verwirklicht emporblickten, regulirten sie 
auf jede pflichtbetretFende Frage die Antwort. Ihre Entschei- 
dung flofs aus der Betrachtung: was wäre hier jenem Gu- 
ten, welcher Stxcttoc ganz rr ist, wie man seyn soll, jenem 
Vollkommenen, Heligeu, nach dessen Willen auch wir willens- 
vollkommcn und heilig seyn sollen, gemäfs und entsprechend? 
"Was ist Gottes würdig? Plato 's Sokrates, wo er im Symposion 
das crhabenste'giebt, will aus dem Geist einer Prophetin sprechen. 
Jesus glaubt die Praexistenz der Geister. Er selbst ist bei <<ott 
gewesen vor diesem Weltaufang. Joh. 17, 5. Er hat dort bei 
Gott von Gott rapet $6* ncapci $ew gehört und gesehen. Joh. 8, 
26. 38. 4o. «7, 8. Daran grenzt nur, was Plato von den Ideen 
'dachte, dafs sie als von der Gottheit gedacht wahr, und in an- 
dere Geister aus der Gottheit nach eines jeden Empfänglichkeit 
übergegangen seyen. Doch ist auch hierin viele Aehnlichkeit mit 
jenem »bei Gott von (jott hören« wenn mau nur den Unter* 
schied der populären und der künstlicheren Sprache auflöst. 

Was den Vortrag betrifft, so ist er wohl bei Beiden un- 
terredend, aber nach dem grossen Unterschied von wissenschatt- 
lichem Zweck und vou ^gemeinschaftlicher Ueberzcugung. Wo 
Plato allegorisirt, dichtet, wird er dunkel. Jesu Parabeln ver- 
deutlichen» 

Plato' 's ethuches Princip ist religiös und dennoch wissen- 



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Grotefend Compar. Ethices Pia ton. et Chris tianae. 2 1 1 



sdaftiich. Jeden Menschengeist hält Er vor (im Theätetns S. 
176 edit. Stephan.) Ferähnlichung mit Gott nach Möglichkeit, 
OMiovtg tu &£U) x&tx to SvvxTOV. Durchaus aber wird von Gott nicht 
gedacht ein willkübrliches Wollen, wie wenn das Gute nur gut 
wäre, weil er es vorschreibt und fcr gut erklärt. Vielmehr 
denkt Gott die Ideen, weil sie wahr/ sind, und so ist die Idee 
Gut, ilta, tu otyctSu, das höchst wahre, von Gott> dem hoch« 
sten Denker, gedacht. Im Kutyphron S. 10. n. wird die 
Frage behandelt, welche von den OfFenbarungsgläubigen oft za 
weit getrieben wird: Ist das Heilige, 00701/, geliebt von den 
Göttern, weil es heilig ist, oder ist es heilig, weil es von den 
Göttern geliebt wird. Plato, welcher die Ideen als. Gottes Of- 
fenbarung in den Menschengeistern betrachtet, also im ethischen 
ofFenbarungsglaubig ist, bejaht das Erstere, als ächter Denker, 
Man soll Gott ähnlich werden, weil er das wahrhaft Gute denkt 
und will. Deswegen kann nach Plato's Siun Vcrähnlichung mit 
der Gottheit nur werden durch das in Gesinnung übergehende 
Denken, ofioiuctc bs (jw öeto est) hmotiov ^ baov /lerec Qpoiijcecoc, 
liv&Sxu Theätct, L c. Die (ppovifaig ist um alles das Kostbarste 
einzutauschen, und, alles zusammengefaßt, ist wahre otpeTfj nur 
füret (ppovyjaeocc Phädon. S. 69. Gott selbst ist vag ßourtievg d. h. 
regiert als Niis = als thätige Denkkraft (denn voew ist nicht 
Denken allein ohne Actuosität. Nur der nach dem Denken thä- 
tige Geist ist vxq, Ploucquets intellectus actuosissimiis). Und 
so ist im Menschen der Nus , der einzige Regierer der Psyche, 
Jf yup a;£ßäyiÄroc re 7^ a^fytwtr/s'oc x&j «(paMjc tsna. tsrcog s<t» 
^v/flG Hvßepwiry fiövco, «fear^ vw XW™* Phädr. III. S. 247* 
Der Nus ist das regierende, ccp%Qv als Koytfixov, die beiden an- 
dern Theile des Menschen, das Sufimav und das enr&Ufa\Ti}U)V 
sind die beiden Regierten, reo xpxojULsvot. welche nicht aufrüh- 
risch, sondern einstimmig werden sollen, bfioöo£w<ji. Politjc. IV, 
S. 44-2. Dieser Nus des Menschengeistes wird sich der (Ver- 
nunft-) Ideen allmählich wieder beWufst, welche in seiner Ver- 
einigung mit psychischen und materiellen Kräften in ihm ver- 
dunkelt (unbewuist) gleichsam schlafen. Aber durch Phrone- 
sis ~ Nackdenken, wird er ihrer wieder mächtig, und dann ist) 
er und soll seyn der Lenker der beiden Rosse (Seele und Leib) 
denen er in seinem irdischen Daseyu vorgesetzt ist. Nach allem 
diesem ist also Plato's Vcrähnlichung mit Gott nicht eine vom Den- 
ken unabhängige, mystische, sondern eine solche, welche durch 
das Denken der Ideen , die Gott denkt, weil sie wahr sind, 
and dann durch das Befolgen derselben, durch das Werden 
recht, wie man seyn soll, und durch heilig werden =: Sixcuov J(pe/ 
wm yeveaSoct fisTct (ppovrieetoc., verwirklicht wird. So ist Platp's 
Qqu v er ähnlich äug* weit mehr als die blosse Gottverehriuig* 

14* 



9\2 Grotefend Compar. Ethices Piaton. et Christianae, 

Nicht das Verehren ist der Zweck, sondern das möglichste Sejn 
und Werden, wie die Gottheit, natürlich nicht in Macht und 
Kraft, sondern im Denken und Wollen des Wahrhaftguten, des 
ayxftov. Denn hxouov yev&täxi nx) &cen\fevwTx xpernv, eis onv 
ivvxrov xv&pemw, dies ist nach Politicor. X. p. 643* opLOiac^xt 
Secc, und nach Thäetet. ist der Gottheit nichts ähnlicher, als 
tver von uns wieder wird der rechtschaffenste = am meisteu 
so, wie man seyn soll, ax vsiv xvrto (tu $ew) aStv Ofxoio-wv 
7f oc xv r\fibcv xv yevijrxt ori bmxtOTxroQ. Eine solche Deification 
ist nichts mystisches. Schon eine wahre Ansicht (dogx ahfitje 
noch ohne wissenschaftliches Nachdenken) ist nicht ein schlim- 
merer Führer*zum Recht handeln, als die durch Denken entste- 
hende Gesinnung. &o£ct ecfai&Tfc. tt^oq op-fonjTa irpx%tMS *&ev 
ptov 7iyep#Vf <PpoV7f<Tfccc. Aber doch fuhrt' aliein die Phronesis 
bleibend — zum Rechthandeln, Qpovyaic fiovov ijyetrxt r<? 
cip&wc TpctTTstv als irctpa t u$v8<ia. Menou. S. 97.98. Gegen Ofioitstic, 
r= Verähnlichung mit Gott, Imxiov r&j butov perx Qpowfsti'; 
(mit Nachdenken/ yeveadou Theaetet. p. 476. ist das Gegcntheil 
et(ppG(JW7i Menon S. 87. Auch wird dabei von Plato pr 
nicht ein Zernichten des Sterblichen iu der Mcnschennatur, r t 
^V7fT7j (fvaiC, vorausgesetzt, sondern das Regieren, Unterordnen, 
gefordert, durch die Idee Gut, welche das gröfste Studium ist. 
?; tu xyx$x ifox /msyitov fAx^n\fxx. Politic. VI. S. 5o5. 

Wie sehr das Gottähnlich Werden der reinen Urchristen- 
thumslehre damit zusammenstimme, wollen wir hier nicht aus- 
führen. Selbst das ttoivwvoi (tvcexi; (weicher eher ein 
Petnuer als Petrus selbst, so ausgedrückt haben mag, 2 Petr. 
l, 4*) i $ t ohne Zweifel von dem Theilhaben au dem Prakti- 
schen im Gotteswesen, an dem Denken und Wollen des xyx$ov, 
gedacht. Der Vf. hält für ^iuu und Geist des Urchristenthums, 
Was freilich so viele der älteren Theologen dafür ausgaben, 
welche an absolute Monarchien gewohnt, die Gottheit dadurch 
am höchsteu zu ehren meinten, dafs ihre Willkühr, nicht ihre 
Vernunft und Weisheit, das Gesetz mache. Recht und gut mein* 
ten sie wäre das nicht, was es ist, wenn Gott es anders gewollt 
Äätte, und was noch sonst alles als Ehreurettuug des willkührlichcn 
Wollens (voluntas arbitraria) der Gottheit, aus Eifer," sie recht 
hoch zu stellen, nur allzulange vertheidigt zu werden pflegte. 
Plato war weiter uud dachte Gott es würdiger von der Gott- 
heit, nach jenem schon aus Eutyphron angeführten : xpx ro offtov, 

67 1 OffiOV tfh (PlAEtTXl VTO TtoV $fA V\ 7f OTi (ptkeiTUi , 0070V ff/» 

worauf S. 20. ofiohoynjuev % ro ft&v oaiov hix rtsro (f>iketo&xi t 0T/ 
Mtcv Ktv t «AA x bort <Pikatrxi baiov etvxt. ( »Wir sind ein- 
verstanden, dafs das Heilige geliebt werde, weil es heilig ist 
und dafs nicht, weil es (von den Göttern) geliebt wird, es heilig 



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Grotefend Gompar. Ethices Platoo. et Christianae. 2i3 

• 

ist.) Allzu oft freilich meinen Menschen, auch zum Mitgcsetzge* 
ben gerufen« Volksstellvertreter, sie konnten nun als solche zum 
Recht macheu, was an sich nicht recht ist. Aber Plato würde 
dies nie auch nur unter die »wahre Ansichten, ctXiföFte 
des allgemeinen Menschenverstandes gerechnet haben* Und Ree« 
findet auch im Urchristcnthum, zu seiner desto freudigeren Theil«* 
nalune an demselben, nicht, was dem Vf. S. 3t. so schien: dafs 
das Gute zwar an sich Wehrt habe, doch (nur?) deswegen zu 
tltun sey, weil Gott es befahl. ßomim quodque per se pretium 
(nur pretium? nicht vielmehr Würde? Göttlichkeit?) habere* 
tarnen illud ideo faciendnm est, quia Deus jussit. Gott 
befiehlt es auch im N. T. nicht weil er nun eben so will (wie 
wenn er es auch anders hätte wollen können ) sondern weil es 
an sich nach der vollkommenen Vernunft durch Vollkommenheit 
auch des Willens zum Gesetz zu machen ist. Des Christen 
Rechtschaffen heit ist Gehorsam gegen Gott, weil Gott ist der 
wahrltaft Gute, o fiovo$ ccyotSoc, die ewige Rcalisirung der 
Ideen, das Ideal, in welchem dieselbe .(nicht substantiell, oder 
subsistirend, aber) essentiell, wesentlich gedacht und gewollt 
sind. Auch in dem Gott des Urchristenthums ist das, worüber 
als Recht und Unrecht er gesetzgeberisch spricht, eine unver- 
änderliche Wahrheit, idea imrnutabilis \ und was nicht an sich 
wahr ist, ist nicht ein Theil allgemeiner göttlicher Gesetzgebung, 
sondern etwas was wohl für gewisse Verhaltnisse (wie das 
Mosaische Nationalgesetzj wohlthätig seyn konnte Aid also, wenn 
es nur nicht au sich unrecht .war, auch dem Wohlwollen Got- 
tes gegen die Menschen ( der (Ptkav&p&inet rg Sex Tit. 3, 4*) 
gemäfs und für etwas beziehungsweise* (relativ-) Göttliches er- 
achtet werden durfte. 

Eben so merkwürdig ist, wie Plato und «las Urchristen- 
thum die Wirkung des Rechtdenkens auf das Wollen als Styoci- 
ojiwj, als das Recbtscyn, Rechtschaffenseyn, wie man seyn soll, 
einstimmend denken. Wo Luther Gerechtigkeit, die vor Gott 
gilt, übersetzte, war das Wort im moralischreligiösen (noch nicht 
int juridischen) Sinn, gedacht, es wurde Rechtwollen und Recht- 
handeln darunter verstanden. Dieses ist in dem 6tx*io$ auch des 
Plato. Ein solcher ist, wer das, was er thun soll und kann, 
wer das Seinige ,thut, nach dem Innern, nicht nach äusserer 
Vieltbunerei, irQfa/iCQ&xfjuoavvq. Jenes ist das schwerste ; und gerade 
deswegen verwandeln die Menschen so gerne auch die h%ouQGwn\ 
irpoc rov Seov in eine gleichsam juridische, die mit dem äussern 
Thun zufriedeu seyu müfste. S 35. giebt Plato's Stellen: ro 
t* iunu npeerrtiv, ngy fiij Trohnrpoty/MveTu* StKeuocwif vti% wo 
aber ret «t/rar nicht egoistisch, sondern ethisch («das, was alt 
aas rechte ihm oMußgt « ) *u verstehen ist. Plato's Sinn ist : 



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% i4 Grotefend Compar. Ethices Piaton. et Christianiae* 

Dikaiosyne = Rechtthun, ist es zu nennen, wenn einer das 
"wirkt, was seine Sache ist (was seine Pflicht und seine Kraft 
angeht) nicht aber in Vielerlei geschäftig seyn will. Wer will 
Xind thut, was ihm zukommt, enthalt sich der Vieltbätigkeit,' auch 
in das sich einzumischen, was den Vielen andern zukommt. Be- 
sonders schön ist Polit. IV. p. 443. die bestimmte Hinweisung, 
dafs Rechtschaffenheit (dieses Schaffen des Rechten) 6/mtocvvnf 
bestehe nicht im äusserlichen Wirken, sondern im innerlichen. 

9\ StXCCiOGVVTJ .. * *3T«f>/ T7JV e%03 Tf>«3f*V TCOV CCVTtS $ CcXk» "Wißt T7JU 

S.VTQQ Vi cchjdwc . . das einheimische im Gemüth wohl zu ord- 
nen, Tot oixeioc. ev&Efievov* und, sich selbst regierend, das Drei 
im Menschen (wovon Polit. IV, p. 436. Phaedr. p. !t42-r*46) 
in gute Harmonie ,zu bringe», gvi'xpfioaccvru rpiec ovt» etc. Da- 
her löst Plato alle Tugenden, selbst die Heiligung gegeu Gott, 
c<rioT7jC in die diK»tocvv7j auf, in das Innerste »Seyu, wie mau 
recht seyn splL« Populärer,' aber gleichbedeutend, ist im Ur- 
christenthura das Beziehen von allem und allem auf das Pneuma, 
das eigentlich Geistige des Menschen. Die Denkkraft an sich 
(kuTij «fnjv Phädon ) kann nur für das Gute denken. — • 
Was aber wohl als Tadel zu bemerken gewesen wäre, ist, dafs 
Plato meist nur au das Aoy/f/xov des Nus, zu wenig au das 
StfaificcTiitov %■ an das Recbtwollen nach dem Richtigdenken, er— 
innert, welches, in Einem Geiste thätig wirkend, wahre 
Freiheit ist. Bemerkt ist S. 3<). dafs Plato gegen das Befolgen 
des Psychisch €U , des dvftostötc. der (ßtkovsixict und (ptXorifitcc 
nachgiebig sey. Der Vf. scheint es zu loben. National war es 
Vöhl. Aber das UrchrUtenthuin war mit Recht strenger, edler. 

S. 56. bemerkt: man finde (im N. T. und) bei den Juden 
nichts von der anima tripartita. Doch ist die Sonderung in 

wtv/Mc 9 ifax*!* aft, . ttÄ OQ, * r ai,a J°g? * Thessal. 5, 23. 

Hcbr. 4, «a. ; 

Der III. Abschnitt handelt von der Platonischen und ur- 
christlichen Verbindung der Dikaiosyne mit dem Wohlbefinden, 
mit Eu^aimonie. Weil das Rechthandeln ist oiteiotcpotyi* 9 eine 
Thätigkeit in uns selbst, in dem uns Eigenen, so ist es dadurch . 
9V&&oc t Wohlbefinden, (nach alter Sprache das wahre: Gehab 
dich wohl). »Nicht Lohn, patöng, auch nicht die Meinungen 
von Dikaiosyne, haben wir eingeführt, sondern m\v £/k«/oöx/vjjv 
äi/tjjv fanden wir als der Seele selbst das b.este, carry ry "^i'X*l 
ttpisw, selbst wenn man des Gyges unsichtbar machenden Ring 
besasse.. Politic. X* p. 6 m. 

Schon ist Pl«.to ganz entschieden darüber, dafs das Recht- 
handeln nicht et na nur als Mittel zur Eudaünonie zu denken 
sey , dafs es vielmehr alsdann nicht das Handeln aus rechter Ge- 
sinnung wäre. Dennoch folge die Gewifsheit, dafs der, welcher 



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Heusinger üb. Entzünd. u. Vergrösseiv d. Milz. 2i5 

7 

als SauciOf Gott ähnlich zu werden strebe, nie von den Göt- 
tern, von dem Aehnlichen der Aehnlich werdende t vernachlässigt 
werden könne. Iwo Ttov dwv »x upekttrou hc ecv npod'vjuet&öu 
s$aky StywuQQ yiyvetöoLi . . Kmoc top rotttrov ax ant'kziäeu 
vtco th hfiolH. Politic. X. p. 6 4 2. Er ist '%o<Pt\7}G* Unabhän- 
gigkeit des Wüllens von allen Zvveigeu, von allem, was eigent- 
lich nur Ursache ist, (Freiheit sich zu cntscbliesssen aus Grünr 
den , die man sich selbst zu ßestiinmungsgrüiiden erhebt ) seUt 
Plato voraus, wie das N. T. Er hat auch noch keine Frage 
über Vorherbestimmung. Die Skepsis über Willensfreiheit be- 
ginnt bei Aristoteles. Vgl. Morgenstern Comm* de Rep. p. 443 
bis i45> Note 406. 

Auch im IV. Punkt , womit die Rechtschaffenhcit anfange, 
ist Plato und das Urchristenthum harmonischer, als der Verf. 
annimmt. Nicht blos die Kcnntnifs sondern die Anerkennung 
des Rechten, r\ yvooaig rn Ötxcuoraritf ist bei Plato Weisheit 
und was wahrhaft gefallen mufs, apery ethjdlijc Eben so im 
Christenthum das, was mau »Umdenken* sollte nennen können, 
Gesinnungsänderung , perctvoicc, aliter versa mentis agitatio, das 
aliter veUe et cogitare. Der Verf. denkt zu viel an Reue, Poe- 
nitentia. Wenn der Wunsch: hätte ich doch anders gehan- 
delt , uicht schon ausgeht von der Anerkennung des Rechten, 
so ist er unrein. Also macht diese allen Anfang' des Guten. 
Wai;r aber ists, dafs Plato selbst das Gute, xyctJov, wie un* 
verkennbar voraussetzt, aber nie bis zum deutlichen Wissen 
ausdeutet und durch Merkzeichen bestimmt .unterscheidbar 
macht. 

. Der Verf. hat für das Geschichtliche der Sittenlehre fleis*- 
sig gesammelt, wenn wir gleich, im philosophirenden Thcil sei* 
ner Vergleichungen mit der urchristlichen Pflichtcnlehre ihm 
weniger beistimmend, den ächten alten Plato (der aber immer 
von den Platonisten gar sehr zu unterscheiden ist) dem Urchri- 
stenthum durch die allgemeine Vernunft viel verwandter finden, 
wahrend freilich die Neifplatoniker und manche noch spätere 
Ausleger PlatosT mehr mit dem nur patristisch - dogmatischen 
und damouologischen Christenthum überein kommen. 

H. E. G. Paulus. 



Beobachtungen und Erfahrungen über die Entzündung und Ver- 
größerung der Milz. Ein noso graphisches Fragment von 
Carl Friedrich Heusinger. Eisenach bei Jos. Friedr, 
Bäreke. 48%o. XU und *58 S. 8. 4 Rthlr. 

Der schon durch seinen Versuch über den Bau und die Ver- 
richtung der Milz und andere Arbeiten rühmlichst bekannte Vf. 



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<i,i6 Heusinger üb. Entzünd. u. Vergrosser, d. Milz. 



dieser Schrift erklärt dieselbe selbst (Vorrede, S. ÜT.) nicht 
für eine vollständige Abhandlung über die Milzeutzündung, son- 
dern nur für Setrachtungen über eigene und fremde Erfalt- 
ruiigcn diese Krankheit betreffend. Er hat sie noso graphisch 
genannt, weil sein Hauptaugenmerk auf die Feststellung der 
diese Krankheit und ihre verschiedenen Formen charakterisiren- 
deu Zeichen j doch mit steter Berücksichtigung ihrer Genesis, 
gerichtet war. Ein Fragment sollen sie bilden, theils weil sie 
der Natur der Sache nach nur unvollständig seyn konnten, theils 
weil die Milz selbst in einer so innigen Beziehung zur Leber, 
zum Bauchfell und zur Gallabsonderung stehe, dafs die abge- 
sonderte Betrachtung derselben in physiologischer wie in noso- 
logischer Hinsicht immer nur fragmentarisch seyn könne. Uebri- 
gens macht der Verf. auch in Ansehung der Darstellung der 
Meinungen seiner Vorgänger auf Vollständigkeit nicht Anspruch, 
sondern gesteht selbst (S. VII.), dafs er bei der grossen Zer- 
streutheit der Materialien, vorzüglich gröfstentheils in Zeitschrif- 
ten, auch bei den liberal geöffneten Schätzen der Georgia Au- 
gusta verzweifelt habe, etwas Vollständiges liefern zu können. 
So sehr wir nun in diesen und anderen Aeusserungen nicht nur 
die lobenswerthe Bescheidenheit des Vf. gern anerkennen, son- 
dern ihm überdem mit Vergnügen zugestehen, dafs er auch bei 
der Bearbeitung dieses Gegenstandes einen schönen Beweis sei- 
ner gelehrten Thä'tigkeit gegeben uud ausser mehreren eigenen 
Beobachtungen viel Interessantes über die Entzünduug uud an- 
dere Krankheiten der Milz, das in so vielen ausländischen und 
inländischen Werken über mancherlei Gegenstände zerstreut vor- 
kommt, mit grossem Fleissc und vieler Beurtheilung hier zu- 
sammengestellt habe, so müssen wir dagegen eben so offen äus- 
sern, dafs wir in manchen Hauptpunkten die von ihm angenom- 
menen Meinungen, vorzüglich die Entzündung überhaupt und 
deren Eintheilung, die Häufigkeit der Milzcntzündung, deren 
Einteilung und Behandlung betreffend, noch für hypothetisch 
halten oder nach unserer Ueberzeugtmg nicht damit überein- 
stimmen können. ■ 

In der Einleitung sagt der Verf., nachdem er Einiges über 
die Darstellung dieser Krankheit von den älteren Aerztcn geäus- 
sert, dafs nach dieser Sennert und Riviere sich am weitläuftig- 
steu über sie, wie über andere Krankheiten der Milz, verbrei- 
tet hätten. Nach diesen verschwinde die Splenitis gauz aus den 
Kosologieen (?), denn was Boerhaave, van Swieten, Sauvages etc., 
ja selbst P. Frank, Vogel, Pinel davon sagten, scheine nur 
gesagt, damit doefc die SpUnitis nicht im Systeme fehle. Marcus, 
dessen grosser Geist immer nach der Ergründung des Verbor- 
genen und weniger Bekannten gestrebt, habe das Verdienst, zu- 



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Heusittger üb. Entziind. u. Vergrösser, d. Milz. 217 

erst wieder die Aufmerksamkeit der Acrzte auf diese Krankheit 
geleitet zu haben ; aber es habe ihn, wie so oft, auch hier seine 
ungezügelte Phantasie zu manchen Irrthüroern verleitet, die ihm 
dann das imitatorum servum pecus auch schon fleissig nachge- 
schrieben habe. Bei mehreren seiner Krankheitsgeschichten sey 
es keinesweges erwiesen, dafs es eine Milzentzündung gewesen. 

Wahr ist es nun wohl, dafs viele altere und neuere Acrzte 
sehr flüchtig über die Milzentzündung weggegangen sind. Doch 
hat Vogel in seinem trefflichen Handbuche das, was davon nach 
den früheren Erfahrungen gesagt werden konnte,' so umständ- 
lich, als es sich für ein Handbuch schickt, angegeben. Desglei- 
chen nimmt er auf die chronische Entzündung, Stockung, Ver- 
härtung und Geschwülste der Milz gehörige Rücksicht, unter- 
scheidet aber mit Recht davon die chronischen Blutanhäufuugen 
in derselben. Auch J. P. Frank** bündige Darstellung enthält 
manches Interessante. Die Eintheilung der Milzentzündung in 
capillare, arterielle und venöse konnten diese Männer freilich 
nicht angeben, weil ihnen diese bei der Entzündung überhaupt 
fremd war. 

So wie übrigens schon Alexander von Trolles gesagt ?iat t 
tlafs die Milz seltener als andere Eingeweide entzündet werde, 
so erklären auch die obengenannten grossen Aerzte in Uebcrein- 
stimmung mit vielen der erfahrensten und gelehrtesten ihrer Vor- 
gänger (einem Friedr. Hoffmann, van Swiefen, ßoitsier de Sau- 
vages , R. A. Vogel, Cullen, Borsieri etc.), dafs die Miizcnt- 
zündung, wenigstens als ächte und idiopathische Entzündung, 
eine seltene Krankheit scy. Gleiche Aeusserungen findet man 
bei mehreren neueren Aerzten. So sagt einer der vorzüglichsten 
Schriftsteller der pathologischen Anatomie, Baillie (Anat. d. 
kr. Baues, herausgeg. von Sömmetring, S. i52). # »Sehr sei- 
lten findet man die Milz im Stande der Entzündung oder der 
»Vereiterung.« Ein neuerer englischer Schriftsteller über die 
„ Krankheiten des Unterleibes, Pemberton, sagt (S. 78.), dafs 
die Milz einer Entzündung des sie umgebenden Tbcils des Bauch- 
fells, wie alle Eingeweide, die von demselben eingehüllt wer- 
den, ausgesetzt sey, dafs er aber nie Entzündung und Vereite- 
rung der Milzsubstanz selbst bemerkt habe. Er habe oft be- 
merkt, dafs die Substanz der Milz aufschwoll, welches von ei- 
ner Anhäufung des Bluts in den Arterien derselben herrührt, 
ohne dafs die Arterien dabei in den Zustand von Thätigkeit 
versetzt seyen, welcher das eigentliche Wesen der Entzündung 
ausmache. In der Anmerkung zu dieser Stelle sagt Albers iu 
Bezug auf die Behauptung von Marcus, dafs die Milzeutzündung 
höchst wahrscheinlich eben so häufig als jede Uuterlcibsentzüu- 
dung vorkomme und dafs dies die Leichenöffnungen bewiesen. 



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2i8 Heusinger üb. Entzünd. u. Vei grösser, d. Milz. 



»Wenn dieses, wahr ist, so mufs man über die Blindheit so vie- 
ler grossen Praktiker erstaunen, welche dieselbe nie beobachtet 
»zu haben glauben.« Endlich hat neuerlich Schmidtmann m 
seiner Summa observat. med.j die er während einer dreissigjäh- 
rigen Praxis gemac t hat, geäussert (p. 265.), dafs . er nur fünf 
mal die hitzige Milzentzündung wahrgenommen habe» sowie er 
auch den Grund der Seltenheit dieser Entzündung in die sehr 
geringe Sensibilität und Irritabilität dieses Or^anes setzt. Ree« 
ist ebenfalls der Meinung (wie er schon in seinem Handbuche 
der spec. Patholog. u. Therap. B. i. §. 4^6. geäussert hat, und 
auch jetzt nach zwanzigjähriger Praxis, wie nach dem, was er 
von anderen Aerzten gehört hat, nicht anders äussern kann), 
dafs die Milzentzündung, als ächte und idiopathische Entzündung, 
eine seltene Krankheit sey. Oefter aber kommt sie secundär vor 
uud besonders in der schleichenden, chronischen Form, wiewohl 
auch oft eine chronische Blutanhäufüng in der Milz fälschlich 
dafür erklärt werden mag. 

Unser Verf. tritt zwar (was wir ganz billigen) nicht der 
Meinung von Marcus bei, dafs die Milzentzündung am hau/ig- 
sten unter der Gestalt des Blutbrechens vorkomme und so ver- 
kannt worden sey, sondern behauptet vielmehr gegen diesen (S. 
7 4 — 75.), dafs gewifs noch nicht die Hallte der am Blutbre- 
chen Leidenden an Entzündung der Milz leiden und dafs eben 
so wenig das Blutbrechen ein pathognomouisches Zeichen und 
ein beständiger Begleiter der Milzentzündung sey, indem er es 
in 8 Fällen acuter arterieller Milzentzüudung nicht bemerkt 
ltabe. Doch versichert er (S. 53.) selbst die Splenilis arterialis 
acuta ziemlich häufig beobachtet zu haben, und indem er zur 
Schilderung des Verlaufes der einzelnen Arten der Milzentzün- 
dung »ach den einzelnen Zügen der vorhandenen und von ihm 
selbst gemachten Beobachtungen schreitet, sagt er (S. i34), dafs 
diese Beobachtungen so selten nicht seyen, wie manche Schrift- 
steller zu glauben schienen; aber leider seven sie sehr mangel- 
haft und unvollständig, und künftige, fleissigere Beohachtung 
werde daher au den folgenden Bildern der (von ihm angenom- 
menen) Arten der Milzentzüudung noch gar manches hinzuzu« 
fügen i zu ändern und 2U bessern finden. Ree. hätte nach allem 
diesem gewünscht, dafs > uns der Ver£ noch mehr von seinen 
Beobachtungen der Milzentzündung tu recht genauen Krankheits- 
geschichten mitgetheilt hätte. Denn unter den am Ende dieser 
Schrift raitget heilten sind nur wenige eigene, so wie auch so 
manche derselben sieb nicht auf wahre Entzüuduug der Milz 
beziehen. 

Der Verf. nimmt (S. 40 das Wort Entzündung mit meh- 
reren Neueren m einem so weiten Sinne , dafs er die erhöhte 



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Heusinger üb. Entzünd. u. Vergrösser, d. Milz 219 . 

Gefäfsthätigkeit überhaupt damit bezeichnet. Er thcilt aber die 
Entzündung in die capälare j arterielle und venöse ein. Bei der 
capälaren soll (S. 56.) die Tha'tigkeit der Haargefasse eines 
Tlieiles mehr erhöht seyn, als sie es der Function desselben 
aach seyn dürfte; dieselben seyen mehr entwickelt, e9 schienen 
steh die vorhandenen verlängert, erweitert, wohl gar neue er- 
zeugt zu haben ; in absondernden Theilcn erfolge eine stärkere, 
oft sogar qualitativ etwas abnorme Absonderung; in gewöhnlich 
nicht absondernden Theilen erfolge eine Absonderung. Sie könne 
in Gesundheit, in venöse oder arterielle Entzündung übergehen« 
Bei Vier arteriellen sollen (S. 6.) die Haargefasse zum Theil 
oder cranz zu Arterien werden , es erfolge sodann eine Aus- 
sefa witzung von organischer Substanz, Erzeugung neuer Haarge- 
fässe, selbst vollkommen neuer Gebilde oder aber von Eiter. 
Entscheide sie sich nicht durch einen dieser Processe , so kön- 
ne sie allmahlig in Gesundheit oder in capillarc oder veuöse 
Entzündung übergehen. Bei der 'venösen endlich sollen (-S. 6 
— 7.) die Haargefässe zum Theil oder ganz zu Venen gewor- 
den seyn. Die Entstehung und das Vorhandenseyn dieses Zu- 
staudes sey nicht dunkel, und keinem Menschen werde es wohl 
mehr einfallen sie als eine passive Congcstion zu betrachten, 
aber weniger klar seyen seine Entscheidungen und Ucbergänge« 
Allmählich könne das naturgemässe Verhältnifs wieder hergestellt 
werden, es könne ein Uebergang in capillare Entzündung Statt 
finden; Eiterbildung scheine nicht ohne Uebergang in arterielle 
Entzündung erfolgen zu können, aber allerdings scheine eine ei- 
genthümliche Umwandelung des, Blutes in eine sehr dünne, 
aller Plnsticität beraubte Flüssigkeit, gewissermafsen in gradweis 
mehr venöses Blut, erfolgen zu können. Uebrigens fügt der 
Verf. noch (S. 7 — 8.) unter andern die Bemerkung bei, dafs, 
so wie im natürlichen Zustande die drei Gattungen von Gelas- 
sen unmerklich in einander übergingen, so auch im krankhaften 
Zustande diese drei Modificationen der Entzündung so in ein- 
ander verliefen, dafs durchaus keine genaue Granze zwischen 
denselben zu ziehen sey. 

Ob es nun überhaupt recht sey, jede erhöhte Gelafsthä- 
tigkeit Entzündung zu nennen, möchte noch mit Grund bezwei- 
felt werden. Dann würde man am Ende jede krankhaft ver- 
mehrte Absonderung, jeden Durchfall, Schleimflufs , selbst den 
Schweifs etc., der auf erhöhter Gefäfsthatigkeit beruht, eine 
Entzündung nennen können! fedann hat jede ächte Entzündung 
vorzüglich ihren Sitz in dem Capillargefäfssystem. Was aber 
insbesondere die sogenannte Venosität und venöse Entzündung 
betrifft, so finden wir die von den neueren Aerzten angegebe- 
nen Bestimmungen derselben sehr schwankend und unbefriedi- 



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I 



2'2o Heusipger üb. Entzünd. u. Vcrgrosser. d. Mtlz. 

gend und stimmen, wie wir schon anderswo bemerkt haben, 
ganz dem l»ei, was Kreysig (Handb. der pract. Krankheitslehre 
TM. 2. S. 120 ff. ) darüber geäussert hat.- Die Annahme, dafs 
die Haargefässe dabei zum Theil oder ganz zu Venen gewor- 
den, ist hypothetisch und keinesweges gehörig begründet. Wenn 
aber unser Verf. weiter über venöse Entzündung sagt, dafs es 
keinem Menschen wohl mehr einfallen werde, diesen Zustand 
als eine passive Congcstion anzusehen, so ist zu bemerken, dafs 
manche Neuere die von ihneu sogenannten venösen Entzündun- 
gen allerdings für mehr passiv halten und dabei reitzende und 
stärkende Mittel empfehlen. Ree. hat indessen schon in seinem 
Handb. d. spec. Patholog. u. Thcrap. B. l. §. 17*. geäussert, 
dafs ein solcher Zustand, wie er bei der passiven Entzündung 
angenommen wird, der wirklichen Entzündung nur in Ansehung der 
BJutanhäufung und einzelner Symptome ähnlich scy, den Namen der 
Kntzündung aber eigentlich nicht verdiene, und oft eher im spä- 
teren Verlaufe derselben oder als ihre Folge eintrete. Uuser 
Verf. will nun zwar (wiewohl er der von ihm sogenannten ve- 
nösen Milzentzündiuig gerade die Symptome der schwereren 
Fälle von chronischer Milzentzündung und deren Folgen, als eine 
teigigt anzufühlende, nicht elastische, Geschwulst, oft sehr un- 
bedeutende oder gar nicht wahrzunehmende, selten so wie bei 
den capiliaren und arteriellen erhebliche Schmerzen, einen .wei- 
chen , kleinen, oft kaum fühlbaren Puls, cittc schwarzgelbe, 
trockene, 'schlaffe, kalte Haut, grosse Neigung zu Blutungen, 
loses Zahnfleisch, Geschwüre an den Beinen, colliquative Durch- 
fälle und alle Zufalle des Scorbntes zuschreibt) deu Zustand 
nicht als passiv angesehen wissen, sondern begreift ihn unter der 
erhöhten Gciafsthätigkcit, empfiehlt jedoch ebenfalls (ausser ab- 
führenden Mitteln, Aloe, Jalappa etc. ) vorzüglich w tahlmittel 
und China, welche wir weder bei der wirklichen chronischen 
Milzentzündung für passfind halten, noch einsehen, wie sie der 
Verf. bei erhöhter Gefäfsthätigkeit für angezeigt halten könne. 
Ks möchten aber die sogenannten venösen Entzündungen meistens 
zu den gewöhnlich sogenannten chronischen , schleichenden ge- 
hören. Auch haben allerdings die mit einem Leiden der Pfort- 
ader zusammenhängenden Entzündungen der Milz, Leber und 
anderer Eingeweide des Unterleibes oft einen schleichenden 
Gang, *s treten die entzündlichen Symptome dabei nicht so deut- 
lich und stark hervor und sie vertragen auch die antiphlogisti- 
sche Methode nicht so wie andere Entzündungen. Aber oft 
wird auch (wir wiederholen es) eine blosse Blutanhäufung in, 
denselben fälschlich für Entzündung erklärt. Uebri^ens giebt es 
hitzige Entzündungen der Venen, und umgekehrt sind langwie- 
rige Entzündungen nicht bios den . Venen zuzuschreiben, wie, 



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Heüsinger, üb. Entzünd. u. Vergrösser, d. Milz. 22t 

auch unser Verf. durch seine Splenitis cuteriedis chronica aner- 
kennt. 

► * 

In den folgenden Abschnitten bandelt der Verf. erst sehr 
ausführlich (S. 17 — 101). die Ursache und Symptome der 
Alilzentzündung im Allgemeinen (wobei indessen manches aueli 
auf andere Kran heilen der Milz zu beziehen ist), so wie ihre 
Ausgänge (S. 401 — 12a) und Coniplicationen (S. 122 — "*33) 
ab, und sucht dann (S. *34 hV) den Verlauf der einzelneu Ar- 
ten darzustellen. Was aber das hierüber die Unterscheidungszei- 
chen der Splenitis capillaris, arterialis und venosa Gesagte betrifft, 
so bemerkeu wir (indem wir uns übrigens auf das über die Ein- 
theilung der Entzüi diing überhaupt in capillare, arterielle und 
venöse Gesagte bezichen) nur folgendes. DcrVerfV gesteht vor- 
eist (S. i48) selbst, dafs es unter den vorhandenen JJeobach-' 
tungen oft schwer halte, die Specics, zu der sie gehören, ge- 
nau zu bestimmen, so wie, dafs man in der Kunde. der Spleni- 
tis capillaris noch besonders weit zurück scy (S. i52), dafs er 
über die venöse Entzündung der Milz sehr wenig aus eigener 
Erfahrung sprechen könne etc. Der unter dem 3N*men Splenitis 
capillatis (S. i35 fg.) beschriebene Krankheitszusland ist wohl 
wo er auf Entzündung beruht, zu der schleichenden Milzent- 
zünduug zu rechnen. Die Splenitis arterialis acuta (S. i4o — * 
442) entspricht der hitzigen Milzentzündung. Die zwei von 
dem Verf. angenommeueu Formeu der Splenitis arterialis chro- 
nica (S. <42 — 146), stellen die oft als Folge 4er Milzenizün- 
dung (doch keinesweges hlos der hitzigen, von dem Verf. so- 
genannten arteriellen) aber zum Theil auch ohne Entzündung, 
entstehenden langwierigen Stockungen, Geschwülste und Ver- 
härtungen der Milz dar. ( Der Verf. sagt selbst S. ,i45, dafs 
sich am Ende alle Symptome, wie in den lezten Stadien der 
Splenitis capillaris einfinden.) Die Splenitis venosa acuta scheint 
(S. i4ö) nicht häuGg ohne Complication vorzukommen j eom- 
plicirt aber komme sie in endemischen und epidemischen Fie- 
bern vor. Der Splenitis venosa chronica werden (S. 4 47) Sympto- 
me zugeschrieben , wodurch schwere Fälle der chronischen JUilz- 
entzündung mit Geschwulst und anderer Desorganisation, die 
itsyctKot ctr'^ic des Hippokrates, sich auszeichnen. So sehr w.r 
daher auch die Einteilung der Entzündung in hitzige und chro- 
nische in der Natur gegründet fiuden, so köuneu wir doch 
diese Vervielfältigung der Arten nicht für gehörig begründet 
halten. 

In Bezug anf die Behandlung der Milzentzündung äussert 
der Verf. vorerst (*49): »Wenn eine Krankheit noch so \ve- 
*nig bekannt ist, als die Splenitis, $0 kann man sich leicht den« 



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222 Heusinger, üb. Entzünd. u. Vergrösser, d. Älilz. 



»ken, wie viel mehr man noch in der Behandlung derselben 
»zurück seyn müsse.« Sodann wird über die Splenüis capilla- 
ris /S. i52) bemerkt, dafs man in deren Kunde noch besonders 
weit zurück, und daher durch die Erfahrung noch keiue 
Behandlung bewährt sey, Der Verf. empfiehlt indessen Aendc- 
rung der Lebensordnung, Vermeidung des Branntweins, und an- 
derer hitziger Dinge , der Kartoffeln , Hülsenfrüchte, Mehlspeisen 
yäth dagegen vorzüglich Kohle, Kräutersuppen etc. von sogenannten 
artiscorbutischen und harntreibenden Pflanzen au, desgleichen 
wenigstens in den ersten Stadien fleissige Bewegung zu Fufs und 
zu Pferd, (welche wohl schwerlich bei wahrer Entzündung 
passend seyn möchte) , Molken, Buttermilch, Bitter wäfser, doch 
Vermeidung des zu reichlichen und anhaltenden Gebrauches der 
Neutralsalze und würde endlich sein Hauptaugenmerk immer auf 
Mercurial- und besonders Spiesglasmittcl richten, deren Wir- 
kung jedoch durch fleissiges Trinken eines harntreibenden Thccs 
unterstützen. 

Bei der Splenüis arterialis acuta empfiehlt er nach den Um- 
ständen eine Aderlafs , besonders aber Blutigel, Neutralsalze uud 
vegetabilische Abführungsmittel. 

Bei der Splenitis arterialis chronica ist (S. i 56) ein Haupt- 
erfordernifs der schnellen Heilung, dafs der Kranke die Gegen- 
den fliehe, wo diese Krankheit endemisch ist. . Man soll Brec, 
der, wie es scheint, die Krankheit oft zu behandeln gehabt 
habe, aber doch nicht dahin gelaugt sey, Splenitis arteriedis 
und venosa zu unterscheiden (was wir sehr natürlich finden, 
da von den meisten ausländischen wie inländischen Acrzten die- 
se ohnehin schwankende Unterscheidung der Entzündung gar 
nieht angenommen wird), die besten Beobachtungen verdanken 
und seine Heilvorschläge sollen vorzüglich für Splenitis arteria* 
Iis chronica passen. Er empfehle ganz besonders Purgirmittel 
und zwar keine Neutralsalze, weil sie Blähungen verursachen 
und zu sehr schwächen, sondern vorzüglich Aloe, Extr., Co- 
lorjnth., Scanunoneum , Jalappa in Verbindung mit Calemel oder 
B rech Weinstein. (Allein auch nach ßree ( on painful affections 
of the side jrom tumide spieen, in med. chir. Transact. Lond. 
4843 Pol, IL ) entsteht eine wahre Entzüudung der Milz sel- 
ten, uud meistens nur, wenn ihre äussere Bedeckung ergriffen 
wird, öfter aber eine widernatürliche Anfüllung ihrer Cefäfse. 
Gegen diese empfiehlt er, ausser möglichster Ruhe des Körpers, 
besonders Mittel, welche das Blut von der Milz ableiten, küh- 
lende, abführende, nnd solche, die die monatliche Reinigung be- 
fördern oder die Hämorrhoiden in Flufs bringen.) Unser Verf. 
hält übrigens das Eisen, vorzüglich natürliche uud künstliche 



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Htusinger, üb. Entzünd. u. Vergrösser, d. Milz. 223 

Eisenwasser (Spa, Schwalbach , Pyrmont) für angezeigt, wobei 
der Kranke sich fleissig Bewegung machen, tanzen, reiten e c. 
soll. Es braucht kaum bemerkt zu werden, dafs der Krank- 
heitszustand, dem ein solches Verfahren entsprechen soll, keine 
wahre Entzündung und eben so wenig überhaupt erhöhte Ge- 
faisthaiigkeit seyn kann. — 

Nähert sich die Krankheit mehr der acuten Splcnitis arte 
rialitj so soll (S. t58) freilich der Gebrauch des Eisens ausge- 
setzt werden, es sollen nach den Umständen Örtliche Blutaus- 
lecrungen, zuweilen ein kühlendes Abführungsmittel , massigere 
Leibeshewegung, kein Tanzen und Reiten statt finden. — Droht 
sie ; u venöse Entzündung überzugehen, so können ausser dem 
innerlichen und ausstrichen Gebrauche eines Stahlwassers, der 
fleissigen Bewegung, ein Glas guter Wein, besonders aller Rhein- 
wein sehr nützlich seyn. — Bei bereits eingetretener Verhär- 
tung der Dröschen, Hepatisation, Caruification sollen die neu- 
tralsalzigen Eisen wasscr, Driburg, Wiesbaden (gehört dies zu 
den Stahlwasscin? ) und Eger, den Voraug verdienen, aber sel- 
ten hinreichen, sondern es soll nöthig seyn Aloe , Calomel etc. 
damit zu verbinden oder ihnen vorangehen zu lassen. Es sol- 
len auch Frictionen, Mercurialeinreibungen angewendet werden. 
Bei eintretendem Blutbrechen, blutigem Stuhlgange, Naseublhtcn 
soll man keiner dieser Blutungen entgegenwirken, weun sie nicht 
grosse Gefahr drohen, doch beim Blutbrechen durch an den 
After, die Schaamlheile gesetzte Blutigel, Ableitung zu bewir- 
ken suchen. 

Ucber die venöse Entzündung der Milz kann der Verfas- 
ser (S. 160) sehr wenig aus eigener Erfahrung sagen und die 
Erfahrungen andrer lassen (S. 161) so unendlich viel zu wün- 
schen übiig, dafs er es vorzieht, gar nichts darüber zu sagen; 
doch bemerkt er, dafs abführende Mittel, Aloe, Jalappa etc. 
durchaus nicht zu vernachlässigen seyen. Stahlbäder würden 
auch hier oben anstehen ( die Chiua scheine hier ebenfalls ihre 
Hauptan Wendung zu finden, aber uuter welchen Umständen, auf 
weiche Art, darüber wage er nicht zu entscheiden. Uebrigens 
inusse man auf vorhandene Complicatiouen Rücksicht nehmen, 
und besonders dürfe man sich nicht etwa durch den Gedanken 
iui Schwäche von sonst indicirten Blutausleerungen abhalten las- 
iert. Endlich empfiehlt er noch das glühende Eisen der Beach- 
tung der Aerzte. 

Auch hier möchte wieder die Bemerkung gelten, dafs, wo 
Stahlmittel und China für angezeigt gehalten werden, keine wah- 
re Entzündung oder auch nur erhöhte Gefäfsihätigkeit auge- 

i 



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224 Bilder aus dem Leben. 

genommen werden kann. Ueberhaupt möchte, wie wir schon 
mehrmals bemerkt haben, oft der von manchen Neueren für 
Milzentzündung erklärte Zustand nur eine Blutanhäufung in der 
Milz seyn oder dem, was man Stockung, Verstopfung der Ein- 
geweide nennt, entsprechen, wo aber bekanntlich auch oft ganz 
andere Mittel als antiphlogistische oder Mahl und China, nein- 
lieh sogenannte auflösende, die Absonderung durch die Enden 
der Gcfäfse iu dem Darmcanal befördernde und oft mehr die 
sanfteren , als die von unserem Verf. bei der Milzcntzündung 
meistens empfohleuen, hitzigen drastischen. Purginnittel ange- 
zeigt sind. 

J. fV. H. ConradL 



f, Bilder aus dem Leben. Eine Auswahl ' der neuesten Englischen, 
Romane und Erzählungen. Erster und zweiter Thcil: Mrs. 
Opie kleine ErzäJdungen. Dritter und vierter Theil: Auswald 
Meiner Erzählungen der Maria Edgeworth. Fünfter Thcil: der 
Schiffbruch, ein Roman von Mrs. S. H. Burney. Jena bei 
Frommann. 4S%4. 

Gottlob! die Zeil der radclifFscheu Schauerromane ist für Eng- 
land vorübergestricheu : die Lust an abwegsauien Räuberhöhlen, 
an Wahnsinn igem Gekreisch und Kettengerassel, an unheimlichen 
Wäldern und Einöden, an ungeheuren Burgen voll Kellern und 
Verliessen und Hallen und versteckten Zimmern, in deren Bet- 
ten Kadaver ruhen , hat sanfteren Gefühlen Platz gemacht. Statt 
auf der Bahn der ehemals so gefeierten Mis Radcliff forUuwan- 
deln, bestreben sich jetzt die geistreichen Brittinuen uns mit 
einfachen Charaktergemälden und wahrhaften Naturschilderuu- 
gen zu erfreun, und besonders wird von ihnen das Feld der 
moralischen Erzählungen mit Eifer bebaut. Ausser der treff- 
lichen Lady Morgan haben sich als Schriftstellerinnen in dieser 
Gattung Mrs. Opie und Mis. Edgeworth bereits einen bedeu- 
tenden Namen erworben. Beide sind sich an Talent und Ge- 
sinnung so gleich, dafs es schwer wird, einer den Vorzug zu 
geben ; auch macht die Liebe beider zu einander beide gleich ehr- 
würdig. 

(Der Bescblufs folgt,) 



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N = Uni Jnl kn««„. ^ 822« 

Heidelberger 

Jahrbücher der Literatur, 



Bilder aus dem Leben* 
(B * s c b l ufs.) 

Fautastische Spukstückchen, edle Ritterzüge, wundersame Fee- 
reien erwarte man hier nicht; wer aber die Tugenden und 
Felder der grossen wie der kleiueu Welt will kennen ler- 
nen, wer schädliche Vorurtheile will aufgedeckt und bekämpft 
sehen, wer sich lebendig uberzeugen will, wie demüthig dul- 
dendes Verdienst doch am Eude mit dem Schicksal versöhnt 

«wird, und dagegeu der Ehrgeiz sich selbst die schimmernde 
Jinlle abstreift, oder wie unsinnige Vergnügungssucht in sich 
selbst den Keim der Zerstörung erzeugt, der versammle sich 
vor diesen Spiegel der Wahrheit und des Lebens. — Der er- 
ste Theil enthält: Frau Arlington , oder: nicht alles Gold, 
was glänzt« Gleifscndes Elend, gle-fsende Erbärmlichkeit im 
Gegensatze von beheidenswerthem Glücke des ausreichenden Mit- 
telstandes. Die Charaktere sind scharf gezeichnet ; nur ist die 
kleine Marianne etwas mit Kindlichkeit überfüllt. ». Heinrich 
Woodvdlt , eine anziehende Criuiinalgeschichte, auf das ausser- 
ste spannend, am Schlüsse befriedigend. 3» Der Quücker und 
das fVcltkind , gegen gewöhnliche aber verderbliche Vorurthei- 
le gerichtet. Zweiter Theil. 4. Die Heimkehr oder der Ball j ein 
liebliches StiÜlebcnsfuck. Die beiden Schwestern ganz nach 
dem Leben geschildert, die eine ungemein lisbenswürdig. Man 
glaubt mit ihnen und dem General Mouthermer, der Mariannen» 
fünfzehn jähr ige Liebe so edel belohnt, persönlich bekunnt zu 
sevn. n. Geraldi Diwai, das geistreichste Stück der Opie, malt 
mit hellen aber nicht zu grellen Farben /las Entsezliche einer 
viele Jahre hindurch geheim brütenden Hache. Die wahnsinni- 
ge Mutter gewinnt unser ganzes Herz. Einige Uuwahrschein- 
henkelten übersieht man gerne am vollkommen versöhnenden Schlufs. 
J. Luge und Wahrheit, beide schneidend neben einauder ge- 
stellt , bilden ein anziehendes .und warnendes Gemälde aus dem 
Kreise des gewöhnlichen Lebens. — Die Erzählungen der Ed- 
geworth sind folgende. /. Morgen, eine schöne Versinnlichung 

. des bekannten Sprichwortes, belehrt in zwiefachem Sinne; denn 
ausser der moralischen Belelirung, die sich besonders am er- 



15 



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22& Bilder aus dem Lebeil. 

schlitternden Schlüsse tief einprägt, giebt uns die Verf.» einige 
Charaktcrgemäldc aus China uud Amerika, Jenen der Stempel 
der Wahrheit aufgeprägt ist. 2. Die Handschuhe ans Limine* 
rik, unbedeutend für den Deutschen, weniger für den Englän- 
der, der mit nationalen Vorurthtilcn zu kämpfen hat. <?. Mu* 
rad der Um glitt Hielte , nicht öjiiie orieritahsehen 'Aiislflcn', 
anziehend und heinah philosophisch belehrend. Im Vierten TheU. 
/. Der Contrast , ein recht derbes und gegcnhaltendes Stück, 
zeigt das Elend und die Freuden, über welche die Macht der 
Erziehung gebietet* Eine Dissonanz verwundete den Ree. War- 
um bleibt die arme Hanna im Wahne, sie habe durch Unvor- 
sichtigkeit die Wohnung in Brand gesteckt? — 3. Der dank' 
bare Neger ist beinah romantisch durch tmic Schilderung fer- 
ner Sitten, und im höchsten Grüdc unterhaltend. Uebrigens 
sprechen die ]Vcger so gebildet, wie die Edgeworth denkt. — 
3. Die Fabrikanten, wiederum ein recht tüchtiges Stuck. Der 
eine Fabrikant, Wilhelm, ist als vollendeter Mensch seines Stan- 
des, als Freund, Gatte, Vater und Berather so liebenswürdig, 
dafs es einer Reccrsent in schwer fallen sollte, sieji nicht in ihi» 
zu verlieben; der andere, sein Vetter Karl, kann wegen seiner 
Anmassung, wegen seines liukiscben Aufstrebens nach Scheiu- 
grösse und Scheiuwürde für einen Gruudtypus aller Philister 
in jedem Stande gelten. Auf eitle schöne Weise bildet ihn die 
Verl. in der harten Schule des Lebens allmählich zu der Wirk- 1 
liehen Höhe seines Vetters empör. 

Auch der Schiffbruch von Mrs. BurnCJr gehört, Was den 
Kern betrifft, in das gewöhnliche Leben hinein. Ein irländi- 
scher Jüngling Wird von beiden" Eltern eines liebenswürdigen 
Mädchens verkannt und gehafst. Durch Zufall mit diesem Mad- 
cheu und ihrer Mutter auf eine Insel verschlagen, rechtfertigt 
er, als Beschützer von beiden, seine Unschuld, empfangt den 
Segen der sterbenden Mutter zü einer Verbindung mit der Toch- 
ter, und, nach London zurückgekehrt, auch den des versöhnten 
Vaters* der sie schon einem andern zur Gattin bestimmt hatte. 
Dieser einfachen Geschichte hat die kunstreiche Verfasserin eine 
romantische Einfassung gegeben, durch das kühne und gut be- 
standene Wagstück einer steten Hinweisung auf einige acht ro- 
mantische Dichtungen, so dafs alle Zauberbilder, die yiit na- 
mentlich aus dem Robinson , aus der Insul Felsenbürg f und 
besonders aus zwei der schönsten Dichtungen Shakspeares (dem 
Sturm, .und was ihr wollt) gewonnen haben, ihr zu gute kom- 
met!. Mit einem Seesturine beginnt der Roman. Mutter und 
Tochter, leztere bedeutungsvoll Viola genannt, werden auf dic- 
selbige Weise, wie in Shakspeäre's Irrungen ( 1 Aufz. 4 Sc) 



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r Bilder, aas dem Leben. 227 

beuten Knaliet, , gerettet, und als sie laude», scheint die In* 
sei mit lauter Stimme auszurufen : 

Willkommen aus dem Meerabgrund Viola. 
Dort, als Miranda lebend, findet Viola ihren Ferdinand- die 
Liebe schaft die Einöde zum Eli st um, und der äussere Wohl» 
stand , in welchem die neuen Insulaner, trotz den Worten Hat- 
te* Häkle, Sckaaltkierc> fValdj ruckte , MusckeUampe U. s. w. 
leben, scheint das Werk eines unsichtbaren Ariel zu seyn. Dafs 
die Verf. vollkommene Befugnifs hatte, schou Gedichtetes zu 
ihrem Vortheil zu benutzen, beweist die Art, wie sie benutzt: 
sie weifs sich auf der romantischen Höhe zu x erhalten und frei 
zu bewegen. Dir schönes Eigenthum sind die trefflichen Schil- 
derungen der Stürme, der drückenden Nebelschwülc, und der 
Kampte, die Tod uud Leben kämpfen. Der Zufall spielt eine 
bedeutende Rolle, und das darf er im Roman. Die Verf. führt 
durch ihn herrliche Erscheinungen herbei, erst die furchtbar 
kahbauische ^er beiden Franzosen, dann Äen ehrlichen Watson 
welcher das Werkzeug ihrer Befreiung wird. Auch ihm sebeipt 
Ariel zu helfen in der Ausbesserung des Bootes, in der Her- 
beischaffung des Proviantes u. s. w. Die Verf. weifs schöne 
Gruppen zu bilden, und weise aufzusparen, damit keiu leerer 
Raum entstehe. Auch ist sie Meisterin in der Darstellung der 
Leidenschaften, sogar der heftigen, des Zdrns, der Wut? der 
Eifersucht 

Die Uebersetzung,.steUcnwcUe verkürzt und zusammengezo- 
gen, ist leicht und gewandt. Sehr selten fanden wir eine nicht 
völlig ausgebildete Periode, z. B. Im $ ten Bd. S* i38« »die 
Gedanken völlig von dem abgezogen u. s. w.« — Dank für 
die Gabe! sie ist Wahrer Balsam für die Wunden, welche der 
Brcmscnstachel der Afterromaiitik uns noch immer zu Zeiten 
beibringt 

Von ganz anderer Art und nicht minder anziehend ist : 

Melmoth der Wanderer, nach ,dem Englischen des Herrn 
Maiurin, frei übertragen von C> v. S. Arnstadt bei Hildt~ 
brand* 48%4, Drei .'1 /teile in 8. 4 Rthlr. 

Ein mit Grauen und Greueln, und dann wieder mit Lieb- 
lichkeiten und Ergötzungen reichlich angefüllter Roman , gegrün- 
det auf der Idee, dafs den festen Sinn kein Teufel erschüttern 
könne, und wenn Saunas selbst »mit seinen Lockungen das Er- 
denrund durchwandertec Diese in der Vorrede ausgesprochene 
Metafer ist im Romane buchstäblich ausgeführt. Vom Teufel 
dem er seine Seele Ytrschriebcn, erhält der .Münder Melmeifc 

15« 



Uilder aus dem Leben. 



das Geschenk einer i5o jährigen, mit Teufelskraft und Teufels- 
kirnst gerüsteten Lebensdauer, und den Auftrag, ilim aus allen 
Weltgegenden Kunden für die Hölle zu verschaffen. So wan- 
dert der gefeile blander, als war' er der Teufel selbst, durch 
Feuer und Wasser, besucht genofehdrängte Familien, dringt durch 
verschlossene Thüren in die Gefängnisse der Iuqnisition u.s. w. 
Aber wie sehr er auch lockt, und die glänzendsten fierriieli- 
keiten für das ew ige Seeleuheil anbietet, kein Opfer wird ihm zu 
Theil. Nach Beendigung seiner »geheimen Umtriebe« (3 Theil 
S. 229), als die iüo Jahre um sind, stirbt er, aus einem scho- 
llen Manne plötzlich in einen Greis verwandelt, einen furchtba- 
ren Legendentod; und alles Grausen scheint mit ihm aus der Welt 
gewichen. 

* Diese sonderbare Erdichtung hat dem geistreichen Verfass. 
Anlafs gegeben, eine Reihe von zum Theil guten Novellen zu 
verknüpfen , in denen Mejtnoth die Hauptrolle spielt. Vorauf, 
gleichsam als Einleitung, steht eiu anziehendes äcfct irländisches 
Charaktergemaide; dann folgt ein majestätisches Seestuck voll 
Leben und " ahrheit. Mit der Ankunft des sturmgeretteten Spa- 
niers beginnt der eigentliche Roman. 

Einige Theile desselben sind aus dem wirklichen Leben, ge- 
schöpft, andere auf Thatsachen gegründet, z. B. die liebliche 
Geschichte des John Saudal. In der reizenden Novelle von der 
Indiel in verbindet der Verf. eine umfassende historisch -geogra- 
phische Kenntuifs mit einer reichen. Erfindungsgabe; was höch- 
ster Flug der Fantasie« scheinen möchte, ist auf dem Bollen der 
Wirklichkeit erwachsen. 

Der vorzüglichste Theil des Romans ist die Klostergcschichte 
des Spaniers. Mit Entsetzen liest man , welche Künste die spa- 
nische Geistlichkeit ehemals anwandte, um Novireu einzulangen, 
und dann »zur Ehre Gottes«, nach dem teuflischen Grundsätze, 
dafs der Zweck, die Mittel heilige, zu peinigen. Hier folgt 
Schlag auf Schlag, Grauen auf Grauen, uud nirgends Ueberlrei- 
buug. Wir sehen vor uns das »wundersame Gebäude, das, vorn 
»Geiste des Vatikans durchdrungen, in dem Schoose der Erde 
»gegründet ist, und dessen Spitze bis zum Himmel reicht« 
(2ter Th. S. 73); das Gebäude, worin »Freundschaft, Liebe, 
»Freude, selbst die Hoffnung auf künftige Freude« wie ausge- 
storben ist; das Gebäude, wo »Neid und Scheelsucht und Falsch- 
»heit wuchert* (21er Th. S. 43), und »wo der grosseste Ver- 
»brecher seine Sünden abbiissen kann, wenn er die Feinde Got- 
»tes belauscht, verfolgt und zur Strafe bringt« (S. 80). Nicht 
minder vertraut ist der Verf. mit den Inquisitionsgreuelu ehe- 
maliger Zeit, die uns im furchtbaren Spiegel der Wahrheit ge- 
zeigt werden. 



uigm 



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BiUIer aus dem Leben. < 229 

Der Uebcrsetzcr that Rocht daran, dafs er die weitloufti- 
gen PersoncnschiJderungcn , die. sich olmehhi aus den Handlun- 
gen kundgeben, möglichst Verkürzte, und die häufig eingestreu- 
ten Lehrsätze , die den Deutschen Leser ermüden und einschlä- 
fern , ganzlich tilgte. So^hat er aus vier s'arkcn Bänden drei 
massige geschaffen, ohne dafs man cineLücke bemerkt. Ander 
Geschichte sei]>st hat er nichts geändert. Wir wünschten, er 
hätte wenigstens eine Ausnahme sich erlaubt, im 1 den Hunger- 
tod im Klosteigcwölbc (?.tcr Th. Anf.) ausgelassen. Denn ist' 
er gleich ein bedeutender Zug in der Schilderung jener »Men-' 
»scheupeiniger«, so will der gebildete Leser doch nicht an ei-, 
ne Grenze geführt werden, wo Gefühl u^d Phantasie zurück- 
schaudern. Hier ist mehr als Ugoliuo, hier ist eine von den 
radcliffischcu Grcuelscenen, vor denen sich doch, der Verf. laut 
dem Vorbei ichte hat hüten wollen, und auch wirklich sonst 
gehütet hat. 

»Da die IJjdra der geistlichen Hierarchie« (sapft der gewand- 
te Uebersetzer) »ihr Haupt, selbst bei uns, Wied*- zu erhebe» 
»droht; so glaub' ich, dafs mau Maturins Schilderungen nicht 
Coline Interesse leseji wird.« Als Probe seiner kräftigen und 
dem Original höchst angemessenen Sprache, stehe, folgendes (ir 
Th. S. 197): »Peiniget mau einen Menschen; so bptänbt der 
»Schmerz seine Kräfte. \ erurtheilt man ihu zum Blödsinn und 
»zur Dummheit; so wird er wie, Thiere, die. in Holz und Stei-, 
»nen eingeschlossen sind, zwar erstarrt, aber zufrieden schlum- 
»mern. Verdammt man ihn aber zu gleicher Zeit zu Pein und 
»Dummheit, wjp. die Klöster es pflegen; so vereiniget man die 
»Leiden der Hölle mit denen der Vernichtung. Sechzig Jahre 
»hiudurch verfluchte ich mein Dasejn. Nie erwachte ich zur 
»Hoffnung; denn ich luttte nichts zu erwarten , mithin auch nichts 
»zu hoffen. Nie legte ich mich getröstet nieder; denn am Eu- 
»de eines jeden Tags . hatte ich nichts aufzuzählen, als gedanken- 
leere,. geistliche Uebungen, die Gott mehr höhnten als priesen» 
»Wird de^tp Meuscheu der freie Wille geraubt^ wird er zur 
»blossen Maschiene herabgewürdiget; so wird . das Leben ihm 
»zur unerträglichen Qual.« 

Auch diesem, von engländischen Kritikern bald überlobten 
bald übertadelten Romane wünschen wir» besonders seines lehr- 
reichen Inhaltes wegen , eine Menge von Lesern. 



r 



Zur Jllathematik und Logik. Vorspiele zu ihrer Efr 
Weiterung und Begründung. Von Karl Avcustus Er*. 



, ■ 



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ü3o Zur Mathematik Logik Vorspiele v.K, A.Erb. 

Ersse Lieferung^ Heidelberg August Oswe&d's Universitßts^y 
Buchhandlung. 48% 4. 4$8*$* gr. <?, i h\ ai kr, 

Bedürfnis« der Wissenschaft ist zu unserer Zeit noch immer, 
dafs der Logiker seine forschenden Arbeiten vorzüglich mit auf 
die mathematische Lehre erstrecke, dafs er ciuestheils, dem Ma- 
thematiker in die Hand arbeite, mit Erörterung des logischen 
Baues, des mathematischen Gedankenganges, vorzüglich zunächst 
noch in der Elementar * Mathematik , und daf« er anderntheils 
seine eigene Theorie erweitere und bereichere aus den logischen 
Formen, deren sich zumal die höhere Mathematik, uuberathen 
hierin von den Lehrbüchern der Logik, ausübend schon bemäch- 
tig hat, ja, dafs er sich durch ungetrübte Betrachtung des lo- 
gischen Wesens! der Mathematik auf die richtige Begründung 
überhaupt der Logik leiten lasse. Deshalb fand der Verfass. 
nicht unersprieslich , die Erörterung gewisser Fragen, welche 
unumgängliche Grundfragen für die Behandlung der Philosophie, 
Grundfragen *'ir *Ue wissenschaftliche Forschung und Erkennt- 
nifs sind, an Mathematik anzuknüpfen, 

Beispiele, um die Aufmerksamkeit und da« Iuteresse auf 
dessen wesentlichere Untersuchungen zu lenken. Während die 
Brauchbarkeit der gangbaren Definitionen der Ebenen, Fläche, 
und der Geraden Linie bestritten, das modische Verweisen auf 
die unmittelbare Anschauung derselben aber von Grund aVis als 
ungültige Maxime verworfen ist, wird dagegen Zahllosigk ei t der 
auf Grössebegritf stützbaren Bestimmungen der Ebenen Fläche 
und der Geraden Linie behauptet. Unter den »eroeot lieh gege- 
benen Bestimmungen z, B. : die Bestimmung der Ebenen Fläche 
nach zweyen (ausser ihr liegenden) Punkten, von deren einem 
jeder Punkt der Flache so entfernt ist wie vom andern (wo. al- 
so überall der Exponent der beyden Entfernungen z=r i , die 
Differenz derselben z= o, die Differenz ihrer Quadrate, ihrer 
Quadratwurzel, u, s. w« gleichfalls ä o ist: wieder Stoff zu 
noch anderen Bestimmungen; so wie auch zu Vergleichungen, 
z. B, wäre der bestandige Exponent nicht s= t , sondern mehr 
oder weniger als * , so wären damit zwei Kugelflächen bestimmt; 
wäre die Differenz uicht zzz o, so wäre — — etc.); die Be- 
stimmung der Geraden Linie nach dreyen (ausser ihr liegenden) 
Punkten, von deren- einem jeder Punkt der Linie so entfernt 
ist, wie von jedem der beyden übrigen; dem gemäfs die Be- 
stimmung der Geraden Linie in vorausgesetzter Ebenen Fläche 
nach zw eye© Punkten dieser Fläche; die Bestimmung der Ebe- 
nen Fläche und zweyer Parallel- Ebenen nach zweyen Punkten 
von beständig gleicher Differenz der Quadrate ihrer beyden Ent- 
fernungen von jeglichem Punkte der Fläche oder der paralle- 



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Zur Mathematik u. Logik Vorspiele v. K. A Erb. 23 1 



len Flachen (der einzigen Ebenen Flache nämlich, wenn unter 
beyden Punkten derjenige bestimmte gegeben wird, welcher die 
grössere oder welcher die geringere unter beyden dißerirenden 
Kutfernungeh von Punkten der Flache hat, und, wenn die Dif- 
ferenz =:o gegeben wird; der Parallel -Ebenen hingegen, wenn 
keines von beyden der Fall ist) ; die verwandte Bestimmung der 
Geraden Linie, oder dreyen Parallcl-Linien zugleich, nach dreyen 
Punkten; die Bestimmung der begränzten GeraJen Linie uach 
z weyen (sie begrenzenden oder in ihrer Verlängerung liegen- 
den) Puncten, deren Entfernung von einander gleich ist, die 
Summe der beyden Entfernungen jeden Punktes der Linie von 
diesen bey den Punkten j die' Bestimmung eines oder zugleich 
l weyer einerseits begränzten Theile einer geraden Linie nach 
zweyen (sie begrenzenden oder in 'der Verlängerung liegenden) 
Punkten, deren Entfernung von einander gleich ist. Die Diffe- 
renz der beiden Entfernungen jeden Punktes der Linie von die- 
sen beyden Punkten; (da also dort die Summe der beiden Ent- 
fernungen, hier »die Differenz der beiden Entfernungen bestän- 
dig oder für alle beliebige Punkte der Linie gleich ist: so ist 
es fehlerhaft, ohne au sschli essen den Beisatz das Elliptische nach 
der beständigen Summe, das Hyperbolische nach 4er beständi- 
gen Differenz der beiden Entfernungen zu denniren , wie doch 
zu geschehen pflegt). Sätze zu geometrischer stetiger Verzeich- 
nung der Geraden Linie ohne Lineal u. dg]. ; zu Grunde le- 
gend die Sätze zu geometrischer Verzeichnung der ganz in ei- 
ner Ebenen Fläche liegenden , wenn gleich übrigens nicht wei- 
ter bestimmten, Linie (hier Ebene Linie benannt), etwa der 
ebenen Durchschnitts -Linie jedweden Körpers von krummer oder 
gebrochener Oberfläche. Satze zu geometrischer stetiger Ver- 
zeichnung der Kreislinie von jediclier Stelle ausserhalb ihres 
Centrums oder selbst ausserhalb des Umkreises her. Von vor- 
ausgesetzter Ebenen Fläche unabhängige Bestimmungen der Kreis- 
linie tmd andrer Curven. Neue Grundlagen zu einer Anzahl 
noch unversuchter Parallel -Theorien. Bestimmungen der (senk- 
rechten) Cylynder- Und Kegelfläehe nach zwejen Puncten. Be- 
stimmung der Schenkel des (geradlinigen) Winkels in gegebener 
Ebene nach zweyeu Punkten. Gelegentlich Bestimmungen vie- 
ler krummen [Flächen und Linien. Manche Vindicitn für den 
jetzt häufig bescholtenen EukUdes* Vorbereitungen zur richti- 
gen Interpretation seiner schwierigen Definitionen der Geraden 
Linie und der Ebene. — * Da in den jüngsten Decennien meh- 
rere dieser Angelegenheiten mit einiger Vorliebe behandelt wor- 
den; so ist ja wohl die Hoffnung nicht unzulässig, dafs diese 
und andre in dem Schriftchc» zur Sprache gebrachten Einzeln- 



täz Hesperus von C. K Andre, v 

heilen schon für sich einer ö^etotiiehen Prüfung werden gewür- 
digt werden» 

• K. A. Erb» 



Hesterns, encyMophdische Zeitschrift ßir gebildete Leser. Heraus* 
gegeben von Christian Kahl Ahdiik. ngster Band* 6 
Hefte. 3oster Band, 3 Hefte. ■ Prag 4 8*4. Calve 4. 

Obgleich es nicht im Plane dieser Jahrbücher liegt, Zeitschrif- 
ten anzuzeigen , so hat man doch aus mehreren Ursachen dies« 
mal eine Ausnahme machen zu dürfen geglaubt: zuerst, weil 
Nachrichten aus den Oesterreichischen Staaten und aus Ungarn 
hei uns selten sind und so sehr immer seltner werden, dafs es 
fast scheinen könnte, als würde dies Land bald eine terra- in» 
cognüa für das Westliche Deutschland $eyn. Ein zweiter Grund 
ist der Wunsch, das Verdienst des betriebsamen Herausgebers 
uro die deutsch redeudeii Provinzen des Oester reich ischen Kai- 
serthums dem übrigen deutschen Publicum bekanuter machen zu 
helfen; ein dritter Grund ist endlich der, dafs sich vielleicht 
in dieser Zeitschrift mehr Originelles findet, als in irgend einer 
andern derselben Art. Was das Letztere betrifft i so versteht 
Referent unter diesem Originellen gerade nicht etwas Vorzüg- 
liches oder Ausgezeichnetes., sondern er meint, dafs hier thetls 
Manches ausgesprochen werde, was man im übrigen Deutschland 
nicht sagen w ürde (wie z. B. über Leibeigenschaft und Frohude) 
oder dafs wenigstens ein gewisses Naturalisiren in manchen Ar- 
tikeln hervorscheint, das viel unterhaltender ist, als jene flache 
und hoble Glatte und Gleicldormigkeit der mehrsten deutschen 
Blätter der Gattung. Wir erwähnen der frühem Hefte nicht, 
weil sie schon zu alt geworden sind , obgleich im 3ten u. 5tcn 
Hefte des 2ostcn Bandes die Nachrichten über den Oesterrei- 
chischen Naturdichter und Strnmpfstricker Posch anziehend ge- 
nug sind, und auch manche statistische Nachrichten der Aus- 
zeichnung würdig wärcu. 

Es finden sich dergleichen im 6ten Heft des 29sten Bandes 
über die Deutschen iu der Ztpser Gespannschaft, über das Bad 
Gastein und andere Berggegenden im Salzburgischeu , über die 
berühmte Gegend der Adersbacher Felsen und ihre merkwür- 
digen Gestalten. Iu eben dein Hefte liefert einer der Professo- 
ren am Georgikon eine Abhandlung über das mineralische Cha- 
mäleon oder die Vcibindiiug des Kali mit dem Mauganoiyd, 
dem er eine Reihe eigner Versuche, beigegeben hat, die man 



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ilesperus von C K. Andre. 233 . 

• 

vielleicht liier nicht suchen wür de. Wir halten uns indefs aus 
Jeu angesehenen Gründen hauptsächlich au den .losten Band, 
ton dem 3 Hefte vor uns liefen. Gleich dys erste lieft dieses 
üandes ist reich an Aufsätzen für die Statistik und Topographie, 
welche uiis überhaupt die beste Seite der Zcifsclirift scheint, 
weil wir zwar Witz und Laune, deneu viel Raum in den vori- 
gen Heften gewidmet ist, nicht tadbin wollen, glcichwold aber 
manches durin so Böhmisch finden, dafs es uns nicht recht in 
den Sinn will; freilich weHs der Herausgeber besser als wir, 
welchen Witz seine Leser lieben, und es ist seine- Pflicht sich 
darnach einzurichten. Also zu den ernstern Sachen. Gleich vorn 
im ersten Heft findet man zwei recht artige Beitrage zur Kennt- 
nifs von Ungarn, den einen unter der Aufschrift: Uebcr das 
Spathraarer Comitat, den andern überschrieben: Wanderungen 
durch Ungarische* Gegenden im Sommer 1820. Das Interessan- 
teste im, ganzen Heft indessen ist Seite 10. desselben die Fort- 
setzung der Briefe eines reisenden Polen, dessen frühere Briefe 
in vorhergehenden Heften eingerückt waren. Wir sagen inte- 
ressant, weil man gegenwärtig selten noch auf Menschen trifft, 
welche die Stirn haben, Frohnde und Hcrrcuwescii auf Gütern 
auf di'fse Weise zu vertheidigen, oder durch solche Theorien zu 
unterstützen, wie die waren, die Meiners, Gott babe*ihu selig, 
d*rm Negcrhandcl zu Gunsten aufstellte. Um zu zeigen, whf 
nöthig die Prefsfrciheit ist, damit Regenten und Regierungen die 
Stimmen beider Theilc hören können, und nicht Leute, die so 
#uiz gegen alles Gefühl verhärtet, ganz gegen allen Geist der 
Zeit blind, ganz ohne allen Begriff von dem sind, was die Um- 
stände heute rathen, morgen gebieten und übermorgen mit Drang 
und \oth. erzwingen, in den Cabinetten durch eine falsche So- 
phistik obsiegen und uns den Menschen preisgeben, die Religion 
und Moral und Regierung in ihre Cloake zu ziehen suchen, so 
wollen wir einige Sätze dieser Staatshaushaltungswcisheit hier 
aufiihrcn, so wenig sonst das unbedeutende Zeug der Mühe 
Werth wäre. Wir thun dies um so lieber, da der Verf. seinen 
Namen versteckt Iwt und kein Pole ist, in Schlesien aber noch 
mehrere Geistesverwandte haben mufs, weil nach dein schönen 
Spruch — que les beaux espriis se rencontrent — dieser Staats- 
weishcitslehrcr in dem Major von Serdl einen Historiker gefun- 
den hat, der eine Geschichte lehrt, die sich ganz vortreulich zu 
der Staatsweisheit des vorgeblichen Polen pafst. Dieser Herr 
von i>eidl, den wir übrigens als einen recht braven, biedern 
uud einfachen Mann kennen, hat nemlich auf 568 Seiten Lösch- 
papier eine Beleuchtung jedes ihm bekannt gewordenen 'Tadels 
über Friedrich den Grossen drucken lassen, in welcher Schrift 
>oo Dojun, der gewifs niemals Dämagog war, hart raitgenom- 



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1 



23/i Hespevus von C. K. Andre. 

, < 

men wird, indcfs es von Ruhfs, der wahrlich zu den Monar- 
chisten nicht gehörte und wie allen, die den guten Mann ge- 
kannt haben, bekannt ist, die Art Deutschheit , die dem Hrn. 
von Seidl so verhafst «st, oft auf eine sehr komische Weise an 
den Tag legte, 'heifst : »dieser Einzige, der Lust und guten Wil- 
len hatte, seiner - Stelle als preussischer Historiograph Ehre zu 
machen« d. h. nach von .Seidl keine Flecken an Regenten oder 
Regierung zu finden, nie auch nur gelinde zu tadeln, sondern 
zu loben, wo auch nichts zu loben* ist. Wir zweifeln, dafs der 
wackere Rühfs so dachte, ob er gleich in seiner Schwedischen 
Geschichte mit Karl XL eine Probe gemacht hat, die wir nicht 
nachmachen' mochten. Wilkcn schreibe sich indefs das hinter die 
Ohren, damit Hr. von Seidl nicht ein dickes Buch gegen ihn 
drucken läfst, und ihn so liebreich beurteilt: wie Dohm und 
so viele andern; denn auch den armen de Wette, obgleich er 
schon hart genug gerichtet ist, richtet der Major Seite 24." uoch 
einmal und Iraut ihn sammt der ganzen Berliner theologischen Fa- 
cultät in die Pfanne. Doch, wir hatten über den Major bald die 
Hauptperson den sogenannten Polen aus den Augeji verloren. 
Dieser sagt hier »das jetzige Gesinde im Preussischen liefert den 
Beweis, dafs der Bauer leicht hochmüthig und faul wird, dafs 
er nur arbeitet, wenn er mufs, und # dafs Ueberflufs, besonders 
Unverdienter, nicht überall das Mittel sey, zu grössern Ficifs und 
Moralitat aufzuSuiutern. Ich getraue mir aber auch noch zu be- 
haupten, dafs ganz Kuropa nicht das Geld besitze, nur für ein 
Jahr die Landwirtschaft in der Preussischen Monarchie durch 
Taglöhner zu betreiben, weder an Capitalicn als Bctriebscapital 
noch an Gold und Silber als Tausch mittel.« Sicht das nicht aus 
wie Philosophie? oder vielmehr als wenn der Mann zwar hatte 
läuten, aber nicht zusammenschlagen gehört? 

Weiter S. i3. »die Vervielfältigung der kleinen Wohnungen 
ist eine Verschwendung an Baumaterial und an Handwerkslohn 
(er hatte vorher vorgeschlagen seine Frohndc- Bauern, die der 
Verwalter mit dem Hundeloch bedrohte und arbeitsam und ge- 
schickt machte, die aber nach ihm viel glücklicher sind als freie 
Taglöhner, auch um ihr Hüttchen zu bringen, und sie in eine 
Ait Casemcn zu logiren, wahrscheinlich um das Römische er- 
gasttdum , das zu dem latifandium gehört und die bekannte 
Wir kung auf Italiens Cultur gehabt hat, zurückzurufen) so wie 
die kleinen Gründe eine Verschwendung der menschlichen Ar- 
beitsfähigkeiten.« Er fahrt fort »Anstatt die kleinen Besitzungen 
zu befördern, sollte man sie gerade als in jeder Hinsicht schäd- 
lich und verderblich zu vermindern suchen, damit sich Menschen 
mehr in die Städte zögen (d. h. dort Pöbel, Diebsgesindel und 
Hungerleider würden und die Sitten verderbnifs vermehrten) und 



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Hespeius von C. K. Andre. 235 

dieses konnte man dadurch Bewirken, wenn man befühle, dafs 
sobald jemand a Besitzungen erwerbe, die nicht jede wenigstens 
4o Joch betragen» er sie auf immer vereinigen müsse und nicht 
trennen, dürfe. Ja er hat endlich den unübertrefflichen Gedan- 
keo: »Um aber kleine unvorteilhafte Besitzungen zu verhindern, 
so erhöhe man die Steuer in dem Verhältnifs als der Grund 
Keiner wird, nämlich alle Gründe von 4o J. und darüber* zah- 
len ein gleiches Erocent Steuer; Grunde von 20 J. 10 pr. C. 
mehr u. s t w r « Sollte man es wohl denken, dafs es auch unter 
uns, wie in England eine Ciasse von Menschen gäbe, quibus 
triplex . circiim praecordia ferrnm, die das menschliche Leben nur 
in Ziffern würdigen? die keinen Begriff davon haben, was es 
taifst, einen Heerd sein nennen und sich anzugehören. Ein Wort 
tforiioer wäre annütz; wir wollen nur zeigen, dafs Herr von 
Scidl den Pendant dazu macht, und die weise Anwendung der 
Formeln: »zahlt dem Kerl fünfzig auf« »nicht räsonnirt !» »Bund 
Stroh her« als treuliche Recltts- und Gerichtsmaxime historisch 
rechtfertigt. Er ahndet durchaus nicht , was Dohm will, wenn 
er Friedrich IT, darüber tadelt, dafs er alle Gewalten samt dem 
Gesetz und Ministerium in seiner Person vereinigt habe. So » 
erzählt er unter andern von einem General, der mit einem 
Offizier crimiualiter verfahrt, ohne gerichtlich zu verfahren, was 
wollt ihr Leute mit eurem Tadel? — hört, wie der König ver- 
fuhr. Nun? er liefs den General vor Gericht stellen? Nein« 
Er mifsbilligte, es öffentlich? Nicht, doch! Er war bei der 
nächsten Hevue äusserst ungnädig auf diesen General, weil er 
sich so etwas eigenmächtig herausgenommen, liefs aber übrigens 
die Sache, um ihn nicht zu compromktiren , auf sich beruhen. 
Eben so gutmüthig sagt er S. 118. »Nur äusserst selten (also 
konnte es doch der Einrichtung nach gescheheu und davon ist 
allein die Rede) erlaubte sich der König Machtsprüche in Ju- 
»uzfällcn. Dazu führt er eine Geschichte an , die ganz genau 
in unseres vorgeblichen Polen Staatswesen pafst« Ein junger 
Edelmann in Schlesien, welcher mündig und bereits Gutsbesitzer 
war, wollte eine von seinen Dienstmädchen heiratheu — die Mut- 
ter des Mannes erschrickt, dafs ihr Sohn sich so incanailliren 
will, und bittet den König, ihn auf die Festung zu setzen,' Hr. 
von Seid! berichtet ohne Arges zu ahnden : IGedachter Edelmann 
kam daher auch kurze Zeit in leidlichen Festungsarrest, doch 
bald wieder los. Doch diefs mag hinreichen, die Existenz sol- 
cher Grundsätze unter Deutschen zu bemerken, wir übergehen 
den Rest, so wie auch die Quadratur des Cirkels, die hier S. 
2 5. Oesterreich vindicirt werden soll, und wünschen dem Hrn. 
Baron von Stebitza, aus dem uralten Dalmatischen Geschlecht, 
dafs er nun auch noch das perpetuunt mobile finden möge und 



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236 Hcsperus von C. K. Andre, 

hernach Zeit gewinnen, siel» damit bekannt zu raacheri ? wie man 
in der hohem Geometrie jet/.t eigentlich mit diesen» Punkte 
daran sev. Vorenthalten können wir aber den Freunden der 
Poesie und insbesondere den Gegnern Göthc's nicht, dafs sie 
auch in Ungarn Geistesverwandte haben, da hier aus der Pan- 
nonia, einer Schrift, diu uns bis dahin ganz unbekannt war, die 
wichtige Nachricht ausgehoben ist, wie in dieser, unter der Pro- 
tektion des Grafen von Festcntics erscheinenden Monatsschrift be- 
wiesen worden , ist, dafs man dort gewisse Lieder von Göthc 
unter aller Kritik glaubt , dafs dagegen dort ein Herr M. G. 
Saphir und seine schwunghafte Poesie, die wir so wenig als die 
Pannonia zu kennen das Vergnügen haben, aus ganz andern Au- 
gen schaut 

Nicht weniger anziehend als diese Notiz, die ohne den 
ITcsperus nicht, zu uns , gelaugt wäre, ist S-44« die Tabelle über 
die auf den verschiednen Wiener Theatern im Juli 1821 gespiel- 
ten Stucke, über welche sich freilich ein Commentar machen 
liessc, den man aber von uns als 'blossen Referenten nicht for- 
dern wird. Ohne Commentar ist dagegeu nützlich der Aufsatz 
des Hrn. von Csaplovics S. 4o- überschrieben Vaterlandskunde 
oder Uebcrsieht der Gespannschaften des Königreichs Ungarn in 
ethuischer ßezithung*,. mit dem man eine Nachricht des Dr. Kmny 
S. 48. des folgenden Hefts verinudeu mufs. Einen guten Com- 
mentar könnten wir dagegen liefern zu des Hrn. Witte Erzäh- 
lung seiner Erzichungsweise oder der Selbstresension seines 
Buchs darüber, die der Hr. Pfarrer S. 68. mit der höchst be- 
scheidenen Aeusserun" beginnt *>dafs er allen, denen Erzichuncr 

CO ■ 1 o 

am Herzen liegt, das Buch aufs stärkste, nicht zum Lesen, nein 
zum Studieren* empfehle — besonders auch verstand igen Müt- 
tern.« Er schliefst mit einer Liste von Woblthatern, in welcher 
kein Heidelberger aufgenommen ist, weij der fiu^lc wohl als 
Münchner nicht als Heidelberger die mention honorable erlangt 
hat; die Giefscr stehn wenigstens in corpore da — die vorneh- 
men Leute allein namentlich. Unser Commentar wäre weder 
für. Hrn. Witte erbaulich, noch für unsere Leser unterhaltend, 
wii behalten- ihn also in petto. Im folgenden Hefte ist eine sehr 
verständig ausgewählte Zahl von] Aufsätzen ,j wie sie einem ge- 
mischten Publicum nützlich seyn können, unter denen man die 
Reisenotizen über Holland um so anziehender finden wird, je 
anspruchloser sie sind. s 

Ein Vorschlag zu einer neuen Art von Feuerspritze aber 
S. 97, vom Dcchant Ziak in Mahren kann wenigstens beweisen* 
dafs dort manche Geistliche ihre Müsse und einen Theii ihrer 
Einnahme auf eine recht würdige Weise den Wissenschaften 
widmen. Die. NacldiJiteu über das Leben des 'bekannten Hein- 



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Hcspcrus von C. K. Andre. 23? 

rieh von Bülow mit den Zusätzen und Berichtigungen von ei- 
nem ehemaligen vertrauten Freunde ftülows, die S. folgen, 
sind uns doppelt anziehend gewesen, da die Quelle ein Journ;ii 
ist, das zu unserer Notiz nicht gelangt. Auch die Denksteine 
für Geschichtschreiber, welche fortgesetzt werden sollen, S. 121., 
enthalten recht viele gute 'Lehren und Grundsätze j allein der- 
gleichen kann ein Manu von einigem Geist gar leicht schreiben, 
nur wird es sich bei der Ausführung überall /eigen, dnfs das 
individuelle Talent und die natürliche Eingebung am Ende doch 
entscheiden, und dafs das Linzige, was eigentlich darüber ge- 
lehrt Werden kann, sich auf die Sätze zurückführt», liefs und 
studiere fleissig, scy Philosoph, lerne die Menschen kennen, uud. 
horche, wenn du Beifall willst, auf die Stimmung und Stimme 
der Zeit und lies die Urlheile über andere Gcschichtschrcibei, 
die von der Welt gefallt sind — siehst du aber die Jammer- 
lidhkeit der Art ein, wie oft die Menge gewonnen wird und 
werden mufs, nun — so rede, wie dir der Schnabel gewdchseji * 
ist und lafs sie schwatzen, was sie wollen ( discasque ipufiMtm 
spetnere vulgus J. Anziehend durch manche Nachrichten von wenig 
bekannten u. bereiseten Gegenden sind ferner die ftaturhistorischen 
Wauderungen in den Jägermlorfer und heimatblicheri* Gegenden 
in Briefen von Kajetan Koschatzky, welche S. 129. stehen und 
Heft HL S. i£6. fortgesetzt werden. Sobald in solchen Berich- 
ten mir recht viel Lokalbeschreihuiigeu und Bemerkungen über 
die Gewächse und Insekten, wie hier, vorkommen, .0 wird da- 
durch schon Wissenschaft und Leben wahrhaft bereichert, und 
auf den Vortrag oder die Einkleidung kommt wenig an. Wie 
verschieden ist nicht darin der Geschmack! wie mancher wird 
nicht eine Stele wie folgende höchst rührend finden? S. io5: 
»Siifs ruht es sich hier in dem Schatten einer flüsternden Zittei- • 
appcl auf weiches Moos und duftendem Quendel hingestreckt, 
esonders, wenn ini Frühlinge die Sänger des Thals ihre kunst- 
losen» Lieder anstimmen, in welche aus dem nahen Walde die 
Amsel in tieferen Tönen und der selbstgefällige Kukuk mit sew 
nein dichotomischen Liede einfallen und das durch Weiden- und 
Erlenwurzeln rieselnde Bachlein dazwischen murmelt!« Gleich 
vorn im dritten Heft sind wieder einige recht anziehende Arti- 
kel über Ungarn, die uns recht bedauern lassen, dafs dieses 
vorher so innig mit dem Gange der deutschen Literatur und mit 
unsern Universitäten verbundene Land unsrer nähern Kcnntnifs 
weit mehr entrückt ist. als Kurland Und Frankreich. Dafs iu 
eben dem Hefte die Verhandlungen über das Oe»terreichia>chc 
Bergwerkswesen, die im aOsten Bande im isten und atcu Heft 
angefangen un'\ hernach durcli Einrede und Widerrede fortge- 
bt waren, wieder beginnen, will Referent blos für den Leser, 



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i38 Hespert* von C. fv. Andre. 



der darüber Nachricht sueht, erinnern, er selbst verstellt die 
Sache gar uicht. Es folgt hernach die Fortsetzung der Briefe 
über die Hochzeitgebräuche einiger Zipser Deutschen. Hier ist 
freilich der artig seyusollcudc Ton und der Vortrag recht lastig 
und durch die Einkleidung ermüdend, man erkennt aber die 
Sitten der alten Zeit, deren Spuren ehemals überall auf dem 
Lande im protestantischen Deutschland zu finden waren. Dies« 
Gebräuche sind jetzt fast überall verschwunden, sie werden hier 
aber als bei den Zipsern noch bestellend vorgeführt, und mau 
ist überrascht, sie in einer Ecke von Ungarn wieder zu finden. 
Dafs das Mehrste abgeschmackt und steif ist, versteht sich ; auch 
wäre der Verlust nicht zu beklagen, wenn nicht mit dem Ab" 
geschmackten die Einfalt zugleich verschwände; CS ist doch in 
diesem Altväterischen so etwas ungemein Treuherziges. 

Auch den Beilagen, \die dem Hefte beigegeben sind, wird 
mau Abwechselung und eine den Journalen dieser Art sonst nicht 
eigne* Haltung nicht absprechen können, da etwas ganz Schlech- 
tes doch nicht darin angetroffen wird. Die Beschreibung Ae* 
gyptischer Altcrthumer ist ein ganz artiger Ltickenbüsser. Das 
Jahresregister der Pestseucheu in Böhmen (S. i4 — i5.) leidet 
an" demselben Mangef, den alle. dergleichen aus den Chroniken 
obenhin gemachten Pestregister haben — man kommt nicht recht 
ins Klare, welche Krankheit gemeint sejr (da manche durch Un- 
redlichkeit tmd Lebensart der Zeit vertilgend, oft auch anste- 
ckend ward, die es sonst nicht ist). Die eigentliche Pest möchte 
wohl selten von den Verfassern der Jahrbücher verstanden wor- 
den seyrt. Die Geschichte der Kirche zu Maria Stigen in Wien 
enthält manche nicht zu verschmähende Archiv - Nachricht und 
chronologische Notiz, die mehr als eine Phrase ^verth ist dies 
bemerken wir um so lieber, da der Dienst, den solche Perio- 
dische Schriften der Wissenschaft leisten können , hauptsächlich 
darin besteht, dafs sie einzelne Nachrichten erhalten und ver- 
breiten. Auch die Gedichte, die unter der Aufschrift; •Dich- 
terschule* hier abgedruckt sind, sollen gut und die Anlage die- 
ser Schule für Böhmen nützlich scyu, Referent, als prosaischer 
Natur, hat sie übersprungen. 

Eine Art von Potpourri, das hinten folgt, empfiehlt Referent 
allen denen , die in der Eile um einen Artikel in irgend einem 
Volksblatt verlegen sind. Sic haben hier freilich die Sachen 
nicht aus der ersten Hand, aber doch auch nicht aus einem im 
Westlichen Deutschland^ sehr bekannten Blatt, auch nimmt dies 
Blatt, so weit des Referenten Bekanntschaft mit dieser Sibyllen 
Literatur reicht (weit reicht die freilich nicht) seine Artikel 
nicht aus den am Main, Nockar und Rhein leicht zu habenden 
Quellen. 



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Napoleons Leben uud Ende. 23<j 



Ucbrigcns ist der Preis der Monatsschrift in Verliältmfs mir 
andern nicht bedeutend. Ks erscheinen im Jahre 12 Hefte, welche 
2 Bände bilden, wo jedes Heft eiue Kupfcrtafei «»der einen 
Hifs oder die Zeichnung einer Maschine enthält, und welche 
zusammen im Auslande etwa vierzehn Gulden rheinisch kosten. 
Dafs mit der Veränderung des Aufenthalts des Hrn. Rüth Andre 
die Monatsschrift nicht eingehen werde, erklärt der \ erlcger 
ausdrücklich, und Referent freut sich aufrichtig, d.ds sich iiniei 
den Deutschen in Böhmen vm\ Abdulen uud Ungar!) eine hin- 
reichende Anzahl von AbneNBcrn ftir ein im Ganzen sr> solid 
gehaltenes Journal finden, denn auf diesen Abnehmern imi1>' 
: doch besonders die Fortdauer beruhen,- da es bisher in andern 
Thcilen Deutschlands nicht so bekannt gewesen ist, als es zu 
seyn verdient hätte. • 



Napoleons leben und Ende. Mit einer Zugabe von Chn- 
raklerziigcn (Motto: Mala mixta bonis ). Wiesbaden bei 
ScheUtnbergt tS'22. 3q6 S. in $. 2 ß. 4% ir. 

W enn eine neue Glanzerscheinung am Himmel sei 1 webt , so 
kann nicht sogleich gesehen werden, ob es Komet, Planet, oder 
ein Meteor sey. Das Meteor unserer Zeit ist gefallen. Aber 
es war* so weit die Geschichte unserer sechstausendjährigen Erdr 
prfiode zurück reicht, durchaus ohne Seinesgleichen. Möchte 
man die Kräfte, durch welche es gehoben, getrieben ja versenkt 
wurde, geschichtlich acht, und bis auf jeden kleinen, arlfir charak- 
teristischen Zug hinaus genau kennen lernen. Indefs geben auch 
Fragmente interessante Rückcrinuerungeu, besonders wenn sie so 
lebhaft entworfen: sind, wie in dieser kurzen* Sammlung. Die 
Vorrede auf XIV Seiten und das Buch bis S« ii>6. enthält eine 
Skizze* des Lebenslaufs vom 5. Febr. iy(i8 bis zum Begräbnifs- 
tag' den 9. May «821. Die Hauptmomcnte sollten mehr heraus- 
gehoben seyn, wie nämlich Napoleon sich selbst ein schweres 
Regiment und innern Untergang dadurch bereitete, dafs er allen 
Dualismus (des Kircheirthums, der Stände, des Hofluius, des 
Streits vom Aberglauben gegen die Ideen) wieder hereinzog, 
nachdem die Revolution eine Einheit gebildet und den Antago- 
nismus der Irrationalität ausgestossen hatte. Reibungen endigen 
mit dem ZeiTeiben. — Schade, dafs nicht bei zweifelhaften Stellen, 
zum Beispiel da, wo S* i^7* ff von Napoleons letzten Acussc- 
rungen Umständliches erzählt wird, die Quelle kurz nachgewiesen 
ist. S. 168 — 383. folgen kleinere Anekdoten und Gedanken, 



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Napoleons Lehen und Ende. 



aber auch grössere Denkwürdigkeiten, Briefe, Proclanuuioncn, die 
Gescliiclitc der Scheidung von Josephine, die Ermordung des 
Duc Enghien. Melueres aus der Zeit uach dcui Culmiiiieruugs* 
punkt. liier wäre Citation der Quellen doppelt nöthig gewe- 
sen. Das rothe Männlein ans der Pyramide S. 409. ist gegen 
die Localität. Man konnte in keine der Pyramiden so zu ebe- 
ner Erde hineingehen. S. 2o3. 222. werden Data angegeben, 
dafs B. im Nothfall die Bourboiis zurückzuführen im Sinn ge- 
ballt habe) noch als Consul. (£fl^lem Briete S. 'A'i5. ist nicht 
einmal das Datum angegeben, z^m. denn durchaus auch in der 
neuesten Geschichte das Wort % wahr bleiben: Die Geschichte 
ist der Roman, den Irtan glaubt?) S. 3Ü^bis 3<)ö. schliefst 
eine Uebersicht der Schlachtentage und der ' öffentlichen Bauan- 
stalteu zwischen und dem »6. July i8i5. Aus den Flug- 

schriften: Manuscrif venu de St\ Hehne, Pensccs, Maximen, 
Stntimcnts, Mcmoires secrets , Aewoleon pei/tt par lui - meine. 
Cheu^rins dotnestiques etc. iiat der Sammler nach S. 3yS. (mit 
Recht) nichts genommen, da sie vom Grafen Befand und Mou- 
tholon im Constitutioncl für nicht authentisch erklärt sind. S. 
38o. schliefst eine Maxime Napoleons: Die Regenten sind die 
ersten Bürger des Staats. Die Souverainctat ist nur darum erb- 
lich, weil das Interesse des Volks es erheischt. Ausser ' diesen 
Principien kenne ich keine Legttimife'.«. Gerade dadurch aber 
ist eine mit dem Wohlcrgchn des Volks sich verbindende Mo- 
narchie am meisten befestigt, wenn sie nicht auf einem einzelnen 
Gesetz — denn alles Gegebene kann genommen werden 
sondern auf der bleibenden Wirklichkeit des Bedürfnisses ruht. 
Es ist^^hig, zu den Regentenpflichten vom ersten Moment 
an <?rzo^Ri zu werden, eben deswegen auch, die Bestimmung 
dazu frühzeitig zu wissen« Die schwerste Kunst fordert auch 
die beste Vorbereitung. 

H. E. G. Paulas. 



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NS 16» Heidelberger 1822, 

Jahrbücher der Literatur. 

t 

t 

Essai geologique sur VEcosse > par A Bous , Docteur en Md- 

decinc, Memhre de la Societe royalc de Medecine d'Edint- 
boutg , de la Societe' tVcrnerienne etc. . Avec deux varles 
et sept planchvs lithographiet.s. Paris, iSüo; chcz AJ ia * 
-Courcier, X et 5iy pag> in Svo. 

• 

Wir'schlcken uus an, der mineralogischen Lesowclt Rechenschaft 
abzulegen \on einem Werke, das wir, in mehrfacher Beziehung 
als eine der bedeutenderen Erscheinungen im Gebiete der geo- 
guostischen Literatur neuerer Zeit betrachten zu dürfen glauben. 
Dieser Ausspruch wird sich rechtfertigen, durch den Verfolg 
der Anzeige j nur so viel sey uns liier zu bemerken vergönnt, dafs 
wir weit entfernt sind, durch denselben ein nachteiliges Licht 
auf die älteren Werke werfen zu wollen, die sich abgegeben 
mit Beschreibung des so interessanten Gcbirgslandes, wovon die 
vorliegende Schrift handelt. Allein das Vorschi eiten bei jugend- 
lichen Wissenschaften, wie namentlich die Geognosic, ist so rasch, 
die Entdeckungen folgen einander so schnell, dafs Werke, 
die vor einer Reihe von Jahren als sehr verdienstvoll galten, 
doch nicht selten mehr oder weniger in Schatten gestellt wer- 
den durch neuere Erscheinungen, die, dankbar erkennend und 
benutzend was in der frühem Zeit geschehen, uus die Beob- 
achtungen so bieten, wie ihre Auffassung nach dem gegenwär- 
tigen Standpunkte des Wissens nothwendig, wo wir an bekann- 
te Erfahrungen neue Thatsachcn gereiht finden. Und dies ist 
der Fall in der Schrift des Hrn. ßouc. Im Vorworte nicht 
nur, auch im Verfolg des Buches sind die benuzten «Quellen 
mit Treue angeführt j aber das Werk liefert zugleich eine Fülle 
eigentümlicher Beobachtungen« 

Der Verf. , welchen wir in der Zueignung als einen Schü-» 
ler Jamesons kennen lernen, wurde durch zufällige Verhält-* 
nisse nach Schottland geführt. Er benutzte den mehrjährigen 
Aufenthalt , um vertrauter zu werden mit Sitten und Gebrauchen 
des Volkes, er strebte nach Kenntnifs der dortlandischcn Pflan- 
zen xind der [Erzeugnisse des unorganisches Reiches. Zu Fufs 
das Konigthum dujrch wandernd f erndtete er in reichem Maafsq 

IS 



* 

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ufo Bouc essai geologique Sur l'Ecosse. 

und die Früchte dieser Forschungen sind es j deren Mitthe'durtg' 
wir Hrn. Boue verdanken. 

Für die Freunde des Pflanzen- Studiums möge hier die Be- 
merkung eine Stelle finden, dafs der Verf. auch über die bo- 
tanische Geographie Schottlands seine Erfahrungen niedergelegt 
in einer Dissertation, welche 1817 zu 'Edinburgh unter dem 
Titel: Disscrtatio inauguralis de mtthodo Ftoratrt regionis cu- 
jiisdam coliducendi exemplis e Flora Scotica etc. duetis Ulustrar 
ta, erschau. 

Zuerst wirft der Verf. einen allgemeinen Blick auf die Phy- 
sicalische Geographie Schottlands. Schon das Eigentümliche ei- 
ner auffallend un regelmässigen Gestalt zeichnete die denkwürdi- 
ge luscl aus. Von England abgeschieden durch gewaltige Berg- 
ketten und mächtige Strome, nach allen andern Seiten umgeben 
von Meereswasser, erscheint Schottland durch Buchten und Ket- 
ten von Seen gesondert In drei Thcilc. Das 1 Bild , welches Hi*. 
B. von den Bergketten und ihren mannigfachen Verzweigungen 
gibt, ist sehr sprechend, auch findet mau überall die wichtigsten 
Ilöhcnpuuktc angemerkt.. — - Besonderes Interesse ^ welches die 
Betrachtung der Britannischen Insel, und namentlich Schotttand, 
dem forschenden Blicke des Geognosten bietet f im Vergleich 
zu gar vielen Gegenden des Europäischen Festlandes. — • Ei- 
genthüuiliclies der kleinem, um Schottland gelegenen, inseht. 
Bei manchen sehr sprechende Beweise für einen ehemaligen 
Zusammenhang. Einige finden sich geschieden durch mächtige 
Strömungen. — Interessant ist, was der Verf. in Betreff der 
Erzeugnisse Islands und der neuen Welt bemerkt, welche, durch 
die grosse Strömung des Atlantischen Oceans den Schottischen 
Küsten zugeführt werden. So findet man, besonders zur Früh- 
lingszeit und nach heftigen Stürmen, am Gestade der Orkaden, 
der Hebriden und des nördlichen Irlauds, Bauin -Saamcn von 
den Antillen (besonders jene von Stizolobium nigretia Bims- 
steine und Bruchstücke blasiger Laven; ja es strandeten selbst 
ein kleines Fahrzeug der Esquimaux und Hotz und Mast eines 
Schiffes, das bei Jamaika in Brand geratheu warv — Sandbänke 
in den Schottland umgebenden Meeren. Allgemeiner Uinrifs der 
Iusel. Unterscheidendes der östlichen und westlichen Meeres- 
küste. Höhlungen am Gestade. — - Die Schottischen Gebirgs- 
ketten, wie so manche Höhenzüge der alten und neuen Welt, 
im Allgemeinen aus S.W. nach N. O. laufend. 

Schottland zerfallt, was seine geognostische Zusammensetzung 
betrifft, nach dem Verf. in zehn Formationen oder Gebilde, 
"welche er auf folgende Weise bezeichnet: Granit, Gweifs, 
Glimmerschiefer, Porphyre und diesen zugehörige Fels- 
anen t c hlor i tische und quarzige Gesteine und Thoa 

'S 

\ 



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Bou£ essai geologique sur TEcosse. 



schiefer, Grauwacke, f Dt Ii e*, r oder Kohl e n -Sandstein, 
Kalk und jüngerer Sandstein, vulkanische Erzeug- 
nisse 1 , Schuttland ("aufgeschwemmte Massen J. 

G ran.it isches Gebilde. Daliin der Granit und der 
Syenit. Stets überdeckt von andern Ur- oder jüngerri Felsar- 
terij bilden die aus ihnen bestehenden Massen keine grosse zu-« 
&irainenhärigende Ketten, wohl aber einzelne Gruppen. Der wich- 
tigste Granit- Bezirk ist jener von lireiuan Unler den am mei- 
sten erhabenen Bergspitzen erreichen der Ben-na-Muich-Duidh 
eine Höhe von f\'Soo Fufs über dem Meeres -Niveau, der Brai- 
riach von 4 2 00 Fufs ('bis zu welcher Höhe in diesem oder in 
jenem Gebirge die Fclsarten emporsteigen, beruhet wohl aller- 
dings auf örtlichen Verhältnissen und Ursachen, allein gerade dar- 
um vermisscu wir Ungern dergleichen Angaben in topographi- 
schen Geognosiceu, nur dürfen sie nicht in übcrlastigein Maafsc 
und bei zu uninteressanten Punkten geboten werden ). Iu den 
iüsserüchen Forin - Verhältnissen viel Ucbereiibtimmendes mit 
den granitisclien Bergen ariderer Lander , d; h. auf ihren Rücken, 
aüf ihren Gipfeln, Ebenen ) Plattformen, oft weit ausgedehnt; 
die Abfalle bald sanft, bald furchtbar steil. Die thäler meist 
eng, riieht sehr erstreckt. Die Syenitberge; wie u. ä. im obern 
Thcil des Dee- Thaies, sind rundrückig, die Gehäuge ziemlich 
schroff. Ihre Höhe minder bedeutend, als jene der granitischeu 
Spitzen, obgleich der Dearg 355o F. raifst. Grosse Mannigfal- 
tigkeit und vielartige gegenseitige Uebergärige des Granits iu 
Syeuit durch Zutritt der Hornblende, denn, indem der Glim- 
mer fast ganz verdrangt wird durch Hornblende, iu Diabase 
("älterer Grünstein : eine Umänderung des Namens für dieses Ge- 
stein war Bedürfuifs, da mit dem wenig bezeichnenden Ausdruck 
Grüusteiu in der Geoguosie, besonders in neuerer Zeit, eben 
sö viel Mifsbrauch getrieben würde, als früher in der Oryk- 
toguosie mit der Benennung Schöll. Statt Diabase gebraucht 
die Französische Schule auch das Wort DioritJ. Dem Schot- 
tischen Granite gesellt sich sd u. ä. um Aberdeen, Titanit bei, aber 
nieist nur daniij Wer.u jene Felsart, durch Hornblendc-Krystalle 
die sie aufnimmt, schou anfängt v ycuitiseh zu werden. Bei Pc- 
terhead finden sich Molybdänglanz und Triphaii im Grauit und 
bei Grabh-Coire auch Stilbit flczteres Mineral wohl auf Gängen 
oder Trümmern, nicht iu Gemenge ?J. Am Svcuite zeigen sich 
äusserst selten Spuren vou Schichtung, der Granit aber lafst sol- 
che öfter wahrnehmen. Im südlichen Schottland drei granitisch« 
Distrikte, die, obwohl umlagert durch ältere Schiefer-Gesteine 
und abgeschieden von einander durch Grauwacken - Gebilde , den- 
noch nach' der Allgeraeinheit ihrer Merkmale einer Formations- 
zeit anzugehören scheinen.. Am Ciaig of Aiisa, oinera Sycuit- 

16* 



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^44 Bouc cssai geolügiqiie sür FEcossc. 

r 

Felsen 940 F. hoch, mitten im Meere unfern des Eilandes Ai- 
rau, ausgezeichnet deutliche Säulen - Zerspaltuug. 

Das G n eil s-Geb ilde ist weniger verbreitet; nur im nörd- 
lichen Theile des Reiches scheint es beträchtliche Räume einzu- 
nehmen. Die Grauitgänge, welche die FeUart häufig durfchsez* 
zeu, bieten bald Beweise einer gleichzeitigen Bildung mit der- 
selben, bald deuten sie auf spatere Entstehungswvisc. Eine, 
allerdings seltene Abänderung des Gneifs« s ist jene, wo* der 
Quarz fehlt und mit den Gümmer blaltehen -Lagen nur Feldspath 
wechselt, desgleichen da, wo der Glimmer verschwindet und 
seine Stelle durch Hornblende vertreten' wird. Zu den erzfüh- 
renden Gängen gclrorcu 'namentlich jene nordwärts von Stron- 
tian; Baryt- und kalkspath führen Rlcigiauz, auch Eisenkies und 
auf einzelnen Stellen dieser Gäuge linden sieh kohlensaurer Stron- 
tian mit Uarmotom, Stilbit u. a. interessanten Fossilien. — In 
manelien Gegenden ist es unentschieden, ob der Gueifs als selbst- 
ständig, oder als dein Glimmerschiefer untergeordnet zu betrach- 
ten sey; dies gilt namentlich von jenem, der auf Quarz- Gange« 
Apatite führt und IJessouit (Werner's KanelsteinJ. Auf 
das Aeusscre der hegenden hat das Verscliiedenartige der Struc* 
tur dieses Felsgcsteines Wesentlichen Eiullufs, der mehr granit- 
artige Gneifs vermag den zerstörenden Einwirkungen der Atmos- 
phärilien länger zu widerstehen, der eigentliche schieferige über- 
deckt sich schneller mit den Massen die Resultate seiner Auflösung 
sind 11. s. w. Ausser den bekannten zufälligen Eiumcngungea 
findet man in einigen Gneissen Schottlands auch Zirkon-Ivrv- 
stullc, Molybdänglauz und Flufsspath . letzteren auf Lleineu lie- 
genden Stöcken. 

Glimmerschiefer erscheint als eigentliche herrschende 
Gebirgsart; durch sie erhält der ganze, am nördlichen Abhänge 
der Grainpians gelegene, Theil diesen Charakter auffallender 
Gleichförmigkeit. Was der Verfass. über das PhysiognomiscJie 
des Glimmerschiefers sagt, über die äusseren Formverhältnisse 
der von ihm gebildeten Berge, ist höchst interessant, eignet sich 
jedoch zu keiner Miltheilung im Auszüge. Die Thäler, solche 
Gebirge trennend, sind fast alle Quer- nur höchst selten, gleich- 
sam ausnahmsweise Längenthäler , d. h. sie inachen mit der liaupt- 
kette fast rechte Winkel, laufen nicht «lern Zuge derselben pa- 
rallel. Beinahe alle Seen Schottlands und viele Buchten liege« 
in diesen Thälern. Wichtig ist die Bemerkung, dafs der Glim- 
merschiefer, in seiner ganzen Verbreitung, da, wo er den Gra- 
nit begrenzt, mehr dicht und tiuaizreichcr ist und stets' eine Nei- 
gung zeigt in Gneifs überzugehen und dafs ihm, unter solchen 
Umständen die häufigsten Grauit- Gänge eigen sind, wahrend 
«r, mehr in der Nahe jüngerer Felsgebilde, Uebergäugc seines 



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Boue cssai geologkjuc sur TEcosse. i?45 

* • 

Glimmcr-Antheilcs in Talk wahrnehmen lafst und in seinen Schich- 
tungen häufigere Biegungen und Windungen zei ;f. Hr. B. tlicilt 
hiernach den Gl. in quarzigen ("oder feldspathigen J, in eigent- 
lichen Glimmerschiefer und in talkigen Gl. In der Reihenfolge 
der, bekanntlich fast überall in grosser, oft unzählbarer Menge 
dem Gl. untergeordneten, Lager hat der Verf. eine gewisse Re- 
gcl aufgefunden, sie ist nachstehende : Gneifs und Quarz, Horn- 
blende -Gestein, syenitischer Diorit , Feldstein, Kalk, Talkschiefer, 
Chloritschiefer, Trappstein, Serpentin, Gabbrn. Lieber alle die- 
se untergeordneten Lager werden lehrreiche Bemerkungen mit— 
geineilt. Auch in Absieht auf die sogenannten zufälligen Gc- 
mengtheile ist der Schul tische Glimmerschiefer besonders interes- 
sant. Die Granaten; hier, wie last allgemein, nur unter der Ge- 
stalt des Rauten-Dodekaeders erscheinend, sind besonders häufig in 
dem Glimmerschiefer, dessen Gümmer- Gehalt schon mehr oder 
weniger übergeht in Talk, seltener rinden sie sich in jenem, der 
mehr gneifsartig ist. Hornblende, zerstreut in der Masse des 
(iesteins und als untergeordnetes Lager , gehört zu dem im Glim- 
merschiefer-Gebilde allgemein verbreiteten Substanzen. Von den 
fangen dieser ..Formation dürften sehr wahrscheinlich viele als 
Keine Stöcke zu betrachten seyn, der sie umschließenden Fols- 
an gleichzeitig, oder fast gleichzeitig. Besonders oft trifft man 
die ( angeblichen ) Gänge von Granit, namentlich in dem mehr 
quarzigen und in dem Feldspaththeile führenden Glimmerschiefer 
( S. oben J. 

Vom Schottischen Porphyr- G ebil de sagt der Verf., 
dafs, obgleich ziemlich allgemein der sogenannten altern Porphyr- 
1 omialion beigezählt , die Lagerungs - Verhältnisse keineswegs 
genugsam aufgeklärt wa'reri. Er will deshalb die Bestimmung 
der relativen Altersfolge unentschieden lassen. Ueberhaupt scheint 
»ms, dafs, was Hr. B. von den Porphyren Schottlands erwähnt, 
?nf das Vorkommen dieser rätselhaften Gesteine in gar manchen 
andern Gebirgen angewendet werden könne. Unsere Kennt- 
uiis derselben darf in keinem Falle als geschlossen , nicht einmal 
als sehr umfassend gelten und das von der Schule Wcrner's 
darüber Festgestellte findet sich mit so manchen Beobachtungen 
und Erfahrungen der neueren und neuesten Zeit* in zu gcrin w ' 
gern Einklänge, als dafs es noch zu einem einigermafsen genüg- 
lichcn Anhalte zu dienen vermag. Uns sind immer die denk- 
würdigen Worte des trefflichen L. v. B u c h gegenwärtig, als 
er die Schlesischcn Gebirgsarten beschreibt und, nachdem Gra- 
nit, Gueifs und Glimmerschiefer abgehandelt worden, sagt: fast 
alle jene Gesteine folgen in allmähligen, wenig stark begrenzten 
übergangen ; Granit geht in Gneifs über, Gneifs in Glimmer- 
schiefer i dieser • schliefst sich dem Thonschiefer an u. s. w. Nur 

w 



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•246 Boue essai geologique sur FEqosse. 

«ler Porphyr steht in dieser Reibe einzeln und isolirt, wie seine 
Kegelbergc über der Ebene. — Die Hauptntasse der Por- 
phyre Schottlands ist Feldstein, verschieden gefärbt, roth, grau, 
braun. Sie umschliefst Feldspath «? und Hornblende r-Krystalle 
fHr. Boue ist zu genauer Beobachter, als dafs wir in die lezte 
Angabe eiu Mifstrauen setzen dürfen , sonst hatten wir wohl eher 
Augitc Yermuthet in solchen PQrphyren, als HornhlendcJ, aus- 
serdem schwarzliche Glimmer- Blätteren und Eisenkies - Theile, 
Sic zeigen mannigfache Ucbergänge jn Diorit u. s. w. Die Por- 
phyre bilden, hin, und wieder zerstreut, bald ganze, meist ei- 
genthümlich gestaltete Berge , bald setzen sie nur den Gipfel zu-i 
Summen, IhreGrenzeläfst sich nicht wohl genau angehen. Die Berg- 
höhen sind mitunter betrachtlich; so mifst der Nevis 438o Fufs, 
der Cruachan 3^90 F ? u.s. w. Nach Äfacculloch's und Mack«? 
n i g h t's «Annahme sind die grösseren, Porphyrmassei* auf Glim- 
merschiefer gelagert. 

Chlor it isc h 0 und quarzige Gesteine und Thon- 
schiefer, Sie bilden, die gewöhnlichen Ueberlagcrungen des 
talkigcn Glimmerschiefers und stehen gleichsam auf einer Mittel- 
stufe zwischen den Urfejsarten und denen der JJebergangszcit. 
Die chloritischen und quarzigen Gesteine, meist zusammengesetzt 
aus Chlorit oder Talk und Quarz, ist der Verf. weder geneigt 
als dem Thonschiefer Gebilde untergeordnet gelten zu lassen, 
noch als eigentliche Glieder des Uebergangs - Gebirges, indem 
der Thonschiefer zu wenig ausgebreitet ist und die Gesteine von 
der andern Seite zu wenig den Charakter des Konglomeratarti- 
gen tragen. — Das in, Frage liegende Gebilde ist über einen 
nicht unbeträchtlichen Raum verbreitet, Die Berge sind theil* 
abgerundet, theik haben sie, in Folge der verschiedenartigen 
Zerstörungsweise ihrer Schichten, wellenförmige Umrisse, oder 
erheben sich mit stufenartigen Absätzen. Die Neigung ihrer Schich- 
ten wird bedingt durch jene dor unterliegenden altern Felsar- 
ten. — - Am Schlüsse dieses Abschnittes giebt der Verf., nach 
M a c c u 1 1 o c h , eine - allgemeine Ucbersicht der geognostischeu 
Beschaffenheit der Nordwestküste Schottlands; das herrschende 
Gestein soll ein primitiver f älterer ?J rother Sandstein (primary 
red Sandtfone) seyn. y 

Das Grauwacken- Gebilde erscheint in zwei Haupt- 
Abtheilungen gesondert. Die eine , eigentliche Grauwacke, ruht, 
in so weit man darüber zu, urtheilen vermag, auf den ältesten 
Felsarten. Die andere ist den chloritischen und quarzigen Ge- 
steinen und den Thonschiefern angelagert; dahin die Konglome- 
rate , sehr verschiedenartig , was ihre Zusammensetzung betrifft, 
mitunter blos als örtliche Bildungen gellen müssend und um so 
häufiger, je näher man den Erzeugnissen jüngerer Fristen kommt. 

« 



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Boue essai geologiquc Sur l'Ecossc. a j.- 

Die eigentliche Grauwacke unterscheidet sich wesentlich davon 
durch das mehr Gleichartige ihrer Zusammensetzung f ndem sie 
fast stets aus Bruchstücken von Quarz, Thonschiefer oder Kie- 
sclschicfer besteht, verbunden durch einen Thonschieferteig, dem 
einzelne Glimmerblättchen beigemengt sind, selten Feldspath- und 
Feldstein -Körner und kleine Kalkspath-TheilcJ. 'Sie zeigt sieh 
sehr ausgebreitet in Süd -Schottland feine nicht unwichtige Be- 
richtigung älterer Angaben , welche das Vorhandensein dieser 
Felsart auf wenige Punkte beschränkt wissen wollten J; sehr 
viele Bergkämme werden durch Grauwacke gebildet. Die Gl än- 
zen ihrer Ausdehnung lassen sich nicht überall mit Genauigkeit 
bestimmen. Das Physiognomische des Gesteins, die Gestalten 
seiner Berge, die Eigentümlichkeit seiner Thäler hat Hr. B. 
meisterhaft geschildert; ungern versagen wir uns eine Mitthei- 
lnng des sprechenden Bildes. — Als untergeordnete Lager der 
Grauwacke finden sich: Alaunschiefer, Kiesclschiefer, Gemenge 
aus Hornblende und Feldspath , Diorit fjedoch nie so ausgezeich- 
net, als der der Urzeit zustehende J, Feldspath und Feldslein 
mit verschiedenartigen Ejnmengungen, Granit (Granite sieenitique 
nennt ihn der Verf., ein Gemenge aus Feldspath, Quarz, Glim- 
mer und Hornblende J, Scrpintin u. s. w. An erzführenden 
Gängen ist die Gebirgsart reich, zumal in der Westhältte der 
Gegend, welche sie einnimmt. Blei-, Kupfer-, Eisen-, Anti- 
mon- u. a T Erze brechen ein mit Barvtspath, Kalkspath u. s. w. 
und auf Lagern trifft man Maugan- und Eisenerze mit Quarz. 
Eine grosse Mannigfaltigkeit von Erzen und andern Mineral- 
Substanzen liefern besonders die Gänge im Distrikte Leadhills 
UJjfcrn Wanlockhead. Dafs Gediegen - Eisen hier vorkom- 
me, möchten wir sehr in Zweifel ziehen, so wie denn auch . 
Hr. B. diese Angabe durchaus ungewifs stellt. In den Grau- 
wackebergen find Mineralquellen ziemlich häufig. An die 

Grauwacke reiht der Verf., wie wir bereits angedeutet haben, 
die Konglomerate, indem sie, ohne gerade alle demselben Nie- 
derschlage anzugehören, wie die eigentliche Grauwacke, den- 
uoch eine ziemliche nahe Bilduugszeit mit derselben andeuten. 
So ruhen sie namentlich in Süd- Schottland auf der Grauwacke. 
Da indessen diese gröbern Sandstein -Gebilde dem rotheu Sand- 
stein innig verbunden sind, und eine scharfe Trennung der schein- 
bar der Grauwacke angehörenden nicht wohl möglich wäre, so 
werden die Konglomerate zugleich mit dem rothen Sandstein- 
Gebilde abgehandelt. 

Rother Sandstein. Mit besonderem Interesse haben 
wir gelesen, was Hr. B. über den rothen Sandstein sagt. Er 
gilt ihm als eine der seltsamsten Formationen und mit als eiue 
der lehrreichsten für weitere Untersuchungen, um seiner Bezie- 



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^48 Boue essai geologique *sur PEcosse. 

hung willen zwischen Ucbergangs- und Flöz- Gebirgen und mit- 
hin auch zwischen jenen und den Fclsarten der Urzeit. Die Er- 
forschung des wahrhaften Ursprungs jener Formation würde den 
geologischen Theorieen ein weites Feld Öffnen, einen grossen 
Theil ihrer mehr oder weniger gewagten Schhifsfolgen umwan- 
deln zu Thatsachen, allein der Regellosigkeiten, welche diese Ge- 
birgsart bietet, sind 50 viele, ihre einzelnen Erscheinungen so 
sehr im, Widerspruche mit einander, das blofs Zufällige tritt dem 
Betrachter so häufig entgegen, dafs sie vielleicht noch für lange 
dein nicht genügüch Erforschten im Geheimreiche der Natnr 

angehören wird. Der Verf. unterscheidenden eigentlichen 

rothen Sandstein, der hin und wieder Kohlen -Sand- 
stein urnschliefst, ferner die Konglomerate und endlich 
die feldspathigen und Trapp- Gesteine, welche unter 
den Konglomeraten bereits anfangen aufzutreten und deren Ab- 
satz scheinbar noch ziemlich lange gedauert hat, selbst während 
der Bildung der feinkörnigsten Sandsteine. — Konglomerate 
und Sandsteine füllen den Grund unermefslicher Thäler, oder sie 
finden sich am Fufse von Ur- und Uebergangs - Gebirgsketten 
und dienen diesen Erzeugnissen älterer Fristen als schützendes. 
Mittel gegen das 'Einwirken äusserer zerstörender Kräfte, wel- 
che, hier namentlich, der Gewalt der Meereswogen nicht hätten 
widerstehen können. Aber solch schwacher Damm wird der ver- 
nichteudtn Macht einst weichen müssen; schon trägt die Ost- 
küste Iii c von das unverkennbare Zeugnifs, wo nur einzelne Sand- 
steinmassen, kolossalen Bruchstücken gleich, erscheinen, während 
auf der entgegen liegenden Küste unsere Felsart sich ausbrei- 
tet über weit gedehnte Flächen des Niederlandes. — Diese un- 
gleichartige Vcrtheilung der Sandstein - Gebilde in Schottland 
ist es, welche zum grossen Theile erklärt, weshalb die Men- 
schen, angezogen durch einen mehr glücklichen Himmelsstrich, 
durch fruchtbare Gegenden, die östliche Hälfte des Reiches vor- 
zugsweise bevölkert und sie umgewandelt haben zu einer der an- 
gebautesten der Welt, während die Westküste nur armselige 
Fischer aufzuweisen hat und ihre Berge von Völkerschaften be- 
wohnt werden, deren Gebräuche an die Zeiten des Römer-Staa- 
tes erinnern. — Die Konglomerate , aus Bruchstücken älterer 
Felsmassen zusammengesetzt ( Fragmente von Granit, Glimmerschie- 
fer, Quarz, körnigem Kalk u. s. w. gebunden durch graniti- 
schen Teig, oder es finden sich in einem Bindemittel aus Quarz* 
körnern und Glimmerschuppen eingeschlossene Stücke von Quarr, 
Porphvr , Granit, Qneifs, Hornblendegestein, Feldstein u. s. w.J, 
machen im Allgemeinen die Unterlage des rothen Sandsteins aus. 
Die Gestalten ihrer Berge, mehr bedingt durch örtliche Ver- 
hältnisse, durch die Außenfläche der Massen: über welche sie 



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I 

Boue essai geologique sur TEcosse. 249 

niedergelegt wurden u. s. w., haben wenig Entschiedenes im 
Charakter. Ihre Schichtung mehr oder minder deutlich, — Längs 
des Fufscs der Gebirgsketten im südlichen Schottland, auf Orau- 
wacke gelagert, erscheint ein Trümmer-Gestein eigen thümlicher 
Art; Bruchstücke von Grauwacke sind verbunden durch einen 
mehr oder weniger eisenschüssigen Thon. — Rother Sandstein 
und Kohlen - Sandstein zeigen sich bedeutend verbreitet. Ihre 
Berge steigen nicht sehr hoch an, oft bilden sie nur Hügel von 
einigen hundert Fufs Höhe. Die Gipfel derselben sind sehr 
gerundet, die Abhänge sanft, reichen, weit gedehnten Tha- 
lcru zuführend; nur da, wo Wasser die Gesteimnassen durch- 
brechen, finden sich Engthäler mit senkrechten Mauern, stei- 
le Ufer und Klippen. Zn den untergeordneten x oder doch 
in allgemeiner Beziehung diesem Gebilde angehörigen Massen, 
rechnet der Verf. einige Konglomerate, thouige Mergel, Kalk- 
stein u. s w. Als einsremengte Substanzen werde« genannt: 
Eiseuoxyd, Kalkspath, Eisen- und Kupferkies und etwas Blei- 
glanz. Auf Trümmern finden sich: Kalk- und Barytspath, Fa- 
sergyps, schwefelsaurer Strontian, Kupferkies u. s. w. Die Ein- 
führung ist unbedeutend. — Auf die Betrachtung der Konglo- 
merate und der rothen Sandsteine folgt zunächst d»e dcrTrapp- 
wnd fcldspathigen Gesteine, wovon bereits die Rede gewesen, 
Schottland hat, was die Felsarten dieser Natur betrifft, schon 
seit langer Zeit, als ein klassischer Boden gegolten. Die gelehr- 
ten Forscher des Europäischen Festlandes beriefen sich auf die - 
Berge jenes Reiches, als auf Stützpunkte ihrer theoretischen Be- 
hauptungen, oder sie glaubten wenigstens, in ihnen das Bildungs- 
Gehcimnifs der räthsel vollen Massen bewahrt. Der Verf. ach- 
tele sich darum verpflichtet - f alle Thatsachen darauf Bezug ha- 
bend^ mit möglichster Klarheit darzulegen und zugleich mit je- 
ner wahrheitsliebenden Unbefangenheit, welche ein Gegenstand 
verlangt, der der Wissenschaft wichtig ist, wie dieser. Wir * 
wissen ihm besondern Dank dafür und werden uns hier einige 
ausführlichere Mittheilungen erlauben, die Resultate betreffend, 
zu welchen Hr. B. durch mühevolle Untersuchungen geführt 
ward. — Eine möglichst genaue Erkennung der wahrhaften Na- 
tur der Erzeugnisse, von welchen die Rede, ein scharfes Auf- 
fassen ihres Uebereinstimmenden mit andern Felsarten, endlich 
die Lageruugs- Beziehungen zwischen ihnen und den Sandstein- 
Gcbilden, diefs waren die verschiedenen Ausmittclungen, um 
welche der Verf bemüht gewesen. Was namentlich das leztere 
betrifft, so findet man die sogenannten Trapp - und die feldspa- 
thigen Gesteine thcils mitten zwischen den Massen des rotheu 
Sandsteines, als Lager (oder wenigstens lagerartig), theils neh- 
men sie, grössere Haufwerke bildeud und selbst Berggruppen, 
ihre Stelle über den Konglomeraten ein , oder über den untern Bän- 



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2;>o Bouc cssai gcologique sur FEcossa 



ken des rothen Sandsteins. Kommen sie auf die zuerst erwähnte 
Weise vor, d. Ii. auf Lagern im Sandstein, so führt ihre leichte 
und regellose Zersetzung zu Landstrichen mit wellenförmiger 
Aussenfhiche, in deren Mitte die mächtigsten, festesten Massen 
in Form kleiner gerundeter Hügel stehen geblieben (Perth, süd- 
wärts von Edinburgh 11. s. w. ). Bahnt sich ein Flufs seinen 
Weg durch solch eine Masse, so hat diefs entweder eine gänz- 
liche Zerstörung derselben zur Folge, oder es werden tiefe, ge- 
wundene Schluchten gebildet. Die Massen selbst zeigen keine 
Spur eigentlicher Schichtung. Die hieher gehörigen Felsarten 
sind: T honst ein (Argiloliie, Claystone), theils ßreccien bil- 
dend, theils porphyrartig, Dolcrit, Trapp-Mjfndelstei- 
nc, mitunter porphvrartig oder Mandelstein mit Wacke- 
G ru ii d m a ss e. — < Wir werden einige der denk würdigsten 
Eigentümlichkeiten dieser Gcbirgs- Gesteine entwickeln, zuvor 
jedoch die allgemeinen Bemerkungen andeuten, zu welchen Hr. 
ß.* durch aufmerksames Studium derselben sich geführt sah. — 
Die erste Bemerkung betrifft den Umstand, dafs, obgleich die 
Zusammensetzung einer solchen lagerartigen Masse im Allge* 
meinen ziemlich beständig scheint, dieselbe dennoch an verschie- 
denen Stellen ein. sehr mannigfaches Ansehen gewinnt, so, dafs 
mau leicht verführt werdcu kann, dem blos Zufälligen einen 
höhern Werth beizulegen. Dolerite erhalten nicht nur eine por- 
phyrartige Struktur, sondern sie werden auch umgebildet zu 
Mandelsteinen, oder es erscheint in demselben Lager eine Wacke, 
mehr oder weniger verhärte^ mehr oder minder häufig Körner fremd- 
artiger Substanzen führend. Aehujiche Beobachtungen bieten ba- 
saltische Ströme. — Die zweite Bemerkung gilt den, jenen 
Felsarten in grösserer oder geringerer Menge zustehenden Bla- 
senräumen, die, von ihrer Bildungszeit an, leer, unausgefüllt 
geblieben sind. Sic finden sich in allen Trapp- oder feldspa- 
thigen Gesteinen, von der erdigen Wackc an, bis zum Feldstein, 
aber in sehr verschiedener Häufigkeit und nicht gleich, was Grös- 
se und Gestalt Verhältnisse betrifft. — In der dritteu Bemer- 
kung spricht Hr. ß. von den Krystallcn, eingeschlossen in den 
Gcbirgsarten, von welchen die Rede. Sie sind zuweilen durch- 
drungen vou der Masse des Gesteins; die Krystalle derselben 
Substanz zeigen sich, was ihre Formen angeht, auf eine kleine 
Zahl Varietäteu beschränkt, dieselben die auch in vulkanischen Ge- 
bilden getroffen werden, so wie in Uebergangs- und Lirfels- 
arten. — — In Absicht des Wesentlichen der Zusammensetzung 
lassen sich die Gesteine auf drei Mineralien zurückführen, die 
nämlichen, welche, wie C o r d i c r s sinnreiche Untersuchung 
dargethan, fast allein h!1c entschiedene vulkanische Erzeugnisse 
ausmachen, nämlich Fcldspath, Augit und titanoijdhaltigesMa- 



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Boue eseai geologiqtie sur TEcosSe. a5 i 

gueteisen,iu denen sich selten Oliym gesellt, und noch seltener, mehr 
ausnahm weise, Hornblende. — Da die, allerdings sehr wichtige Ent- 
deckung C o r d i e r s , wie der Verf. mit Wahrheit bemerkt, 
b*i vielen Geognosten nicht die Aufnahme gefunden, welche 
ihr gebührt, so glauben wir unsern Lesern einige Bemerkungen 
darüber schuldig zu sevo. Es war allerdings sehr tadelnswcrth, ohne 
weitere Prüfung, sämmtlichc, in gewissen Trapp-ö esteinen so häu- 
fig vorkommenden schwärzlichen und graulichschwarzen Einwen- 
dungen für Hornblende anzusprechen. C o r d i c r s schöne 
Arbeit lieferte den Beweis, dafs es im Gcgcntheil der Augit ist, 
vclcher in jenen Felsarten sich so bedeutend macht. Der Deut- 
sche Geoguost, sagt Hr, B. , mehr gewohnt die Natur im Gro- 
den zu befragen, als sich zu beschranken auf Schlüsse im Bü- 
chersaale erfafst , oder höchstens begründet auf Handstücke in 
Sammlungen bewahrt, stets strebend nach grösserer Voreinfach- 
upg der Mineralien und der Gebirgs- Gesteine, fühlt sich viel- 
leicht zurückgeschreckt, durch das Verwickelte der Vorrichtung 
die Untersuchungen fordern, wie jene, durch welche Cordier 
zu so denkwürdigen Resultaten gelangte. Allein das scheinbar 
Verwickelte ist nur Täuschung; es beschränkt sich, bei allen 
Forschungen , wo picht die genaue Ausmittelung des Quantita- 
tiven der Bestand&tofFc einer gemengten Felsart beabsichtigt wird, 
jener Apparat auf einen kleinen Achatmörser, auf ein gutes Such- 
glas, ein Magnetstäbchen, eiq Flaschchen mit S$ure utid ein 
(.öthrohr-. Und die von Cordier angewandte Zorlegungs- 
weisc läfst sich weiter mit Vortheil gebrauchen bei allen altern 
Feld spa th - Gesteinen , um über die Beschaffenheit der verschie- 
denen diese färbenden Substanzen, einigen Aufschlufs zu erhal- 
ten. Was namentlich die Fälle betrifft, wo Augit oder Horn- 
blende eingemengt ist, so wissen wir durch Cordier, dafs 
im erstem, d. h. beim Vorhaudcuseyn von Augit, ein Splitter 
des Gesteines vor dem Lötherohr zu schwarzem gleichgelarb- 
tem Email fliefst, die Hornblende aber, ist sie dem Feldspathe 
beigemengt, mit diesem zu w ei fslicheu Glase sich umwaudelt, in 
welchem die Hornblendethcilchen zuerst als braune Kugeln ab- 
gesondert erscheinen und auch später nur dadurch färbend ein- 
wirken auf die Masse, dafs ihre nächste Umgebung grau wird ; 
eine solche innige Verbindung, wie jene, die Feldspath und Au- 
git eingehen, scheint hier nie statt zu finden. Nach die- 
ser Abschweifung wenden wir uns zur Aufzählung der verschic*» 
denen Trapp- und feldspathigen Gesteine selbst, Die wich-» 
tigsten , und zugleich sehr auffallend durch besondere Aehnlich- 
keit mit gewissen vulkanfschen Gebilden aus der Gegend von 
St. Flour im Cantal, sind Dolcrite f Mimose, W eruer's 
Flöz-Grünstein), Gemenge aus Feldspath, Augit und (wohl 



252 Boue essai geologique sur TEcosse. 



meist als wescntlicji zu betrachtendem) Magneteisen, deren zahl- 
reiche Modifikationen bedingt werden durch das mehr oder we- 
niger Vorherrschende, so wie durch den verschiedenartigen Zu- 
stand der Frischheit des einen oder des andern der Geraeng- 
thcile, durcli einzeln eingewachsene Krvstalle von ■ Feldspat Ii, 
durch lilasenrüunie u. s. w. Ferner Wacken, die, obwohl 
in weit feineren Theilen, denselben Bestand, rücksichtlich der 
einzelnen sie bildenden Partikeln erkennen lassen, wie die Do- 
leritc. Und unter den fei dspath igen Gesteinen zumal Feld- 
stein, porphyrartig durch Feldspath - Krystalle, die sie ura- 
sch Hessen, und häufiger noch Thonstein, mit Feldspath-, 
Flimmer- und Augit-Krystallen (sie zeigen zum Theil viel Aehn- 
liches mit den Fclsarten gewisser Trachyt-Districktc Europas), 
dann Phon olite (CUnkstone). — An diese allgemeinen Be- 
stimmungen reiht der Verf. die mehr ausführlichem Angaben 
über das örtliche Vorkommen der verschiedenen Fels - Gebilde, 
von welchen zuletzt die Rede gewesen; wir können ihm dabei 
nicht folgen, denn wir fürchten die Grenzen dieser Anzeige zu 
überschreiten. Der Kohlen - Sandstein zeigt sich be- 
sonders ausgebreitet im südlichen Schottland. Die aufmerksame 
Betrachtung der Lagerungs- Verhältnisse dieses Gebildes ergiebt 
die, rücksichtlich seiner bei den angesehensten Gebirgskundigen 
herrschende Meinung als eine wohl begründete; es ist ein 
eigentümlicher Absatz des rothen Sandsteines, der während der 
Entstehungsfrist desselben statt gefunden, aber bei weitem nicht 
überall gleichzeitig, nicht in derselben Menge, nicht auf die 
nämliche Weise, darum erscheint der Kohlen - S. bald unter, 
bald üjier dem rothen S., bald «wischen ihm; die allgemeinen 
Struktur -Bedingnisse beider Fclsarten sind dieselben. Die ge- 
naue Ausmittelung seiner Schichtenfolgc, hat in Schottland mit 
denselben Schwierigkeiten zu kämpfen, die gar häufig auch in 
andern Gegenden gefunden werden. Der Verf. thcilt die dem 
Gebilde zugehörigen Schichten in untere und obere. Jene sind 
bezeichnet durch minder beträchtliche Kohlenmcngen , durch 
Anhäufungen von Anthrazit, Lager von Trapp- und feldspathigen 
Gesteinen, endlich durch dichten Kalk, der Reste von Meeres- 
thieren enthält und zuweilen durch röthlichen Sandstein ; in die- 
sen, in den obern Schichten, scheinen die Trapp-Gcstcine gänz- 
lich zu verschwinden > hier findet man den eigentlichen Kohlen- 
Sandstein mit Kalk, der fossile Ueberbleibscl von See -Geschö- 
pfen führt, theils auch mergelig ist und sodanu Muscheln uin- 
schliefst und PHanzentheile. 

Kalk- und Sandstein-Gebilde, jünger als der rothe 
Sandstein ( Gryphiten-K a IkJ. In den Hebriden kannte man 
-wut langer Zeit gewisse Kalk- und Sandstein- Gebilde, welche 



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Boue essal ge'ologique sur TEcosse. 233 



nicht der Formation des rothen Sandsteines anzugehören schei- 
nen; Macculloch -war es, der zuerst ihre wahrhaften La- 
gerung* - Verhaltnisse aufklärte. Er glaubt alle diese einzelnen 
Kestc eines Gebildes, das in früherer Zeit bei weitem mächti- 
ger, gewesen seyn dürfte, dem lias der Engländer beizählen zu 
müssen, welcher dem calcaire d grypliitcs Französischer Geu- 
piosten, unserem Jurakalk entspricht fd.li. er macht ein Glied 
des mittleren Flözkalkes ausj. jNach den geognostischen Eigen- 
tliuiniiclikeiten und andereu Beziehungen; besonders auch nach 
den vom Gebilde nmsehloss euen Versteinerungen, theilt er je- 
doch das Ganze in drei verschiedene Massen, die unterste ist 
eiu Kalk, der au&chlicfslich Gryphiten aufgenommen hat, diesem 
fol^t ein weisser kalkiger Sandstein, die oberste Lage macht ein 
Kalkstein mit schiferigem Thone aus, abweichend vom Kalk tie- 
leryr Punkte durch aussei liches Anschu und durch die Verstei- 
nerungen , welche er führt. Auf dem Eilande Skye u. a. neh- 
men die Grypliitenkalke einen grossen Theil des Distriktes 
Struth ein; bin und wieder findet sich ein sonderbares Syenit— 
Gestein, dem Kalk aufgelagert, oder ihn durchbrechend. Im 
Süden dcr^Inscl erscheint der kalkige Sandstein, und Maccu l- 
I o c h glauiif) dafs beide, Kalk und Sand, Ausfüllungen eines 
Beckens im rothen Sandsteine sind. — Die übrigen Details die- 
ses Abschnittes eignen sich nicht wohl zu einem Auszüge. 

Vulkanische Erzeugnisse. Schottland enthält, über 
taträchtliche Strecken ausgebreitet, vulkanische Gebilde, oder 
solche, die den Produkten unbestrittener erlöschter Peuerberge 
ähnlich sind. Man findet sie meist auf der westlichen Küste, wo 
sie einen bedeutenden Theil der Hebriden zusammensetzen und 
den Inseln des grossen Meerbusens der Clyde; sie ziehen fort 
auf dem Festlandc des Reiches, um die Insel Mull her und in 
dem grossen Thale zwischen den Grampians und den Gebirgs- 
ketten in Süd —Schottland. Der Verf. scheidet, und sehr mit 
Recht, die Betrachtung der Basalt -Gebilde von jener der Tra- 
<%t- Massen. — Zuerst wird von den basaltischen Strömen 
gehandelt und genaue Nachricht gegeben von dem Ocrtlicheu ih- 
rer Verbreitung. Die beigefügte Karte ist sehr geeignet ein 
Btlcl zu bieten von der mächtigen Ausdehnung derselben. Sie 
offenbaren sich als unzweideutige Wirkungen einer Ursache, welche 
an den nämlichen Orten die nämlichen Materien übereinander 
zu häufen trachtete j bald stellen sie sich dar unter der Gestalt 
ungeheurer Haufwerke - ( Eilande Canna, Mull, Skye u. 
kald nehmen sie, als mehr abgeschiedene Thcilc von dem Gan?- 
*«n, ihre Stelle in der Mitte der Meereswasser ein, oder auf 
Berghöhen aus altern Felsarten zusammengesetzt. ISie steigen sie 
^dessen über 2000 F. empor, häufiger erreichen sie ein nie- 



254 Boud essui geologique sur PEcosse,. 

drigeres Niveau. Ihr äusserliches Anschn ist höchst verschieden j 
hier zeigen sie sich von ermüdender Einförmigkeit, im Wande- 
rer Gefühle der Wehuautli und der Trauer anregend; dort ruft 
eine mehr oder -weniger reiche Pflanzendecke, von der sie stel- 
lenweise bekleidet erscheinen, Abwechselung und Leben hervor. 
Die Berg -Gestalten sind sehr vielartig, massig, unregelmässig, 
mit hervorstehenden eckigen unförmlichen Felsen; häufiger noch 
zeigen sie eine Folge von Terassen, die, hoher und höher, an- 
einander gereihet sind; die Oberfläche mit geringen Erhaben- 
heiten und Vertiefungen, oder iu spitzige oder gerundete Gipfel 
auslaufend u. s. w. Die von ihnen gebildeten Thaler, jene /abge- 
rechnet s welche zwischen den gröfsten Massen hinziehen, sind 
im Allgemeinen unbedeutend. Die meiste Zerstörung erfahren 
die Gesteine an den Küsten, wo die stürmisch bewegten Wel- 
len ohne Unteriafs auf sie einwirken; daher die zähllasen Klip 3 
pen, von welchen mau mehrere Inseln umgeben findet, die jede 
Landung unmöglich machen, daher die Spitzberge aus dem 
Meere und nicht selten zu einer Höhe von 200 F. emporstei- 
gend u; s. W; Oft höhlt das Meer bogenförmige Weitungen 
aus, oder seine Wasser stürzen sich mit grosser Gewalt in mehr 
oder wehiger ausgedehnte Grotten. Die» basaltischen Strömt' neh- 
men, in fast wugerechter Richtung, ihre Lage auf verschiedenen j 
meist etwas geneigten Felsgeblldcn; diefs scheint anzudeuten, dafs 
sie sich noch in derselben Stellung finden, in welcher sie nie- 
dergelegt wofden, während die Neigung, das Gebogene bei deh 
Schichten der Ur- und Uebergangs- Gesteine schon seit langer 
Zeit als Beweise erlittener Umwälzungen gelten. Sie rühen auf 
Gryphiten-Kalk, auf rothem Sundstein, auf cldoritischen und quar- 
zigen Gebirgsarteu, auf Gneifs, und vielleicht selbst auf Granit 
Man konnte sich geneigt fühlen zu glauben, dafs alle Strömet 
der Art sich in grossen Thalern ausgebreitet hätten ttrid dafs sie 
wenigstens uni Vieles neuer seyn mülstei), als def* dem Gryphiten- 
Kalk zugehörige jüngere Saudstein ; allein dem widerstreitet die 
Art voii Verband, welche zwischen den Trapp -Gesteinen des 
Kohlen - Sandsteines im mittägigen Schottland und den Hasalt- 
Niederlagen im Meeresbuseu der Clyde zu bestehen scheint, und 
die dadurch angeregten Zweifel lassen sich nur «lieben durch 
eine sorgsame Vergleichung von ähnlichen Massen iu Irland und 
England; Iu England hat mau Basaltgängc nachgewiesen, -welche 
das Kohlen - Gebilde durchsetzen, so wie den dazu gehörigen 
Talk-Kalk ( calcaire magnesUn ) und den bunten Sandstein und 
folglich auf eine ungefähr gleiche Eutstehungszeit mit den Ba- 
salten der Hebrideu hinweisen; in Irland erscheint dagegen 
Kreide als ÜntcrlagC Von Basalt -Strömen, woraus sich eine noch 
jüngere Bildungsfrist ergiebig Jen« der Ströme im Cahtal naher 



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Bou^ essai gcologique sur PEcosse. ü55 



siebend, welche zu einer Zeit ergossen worden, wo die Kreide 
bereits grosse Zerstörungen erlitten hatte — tuan müfste denn 
die Irländischen Basalt - Gebilde als «cuern Ursprunges ansehen, , 
wie jene der Hcbrideu, was sehr unwahrscheinlich ist). Der Vf. 
erklärt sich dafür, dafs die Basalt - Ströme für jünger gelten 
müfsten, als der Gryphilcn -Kalk, dafs es weniger glaubhaft sey, 
dafs sie alle neuer seyen, als die Kreide-Formation, endlich dafs 
sich noch weniger annehmen lasse, dafs sie Massen umscMicsseu, 
alter als Gryphilcn -Kalk , oder mit diesem in Wechsel -i. Kne- 
rling sich findend, während man sich lossagen müfste von sehr 
sprechenden ' Wahrscheinlichkeiten, wollte man annehme»), d i! 's> 
die Anhäufung der auf dem rothen Sandsteine ruhenden Basalte 
in dieselbe Entstehn'ngszeit falle nr.it dem Trapp- Gest ein des Kuh-? 
lert- Gebildes; nur neue Beobachtungen können Stützpunkte ab-" 
geben für so bedeutende Anonialiecn. — Ucbcr die Zahl der 
Basalt -Ströme gebrieht es noch au zureichenden Beobachtungen/ 
Ihre Mächtigkeit wechselt sehr regeiios j zuweilen erreicht f>ic 
a — 3oo F. Die Breite ist unbekannt; ihre Längen- Frst re- 
ckung inufs sehr beträchtlich gewesen seyn. Die Neigung wird 
bedingt durch jene der Unterlage, worauf sie ruhet). (Früher 
giebt der Verf. ihre Lage als mehr unabhängig an von jener 
des sie unterteufenden Gesteines). Die Gebilde, woraus sie be- 
stehen, sind: vulkanische Erzeugnisse, Ströme, f er nur vulkanische 
Massen, durch Wasser herbeigeführt und abgesetzt, endlich Hauf- 
werke vegetabilischer Beste. — Die Ströme, welche die grös- 
sere Hälfte der basaltischen Gebilde zusammensetzen, haben eine 
etwas wellenförmige Ausscnfla'ehc; ihre Felsen sind mehr oder 
weniger geneigt sich säulenförmig zu /erspähen. Alle umschlies- 
sen Blascnräüme, verschieden in Gestait und Grösse und häufi- 
ger in den untern und obern Theileu der Ströme, als in den 
mittleren. Meist sind sie erfüllt mit zcolithischen Sübstanzeu 
n. s» w. Die denkwürdigsten Eigentümlichkeiten hebt der 
Verfasser an deri vulkanischen Erzeugnissen, von welchen 
die Rede, besonders hervor; ua'mlich ihre Kraft die Pole der 
magnetischen Nadel umzukehren, ihre Neigung die Feuchtigkeit 
anzuziehen und einzusaugen, endlich ihre leichte Zerstörbarkeit. 
• — Die erstcre Eigenschaft, eine Thatsache, so leicht auszunm- 
teln und so überraschend in ihren Wirkungen, zumal, wenn mau 
sich auf gewaltigen basaltischen Massen befindet, konnte einem 
genauen Beobachter, wie Hr. M a c e u 1 1 o c h nicht entgehen; 
er dehnte seine Untersuchungen ,!us auf Granit, Syenit; Por- 
phyr, Tracbyt u. s. w. und hat den Beweis geführt, dafs allen,, 
mit Ausnahme der entschiedenen schieferigen Felsarten, der 
polarische Magnetismus zusteht. — Durch die /weite Eigen- 
tümlichkeit A welche vorzüglich Mark au dem qJ.\x*% zeisetAteu 



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256 Boue essai geologique sur l'Ecosse/ 

Trapp - Gesteine des rollten Sandsteines wahrgenommen wird, 
erklärt sich eine andere, nicht uninteressante Erscheinung. Näm- 
lich dafs die Neigung Feuchtigkeiten anzuziehen und einzusaugen, 
verbunden mit der Erhabenheit der basaltischen Berge in den 
'Hebridcn, diesen Eilanden einen grossen Thcil der Dünste des 
Weltmeeres zuführt, weiche, getrieben von den, fast ohne Un- 
lerlafs herrschenden, Westwinden, über Schottland noch mehr 

anhaltende Regen herbeiführen würden. Die eigentlichen 

Basalt-Gebilde zerfallen, nach Hr. B* , in Basalte und Dolerite, 
Gesteine, die sich mehr oder weniger feldspathig, eisenschüssige 
glasig, oder erdig und zersetzt zeigen. Die Basalte gehen un- 
merklich in Dolerite über, wovon sie, streng genommen* nur 
eine kleinkörnige Abänderung ausmachen. Sic sind sehr geneigt, 
sich säulenförmig zu zerspalten. Die Höhe der Säulen, bedingt 
durch die Mächtigkeit der Ströme, beträgt oft 2 — 3oö Fufs. 
(" M a c c u 1 1 o c h will* auf dem Eilande Gariveilan, Säulen 
von 1000 F. Höhe beobachtet haben. — ■ Ueber -die genauere 
Beschaffenheit der Schottischen Basalte theüt Hr. B. iecht werth- 
volle Bemerkungen mit. Im Allgemeinen belegt man. nämlich 
dort (wie überhaupt) mit dem iSaincn Basalt: alle schwarz ge- 
färbte vulkanische Felsarten, welche dem freien Auge keine 
deutlich unterscheidbare Körner Zeigen $ allein die mechanische 
Zerlegung, wovon bereits die Rede gewesen, läfst, nach dem 
Relativen im Menge- Verhältnisse der drei wesentlichen Bcstand- 
s'offe, drei Abänderungen erkennen. Die erste (Basalte propre- 
me/it du ) mehr oder weniger grofskörnig, giebt durch Lieber- 
gänge in Dolcrit, selbst dem nicht bewaffneten Auge , ihre 
Wahl hafte Natur schon deutlicher zu erkennen, Seltener er- 
scheint «sie von blaulichschwarzcr Farbe und so höchst feinkör- 
nig, wie man den eigentlichen Basalt zu charakterisiren pflegt. 
In ihr finden sich sparsamer fremdartige Einmenguugen. Die 
zweite Abänderung (Basalle feldspatkique) , schwarz, schwärz- 
lich-, graulieh- oder dunkel blaulichgrau, auch braun, liefert vor 
dem Löthrohr ein schwarzes Email, deutet einen grössern oder 
geringem Feldspath - Gehalt au, aber wenig Magneteisen und 
sehr wenig Augit. Sie nimmt dagegen einzelne kleine Kn stalle 
von Feldspath auf und von Augit. Auf dem Eilande Egg sollen 
diese Basalte iu wahren Pechstein übergehen« 



{fiir Bnchlifs fok*.) 



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N = H.ideiberge, 1822. 

Jahrbücher der Literatur. 

Boui essai geolo gique sur l'Ecosse. 

(B e sc b l ufs.) 

* * 

Am wenigsten verbreitet ist die dritte Abänderung, welche ein. 
dunkelschwarzes Email giebt, bedeutend schwer und hart ist, sehr 
rein schwajrz von Farbe, matt, nur hin und wieder mit einzelnen 
glänzenden Punkten, und stellenweise so reich au Magneteisen, dafs 
dieses fast zum vorherrschenden Gemengtheil wird. Die rothen, 
rothlichen oder braunen Basalte (der Eisenthon der Freibcrger 
Schule) betrachtet der Vf., und gewifs mit Grund, als durch Ei- 
senoiyd gefärbte Basalte von etwas mehr erdiger Beschaffenheit. 
— Als Gemengtheil der verschiedenen Basalte hat Schottland 
fast nur Augit, Olivin und Fcldspath aufzuweisen (der Olivin 
erscheint jedoch bei weitem seltner, als in den Basalt- Gebilden 
>on Deutschland, Frankreich, Italien u. s. w.). Von infiltrirten 
Mineralien, die Blasenräume bekleidend oder erfüllend, findet 
man Analzim, Stilbit, Mesotyp, Chabasic, Kalkspath, Quarz und 

Amethyst u. s. w. am seltensten Apophyllit. Die Dolerite 

gehören, in den basaltischen Formationen Schottlands zu den 
ziemlich häufigen Felsmassen. Sie zeigen oft viel Uebcrcinstim- 
mendes mit den, dem rothen Sandstein untergeordneten, Dole-* 
iiten. Ihre Berge erreichen mitunter eine Höhe von mehr als 
2000 F, Zu den eingemengten Substanzen gehören zumal Krv- 
stalle von, zum Theil glasigem, Feltlspath. Infiltrirt finden sich 
Mesotyp, Stilbit, Kalkspath und Prehnit, doch weit seltner, alt 
im Basalt. — Der Trapp- (oder Basalt-) Tuff, den u. a. 
der Meifsner in Hessen und überhaupt die Gegend von Cassel 
sehr ausgezeichnet aufzuweisen hat, ist im Ganzen in Schottland 
nicht sehr häufig verbreitet, wohl aber trifft man mehrere nicht 
uninteressante Abänderungen, zu deren Schilderung jedoch hier 

kein Raum vergönnt ist. Der Verf. wendet sich nun zur 

Betrachtung der, mit wenigen Ausnahmen alle Formationen durch- 
setzenden Basalt gä n ge Schottlands, die namentlich dadurch so 
bekannt geworden , dafs sie dem berühmten H u 1 1 o n Anlafs 
boten zur Begründung seiner scharfsinnigen Hypothesen. Ucbt r 
Ursprung, Verkeilung und Kennzeichen derselben, so wie über 
die in ihnen enthaltenen Fossilien thcüt Hr. B. Bemerkungen 



17 



2Ö8 Bou£ essai geologi.que sur FEco&e. 

- * 

• 

mit, die Beachtung verdienen, besonders jene, die vormals gros- 
sere Häufigkeit dieser Gang- Gebilde und ihr scheinbar seltnere* 
Auftreten in altern Felsartcn betreffend , sind interessant, ferner 
das, was über Streichen, Fallen, Mächtigkeit, Teufe, Erstrc- 
ckung , Verhalten gegen das Neben - Gestein u. s. w. gesagt 
wird. Wir müssen uns begnügen, darauf hingewiesen zu ha- 
ben. Trachyt-Gebildc. Sie zerfallen in Phonolite 

und traehytische Porphyre. Nachdem die Kennzeichen beider 
ausführlich entwickelt und besonders vom Trachyt viele denk- 
würdige Abänderungen beschrieben worden, findet man Notizen 
über ihr Vorkommen in mehr lagerartig verbreiteten Massen und 
ab Ausfüllung von Gangräumen u. s. w. 

Schuttland. Sehr wahr sagt der Verf., dafs die Erzeug- 
nisse des aufgeschwemmten Landes zu den interessanteren Pro- 
duktionen des Mineralreiches gehören ; ihr Studium scheint um 
deswillen bisher mehr vernachlässigt worden zu seyn, weil man, 
in der Kegel nur dann zu wichtigen Endschlüssen gelangt, wenn 
die Untersuchung eines sehr verbreiteten Landstriches vergönnt 
gewesen. In Schottland lassen sich ohne Zweifel mehrere Zeit- 
räume der Bildung des Schuttlandes annehmen; der gegenwär- 
tige Stand des "Wissens gestattet indessen blos die Abtheilung 
desselben in älteres und neueres. Jenes scheint Ursachen sein 
Entstehen zu verdanken, die zum Theil noch thätig sind (dahin 
die stets fortdauernde Zersetzung der Felsmassen, der Abfluf* 
der Wasser u. s. w.), theils dürften mehr zufallige Umstände 
dabei gewirkt haben (eigentümliche Gestalt der Thäler, Ablauf 
grosser Seen u. s. w.), endlich können manche noch mächtigere 
Ursachen (Ebbe und Fluth, Meeres -Strömungen u. s. w.) nicht 
ganz verkannt werden. Die neuern aufgeschwemmten Gebilde 
zerlallen in solche, welche durch Zersetzung der Gebirgs -Ge- 
steine entstanden sind, in andere, zusammengeführt von Strömen 
und Flüssen u. s. w. das Vorkommen tämmtlicher, auf diese 
oder jene Weise entstandenen Theile des aufgeschwemmten Lan- 
des wird nun durchgegangen; wir wollen nur bei einigen der 
wichtigem Augaben verweilen. In Nord -Schottland, zumal im 
Distrikte Breinar sehr beträchtliche Niederlagen von Schuttland, 
bestehend aus grauttischem Sande und einzelnen Rollstücken, die, 
wenigstens stellenweise unmittelbar auf Gran t ruhend, als sehr 
alt gelten müssen. An den Avon -Bergen und in der Umgegend 
von In vertäu kl führeu sie u. a. Krvstalle von Topas und Beryll. 
Solche Anschwemmungen, einen Wasserstand zeigend, bei wei- 
tem hoher, als der der gegenwärtigen Ströme, bieten zugleich 
eine Erklärung für manche Granitblöcke, die u. a. auf dem Ei- 
laude Arran sehr weit von granitischen Bergen sich finden. — 
bedeutender Antheil, den die, in vielen Tludern teraweidounig. 



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Boue cssai geologique sur PEcosse. 



über einander gelegenen Seen , deren Zahl früher bei weitem 
grösser gewesen, an Bildung des aufgeschwemmten Landes ge- 
nommen. — Anschwemmungen in älterer Zeit durch Meeres- 
wasser bewirkt. Sie überdecken, zumal längs der Buchten, nicht 
selten beträchtliche Landstriche in weit gedehnten Thalern. Ih-»- 
nen sind die neuen Anschwemmungen in Vielem ähnlich, nur 
dafs sie nie die nämliche Höhe erreichen, nie so ausgebreitet 
und dafs die Rollstücke, welche sie führen, meist weit kleiner 
sind. 

Die dritte Abtheilung des Werkes liefert, nach einer ge» 
drängten Wiederholung der wichtigsten na itget heilten Thatsacheu, 
vergleichende Uebersichtcn des geognostischen Bestandes Schon- 
endes mit jenem anderer Länder und daran reihen sich allge- 
meine theoretische Betrachtungen. 

England, verbunden mit Schottland-, zerfällt, in geogno- 
stilcher Beziehung, durch eine Linie von Sidmouth nach Whitbjr 
gedacht, in eine ostliche und in eine westliche Hälfte. Jene, 
aus Felsgebilden zusammengesetzt, die Schottland meist fremd 
sind, verdient hier keine weitere Beachtung, wohl aber ist dies 
der Fall rucksichtlich der letztern, in welcher man die Gestein« 
massen wieder findet, die Schottland aufzuweisen hat. Ihre Berg- 
ketten, ihre Vorgebirge und Inseln verrathen zum Theil schon 
durch Richtung und Gestalt-Verhältnisse, dafs sie nur eine Wie- 
derholung sind, oder vielmehr eine Fortsetzung der Schottischen. 
Die Felsarten, welche sie zusammensetzen, sind dieselben, die 
in Süd -Schottland gefunden werden. Man trifft hier namentlich 
die quarzigen ' und chloritischen Gebirgsarten mit ihren Ueber- 
gingen in Thonschiefer. Die Thonschiefer, einen Theil der 
Insel Man bildend, und die Grauwacke scheidend von ältereu 
Erzeugnissen, dürften derselben Formation angehören (wiewohl 
sie, besonders in Cumberland, Chrastolithe führen, nnd auf dem 
Eilande Man hin und wieder mit Grauwacke wechseln). Die 
grössere Hälfte von Cumberland, Westmoreland , Lancastershire 
und der Insel Man, ferner ganz Wallis, im Westen einer von 
Abergeley nach Brecon gezogenen Linie, der untere Theil vom 
Sommcrsetshire, Devonshire und Cornwall bestehen fast ganz 
aus Grauwacke, aus welcher hin und wieder granitische Hauf- 
werke sich erheben, die mitunter, wie im mittägigen Schotfc 
Und, umlagert erscheinen von Schiefer- GÄiteinen , ähnlich den 
Felsarten der Urzeit. Aber ihr Charakter ist nie so ausgezeich- 
net, wie der der Schottischen Grauwacke, der Uebergang der- 
selben in Thonschiefer nie so vollkommen. Und was vorzüglich 
tineu grossen Unterschied der Grauwacken - Gebilde beider Rei- 
che hervorruft, das ist der Reichthum von feldspathigen uud 
hrekiienartigen Gesteinen, wflche die Englischen uinschliessco, 

17* 



a6o Bouc essai geojtogique sur TEcosse. 

Pie feldspathigen Gesteine erinnern sehr an die Vogesen. Si# 
sind die Ursache der Natur - Schönheiten , des üppigen Pflan- 
zen - Wachslhumes , welcher für die Berge von Cumbcrland, 
WcstmorcJand und Wallis so auffallende Gegensätze hervorruft 
In Vergleich "der. kahlen fruchtarmen Schottischen Gebirge. Es 
ist die Beschaffenheit dieser l' eisarten und ihr Gemengt mit dea 
Grauwacken, die," in Folge einer ungleichen Zersetzung, alle 
die küliucu seltsamen Berggestalten bedingt haben, die maleri- 
schen Abhänge, die gewundenen Thaler reifende Seen em- 
schliessend. — Auf dem Grauwacken - Gebilde ruhen in Eng- 
land, wie in Schottland, Konglomerate und Kalksteine mit Ver- 
steinerungen. Der grössere Tlieil des« übrigen westlichen 

Englands besteht aus den Kelsarten, welche man dort rothen 
Sandstein (old red sandstone) , Enkrinitcn -Kalk (mountain or 
aicnnal Limestone ) nennt und aus Steinkohlen. Sie gehören 
wohl ohne Zweifel derselben Formation an, wie der rotliq 
Sandstein Schottlands; darauf deuten, ausser der Beschaffenheit 
der Gesteiue, die Lagcrungs- Bedingungen, die Versteinerungen 
und viele andere Verhältnisse. Auch die sogenannten Trapp- 
l'elsartcn (Dolerite,, Mandelsteiue u. s. w.) finden sich im Eng- 
lischen Sandstein -Gebilde. — Verglcichung der Englischen und 
Schottischen Steinkohlen - Formationen. — Auf dem rothen 
Sandsteine ruht in England ein talkhaltiger Kalk, der vielartige 
Versteinerungen führt, selten auch Abdrücke von lischen; die- 
sem folgt bunter Saudstein u. s. w. , 

.Noch grösser ist die Uebcreinstimmung zwischen Irland 
und Schottland. Der nördliche Thcil jenes Reiches, macht nur 
eine ! ortseUuug der Schottischen Gebirgsketten und f elsgcbilde. 
— Folgt man der Bergreihe nordwärts der Giampians-, über 
die Inseln Jura und Isla hinaus, so trifft mau in den, nur durch 
einen ao — 33 Toiseu tiefeu Meeresarm davon getrennten, 
Grafschaften Loudonderry und Donegal Glimmerschiefer in mäch- 
tiger Verbreitung; der Grauwackenkette des südlichen Schott- 
lands steht ein ahnliches Gebirge im Westen von Donaghadee 
gegenüber. — Das Grauwacken- Gebilde, von dem so eben die 
Rede gewesen, dem Schottischen durchaus ähnlich, nimmt die 
ganze Grafschaft Down ein , bis Drogheda uud Armagh u. s. w. 
-r- In der Mitte dieser Grauwackc und der ihnen untergeord- 
neten Felsarten erhebt sich eiu Granit-Gebirge, das einen Raum 
von 324 Englischen Quadrat - Meilen zwischen Dunkald und 
Dunih um ei lullt. Es tragt ganz den Charakter der Schottlau- 
dischen Massen der Art. — Der mittlere und der südliche 
Thcil Irlauds werden fast ausschliesslich vou den drei genann- 
ten Formationen gebildet. — In den Grafschaften Wicklow 
und Weiiord u. a. G. viel jüngerer TUousdiieier, wechsidud 



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Boue essai geologique sur PEcosse. 2Ü1 

* 

mit Grauwacke und darin die bekannten feldspatlagen Gesteine, 
Doleritc u. s. w. lieber dem Grauwacken - Gebilde , wie in 
England und Schottland, rothcr Sandstein und Encrinitenkalk ; 
die Kohlen - Formation minder betrachtlich als in England, mehr 
der Schottischen ähnlich. In Nord - Irland, auf dem rothcu 
Sandstein, bunter Sandstein, über diesen hin und wieder etwas 
Gryphitenkalk, dann ein grauer oder weisser dichter Kalk ( Craie 
chlorite'e; mulattoe green sand), grobkörnig, gemengt^ mit klei- 
nen Quarzkörnern, kleinen Rollsteinen \ und kleinen theils dem 
Chlorit ahnlichen Körnchen und durchsetzt von Kalkspath-Triim- 
mern. Auf dieses Gebilde folgt Kreide, an den tiefern Punk- 
ten, was ihre Dichte betrifft und die in denselben enthaltenen 
Versteinerungen, sehr übereinstimmend mit den untern Bänken» 
der Englischen und- Französischen Kreide; die obern zartem 
Kreidebänke fehlen in <lcr Regel, durch Zufall, oder in Folge 
toii Zerstörungen, welche das Kreide -Gebirge auf seiner- Aus* 
senfläche erlitten zu haben scheint. Unermefsliche basaltische 
Ströme wurden über diesem Gebilde ausgebreitet. Die vul- 
kanischen eisarten haben die gröfste Aehnlichkeit mit jenen der 
Hebriden. Wie diese zerfallen sie in eigentliche Basalte, in 
Phonolite und Trachytc; auch die übrigen Verhaltnisse beider 
sind im Ganzen so analog, dafs von den geringfügigen Abwei- 
chungen hier nicht die Rede zu seyn braucht. Nur der Um- 
land verdient einer Erwähnung, dafs die sogenannten Basalt- 
Gänge in Irland vorzüglich häufig in Kreide und in Basalt auf- 
setzen. — Die aufgeschwemmten Gebilde Schottlands linden 
sich auch in Irland wieder. 

Von diesen Vergleichungen wendet ^ich der Verf. zu dem 
Europäischen Festlande, um den Beweis zu führen, dafs auch 
hier den von ihm beschriebenen sehr ähnliche Gebirgs- Forma- 
tionen sich finden, mithin die Britanischcn Inseln durchaus nicht 
als ein isolirtes Gebilde gelten dürfen. 

Com wall und Dcvonshire gegenüber, zeigt die Bretagne 
weit verbreitete Granitmassen und mächtige Ablagerungen von. 
Schiefer- und Uebergangs- Gesteinen, so namentlich im Cotentin. 
Im Inucrn des nördlichen Frankreichs haben, wie in England, 
die Sand- und Kalksteine eine grosse Ausdehnung, darüber Ab- 
lagerungen von Kreide u. s. w. Und aus diesen jungem Er- 
zeughissen treten, wie in Bourgognc, um das üebereinstimmende 
noch sprechender z* machen, granitischc Massen, umlagert von 
Schiefer - Felsarten hervor. Auch die Vogesen lassen analoge 
Verhältnisse wahrnehmen. Die Rheinufer haben vulkanische Ge- 
bilde aufzuweisen, die zum Theil neuer sind, als jene der Bo- 
tanischen Inseln. Am Harz findet man 'granitische Ablagerungen 
ähnlich denen in West - England und in Süd- Schotdand, ferner 



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a6a Boue essai geologique sur l'Ecosse« 



Grauwacken, Kalksteine mit Petrefakten, einige Trapp -Felsar- 
ten, rothe Sandsteine u. s* w. Nur die, vielleicht aus verschie- 
dener Entstehungs - Zeit abstammende Gyps - Formation , jene 
Berggruppe zum Theil umlagernd, sieht man in Britanien nir- 
gends in so grosser Ausbreitung. Das mittägige Skandinavien 
bat Syenit -Gebilde, denen von Criffel sehr wahrscheinlich ent- 
sprechend. Gneifs und feldspatliiger Glimmerschiefer treten hier 
zumal herrschend auf, der Granit erscheint mehr untergeord- 
net. An der nördlichsten Spitze Norwegens hat einer der grofs- 
ten Gebirgsforscher uuserer Zeit, L. v. Buch, mächtige Nie- 
derlagen von Glimmer - Gesteinen nachgewiesen, die neuern 
Ursprungs sind, von Gabbro begleitet werden und dem geo- 
gnostischen Bestände der nördlichsten Theil e der Schottland- 
Inseln entsprechen. * Bei Christiania ruhen Syenite, Porphyre 
und schieferige Felsarten, die früher als Glieder der Urzeit 
galten , auf Versteinerungen führendem Ucbergangs - Gebilde. — 
Die Faröer sind aus sehr alten vulkanischen Erzeugnissen zu- 
sammengesetzt. Manche scheinen den sogenannten Trapp -Ge- 
steinen des rothen Sandsteines näher zu stehen, andere dürften 
im Alter den Basalt - Strömen der Hebriden gleich kommen. 
( Eine höchst interessante und 'ziemlich vollständige Reihenfolge 
von Felsarten jener denkwürdigen Eilande, in deren Besitz sich 
Ree. befindet, hat nichts aufzuweisen, was man eigentlichen 
Basalt nennen könnte). — Auch die vulkanischen Gebilde Is- 
lauds gehören meist einer sehr alten Zeit an , ohne darum bei 
weitem alle in eine Entstchungsfrist zu fallen. — "Westwärts 
von Island, in Grönland, nur granitische und Urschiefer-Fels- 
arten, desgleichen auLder Küste Labrador, deren Syenite mit 
den Schottländischen durchaus einerlei scheinen. In Canada häu- 
fige Primitiv - Gesteine u. s. w. 

Der Vf. beschlicfst sein schätzbares Werk mit allgemeinen 
Betrachtungen über die Umwandellingen und Zerstörungen, welche 
die Gebirgsmassen seit ihrer Bildung erfahren haben, über die 
Ursachen, welche dabei thätig gewesen seyn könnten und knüpft 
daran theoretische Ansichten über den Ursprung der Felsarteft 
Schottlands. Hier vermögen wir ihm nicht mehr zu folgen, 
indem selbst ein blosser Auszug zu weit führen würde. 

Leonhard» 



Theodori Metochitae Miscellanea P hilos ophica 
et Historie a. G'raece. Textum e codice Cizensi descrip* 
sit, lectionisque varietatem ex aliquot aliis codieibus enotaiam 



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Theodori Mctochitae misc. phil. cthist. cd. Müller. 26 5 

adjeeit M. CanisttJVüs Godofredüs Müller, Rectot 
Scholae et Bibliothecac Episcop, Ciz. praefectus, ac societat, 
Lat. Jenens, sodalis honorarius. Editio auctoris (?) mo'rte 
praeventa, cid praefatus est M. Theopiulüs Kiessljng. 
Lipsiae MDCCCXL Sumtibus F. C. G. Fogelii. xrt und 
838 Seiten in 8. 4 4 fl- 

Wieder eine Bereicherung der Griechischen Literatur, die wir 
mit Recht willkommen heissen, wenn auch gleich der Schrift- 
steller, den wir erhalten, einer sehr späten Zeit angehört, und 

~ von den Mängeln seines Zeitalters nicht unangesteckt blieb. Theo- 
dor Metochita, gestorben im J. *332, früher ein sehr bedeu- 
tender Mann an dem Hofe zu Constantinopel (Logothet), gegen 
das Ende seines Lebens von der Höhe seines Glückes herabge^ 
stürzt und in Dürftigkeit lebend, war ein ausgezeichnet gelehr- 
ter und in den alten Griechen sehr belesener Mann, so dafs ihn 
Nicephorus Gregoras in der Leichenrede eine lebendige Biblio- 
thek nannte. Schon Fabricius hatte in der BibL Gr. ( T. IX. 
p. ai 8. i. Ausg.) die Herausgabe dieses Werkes*) gewünscht, 
und, um dazu aufzumuntern, die Ueberschriften der 120 Capitel 
Griechisch und Lateinisch abdrucken lassen. Allein ausser Mu- 
retus, der in den Varr. Lectt. VU, 47. einen Theil des nGn 
Capitcis schon früher, ins Lateinische übersetzt, mitgetheilt hatte, 
gab nur der Däne Bloch im J. 1790 einige Capitel mit einer 
Vorrede und Anmerkungen heraus, und im J. 1811 J. C. Orelli 
auch einige (ad calcem Supplementi edit. Lips. Nicolai Damas- 

- ceni). Da entschlofs sich der um die alte Literatur vielfach 
verdiente Rector Müller zu Zeiz das ganze Werk herauszugeben; 
von welchem er in der so reichhaltigen Zeizer Stiftsbibhothek 
eine gute Handschrift fand, welche er ganz abschrieb, so dafs 
er in einem Programm vom J. i8i3 (Notitia et recensto codicum 
MSS. qui in bibliotheca Episcop. Numburgo — Ciz. assermntur. 
Partieula V. Lips. 8.) die Bearbeitung schon als zum Theil 
ferti* ankündigte, auch in den Actis Semin. reg. et Societ phi- 
lol. Ups. Fol. IL P. s. Proben davon gab. Muller starb am 
to. August 1819, als die Arbeit bis auf die Register und die 
Vorrede vollendet war. Der Fertigung der Register unterzog 

•) Der angegebene Titel steht vielleicht in keiner Handschrift. 
'Fabricius siebt ihn blofs Lateinisch so an : C apit q phil 0.0. 
pbica et historica misecUanea. Der Gmch.sche I .te 
kommt vielleicht von einem Abschieiber her» Harles hat in der 
neuen Ausgabe des Fabr. aus den <nj^«i>*. und den c a p p. 
philoss. zweierlei Werke gemacht.« 



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4 



264 Theodori Metochitac ipisc. phil. et last. ed. Müller; 

• * 

sich Hr. Görlitz, Mitglied des philologischen Seminars zu Leip- 
zig, der sich in dem Index Graecitatis mit Recht auf die bei 
Schneider fehlenden oder als zweifelhaft angegebenen, und die 
von Theod. neu geschmiedeten oder in neuer Bedeutung ge- 
brauchten Wörter beschränkte, da Müller das ohnediefs volumi- 
nöse Buch mit einem grossen Index aller bei Th. vorkommenden 
Wörter, auch der bekanntesten, hatte belasten wollen. Die Vor- 
rede schrieb der Herausgeber Hr. K. Er theilt einige Notizen 
über den Verfasser und über das, was schon von ihm gedruckt 
erschienen ist, mit. Diefs ist, ausser den angegebenen Bruch- 
stücken aus -dem vorliegenden Werke, nichts, als eine ins La- 
teinische übersetzte Paraphrase einiger Bücher des Aristoteles. 
Zwar führt Hr. K. auch noch eine Römische Geschichte von 
Casar bis auf Constantin M. an, und wir haben das Buch selbst 
vor uns liegen unter dem Titel : Theodori Metochitae historiae 
Romanaej a Jidio Caesare ad Constantinutn M. Uber singularis. 
Joannes Meursius primus vulgaiit et in linguain Latinain trän- 
st u/it , notasque addidit. Lugd. Bat. ex off. Justi Colsteri 4648. 
4: 3ü l / 2 Bogn. Allein Hr. K. konnte sich schon aus dem alten 
Fabricius B'. G. I. c. p. »4 6. belehren, dafs der Name nnsers 
Metochita nur durch einen, von Labbc', Raynaud. und Richard 
längst bemerkten, Irrthum vor jenes Buch gekommen sey und 
J. Lami sagt in der Vorrede zum VII. Theile seiner grossen 
Ausgabe der Werke des Meursius (XHThle. Florent. 4746. fol.) 
S. IX ausdrücklich: '»Hoc Romanae historiae ocTrwiroujfiiccTiOV, quod 
sub Metochitae nomine Meursius edidit, omnes norunt nihil aliud 
esse quam libri tertii Annalium Glycae ( Michaelis ) initium, quod ab 
integro operis corpore separat um atque divulsum in Meursii ma- 
iius sub titulo falso devenerat. Vergl. Harles Introd. in last. L. 
Gr. p. 583. V* ossius de Historr. Grr. L. II. c. stg. pag. 3 08 sq. 
theilt den Irrthum des Meursius. 

Doch wir weuden uns nun zum vorliegenden Werke, wel- 
ches in 120 Capitelu eine Menge Gegenstände abhandelt, wovon 
besonders diejenigen wichtig sind, welche, aus . alten Schrift- 
stellern geschöpft, die Staaten- und Völkcrgcschichte betreffen, 
ferner die, worinnen Urthcile über Griechische Schriftsteller z. B. 
P.ato, Xenophon, Aristoteles, Plutarch, Josephus, Philo, oder 
C täte alter Schriftsteller vorkommen. Er citirt deren mehr als 
70., die Hr. G. in einem sehr sorgfältig gearbeiteten Register 
aufgezählt hat [nur hätten wir den- Kirchenvater Origenes nicht, 
v ie freilic anderswo schon oft geschehen ist, in Origines ver- 
wandelt zu sehen gewünscht]. Diese Citate weichen zuweilen 
von d<m Texte unserer Ausgabe ab, und haben, rmt Vorsicht 
geb taucht, auch kritischen Werth. Auch drei Fragmente des 
Pindarus finden sich hier, die noch nicht in den gesammelten 



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Theodori Metochitae misc. phil. et bist, ed, Müller. 2G5 

Fragmenten desselben stehen. Einen grossen Theil des Werkes 
nehmen freilich die moralischen und philosophischen Abhand- 
lungen ein, welche durch Ii äuüge »Wiederholungen und ewiges 
Klagen ermüden. Die Lecture der Alten sieht man ihm zwar 
an, aber sein Styl konnte sich doch seiner geschmacklosen Zeit 
nicht entwinden. In den philosophischen Abhandlungen findet 
sich Weitschweifigkeit, Wortschwall, gedrechselte Perioden, ein 
Jagen nach verbis compositum , adjeetwis Derbalibus , nach Wort- 
spielen, Sprichwörtern und ungewöhnlichen Wortbedeutungen. 
Merkwürdig ist, dafs da, wo der Verf. von Männern und Ge- 
schichten alter Zeit spricht, auch sein Styl gehaltner und alter- 
tümlicher erscheint. Was Hr. M. an seinem Schriftsteller that, 
ist Folgendes. Er giebt den Text der im löten Jahrhundert 
sehr schön geschriebenen Zeizer Handschrift ohne Aenderung, 
ausser dafs er eiuige ganz offenbare Fehler durch Conjcctur 
heilte. Unter dem etwas wcitlauftig gedruckten Griechischen 
Texte giebt er die von dem seel. Werfer und Hrn. Krabinger 
gemachten, und von dem Letztern ihm mitgeteilten Lesarten 
zweier Münchner Handschriften deren eine aus Augsburg dahin 
kam, und die Lesarten vieler Stellen aus zwei Pariser Hand- 
schriften, ihm von Hrn. ßoissonade mitgetheilt. Bei den Capi- 
telübcrschriften hat er auch die von Fabricius, aus einer Wie- 
ner Handschrift a. a. O. abgedruckte ttwxZ verglichen, so wie 
auch das, was von Bloch uud Oreili schon herausgegeben ist. 
Den abweichenden Lesarten hat er häufig ein kurzes Urin eil, 
zuweilen eine Vcrmuthung beigesetzt , die citirten Stellen der 
Alten und die Quellen der Sprichwörter nachgewiesen. Im; 
Ganzen ist Alles mit der Genauigkeit geschehen, die man bei 
den Arbeiten des Hrn. M. gewohnt ist. Es sind uns indessen 
einige Versehen aufgestossen , die der Herausgeber immerhin 
hatte berichtigen können, anch einige Druckfehler. Nur eimgs 
Proben davon aus der Trtvag. Bei Fabricius finden wir 420 Ca- 
pitelaufschriften, und das Proöraium ist als erstes Capitel gerech- 
net. Hr. M. rechnet das Proöraium nicht in der Capitclzahl und 
hat doch auch 120. Diefs kommt daher, weil aus Versehen nach 
Cap. & gleich Cap. yk steht, und die Zahl h ausgelassen ist. 
Bei Cap. ß steht kaet(p(ciQ, ohne dafs aus Fabr. die bessere 
Schreibung hou&elac bemerkt ist. S. Schäfer Meletemm. p. $4 ff* 
Zu Cap. hätte die iiotliwendige Lesart roov xoct 1 ccvSpuims 
mit Beifall erwähnt werden sollen. Bei \6' steht hiei für köev. 
Bei fi steht im Cod. Vindob. rot rw v (xweexfiev, für rot, ftovxxMV* 
das, als das Richtige, wenigstens hätte erwähnt werden dürfen. 
Auch sollte dieser Codex nicht, wie zu ß' geschehen ist, neben 
Fabric. so citirt werden, dafs man meinen kann, es wären diefs 
»wei verschiedene Handschriften. Da bei Cap. v (5o) erwähnt 



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266 Theodor! Metochitae misc. phil. et bist cd. Müller. 

ist, dafs der Cod. Aug. tu Tpecyttv, und der Cod. Mon. tvicp*T~ 
rstv habe, so hätte die letztere Lesart auch aus dem Fabr. an- 
geführt werden sollen, wenn sie gleich falsch ist, da dieser 
statt des Cod. Vind. dienen mufs, von welchem Hr. M. keine 
Vergleichung hatte. Da Fabr. das Wort sTTtT€i^i(Sfxb( bei yd 
falsch, Schneider aber im Wörterbuche nicht hinlänglich erklärt, 
so konnte hier, was Schneider ungenau thut, auf Hemsterh. ad 
JLucian. Nigrin. $3. T. /. p. 63. ed. Hemst. verwiesen werden. 
Es ist kein munimentum überhaupt, sondern eine feindliche 
Umschanzung, wie von Seiten der Belagerer, die Verschanzuug 
des blokirenden Feindes: circumvaUare. Bei £y' steht zweimal 
falsch ßtwty tkisarov für ßievtyeh Bald darauf $f steht 
Svcirpcty fitiTOL ganz falsch, ohne Anmerkung. Bei Fabr. schon 
längst richtig hv<ntpcty{\ fiuret* Zu Cap. ich "Ort hrtjtiehjrtov 
avefJLseijTOüC irepl «ff/<xc ncy vföris r» toX/t/xw, sagt Hr. M. in 
der Note: Fabr. junctim * eputerteet; , prave. Hier sollte 
offenbar bene stehen. Denn zu geschweigen, dafs die Construc- 
tiou von eirt^eX. mit dem blossen Genitiv die bei weitem häu- 
figere und allgemeinere ist, «o pafst auch TCepixGiocy Vorrath, Ue- 
berflufs, besser zu ttXxtog. als tt<riet 9 Vermögen überhaupt. Unter 
py' fehlt bei Fabr. fj xoXtQ vor Kvpyv7j ohne dafs es erwähnt ist; 
eben so ist hioc rot, fxiyiscc ebirpoiyiiGott bei Fabr. zu pi nicht an- 
geführt, statt Six ro ftiytfoi evirp. Freilich ein blosser Schreib- 
fehler, vielleicht gar ein Druckfehler. Falsch steht auch bei 
cvr\ geschrieben iffxfcwevfiivij für appartuvevfjLi^ Endlich bei p% 
Iiätte der offenbare Schreibfehler ivsTTtsrittoveG für % v ertrfffMtgc 
nicht im Texte gelassen werden sollen. Wir haben auch mehrere 
ganze Capitel durchgegangen und uns Einiges angezeichnet; doch 
wollen -wir uns, um nicht zu weitläuftig zu werden, mit ein Paar 
Anmerkungen zum io3ten Capitel begnügen. Es beginnt: Kirfm 
*ar« Aißvrjv ireckectx re tj irbhe. Da wird aus Oreü. L e. 
die Lesart TrotXaiUTetTJf ohne weitere Bemerkung augeführt. Hat 
Or., wie wir nicht zweifeln, vetkatoTotrtj, so war diefs zu em- 
pfehlen. S. 677. sollten bei "06ev etp* saoi ys IoksT 7{c^ A/ßwf 
k» r. X. die Worte kyuol ye tonet zwischen zwei Commata oder 
in Parenthesi gesetzt, und gleich darauf trttkouov xal oejivov aus 
Orell empfohlen seyn, da ?(pt/ schlechterdings nicht fehlen darf. 
Bald darauf war Blochs Lesart zu empfehlen, der statt fifjroi' 
«XA«f«<j«y x&) fiBTCißoctäooi» T>j$ ßupßccpucyic yenvixocvc vor- 
schlägt fisrctkocßiaetv. Statt dessen scheint Hr. M. die Lesart 
der Handschriften, die hier gegen Sprache und Sinn anstofst, 
vorzuziehen. Wir schliessen mit der Angabe einiger Capitelüber- 
schriften für diejenigen unserer Leser, denen Fabricius nicht 
bei der Hand ist: y . vepl rrje kacLtyel&c riv 'Apisorihtc owreep 
pxTM, i. irepi rtje 'Ap^orihtg togoeoftaf , 7^ Trepi rov pa9f 
« 



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Lts villcs de la Gaule par Golbeiy. 067 

fivfetoov. ig! 'ort v&yrte 9 80*0/ kv Aeyurrp hroctfovfyaKV, rpet- 
yjmpov tw kiysiv xpwvtat. ac<Jv Qpijvot encl tw ccv&pooTCtov ßlaf. 
xi'. ort Stet rov icpoc faropncifv ToXf/iov %ei StotXoyoic o YYkxTttnß 
jCpijrai, jti. 017 6jk rijv Kpoc HKktcov» p&xw o^rsiotgetv rigfwasv 
e AptfvrihfQ t*I* prfToptxyv. fi&. ort ifiitov öioepoe y Scticcaaoc. 
vifr (d. i. 99.) tFBpl Ttfe 'ASipufav vohrslctg^ p\ Tspi ti\q Aaxs- 
Icufiovtwv iroXtrelüC. Dies mag hinreichen um sich einigen Be- 
griff von dem Inhalte des Buches eines Mannes zu machen, wel- 
chen Viüoison ( Liter ar. Arial, v. Wolf /. p. 4°$*} 1* plus sa- 
Jßant komme de son siede nennt. Mr. 



Les Dilles de la Gaide0rasces par M. J. A. Dum urb et rebaties 
par P. A. de GolberYj eonsedler d la cour rojrale de Col- 
mar, membre de la socidte des sciences et arts de Strasbourg 
ou Refutation d'une dissertation inseree dans les memo ir es de 
la societe rojrale des Antiquaires de France sur les lieux 
d'habitation, cites et f orter esses des Gaulois. Paris chez F* 
G. Levrault, rue des Fosses M. de Prince Nr. 33. 48%4* 
8. 46 S. 

« 

• 

Dulaure, der bekannte Verf. der Geschichte von Paris hatte 
jungst in einer eigenen, den Memoirts de la societe royale des 
Antiquaires de France eingerückten Abhandlung, die eben so 
wenig erwiesene, wie überhaupt erweisbare Behauptung aufge- 
stellt, dafs die alten Gallier weder Städte noch Dörfer gehabt, 
sondern einzeln zerstreut in Wäldern und Morästen, ohne gesel- 
liges Verband ein wildes Leben geführt. Die Widerlegung dieser 
Behauptung ist der Gegenstand # vorliegender Schrift. Wir wollen 
hier nicht unsere Leser mit der weiteren Ausführung des Dulau- 
reVhen Satzes, »och mit den Proben der ausgezeichneten Aus- 
legungskunst des genannten Hrn. Dulaure unterhalten — man wird 
sie im Küchlein selber nicht ohne Interesse durchlesen — wir 
wollen sie dagegen mit dem bekannt machen, was der eben so 
scharfsinnige, als gelehrte Vf. in dieser in einem so angenehmen 
Styl abgefafsten Schrift zur Vernichtung jener Behauptung vor- 
gebracht hat. Nicht philosophische Gründe, Raisonnements u. dgl. 
mehr sind die Waffen, womit er die Sätze seines Gegners be- 
kämpft, sondern Beweise, aus den Stellen der Alten, Römischer 
wie Griechischer Geschichtschreiber entlehnt; untrügliche und 
unumstöfsliche Beweise, je bestimmter und klarer sie sich aus- 
sprechen. Aber eben diese gründliche Art der Behandlung, ver- 
bunden mit einer so angenehmen Darstellung ist es, was diese 



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1 



268 Les villes de la Gaule par Golb^ry. 

Schrift empfiehlt und sie eines grosseren Publicums, als das 
Französische der Hauptstadt zunächst ist, würdig macht Es 
sucht zunächst unser Verf. die Bedeutung der Worte civitas s 
urbs und oppidum zu bestimmen, Worte, die von den alten 
Galliern zum öftern in Cäsar und andern Römischen Schrift- 
stellern gebraucht, vorkommen, deren Sinn aber Hr. Didaure 
gänzlich miskannt und entstellt hat, da der natürliche Sinn der- 
selben seine Sätze nicht gerade unterstützen konnte. Als Resul- 
tat dieser nach den Stellen der Alten geführten Untersuchung 
ergiebt sich dann, dafs civitas mehr eine politische Einthei- 
lung als eine Stadt bedeute; welcher letztere Sinn nur durch 
Ausdehnung der ursprünglichen Bedeutung des Wortes sich ge- 
bildet habe. Dafs ferner urbs ganz dem Griechischen irohc 
entspreche, am häufigsten von einer sehr bedeutenden Stadt ge- 
braucht. Dafs oppidum zwar auch km Griechischen Trbhc 
entspreche, jedoch wird hinzugesetzt *qu J . alors iL y a forti- 
ficatj.on,* ganz entsprechend dem Französischen f ortet esse; 
dabei kann es sowohl eine bedeutendere Bevölkerung in sich 
schlicssen, als blols militärische Gebäude; vicus ferner sey ein 
nicht von Mauern umgebener bewohnter Ort, oder ein Quartier 
einer Stadt; endlich aedificium oder aedes bezeichne die 
Wohnung einer Familie (S. 22 ). Nachdem so allen den Wor- 
ten, die hier von Wichtigkeit sind, ihr gehöriger Sinn und Gel- 
tung bestimmt, dadurch also der Gegner zum Theil widerlegt 
ist, verfolgt unser Verf. denselben noch weiter, wenn er sogar 
behauptet, dafs alle die Einrichtungen, die unsere Städte heuti- 
gen Tags charaktcrisiren , den alten Galliern gefehlt, dafs aller 
Verkehr, wie alle gemeinsamen Angelegenheiten blos auf den 
Glänzen (in ßnibus ) der verschiedenen Stämme oder an heili- 
gen Orten unter freiem Himmel abgeschlossen worden seyen. 
Behauptungen, die hier eben so gründlich widerlegt werden, 
wie die andere Behauptung, dafs Druiden einzig und allein es 
gewesen, die über Alles entschieden, als die einzigen Magistrate 
oder Vorgesetzte ; da doch bestimmte Stellen des Cäsar uns gaui 
des Entgegengesetzten belehren. Nicht ohne Interesse ^vird man 
das durchlesen, was der Verf. S. 34- ff. über das alt Gallische 
Wort mag oder dunum, das in so vielen Städtenamen vor- 
kommt und sich in einigen selbst bis auf unsere Zeiten erhalten 
hat, bemerkt. Und so wird der Leser noch manches Andere 
finden, was, wir hier nicht Alles aufzählen können. So viel in- 
defs können wir versichern, dafs unserer Ansicht nach, der \f« 
seinen Zweck erreicht, dafs er die Behauptung seines Gegners 
in ihrer ganzen Nichtigkeit dargestellt und gründlich wider- 
legt hat. 

Die Druckfehler, die sich hie und da in das Griechische 



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Mysticismus u. phil. Moral n. Treum. Wellentretter. 269 

m f a 

eingeschlichen haben, wird man wohl nicht auf Rechnung des 
in so beträchtlicher Entfernung vom Druckort lebenden Verfs. 
setzen wollen, umsomehr als sonst das Büchlein durch Correctr 
heit, wie durch typographische Schönheit sich auszeichnet. 



_ - . 

Gesammelte Blätter von Treumvüd PVeilentretter. III. 
Bände. Prosa und Poesie. Leipzig. 8. Gleditsch. 4820. Pro- 
sa bis S. 2 4 4- Poetischer T/ieil bis 348 und zwar Religiöse 
Poesie bis 3 4 4> Zweite Abtheil. Poetisches *aus häuslichem 
Kranze j bis 3 'A4 aus geselligem Kreise*, bis zum Ende. 

Sehr erwünscht ist es dem denkenden Freund der Religion, , 
noch mehr dem Religionslehrcr, dafs immer mehr auch Gebil- 
dete aus allen Ständen sich angelegentlich , mit Religionsideen 
beschäftigen. Doch hat selbst das, was mau gegenwärtig My- 
stik uennt, und worüber mau , wenn es, über die mit der Gott- 
andächtigkeit (Religiosität) wohl vereinbare Besonnenheit in die 
urtheilslose Verstandesscheu hinausschwebend, oft in Eigendün- 
kel und verworrene Phantasicspiele ausartet , mit Grund klagt, 
zum Theil seiqc Entstehung eben daher, dafs viele nicht durch 
zusammenhängende BegriffsEnt Wickelung in dem Denkbaren Theo- 
retischen) über die Religiosität und Religion unterrichtete, den- 
noch in der Folge des Lebens , entweder durch Gemüthsandacht 
oder durch Neigung zum übersinnlich Speculativen aufgeregt, 
sich einen Denkzusammenjiang (eine Art von System) über Re- 
ligionslehre und Christusreligion zu schaffen streben. Immer ein 
Aiitaiitr zum Besserwerden. Schon das Bestreben , sich von den 
unentwickelten Religionsempfindungen Rechenschaft zu geben, ist 
Anfan". um ius Klare und dadurch ins Wahre zu kommen. 
Zwar entartet die Mystik, das ist, die einige Einweyhung in 
Ktlimonscinsichten , welche durch das anschaulich und sinnlich- 
symbolische zur reinen Lehrerkenn tnifs führen will und soll 
öfters in dergleichen Gemiithern, und neigt sich herab bis zum 
Mysticismus, d. h. sie führt in die leicht mit Selbstsüchtigkeit 
vermischte Einbildung, wie wenn solchen »schönen« Seelen als 
besonders von Gott Geweyhten und Begnadigten , ein besonde- 
rer, über das Rechtfertigen durch Gründe erhabener (?rad von 
Anschauung des religiös wahren, ein sie persönlich auszeichnen- 
des Ahnen und Glauben ohne Wissen, gegeben und verliehen 
scy. Gemüthem nämlich, welche nicht von den Elementen an, 
mx der Art, wie meuschlichw Weis« Wahrheit erfafst uud eut- 



r 

»70 Mysticlsmus u.phil. Moral n.Treum.Wellentrettcr. 

► « 

wickelt wird und werden mufs, unterrichtet, erfahren und selbst-» 
geübt sind, ist es gar leicht, dafs ihnen ihre Ahnungen von ge- 
wissen Theilen des Wahren plötzlich und, wiewohl meist nur 
einseitig, docli einleuchtend, gleichsam ins Bewufstseyn herein 
fallen. Manche Antworten auf Fragen, die sie sich gemacht hatten, 
kommen in ihnen wie Einfalle zum Bewufstseyn, deren Ursa- 
che sie selbst zu seyn nicht vermuthen, weil sie sich darum im 
nächsten Augenblick keine Mühe gegeben haben. Daher folgt 
von selbst, dafs sie ein solches Bcwufst werden, wo ihnen mit 
einem Mal ein Licht in der Seele aufzugehen scheint, nicht von 
sich, sondern wie von übermenschlicher Eingebung mit Zuver- 
sicht ableiten; wobey dann gar zu leicht der geheime Eigen- 
dünkel, ein besonder damit begünstigter und von oben unmit- 
telbar Geweyhter zu seyn, eine solche mysticistische Selbsttäu- 
schung über den Ursprung jener Empfindungen für die Einbil-* 
dungskraft gar zu angenehm macht. Eben derselbe heilige Ei- 
gendünkel nimmt für sie unvermerkt eine persönliche Unverletz- 
lichkeit in Anspruch, welche nicht ohne eine Art von Majestäts-Ver- 
brechen gegen das unmittelbar gefühlte Göttliche gestört wer- 
den dürfe. 

Wie aber nun? Wie befördern alle Gutgesinnte und Schär- 
ferdenkende, so viel an ihnen ist, dafs die Mystik oder das 
Vertieftseyn in bildliche symbolische Andeutungen mehr dem Bei- 
spiel der nichtchristL Mysterien folge, welche nicht da waren, 
damit die Eingeweyhte bey den Sinnbildern und Anschauungen 
stehen bleiben, sondern damit sie zu den Einsichten der Leh- 
ren selbst fortschreiten sollten? Wie verhindern die in der That 
Hcllersehenden , dafs die izige den alten Mysterien so unänhli- 
liche Mystik nicht gar zu leicht in Mysücismus oder eigenwillige 
Lehreinbildungen übergehe? 

Wie verhindert man die Ausartung, ohne zu hindern, dafs 
dennoch immer mehrere empfangliche, obgleich nicht zur gere- 
gelten Selbsterkenntnifs eingeübte Gemüther mit Religionsideen 
und den Wahrheiten des Urchristentums sich beschäftigen mögen. 
Wie fördert man den Zweck aller Einweyhungen und Mysterien, 
welcher nicht ist, immer tiefer ins Unklare, begrifflose hinein, 
sondern aus den Empfindungen zu Begriffen und Ideen empor ' 
zu kommen. 

Ein möglicher Uebergang von der Mystik zu reinerer Ver- 
nunfteinsicht , d. i. zum vollständigeren Bewufstwerdeu der Re- 
ligionsgründe durch Einsehen und nicht durch blosses Ahnen, 
scheint sich zu nähern durch erwünschte Bemühungen solcher 
Manner, wie der Verf., welche das, was so viele andere in 
Worte und Gedankenfolge aufzufassen nicht vermögen und da- 
her mehr nur ahnen als denken können, deswegen auch es blos zu 



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Mjsticismusu.pbil.JVf oral n.Trcuiü. Wellentretter. 271 

fühlen behaupten, nun -wenigstens in Worte zu kleiden, ja in 
Sätzen und Beweisen, in geordneten Gedankenfolgcn aufzustel- 
len versuchen. Bemüht sich nur der gewöhnlich in mancherlei 
Puncten einseitig und lückenhaft bleibende, aber desto gemüth- 
licher angeeignete Selbstunterricht (die Autodidaxic) sich erst 
auch zur Sclbstrechtfcrtigung beweisführend auszusprechen, so 
ist Hoffnung da zur Verständigung; wenigstens erhalten die Klar- 
sehenden die Möglichkeit , genauer zu zeigen, was" noch bestimm- 
teres hinzukommen müsse, damit der Autodidaktos in seinen Vor- 
gefühlen und Ahnungen über die Hauptsache recht habe, oder 
das rechte vollständiger erreichen könne. Denken nämlich ist 
dem Ree. ein bestimmtes Erforschen, Bewufstwerden , Einsehen 
der SachGr Hude und so der Grunde von den Gründen bis zu 
dem au sich unleugbaren. Das Aknen aber besteht hauptsächlich 
darin, dafs man irgend eine Wirklichkeit so lebhaft mutmafst, 
bis mau sie sinnlich zu fühlen oder geistig anzuschauen meint. 

Ist es nun aber nicht jetzt gerade ein wichtiges Zeitbedürf- 
nifs, dafs man nicht bloS klagen sollte über Mjsticismus, nicht 
blos bedauren sollte das Stehenbleiben der Mystik bei dem Sinn- 
bildlichen, die Phantasie aufregenden, dafs man sich vielmehr, 
alle Mühe gebe, denen welche sich mehr durch das Ahnen und 
bildliches Anschauen , als durch Deuken und Wissen zum Glau- 
ben hinwenden können und wollen, auch auf ihrem Wege ent- 
gegen zu kommen und zu dem, was sie haben, das noch feh- 
lende, berichtigende einzufügen? Wenigstens allein diese Ansicht 
der Sache bewegt den Ree. zu einem Beispiel genauerer Prüfung 
einiger Hauptparthieen der zwischen Mystik und Mysticismus 
sich in der Mitte haltenden Schrift, deren Verf. er als einen 
der sclbstdcuk enden Sprecher des Mystischen hoch schätzt und 
die er aufmerksam und möglichst unparteiisch blos in der Ab- 
sicht erwog, um sich selbst deutlich zu machen, wie weit die 
Gcmüthlichkeit eines, in audern Fächern zur Wissenschaftlich- 
keit gebildeten, und daher nach Beweisführung auch bei seinen 
Ansichten der Religion strebenden Mannes sich ohne Grundbil- 
dung in diesem Fache zu recht finde. Hat Ree. gleich nicht den 
Vortheil, auf dem Raum unserer Blatter seine Gedanken so viel- 
seitig, wie der Verf., entwickeln zu können, so werden doch 
schon Beispiele den Sehenwollenden, zumal wenn sie das Buch ver- 
gleichen mögen, zeigen können, dafs in allem diesem Bildlichen 
viel richtiges vorläge (weswegen es auch denen, welche sich 
mit der Ansicht einiger Seiten des Ganzen befriedigen, wahr 
erscheint) wenn nur nicht (was meist eine Folge ist der Beschrän- 
kung auf Selbstunterricht in den Elementen eines Kenntnifsfaches) 
gewöhnlieh die Ansicht der übrigeu Seiten der Sache, ohne 
Welche sie nicht ein Ganzes ist, noch mangelte. Jüaher fehlt dann 



1 



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aj2 Mysticismus u. phiLMoral n. Treum. Wellentretter. 



auch das Durchdringen von uneigentlichen Ausdrücken», Phra- 
seologien und Formeln zu solchen genauen Beschreibungen , wel- 
che das Wesentliche des Gegenstandes jedesmal genetisch, wie 
er im Gemüth wird und ist, darstellen und nicht blos durch 
einige Eigenschaften oder Nebenumstände andeuten sollten. Er-, 
fordernisse für klare überzeugende Wahrheit ; welche Ree. auch 
dem Verf. selbst gar wohl erreichbar achtet und von ihm er- 
reicht wünscht, weil es dann durch seine warme, theilnehmende 
und nach überzeugender Deutlichkeit strebende Darstellungsart 
dem Ganzen der Sache sehr nützlich werden würde. 

Als Haitptmomente unter dem, was der Verf. behandelt, 
müssen sogleich aus der Inhaltsanzeige aufTallen. 

II. Die rechte Richtung, VI* Wo es der Philosophischen Mo- 
ral fehlt? VII. Was ist Sünde? VIII. Auch etwas über Myslick 
und Mysticismus. Zu allem diesem ist Einleitung, die Erklä- 
rung des Verf. vpn dem, was ihm weltlich ist und überweltlich. 

Schon diese Einleitung fafst zuerst den Begriff JVelt, phy- 
sisch — der Himmel, der sich über uns wölbt, die Erde mit all 
ibren Bestandteilen, dieMenschen mit allen ihren Einrichtungen ist 
S.4 5 die Welt. S. 1 2 aber und fast alles b olgende hängt an einer an- 
dern , zuvor nicht erklärten Bedeutung , nach dem Worte : Die 
Welt kennet Dich (Gott, mein Vater!) nicht! Diese moralisch- 
'religiöse Bedeutung, welche übrigens im Biblischen selbst bei 
weitem die seltenere ist, wird für den Verf. die gewöhnlichste. 
Und dochj gerade diese erklärt, bestimmt er nicht. So begeg- 
net uns sogleich einer der Hauptfehler seiner ins dunkle gehen- 
den, nur scheinbar klaren Methode. Was keiner Erklärung be- 
dürfte, wird wortreich verdeutlicht, ungeachtet es an sich be- 
kannt oder für des Verfs. Zweck Nebensache wäre. Worte für 
Hauptbegriffe , die er immer nöthig hat, werden ohne erklärte 
Begräuzuug und Begründung gebraucht, wie wenn sie sich voii 
selbst verstünden. Deswegen kann er sie so vieldeutig sebrau- 
chen, und von dem Unbestimmten aussprechen, was, wenn er 
eine bestimmte Erklärung vor Augen hätte, ihm selbst nicht an- 
wendbar hätte erscheinen können. — Ein anderer Hauptfehler die- 
ser Lehrart ist: Sie macht überall Gegensätze, Entgegenstellun- 
gen, wo vielmehr Vereinigung in der Sache selbst das Wahre 
ist. Das erste Beispiel ist- schon &. 5 und möchten ihm nur 
nicht so viele ähnliche folgen, die den ganzen Gedankengang 
durchdringen. Leben, Freude, Wohlseyn, sey nicht in der Welt; 
denn die (ganze physische) Welt könne es nicht erhalten, nicht 
geben als dem Empj anglichen. 

(Die Fortsetzung folgt.) 



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N= 18» Heidelberger 1822. 

9 • * w m » 

t 

Jahrbücher der Literatur: 

■ ■ i 

Mjrsticismus und Philosoph Mord nach Treumund Wellentretter. 

(Fortsetzung*) 

Sehr wahr. Aber was folgt? Etwa dafs diese Welt zurückztH 
weisen sey? Gehört nicht vielmehr jene äussere Natur, und die 
innere des Einzelnen zusammen , wenn der Mensch sich physisch 
und psychisch Wohlbefinden soll. Das Empfangbare wirkt nicht 
ohne das Empfängliche« Wahr. Also trennen wir nicht, ver- 
einen vielmehr BeydeJ — Des Verfs. Ziel geht mit Recht auf 
das Moralische. Hiezu wäre denn das Beginnen vom Physischem 
kaum nöthig gewesen. Es ist vorangestellt, nur um negiert zu 
werden.. S. 8. versetzt uns in die andere (geistige, innere), 
aber darum nicht überweltliche fVelt des Gewissens , in welcher 
nicht Glück, desto mehr aber das Wichtigere, dauernde, di* 
Zufriedenheit , als Leben statt finde. Woher nun diese? Aua 
dem Bcwufstseyn der Pflichterfüllung, sagt S. 9 nimmt aber so- 
gleich wieder weg, was gegeben schien. »Wer kann sagen, 
»dafs er dem Gesetz des Gewissens Genüge leiste, vollständig, 
»rein, wie es von diesem verlangt wird. Niemand !c Somit wä- 
re denn alle Hoffnung auf Zufriedenheit verschwunden? War- 1 
um? Weil der Verf. abermals nur einen Gegensatz sucht, nicht 
das Vereinbare. Er unterscheidet nicht, dafs der Mensch nur 
über die selbsteigenc Gesinnung zur ausnahmelosen Pflichterfül- 
lung Macht hat, weil diese von seinem Inneren, vom Wollen 
absolut abhängt, dafs aber die Ausübungen der Pflichten mit so 
vielem Aeusserlichen im Verbältnifs stehen, und so cur einiges 
auf einmal, nur allmählich 1 geschehen kann. Des Gewissens Zu- 
friedenheit ist aber eine inuere. Sie ist, wo das Bewufstseyn 
reinen Wollens und das Ausüben nach Möglichkeit, im Gemüthi 
lebt. Nur Zufriedenheit mit dem äussern entsteht nicht voll. 
So ist der Künstler mit dem Ideal seines Innern wohl zufrie- 
den, wenn gleich in der Darstellung nur so viel erscheint, all 
sein bester Wille und Fleifs nach Umständen über die Erschei- 
nung im äusseren vermag. Warum aber nimmt der Verf. dem 
Menschen, was an Zufriedenheit in der übersinnlichen (nicht 
überweltlichen) Welt des Gewissens gab? Abermals um eioes 
Gegensatzes willen, der nicht Gegensatz ist. Der Verf. will, 

18 



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I 



-*74 Mysticismus u. pii 3. Moral n, Treum. Wcllcntrctter. 

dafs der Mensch alles allein aus Gott, seinen Gott aber allein 
ans dein Glauben an das Evangelium habe. Warum denn aber 
immer das Eine allein und in dieser Ausschliessungstnauier *l Al- 
les solches Exclusive gränzt an störendes Partheymachen. We- 
der für die Vernunft, welche der Verf. als das Göttliche erkennt, 
noch für die Offenbarung der wahren praktischen Vernunft in 
dem Evangelium taugt das Parthcymachen , «las Allein -Rechtha- 
ben, etwas. Wer das Evangelium praktisch versteht und willig 
befolgt, der hat Gott durch Glauben an die Vcrnunftidcc und 
zugleich durch Glauben : an eben diese Idee, wie sie Jesus 
Christus in dem Worte aussprach: Niemand ist vollkommen-gut^ 
wie Gt>tt! Wir, glückliche, können dieses beides vereint haben. 
^ Wozu aber das »allein«? Der Verf. selbst will gewifs nicht* 
dafs die vielen nicbtchristlichen Millionen Menschen jene Ver^ 
nuuftidee und dadurch den Glauben an die heilige Gottheit gar 
nicht haben können. Und dennoch folgt dies aus seiner Ten- 
denz. Denn unvermerkt würde die Richtung — nicht auf bei- 
des gehen * wie doch das Eine aus der tu uns allen fortdauern- 
den Veriiunftkraft immer und überall da seyn kann * das Ander« 
aus 'der Gottgeheiligten Vernunft Jesu erfahrungsmässig erschien* 
aber letzt nur -als Ueberliefcrung weit weniger da ist. — 
Der Verf. will alles auf das letztere allein hinlenken, und so* 
dafs er dabei nur gar zu oft seines äusserst richtigen Ausrufs 
$. *79 vergifst: »Lassen ^wir doch vor der Hand das Unbegreif- 
liche auf sich beruhen und thun wir, was uns vorgesehrieben 
ist«. Trotz dem will er aus dem Evangelium gar mancherlei 
metaphysisch theoretisches haben, da dieses doch durchaus prak- 
tisch war, das wenige, wo die Praxis in das Metaphysische uber- 
geht* als angenommen voraussetzte, Jesus selbst bei jedem An- 
lafs allen subtileren" Fragen auswich und auf das Lebcnsthätige 
einlenkte. Daher jeder von uns sich vor nichts so sehr hüten sollte, 
als vor der Selbsttäuschung, die ihn anlächelnde Auslegungen 
als das allein wahre Evangelium selbst aufzunöthigen , da sie doch 
in diesem offenbar nicl«t ausgesprochen, sondern erst in irgend 
einer aus dem Kopfe oder Herzen heraus speculierenden Dog- 
menlehre wie unentbehrlich erschienen sind. 

Darüber, dafs die dem Menschen eigene Kraft, Vernunft-» 
ideen der Vollkommenheit, wahr, gut, schön etc. zu denken* 
Nro. II* als einen angebohrnen Instinkt des Rechten darstellt 
und die freiwollende Richtung dahin allzuviel mit der Gravita- 
tion vergleicht, will Ree. nichts bemerken* als dafs die Vcrglei- 
chung mit dem Instinkt das Idealische allzusehr nicht nur welt- 
lich, sondern sogar sinnlich macht, und dafs in der Gravitation die 
Hauptsache in der äussern, mächtigeren, anziehenden Körper-» 
kraft (S. 27) liegt, die Neigung zum Gesetz aber hauptsächlich 



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Mystizismus u phil. Moral if/Treum. Wellentretter. 375 

aus dem Innern Selbst, aus dem Denken, und Wollen der Idee 
des Goten, kommen mufs„ Wo man raeist durch Vcrgleicluin- 
gen und Bilder lehren will, ist grosse Behutsamkeit in der Aus- 
wahl nckhig, damit nicht gerade das, in dem verglichenen Bilde 
vorherrsche, was in dem, das als Lehre dadurch anschaulicher 
werden soll, ff ar nicht mitgedacht werden darf*. 

Der VI. Aufsatz reitzt am meisten die Erwägung durch 
die Aufschrift; Wv es der philosophischen Moral fehlt? Der Vrf. 
will ^freigebig genug, zugeben, dafs es ihr nicht an dem Prin- 
cip fehle, weil sich am Ende doch alle in dem Vernunftgebot 
des »reinen, absoluten Handelns« (Wollens!) vereinigen müssen 
und sich zurufen: »Handle g*t / heilig A fein, unbestimmt von 
äusseren Momen.ten , blos bestimmt durch die Natur der Ver- 
nunft, durch die innere Noth wendigkeit, durch das Gesetz de$ 
Handelns, das in der Vernunft liegt etc. 

Ree. gesteht, dafs mit all diesem Wortubciflufs von Natuf 
der Vernunft, von dem, was in der Vernunft liege, von Wort- 
formeln, welche, wie jenes rein blos negativ sind, oder wie 
jenes gut doch nie sagen, woran das Gutseyn zuverlässig zu 
erkennen sey, ihm das eigentliche Priueip einer bis auf die ober- 
sten Gründe durchgedachten Moral ( und nur eine solche ist ei- 
tle philosophische!) nicht entdeckt, sondern blos angedeutet 
mehr geahnet als gewufst erscheinen. Durch solche die Möo-1 
henkelt und das Werden der Sache selbst nicht beschreibende 
Formeln kann für keinen das unentbehrliche Merkzeichen ent- 
deckt seynj Woran erkenne ich das eigentlich unterscheidende 
der Idee: Sittlieh gut? Welche Eigenschaften mufs ich bei ei- 
nem möglichen Wollen und Handeln voraussehen , damit ich mir 
sagen kann: ich bestimme mich dafür, weil es gut ist. Was 
mufs in meinem Bewufstseyn klar seyiij damit ich zuverlässig 
nachweisen kann, sowohl die Art, wie ich will Und meineu 
Entschlufs fasse, als auch das, wofür ich mich entschliesse ist 
der Idee gut sicher gemafs, Mit allen solchen Formeln / ein 
Gesetz liege in der Vernunft, es sey innere Notwendigkeit und 
Freiheit zugleich, wird keiner, dem es Ernst mit sieh selbst 
ist, seinem Gewissen sagen köunen: woran ist das sittlich gute 
auf alle Fülle erkennbar? Denn das Negative, Von äusserem In- 
teresse rein seyn , ist zwar sehr richtig und hilft in vielen Fällen, 
sagt aber, immer nur, was nicht seyn dürfe > nicht wie? und 
was? als idealisch gut zu wollen sey. Es reimt sich wohl aber 
es geht nur in sich selbst zurück, wenn man mit S. 347 singt: 

Das Göttliche, wenn es mit deutlichem Wort; 
»Nur immer das Rechte! 
»Nur nimmer das Schlechte! 

»Son«t alles und jedes am schicklichim Ort! 



1** 



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*j6 MysticLsmusu phii; Moral n. Treuin. Weilentretter. 



"Weist man bestimmender uns darauf an, dafs man wollen solle, 
wie man denken könne, dafs jede reine Vernunft es billige, so 
kommt immer wieder die Frage: Welche sichere Kennzeichen 
habe ich, dafs ich richtig denke, jede Vernunft für mich zu 
haben* Und spricht der Theolog volksverständlicher : was du 
willst, dafs es dir andere thun, das thue ihnen auch, so ist doch 
der Sinn nicht ; was du irgend wiUkührlich willst , das etc. Viel- 
mehr ist im Verborgenen eigentlich gesagt : Was du wollen darfst 
und sollst, das etc. Unvermerkt ist also vorausgesetzt, dafs die 
leitende Grundidee, wie und was* man wollen solle und dür- 
fe j schon zuvor erkannt scy, Und so stehen wir immer wie- 
der an eben derselben Frage : Woran erkenne ich zuverlässig 
und zwar bejahend : auf diese Art und für diesen Effect darfst 
und sollst Du wollen? 

Hatte uns der Verf. gegen die Darstellungen des Priucips 
der philos. Moral Zweifel dieses Inhalts gemacht, so wurde Ree. 
zugeben müssen, dafs man nicht mit den Stich Worten; gut, rein, 
vernünftig, absolut etc. sich begnügen könne , bei denen sich der 
Verf. selbst alliu leicht befriedigen läfst. Vielmehr ist die Idee: 
sittlich gut, ganz bestimmt zu charakterisiren , wenn sie der dem 
Denkenden entscheidende, deutliche Maasstab des Wollens wer- 
den soll. Jedoch; daran fehlt nach dem Verf. S. 7 3 es der 
philos. Moral nicht. • 

Auch Bndet S. 74 in der wissenschaftlichen Ausbildung der- 
selben , in der organischen Vollendung der Lehre von den Pflich- 
ten, den Fehler nicht Hr.W. hat nichts gegen die Realität und In- 
tegrität der philos. Moral als Wissenschaft. 

S. 75 aber erklärt das eigentliche DeBcit: Sie, die philos. 
Moral, giebt nicht die Möglichkeit, sich im Leben zu realisie- 
ren. Und doch wäre sie allerdings nichts, wenn sie nicht 
als Lebenslehre würksam dahin führte, dafs der, welcher sie 
denkt, auch nach dem Vernunftgebot wolle und nicht nur wol- 
le, sondern auch handle, vollbringe. Hier nun meint der Verf. 
entdeckt zu haben, was, als das Unentbehrlichste, doch der Mo- 
ral - Lehre des aus allen Denkkräften schöpfenden Nachdenkeos, 
(denn anders darf das Philosophieren nicht gedeutet werden) 
abgehe. Wie? der Verf. meint also, der Fehler müsse in der 
Loh re, in dein Lehr in halt, liegen, wenn der Lehrling die Lehre 
zwar sehr wohl anerkennt, aber doch nicht thut. Wetiu nicht eine 
wahre Triebfeder zum Thun in 'der Lehre hervorgehoben wäre, 
alsdann wäre die Lehre zu tadeln. Gerade die reinste Trieb» 
feder aber, die Idee der Vernunft selbst und die Wichtigkeit, 
auch als wollend vernünftig, und mit sich selbst Eines zu seyn, 
wird so hell wie möglich dargestellt. Sie setzt aber freilich solche 
Menschen voraus, welche aufmerken wollen; was jede Lehre 



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Mysticismus u.phil. Moral n. Treum, Wellentretter. 277 



nicht selbst machen kann. Liegt denn etwa der Fehler in der 
Semiotik, 'Pathologie , Therapie, wenn der junge Arzt diese Leh- 
ren zwar für richtig erkennt, auch nach ihnen curiren zu sol- 
Ico überzeugt wird, den Entschlufs aber nicht fafst oder nicht 
ausführt. Auf jeden Fall wird dieses Nicht thun dessen, was er 
doch an sich will, nicht der Lehre selbst, sondern andern 
ausserhalb der Lehre bestehenden Umstanden, etwa der Un- 
fähigkeit, der Trägheit des Subjects u. dergl. zum 1 Vorwurf 
werden. 

Der Verf. macht der Morallehre diese Vorwürfe, während 
er doch selbst behauptet, das Nichtvollbringcn der dem Den- 
kenden offenbaren Moral sey davon abhangig, dafs (S. 79) in 
jedem Menschen Versuchung zum Bösen sey, und diese Ver- 
suchung das Böse selbst sey, welches in ihm liege (immer: lie- 
ge?! und dafs er das Gute nicht eher wollen (S. 77) nicht eher 
vollbringen könne, ab bis Er dasBö^e nicht mehr wolle. Ware 
denn dies der Lehre Fehler, wenn ausser der Lehre das Böse, 
wie etwas schon für sich bestehendes oder gewordenes im Men- 
schen da wäre, und dann die Lehre es aus dem Wege zu räu- 
men nicht vermöchte, da doch keiner Lehre zuzumuthen ist, 
selbst factisch zu bewirken, dafs sie vou denen, die es nöthig 
bitten, gedacht, gewollt und befolgt werde. 

Man wiederhole das nämliche an einem Beispiel. Ist es 
fehler der medicinischen Lehre, wenn Krankheitstoff im 
Körper da ist? Kann man auf die Frage: Woran fehlt es 
derMedicinal-, Lehre? antworten: Daran, dafs sie nicht als Leh- 
re, die Krankheiten selbst wegzuräumen vermag? Der Verf., 
zweifeln wir nicht, wird nach dieser Parallele zugeben, dafs 
diese seine Vorwürfe wenigstens nicht der Lehre als solcher gel- 
ten. Wäre wirklich das Böse so liegend im Menschen, wie 
köante dies der Lehre Fehler seyn? Und wenn sie lehrt, wie 
das Böse zu verhüten sey nach den Gründen durch Denken klarer 
Grunde und durch beharrliches Wollen, ist est der Lehre 
Fehler, wenn die Menschen das Nichtdenken bequemer finden und 
das so obenhingedachte nicht mit wollender Theilnahme umfassen ? 

Aber auch an sich enthalten diese Vorwürfe des Vcrfs. ge- 
gen die philosophische Morallehre grosse Misverstandnisse. Das 
Böse ist nicht, wie es der Verf. und viele , die mehr auf Kunstworte 
als auf genetische Begriffe oder Betrachtungen der Entstehungs- 
art und Natur jeder Sache ihr speculalives Philosophiereh richten, 
darzustellen sich bemühen , etwas positives, noch weniger etwas 
absolutes. Kein Mensch und selbst kein denkbarer Teufel will 
das Böse absolut, das heifst, rein deswegen, weil es böse ist, 
wie man allerdings das Gute, rein deswegen, weil es gut ist, 
wollen kann und soll. Der zu weit getriebene Gegensatz, d*& 



278 Mysticismus u.phil Moral n.Treum. Wellentreuer. 

ilie Spcculatiott geradezu auf das Böse nach einem scheinbaren 
Parallelismus, anwende, was auf das Gute im Denken anzu- 
wenden ist, dieser Fehlgriff ist häu6g; aber nicht als Fehler 
des Philosophierens, sondern der Philosophierenden. Mochte 
man es nur nie an Schärfe des Unterscheiden fehlen lassen. Wie? 
wollen wir vielmehr uns ruhig fragen , wie wird das Böse? Ant- 
wort: Der picht nur Denkende, sondern auch, und zwar zu- 
erst, fühlende Mensch fühlt ein Bedürfnifs , hat das Vorgefühl 
einer Lust, oder sieht einen ihm bequemen Effect als möglich 
voraus. Diese dreierlei Richtungen reitzen , treiben ihn zu einem 
Begehren, sich Bedürfnils, Lust oder Bequemlichkeit zu ver- 
wirklichen. Denkt er noch nicht an die Idee: gut (oder: mit 
Vollkommenheit im Wollen harmonisch), vergleicht er die drei- 
fache mögliche Erfüllung seines Begehreus noch nicht mit jener 
Idee, oder findet ex sie der Idee nicht widersprechend, so . ist 
für ihn in der Verwirklichung des Begehrens noch nichts böses- 
Die Idee: Böse, kann nur entstehen, weun wir uns der posi- 
tiven und absoluten Idee: sittlichgut, bewufst werden, wenn 
wir zugleich daran denken, dafs das (sonst schuldlose) Begehren 
in der bestimmten Weise gegen die Idee: gut, im Widerspruch 
Stehe, und wenn wir uns dann in dem vorkommenden Fall um 
der Begehrungsursachen willen gegen, das Befolgen der Idee 
gut* einzeln entschliessen« Denn nur einzeln entschliefst man 
sich für Ausnahmen von dem guten Princip. Keiuer fafst den 
Entschlufs , immer dem guten entgegen zu wollen. Denn , wenn 
nicht einzeln das Bedürfnifs, die Lust oder die Bequemlichkeit 
vorauszusehen wäre und dem guten entgegeu stünde, so hätte 
die Idee böse an sich keinen Reitz, der gegen die Selbstgültig- 
keit der Idee, sittlich gut, wirken könnte. Das Böse ist eine 
negative, erst aus Contradiction gegen das sittlich gute entste- 
hende Schein- Idee, welche nicht an sich selbst, sondern durch 
die Hinsiebt auf Erfüllung eines Bedürfnisses, einer Lust, eine» 
Wunsches nach Behaglichkeit, zum Abgehen vou der Idee gut be- 
wegen kann. Deswegen ist -auch das Böse nicht zum Voraus, 
und wie etwas an sich bestehendes. Erst dann, wenn einer 
dieser Opposition des Begehrens gegen das Gutwallen bewufst 
wird, entsteht ihm die Idee des Bösen, und nur so kann das 
Wollen nach dieser Idee, (nicht als einer blosseu Negation des 
Guten, sondern) als gewollte Abweichung vom anerkannten Gu- 
ten, ein Bösew ollen werden. Nicht das Böse ist also, wie der 
Vcrf meint , zuvörderst wegzuräumeu , damit man das Gute wol- 
len könne» Vielmehr das Gute ist gründlich lebhaft und begei- 
stert genug zu denken , damit man nach dieser Idee wolle und 
handle, nicht aber mit Bcwufstsevn der Vernuuftidee, doch für 
das als entgegenstehend anerkannte Begehren sich enteebliesse und 



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Mysticismus u. phil. Moral n. Treum. Wellentretter. 279 



4 

so das Böse, welches zuvor nirgends in der Seele liegt oder 
da ist, wollend in sich selbst erst mache. Das Kind kann hef- 
tig begehrlich, unartig seynj aber böse ist es nicht, wenn Ihr 
ihm nicht allzu frühzeitig bei jeder Unart vom Bosen als ab» 
sichtlichem Wollen wider das Gute vorsprechet, und die schuld- 
lose Ungezogenheit zur Sünderin machet. Denn nur so im Wol- 
len selbst gemacht, als bewufster Gegensatz des Guten, wird das 
Böse. Radical aber ist es dann, weil es nicht etwa auf Tem- 
perament, Verführung, satanische Eingebungen etc. eutschuldi- 
guugs weise weggeschoben werden kann, sondern nicht da ist, 
wenn es nicht gewollt wird, also, nach unläugharcm Selbstbe- 
wufstseyn. in der innersten Wurzel des Geistes, nämlich im 
Wollen^ entsteht und selbst gemacht wird, nicht aber von jeher 
da gewesen oder ohne dafs wir die Hauptursachc wären, ohne 
unser Wissen und vor unserm Wollen so hineingeschoben ist 
Es wird erst, aber es wird im Wollen selbst. Kadical ist es 
also, aber nicht originär, wenn hiedurch etwas mit dem Mensch- 
werden zugleich schon im Menschen gewordenes verstanden 
werden soll. 

Sobald nun der Verf. das Böse nicht mehr, wie etwas im 
Menschen sogleich vor dem Denken des Gegensatzes gegen das 
Gute vorhandenes, ansehen kann, wird er ohnehin der philos. 
Morallehre nicht mehr zum Fehler anrechnen können, dafs sie 
es nicht, gleichsam wie ein eingebornes Gift, »wegräume«. 
Nur daraus, dafs der h. Augustinus jede Lust, auch ohne dafs sie im 
Gegensatz der Idee, gut, gedacht ist, für das Böse, für die 
Sünde gehalten, und auf diesen materiellen, ungeistigen Begriff 
des Sündigens, welches als ein Wollen wider die Vernunftidee 
vielmehr ganz des Geistes That ist, sein ganzes System gebaut 
hat, entstund, was so oft der theolog. Moral Fehler ist, dafs sie das 
Böse für einen Urschadcn hielt, und zwar für einen solchen, 
den man nicht einmal durch das Wollen des Guten, woran mau 
tausendmal mehr, als an alle Theorien über das Böse denken 
und mahnen sollte, abhalten oder wegräumen könne. 

Eben dieses giebt denn auch der Verf. als grossen Fehler 
der Moral an. Wenn sie auch das Wollen nach der Vernunft 
erwirke, so bringe sie es doch nicht, zum Vollbringen, weit 
»die Ansprüche der Selbstheit, des eigentlichen menschlichen 
»Wesens, der Vernunft entgegen stehen, und doch Niemand sich 
»von seinem Selbst zu scheiden vermöge.« Welch ein er- 
bärmlich einseitiges Selbst des Menschen wäre*hier gedichtet, 
zu welchem nicht eben die Vernunft ganz vornehmlich ge- 
hörte. . Der Verf. hat Selbstsucht und Selbstliebe nicht genug 
unterschieden und genau ins Auge gefafst. Zum Bewufstseyen- 
den ich oder dem Selbst gehört doch die Vernunftkraft un^ 
ihr Detriten der Ideen gut, wahr, schön etc. eben so sehr un^ 



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280 Mysticismusu*phiL Moral n. Treum. Wellentretter. 



an 



noch viel bleibender, als die Gefühle und Vprempfiudungen von 
Bedürfnis, Lust, Behaglichkeit. Das menschliche Selbst ist es, 
das nach der Idee: gut, wollen kann, und einsieht, dafs es mit- 
tlem besten, was es selbst ist, nicht harmonieren, nichts Voll- 
kommenes seyn wollte, wenn es nicht nach jener Idee immer 
xu wollen sich entschlösse. Es kann also das wollende Selbst 
die Idee des Guten zur herrschenden oder vielmehr regieren- 
den machen, ohne von dem eigenen Selbst zu scheiden. Ks 
wird erst dadurch in sich seiner ganzen Selbstheip mächtig, und 
30 macht es wollend in sich selbst das an sich höhere und gül- 
tige, die Idee, zum geltenden und regierenden, ohne das, was 
im Selbst auch ist, die Lust oder das Begehren überhaupt zu 
vertilgen, oder wegräumen zu wolleu, weil dieses im Selbst 
seyn und dennoch untergeordnet werden kann. 

Dieses von der philosophischen Moral, wenn sie menschen- 
kennerisch spricht, immer bemerklich gemachte Unterordnen des 
Sinnlichen unter das Vernünftige durch verständige Schätzung 
Beider und durch ein dieser richtigen Schätzung angemessenes 
Wollen hat der Verf. kaum berührt. Wohl möchte er etwa 
weiter auch dagegen einwenden ; es sey der Morallehre Fehler, 
dafs sie nichts, was dieses Unterordnen bewirke, enthalte. Aber 
sein! Die Lehre selbst kann freilich nicht bewirken, dafs man 
sie denke. Aber will man nur , so wird das Gedachte selbst 
der Grund und der reine Antrieb, gewollt zu werden. Hier 
ist eine Arznei, die, wenn man sie nur recht betrachten will, 
zum voraus zeigt, dafs sie helfen müsse. Dies Denken der Idee 
mufs nur vom Denkenden ebenso lebendig in ihm selbst gemacht 
werden, als das mögliche Vorgefühl der Lust. Darum, sprach 
Piaton, ist die Idee der Tugend so herrlich, dafs, wenn man 
sie mit Augen sehen könnte, jeder in sie sich verlieben würde. 
Warum aber, frägt man wohl, geschieht dies nicht viel öfter? 
Antwort: Nicht deswegen, weil das Böse an sich zuvor da ist; 
wohl aber wegen zwei allgemeiner Ursachen. Fürs erste, weil 
das Denken nach Gründen zwar ohne Wissenschaft möglich, aber 
immer schwerer ist, als das Sehnen und Begehren; und dann, 
weil in jedem zur körperlichen Erhaltung das blos sinnliche 
(nicht schon an sich sündliche) das Begehren nach Reiz, Triebt 
Lust, Unlust, Vortheil, Schaden etc. zuerst und ehe der Men- 
schengeist bis zum Denken nach Gründen sich seiner selbst wie- 
der bewufst wird, wirksam und Gewohnheit geworden ist. Ba- 
ker ist die Idee Tugend, Vollkommenheit des Willens, nicht 
eben so leicht wirkend und wird nur, wenn sie erst Öfters und 
eben so lebhaft, wie das Sinnliche, im Bewufst&eyn gefafst und 
betrachtet wird, als das Höhere nicht nur anerkannt, sondern 
*uch so gewollt, dafs alsdann dieses Wollen Gesinnung, Cha- 



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Mystizismus u. phil Moral n, Treum. Wellentrettyr. 281 

rak*r, feste Gemuthsrichtung wird, und zun* voraus über das 
Sinnliche, so oft es in Collision käme, die Unterordnung unter 
das Geistige beschliefst und auch wirklich vollzieht. Denn eben 
diese im Allgemeinen gefafste Entschlossenheit bleibt auch nicht 
ohne das Vollbringen, wenn sie nur ernster Vorsatz ist, und daher 
auch die Mittel der Selbsterziehung oder eigenen Angewöhnung 
zum Vervollkommnungs - Entschlaf* , welche das Nachdenken 
über uns selbst und die hieraus entstehende philosophische Lehre 
gut angiebt, als Mittel zum ^weck gebraucht werden; was ei- 
nem jeden möglich ist, weil die Lehre es ihm zur Einsicht vor- 
hält, doch aber, wie bei jeder andern Art von Lehre, nur dann 
zur Wirklichkeit bringt, wenn der Belehrte das, was er, nicht die 
Lehre thun kann, sein Wollen der eingesehenen Lehre frei 
beigesellt. 

Unvermögend oder nicht genug vermögend scheint wohl 
das Nachdenken und die daraus fliessende Moral dem Verf. und 
Andern, insofern freilich das Sinnliche ohue das Bewufstwer- 
den , Denken und Wollen sich materiell aufnöthigt und eine 
. überwiegende Angewöhnung für sich erwirkt, ehe das Denken 
einer Idee in dem Selb stbewufst werden des Menschen hervor- 
gearbeitet wird. Aber wirkt denn dl€ Offenbahrung, wenn sie 
nicht gedacht, nicht mit tiefer Andacht gedacht wird? Und 
kann die Offenbarungslehre bewirken, dafs sie gedacht werden 
mufs. Selbst die .Offenbahr ungsidee : Niemand ist vollkommen 
gut als die Gottheit, und die Vernunftidee, ohne welche das 
Wort der Olfenbahrungsidee gar nicht verstanden würde, die Idee 
Vollkommenheit, achtes Gutseyn, ist sodann doch nicht ein Zwin- 
gendes. Alle Pflichtenlehre ist idealisch und geistig und wirkt 
als Einsicht, als Grund des Entschli essen s für sie selbst; aber 
sie kann nur wirken, wenn man sie denkt, betrachtet, wenn 
man sie als das unverkennbare Höchste nicht nur anerkennen 
will (was man denkend nicht verweigern kann) sondern auch 
um ihrer selbst willen so verehrt, dafs man sie sich zueignen, 
sie liebend zu umfassen sucht, ihr das ganze menschliche Selbst 
sich willig zu verähnlichen trachtet. Wer nur auf die sich 
aufnöthigende Macht des Sinnlichen hinblickt, aus welcher, durch 
das Wollen gegen die Vemunftidee, das Böse entsteht, dem er- 
scheint unvermeidlich das geistige Wirkeukönnen dessen, was 
• gedacht, was Einsicht und Grund werden mufs, gar unschein- 
bar und gleichsam allzufein und subtiL Aber dennoch ist es 
dieses Geistige, welches immer unläugbarer, unverkennbarer, 
kräftiger fortwirkt und weil es immer und immer dem Menschen 
als das, was sevn sollte, vorschwebt, doch irgend, früher 
oder spater, der anerkannnte letzte Haltpunkt seines Wol- 
fens wird. Jeder in sich selbst erwachende, wenn er erst nur 



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282 Mf sticismus u. phil. Moral n. Treum. Wellentretter» 

anfängt zu frageli, ob er fortwahrend das Sinnliche dem #B ei- 
st igen unterordnen oder jenes diesem fortwährend entgegen-* 
setzen könne, denkt entweder noch nicht, oder er sieht den- 
kend voraus, dafs nur Unterordnung des Sinnlichen unter das 
Geistige das Fortwährende, Selbstständige seyn könne, also der* 
jenige Getnüthszustand sey, in den er sich, jetzt oder künftig, 
wollend zu versetzen ohne Selbstwiderspruch nicht verweigern 
könne. Und sieht der Denkende dies , aus dein Grund , dafs 
das Vollkommene, das Treffliche, das Gültige, doch gewifs auch 
das Geltende, Treffende, Dauernde werden müsse, voraus, wird 
er dann nicht lieber sogleich Wollend mit seinem Denken Eines 
werden? Wer es aber noch nicht so wirksam vorausähe, ent- 
geht dennoch dem heilbringenden Sieg des Geistigen über das 
Sinnliche nicht, welcher das wahre Heilbringende ist, weil er 
nicht das Sinnliche zu Nichts machen will, vielmehr nur das 
Entgegensetzen desselben gegen- die so viel umfassende Idee, 
Vollkommenheit oder Gutseyn, eutfernt, und also das Sinnliche 
selbst zu einem wahren Etwas, zu dem, was es seyn soll, zum 
Mittel für das Geistige erhebt. 

Nicht nur der Grundsatz also der Pflichtenlehre des Nach- 
denkens, nicht nur desseli Auslegung für die Anwendung, son- 
dern auch der wahre Antrieb zum Wolleu und Vollbringen ' ist 
in dem Nachdenken und der dadurch producirten j^ebeu wveis- 
heit. Nur ist der Antrieb ein geistiger, weil er die erhabenste 
Idee achter Willens- Vollkommenheit selbst ist, welche der Mensch 
in reinem Wolleu verwirklichen kaum Der hohe Zweck, das Ideal, 
ist zugleich der Antrieb, dafs wir es aus alten Kräften wollen. 
Aber dieser Antrieb kann nicht anders wirken, als wie ein 
Gegenstand des Nachdenkens wirkt; er ist Einsicht, Ueberzeu- 
gung, Grund. Er nöthigt nur wie ein Grund, das ist, frei — den 
welcher ihn recht denkt und denken will. Er erregt das Wol- 
len , aber so dafs dieses sich selbst wollend zur Ursache mache. 
Denn kein Grund wirkt so, wie eine Ursache wirkt. Der gül- 
tigste Grund, wenn er eingesehen ist, wird geltend, nur 
wenn das Wollen sich für ihn zur Ursache macht. Eben des- 
wegen ist der Entschlufs auch das Freie , das Heilige , das 
ohne Ausnahme selbst gewollte. Er selbst , der Grund mufs 
aber erst zum vollen Bewufstseyn kommen; was, weil der Mensch 
eine Denkkraft ist, nicht ausbleiben kann. , 

Er kann wohl alsdann, weil der Mensch wollend sich vom 
Wirken der Denkkraft oft zurüchkaiten kann, längere oder kür- 
zere Zeit aus dem Sinn geschlagen, im Geiste gleichsam zurück- 
eedrückt werden. Er kaun aber — weil die Vernunft das 
Vermögen ist, die Ideen der Vollkommenheit zu denken, und 
jedes menschliche Selbst eben so gewüs eine Vornuaftkraft ist 



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My#icismus u. phil. Moral n. Treum. Wellentretter. 283 

als eine Sinnenkruft — nie verdrangt, er nrofs vielmehr immer 
mkhtigcr werden, weil der Mensch, auch wenn er wollte, 
nicht aufhören kann, ein Denkvermögen zu seyn, ja, je mehr 
#r sich seiner selbst bewufst und durch des Lebens Noth ge- 
lehrig wird, immer mehr dem Denken Gehör zu geben veran- 
lagt wird. Es fehlt demnach dem Menschen, so wie er ist, und 
auch seiner Vermmftmoral - Lehre, die mau nur nicht allzu ein- 
seitig fassen mufs, sogar nicht an einer sicheren Führung und 
Erziehung zum ächten Gut seyn oder zum absoluten Besserwer- 
den, dafs man vielmehr offenbar sagen kann: Das Gutwerden 
ist durch unser Seyn, durch das ganze Selbst des Menschen, 
welches aber alle seine Kräfte in sich schliefst, so weit unwi- 
derstehlich vorbereitet, als diese UuwidersteMichkeit mit der 
Freiwilligkeit, d. h. mit dem Sclbstwolleu aus Gründen, die 
man ulibestimmbar lange abweisen kann, vereinbar ist. Der 
Mensch kann sein Uebereinstimmenwollcn mir seinem Denken 
unbestimmbar weit hinausschieben. Aber er kann und - mufs 
immer voraus wissen, dafs er nur danrf in sich Kines und der 
«nah weislichen Idee gemäfs ist, wenn er dieses Uebereinstim- 
menwollen sich wollend zur Gesinnung, zur Regentiu seines 
Wollcns und Handelns macht. Dieses also je eher jo besser zu 
wollen mufs ihm einleuchten, doch nur als ein geistiger Grund 
im Denken einleuchten. Zu diesem seinem Denken aber gehört 
licht das Denken der Veruunftidee des Guten allein, so wie 
« in dem Einzelnen durch Uebung der Deukkraft klar werden 
kann. Es gehört eben so sehr das Denken der nämlichen Idee dazu, 
wenn uud wo sie als Offenbahrun gsidee erscheint, das ist, als die 
höchste Ahnung und Anschauung gottbegeisterter Gemüther, iu 
denen mehr durch ihr Wollen das Volikommengute oder gött- 
liche hervorgehoben worden ist, als durch ein genaueres Selbst- 
bewufstseyn über ihre Denkkraft. Weswegen diese Veruunft- 
idee und die Offenbahrungsidec von Gott so ganz eines und ein- 
ander nie entgegen zu setzen sind. Kurz ; Sinnlichkeit wirkt als 
Ursache, das Gedachte und Denkbare und Geistige aber, scy es 
aus Vernunft oder Oflenbahruug , wirkt als Grund. Jenes 
zwingt sich auf, verzehrt aber im Widerstreit gegen das Gei- 
zige sich selbst. Dieses scheint fein, daher schwach, wird 
aber seiner Natur nach immer geltender, weil es au sich gültig 
ist und nicht aufhören kann. 

Wer dann das Gute, das Uebereinstimmen mit der Idee 
Vollkommenheit, will und es sich durch immer erneuertes Wollen 
gleichsam zur Angewöhnung, also zur Gesinnung und Charakter 
macht, der ist nicht so gestellt, dafs er das Böse, wie etwas, 
welches feindlich da wäre und bestünde, nun erst wegzuräumen 
hätte. Das Sinnliche ist, bleibt und soll bleiben. An sich isl 



284 Mysticismus u. phil. Moral n. Treum. Wellentr^ter. 

CS dem Geistigen nicht entgegen, vielmehr Mittel zur Erfüllung 
des Zweckes. Aber wo nun die Gelegenheit kommt, dafs das 
Sinnliche nicht in Uebereinstimmung mit der geistigen Idee aus- 
geführt werden kann, wo also ein böser Entschlufs gefafst wer- 
den konnte, da ist das festgefafste Wollen, die ausnahmlose vor* 
gefafste Entschlossenheit für das Gute, im überlegendeu Gemüth, 
überhaupt in jedem Augenblick und auch im einzelnen Falle 
möglich. Fafst man den Entschlufs, eine Ausnahme von der 
Idee des Guten zu machen, so ist dieser selbst ein Böser. Aber 
es entsteht nicht ein wie für sich bestehendes Böse. Gewöhn* 
beit zu den bösen Ausnahmen entsteht und wird dem Entschlufs 
für die gute Idee hinderlich. Aber immer ist diese, als reiner Trieb 
oder vielmehr Grund zum guten Entschlufs innerlich fortdauernd. 
Das Sinnliche gewinnt das Wollen nicht immer für sich. Es 
entsteht nie ein überhaupthin gewollter Gegensatz des Sinnli- 
chen gegen das Gute, oder gegen deu Inhalt des Vernünftge- 
setzes und so mufs man sagen: wo das Gute lebendig genug 
gedacht wird, da entsteht das Wollen dafür; das Bose aber 
entsteht alsdann nicht, es bedarf nicht erst des Wegräumens. 
( Malus kaud admittititr hospes). Es wird als das ohne Ver- 
letzung der guten Gesinnung und des geistigen idealischen Vor- 
satzes nicht ausführbare nicht gewollt. Und nur' wenn es als 
solches gewollt wäre, würde es böse seyn* So lange das Sinn- 
liche nur erst zur innern Beratschlagung gedacht und ab Ge- 
genstand des Begehrens betrachtet wird, ist es noch nicht böse, 
sondern nur etwas, das böse werden könnte. 

Nach all diesem wird klar, was für das Praktische äusserst 
wichtig ist; es wird klar: warum man nicht immer vom Bösen 
anfangen und erst dem Bösen das Gute entgegen setzen sollte. 
Beginnet doch, Ihr Freunde des *Besserwerdens, von allen denk- 
baren Betrachtungen des Guten, viel lieber, als von dem ewi- 
gen Theoretisiren über den Ursprung und all den gräulichen 
Begriff des Böscsevns. Beginnet einmal gleich eifrig vom Guten, 
vom Wollen des Guten, von der unglaublich grossen Macht eines 
ernsten, wahren Wollens, für das Höchste, was der Mensch 
denkt und empfindet. Wie viel anders wird Lehre und Erzie- 
hung sich gestalten ! Unaufhörlich beschreibt man den soge- 
nannten Feind, die Macht des Bösen, welches doch nicht zu 
machen, nur von dem Wollenden abhängt. Erschöpft hat man sich 
in christlichen und nichtchristlichen Religionstheoricn, um Entste- 
hungsarten des Sittlichbösen auszudenken, die, wenn sie so wä- 
ren, nur die trostlose Jammerklage, dafs wir an diesem Ent- 
standenseyn nichts mehr ändern könnten, • hervorbringen müfsten; 
ein Lamento, das man nie lieben sollte, um der dadurch 
möglichen Entschuldigung willen, dafs man, nun einmal »böse 



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Mysticismus u. phil» Moral n, Treum. Wellentretter. 285 

von Natur« , der Gnade Gottes Sich ergeben wolle, aber auch 
diese nicht herbeinötigen könne, erwarten, an sich kommen las- 
sen, nur nicht gerade zuruckstossen müsse u. dgl, Erschöpft hat 
man sich darin , die Wollenskraft des Menschen wie einen nun 
einmal durch ein einziges Sündigen getödteten Leichnam, we- 
nigstens wie tödtltchkrank und desorganisirt zu schildern. So- 
gar das Böse sollte, weil das Gute allerdings absolut ist, etwas 
absolutes seyn, ungeachtet das Böse unl seiner Bösartigkeit wil- 
len zu wollen eine Undenkbarkeit, ist, ja selbst vom Lucifer nicht 
gemuthmafst wurde, da& er, um böse zu seyn, von Gott 
abgefallen scy, sondern um der Lust willen, als der Höhere 
zu gelten. Bei jeder menschlichbösen Handlung ist ohnebin 
nicht der Entschlufs: ich will um des Bösen willen böses thun, 
sondern der Gedanke: ich will von dem Guten, weil es mich 
in einem Bedurfnifs, Lust oder Behaglichkeit hindert, eine Aus- 
nahme machen, iirt Gemüth obwaltetnd. 

Hat nun doch alles jenes Beschreiben des Feindes, und da* 
Uebertriebene und Verkehrte darin am gewissesten, indefs offen- 
bar wenig genug geholfen, wie vielmehr sollte man einmal ver- 
suchen, eben so lang, eben so angelegentlich das Gute und die 
Kraft zum Guten durch achte Beschreibungen und Aufforderun- 
gen an den Willen zu erregen, wenn gleich dadurch viele so 
beliebte, träge Entschuldigungen wegfallen und schimpflich wer- 
den müssen. INI an versuche es nur, welche Wunderkraft das 
gute Wollen ist, wenn man ihm viel Vertrauen beweist, um 
viel von ihm zu fordern. Gäbe man doch das des Christen- 
gottes unwürdige MisverstSndnifs endlich auf, wie wenü er, 
gleich den Heidengöttern , an welche die so lehrende Kirchen- 
vater noch zu sehr gewohnt waren, eifersüchtig darüber seyn 
könnte, sobald der Mensch nicht alles, alles Gute unmittelbar 
von Ihm erharren wolle. Wo gutes zu erregen ist, zunächst 
auch in unserm Wollen, da ist es gewifs mit dem besten Wil- 
len des Vollkommenguten. Erreget es nur. Erreget es als das 
Höchste, Beste in unserm Selbst oder Ichwesen. Und hätten 
wir auch gar keine Theorie darüber, wie das Gute mittelbar 
von Gott sey und wie nur dort Böses ist, wo wir nicht das 
Gute setzen, sondern erst dem Guteu mit ßewufstseyn Ausnah- 
men entgegenstellen; was ist dann doch ohne Alles unser The- 
oretisiren gewisser, als dafs die Gottheit das Ihrige unfehlbar 
thue, wenn nur wir das Unsrige thun wollen und um dieses 
Zweckes willen nicht zweifeln, mehr als die Trägheit glau- 
ben mag, in unserm Selbst das Gute aufregen und fördern zu 
dürfen. 

Der Vf. selbst ist auf diesem Wege, indem er der Vernunft 
S. loa* — io4. eine sehr energische Lobrede oder Anerkennung 

i 

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2&6 Mysticismus u. pliil. Moral n. Treütn, WeHenlröttef* 



widmet. Nur eifert er dagegen , wenn man das Gesetz der Ver- 
nunft nicht als ein Gesetz der Gottheit sondern als ein eigenes* 
achte und in der Vernunft nicht immer die Gabe Gottes sehe 
und denke, in ihrer Gesetzgebung aber die Gesetzgebung Got- 
tes erkenne. Aber wie? Warum auch hier Entgegensetzungen* 
wo vielmehr alles leicht vereinbar ist. Woher die Mcrischen- 
vernunft scy, ist eine metaphysische Frage» Für das Praktische 
ist es genug, dafs sie ist, uud dafs ihr Ausspruch: Wolle, 
handle nach der Idee des Vollkomnfeugtiten, auch mit dem, was die 
Gottheit, wenn wir sie unmittelbar hören könnten, uns sogen 
würde, unfehlbar eines ist. Wahr ist dieser Ausspruch und 
mit der Göttlichkeit in Gott Und allen guten Geistern harmo- 
nisch, ohne dafs wir über das, was ist und und. wird (über 
die Physik) hinaus speculieren und alles schlechterdings davon 
abhangig macheu, dafs Gott es so »gegeben« habe. Was ist, 
das wäre nicht, wenn die heilige Albnacht es nicht . wollte* 
Wird denn aber das Vernunftgesetz ein anderes, wenn wir es 
als ein mit Gott harmonisches anerkennen, die Frage aber, ob 
die eigentlichen Geisteskräfte Denken und Wollen, diese Sub- 
stanz der Geisteswesen, etwas gegebeues, oder etwas geistig 
seyendes und sclbststündiges und sclbstwirkcndcs seyen, Mos 
hinüber in die Metaphysik verweisen. 

Viel aber ist dem Verf. daran gelegen, weil er sonst eine 
philosophische Moral »ohne Gott«, ohne Vertrauen auf Gott, sehen 
ZU müssen befürchtet. Doch auch diese (gutmeinende) Aengst- 
iiehkeit ist überflüssig, wie die Furcht vor einem schlechter- 
dings in uns Menschen »liegenden« Bösen. Am »Gottesglauben,« 
so fürchtet und klagt der Verf. fehle es der philosophischen 
Moral. Schade nur, dafs man durch das Viele, was vom Got- 
tesglauben hier gesagt ist, zuerst nicht einmal klar verstehen lernen 
kann, wdrin denn der Gottesglaube des Vcrfs, bestehen und 
sich zeigen müsse. Er sey nach S. 12 4* »der Zustand der an- 
Gott* Gebundenheit, der uns durchdringen müsse.« Kein doch. 
Gebunden-* an Gott sind wir gewifs, wir mögen wollen oder 
nicht. Auch die Teufel müsscn's glauben uud zittern. Aber 
gerade darin besteht das wahre, das selbstgewollte Gute, dafs 
es willig und freij aus Ächtung und Liebe der Grundidee des 
Guten, nicht in dem Muß des Gebunden scy us an die All- 4 
nacht, sondern im Wollen der Gottergebenheit, in der Gewifs* 
heit lebt: Wer das Gute will, ist mit dem Wollen Gottes und 
aller Guten in Eintracht? er darf von ihnen alles beste zum 
voraus erwarten ; er kann neben seiuer innern Zufriedenheit und 
eigentlichen Seligkeit (dem wahren Scclenwohlsevn) auch über 
den Zusammenhang aller Kräfte, Ursachen und Wirkungen, d. i. 
übe* den Naturlauf Zufriedenheit in sich begründen, weil darin 



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Mysticismiis n. phil. Moral n. Treiim. Wellentrettcr. 287 

von Gott und allem einwirkenden guten Geisteswesen nicht das 
Bose^ sondern allein Gutes, aber ireigewolltes, nicht auigenö- 
thigtes oder erkünsteltes gutes, gewollt seyn kann. So entsteht 
dem sich selbst verstehenden vernünftigen Selbst auch Gottes- 
vertranen oder G lauten über das ganze Weltall Gottes. Bei 
dem Verf dagegen findet Ree. was er bedauert, auch den Be- 
griff, Glauben, nur halb gedacht» Allzu leicht gewöhnt man 
sich, nur Worte zu wiederholen. Wie aber? Eineu Dogmcn- 
glaubcnjcann doch der Vf. unter dem der Moral nöthigen Gottes- 
glaubcn nicht verstehen? Im Gläuben ist das Wesentlichste (las 
Vertrauen auf,, und die Treue für das, wovon man, als von 
etwas Wahrem, überzeugt ist. Und nun? Wo wäre dann eine 
Vcriiunftraoral, welche nicht das zuversichtlichste Vertrauen er- 
weckte, dafs> wer nach der Vernunftidcc * alles dem hüchsteu 
Zweck, dem Vollkommenguten Unterzuordnen, folge, eben da* 
durch unfehlbar mit dem* was Gott und alle gute Geister als 
Willenspriucip wollen, iibe^jnstiramc. Wo wäre eine Ver- 
nunftmoral, welche nicht das vollcste Gottesvertraucn erwecken 
müfste^ dafs nämlich, weil der Vernünftigwollende iu der Idee 
mit Gott und allen Guten in Eintracht ist, auch sein Handeln 
in dieser Gottcswelt seinen rechten Platz finde uud von dem 
höchsten der Geister und allen andern ebenso, wie von ihm, 
gewollt werde. Und wo überhaupt ist eine ihres Namens wür- 
dige Vernunftlehre, welche nicht ganz eigentlich Gott offen- 
bahrte? Denn dafs wir die Idee voMkommengut denken , ist 
das Wesentliche und Eigentümliche des Ichmenschen j insofern 
er Vernunft ist. Und was wäre alles Reden von Gott, wa* 
könnte der Schall Gott wirken, wenn nicht jeder Mensch al* 
Vernunft (ohne, oder mit dem W orte ) die Idee vollkomnien^iit zu 
denken fähig wäre* Ein heiliges Wollen ist nur denkbar, wo 
seine Idee gedacht ist. Und wer nur Macht y und nicht heili- 
ges Wollen über der Macht gedacht halte, dachte nur Heiden- 
götter, das ist, Phantasiewesen von übergrossen Naturkräften, 
welche aber sehr weit von dem Vollkommenguten der Willens- 
kräfte entfernt schienen. Oer Christengott kann nur durch Ver- 
nunft, nur als die ausnahmlose Wirklichkeit der Idee : Vollkom- 
roengut,* gedacht werden. Er wird nur gedacht, wenn man ihn 
denkt, wie ihn die vernünftige Moral denken lehrt, weil Ihr 
Ideal: Vollkommengutcs Wollen, eben dasjenige ist, zu dessen 
Verwirklichung sie den Menschen auffordert, während sie os iu 
der Gottheit als ewig verwirklicht aubetot. 

Nichts ist härter, aber auch nichts ist unwahrer, als W*eun 
▼on Philosophierenden jetzt unter der Menge der Nicht- und 
Halbwisser , das ist: gegen die Vernunft - und Willens- 
kraft durch folgerichtiges Nachdenken abgeleitete Moral oder 



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288 Mysticismus u. phil. Moral n. Treum. Welleotretter. 



Pflichtenlehre, die Meinung verbreitet wird, ah ob sie ohne 
Gott sey. So entleidet man den Denkenderen, Gott und das 
Gute dort zu suchen, wo jeder Mensch es ahnet, sie aber es 
hell sehen und denken können. Sogar aus Stolz, soll die Denk- 
Weisheit (Philosophie) ohne Gott seyn wollciu Aus Stolz? O 
dafs man doch nicht zur Demuth rechnete, das nicht zu seyn, 
was man wirklich seyn kann und seyn soll. Man soll vielmehr 
ganz, wie es -wahr ist, wissen, was der Mensch durch Vernunft- 
und Willenskräfte seyn und leisten, glauben und wissen kann, . 
damit man es dann auch alles in, möglichst bestem Grade, d. h. ~ ; 
immer mit Richtung auf die Vernunftidee- des Vollkommengu- 
ten, unabweislich an sich selbst fordere und dadurch des Got- 
tes würdig werde, in dessen Welt wir, als Geister, leben uud 
nur im Geiste, nicht im Niedrigdenken von unserm Geiste, ihn 
wahrhaft verehren. Wer dem Menschen seinen Glauben an die 
von ihm zu fordernde Perfectibilität verkümmert, der thut den» 
wahren Gott, der gewifs das %inige thut ȟber alles Bitten 
und Verstehen«, gewifs einen schlechten Dienst. Jenes zu allem 
Guten so nothige, aber Thätigkeit fodernde Glaubensvertrauen 
zu sich selbst, wird ohnehin von so Vielen allzugeme der ei- 
genen Trägheit (weil Sinnlich-handeln leichter ist, als Denkend- 
wollen) und der dadurch nach Herrschaft strebenden Auetori- 
tat und Infallibilität Anderer, die gar zu gerne im Namen Got- 
tes ohne und gegen die Vernunft sprechen, hingeopfert. 

Blicken wir auf das bis hieher erörterte zurück, so ist 
hauptsächlich zu bemerken, dafs alle dieses Halbwahre, dieses 
Halbdenken, was wir der Berichtigung nöthig fanden und wenn 
es nur der Raum gestattete, auch durch die andern Aufsätze genau 
nachweisen möchten, aus der mystischen Methode des Vfs., derglei- 
chen wichtige Gegenstände nur von Einer Seite anzusehen "und 
ihnen alsdann geradezu die übrigen abzusprechen, entsteht Fast 
unverzeihlich ist es, aus solcher Einseitigkeit doch lauthiu zu 
behaupten : wer wirklich die Vernunft hört und aus der Ver- 
nunft philosophiert, sey ohne Gott, und ohne Gott es vertrauen, 
in seiner Moral. Gott« ist vielmehr ein leerer Name, wenn 
er nicht die wesentliche Wirklichkeit der Vernunftidee ist, wei- 
che wir in die Worte vollkommen -gut fassen und welche der 
zur Besonnenheit kommende Mensch in sich geistig anschaut, 
auch wenn er sie nicht in Worte zu fassen weifs. Und selbst 
wenn eine Gestalt sichtbar -und offenbar würde , die Gott ge- 
nannt würde, wäre, was Gott uns sey, noch bei weitem nicht 
gedacht. 

(Die Fort sttzung folgt,} 



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19." ii ; j iL 1822* 

n e idel b erger ^>«~*,+ 

Jahrbücher der Literatur. 



Mfsticismus und Philosoph. Moral nach Treumund Wellentretter» 
" {Fortsetzung.) 

Ebenso ist ja unläugbar, dafs die Vernunftmoral, wie Philo« 
sophen von sebr verschiedenen theoret. Systemen, sie in Wort« 
fafsten, uud richtig verstanden auch Spinoza sie dachte, vor- 
nehmlich das reine Vertrauefi auf die Gottheit erweckt, dafs, wer 
nach seiner Idee von ihr wolle und handle, auch gewifs das wirk- 
lichseyende Ideal seiner Idee für sich habe, und dafs ein sol- 
cher in einer Welt Gottes oder göttlichen Wcltordnung lebe 
und zu leben wisse, wo die heilige Allmacht der höchste Freund 
seines Vernunftwollcns ist; ungeachtet dieses Gottglauben für 
ihu nicht ein eigennütziger Antrieb, die Vernunftidee zu befol- 
gen werden darf, weil vielmehr nur das reine, uneigennützig 
Wollen nach und um der Idee der Vollkommenheit selbst wil- 
len ein achtes, dem Allwissenden gefälliges Vernunftwollen ist. 
Wer diese in der Philosophie besonders seit Kant so genau 
verdeutlichte Ausichten, in welchem Sinn der Rechtschaffene auf 
Gott vertraue, denkend und wollend festgefafst hat, den wird 
gewifs nichts mehr betrüben , als dafs er bei all den vielerlei 
Umschreibungen , welche der gegen Vernunftmoral auch hierin 
ungerechte Verf. von dem Gottesvertrauen und Glauben zu ge- 
ben versucht, immer nur Einseitigkeiten, halbe Gedanken ge- 
fafst findet. Niemand wird nach dieser schwebenden und däm- 
mernden Methode das genau nöthige lernen, wie und worauf 
man denn glaube und vertraue, wenn man nach jener immer wie- 
derkehrenden Anforderung, Glauben und Gottesvertrauen mit der 
Vernunft-Moralität verbindet. Und liefst man gar S. 89. dafs bei 
dem denkendsten der Apostel <Jer Glaube sevu solle »eine ge- 
wisse Zuversicht (aber) ohne äussere Begründung und Verbiir** 
gwtg » gleichsam ohne Brief und Siegel — ein Fürwahrhalten 
eines Andern, weil in uns Wahrheit ist;« so möchte man ja> 
wohl ganz an solcher Art von Bibellesern und Denkern ver- 
zweifeln; Die Pistis, die Glaubeusgewifsheit, nennt Paulus viel- 
mehr einen Zustand, wo man sich das, was man hofft, wesent- 
lich darstellt (hvpostasiert, als wirklich vergegenwärtigt), also 
echt unter die Augen, stellt, und »war durchaus nicht «bne 

1» 



290 Mysticismus u. phil. Moraä n.Treum. Wellentretter. 

■ 

Grund. Denn ist nicht Elenchos (das Wort, welches Paulus 
mit verbindet) eine Beweisführung, Argumentatio, Das, was 
wir nicht sehen, (wie: Gott, Unsterblichkeit u. dgl.) glaubt der 
Paulinisch glaubende durch Beweisführung, so gewifs wie wenn es 
vor ihm stünde, ihm hvpostasiert wäre. Und so will und han- 
delt er danach. Dies ist Menschen- und Christenglaube, da*s mit 
Andacht erfalste Gründe und Schlüsse ihm das Nichtsichtbare 
als wirklich so gewiis machen, wie wenn es gesehen werden 
konnte; weswegen er dann darauf als auf Wirklichkeit vertraut. 
Und eben dalier ist zwischen Wissen und Glauben der Unter- 
schied, dafs wir wissen aus Vertrauen auf die Wahrheit, die 
in uns ist, Glauben aber gerade nicht um der Wahrheit willen, 
die in uns ist, statt findet, vielmehr ein auf Elenchos, auf Be- 
weisführung von der Wahrhaftigkeil des Andern gegründetes 
Vertrauen seyn mufs auf das, was in dem Andern ist. Wir 
wissen, ob wir vcrnunftgemäfs denken und wollen, aber wir 
glauben oder vertrauen auf den Charakter eines ächten Gottes, 
dafs er den vernunftgemäi's wollenden mit seiner ganzen heili- 
gen Allmacht, doch unserer Uneigetinützigkeit unbeschadet, wohl 
will und in seiner Gotteswelt seiu Wohlwollen ewig für uns 
das Nötlüge bereit hat. 

Aus Veranlassung der einen Anführung aus dem Hebräer- 
brief mius Ree. überhaupt bemerken, dais auch sonst nicht sei-« 
ten Bibelworte vom Vf. eingeflochten sind, in ganz anderm Sinn, als 
dem, welchen sie in dem biblischen Gedankenzusammenhang 
bnben. Der gewohnte Schall der als heilig bekannten V*, orte 
mit dem, was die Bibel durch sie nicht sagt, verbunden uud 
vermischt, giebt nicht nur unrichtige Begriffe, sondern wirft 
auch bei den Halbkundigen einen Schatten auf die Bibel zu- 
rück, wie wenn diese für das Unrichtige Zeuge oder Gewähr- 
schaft wäre. Man sehe S. i44* e * ne i° ihrem Zweek gute, 
aber doch in der Bibelstelle nur hineingetragene Deutung. Auch 
diese Methode, durch Bibelworte etwas irriges, das die Bibel 
nicht sagt, sich selbst und- Andern glaublicher zu machen, muls 
unstreitig gerügt und abgehalten werden. 

Dagegen giebt sich S. 171 — 73. viele Mühe, zu erklä- 
ren, dafs der Logos des Johanneischen Evangeliums nicht der 
Platonische sey. Diese Mühe hätte gespart werden können. 
Dais Plato nicht von einem für* sich bestehenden Logos in oder 
ausser der Gottheit rede, ist anerkannt und nur die Phantasie 
der Piatonizierenden Alexandriner oder der Pseudoplatoniker 
hat das platonische Welüdeal Gottes in einen besonderen Lo- 
gos - Geist übergetragen, s. Tennemann über Plato vom göttli- 
chen Verstand, im HI. Stück von Paulus Exegetischem Conser- 



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Mysticismus u. pliil. Moral n. Treuna. Welleatretter. 291 

vatorium (1822.) eine schon seit 1794« durch das I. St. der 
Meuiorabilien bekannte Abb. 

Aus andern Aufsätzen des Verfs. nur eine Nachlese, wie 
auch dort Hauptbegriife nur halb gedacht erscheinen. VII. fra<*t: 
Was ist Sünde? S. i3a. »die Sünde ist das der Welt Ange- 
hören und das AbgefidUnseyn von Gott.« Warum denn aber 
so unbestimmte Worte. Der Welt, der Erscheinungswelt aller 
Naturkräftc, an denen wir unser Wollen zur äussern Erschei- 
nung machen, müssen wir, wenn wir handeln, angehören. Kommt 
gleich dieser leicht mis verständliche Ausdruck bei Johannes und 
Paulus vor, so ist er doch allzu unbestimmt für unsre Sprache. 
Man sollte ihn im alten pietistischen Volksdialekt veraltet seyn 
und. bleiben lassen. Die Weh ist das Böse nicht, eben so we- 
nig als das Sinnliche sündlich ist. Nur wenn wir im Wollen, 
nicht dem Guten angehören, dann sind wir schuld, dais auch 
die Natur (das Geschaffene, die Welt, y •xriai.) ist im Dienst 
des Eitcln. Röm. 8, 20. Machen nur wir, dais wir angehöre« 
«lern ernsten festen Wollen des Guten, und machen .wir alsdann, 
dafs nicht so sehr wir der Welt, aber die Welt uns, als Gut- 
wollcnden, angehören, so ist alles gut Und die Welt mit uns 
der Gottheit augehörig. Aber — Abfall von Gott sey die Sünde 
(S. i35.). Warum denn übertreiben? Ists nicht schlimm genug, 

• dafs jedes Sündigen einzeln ist ein Ausnahme - machen von dem 
Gesetz des Guten und der Gottheit? Welcher Mensch wäre 
sich bewufst, dafs er dieses Gesetz, diese Idee der Vernunft 
und des Gottglaubeos, in sich ganz und für immer verworfen 
habe? Nur ein solcher wäre Rebell, Abgefallener, der sich 
überhaupthin zum Sündigen und Bösehandeln entschlossen hätte, 

• wie wir wohl überhaupt hiu und mit dem Vorsatz, keine Aus- 
nahme zu machen, uns zum Gutefr, als der idealsten Realität, 
entschliessen können. Wer gute Gesetze, sey es eines Menscheu- 

. Staates, oder eines Gottesreichs unter Menschen, so lange er bei 
gesundem Nachdenken ist, nicht anders als hochachten kann, nur 

• aber, wo sie ihm im einzelnen allzu unbequem sind, sie umgeht, 
ist denn dieser ein Rebell? Ein Sünder, eiu Mishandeluder 
ist er. Aber bedächte mau doch, wie schädlich dergl. fromm- 
scheinende Uebertreibungen werden können. Setzen wir so 
viele, die in dem laufenden Quinqueunium' oder etwa Deeen- 
nium, der mystische Ton, auch des Verfs. anspricht. Glauben 
ihm diese und fragen sie sich nun gewissenhaft: Sind wir uns 
eines Abfalls von Gott bewufst, eines Enlscidusses, in der Re- 
gel wider Gott wie Rebellen zu handeln? Sie können sich ge- 
wifs sagen: das sind, das wollen wir nicht. Sind solche dann 
fähig, consequent zu denken, so werden sie zuversichtlich sa- 
gen: Sünder also sind wir nicht. Denn nicht dar Vorsatz, 

* 



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292 Mysticismusu.phil. Moral n. Treum. Wellentretter. 



Gottes Gesetz nach Umständen zu umgeben, sondern nur der AhfoJl, 
die Abtrunnieke.it bat Hrn. Wellentretters Methode uns als Sünde 
gezeigt. Dais Ree. hier nicht zu viel von Uebertreibung mle, 
zeige nur der Sehlufs des Aufsatzes, welcher bestimmt ist, was 
Sünde sey, für das Practische aufzuhellen. »Fragen wir nun 
»noch, was" die Sünde sey 0 Sie ist unser eigenstes Leben , wie 
»es gewöhnlich ist, hingegeben dem Eiteln, dem Thörigten, ab- 
"»gefallen von Gott und selbst dem Scheine nach Gott geweiht, 
»doch nur das Eigene, Selbstische, begehrend.« Arme Mensch- 
heit! Ist es denn nicht schlimm genug, dals du gewöhnlich in 
der Gesinnung, Ausnahmegesetze vom anerkannten Guten für 
deine Begehrnngen zu machen, lebst. Sollst du gar dir ein- 
bilden lassen, du liebest das Thörigte um der Thorheit, das 
Böse um der Bösartigkeit willen? Wer die Krankheit anders 
beschreibt > als sie ist*, hindert die Heilung. 

S« i3?. fragt: »Warum soll denn die Vernunft herrschen? 
und antwortet: Weil sie Gottes Heesen ist und weil Gott das 
heilige, das gute, das vollkommene Wc|en ist.« Abermals das 
Wahre nur von der halben Seite her betrachtet. Die Vernunft, 
als Kraft unsers ' Selbst ( eine andere erkennen wir erst durch 
diese!) ist keineswegs Gottes Wesen, aber sie denkt, oder 
vielmehr wir, als Vernunft, vermögen zu denken Vollkommen- 
heit aller Art, und dadurch denken wir, was die Gottheit we- 
sentlich seyn müsse, indem Gott und gut uns Synonyma sind. 
« — Hierauf S. i38. viel von Gottesliebe. »Dünke sich nietni d 
»weise zu seyn, der nicht Gott liebt. Daran halte jeder fest, 
»dafs alle Weisheit, die etwas anderes thut, als nach Gott Jra- 
»gen, Sünde ist.« Wie sündig wäre da, wenn je' die Juris- 
prudenz, die Arznei Wissenschaft etc. ab nach Gott fragend ge- 
zeigt und gerettet werden könnten, wenigstens cüe edle, nie 
genug zu preisende Mathematik! Und was ists, wenn jetzt auf 
pathologische und empfindsame Weise von Gottesliebe so viel 
gesprochen wird. Man vermeidet durch solche krankhafte Sen- 
timentalität die ernste Hauptsache. Gott ist ein väterliches, aber 
heiliges Wollen, Gott ist das Ideal der Pflicht. Nur die Wil- 
ligkeit in dem Uebereinstimmcn mit der Pflicht, als Idee von 
Vollkommenheit oder von Mitteln zur Vervollkommnung . ist in 
dem Gemüth, welches gerne weus, was es seyn soll und Worte 
iu Wirklichkeit zu versetzen trachtet, die gegen Gott mögliche 
Liebe. — Aber empfindsames Hinschmelzen in einer Zärtlich- 
keit , für die man sich ein üb iect einbildet, ist freilich leichter, 
als die thätige Entschlossenheit, heilig zu seyn, weil Gott hei- 
lig ist und diesem Ernst mit froher Willigkeit sich immer aufs 
neue zu weihen. — S. i.\2. will: »Gott fordere die Auf- 
opferung der Sclbstigkeit, ja der Selbstliebe, wiefern diese sich 



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■ * 

Mysticismusu.phü. Moral n.Trcum. Weilentretter. 393 

• 

der Gotteslicbe nicht unterordnet.« Solches nennt dann aber 
keine philosophische Morallehre je Selbstliebe, sondern Selbst- 
sucht. Die Selbstliebe liebt in dem Selbst auch die Vernunft, 
und zwar diese als das höchste und beste in unserro Selbst. Ja r 
Selbstliebe als Pflicht ist nur, wenn das Selbst hauptsächlich als 
Vernunft gedacht ist und thätig selbstdenkt. 

Begierig sind wohl noch unsre Leser, was des Verfassers 
Hauptgedanken über Mystik und Mysticismus seyn möchten. In 
diesem Aufsatz, dem VIII., mufs denn doch die Rechtfertigung 
seiner Denk- und Lehrmethode sich aufklären. Dem Verstand 
tritt der Verf. selbst S. i48. bei, wenn er »kranke Menschen, 
»wahrhaft kranke, beurtheiit, die sich durch falsche Gefühle und 
»Phantasien in religiöser Beziehung nähren oder vielmehr ver- 
»zeliri'n. Beispiele dieser Art habe noch neuerlich Kanne in 
»seinem : Leben und aus dem Leben merkwürdiger bekehrter Chri- 
sten, wiewohl in ganz anderer Abgeht, aufgestellt. Gegen 
»solche Fälle möge immer der klare, kalte Verstand zu Felde 
»ziehem« Dagegen — - »habe der wahre Geist der Christus- 
lehre etwas Mystisches oder (so steigt sogleich des Vfs. »rechte 
Richtung!«) sie sey vielmehr reine Mystik..*. 

Wer kann hier Ja, oder Nein sagen, wenn er nicht zugleich 
hören kann, was denn dem Verf. Mystik, was falscher Gefühle 
Mystik (oder Mysticismus), was reine Mystik sey. Hätte er uns 
doch einweihen mögen, wenigstens in den Wortsinn, welcher 
schon, ausser den Hallen der Geheimnisse, mit Verstand gedacht 
seyn mufs, damit man nicht als nichtverständig eintrete oder in 
die falschen Gefühle gerathe, und etwa auch einen Beitrag zum 
Leben solcher merkwürdig bekehrter Christen liefere. Umsonst, 
Der Verf. der den Verstand, falsche von reiner Mystik zu un- 
terscheiden, auffordert, g»cbt uns darüber selbst gar nichts, das 
einem Verstandesbegriff ( ohne welchen doch wahr und falsch * 
zu unterscheiden selbst den Geweihtesten nicht möglich ist) 
ähnlich wäre. Denn sogleich nach den angegebenen Worten, 
dafs der wahre Geist der Chrtstuslehre reine Mystik sey, wird 
fortgefahren: »er (dieser Geist) ist etwas vollkommen dunkles 
*und verborgenes für die Klarheit und Offenheit der Ansichten 
»und Gesinnungen der Welt und ihres Thuns und Treibens. 
»Vater ! die H^elt keimt dich nicht, sagt mit höchster Wahrheit 
»der ewige Sohn des ewigen Vaters.« Und diese Mystik wolle 
nun der Verf. ve^theidigen. 

Was könnte mystischer seyn als die Beschreibung des My- 
stischen, welches der Verf. vertheidigen zu wollen ausspricht; 
und welch eine sonderbare Stellung des Verth ei digers. Wer 
ihm nicht recht giebt, der gehört zum voraus zu der Welt, 
'welche den ewigen Vater des ewigen Sohnes nicht kennt, wel- 



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My sticismus u. phil. Moral n. Treum. Wellentrettcr. 

chen also der wahre Geist der Christusreligion etwas vollkom- 
men Dunkles und Verborgenes seyn mufs. Wer mag nun des 
Verfs. Vertheidigung erst noch prüfen^ auf die Gefahr hin, dafs 
er dann, wenn sie ihm zu dunkel, oder vielmehr zu unbestimmt 
und zu klaren Begriffen und zu der hie von abhangigen deutlichen 
Beschreibung nicht erhoben erscheint, zu der IVelt gehören 
müfste, welcher nun einmal die reine Mystik des Verfs. voll- 
kommen dunkel seyn müsse. So, sagte schon Göthe, so schie- 
ben sie einem die Sache endlich fwenn's mit dem Verstände 
nicht gehen will ) ins Gewissen; und jeder soll zum Voraus, 
wie »die Welt« verurtheilt zu seyn , eine Scheu haben. So zwingt 
der »im Schweisse seines Angesichts betende« Wundermann, dafs 
jnan wenigstens um etwas besser zu hören , zu sehen glaube. Denn 
wer nicht hörte, nicht zu hören gestände, der müfste ja ein Un- 
gläubiger«, eiuer von der Welt seyn. 

Keceus. der vor keinem Dunkel um der Dunkelheit willen 
Ehrfurcht fühlt, zur Welt aber zu gehören nicht vermeiden 
kann, wern er gleich zur pharisäischen oder sadducäischen , zur 
Lerodischen oder Pilatus - Welt, von denen Jesus zu deuten 
wäre, nicht zu gehören ganz gewifs ist, bat es auf eigene Ge- 
fahr gewagt, in dem ganzen Aufsatz: Was denn Mystik sey? 
zu suchen und — dem Verstände sey es geklagt — nicht 
gefunden. Und wie hätte er denn die Unterscheidungszeichen 
wahrer und falscher Mystik finden können? »Das Geschrey 
über Mysticismus ist wieder einmal sehr stark.« So beginnt der 
Aufsatz Aber gerade deswegen mufs es ein Geschrei bleiben, 
wenn die, ^welche darüber belehren wollen und sollen, nur mit 
mystischen Zungen reden. 

Auch der Verf. beginnt mit der gewöhnlichen Verstandes- 
demüthigung, dafs (S. i4o - -) dem menschlichen Verstand von 
•gar vielein die Ursachen der Ursachen, liberal das An -sich der 
Dinge, auch am Ende das Begreifen des Begriffes selbst theils 
unbekannt, theils unbegreiflich seyen. Was folgt hieraus? Ge- 
wöhnlich wird , weil so vieles ohnehin unbegreifliches sey, ge- 
folgert, dafs man sich also von Weisen und Unw, eisen, von Prie- 
stern und geweyhten Layen, noch ein gut Theil mehr unbe- 
greifliches gcdultig mit in die dunkle mystische Kiste schieben 
lassen, und sich der auf gerathewohl vermehrten Fülle von Un- 
begreiflichkeiten dunkbar erfreuen, ja sie recht klar und rein 
nennen solle. Mufs man aber nicht das Gcgeutheil folgern. Jene 
Aufgaben sind durch das unlaugbar Wirkliche da. Nur wie und 
wodurch sie da sind, wird geforscht, und man kann bestimmt 
zeigeu, in wiefern dieses H^ie und Wodurch nicht in Begrifft 
von uns gefalst werden könne. Aber sollen wir uns bereden 
lassen, üais etwas, das nicht als wirklich da ist, oder durch 




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Mysticismus u. phiL Moral n. Trcum. Wellentretter. 2q5 

Schlüsse als solches erwiesen wird, doch unläugbar wirklich 
sev, nur damit wir des Unbegreiflichen mehr haben, und weil 
schon so vieles nicht begriffen ist? So würde freilich jedes Dun« 
kel für sich selbst ein Beweis, noch dunkler zu werden und 
* zum noch dunkleren zu führen. 

Wer in dergleichen rathselhafte Aufijaben, welche durch 
die Erfahrung und durch Schlufsfolgcn nicht aufgegeben sind, 
nicht so leichthinein gerathen will, mufs sich allerdings an strenges 
Unterscheiden und Durchdenken der Begriffe lieber, als an das 
Dunkel dcr.Unbegriffe, gewöhnen. Ree. begreift zum Beispiel 
recht klar, dafs »wer eine Uzte höchste Ursache angenommen 
hat«, doch nicht, mit dem Verf. S. i5i, weiter sagen kann: 
Wir sind doch genöthigtj nach einer Ursache dieser Ursache 
zu fragen. Eine angenommene lezte Ursache, zu welcher man 
doch noch nach einer letzten Ursache fragen müfste, wäre ciu 
Un begriff. Eine eigentlich lezte, od. vielmehr crste,äusserstc Ursache 
ist nichts unbegreifliches. Sic ist vielmehr nur denkbar, nur 
ein Gegenstand von Begriffen und Schlüssen, weil sie nicht an- 
schaulich, nicht vorstellbar zu machen ist. Eben so begreift, 
wer genau denkt, gewifs bei S. 2o5 wie richtig Fichte sagte: 
bei dem höchsten Grunde darf (kann bcgreiÜicher Weise) nicht 
wieder nach einem Grunde gefragt werden. Der Verf. zwar 
sagt: »Wir fragen doch darnach, die Frage liegt (!) einmal in 
uns.« Wer dieses sagen kann, der sagt selbst, dafs er dem Be- 
griff des letzten, des Höchsten nicht gedacht habe, während er 
ihn (nur dem Wort nach) gedacht zu haben meint. Denn über das 
letzte denkbare, noch ein weiteres letztes, über einen wahren Su- 
perlativ fein höchstes ) hinaus, noch einen 'Superlativ denken wol- 
len, dies beifst doch in der Wirklichkeit: ich hatte noch' nicht 
das letzte, das Allerhöchste gedacht und angenommen. Das letz- 
te, das doch nicht das letzte wäre, müfste ein blosses Wort, 
nicht ein gedachter Begriff seyn. 

Möge nun aber dem Verf. das als letztes gedachte doch noch 
ein Fragen nach einem Letzten über das Letzte hinaus zulassen 
oder gar aufnöthigen, und mögen alle Rälhsel der Welt und 
des Geistes, immer Räthscl und unbegriffen seyn — darum sind 
sie doch noch nicht, wie uns der Verf. S. i53 und mehrmals 
glauben machen will, auch gerade Mystik und nichts als My- 
stik. Nicht das Unbegriffene oder Unbegreifliche macht den 
Charakter der Mystik aus. Hätte der Verf, doch sich und uns 
das hier nöthigste gesagt: was Mystik scy, so hätte ihm der 
Versuch, alles Dunkel Mystik zu nennen, um unter dem Na- 
men Christusreligion, in eigentlichen Mysticismus fast ganz hin- 
einzuleiten, selbst schwerlich gelallen können. Der Begriff My- 
«ik wenigstens sollte nicht selbst im Dunkel gelassen, er sollte, 



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2q6 Mysticismus u. phil. Moral n. Treum. Wellentretter. 

tvo Verteidigung der wahren gegen die falsche Mystik der 
Zweck eines Aufsatzes ist, wenn gleich nicht in logi Italischer 
Form, doch logisch genau gedacht und dargestellt seyn. Doch, 
zu jeder Zeit wufsten die wenigsten Mystiker, in wiefern sie 
es im guten Sinn seyn könnten und im übertriebenen es zu seyn 
pflegten. 

Sehen wir auf die Mystik der Alten. Eingeweyht zu 
werden, war. dabei der erste Theilbegriff. Man wurde einge- 
weyht, um (dies war der zweite Hauptpunkt) mancherlei Be- 
deutsames zu sehen, zuhören, selbst in redenden Gebrauchen es 
mitzumachen. Aber — Ehre den alten Mysterien — sie behaup- 
teten dann drittens nicht, ihr Zwek sey, dafs die Eingew eyhten 
im Dunkel des Bedeutsamen stehen, bleiben sollten. Nein ! Die 
Mysterien waren nur geheim den Nichtgeweyhten , sie sollten 
unbekannt bleiben denen, welche man nicht durch das Vorhal- 
ten des Bedeutsamen zum Klarverstehen seiner Bedeutung, also 
zur einfachen, hellen Einsicht, gereizt und vorbereitet hatte. 
Aufgcreitzt mufste in roheren Zeiten, wo Erfahrungsgeschichte 
und Lebenskenntnisse noch mangelten, der Verstand werden, 
damit er nicht nur lernte, was man in Worten hatte geben^ kön- 
nen, sondern selbst herausfand, entwickelte, überdachte. Alle 
Mystick aber sollte, dies war ihr Ehrenbegriff, durch das sym- 
bolisch bedeutsame zum Selbstdenken reitzep und nicht zu wört- 
lich gegebenen und blos aufgefafsten , sondern zu selbstentwi- 
ckelten, desto klareren Einsichten und Ueberzeugungen leiten. 
Diese sind der Zweck wahrer religiös. Mystik , sie will Einweihung 
seyn zum Denken mit Andacht, und dadurch zu idealischen 
Ueberzeugungen (von Gott, Unsterblichkeit, Willensreinheit) 
die durch Begriffe nud Schlüsse desto überzeugender gemacht 
wurden. Andacht wollte sie, damit Denken daraus würde. 

Eben so ist es, in der Offenbahrungslehrc des N.Tests. Nie 
in keiner einzigen Stelle , ist von einem Mysterion die Rede, das 
Geheiinnifs bleiben sollte. Die Geheimnisse, welche ewig Ge- 
heimnisse bleiben müfsten, hat das N. Testament nie, sondern 
erst das Priest er tum und Bischoff tum so genannt. Mysterion 
nennt die Bibel nur Kenntnisse (wie von Jesus als dem wahren 
Messias 1 Timoth. 3, i6.) welche, weil sie Geschichte und Idee 
znglcich waren, bis dahin nicht bekannt genug seyn konnten, 
eben damals aber nun offenbar, ungeheim; allbekannt werden soll- 
te. * Damals liefs die Mystik anderer Volker, seit die Priester 
die Weyhungen auf Auserlesene eingeschränkt hatten, nicht mehr 
jeden zu. Dagegen sagte das Urchristentum : Weyhet alle zu Schülern, 
welche Vertrauen haben und überzeugungstreu seyn wollen. 
Kein Geschlecht, und bald .auch kein Alter, schlofs von der 
Weyhe der die Gesinnungsreinigung abbildenden Untertauchung 

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r 

> 

Mysticismus vuphil. Moraln. Treum. Wellentretter. 297 

- 

auf jene 3 Benennungen aus, welche das Bedeutsame des Ur- 
christentums waren. Von der wahren, alten Mystik hatte also 
das Urchristentum nur dies, dafs es Eingeweihte durch andäch- 
tiges Denken über wenige symbolische Worte und Handlungen 
zur Klarheit bestimmter Ueberzeugungen leiten wollte. Der 
würdigste Fortschritt aber des Urchristentums über die Mystik 
hinaus) war, dafs es alle weyhte, welche mit Andacht sich dem 
Bekanntwerden der für Heiden und Juden unbekannteren Ideen 
und Begriffe nahern wollten. Nicht aber, damit sie im schau- 
erlichen Dunkel blieben. Das Urchristentum sollte und wollte 
das offenbare Geheimnifs werden. Wir sagen: die Volksrcli- 
* gion, die Universal- die Weltreligion. 

Schon die Mystik hatte nicht das Dunkel zum Ziel, onch weniger 
will dies dasUrcnristentum , der wahre Gegensatz des Mysticismus. 
In der Mystik solle das »Denken mit Andacht«, zu welchem die Wei- 
be auffordert, als Denken über vielerley Symbole und Bedeutsam- 
keiten, Uebung zum reinen, klaren Denken über das praktisch- 
Wichtige werden. (Nur wo Priester und Kabbinen mysticitr- 
ten, wurde im Dunkel gehalten, wer nicht dennoch zum Lich- 
te durchzudringen vermochte.) Das Urchristentum gieng über 
die Mystik hinaus, weil es nur ^Veyhe zum Denken mit An- 
dacht (zu eigentlicher Religiosität) gab und geben wollte, aber 
ohne vieles Aufhalten bei Symbolen und ceremoniöser. Zeichen- 
sprache zu dem an sich wahren, zu seiner für Wollen aus Ue- 
jberzeugung nöthigen Idee, als offene Belehrung, noch mehr aber 
als Geschichte der ersten Ueberzeugten direct hinführte. Nur 
dadurch ist die Christusreligion von dem blossen Denken der 
Gründe, dem von Gemütsbewegung sich frey erhaltenden Phi- 
losophiren, zu unterscheiden, dafs sie als Religion Andacht, wir 
dürfen sagen: ein ahnendes, Denken, verlangt. Ahnen ist ein 
Mutmassen dessen, was dem Denken wahr oder wahrscheinlich 
werden möchte, ein Mutmassen, welches die Voraussicht oder 
das Vorempfinden, was man für das Wollen bedürfe, was man 
also richtig finden möchte, zum Maasstab hat, und diesen vor 
dem Denken der Gründe für das Glauben anwendet. Das We- 
sentliche der so selten recht verstandenen Andächtigkeit (Reli- 
giosität), ist, wenn das Gemüth nicht blos vom Wahren, weil us 
wahr ist, sich zu überzeugen strebt, sondern schon die Vor- 
empfindung, wie heilsam ihm das Wahre für das Wollen seya 
werde, mit dem Denken verbindet, und also bei diesem schon 
zum Voraus ein moralisches Interesse, ein Sehnen, dafs es so 
und nicht anders wahr seyn mochte, und 1 eine erwärmende Vor- 
liebe dafür verbindet, welche jedoch, wenn man irgend ein 
denkbares allzuschnell für praktisch*- unentbehrlich hält, das ru- 
hige, streng unbefangene Denken in etwas stören kann. 



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298 Mysticismus u. pliil. Moral n. Trcnm. Wellentretter, 

r 

Die Christusreligion ist, wenn uns diese bestimmtere Be* 
griffserklarungcn statt des so häufigen unbestimmten Gebrauchs 
der blossen Worte, zum genetischen Unterscheidungszeichen wer- 
den, schon nicht einmal mehr Mvstick im alten guten Sinn des 
Worts j noch viel weniger Mysticismus, Denn unter diesem lezteren 
Namen versteht, wer etwas bestirntes' denken will, das Eingewevht- 
Seyn für das Dunkel des Symbolischen, um im Dunkel zu blei- 
ben, um nie zu bestimmten Begriffen, Ideen, Ueberzeugungen 
gelangen zu wollen, um sich des Helldunkels der meist selbst 
gemachten Unbegreiflichkeiten selbstrü Innen d zu erfreuen und 
darin seine Glaubensstarke zu erkennen, dafs man, wo zweier- 
lei Ansichten, eine begriffene und eine unbegreifliche, auszusin- ' 
nen sind, zur vermeintlichen Verstandesdemüthigang die unbe- 
greifliche für die allein wahre nehme und mit Zurückweisung 
alles Zweifeins sie schlechterdings zu glauben sich einbilde und 
dazu sich selbst nöthige. 

So wenig nun der Verf. selbst diese in Partheynamen ver- 
wandelten Begriffe selbst zu bestimmen für gut gefunden hat, 
so geben doch seine Abhandlungen selbst dafür nur zu viele 
Beispiele. Alles wird gesetzt auf Glauben. Von S. 107 bis 
tao. Was aber ist in der Wirklich e it, wenn dieses Glauben 
im Gemüth ist? Diese Nachweisung sucht man umsonst. Worte, 
wie heitere Gotteszuversicht, Gottesgewifsheit beschreiben den 
Inhalt des glaubigen Gemüthszustandes nicht. Der kenne (S. i i5) 
den Glauben nicht, der im Glauben nur ein »gleichgültige* 
Fürwahrhalten sehe. \yer will denn, dafs das Fürwahrhalten 
ein gleichgültiges und nicht vielmehr ein recht lebendiges und 
thätiges in der Religion seyn soll? Wozu abermals der selbstge- 
schaffene Gegensatz, nur um über andere unbekannte kläglich 
sich auszusprechen? Aber auch der soll den Glauben nicht ken- 
nen, der für den Glauben Grunde suche. Wer ohne Griiude 
glaubt, wie entgeht dieser dem Aberglauben , dem Mysticismus? 
Das Glauben ( w elches denn? j sey alles wahren Wissens und Er* 
kennens letzter tiefster Grund. Und doch glaubte Paulus 2 Tim* 
*, 12. weil er wufste, wem. Auch fordert Jesus Joh. 10, 38. 
und Johannes selbst 1 Joh. 4? *6. das Erkennen und Anerken- 
nen (eyvcext-vai) vor dem glaubigen f anhänglichen^ Vertrauen, 
dem TTtseuetv. 

Schon vorher, S. 91 — 95 hat der Verf. sich ganz mysti- 
cistisch gegen alles Zweifeln erklärt. »Der Zweifel ist in un- 
ser Leben eingetreten, wir prüfen nicht mehr mit dem Herzen, 
sondern mit dem Verstände, und der Verstand, vom Herzen los- 
gerissen , ist immer ein Zweifler. Aber das Zweifeln bringt nie 
der Wahrheit nähern etc. •Warum abermals einen Gegensatz 
erzwingen '.' Mtifs denn der Verstand vom Herzen losgerissen seyo? 



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Mysticismusu phil. Moral n.Treum. Wellentretter. 299 

Mit dem Herzen allein prüft der Verliebte. Das Herz ( wenn 
je diese allzusinnlichen Worte, Kopf undHerz, immer wieder- 
kehren sollen \) prüft nicht nach Gründen, sondern durch Ein- 
wirkungen des Angenehmen und der Homöopathie bewegt, nicht 
frey, nicht ohne Leidenschaftlichkeit. Koramen Gründe und Em- 
pfindungen zusammen, alsdann wirkt das ganze menschliche Selbst ; 
aber so dafs die Gründe die Regierung behalten sollen. Bräch- 
te dann das Zweifeln auch nur weg vom Irrtum, vom After- 
glauben , so brächte es doch gewifs dem Wahren schon dadurch 
näher. Aber es ist ja auch nie ein blosses Zweifeln und Un- 
gewifsseyn. Immer werden zugleich Denkbarkeiten und Mög- 
lichkeiten abgewogen, um, nicht ohne Theilnahme der Empfin- 
dung, zu sehen, ob und wofür das ganze Selbst unserer Kräfte 
sich entscheiden könne. Der Verf. ruft sogar aus : »Der Z*wei- 
*fel ist der erste Grad zur Verrücktheit. Der Verrückte glaubt 
»nicht mehr, was seinen Sinnen als wirklich, seinem Verstand 
»als richtig, seiner Vernunft als wahr vorgehalten wird untl 
»was jeder Gesunde glaubt, und darum ist er verrückt.« Es 
kann anmafslich scheinen, hierin dem Arzte zu widersprechen. 
Aber Ree. hofft mit allen psychologischen Aerzten übereinzu- 
stimmen, wenn er sagt: Der Verrückte glaubt (vertraut^) seinen 
Sinnen, aber seine Organe, als krankhaft verändert, machen ihn 
fühlen und sinolich empfinden, was andere, gesunden Sinnen 
glaubend aber auch Gründe wissend , warum sie dieselbe für 
gesund halten, und in diesem Fürwahrhalten ihrer Sinnenge- 
sundheit gewifs nicht gleichgültig, — nicht als wirklich erken- 
nen. Der Verrückte glaubt aber doch an das, was Ihm, aber 
durch verkehrte Mittel, wirklich ist. Dabei sind seine Schlüsse 
richtig, nur sind sie auf die ihm verkehrt vorgehaltene Wirk- 
lichkeit gerichtet. Der Zweifel hat demnach mit Verrücktheit 
keinen Schein von Verwandtschaft, steht noch weniger mit ihr 
atif gleicher Stufenfolge. Denn selbst das Verzweifeln (an Ent- 
deckung des Wahren o der sonst eines glücklichen Ausgangs ) ist 
nicht Verrücktheit. Seine erste Ursache ist nicht in den sinnli- 
chen Werkzeugen, sondern in Schwäche der Kraft des Verstan- 
des und der Phantasie, wodurch er sich mehrere Möglichkeiten 
der Zweifellösung zeigen sollte. 

Was nun aber die Hauptsache , die Christusreligion betrifft, 
so ist der Verf. wenigstens sehr nahe dabei , sie nicht einmal in 
reine Mystik, die durch bildliches zum bilderlos bestimmbaren 
und Klaren führen soll und will , sondern in Mysticismus, in das vom 
Dunklen ins Dunklere sich vertiefende, zu verwandeln. Was 
kann unklarer seyn, als seine Haupterklärung S. i64» wo er als 
»klar - besonnener« und »reinthätiger« gesprochen haben will. 
Ja, dahin klagt Er,^ ist es in unserer selbstgefälligen, übeimü« 



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3oo Mysticismus u. phil. Moral n.Treum, Wellen trefteiv 

thigen f ? vielmehr: sch wach mü thigen? ) Zeit gekommen, dafs 
viele das reine Evangelium in seinem ganzen Umfange (?) : die 
Lehre von der Erlösung des sündigen Menschen durch Gottes 
ewigen, Menschgewordenen Sohn, die Lehre von der Heiligung 
durch seinen Geist, und die Lehre vom Eingang des Sohnes 
und faters, des Lichts und der Liebe, durch diesen Geist, 
den Geist der Wahrheit, in das Herz der Gläubigen für Mysti- 
' cismus halten. o Ree. fragt alle Lehrverständige, ob das Heden 
von einem Eingang des Vaters und Sohns durch den Geist in 
das Menschenherz eine Erklärung der Gesinuungsanderung und der 
WUleosvercinigung mit der Gottheit sey, die einem Besonnenen 
klarer mache, was dann in ihm, als ächten Christen, vorgehen 
solle. Wer einen Eingang der 3 Personen ins Herz in einer 
Stelle, wo er nichts unklares sagen will, für das Klare halt, 
dessen Klarheit ist ein unbegreifliches Kleben am Dunkeln und 
sehr Sinnlichen , das nicht Religion zzzz Denken mit Andacht, 
seyn kann. Vielleicht meint der Verf. das reine Evangelium spre- 
che doch, bei Joh. i4, 23. in diesem Sinn. Und aus dem Hang, ^ 
zwischen zwei Worterklärungen gewöhnlich die sonderbarste und 
nichtbegreifliehe zu wählen, ist allerdings einst in einem Lehr- 
Artikel de Unione Mjstica auch das wesentliche Eingehen des 
Sohns und Vaters und Geistes in das Herz von mehr Ahnenden 
als Denkenden, viel besprochen worden. Jesus* aber sagt dort 
nach Joh. Mein Vater, die Gottheit, liebt jeden, der mich so 
liebt, dafs er meine Lehre willig beobachtet, und Wir — ich 
nämlich und ein solcher thätig liebender — werden zu ihm, 
nämlich dem Vater, kommen und Wohnung bei ihm machen. 
Die bleibende Wohnung, ftovy, bei Gott ist der Zustand der 
Seeligkeit s. *4, a. M-o>*t voMuu cv rt\ oixia th YlaTpoc. Also 
nichts vom persönlichen Eingehen in ein Herz! Das heilst, nichts 
vom Mysticism, im reinen Evangelium. 

Der Hauptsatz: »Die Lehre von der Erlösung des sündi- 
gen Menschen durch Gottes ewigen, menschgewordeuen Sohne 
ist in der angefühlten Hauptstelle des Verfs. so ausgedrückt, 
dafs man zunächst nicht wissen kann, ob wirklich der Sinn des 
reinen Evangeliums gedacht sej, nach welchem nirgends Gott 
als der zu Versöhnende dargestellt, sondern von Gott selbst durch 
Jesus die Welt mit Gott ausgesöhnt wird 2 Kor. 5, 18. 19. 
und wo vom reuigen Sohn, der selbst entgegen kommende Va- 
ter nicht erst eigene oder fremde Genugtuung oder Glauben 
an einen Bürgen und Genugthuer fordert, sondern, wie jeder 
vernünftige Vater, durch die Gewifsheit der Sinnesänderung mit 
dem thätig reumüthigen ausgesöhut oder begütigt ist Luk. i5, 20. 
Aber schon S. 168 zeigt, leider .' nicht nur das — im ganzen 
Ijuiiang des reinen Evangeliums nicht vorkommende Wort Ge- 



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Mysticismus u phil. Moral n Treum. Wellentrettcr. 3o t 



nugthüung und \usgleichung dem Evaogel. Sinn untergelegt, son 1 
dem auch das nirgends in der Bibel gelehrte und an sich un- 
mögliche behauptet, wie wenn das gröste Leiden eines Andern 
den Sünder selbst uicht blos von der Strafe, sondern selbst von 
der Schuld ( culpa, reatus ) reinigen könnte und sollte. Noch 
unglaublich mysticistischer aber deutet sich der Verf. die Wir- 
kungsart des Leidens und Todes Jesu gegen die göttliche, das 
Böse allerdings nicht duldende Gerechtigkeit durch die ange- 
hängte, ibm eigene Auslegung seines Dogma, über welche un- 
sre Leser bald erstaunen mögen. 

Angehängt nämlich ist eine kleine Messiade : '»Der Heiland, 
in Bildern nach der heiligen Schrift.* Dem Ree. ist Jesus am 
meisten Heiland in seinen Lehren, in seiner Absicht und Be- 
harrlichkeit, nicht durch List, Gewalt, Ueber eilung, nur durch 
überzeugtes Vertrauen (Pistis)* ein Gottesreich , einen auch äus- 
serlich dem Willen Gottes entsprechenden Zustand gesellschaft- 
licher Regierung und Ordnung her vorzubringen, und in der Seelen- 
starke, eher dem Crcuzestod sich hingeben zu lassen, als von sei- 
nem Ueberzeugungsplan zu weichen. Der Verf. dagegen hat 
fast immer nur Wunderbares herausgehoben, um seinen Heiland 
zu erheben. Uebernatürliche Macht ist aber doch immer nur Macht. 
Sie ist zum Erstaunen. Aber aUein die sittliche Grösse, die re- 
ligiöse Einsicht und Wärme, die Reinheit und Geistigkeit der 
Ueberzeuguug, und die Herzlichkeit der Ueberzeugungstreue ist 
herzanziehend und erhebt zur Verehrung. In dem Einen Wort: 
Gott ist Geist und die ihn geistig verehren, haben tiberall die 
wahre Anbetung! ist mehr des Heilands, ist von der Fülle des 
Heilbringenden weit mehr, als wenn Jesus Berge ins Meer ge- 
stürzt hätte, und darin liegt gerade die geistliche Vortrefflichkeit 
der Christusreligion, dafs, nachdem allzulange überall sonst fast 
allein an die Macht Gottes oder der Götter gedacht und dar- 
über gestaunt, gezittert, geopfert, geschmeichelt und Begünsti- 
gung der Machtanbetenden dienstbaren Menschenseelen gehofft 
worden war, nach Jesu Geist und Wort nur die Heiligkeit, das voll- 
kommen Gute der Gottheit, das Geistigwollende Gottes nunmehr 
Menschenvernunft und Willen heilig zu werden auffordert, so 
wie unser Gott und Jesus heilig sey. Sehr auffallend und cha- 
rakteristisch für das Uebergcwicht zum wundersamen, das doch 
nicht sowohl der Religion als ihrer Verbreitungsgeschichte an- 
gehört, war es dem Ree. dafs der Verf. aus der herrlichen Er- 
zählung von Joh 4. nur aas erstere, das einleitende, was die» 
Aufmerksamkeit der Samaritanerin reizte (Tbis Vs. toj in seine 
Versificatiou S. 25o aufnahm, gerade dort aber, wo das Religi- 
öserhahene anfangt, aufhört. Dafs der Gottverehrer nicht an 
Jerusalem, nicht an Gariun kleben soll«, d*£» (nickt gleiefagür* 



3oa Mysticismus u. phil.Moral n.Treum. Wellentretter. 



tig nud indiftereiitistisch, vielmehr) genau darauf zu achten fscy , wo 
irgend mehr und reiner die Heilskenntnifs offenbar werde, dafs 
aber Gott, der Geist der Geister, nicht das Körperliche, (ce- 
renioniöse, bedeutsame, symbolische etc.) desto mehr die geisti- 
ge Krall des Menschen zu seiner Verehrung auffoidere.' Diese, 
diese Einsichten und Empfindungen wurden den Samaritanern der 
ächte Grund, nach Vs. 4« auszurufen: Wir haben gehört und 
eingesehen, dafs dieser wahrhaftig ist der Wcltheiland ! Aber so 
ist es mit der Vorliebe für das Staunenswürdige. Beim Wun- 
dern bleibt sie stehen und hört auf, wo gerade die Christusre- 
ligion so recht anfange. Der Verf. hört in diesem seiner Bilder 
auf, mit den Worten : «Staunend erbebt das Weib. »Ich sch's, 
Du bist ein Prophet, Herr. Weile! Der Weisheit Wort kün- 
de dem sündigen Volk«. 

War denu der Vf. nicht von der Ahnung durchdrungen, dafs 
nun erst »der Weisheit Wort« das wahrhaft Heilbringende, be- 
ginne, wozu das Wunderbare nur hinlcitet? Und staunend am 
Eingang, gieng und führte seine Muse nicht in den Tempel der 
Gottesworte selbst hinein. Ree. bemerkt dies , nicht sowohl um 
dieses einzelnen Falles willen, sondern weil eben dieses stau- 
nende Stehenbleibeu in den Propyläen der gewöhnliche Fall ist; 
das, was aus der Vorliebe zum;Wundern und mystischen Staunen 
entsteht und fast immer entstehen mufs. Mas um des Wundcr- 
baren willen der Lehre glauben, wer irgend diesen Gedanken- 
gang für sich als den angemessensten findet. Nur dafs er dann 
wirklich zur Hauptsache, zur Glaubenseinsicht und Glaubens- 
thätigkeit , zur Lehre und zum Leben der Christusreligion wirk- 
lich fortschreite und wie die Samaritaner dem Weibe (Vs. 4« 
42) sage: nicht mehr wegen deiner Erzählung siud wir glau- 
bend, sondern weil wir selbst hörten und einsahen, dafs ein 
solcher ein Weltrettcr, ein Seeligmacher für alle Welt ist, = 
dafs er die Weise, wie alle Menschen überall, ( durch Wollen 
nach Ucberzcugung von der geistigen Heiligkeit Gottes, nicht 
durch eine besondere, locale, körperliche Geschichte^ secli# 
Werden können, offenbar macht. Wie bedeutsam sagt auch, Vs. 
4i Johannes: Wegen seiner Rede wurden viel mehrere glau- 
bend. Die Lehre und Lehrait waren für diese Uneingenommc 
nen das lebendig Uebcrzeugendere, der Grund ihres Glaubens. 
O ! wann werden diese Samaritaner nicht mein? die Cbrisuaiier 
spater Jahrhuudcrte übertreffen? 

Dafs des Hrn. W. kleine Messiade das Wunderbare, wel- 
ches er vorzieht, mit Umstanden ausmahlt; welche im Texte 
nicht gegeben sind, das aber, was zum Natürlichen die Sache 
hinneigte, weglalst, ist, wie einst in Lavaters Messiade, dem 
forschenden nur ein Zeichen, wie der leit seyn müiste, wess 



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I 

Mysticismus u. phil. Moral n. Treum. Wellen tr etter. 3o5 



er die Tendenz des Verfs. haben sollte, "wie er aber in der 
Wirklichkeit nicht ist. Auf jener Bergspitze, erzählt der Text, 
salien die schlaftrunkenen Jünger, als sie zwischendurch aufblick- 
ten , Jesu Gewaml wie glänzend. Der Verfasser welcher sonst 
nicht viel poetisches in diesen Epischen Fragmenten blicken 
lafct, setzt hinzu: 

— — Es haucht 
Gottes allmächtiger Geist ihn an und verklärt die Gestalt 

ihm, 

wandelt in Licht das Gewand, blendend und weifs wie 

der Schnee. 

So wirds freilich zum Erstaunen. Dem Ree. aber ist Gottes 
Geist viel zu erhaben und zü geistig, als dafs er ihn, wo es 
der Text nicht thut, einmischen möchte, um auf einem Gewand 
die Strahlen der aufgehenden Sonne wiederstrahlen zu machen. 

Jetzt aber des Verfs. Auslegung von Erlösung. Schon bei 
Jesu Seelenkampf im Garten Gethsemane macht der Verf. eineu 
ihm eigenen Zusatz, welchen Ree. deinem hohen Ideal von Jesu 
Gesinnung, wie er es historisch gefunden hat, nicht zusetzen 
möchte. S. a63. sagt: 

Fürbafs ging er ein wenig und kniet* und betete brunstig: 
»Vater, alles ist Dir möglich. Erlafs mir den Tod, 

Ach, zu scheiden von Dir, zu verlassen Dich, zu verläugnen, 
das ist der bittere Kelch! das ist der bittere loa. 

Alles hier ausgezeichnete, weils jeder Schriftleser, ist Zu- 
satz. Und was für einer? Erhalten wir aus der ganzen übri- 
gen Lebensgeschichte Jesu das Bild eines Charakters, welcher 
fürchten konnte, er selbst möchte Gott verlassen und verläug- 
nen. Noch sonderbarer wäre es, Gott zu bitten: Erlasse Du, 
o Gott, mir den (geistigen) Tod, dich zu verlassen und zu ver- 
läugnen. Wie wenn denkbarer Weise Gott erst gebeten seyn 
müfste, solchen Geistestod einem nicht zuzumuthen. Soll denn 
um alles gebetet werden, auch um das, was zu beten oder zu 
denken, unheilig und unvernünftig wäre? — Der Vf. legt sogar 
noch weiter Jesu die von ihm undenkbaren Worte in den Mund; 

Schenk, o schenke sie mir, die entsetzliche Stunde des Abfalls! 
Und noch einmal : 

Sterben! Von Dir abfallen , von Dir, o unendliche Liebe! 
o, wie erdrückt mich das Wort, o wie zermalmt mich 

die That! 

Die Möglichkeit, von Gott abzufallen, konnte denn der 
Verf. diese Jesu zuschreiben? Um sich mit dem Verf. zurecht- 
zufinden, /ragte sich Ree. sollen diese den Text so unerwartet 
umschreibende Worte auf einen Abfall der Jünger von Gott 
und Jesus zu deuten seya? Auch diese aber, da sie flohen! 



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3o/i Mysticismus u.phil.Moraln.Treum. Wellentretter. 



ßelen nicht ab. Mit Jesus gefangen genommen und hingerichtet, 
hätten sie dann nicht die ganze Sache mit in den unzeitigen Tod 
ffezogen? Jesus selbst wollte, dafs sie sich zerstreuen sollten. 
Job. 16, 32. 

Erst durch S.279. wurde Ree. gewifs, dafs der Vf. sich wirk- 
lich Ton dem Seelenzustand Jesu in seinem Sterben eine der son- 
derbarsten Meinungen gebildet hat; wie freilich immer sonderba- 
rere, von der ßibel nicht augegebene Deutungen der Art und 
Weise, wie der Gekreuzigte alle den Sündern gebührende See- 
len- und Körper- Schmerzen in den natürlichen Schmerzen des 
Kreuzestodes zugleich ausgelitten h aßen möge, entstehen müssen. 
Hr. W. dichtet sich: 

Scheidende Strahlen zum Kreuz, mild glänzend, sendet die 

Sonne , 

gleich als gab' sie so gern, was im erhabenen Zorn (?) 
Streng der Allmacht' ge versagt dein geliebten, abtrünnigen 

Sohne , 

) welcher die Sünden der Welt, gleich einem Schatz, sich 

erkauft 

durch das Köstlichste, was da nur ist im Himmel und Erde, 
durch das Leben in Gott (?) opferud es hin in den Tod* 

Langsam stirbt der den ewigen Tod, vom V ater sich scheidend, 
Und ein unendlicher Schmerz wühlt in der Göttlichen 

Brust. 

Nicht der Tod des gebrechlichen Menschen ists, welchen der 

Schmerz Ihm, 

Leben vernichtend, bringt. Gott zu verlassen, das ist 
das ist der Tod, den er stirbt mit unsäglichem, ewigem 

Schmerze, 

das ist der Kelch , den er trinkt. Sündern zu Liebe verläfst 
Gott Er, Sohn den Vater ; und einsam ohne den Vater 
hängt er am schmählichen Kreuz. Engel, sie dürfen nicht 

nah'n etc. 

Was doch alles wir, gebrechliche Menschen, wissen und 
zur Offenbarung machen, das wir allerdings nur dann so wüfs- 
ten, wenn es uns so geoffenbart wäre, jetzt aber, wo es uu- 
läugbar so in der Offenbarung nirgends gesagt ist, dennoch uns, 
aussinnen und so, viel mehr wissend, als die Offeubarungslehre, 
uns wie Glaubensartikel (freilich ohne Grund) zusammendichten. 
Eben dieses Dichten ist nur dazu gut, recht zu zeigen, was 
alles wörtlich und bestimmt über das Sterben Jesu in den ur- 
christLicben Schriften zu lesen seyn müfste, 'wenn gerade solch 
eine Theorie und Auslegung über das einfach geschehene büV* 
lisch und nicht Mols erdichtet zu nennen sevn sollte. 

. * * .* 

{Dar Bwblufi folgt.) 



* 



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-■ 

I 

N'i 20, • Heidelberger 182% 

Jahrbücher der Literatur. 

I 

ä 

i - . 
- 

Mjrsticismus und Philosoph. Moral nach Treumund Wellcntrttter* 

(B e s c h l u s s.) 

Was in Jesus vorgieng, können wir unstreitig nicht wissen, wenn 
es uns nicht von Ihm oder aus seinem Munde bestimmt gesagt ist. 
Wie bestimmt es gesagt seyn müfste, dies bemerkte der Verf. 
wohl. Aber in der Wirklichkeit ist kein Wort von allem dem, 
was er ausdrückt, biblisch gesagt. Kann also etwas deutlicher 
seyn, als dafs, wer es so sagt und behauptet, blos auf seine 
eigene Hand angiebt, was die Bibel, wenn sie uns so gut, wie 
er es jetzt zu verstehen meint, zu belehren im Sinn gehabt 
hätte, offenbar selbst ausgesprochen haben müfste. Nimmt man 
demnach nicht durch dergleichen Ausdeutungen die Stellung au, 
als ob wir besser will sten, was die Bibel uns hätte sagen sollen 
und doch nicht sagte , auch nicht einmal zu errathen aufgab. 
Und dieses unser dichtendes Besserwissen- Wollen, was und wie 
Jesus in seiner Seele gelitten haben müsse, wie gut ist es überdies, 
dafs es die Bibel nicht so gesagt hat. Denn, genauer betrachtet, 
ist es so voll innerer Widersprüche, dafs die Bibel, wenn sie 
so die Sache gesagt hätte, sich selbst sehr unglaublich gemacht 
haben würde. Wäre denn der Vater, von dem der Sohn schei- 
dend sich gefühlt haben sollte, der Allmächtige, die Gottheit? 
Der Sohn, wie der Verf. sagt, »selbst Gott« wie hätte er sich 
von Gott scheiden können? Und wenn er sich allein vom Va- 
ter geschieden hätte, hätte er sich dann von Gott geschieden, 
da, nach des Verfs. Theorie, der Vater, als solcher, nicht die 
Gottheit selbst wäre. Oder ist denn der Vater als solcher der 
Allmächtige? von dem sich der Gott Sohn, der doch auch der 
Allmächtige scyu müfste, scheidend und verlassen fühlen konnte, 
wie »ein Abtrünniger?« Das einzige, was wir von Jesu bi- 
blisch wissen, ist, dafs er rief: Mein Gott, mein Gott, warum 
hast Du mich verlassen. War denn der, welchen Jesus als seinen 
Gott anrief, der Vater insbesondere? Und da er gerade Gott anruft, 
wer kann dichten : Er selbst habe doch Gott verlasse», sich von Gott 
geschieden ? u. s. f. Wer in solche Dichterei verliebt und einge- 
wohnt ist, wird ohne Zweifel dem Ree. entgegnen: Dies sind 
Geheimnisse ! Allerdings. Aber nur selbstgemachte Geheim« 

20 . ♦ • 



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3o6 M ysticismus u. phil. Moral n. Treum. Wellen tretter. 

nisse, welche uns die Bibel nirgends aufgiebt. Erst macht maa 
die nichtbiblische Frage: was in Jesu Seele vorgegangen seyn 
müsse? alsdann < dichtet man die Antwort, nicht ohne innere 
Widersprüche , und endlich staunt man über das selbstgemachte 
und fordert, dafs es für ein Bibelgeheimnifs genommen und der 
inncin Widersprüche nicht .gedacht werde» Nicht genug, dafs 
Jesus um Abtrünniger willen litt. Er soll, selbst ein Abtrünniger 
geworden, sich als solchen gefühlt haben. Nicht genug, dafs 
Gott ihn wie einen Erzsünder, wie einen Majestätsverbrecher und 
Gotteslästerer, von Hohenpriestern, Schriftgclchrten und Römern 
mishamlclt werden liefs, Ihn, deu liöchstrcchtschaffeueu , damit 
nach diesem seinem Märtyrerlod und durch denselben desto 
mehrere zur gottergebenen Rechtschaffen heit geführt würden. 
Er selbst soll in seinem Geiste sich wie einen Misscthäter, wie 
einen, der die Gottheit verlassen, gefühlt haben. Und wozu? 
Wenn der Unschuldige Gewissensmarter gefühlt hat, dann soll 
der Allwissende gegen die Schuldigen versöhnt seyn. Wenn so 
etwas nicht selbsterfunden er Mysticismus ist, so glaubet dann 
immerhin das Grundloseste nur um so fester, das Widerspre- 
chendste nur um so gebundener! 

Ueber das, was die poetische Form betrifft, wollen wir 
nur weniges bemerken. Das meiste ist gefallig und wohlklin- 
gend, doch nur versificierte Erzählung. Um so gewisser waren 
unharmonische Zusätze nicht hinzu zu dichten gewesen. Der Yf. 
hat auch sich erlaubt, Reihen von Versen ineinander fortlaufen zu 
lassen, ungeachtet die Verbindung eiues Hexameters und Penta- 
meters vornehmlich deswegen gefallig wird, weil mit ihr der 
Sinn geschlossen und abgerundet seyn soll. Härten in der Scan- 
sion und gegen den Wohlklang sollten in einer so freien Vers- 
art nicht vorkommen, wie S. 254« 

Glaubig beugt sie sich Ihm : Ja, du bist Christ, Gattes Sohn, 
oder S. 24o. 

und die Maria mit ihm. HeiVges dem Irrd* sehen gemischt.. 

Dagegen sind manchmal sehr anziehende Reflexionen dem 
Ree. äusserst willkommen gewesen. S. 24o. zum Ruf an die 
fischenden, um Menschenfischer zu werden: 

Wie der Magnet das Eisen ergreift, das ergriffene füllet 
stark mit der eigeuen Kraft; also die Seinen der Herr. - 
oder S. 24a. bei der Weinergänzung zu Kaua: 

Merke das Zeichen, o Freund! Nicht Trübsinn heischet der 
* Heiland. 
Fröhlichen hilft er so gern, als Er den Traurigen hilft. 
Doch dem Glauben allein gewährt Er, was er erbitte. 
Fest zu Kanal Du labst heute die Durstigen noch. 



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Mystizismus u.phiJ. Moral n. Treum. Wellentretter. 307 

Wir wollen noch die Erzählung vom Thomas hersetzen, 
velcher nach Joh. 20, 26 — 29. selbst sehen und dann treu 
glauben wollte. Der Verf. denkt es sich dagegen so: 

Christus, zu Thomas gewandt: Reiche die Finder und sieh' 
hier das Mahl in der Hand, und reiche die Hand mir und Ic^e 

fest in die Seite sie mir. Glaube nun. Zweifle nicht mehr 
»Mein Herr und mein Gott!« Spricht Thomas freudebegeistert" 

Ihm der Heiri Du glaubst, weil du mich siehst, doch es 

sind 

Selig die, so da glauben, ob auch ihr Auge nicht schauet. 
Dieses geschrieben ist Euch, dafs Ihr erstarket Und glaubt. 

Ree. findet im Text kein doch und kein ob auch, über- 
haupt keinen Vorwurf. Jesus sagt nicht: Du hättest nicht zweifeln 
sollen. Denn : »Zweifeln ist der erste Grad der Verrücktheit.« 
Dadurch gerade, dafs Thomas ecictsoc, nicht überzeugt, und ohne 
üeberzeugung nicht glaiibend war, sondern sebbst sehen wollte 
näherte er nicht nur sich selbst der Wahrheit, S0ndern veran- 
lafste auch, dafs man nicht, als nicht mehr zu sehen und zu prü- 
fen war> sagen konnte: Ihr hättet fühlen, prüfen sollen. Wie 
schlimm für uns, die wir nicht mehr sehen können, dafs wir 
nun auch nicht, auf euch vertrauend, glauben können, weil ihr 
selbst nicht genug prüftet! Jesüs selbst will, dak Thomas nicht 
Mos sehe, Sondern mit Haiid und Fingern zugleich seine wahre 
Körperlichkeit und zwar die Identität des verwundeten Körpers 
prüfe. Jesus wufste, Was Thomas für nöthig hielt, um sich und 
andern zusichern zu können: Es War wieder der fühlbare be- 
tastbare, nämliche Leib ühsers Herrn Und Meisters. Jesus wufste 
dies und erfüllt die vorsichtige Erforschungs- Neigung, so wie 
jeder kluge Wahrheitfreund es loben und dazu beitragen vvird 
dafs man eine wichtige; folgenreiche Erfahrung ganz und mit 
voller sinnlicher Gewifsheit mache. So gewifs kein Naturfor- 
scher bei einem ausserordentlichen Experiment verlangen wird: 
Sehet blos und glaubet, was ich euch ahnen lasse} °so gewifs 
vielmehr der gute Lehrer näher zu treten und sich des unge- 

binnen zu vergewissern fordern 
*ird, eben so der bestgesinnte Lehrer seiner Sendurtgsjünger, 
welche andern, die nicht sehen konnten, jetit und späterhin 
sollten zusichern können, wie Er selbst sie nichts, was zur Ue- 
herzeugung diente > versäumen Jiefs. üebrigeus hatte Thomas, 
« er Jesus nicht nur sah, sondern auch hörte und Zur Beta- 
stung ihn selbst auffordern hörte, nach Vs. 28. nicht nöthig, 
Wirklich zuzufühleu. Es war genug, dafs er es hätte thun kön- 
nen und Jesus, vor ihm stehend, es erlaubt hatte. 



20* 



3o8 Rudhart üb. Justiz- Verw\ durch adm. Behörden. 



Jesus kommt bei verschlossenen Thü'rcn, und stellte siel) mitten, 
»Heil Euch !« — Dem Thomas sodann : »Bringe den Fin- 
ger hieher, 

Auch meine Hände sieh v und halte die Hand an die Seite 
Mir. Nicht utiiiberzeu<>t, glaubenstreu Vierde vielmehr.c 

Und antwortend sagte zu Jesus der (glaubende) Thomas: 
»0 Mein Herr und Mein Gott!« — Jesus dagegen zu Ihm: 

Weil Du gesehen mich hast, bist Du nun glaubend gev* orden. 
Wohl den nicht sehenden, die glaubende wurden zugleich. 

Die, welche nicht selbst seheu konnten, waren überzeugt 
und glaubend geworden durch den Moment, wo Thomas Alles, 
was zur Ueberzeugung anderer, Nichtanwesenden, nöthig sejn 
konnte, veräulafst und zu seiner glaubensvollen Ueberzeugung 
erprobt hatte. Es war nun wie eine gesehene Sache. Auch Sic 
konnten keinen Zweifel übrig haben, nachdem der Nicht überzeugte 
durch die eigentlichen Mittel der Erfahrung überzeugungstreu 
geworden wajr. — . Den Ausruf des Thomas:' 0 mein Herr 
und mein Gott! kennt der Hebräer als Ausruf des überzeugt* 
gewordenen Erstaunens auch aus dein Buch der Richter 6, 22. 
»Gideon sah, dais jener ein Engel Jehovahs sej, und Gideon 
sprach: Ahl Ahl O Mein Herr und Gott» Denn sicherlich 
habe ich einen Engel Jehovahs gesehen, Gesicht gegen üesickt 

gekehrt. In den Worten t\W 0^5* rt/ltf hat TUT de 

■ 

Aussprachezeichen von D*rtf?X Adonai Elohini ist was Adonri 
Elohai war/ H. E. G. Paulus. 



l/eber die Verwaltung der Justiz durch die administrativen Be» 
Hörden. Eine juridische Skizze, als ein Beitrag zur Revision 
der Gesetzgebung in Baiern, seinem liehen Vateriande dar- 
. gebracht von Jgnjz Rudhart , der Rechte Doctor und 
ordentlichem Professor an der Universität zu JVürzbur». 
Würzburg, gedruckt bei Franz Emst Nitribitt, Utäversi* 
täts - Buchdrucker. 4847. 

Dafs das Gesetz über dem Richter, nicht der Richter über dem 
Gesetze stehe, dais es nicht mit der Gerechtigkeit bestehe, wenn 
Gesetze für einzelne Falle gemacht und nach solchen entschieden 
werde, dafs dies vielmehr zur höchsten Willkühr führe, ab da 
sicherste Kennzeichen der Despotie erscheine; dies alles sind 
Satze die niemand, als richtig, und als solche allgemein aner- 



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i 

Rudhart üb. Justiz- Verw. durch a dm. Behörden. 309 

kannt, in Abrede stellen wird und doch hat einer unserer er- 
sten und vorzüglichsten Rechtslehrer, Gönner in seinem Entwürfe 
zu einem Gesetzbuche über das Verfahren in bürgerlichen Rechts- 
streitigkeiten , die Justizverwaltung durch administrative Behör- i 
den, die am Ende doch mit jenen Grundsätzen im geraden Wi- 
derspruche steht, für gewisse Falk vertheidigt. Dies nun war 
die Veranlassung zu der vorliegenden Schrift und uns liegt es 
ob, zu zeigen , wie der Verf. die Aufgabe derselben gelöst 
habe. Die Feststellung des Rechts, worauf es bei Erörterung 
des vorliegenden Gegenstandes ja ganz eigentlich ankömmt, weil 
eben diese gerade Vorwurf und Zweck jedes Rechtsverfahrens 
ist, lafst den Verf. vou den neuerdings in Anrege gebrachten 
Ideen und Plänen zu einem allgemeinen Gesetzbuche ausgehen, 
und wir sind mit ihm völlig einverstanden darin, dafs dieses 
wenigstens vorläufig nicht möglich sey, so wie darin, dafs die 
Kevision des bürgerlichen Privatrechts, unter den bevorstehen- 
den legislativen Arbeiten, gerade die letzte seyn sollte. Richtig 
v ill er vielmehr alles Recht durch die Verfassungsgesetze be- 
gründet wissen und setzt also darin unser erstes Bedürfnifs. 
Diesem zunächst setzt er eine Proccfsordnung, und wir möch- 
ten hinzusetzen, eine allgemeine Deutsche Proccfsordnung, denn 
ein gleiches Verfahren in ganz Deutschland durch die Möglich- 
keit der Appellation an ein höchstes Gericht, als die letzte In- 
stauz, würde eine herrliche Vereinigung aller Deutschen bewir- 
ken und wenn auch vielleicht erst spät, ein allgemeines Deut- 
sches bürgerliches Gesetzbuch möglich machen. Nur auf diese 
Weise könnte Savigny's, gewi's sehr richtige, Forderung, dafs 
sich ein solches allgemeines Recht erst selber ausbilden müsse, - 
befriedigt werden. Die Bedingungen einer Proceisordnung, dafs 
dadurch da$ Recht gegen eine jede Stöhrung, insbesondere aber 
gegen fremdartige Impulsionen geschützt werden müsse, führen 
den Verfasser endlich auf die Justizpflege durch administrative 
Behörden, jedoch erwähnt er zuvor noch einer andern, der Be- 
förderung schneller Justizpflege. Da eine weitere Ausführung 
der hiezu vorgeschlagenen Mittel nicht • eigentlich Vorwurf der 
vorliegenden Schrift ist, so mag es dahin gestellt seyn, ob diese 
Mittel wirklich als solche ausführbar sind, z. B. die Feststellung 
bios percratorischcr Termine, welches uns nicht ganz klar ein- 
leuchtet, wir beschränken uns vielmehr darauf zu bemerken, 
dafs die vorgeschlagenen Mittel zu diesem Zwecke doch nicht 
ausreichend seyn möchten. So möchten wir als solche noch 
das mündliche Verfahren in der Unterinstanz, Abkürzung des 
Verfahrens über Dilatoricn, und sorgfaltige und strenge Auf- 
sicht auf eine genaue Litiscontestation vorschlagen, welches 
letztere insbesondere dem neuerlich in Deutschland hin und wie«- 



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3io Rudhart üb. Justiz- Yerw T durch adm. Behörden. 

der aufgekommenen Instructions- und Informationsverfähren vielr 
lciclit vorzuziehn wäre. 

Doch wenden wir uns mit dem Verf. jetzt zu dem eigent- 
lichen Gegenstände der Schrift, In §phis 5 — 9. sucht der- 
selbe die Gönn ergehe Eintheilung der Rechtssachen, in privat- 
rechtliche Sachen in sensu stricto und solche die zugleich die 
Staatsverwaltung berühren und in Sachen des öffentlichen Rechts, 
als welche letztere beide der Entscheidung administrativer Be- 
hörden vorbehalten werden sollen, als unrichtig und unlogisch 
darsustellen. Dies scheint uns allerdings genügend dargethan zu 
seyn , jedoch aber nur unter der Voraussetzung , dafs der Gön- 
nersche Entwurf für einen constitutionellen Staat bestimmt war. 
Ohne diese Bedingung, und in der Voraussetzung, dafs viel- 
mehr für eine absolut despotische Regicrungsforni ein solcher 
Entwurf aufgestellt werden sollte, war diese Eintheilung sogar 
höchst consequent. Die Verwaltung der Justiz durch admini- 
strative Behörden, hat nach der erwähnten Eintheilung der Rechts- 
sachen möglicherweise keinen andern Zweck, als den, dafs in 
den Sachen des öffentlichen Rechts und den privatrechttichen 
Sachen, welche die Staatsverwaltung berühren , nicht das Ge- 
setz, sondern andere ausser demselben liegende Entscheidungs- 
gründe, das Erkenntnifs motiviren sollen. Ein solches vom Ge- 
setze abweichendes, demselben widersprechendes Erkenntnifs ist 
also ein neues Gesetz. Dieses aber darf in constitutionellen 
{Maaten, wo gesetzgebende und ausübende Qevyalt streng ge- 
sondert sind, nicht yoq dem Monarchen, oder Namens seiner 
\on seinen Behörden, ausgehen und ist jdso in constitutionellen 
Staaten nach deren notwendigem. Begriffe unmöglich. Ganz 
anders verhält sich dies in einer absoluten Monarchie, Despotie. 
Hier ist der Monarch nicht an irgend ein Gesetz viel weniger 
an sein eigenes gebunden. Er, und Namens seiner die Behör- 
tleu, können alsq für jeäVn einzelnen Fall ein neues Gesell 
feststellen. Es ist keine Notwendigkeit vorhanden, in einein 
gegebenen falle sq und nicht anders zu erkennen. Selbst die 
lVivalrcchte sind hievon nicht ausgeschlossen und die Entschei- 
dung darüber unterliegt nur deshalb einer gewissen und be- 
stimmten Rege), weil der Monarch nicht selber erkennt, sondern 
durch Beamte erkennen lafsf und djese au gewisse durch seine 
Gesetze bestimm toij Regeln bindet, \yelchcs eine unmittelbar vom 
Monarchen ausgehende iVbanderung des bestehenden Gesetzes 
aber keineswegs ausschliefst, Im Dänischen. fvon,igsge$etz, wel- 
ches ein in der TtV'l höchst njerk würdiges Beispiel einer durch 
ei'l V^ffassung^gesetz sanctionlrten unbeschränkten Monarchie 
aufjjtplll. jsf dies ..iipc||ts.verbij(pijis auch sehr coijsei{u,cqt und 
AYYW §9*cllcrgostalt aB*ge4fücfct, da/s die ßesti^iuung &T 



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Rudhart üb. Justiz- Verw: durch adm. Behörden. 3 1 1 

♦ 

nigs über die Abänderung lincs Gesetzes , nach seiner Bestim- 
mung, sich sogar rückwirkend äussern könne. 

Wenden wir uns aber jetzt mit dem Verfasser zur. Wider- 
legung der politischen Gründe für die Justizverwaltung durch 
administrative Behörden in §phis 4o^* 46, so finden wir gleich 
in dem ersten bestrittenen Grunde die Erklärung, wie Herrn 
Gönners Ansichten im Conflict mit den eben erwähnten, Wohl 
kaum bestrittenen, Sätzen nichts desto »weniger bestehen zu kön- 
nen scheinen dürften ^ indem derselbe die administrativen Behör- 
den für die Justizverwaltung mit einen! richterlichen Charakter 
bekleidet wissen will. Giebt nun derselbe dadurch klar zu er- 
kennen, dafs die Justizverwaltenden administrativen Behörden, 
keineswegs als Gesetzgeber für einzelne vorkommende Fälle cer- 
ßigen, Cabinersjustiz üben, sondern nach bestehenden Gesetzen 
entscheiden sollen ; so* möchte man Wohl gar geneigt seyn , mit 
den Verf. zu hadern, dafs er dem Gönnerscheu Entwurf jenen 
Zweck als leitende Idee unterlegte und sich nicht vielmehr dar- 
auf beschränkte, die politischen Gründe für die Justizverwaltung 
durch administrative Behörden zu widerlegen. Setzen wir da- 
her immer voraus, dafs die Gönnersche E^ntheilung nicht in ihrer 
logischen Notwendigkeit, sondern in ihrer Nützlichkeit begründet 
werde, nam qiiisquis praesumitur boniui donec prdbetur ebntrarium, 
Hüter dieser Voraussetzung nun müssen wir, die wir die Ansichten 
des Vfs. über die politischen Gründe für die Justizverwaltung durch 
administrative Behörden theilcn, es um so mehr bedauern, dafs der- 
selbe sich nicht auf deren Widerlegung beschränkte, weil alsdann 
diese Widerlegung wahrscheinlich noch durch grössere Ausführlich- 
keit an Interesse gewonnen hätte und wo möglich einleuchtender ge- 
worden wäre. Diese uneigentlich sogenauute Widerlegung be- 
fafst jedoch zugleich, ausser der eigentlichen Widerlegung der 
politischen Gründe für, auch die politischen Gründe wider die 
Justizverwaltung durch administrative Behörden, wie nachfolgend 
bezeichneter Inhalt dieser 7 Gegengründe ergiebt. i) Mangelhafte 
Fälligkeit der administrativen Behörden, das Hecht zu handhaben, 3) 
Störung und Abhaltung dieser Behörden von ihrem eigentlichen und 
nächsten Berufe. 3) Gefahr des Einflusses, deuCabinets««' und Regie* 
ruiigsbefehle auf die Entscheidung dieser Behörden haben dürf- 
ten. 4) Parteilichkeit derselben, indem sie häufig' Parthei und 
Kichter zugleich sind. 5) Verwirrung und Ungewifsheit über 
das Wesen und den Begriff und also auch die Gränzeji eigent- 
licher Justiz -* und administrativ - contentiöser Sachen, 6) Un- 
erheblichkeit der genauem Sachkepntnifs der streitigen Gegen- 
stände, weil jede gerichtliche Behörde, nach eingezogenem Gut- 
achten von Sachverständigen, das dadurch festgestellte Factun\ 
«fem Hechte zu subsumiren wissen werde, 7) Die Gefahr des 



s 

I 

3i3 Biot Precis rlemeMair e de Physique. 

Einschreitens und Nachhelfens der Regierungsbehörden und der 
dadurch erzeugten Recbtsunsicherheit. Wir mochten noch hin- 
zufugen, die Gefahr, die eben daraus der gemeinen Freiheit 
erwachsen dürfte, wenn andere als gesetzliche Motive die rich- 
terliche Entscheidung in irgend einem ('alle bestimmen dürften. 
Denn, abgesehen von der Staatsverfassung eines Landes, würde 
man doch nimmermehr bestreiten können, dafs irgend ein sol- 
ches sich eines hohen Grades bürgerlicher Freiheit zu erfreuen 
habe, wenn seine Unterthanen, selbst gegen Regierungsbehörden, 
unbedingt und sicher ihre Rechte vor Gericht geltend zu ma- 
chen vermöchten. Einen durchaus- hieher gehörigen Gegen- 
stand hat endlich der Vierf. ganz unberührt gelassen, die . häutig« 
Verbindung des richterlichen mit einem administrativen Amte, 
zumal bei den untern Behörden. Eine solche Verbindung der 
gedachten beiden Aernter erzeugt fast unbedingt alle die Übeln 
folgen, die der Verf. der Justitz Verwaltung durch administra- 
tive Behörden zuschreibt;, obgleich doch, der Form nach, in 
solchem Falle, nicht sowohl die administrative, sondern vielmehr 
die, zufällig mit ihr verbundene, richterliche Behörde entschei- 
det. Dies wird genügen um die vorliegende kleine Schrift als 
einen höchst interessanten Beitrag zur Rechtsphilosophie, in Be- 
ziehung auf den behandelten Gegenstand, zu bezeichnen und 
wir wünschen nichts. mehr» als dafs es dem Verf. gefalfcn mö- 
ge, sich über diesen fast allgemein sehr beherzigungswerthen 
Gegenstand einmal noch ausführlicher auszusprechen. 



Precis elementaire de Physique experimentelle, par J. B. Biot 
cet. ouvrage destine a V 'enseig nement public; Seconde edi" 
tioru Paris 4 Sa 4. Tom. I. xir und 688 S. mit 7 Kupjt. 
Tom. IL ?36 S. mit 44 Kupft. 8. 

Die erste, 1817 herausgekommene Ausgabe des vorliegenden 
trclBichcn Lehrbuches ist in dieser Zeitschrift Jahrgang; 1819 S. 
j45 beurtheilt, und die vorzügliche Brauchbarkeit desselben wird 
sc hon durch die so bald folgende neue Auflage beurkundet.. Ob 
gleich nur vier Jahre zwischen dem Erscheinen derselben lie- 
gen, so beweiset es doch auf der einen Seite eben so sehr re- 
gen leifs des Verf. , als auf der andern das schnelle Fortschrei- 
ten der Naturwissenschaften, dafs die gegenwärtige, bei gleichem 
Drucke und Formate, z4o S. Text und 4 Kupfertafeln mehr 
erhalten hat. Bei der Anzeige dieser zweiten Auflage kann da- 
her, wie sich vou selbst versteht, zunächst blos auf die Erwei- 



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Biot Precis elementaire de Pbysique.' 3i3 

■ - 

terungen 'und Abänderungen derselben Rucksiebt genommen wer-* 
den. So ausnehmend wichtig indefs die Bereicherungen siud, 
welche man hier zugesetzt findet, so »berechtigen sie dennoch 
nach unserem Urtbeilc hoffentlich noch keineswegs zu der Er- 
wartung, welche am Ende der Vorrede ausgesprochen ist , wenn 
es heifst: la progression rapide, avec laqueüe la physique se 
complete tous les jours, peut faire regarder Vepoque de sa stabil 
Ute en/iere comme peu eloignee de nous. 

Ausser mehreren Kleinigkeiten ist diesesmal auch die Lehre 
von der. Schwungbcwegiing erweitert dargestellt, und durch die 
Zeichnung einer Centralinasch ine erläutert. Vermissen wird man 
dagegen, dafs S. 293 die von Dülong und Petit aufgefundenen 
Resultate der Ausdehnung fester Körper blos im Allgemeinen 
erwähnt, aber nicht naher angegeben sind; auch ist es allerdings 
eine Folge des allgemeinen Mangels franzosischer Werke, dafs 
sie ausser der ihrigen höchstens nur auf die englische Lite« 
ratur Rücksicht nehmen, denn sonst hätten hier S. 269, wenu 
auch nicht die gehaltvolle Prüfung der Dalton'schen Angaben 
fibci- die Elasticität der Dämpfe von J. T Mayer, doch auf al- 
len Fall die neuesten Versuche im polytechnischen Institute zu 
Wien C S. Jahrbücher desselb. I. 4 44 ) erwähnt werden sollen. 
Eine nicht unbedeutende Erweiterung dagegen hat die Lehre 
vom Schalle erhalten, indem die Beobachtungen der HH. ßlanc 
und vorzüglich Savard über die Mittheilung der Schwingungen 
rigider Körper an andere, auf welchen sie befestigt sind, hier 
deutlich angegeben werden. Die Sache selbst ist höchst interes- 
sant, und zeigt sich namentlich dann, wenn man Glasstabe auf 
dünne Scheiben küttet, und leztere in transversale Schwingungen 
versetzt, dadurch, dafs man die erster en mit einem nassen Stücke 
Zeug oder mit den Fingern reibt. Ausführlicher ^ä»1s hier ge- 
schehen konnte, ist dieser Gegenstand übrigens in (Ter Abhand- 
lung des H. Savard dargestellt, welche die deutschen Physiker 
bereits aus den Annalcn der Physik von H. Gilbert kennen, 
und zugleich wissen, dafs die Entdeckung keineswegs von ,H. 
Bianc, welchem sie hier zugeschrieben wird, zuerst gemacht 
wurde, sondern viel früher schon von H. Chladui , denn zum 
Thcil beruhet hierauf die Construction seines Clavicy linders und 
Eupho'ns, welche er nunmehro erst dem Publicum vollständig 
bekannt gemacht hat. Sehr merkwürdig ist allerdings auch die 
Beobachtung des H. Savard, dafs bei schmalen und hinlänglich 
dicken , langen Glasstreifen 9 wenn sie in der Mitte gehalten und 
an einem Ende angeschlagen werden, die auf der einen Seite 
befindlichen Schwingungsknoten, zwischen die auf der andern 
Seite liegenden fallen; ob dieses aber aus der Annahme einer 
grossen Menge verschiedener, dem Ohre unhörbarer Schvvin- 



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3i4 Bibt Precis elementaire de PhysJque. 



gungen erklärlich sey, wfe der Verf. meint,' dürfte sich schwer 
entscheiden lassen. Sehr erfreulich aber war es für .den Ree, 
einen früher schon von ihm ausgesprochenen Hauptsatz der Akustik, 
dafs die individuelle Verschiedenheit der Töne auf den gleich- 
zeitigen Schwingungen der, mit dem eigentlichen tönenden Kör- 
per verbundenen Substanzen beruhe, durch einen ebei« so sinn- 
reichen als überzeugenden Versuch des H. Savaid bestätigt zu 
sehen. Wenn man nämlich eine Saite über einem geineinen Klo- 
tze ausspannt, in der Mitte desselben eine Scheibe von Blei auf 
eine « Unterlage von zwei Messingstangen flach legt, den Steg 
auf die Scheibe stellt, und die Saite verschieden stimmt, so wird 
beim Anstreichen der lederen vermittelst eines Bogens jeder ver- 
schiedene Ton auch eine Verschiedene Figur des auf die Scheibe 
gestreuten Sandes horvorbrittgen, 

In dem Abschnitte über die Electricität erklärt der Verf, 
sinnreich die Erscheinung, dafs ein in der Luft freisch webender 
Draht, fbei seinem äerostatischen Auffinge mit Gay, Lüssac be- 
trug dessen Länge 5o lu J am oberen Ende — E. am unteren, 
nach Saussure + E. Haben mufs, ungeachtet die el. Spannung 
nach oben zunimmt, um es kw% zu fassen, daraus, dafs der Draht 
den Ueberschufs der obereu -f- E. allezeit der unteren minder 
el. Luftschicht zuführt, mithin oben nie den Grad der -f- el, 
Spannung erhalten kann, welcher der umgebenden Luftschicht 
eigen ist. Ein eigenes S, 606 — 612 eingeschaltetes Kapitel han- 
delt von den^ verschiedenen Mitteln, El* hervorzubringen. Hier 
werden zuerst die bekannten Versuche von Coulomb über das 
Electrisch werden der verschiedenen Körper durch mechanische 
Zusajnmendrückung , ddnh die Entdeckung durch Libes u. Hauy, 
dafs dieses bei einigen Mineralien, vorzüglich dem Doppelspath 
der Fall ist^Jfcrner die noch weitere Ausdehnung auf fast alle 
Mineralien, wenn man die Versuche mit gehöriger Vorsicht* und 
Isolirung der Substanzen anstellt nach Becquerel, und endlich 
die Beobachtungen von Dessaignes über Hervorrufung der El. 
durch schnelles Eintauchen von Glas oder harzigen Körpern in 
Quecksilber kurz zusammengestellt. Wenn dieses gleich evident 
beweiset, dafs das el. Gleichgewicht der Körper durch die ver- 
schiedensten Modifikationen derselben aufgehoben wird, so kön- 
nen wir doch darin nicht einstimmen, dafs das phosporischc Leuch- 
ten des geschlagenen Zuckers und schnell zerrissener isolirter 
Glimmerblättchen gleichfalls electrischer Natur seyn soll, indem, 
anderer Gründe picht zu gedenken, die Intensität der El. schon 
sehr bedeutend seyn mufs, und stärker, als sie* hierbei gefun- 
den wird, wenn sie Lichterscheinungen zeigen soll. Beiläufig 
müssen wir uns wundern", dafs man sich in Frankreich bei sol- 
chen feinen Versuchen noch stets des Coulomb'schen Electro* 



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JMot Precis fleihentaire de Physique. 3i5 

Dieters bedient, da doch das' Bohnenbergersche ztpm mindesten 
ungleich bequemer und sicher eben so empfindlich ist. Ausführ- 
licher wird in dieser Auflage ferner dje Erzeugung der Volta- 
schen El. als dem allgemeinen Gesetze über Hervorrufung der- 
selben durch Druk und Berührung (z. B. im Kalkspalh) unter- 
geordnet dargestellt, zugleich auch zu zeigen versucht, dafs sich 
die chemischen Wirkungen im Kreise der Volta'schcn Säule zwar 
auf den Chemismus im Allgemeinen zurückführen lassen, wenn 
wir Verwandtschaftsgesetze zwischen den beiden EI. und den 
Bestandteilen der Körper annehmen, dafs wir aber den eigent- 
lichen Grund dieser Verwandtschaft an sich noch nicht ergrün- 
det haben, Die merkwürdigen Lichterscheinungen zwischen zwei 
KpMenspitzen im Kreise grosser Säulen, selbst im Guerikscheu 
Vucuo, dienen dem Verf. als Gegenbeweis gegen die früher von 
ihm angenommene Hypothese, dafs das el. Leuchten eine Folge 
der Luftcompression sey; (eine Meinung, welcher Ree. übrigens 
nie beigepflichtet hat) vielmehr heifst es S. 65o : on poirrait tout 
au plus lui (der Compression der Luft) attribuer U prämiere 
apparition de la htmiert 3 mais nullement la conti/mite de sapro- 
duetioru Serait-ce donc que les deax principe* eleciriqucs , en 
se combinant Fun avec l'autre, produiraient immedictement de 
la lumiere? Lezferes widerspricht keiner Thatsache , hat dagegen 
entscheidende Gründe für sich. Endlich wird gezeig: , dafs die 
Strömungen der El. durch feine Drähte in Apparaten, wie der 
von Wollaslon angegebene, und das Glühen derselben auch dann 
statt findet, \yenn mehrere derselben nach der verschiedenen 
Stärke der Erregung vorhanden sind, und eben so hört die Wirk- 
samkeit einer Säule nicht ganz auf, wenn man dieselbe in ^unvollstän- 
dig) leitendes Wasser taucht. Sehr interessant sind aber lie von Gay- 
Lüssac angestellten Versuche, dafs ein Ring zur Hälfte aisSitbcr, zur 
Hälfte aus Zink, oder eine Scheibe aus diesen be'den Metallen 
xnsammengelöthet, und in verdünnte Säuren gelauert, entgegen- 
gesetzte El. und Wasserzersetzung zeigen. Es lönnen somit 
durch unmittelbare und die vollständigste leitende Berührung die 
verschiedenen EI. sich nicht ausgleichen j sondern müssen in ei- 
ner fortwährenden ungleichen Spannung sich befinden \ wodurch 
die Volta'schc Theorie augenfällig eine wesentliche Modifika- 
tion erleidet, 

Die Lehre vom Magnete ist in verschiedeien Stücken er- 
weitert , wozu die Thatsachen meistens aus dem grösseren Wer- 
ke des Verf. entnommen sind, Vorzüglich ist diesesmal die La^ 
ge des magnetischen Meridians nach den Ansichten des H. Mor- 
let auf einer eigenen Tafel verzeichnet, wobei die aus den Be- 
obachtungen von Bayly, ' Dalrymple und Cook gefolgerte südli- 
che Einbucht im grossen Occan, auch durch Freycinet bestä-. 



51 6 Biot Pr&ris elementaire de Physique. 

tigt, aufgenommen ist, ein Umstand, welcher bekanntlich in Be- 
ziehung auf die Theorie des H. Hansteeu sehr in Betrachtung 
kommt. In den Meridianen dieser Einbiegung kann auch das 
vom Verf. aufgestellte, von Kraft in den Petersb. Memoiren von 
i8ot) bestätigt gefundene Gesetz, dafs die Tangente der De- 
pression der Inclinationsnadel der doppelten Tangente der mag- 
netischen Breite gleich ist, nicht statt finden, welches Gesell 
übrigens S. 87 auf die Annahme zweier magnetischen Mittel- 
punkte in geringem \bstaude vom Mittelpunkte der Erde zu- 
rückgeführt, und dabei ungleich die südliche Einbiegung des 
magnetischen* Aequators aus örtlichen magnetischen Einflüssen er- 
klärt wird. Auf den Grund dieses Gesetzes hat übrigens Mor- 
let die Rechnungen gebauet, wodurch er aus Beobachtungen der 
Inklination nicht weit vom magnetischen Meridiane den letzteren 
selbst findet. Ein eigenes eingeschaltetes Capitel enthält eine 
Anweisung, die Inklination , vorzüglich aber die Deklination der 
Magnetnadel genau zu beobachten, nebst einer Beschreibung der 
hierzu erforderlichen wesentlich verbesserten Instrumente. In- 
dem hierbei vorzüglich auf den Einflufs des Eisens auf Schiffen 
Rücksicht genommen ist, im Uebrigen aber hauptsächlich die 
grössere Feinheit und Genauigkeit der Apparate nach bekann- 
ten Vorsithtsregeln in Betrachtung kommt, so können wir uns 
einer näheren Anzeige überheben. Was für Ansichten der Vrf. 
über den Electromagnetismus hege, war Ree. sehr begierig zu 
erfahren.' Man findet hier aber blos die bekanntesten Thatsa- 
chen, den ersten Oerstedschcn Versuch, ciue kurze Angabe der 
Beobachtungen Arago's uud Ampe'rcV uud die wenigen des Vf. 
selbst, woturch er das Vcrhältnifs der abs tossenden Kraft des 
Leitungsdrahtes z% seiner Entfernung von der Nadelspitze nur 
mangelhaft zu bestimmen suchte. Gelegentlich wird auch der 
Versuche Davy's gedacht, welcher Nadeln magnetisirte, indem er 
den Verbinckingsdraht über ihre Spitzen hinleitete. Arbeilen 
deutscher Phvsiker, namentlich die Erfindung des Condensators 
und selbst die bequeme Anwendung von einem Paare Elcctro- 
motoren wcrlcn, wie dieses bei den Franzosen in der Regel 
der Fall zu seyn pflegt, nicht erwähnt. Hinsichtlich der Theo- 
rie bleibt der Verf. bei der ersten Ausicht Oersted's, dafs 4«" 
Magnetismus den Leitungsdraht umkreise (le caractere revolutij) 
stehen, ohne sich darüber zu erklären, ob er der Hypothese 
des H. Ampere von der Identität der El. uud des Magnetismus 
beipflichte oder nicht. 

In dem weitläufigen Abschnitte über das Licht, welcher 
last den ganzen zweiten Band füllt, finden sich verschiedene 
Erweiterungen, welche thcils aus dem grösseren Werke des 
Veifs. entnommen, bei weitem der Hauptsache nach aber ganz 



1 



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BJot Precis elementaire de Physfque. 317 



neu bearbeitet sind. Hierher gehört eine ausführlichere Dar- 
stellung der Gesetze der doppelten Brechung des Lichts S. a47 
— 66, worin die Resultate der eigenen Untersuchungen des Vf., 
welche sich in den Mein, de l'Inst. von 1819 befiuden, sehr 
deutlich auseinandergesetzt werden, mit Rücksicht auf die Ar- 
beiten des jungem HerscheVs , Brewster's und Sorret's , welche 
aber blos in ihren Hauptinomenten, und viel zu kurz mitgetheilt 
sind, als dafs es möglich wäre, eine genaue Kenntnifs derselben 
hieraus zu erhalten. Ref. hat die hier genannten Abhandlungen 
zwar schon früher sorgfältig verglichen, ist aber mit sich selbst 
über die Sache hoch keineswegs im Reinen. Den Bestimmungen 
über die lichtbrechende Kraft der verschiedenen Körper ist die 
Methode Brewster's , dieselbe vermittelst des Mikroskopes zu 
finden, S. 347* beigefügt, und eine bequeme Formel für die 
Anwendung derselben deswegen mitgetheilt, weil im grösseren 
Werke Thl. III. S. 295. blofs einige Zweifel gegen ihre Zulas- 
sigkeit überhaupt angegeben waren. Ein auffallender Mangel 
an der Kenntnifs deutscher Literatur zeigt sich aber in dem 
gänzlichen Stillschweigen über die Vorschläge und Formeln, 
welche namentlich Gaus und Bokncnberger für achromatische Ob- 
jectivgläser entworfen haben, und die höchst wichtigen Unter- 
suchungen vou Frauenhofer in den Münchner Denkschriften für 
i8i4 und i5. hätten doch gleichfalls billig vom Verf. beachtet 
werden sollen. Fast noch anfallender wird es scheinen, auch 
das Spiegelmikroskop von Amici, welches doch in den Ann. de 
chim. XVIL 44%. beschrieben ist, so wie überhaupt diese Gat- 
tung Mikroskope nicht erwähnt zu finden. 

Sehr zusammengezogen ist in dieser Edition, in Verglei- 
chung mit der älteren, die Anwendung der Theorie von den 
Anwandlungen ( acces d* facile transmission et de facile reßexion ) 
auf die eigentümlichen Farben der Körper, und benutzt der 
Verf., um dieselben als Folge der Aggregation der Elemente zu 
erklären, blos die allerdings auffallende Erscheinung Thenurd's, 
dafs Phosphor , durch mehrmalige Destillation völlig geläutert, , 
klar und durchsichtig bleibt, wenn er in warmen Wasser lang- 
sam erkaltet, dagegen schwarz und undurchscheinend wird, wenn 
er im kalten Wasser plötzlich erhärtet, und dafs er vorzüglich 
durch die angegebenen Bedingungen ohne Weiteres in den ei- 
nen oder andern Zustand übergeht. Ein eigenes Capitel ist da- 
gegen einer kurzen Erläuterung der von Cartesius und Euler 
früher aufgestellten, nachher von Young wieder hervorgehobe- 
nen, und ganz kürzlich von Fresnel und Arago durch neue in- 
teressante Thatsachen unterstützten und lebhaft vertheidigten 
Theorie von den Undulationen eines Lichtäthers als Ursache der 
gesammten optischen Erscheinungen und der Hypothese der soge- 
nannten Interfürtnw gewidmet. Die Sache selbst ist au» den 



3i8 ßiot Precis elementaire de Physique* 

Me'm. des Institutes, und aus einzelnen Aufsätzen in den Annah 
de c htm. bekannt, kann aber in unseren Blättern weder voll- 
ständig erörtert, noch umfassend heurtheilt werden, so grosses 
Interesse dieselbe an sich und wegen # des heftigen Streites Iriben 
mag, welcher darüber zwischen den Anhängern der verschiede- 
nen Systeme entstanden ist. Ree. will indefs hierdurch einer 
Erklärung in einer so schwierigen Sache keineswegs ausweichen, 
sondern vielmehr bekennen, dafs er sich, aller Achtung gegen 
Newton's Theorie nach der höchst consequenten Darstellung durch 
Biot ungeachtet, schon früher geneigt g fühlt hat, der Eolerschen 
Hypothese beizupflichten, hält es aber zugleich für unverzeih- 
lich, cUfs. auf die hier so sehr einschlagenden Versuche von 
JFrauenhofer gar keine Rücksicht genommen ist, und kann aus- 
serdem den Wunsch nicht unterdrücken $ dafs die Mitglieder 
des Institutes, denen zu solchen Untersuchungen so unglaublich 
viele Hülfsmitlel zu Gebote stehen, die Forschungen über die 
schwierigste physicalische Aufgabe, bei welcher zu irren und 
die irrige Meinung selbst beharrlich tu vertheidigert kaum ein 
Vorwurf seyn kann, ohne leidenschaftliche Parteilichkeit fort- 
setzen mögen. Mit di esem Abschnitte ist , den! irinern Zusam- 
menhange derselben gemäfs, die Darstellung der Erscheinungen, 
welche zur DifiVaction gehören^ verbunden, Und dasjenige kurz 
angegeben, was von Fresnel und sfrago hierin Neues aufgefunden 
ist. Diese Phänomene passen sehr gut zu der Hypothese der Un- 
dulationcn, welches der Verf. auch anzuerkennen sich gezwun- 
gen fühlt. 

Die Lehre ton der Polarisation des Lichtes ist fast ganz 
umgearbeitet, und man ersieht hieraus deutlich die raschen Fort- 
schritte, welche in diesem eben so interessanten als schwierigen 
Theile der physicalischen Wissenschaften seit wenigen Jahren 
gemacht sind. Einiges, in der ersten Auflage Enthaltenes ist weg- 
gelassen, viel mehr Neues aber hinzugekommen, vorzüglich durch 
eine kurze Zusammenstellung der Resultate, welche Brewster und 
Hersckel durch ihre sinnreichen , in den phü. trans. ausführlich 
beschriebenen Versuche über die Erzeugung der Farbenkringe 
in dünnen Blättern vollkommen krystallisirtcr Korper erhalten 
haben. Leider werden hierbei, wie in der Regel von franzosi- 
schen Schriftstellern, die Quellen nicht anders angegeben, als 
wenu zufällig die Priorität einer Entdeckung streitig ist. Die 
Erscheinungen der Polarisation durch Rotation, in festen, tropf- 
bar flüssigen und selbst gasförmigen Körpern erzeugt, welche 
der Verf. und Fresnel vermittelst verschiedener Apparate aufge- 
funden und ausfuhrlich in den Mem. de VInst. von 4817 be- 
schrieben haben, findet man hier kurz zusammengestellt, wovon 
wir aber deswegen keinen Auszug mittheilen, weil die Sache 
ohne Ansicht der Zeichnungen kaum verständlich seyn würde. 



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Sclimidtlin Handb. d. Würt Forst-Gesetzgebung. 3 ig 



Der Verf. versäumt nicrit, mehrmals zu bemerken, wie sehr die 
Erscheinungen der von ihm so genannten polarisation mobile 
mit seiner Theorie Tora Lichte im Einklänge stehen, und mau 
kann eine genaue Uebereinstimmung zwischen beiden keinen Au- 
genblick verkennen. Inzwischen unterläfst er zur Erreichung < 
eiuer allgemeinern Brauchbarkeit seines Werkes nicht, in einem 
eigenen Capitel anzugeben, in wiefern Young, Arago und Fres- 
nel ihre Hypothese der I nterf irences damit zu vereinigen ge- 
sucht haben. Auch in der Wärmelehre, welche den Beschlufs 
des Werkes macht, sind die neuesten Entdeckungen, namentlich 
von Dülong und Petit nachgetragen, wobei nicht ohne Grund 
vorzüglich das schon von Dalton angegebene, von jenen als all- 
gemein gültig dargestellte Gesetz hervorgehoben wird, dafs die 
Atomgewichte der Körper in ihre speeifischen Wärmen multi- 
plicirt , eine beständige Grösse geben. Der Verf. nimmt das Gc-r 
wicht des Sauerstoffs als Einheit an, und findet dann durch Be- 
rechnung von zwölf Metallen und Schwefel die beständige Zahl 
im Mittel, mit geringen Differenzen der einzelnen Grössen, rr=: 
o,37524* Hiernach darf man bei einfachen, und selbst bei zu** 
sammengesetzten Körpern nur ihr Atomgewicht mit dieser Zahl 
dividiren , um die spec. Wärme zu finden , oder diese letztere, 
tun das ersterc zu erhalten. Die kurzen, und daher unvollstäu? 
digen meteorologischen Bemerkungen in der ersten Auflage hat • 
der Verf. in der neuen klüglich weggelassen, weil sie ihres ge* 
ringen Umfangs wegen im Ganzen nicht viel nützen können. 

Eine Uebersicht der Verbesserungen , welche diese neu© 
Auflage vor der früheren auszeichnen, wird unser anfangs aus- 
gesprochenes Urtheil vollkommen rechtfertigen , und es leidet 
wohl keinen Zweifel, dafs dieses Handbuch der Naturlehre einen 
vorzüglichen Rang unter allen übrigen J|ehauptet, und als eine 
wahrhaft klassische Arbeit angesehen werden kann. • 

Handbuch der fVurtembergischen Forst-Gesetzgebung, oder syste- 
matische Zusammenstellung aller über das Jagd-, Fische* 
rei- und Holz - Wesen, so wie über andere zunächst damit 
verwandte Gegenstände vorhandenen altern und neuern Wür- 
tembergischen Gesetze und Verordnungen, Mit historischen 
Erläuterungen. Von Joh. Gottusb Schmidlin. Erster 
Theil. Stuttgart (Metzler sehe Buchhandlung) i8%H. xxzrt 
und 365 Seiten in gr. 8, 

Dieses Werk begreift eine mit unendlicher Mühe, Fleifs und 
Sorgfalt verfertigte Sammlung alles desjenigen, was in der Forst-, 
Jagd- und Fischereiverfassung, Gesetigebung und Verwaltung 
von Würtemberg seit frühester Zeit bis auf uns bestand und 
angeordnet wurde. Die Abfassung des Ganzen, wobei der Verf. 
allein mehr als Einhundert gedruckte und namentlich angeführte * 



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fco Schmiddia Handb. d. Würt Forst-Gesetzgebung. 

Schriften benutzte, empfiehlt sich nicht blos durch eine gute sy- 
stematische Anordnung der Materialien, als besonders durch die 
so sehr zweckmässige getrennte Aufführung aller frühern Rechte, 
Observanzen, Verwaltungs-Vorschriften etc. etc., — welche ge- 
genwärtig nur noch historischen Werth besitzen, — in b< son- 
dern Noten von kleinem» Drucke; so also, dafs durch diesen 
Kcichthum von Nachrichten, Bemerkungen und Citaten die Haupt- 
durstcllung des Wissens werthesten aus den forstlichen Verhält- 
nissen im geringsten nicht unterbrochen wjrd. Der Vf. spricht 
sich hierüber in der Vorrede selbst folgender Gestalt aus: 

» da im Würtembergischen Fürstrechte Manches gar nicht 

»auf positiven Gesetzen und Verordnungen, sondern lediglich 
»auf dem alten Herkommen beruht; da auch veraltete Gewohn- 
heiten Und Verordnungen immer wenigstens ein historisches 
»Interesse behalten; da manche nach langein Schlummer oft wic- 
»der aufleben, oder wenigstens aufzuleben verdienten; da bei 
»vielen schwer zu unterscheiden ist, ob sie noch gelten oder nicht ; 
»und da viele zu wissen nöthig sind, um den eigentlichen Sinn 
»und Werth der neuern richtig beurtheilcn zu können; so hat der 
»Verf. geglaubt, neben den neuem nicht nur auch die ältesten 
»allgemeinen und gedruckten Würtembergischen Verordnungen in 
.»Forstsachen in dieses Handbuch aufnehmen, sondern auch, da 
»diese erst mit dem Ende des i5ten Jahrhunderts beginnen, und 
»vorher höchstens an einzelnen Orten geschriebene Local - Sta- 
»tuten vorhanden waren, auf diese und die ältere Würtember- 
»gische — und zum Theil selbst Deutsche Geschichte zurückge- 
»hen zu müssen, alles Veraltete jedoch in der Regel nur in Nö- 
rten zum Texte geben zu müssen etc. etc.« . 

Nach näherer Durchsicht des Werkes findet man denn, 
welches Chaos von Materalieu der Verf. zu durcharbeiten hatte, 
um dem Würtembergischen Geschäftsmanne das Wissenswürdigste 
im geordneten Zusammenhange darzustellen, und wie sehr er 
sich daher um diesen verdient gemacht hat, indem er ihn durch 
dieses Labyrinth von Gesetzen und Gewohnheiten sicher durch- 
leitet. Jedoch besitzt das Buch auch vieles allgemeines Interesse 
und zwar durch manche schätzbare Bemerkung über die Forst- 
und Jagdrechte in frühester Vorzeil; ferner durch viele sehr 
gründliche Ableitungen und Begriffsfeststellungen von gebräuch- 
lichen forstlichen Ausdrückeu und \\ ortbezeichnungen ; so wie 
durch die mannigfaltigen statistischen und geschichtlichen Nach- 
richten« Merkwürdig in Bezug auf manchen in Würtemberg 
früher bestandeuen, oder vielleicht noch nicht ganz ausgerotteten 
jVdiisbrauch sind die bis vor kurzem gebräuchlich gewesenen 
Reisekosten- und Diäten- Bezüge - 9 gesetzlichen Geschenlmakmen, 
Freüchmäuse , Frcäechen etc. etc. i£ t 

. . j 



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I 



I 



N = 21 » Heidelberger 

Jahrbücher der Literatur, 



* 

* • 

4. tiENnici Cock Trtmsisalani , iuris candidati in acad. Rheno- 
Tratectina, responsio ad quacstionem ab O. J. propositam; 
Quid alea, quis akatör sie ? etc., quae praemium reportavit. 
go S. 8.; — r in den Annalib. acad. Traiectinae* 4847 
bis 4848* 

2. Eiusdem commehtätio de ßne poenis praeposito, cum ex 

rei veritate , tum tx doctrina Ictor. Rom. 45 4*t 
in den Annal. acad. Groning. 4847 — 4848- 

3. Eiusdem comment. de iudiciis mratorum, in certamine Lit- 

terario ex senteiuia Ictor. acad. Lugd. Bat. praemio ornata 
74 4'» — in den AnnaL acad. Lugd. Bat. 484g— »o. 

Jede diesi-r drei Abhandlungen ist auch ei uze In 

zu haben. 

4. Eiusdem disputatio inaug. de argumenta ab analogia, emr- 

que a legis interpretatione differentia. Traiecti ad Rhemw* 
die %8* Mali 48a /. defensa. Davcntriae. 407 S. 4* 

Die vereinigten Staaten der Niederlande waren über anderthalb 
Jahrhunderte der Sitz und der Mittelpunkt des gelehrten mit 
der alten Literatur enge verbundenen Rechtstudiums. Sowohl 
die mehr praktischen juristischen Schriftsteller dieses Landes, als 
die, welche Romisches und Germanisches Rccltt philologisch und 
critiseti bearbeiteten, haben in ganz Europa einen unvergängli- 
chen Namen. Durch die ehemals so zahlreichen niederländischen 
Universitäten wurde das Rechtstudium des sechzehnten Jahrhun- 
derts gcWisserinasseu bis in das neunzehnte erhalteri* Um so 
mehr mufs es daher auffallend erscheinen, dafs vön diesen Schu- 
len jetzt so wenig bei uns, so wie in andern Ländern bekannt 
ist; dafs ein literarisches Schweigen der. Gelehrten in den Nie- 
derlanden diese sö zu sagen ausser Verbindung mit denen an- 
derer Länder gebracht hat. — Sollte jener alte Eifer erloschen 
seyn? Nehmen die Niederländischen lioheh Sehuleri an dem 
Fortgänge der Rechtswissenschaft, besonders des Thciled der- 
selben, in welchem ihre alten Lehrer unsterblich gefordert sitidj 
nam ich des Rom. Rechts, kciiien Antheil mehr? Ist die alte 
gelehrte Verbindung Hollands ttud Deutschland» gänzlich uulgtt* 

21 



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322 Henrici Cock Commeotationes IV, 

hoben? — Wir wissen, dafs wirklich die Meinung besteht, 
der wissenschaftliche Eiler auf den holländischen, obgleich seit 
18 i5 neu restaurirlen Universitäten sey, wo nicht erloschen, 
doch erkaltet. — Dies veranlalst uns, auf einige wissenschaft- 
liche Arbeiten dieser hohen Schuleu aufmerksam 2u raachen, 
welche zeigen möchten, dafs diese Meinung so ganz und gar 
begründet nicht sey. — Es ist wahr, die holländischen Rechts- 
gelehrten schreiben wenig, viele von ihnen sind deshalb in an- 
dern Landern nicht viel bekannt, und manches, was in den 
neuesten Zeiten in Holland erschienen ist, möchte nicht ganz 
den sonstwo jetzt geltenden Ansichten entsprechen. In sehr vie- 
lem sind die Holländer nur Nachahmer von uns und den Fran- 
zosen; sie folgen oft spat dem, was anderswo geschah, so dafs 
in Holland Ansichten mit Feuer als ueu verfochten werdeu, 
welche in andern Ländern fast vergessen sind, dafs Auctoritäten 
da gelten, über welche man in Deutschland und Frankreich nun 
ganz andere hat. Es fallt dem, der mit ihren neuern Schriften 
einige Bekanntschaft hat, in die Augen, dafs sehr oft fremde 
Ansichten nicht richtig von holländischen Schriftstellern aufgefafst 
werden j dafs der Werth mancher Schriftsteller , z. B. Deutsch- 
lands sonderbar verkannt wird, mancher bei uns berühmte Manu 
bei ihnen nur etwa dem Namen nach bekannt ist, wahrend an- 
dere bei uns unbekannte, dort sehr berühmt sind. Die Gründe 
hiervon sind leicht erklärlich, da. nicht gensu mit dem Gange 
der Wissenschaft eines fremden Landes bekannt, nach Literatur- 
zeitungen urtheilend, man sich nothw endig täuschen mu's. Vie- 
les ist übrigens von niederländischen Juristen in neuester Zeit in 
holländischer Sprache geschrieben, die im Auslande nur ausseror- 
dentlich wenig Verehrer hat; so viele Preisschriften von Tjdernan 
in Leiden, Schriften von van Enschütt in Utrecht, u. a. m. — 
Vorzüglich sind die holländischen Rechtsgelehrten für die Wis- 
senschaft thätig durch die Anleitung der Studierenden bei Aus- 
arbeitung ihrer Inauguraldissertationen, welche jeder zu machen 
hat, der promoviren will. Mau bemerkt in allen academischen 
Schriften der juristischen Doctorcn, deren doch jährlich zwi- 
schen 5o und 60 in den drei Universitäten promovirt werden, 
eine gewisse Vollkommenheit, sowohl in der Ausführung, als im 
Style, die ein tüchtiges Rechtsstudium voraussetzt, eine an den 
Universitäten herrschende Wissenschaftlichkeit, die man doch 
nicht überall iu gleichem Grade findet. — Diese letzte wird 
aber besonders durch die Lösung der Preisaufgaben bewiesen, 
welche jährlich für alle Studierenden iu den Niederlanden ge- 
geben werden, die, wenn gleich hie und da Seichtes zum Vor** 
schein kömmt, doch gröfstentheils gut, und manchmal vortrefflich 
sind. Nach der bestehenden Lnivcr^itätsvcrfassung, werdeu die« 

V 



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Henrici Cock Commentationes, IV. 3a3 

"selben in den jedesmaligen Annales auf Kosten der Regierung 
abgedruckt. Es sind in den bis jetzt erschienenen 1.5 — 20 Ban** 
-den der Annalen der niederländischen Universitäten, manche 
herrliche juristische und andere Arbeilen enthalten. So z. B. 
in den Leidener Anu. v. 1818 — 1819. die von //. v. Ranitz 
über die Behandlung der Fremden im Staate nach Grundsätzen 
des öffentlichen Rechts und der Politik. Auch die Inaugural- 
Dissen, dieses Verfassers über die Veitheilung der Gewalten im 
Staate, Groningen 1820, ist meisterhaft geschrieben. In den Lei» 
dener Annal. von 1819 — 1820 die von Philip sc de Ab- 
sentibns. Ferner eine andere voii Ranitz über den Unterschied 
der Ethik und des Naturrechts in den Gröninger Annal. von 
4818 — 1819.; wie auch die Abhandlungen von Den Tex, von 
De IVael und andere. — Wir haben uns zum Ziele gesetzt, 
vier, nach unserm Unheil vorzüglich gut geratheue Abhandlun- 
gen desselben Verfasser in diesen Blattern anzuzeigen, um auf 
dieselben, die vielleicht iti Deutschland noch wenig oder gar 
nicht bekannt seyn möchten, besonders aufmerksam zu machen. 
Diese vier Abhandlungen hat verfafst Herr Cock aus Devcnter, 
welcher in Utrecht studiert, ebendaselbst, nachdem er auf den 3 
Universitäten der nördlichen Niederlande war gekrönt worden, 
im May 1821 promovirt hat, und jetzt am Athenäum seiner Va- 
terstadt Professor der Rechte ist, wo freilich sein Wirkungs- 
kreis, da er nach der sonderbaren Verfassung dieser Schulan- 
stalten alle Fächer der Jurisprudenz zugleich zu lehren hat, sehr 
beschränkt seyn mag. Er hat sich vorzüglich mit dem Crimi- 
nalrechte, dann aber auch mit dem Rom« Rechte beschäftigt; in. 
so fern ist in den vier Abhandlungen etwas Gemeinschaftliches. 
- Sonst aber ist eine sehr ausgebreitete Kenntnifs des germanischen 
Rechts und neuerer Gesetzgebungen, wie auch eine vertraute lie** 
kanntschaft mit den höchsten Grundsätzen des öffentlichen Rechts, 
darin ausgezeichnet. Dieselben sind in einer so herrlichen, so anzie- 
henden Latinität geschrieben, "dafs sie hierin als Vollendete Mu- 
ster gelten können, und den Verf. als würdigen Schüler von 
van Heusolen j des Hauptes der von Hemsterhuis , Ruhnkenius 
und Wittenbach in Holland gebildeten Schule, beurkunden. Wir 
zeigen daher diese Schriften mit so grösserem Vergnügen an, 
da uns deren Leetüre, ob uns gleich die Gegenstände derselben nicht 
am nächsten liegen, doch einen grossen Genufs gewährt hat* 
Bei den erstem wollen wir kürzer und nur bei den letztern et- 
was ausführlicher seyn. — Was uns allein dem Verf. zu wün- 
schen Äbrig bleibt, ist eine genauere Bekanntschaft mit den iu 
Deutschland in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren erschiene* 
nen Schriften über das Rom. Recht, so wie mit der neuem 
französischen juristischen Literatur, namentlich des CrimiuulrecUi*, 

4 iH 



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324 Henrici Cock Coramentationes IV. . 

welche wir bei einem holländischen Geehrten, der in den le- 
benden Sprachen Europa's vollkommen bewandert ist, sehr un- 
gern vermilst haben. Die Ursache davon mag die Schule seyn, 
w'o er gebildet worden; wir haben in allen andern Disserta- 
tionen , die wir kennen , dasselbe bemerkt. 

Nach dieser Einleitung gehen wir zur Anzeige der einzel- 
nen Abhandlungen über, und beginnen mit Nr. i. (dealea). — 
Die Frage war die; Was sind Hasardspiele? In wiefern sind 
sie, nicht von Betrug oder Gewallthätigkeit begleitet, als Ver- 
gehen oder Verbrechen auzusehn? Was vermag die Gesetzge- 
bung gegen dieselben? Darstellung der Gesetze der alten und 
vorzüglichsten neuen Völker hierüber. — In vier Abschnitten 
erschöpft der Yerf. die Frage und den Gegenstand. — C. L 
Notio et indoles aleae et aleatoris. Aus den Alten sind die De- 
finitionen beider geschöpft, und genau bestimmt. A'eae , keifst 
es, sunt , in quibus Jortuna dominatur ludi, swe in iis sola va- 
leat Jortuna, swe ita saltem praeeipuas agat partes, ut , licet 
ars aut peritia ludentiurn victoriam quodnmmodo possit tempe- 
rare , seinper tarnen Jortuna praeponderet. Aleator in der ge- 
wöhnlichen Bedeutung ist Spieler im bösen Sinne des Wortes, 
so kömmt es im Corpus Juris, so in den Classikern vor. — Im 
2ten Capitel wird untersucht, ob Hasardspiele an und für sich 
stratliche Handlungen sind , und was die Gesetzgebung in An- 
sehung ihrer vermag? Es wird gezeigt, dafs das Hasardspiel 
an und iür sich durchaus erlaubt scy; dafs aber aus polizeili- 
chen Rücksichten der Staat dem Spielen voi beugen müsse. Die 
Gefahren und furchtbaren Folgen desselben sind S. 29 und fF. 
meisterhaft mit glühenden Farben geschildert. Sehr richtig wird 
gezeigt, dafs Hasardspiele besonders bei barbarischen lind bei 
übeikultivirten Völkern zu Hause sind. Die historische Verglei- 
chung der alten Germanen, der Hunnen, wilden Amerikaner, 
Westafrikaner und Indier ist interessant. Strafgesetze vermögen 
nichts gegen die Spielsucht; nur durch Einwirken auf die Sit- 
ten fnd strenge Polizei der Spielhäuser kann grossen Uebeln 
vorgebeugt werden. — Im 3ten Capitel ist vorzüglich, die Dar- 
stellung des Rom. Rechts enthalten, wo indessen, obgleich die 
Zusammenstellung recht gut ist, der Verf. doch nicht gerade et- 
was neues sagt. Justinian tadelt er sehr, dafs er aus dem Ge- 
sichtspunkte der Blasphemie Gesetze gegen das Spiel gegeben. 
— Sehr ausführlich und befriedigend ist das 4*c Capitel, beson- 
ders was die Gesetzgebung der ehemaligen vereinigten Provin- 
zen betrifft und die frühere französische. Die drei neuem Ge- 
setzgebungen Preussens, Frankreichs und Oesterreichs werden 
scharf geprüft. — Uebrigens bemerken wir noch, dafs über 
die alea zu Harderwyk im J. 1801 eine Dissertation von van 



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Henrici Cock Commentatlones IV. 3a5 



Meurs, und eine andere zu Leiden im J. 1816 von Luid er- 
schienen ist. 

Die Abhandlung Nr. 2. (de fine poenis praeposito ), welche 
"Wir nur kurz berühren wollen, enthalt eine kritische Verglci- 
chung der verschiedenen Theorien des Strafrechts , besonders 
derer, welche von berühmten deutschen Criminalisten in diesem 
Jahrhundert aufgestellt oder verthenb'gt worden sind, nebst einer 
Iiistorischen Entwickelung der Ansichten der Römer und der 
Komischen Juristen über das Wesen uud den Zweck der Strafe. 
Der Verf. hat die verschiedenen Systeme sehr richtig aufgefafst, 
so wie er die sich hierauf beziehende Literatur vollkommen 
kennt. Er bestimmt sich für die Lehre von Feucrbacli , näm- 
lich, dafs der Zweck der. Strafe Abschreckung von Gesetzver- 
letzungen durch psychologischen Zwang scy. — Cap. I. De «o- 
tione poenae. Der Begriff der Strafe wird bestimmt, falsche Be- 
griffe werden, widerlegt. . Durch Vergleichung des gemeinen 
Sprachgebrauchs und des Begriffes der Belohnung wird der 
Begriff der Strafe so angegeben: Est poena civilis medum, quod 
ob actiones admissas legi contrarias alicui a civitate ajfligitur. 
Der Verf. unterscheidet daher Strafe von allen Uebcln, die we- 
gen künftig möglichen widerrechtlichen Handlungen zugefügt 
werden, als der Selbstverteidigung, Züchtigung, Prävention 
u. s. w. Der Verf. ist in seiner Darstellung sehr klar und be- 
stimmt, in der Dialectik geübt. — Cap. IL De fine poenarum 
constituendarum und Cap. III. de fine poenarum exequendarunu 
Hier unterscheidet der Verf. nach dem Muster unserer Crimi- 
nalisten , den Zweck des Androhens und deu des Zufügens der 
Strafe. Erstercr ist Mittel zur Verhinderung widerrechtlicher 
Handlungen im gesellschaftlichen Vereine des Staates, dem, da 
er zur Sicherung der Rechte geknüpft ist ; alles widerrechtliche ge- 
radezu entgegenläuft , was" folglich nicht existiren soll. Die 
Mittel es zu verhindern sind verschieden, Erziehung, Bildung, 
Befestigung der Moral durch die Sitten, Religion, Bei der Un- 
vollkornmenheit der menschlichen Natur und der Macht der Lei- 
denschaften im Menschen sind aber diese Mittel nicht ausreichend; 
der* Staat mufs oft auf eine gewissermaafsen mechanische Art 
Widerrechtlichkeit zu verhindern suchen j diefs geschieht durch die 
Strafe, und insbesondere durch deren Androhung, welche psy- 
chologisch den, der ein Verbrechen begehen will, davon ab- 
schreckt. Sehr interessant ist die hierher gehörende Ausführung 
.des Verfs. S. 21 — 26. in reinem Latein geschrieben. Die 
Zufügung der Strafe ist nun die Wirkung der vom Gesetze als 
strafbar erklärten Handlung, und mufs geschehen zur Aufrecht- 
haltung des Gestzcs selbst, welches sonst ein leerer Schein seyn 
würde, S. 27. — Die wirklich statthabende Strafe also besieht 



3a6 Henrici Cock Conamentationes IV. 



sich auf die vergangene Handlung , obgleich die angedrohete, 
also künftig mögliche Strafe auf künftige Handlungen geht. So 
lieht sich der Verf. aus dem Vorwurfe der Inkonsequenz gegen 
die früher gegebene Definition, welcher das zweite Capitel ent- 
gegen zu sejn scheint. Mit wenigeu Worten giebt er S. 3t. 
folg. seine Grundansicht an. Wir enthalten uns aber aller Er- 
örterungen einzelner Punkte, so wie einer Kiittk von des Verfs. 
Meinungen» — Pas Cap,lV. handelt de fine poenis praeposito ex 
antiquitatibus , Romanorum legibus, philosophorum epinionibus. 
In den ältesten Zeiten der Römer gab es keine eigentliche Ge- 
setzgebung. Die königliche Gewalt war, nach dem Verf. 
unbeschränkt, in sofern war von einem System des Strafrechts 
nicht die Hede. Die in den Historikern enthaltenen Erzählungen 
von den in jenen Zeiten geschehenen Bestrafungen werden auf- 
gezählt, und scheinon alle als' historische Wahrheit genommen 
zu werden, Die Grundidee des XII. Tafelge$etzcs bei straf- 
rechtlichen Bestimmungen war ihm vindicta privat üj selbst hei 
poenis pablicis (??). Späterhin wurde die CriminalgcseUgcbung 
nach Linus I, üo. -»Nu Iii genti mitiores placuisse poe- 
jias* milde, indem freiwilliges Exil von aller Criminalstrafe be- 
freite. Die Ansichten der griechischen Philosophen werden aus 
Gelfius VL 4* Puniendis peccatis (res esse debere caussas exe 
stimatum est, entwickelt, welche auf Rom. Schriftsteller über- 
gingen, Die S. 3; — 39, eingestreuten Bemerkungen sind in- 
teressant. Der Unbofangene wird vielleicht eher den Alten darin 
beistimmen, dafs die Grunde von .Strafgesetzen naph Verschie- 
denheit der Falle- verschiedene seyn können, als den Neuern, 
welche, oft ohne Noth, alles auf einen Grundsatz zurückfuhren 
wollen. Im Cap. F % De fine poenis praeposito ex doctrina 
Je forum Hornau or um , zeigt er auch, dafs uach den Ideen der 
Rom, Juristen der Grund und Zweck der Strafen verschieden 
sejn kann, nämlich »Abschreckung anderer vom Verbrechen, 
weshalb jemand gestraft wird) so Tryphoninus in L. 3*. pr. in 
f. D. deposüij Callistratus in l % , penalt. D. de poenis und 
anderswo; Piocletian und Maximian in /, 44- C* de poenis fi. 
deshalb Capi talstraf eo bei den Römern; andere Strafen waren 
emendationis et castigationis gialia\ wie Ulpiau bemerkt L. g. 
£. 4- P t de °ffi Proeons und Paulus in L, «p, D, de poenis ; 
endlich Genugthuung des Beeinträchtigten» S, 44» 45. — * 
Der Verf, benutzte in dem letzten Capitel die bekannten Schrif- 
t» n von Cropp\\ nd Welcker n Die ganze Abhandlung zeugt von 
tiefem philosophischem Auflassen des Criminalrechts und von 
historischem Studium des Römischen, auch in diesem etwas ver- 
n.achiä$.si£ten Fache, 

Ar. J, ( de iudieiis iuratorumj. — Einer der ersten Akie 



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t ^ J 

Henrici Cock Commentationes IV. 327 

der königlich o ranischen Regierung in den vereinigten Provinzen 
der Niederlande war bekanntlich die Aufhebung der Jury, wel- 
che im vormaligen Königreiche Holland während seiner Verbin- 
dung mit dem französischen Kaiserreiche, war eingeführt wor- 
den (Besluit vom 11. Dez. 18 13.). Das Decret wurde i8i5 
auch in den südlichen Provinzen des vergrösserten Königreichs 
der Niederlande in Vollzug gesetzt. Seit der Zeit war dann in 
den verschiedenen Theilen desselben beständig von der Sache 
die Rede, die Meinungen über die Vortrefflichkeit der Jury 
waren aber gelheilt. Die an so vielem Französischen mit einer 
oft blinden Harnackigkeit hangenden Belgier lobten die Ge- 
schwornensrericlitc bei jeder Veranlassung, und 1820 drangen 
in den meisten Provinzen die Provinzialstaaten bei Gelegenheit 
der vor sich gehen sollenden definitiven Organisation der Ge- 
richtsverfassung auf Wiedereinführung derselben. Um diese Zeir, 
wo überhaupt in Europa so sehr viel über die Jury gesprochen 
wurde, gab die juristische Facultät der Universität Leiden ihre 
Preisaufgabc über diesen Gegenstand auf; und zwar verlangte sie 
nach geschichtlicher Darstellung des Ursprungs der Geschwor- 
nengerichtc blos eine Zusammenstellung der Gründe gegen und 
fär dieselben, ohne dafs der Verf. seine Meinung darüber äus- 
sern sollte. — Herr Cock fühlte sich berufen, auch hier zu 
coneurriren, obgleich es ihm, wie er in der Vorrede bemerkt, 
an Zeit mangelte, und wurde mit dem glänzendsten Erfolg ge- 
krönt. Seine Dissertation zerfällt in 4 Capitel. i ) Idee der 
Geschwoincngcrichtc, 2) Geschichte derselben, 3) Gründe da- 
gegen, 4) Vcrtheidigung derselben. — Die Entwicklung des 
Begriffes und Wesens der Jury ist lichtvoll, der natürliche Ur- 
sprung von Geschwornengerichten bei freien wohleingerichteten 
Staaten so herrlich erklart, dafs man schon darin die schönste 
Verteidigung der Geschworncngerichte und sogar ihre Not- 
wendigkeit bei gebildeten Völkern findet. Die Geschichte 
zeigt , dafs bei den alten Völkern die Gerichtsordnung ähnlich 
geordnet warj die eigentliche Jury der Neuern aber germani- 
schen Ursprungs, in England allein erhalten, auf eine eigentüm- 
liche Weise ausgebildet, und in Frankreich nicht auf das glück- 
lichste nachgeahmt sey. Er begegnet S. 2 5. Meyer, der in dem 
bekannten Werk: Esprit, Online etc. des Institut ions judici- 
aires VoL IL, die Jury von den Kreuzzügen herleiten wollte, 
und zeigt, dafs diese Gerichtsverfassung altangelsächsisch war 
und sich selbst nach Eroberung Englands durch die Normannen 
daselbst erhielt. — Im dritten Capitel giebt der Verf. wieder 
neue Beweise seiner grossen diabetischen Gewandheit. Denn 
er bekämpft die Vertheidigcr der Geschwornengcrichte mit so 
tüchtigen Waffen, dafs mau sehr geneigt ist, ihm darin beuu- 



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3a8 öenrici Cocfc Cororqeptationes IV» 



stimmen; die Jury stehe einem eigentlichen gutbesetzten Ge* 
richte in jedem Staate immer nach, und habe die vielen gerühm- 
ten Vorlheile nicht, welche man ihr abschreibt, Wir. .verweisen 
daher die Gelehrten, welche dieser Gegenstand der Crimin*l- 
gesetzgebung näher angeht, ganz besonders hierauf. Von klein- 
lichen Ausichten ist hier durchaus nichts zu finden, alles ist tief 
aufgefatst und reif erwogen. Uebrigens ist der Verf. oft Feu- 
erbach gefolgt, so wie Mittermaier, Und den Verfassern der hol- 
ländischen. Briefwechselung über die bevorstehende Gesetzge- 
bung der Niederlande, nämlich Meyer und Tydemann, Meh- 
rere ganz neuerdings in Frankreich und Deutschland erschienene 
Schriften scheint er nicht gekannt zu haben. — Das 4te Capitel 
schliefst sich wieder an das erste an, und beurkundet sehr den 
Geist der Unparteilichkeit, in dem er schrieb, und so die 
richtige Lösung der Frage. — So endigt der Verf. auch mit 
4en Worten von Dionys. Halicam. Tuto psvrorro sßo( voXkote 
*y votfoLOXOi cttyopfjiccc rotQ evouveiv ßaXofisvoiQ r\ ^sysM. 

« — Die uns entfernter liegende Erörterung des Einzelnen der 
Abhandlung überlassen wir unsern criminalistischen Schriftstel- 
lern, welchen sie in dieser Zeit gewifs willkommen sevn wird. 

Nr. 4* (de argum. ab tmalogia ) ist die Inauguraldissertation 
dcsVerfs, welche, gleich ausgezeichnet wie die vorhergehenden, 
sich mehr auf das Qvilrecht bezieht, Der Gegenstand ist wich- 
tig — vielleicht zum erstenmal in diesem Umfange dargestellt; 
obgleich schon andere Rechtsgelehrteo die auf dem Titel ange- 
gebene Gruudansicht des Verls., die er zuerst zu haben glaubt, 
t heilten; wie z. B. Heise im Grundrifs, B. I. C. 1. §,8 und 
i6; und Hufeland, Die ganze Dissertation zerfallt in 8 Ca- 
pitel. — C. /. De jure eivili ejusque investigandi ratione. — ■ 
Nach Erläuterung des Begriffes von Recht und der Aufstellung 
des Grundsatzes, dafs alles Hecht seinen Grund und Ursprung 
im Willen des Gesetzgebers (des sunwius imperatis im Staate} 
habe (?), entwickelt er, auf weiche verschiedene Weise dieser 
Wille erforscht, und die Gesetze ihrem Wesen und Geiste ge- 
jnäfs angewendet werden müssen. Er unterscheidet : i) die /n- 
spectio ctavae legis j 2) die Interpretatio dubiae legis \ 3) die 
Jnyestigatio iuris priueipigrum collatis in(er se legibus; und 4) die 
analogica legis aeeonunodatio, — Nach diesen Grundideen entwickelt 
er die drei letzten Punkte mit Rücksicht auf das Hörn, Recht und 
die «euere französische Gesetzgebung, — Cap. IL De intern 
pretatiom legis, Nach der WorterUarung von interpretari und 
iiiWpres — - was er von int er partes (nicht etwa wie wtamen* 
tum von mentis testatia?) herleitet beschränkt er den Be- 
griff auf die Auslegung zweideutiger Gesetze, gegen die ge- 
wöhnliche, und wie man wohl sa^eo k«nu, richtigere Ansicht, 



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Hcnrici Cock Commentatiooes IV. 329 

+ 

welche die Auslegung in allgemeinerem Sinne nimmt. — Inter- 
pret alio est declaratio sententiae legis dubiae. — Nach Aufcah- 
lung der bekannten Einteilungen der interpretatio sucht er vor- 
züglich zu zeigen, dafs die in grammatische und logische, so 
vie in declarativc, extensive und restriettve gänzlich verworfen 
werdeu müssen. . Denn es sey einerlei, auf welche Weise man 
zur Kenntnifs des Inhaltes eines Gesetzes komme, alle Ausle- # 
gung sey declaratwa, und die letztern seyen sehr vag und wür* 
den von den Meisten mit der Beschränkung der Gesetze oder 
Ausdehnung derselben auf nicht unter ihnen enthaltene Falle 
verwechselt. Hierauf erläutert und bekämpft er die Lehre von 
der extensiva und restrietwa interpretatio > die von dem Grund- 
sätze ausgeht, dafs der Inhalt eines Gesetzes ( dispositio legis) 
lediglich aus den Beweggründen des Gesetzgebers (ratio legis) 
zu bestimmen sey; deshalb das Gesetz für die Fälle nicht ge- 
höre, auf welche jene Gründe nicht passen, und folglich zu be- 
schränken sey — interpretatio legis restrictiva — nach der Re- 
gel: cessante legis ratione lex ipsa cessat; während, wenn noch 
andere Fälle sich fänden, die unter dem Gesetze nicht begriffen 
sind, allein nach den Beweggründen des Gesetzgebers darunter 
begriffen seyn können, — es dahin gehöre: extenswa interpre- 
tatio. Zuerst zeigt der Verf. wie und wann jene Regel : ces- 
sante legis ratione lex ipsa cessat, nicht anwendbar sey — ■ 
nämlich, wenn man das. Gesetz auf Fälle, für welche es wirk- 
lich und ausdrücklich gegeben ist, deshalb nicht anwenden wolle, 
weil die Beweggründe, welche dasselbe in seiner Allgemeinheit 
veranlagst haben, im einzelnen Falle nicht passend gefunden wer- 
den möchten. Dies ist sehr glucklich mit Erläuterungen durch 
Beispiele des Rom. Rechts durchgeführt S. 16 — 20 j wo er 
richtig sagt: Neque si ad siniplicem rei natura/n attendas. ne- 
que si Ictorum Romanorum doctrinatn respicias ß in sola rati- 
one legis certam quandam et universalem sententiae seu volun- 
tatis notam esse repositam elucet , ita ut cessante legis ratione 
cesset ejus dispositio. Wir machen hier den Verf. auf die schon 
seit langen Jahren bekannte classische Ausführung Thibaut s auf- 
merksam: Logische Auslegung; ate Ausg. 4806 S. 111 sqq., 
wenn er sie noch nicht kennen sollte. — Auf gleiche Weise 
darf ein Gesetz nicht in andern Fällen deshalb statt finden, weil 
es gut und nöthig geweseu wäre, dafs es der Gesetzgeber auf 
diese ausgedehnt hätte S. ao ■ — • ai. — Hingegen gicbt es 
Fälle, wo der Inhalt des Gesetzes sich blos durch die Beweg- 
gründe des Gesetzgebers bestimmen lafst 9 wo gerade die dispo- 
sitio legis so viel umfafst , als die ratio ; daun gilt der Grund- 
satz: cessante ratione cessat lex ipsa; wie in /. 6* §. 2. l- 45. 
D % de Jure patronqtus; 1.4 pr. 13* pr. D. de statu defunetorum. 



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33o Henrici Cock Commentationes IV. 

S. 19, 20; so wie in einem solchen Falle, so weit die ratfa 
geht, das Gesetz auszudehnen ist, was Ulpian selbst sagt: in 
/. 7. />. de jnrisdictione , und L. /. /. //. §. /. D. de his, qui 
notantur mfamia. — Im Grunde siud, wenn ein an und für 
sich dunkel abgefafstes Gesetz blos aus der Absicht des Gesetz- 
gebers und diese aus den Beweggründen zu erklären ist, die 
9 beiden letzten Grundsätze wahr; uiclit aber, wenn von der An- 
wendbarkeit eines an und für sich deutlichen Gesetzes die Rede 
ist. S. a3. Thibaut a. a. O. S. 68 folg. Die Richtigkeit dieser 
Theorie beweist der Verf. durch Beispiele S. 23 — 36, und 
giebt zugleich an , wie man die Beweggründe und die Absicht 
des Gesetzgebers erkennen könne, sowohl wenn von beschrän- 
kender, als wenn von ausdehnender Auslegung die Rede ist. 
Cap. Hl- De prineipiis ex legutn coüatione deducendis. Hier 
zeigt der Verf. grossen Scharfsinn und ciue sehr gründliche An- 
sicht vom Rechte üherhaupt. Nämlich' der Rcchtsgelehrte mufs 
aus den Gesetzen durch Vergleichung leitende Grundsätze ab- 
leiten, die zwar nicht ausdrücklich ausgesprochen sind, aber die 
Grundlage derselbe« bilden; — Wie richtig dieses bei der 
Behandlung des Rom. Rechts ist, springt von selbst in die Au- 
gen, allein auch bei neueren Gesetzgebungen, ob sie gleich aus 
allgemeinen Grundsätzen bestehen, wie z. B. bei der französi- 
schen, ist dies anwendbar. Der Verf. zeigt S. 38. die Ver- 
schiedenheit der Alten und ^Neueren nicht allein bei Behand- 
lung der Rechtswissenschaft, sondern auch bei Abfassung der 
Gesetze. Bei jenen ist jedesmal ein Auflassen und Bestimmen 
des Einzelnen die Hauptsache; der allgemeine Grundsatz wird 
stillschweigend vorausgesetzt und im Gesetze schon angewandt, 
in der Wissenschaft in seiner Anwendung gezeigt. Daher wir 
aus den Pandekten viele solcher allgemeinen Grundsätze ablei- 
ten, die gelegentlich von den Juristen auch angegeben werden« 
Der yerf. weist mehrere solche Grundsätze nach, und zeigt 
ihre Anwendung bei den Alten durch Jahrhunderte hindurch. 
Z. B. Quod ab i ratio vitiosurn est, non potest temporis tractu 
convalescere ; Libertas omnibus rebus favorabflior cst\ u. s. w. . 
Diese Ideen sind nicht allein Entscheidungsgründe der Juristen 
und der Richter sondern auch leitende Principien bei Abfassung 
von Gesetzen gewesen. Die Ausführung verdient nachgelesen 
zu werden S. 39 — 44: Ferner zeigt er auch im Code die 
Wahrheit seiner Ansicht, in der Lehre von der Nichtigkeit der 
Ehe, wo er ausfuhrt: die Idee des Codes sey, wie in den Mo- 
tifs angedeutet ist; qu'd n'y a pas de nullit d absolument irre" 
parabU a hormis cell« , ou le mariage devient un crime** comme 
dans les cas d'inceste et de bigamie. Dadurch löst er sehr leicht 
eiue Menge von Streitfrager, die aus den unter einander nicht 



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Henrici Cock Commentationes IV. 33 t 



harmonierend scheinenden Artikeln: i44 — *46, *8i — 486 
und anderen entspringen. Bei dieser ganzen Entwickelung zeigt 
er, wie man immer den Grundsatz der L. /. D. de reg. jur, 
befolgen müsse, »Non ut ex regula jus sumatur, sed ,ex jure, 
quod est, regula fiat ;« Warnungen gegen alles Hineintragen 
a priori gebildeter Sätze in das positive Recht , um dadurch 
demselben höchste i rundsätze zu geben. — C. IV. De a/ta- 
logia, argumentoque ex ea dedueto. Hier wird ausführlich das 
Wesen dessen, was man Analogie und analogischc Anwendung 
des Rechts nennt, dargestellt. Sehr wahr scheint uns die Be- 
stimmung, dafs analogische Anwendung im Recht das sey, was 
die Proportionen in der Mathematik sind; wie sich zwei Falle 
zu einander verhalten, so werden auch die Grundsätze sich zu 
einander verhalten, nach denen sie zu entscheiden sind. Ist 
also nur über einen ein Gesetz da, der andere ihm ähnlich, 
und der Grund derselbe, so wird das Gesetz auf den zweiten 
auszudehnen seyn. Cicero (Fragm. de universo cap. 40 sagte 
selbst, dafs man das Wort ccvakoyicc mit proportio übersetzen 
könne. Seineu Begriff erläutert der Verf, durch Beispiele des 
Rom. und französischen Rechts. S. 5* — 56. — Cap. V. De 
iisu anologiae in jure Romano. Aus der Geschichte des Rom. 
Rechts wird nachgewiesen, wie notbwendig bei den Römern, 
wo wenige G esetze waren, die analogische Anwendung den Ju- 
risten gewesen scy. Die geschichtliche Darstellung ist sehr an- 
genehm geschrieben. Was man aber hier, so wie in der gan- 
zen Schrift vermifst, ist die Bekanntschaft des Verfs. mit dem 
Gajus von Verona, welcher ihm vou gröster Wichtigkeit gewe- 
sen wäre, und manchen Irrthum verhindert haben würde. So 
z. B. die ältere irrige Ansicht der legis actiones , S. 60. Ue- 
brigens wundere man sich liier üb er nicht; denn auf den hollän- 
dischen Universitäten bat man wenig Werth auf die Entdeckung 
des Gajus gelegt; in Leiden liels mau schon vor der Heraus- 
gabe desselben merken, dafs die deutschen Juristen zu viel Werth 
auf den neuen Fund legten, und die Rechtslehrer in Utrecht 
möchten wohl eben dies glauben. (Nur Groningen macht eine 
Ausnahme; hier wurde ein Theil des ersten Buches des Gajus 
zum Gegenstand einer Preisfrage gemacht, welche sehr gut be- 
antwortet worden seyn soll). Ferner scheint dem Verf. die 
neuere Behandlungsart der römischen Geschichte und Rcchtsge- 
schichte, die wohl jetzt auch schon im Auslande Beifall findet, 
wenig bekannt zu seyn. — Indessen hat er sehr richtig den 
ganzen Zusammenhang der Veränderungen des Rom. Staats und 
Rechts aufgefafst. Irrig ist seine Ableitung der substitutio pa- 
pillaris aus der als falsch erwiesenen, von Zimmern (neue rechtl. 
Untersuchungen S. 46.) noch genauer berichtigten Restitution 



332 Henrici Cock Coromentatrones IV. 

der XII Tafeln : Paterfamüias uti legassit super pecuniae tute- 
lacve sitae rei, etc. weil die Kinder (wie er meint) als ein Ei- 
genthum des Vaters unter der prcunia begriffen gewesen. — 
Die drei folgenden Capitel enthalten min die Ansichten über 
die Erlaubtheit und den Werth der analogischen Anwendung 
des Hechts überhaupt. — Das C. VI. ist überschrieben: de aud- 
io gica leg um produ'ctione ipsa vi muneris judici non permissa. 
Des Verfs. Ansicht ist, dafs, wenn eine Gesetzgebung die ana- 
logische Anwendung nicht gestatte, der Richter sich deren nicht 
bedienen dürfe; der Orund ist, weil der Richter keinen An- 
theil an der gesetzgebenden Gewalt habe, diesen aber sich an- 
massen würde, wenn er das Gesetz auf Falle ausdehnen wollte, 
für welche es nach dem Willen des Gesetzgebers nicht gege- 
ben sey. Hier geht er offenbar zu weit; gerade durch die 
analogische Anwendung der Gesetze wird die Gesetzgebung er- 
gänzt und alles gewisser: in allen Gerichtshöfen findet sie täg- 
lich statt, nach der weisen Anleitung der bekannten Stellen, 
/. 4o — 43. D. de legibus, , die gewifs nicht ursprünglich 
durch ein Gesetz proclamirt wurden. Die Analogie schliefst 
sich an die Auslegung der Gesetze an; der Richter wenn er 
daher bei Stillschweigen derselben in ihrem Geiste Falle ent- 
scheidet, ist gewifs nicht Gesetzgeber, da er immer noch dazu 
nur den einzelnen Fall entscheidet, aber keinen Grundsatz für 
alle Fälle vorschreibt. Uebcrhaupt findet sich das zu strenge 
Trennen der Gewalten mehr in der Theorie, als in der Wirk- 1 
lichkeit; und wenn die Gewalt des Richters zu beschränkt ist, 
wie die Freunde der Gesetzbücher es wollen, so verliert sie 
viel an ihrer fiedeutung und Würde im Staate, sie soll doch 
nicht zu einer blos mechanischen Einrichtung herabsinken? Mit 
Recht ist die analogische Anwendung . bei Strafgesetzen , die 
bierin als jus singulare gelten, ausgeschlossen. Uebrigens ist 
auch diese Ausführung des Verfassers sehr scharfsinnig. — Die 
Notwendigkeit des 7tcn Capitels: de juris dicendi norma non 
dc/iciente, etsi ad argumentum ex analogia duetum non recur- 
ratur, wird durch das Cap. VI* veranlasset. Freilich wird der 
Verf. nun einigermassen inconsequent. Während er das Recht 
der analogischen Anwendung der Gesetze dem Richter abspricht, 
lafst er S. 86. zu, dafs dieser nach eignen Einsichten beim Still- 
schweigen der Gesetze entscheide, dafs er namentlich den Klä- 
ger abweise, wenn er nicht auf Gesetze oder Grundsätze, die 
aus dem ganzen System der Gesetzgebung sich ergeben, provo- 
cieren könne, so wie der Strafrichter, nach dem, S. 79 — 84. 
weiter entwickelten Grundsätze: Nullum delictum sine lege poe~ 
77 all lossprechen müsse. Am meisten baut er auf das Anwenden 
der leitendeu Principien eiuer Gesetzgebung, -wovon er im 3ten 



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Abhandlungen aus d. Forst- u. Jagdwesen. 333 

Cap. gehandelt hatte. — In diesem, so wie im letzten Capi- 
tel : de incommodis , quarum ansani praebet analog ia — geht 
der Verf. immer von der Ansicht aus 7 dafs alle Hechts Wahrhei- 
ten auf Gesetzen beruhen und beruhen müssen, und dafs es 
ausser diesen keine gebe, und in einem wohlgeordneten Staate 
keine andere geben dürfe; wenn nicht das Recht in die gröfste 
Verwirrung gerathen solle. Da über diese Ansicht die gröfsten 
Rechtsgelehrten auch unserer Tage so sehr getheilt sind, so ist 
hier der Ort nicht, über sie mit dem Verf. zu streiten; wir 
verweisen auf die Ausführungen von Hugo (Mag. IV. S. 89. ff.) 
und Savigny (Beruf und Zeitschrift Band I.). Es kann nur be- 
merkt werden, dafs bei den Römern, obgleich die Zahl der 
Gesetze nicht sehr grofs war, dennoch die Verwirrung nament- 
lich zur Zeit Ulpians so furchtbar nicht gewesen sej, — dafs 
eine tüchtige Wissenschaft, wie schon vor Jahren gesagt wor- 
den ist, wohl vieles, was der Gesetzgebung fehlt, ersetzen 
könne. L. A. fVarnkönig. 



Abhandlungen aus dem Forst - und Jagdwesen. Aus 
Christian Karl Andres öconomischen Neuigkeiten und 
Verhandlungen (Zeitschrift ßir etc. etc.) — besonders ab- 
gedruckt. Erster Band, enthält die in den Jahren 484$ 
und 48 20 in den öcon. Neuig h. ab gedr. Aufsätze aus dem 
F. und J. IVesen. Mit Tabellen. Prag ( bei Tempsfy ) 
48*4. »3» Seiten in 4. 

j 

Der allgemein bekannte Hr. Verf. giebt in der Vorrede an: 
dafs dieser besondere Abdruck foi stwissenschaftl. Abhandlungen 
dem forstlichen Publicum den Ankauf der öcon. Neuigk. über- 
heben solle. Diese Trennung des forstlichen Inhaltes dieser Zeit- 
schrift von den landwirtschaftlichen Gegenständen wäre nun 
wohl gleich beim Beginnen dieser Zeitschrift sehr' zweckmässig 
gewesen, weil es dem Landwirthc, für den die Öcon. Neuigk. 
vorwiegendes Interesse hatten, den Ankauf der forstl. Abhand- 
lungen erspart hätte; ob aber jetzt noch wenigstens für den 
Forstmann diese Absicht erreicht werde, bezweifelt Ref. aus dem 
Grunde, als Hr. Andre bisher auf den forstlichen Inhalt seiner 
Zeitschrift zu wenig Sorgfalt verwendete, um ihm ein besonde- 
res Publicum verschaffen zu können. 

Wer nämlich die Öconomischen Neuigkeiten kennt, wird 
den Werth der hier frisch aufgetragenen, angeblichen Abhand- 
lungen zu schätzen wissen. Nur sehr, wenige Aufsatze Yeraicnen 



r 

334 Virgilii opcra. Horatii opera. e3. Bothe. 

diesen Namen, und selbst diese enthalten 0 egenstände , die noch 
nie den Beifall von Sachkennern erlangt haben und ihrer Na- 
tur nach auch nie erlangen kounten. Ref. zahlt hierher nament- 
lich die Abhandlungen und Streitigkeiten über Waltlabschätzung 
undWal Werthbestimmung zwischen einigen Oestcrn iehiscIienForst- 
mannern, deren sonderbare Ideen man bisher in dem gebildete- 
ren Forstpublikum weder zu verstehen wufste. iroch beachtete 
(vergl die Nummern 6 bis 12, 17, 24, 26). Ferner die Auf- 
satze über "VValdkultur in Nro. 20 und 21; und die gehalt-und 
musterlosen statistischen Beiträge Oesterreichischer Landestheilefdie 
imHesperus und in den ök. Neuigk. schon so oft den auswär- 
tigen Leser ermüdeten!) in Nro. 3 und 22. Alles l'ebrige 
besteht in einer Art von beurteilenden Auszügen aus andern 
gedruckten Werken und besonders aus allgemein gelesenen, Zeit- 
schriften, wie z. B. Hartig's Archiv ; weiche zudem mit solcher 
Ausführlichkeit ausgezogen sind, dafs man Hr. Andre ohne Wei- 
teres des Nachdrucks belangen könnte. So nehmen z. B. die 
Auszüge aus Laurop und tVedekinds Beiträgen Nro. 19, 20, 2i 
und 25 beinah allein ein; und der Lehrplan der Forstlehranstalt 
xu Tharand füllt i% Bogen in Nro. i3 aus. 

^ Ref. begreift nicht, wie der sonst so verdiente Hr. Verf. 
dergleichen Waare Unkundigen für den hohen Prejs von 4 A« 
für 3i Bogen anbieten kann; zudem als ihm diese Blätter bei- 
nahe gar nichts gekostet haben. Es bestehen dieselben nemlich 
ganz aus demselben Satze, der schon für die ök. Neuigkeiten 
gedient hat , und dem man unmittelbar nach Abdruck dieser nur 
andere Ueberschriften und Seitenzahlen beifügte und alsdann für 
die gegenwärtige Sammlung von Abhandlungen nochmals beson- 
ders abdrucken lies. Ä 



P, Virgilii Moronis opera. Demto ouravit Frid. Henr. Bö~ 
the j D. Phil, etc. Tom. I. S. %i5. Tom. II. S. 3 28* 
Manhemii apud Tob. Loejßerum MDCCCXX. 8. 

Q. Horatii Flacci opera curavit Fr id. Henr. Bothe , D. 
Phil. etc. Editio altera emendatior. Tom. I. S. VIII und 
444. Tom, II. S. 433 und u3. ( Index J. Ibid. MDCCCXX. 
.8. 

Die neue Gestalt, in welcher die beiden gefeierten alten' Dich- 
ter hier erscheinen, — eine Fortsetzung des mit Ovid und Sal-* 
lust begonnenen Unternehmens einer verbesserten Wiederauflage 



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Virgilii opera. Horatii opera. ed. Bothe. 335 

der vor 4o Jahren durch die Mannheimer gelehrte Gesellschaft 
veranstalteten Ausgabe der lat. Classiker — kann um so weni- 
ger Gegenstand einer ausführlichen Critik werden, da in ihr 
eigentlich kein, neu constituirter Text, auch kein neuer Com* 
meutar gegeben wird. Wir erhalten in ihr nichts, als eine ver- 
besserte und vermehrte Auflage. Schweigen indefs wollen diese 
Jahrb. von ihrer Erscheinung nicht, da selbst nur eine neue Auf- 
lage so geschätzter Classiker für die Literatur schon von Wich- 
tigkeit ist; und sie thuu ihrer um so lieber Erwähnung, weil 
Herr Bothe, dem die Besorgung übertragen war, den Dichtern 
wirklich eine der Erwähnung würdige Mitgabe verliehen hat. 
Eine Darlegung des Verhältnisses der neuen Auflage zu der 
'779 erschienenen ersten, nebst einer kurzen Angabe des Neu- 
hinzugekommenen ist also der Zweck dieser Zeilen. 

Horazius. Der Text ist, wie gesagt, im Wesentlichen der 
alte; nur in der Orthographie und Interpunktion sind manche 
zweckmässige Veränderungen vorgenommeu worden. Voran- 
gestellt ist auch hier die angeblich von Sueton verfafste Lebens- 
beschreibung des Dichters mit wenigen Anmerkungen und Be- 
nentigungen. Die jedem der beiden Bände in der ersten Aufl. 
angehängten Varianten vermifst man hier als besondern Anhang. 

TV . • . 

Das Verzeichnifs der vorzüglichsten Ausgaben ist wieder abge- 
druckt, jedoch verbessert und beinahe um 2 Dutzend Nummern 
vermehrt. — • Als völlig neue Zugabe haben wir Folgendes an- 
zusehen. Unter dem Text sind die wichtigsten aus neuem und 
altern Ausgaben genommenen Varianten, wie auch wichtige y zum 
besseren Verständnisse schwerer Stellen verhelfende Resultate 
der besten Interpreten, abgedruckt. Neben jeder Ode ist am 
Rande das jedesmalige {Vfetrum kurz angegeben, auch sind die 
Argumente der Gedichte, wo es nöthig war, verbessert wor- 
den. Ausser einem, den Anfang eines jeden Gedichts angeben- 
den, alphabefisch geordneten Register ist eiu ziemlich vollständi- 
ger Inder rerum paulo memorabiliorum beigefügt, der hauptsäch- 
lich auf den Horazischen Ausdruck und auf Sentenzen Rücksicht 
nimmt, welche man gerne bei schicklichen Gelegenheiten als 
Kemsprüche des grossen Dichters anzubringen pflegt. Dieser 
Index enthält auch f. Horatius die Conjecturen des Heraus- 
gebers, wovon manche sich durch Simplicität und Ungezwungen- 
heit empfehlen und , iu den Text aufgenommen , ihn gewifs nicht 
entstellt haben würden. Ihre Verweisung in den Index zur et- 
waigen Benutzung späterer Herausgeber zeugt indessen von der 
Bescheidenheit und Gewissenhaftigkeit ihres Urhebers, der nicht 
gerne ändern' wollte, wo nicht hauptsächlich handschriftliche 
Gritude dazu berechtigten. 



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336 Wucherer, mechanische Wissenschaften. 

■ * 

Virgdius. In diesem finden wir ebenfalls, die Vorrede nnd 
die besonders mitgeteilten Varianten ausgenommen, alles Alte 
wieder, was bei Horaz beibehalten ist, doch auch hier nicht 
ohne Verbcsserungen. Unter dem Text stehen hier mehr An- 
merkungen als dort, die thejls wichtige Lesarten, theils Con- 
jecturen Anderer, theils Resultate eigener Forschungen, wie diese 
ausführlicher in des Herausgebers Virgilius Virgilianus darge- 
legt sind, enthalten. Ucber die Letztem braucht von uns hier 
um so weniger gehandelt zu werden, da wir unser Urthcil dar- 
über bei Anzeige des eben erwähnten Werkchens (Jahrb. 182 t 
Nr. Sto) schon ausgesprochen hahen. 

Format und Druck sind dem der ersten Auflage ziemlich 
ähnlich, so dafs auch der Verleger nicht versäumt hat, alles 
was ihm als solchem zukommt, zu leisten. 

.it — r. . 



Die Elementarlehren der mechanischen Wissenschaften , oder die 
leichtern Sätze der Gleichgewichts- und Bewegungslehre fe- 
ster , tropfbarer und elastisch ßüssiger Körper, zum Behufs 
der Vorlesungen an der polytechnischen Sehlde zu Freiburg 
im Breiseaxi und andern ähnlichen Lehranstalten* r on Dr. 
G. F. Wucherer, ord. ößl Professor der Physik u. Tech- 
nologie C jetzt in Karlsruhe ). Mit 43 Kpfcrt. Karlsruhe 
■i8ü4 xur S. Inhaltsanzeige u.Register. 43% 3ß-45kr m 

Ob gleich die Gesetze unsers Instituts eine Beurtheilung dieses 
inländischen literarischen Productes verbieten, so wollen wirdocli 
unsern Lesern eine kurze Anzeige nicht vorenthalten , weil man- 
chem daran gelegen seyn könnte, mit dieser klaren und leicht- 
fafslichen, durch saubere Kupfer erläuterten Darstellung dcrEle- 
inentarlehren der mechanischen Wissenschaften ihrer vielfachen 
practischen Anwendung wegen bekannt zu werden. Eine aus- 
führliche Inhaltsanzeige würde indefs für unsern beschränkten Kaum 
zu weitläuftig seyn, und es wird daher geniigen zu bemerken , 
dafs der Titel genau bezeichnet , was in dem Werke euthalten ist. 
Die Einleitung giebt zuerst Auskunft über die allgemeinen stati- 
schen Principien, dann folgen 111 den drei ersten Abschnitten 
die Statik fester, tropfbarflüssiger und elastisch -flüssiger Körper 
für sich und in ihrer Verbindung. Im folgenden Abschnitte sind, 
die allgemeinen Gesetze der Bewegung enthalten, und in den drei 
letzten vom fünften bis siebenten die eigentliche Mechanik, die 
Hydraulik und Pneumatik. Ein vollständiges Register erleichtert, 
»ehr den Gebrauch des Werks. 



r < 

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N£22* Heidelberger 182?« 

Jahrbücher der Literatur. 

s 

t 

W**t*W***H**mm ******** i -bi , 1U 

Müitairiscke Blätter» Eine Zeitschrift > heraus gegeben von F, 
W, v. Mauvillöw* Zweiter Jahrgang 48*4, $. Erster 
Theä 5o5 S m Essen und Duisburg bei Baedeker Praen* Pr. 
( des ganzen Jahrganges ) 5 Thlr. Prenfs. C* 

* 

Wir Haben unser Ürtheil über clicsc nützliche müitairistfie Schrift 
bei der Anzeige des ersten Jahrganges (S. Jahrb. 1821 Hft. V. 
S.484) ausgesprochen, und indem Wir uns auf dasselbe bezie- 
hen, Weil der gediegene Inhalt und die zweckmässige Einrich- 
tung auch diesem Jahrgänge nicht abgehen, möge es jgenügen, 
über einige Aufsätze ein kurzes Unheil hinzuzufügen, theils um 
auf dieselben aufmerksam zu machen, theiJs zur weitern und 
gründlichen Bearbeitung Wichtiger Gegenstände .zu ermuntern. 

Gleich beim ersten Aufsätze: über das Steigen und die 
Bahn der Raketen, Wovon hier blos der Schlufs folgt, erlau- 
ben wir uns einige Bemerkungen zu machen. — Zuvörderst 
tat der Venf. vollkommen Recht, und kann darüber kein Streit 
seyn, dafs das Steigen derselben eine Folge der entwickelten 
elastischen Flüssigkeiten ist, welche eben wie beim rfickiauferi- 
den Geschütze nur an einer Seite keinen Widerstand finden* 
Hieraus folgt, wie gleichfalls richtig angegeben wird, dafs die 
Lage des Punktes, wo diese sich in der Rakete entwickeln* 
und des sich stets ändernden Schwerpunktes derselben die Bahn, 
eigentlich allein bestimme. Aber dann darf man auch nicht 
bezweifeln , dafs sie im luftleeren Räume höher steigen , Und von 
der Schwere, wie jedes Proiectil afficirt werden; vielmehr wür- 
den sie ohne den Widerstand der JLuft und Einflufs der Schwei 
re in der ersten Richtung geradlinig ins Unendliche steigeu. 
Dafs der Vcrfass. ferner die Gültigkeit des CalcüTs bei solchen 
Aufgaben der Bewegungslehre in Zweifel zieht, sollte er sich 
billig nicht zü Schulden kommen lassen, denn dieser giebt alle* 
zeit richtige Resultate, Wehn er nicht falsch ist, Wie doch vor^- 
ftusgesetzt werden mufs^ uud die sämmtlichcn Bedingungen rich- 
tig gegeben sind. So kann man doch kaum auch die Frage uis 
zweifelhaft ansehen, oJ> der Wind die Bahn der Raketen be- 
dinge, vielmehr darf man, um den leichtesten Fall zu setzen, 
nur die Richtung demselben ajs lothrecht annehmen ? da«a de« 



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338 Mililairische Blatter voii Mäuvillori. 

Raum, welchen sie selbst und welchen der Wind in gleichen 
Zeiten durchlaufen , ] als rechtwinklichc Coordinaten auf einan- 
dersetzen, um durch Construction den Winkel zu erhalten , wel- 
cher ihre Bahn mit der lothrechten Linie bildet. Ihre Höhe 
Xweim es ander&~nöthig t diese genau zu. bestimmen) verlangt 
der Verf. aus drei Punkten zu, messen ; zwei genügen aber völ- 
lig. Die gehaltreiche Abhandlung über den Generalstabsdicnst 
bei einer Armee in Kriegs- und Fricdeuszeitcn, wovon hier 
S. 12 bis *4 2 der Bcschlufs folgt, empfehlen wir allen Mili- 
tairs zur Prüfung und Bcherzigung. Ein Divisionsbefehl des 
Generals Graf Wallmoden, welcher sehr ernstlich die in der 
Affaire bei Sehestadt begangenen grossen Fehler rügt, macht den 
Bescßlufs der Beschreibung des daselbst vorgefallenen Gefechts, 
und ein Grundrifs in Steindruck, worauf die dortige Gegend 
gezeichnet ist, erleichtert die Uebersicht desselben. Ree. billigt 
übrigens das Zerstückeln der Aufsatze nicht, worüber sich in- 
defs der Herausgeber für dieses Mal entschuldigt. Die Nach- 
richten über die jetzige Einrichtung des Hannövcr'schen Militairs 
werden gewifs mit Vergnügen gelesen werden, und der ausge- 
sprochene Wunsch, dafs bald eine treue Geschichte der Schick- 
sale des unter dem Namen: deutsche Le gion , bekannten Han- 
noverschen Armee-Corp's erscheinen möge, fiudet sicher allge- 
meine Theilnahme. Uebcr die Bemerkungen eines (sogenannten) 
Layen, die Rollschüsse betreffend, im vorigen Jahrgange, hat 
Ree. sich früher schon ein allgemeines Urthcil erlaubt. Hier 
werden noch neue Bemerkungen hinzugefügt, und zugleich ei- 
nige schätzbare Versuche beschrieben, welche zur Berechnung 
sehr vorteilhaft benutzt werden könnteu , wenn nur alle hierzu 
erforderlichen Grössen genau angegeben wären. Der Verf. 
scheint die Wichtigkeit des CalcüFs zur Enthüllung dieses Ge- 
genstandes zu geringe anzuschlagen, allein wir würden ihm bald 
das Gegentheil beweisen , wenn nur alle erforderlichen Data vor- 
handen wären. Damit künftig solche kostspielige Versuche dem 
- Geometer nicht verloren gehen, mufs die Elevation der Läu- 
genaxe der Canon e, wo möglich die Zeit bis zu jedem Auf- 
schlage der Kugel, die Entfernung jedes Aufschlagpunktes von 
der Canone, so wie von der Wand , welche die Kugel durchbohrt 
hat, und die Höhe der Durchbohrung über der Horizontalebenc 
in Rechnung genommen werden, um auf diese Weise zu rich- 
tigen Resultaten zu gelangen. Blosse Versuche können über die* 
se schwierige Aufgabe eben so wenig Lieht verbreiten, als Rech- 
nungen ohne sichere Thatsachen. Mit Uebergehung des minder 
Wichtigen, machen wir vorzüglich auf die, im vorigen Jahr- 
gänge angefangenen hier S. 2^2 und 46*9 fortgesetzten Bemer- 
kungen über das Werk Unterricht Fliederichs II. für die 0 ene-> 



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MiUtairische Blätter von Mauvillon. 339 



rale seiner Armee u. s. w. aufmerksam, welche mit gleichem 
Scharfsinn und gründlicher Sachkcnntnifs geschrieben sind. 

Mit vorzüglichem Interesse hat Ree. aber die den ganzen 
vierten Heft füllende Biographie des K. Dänischen Generallicu- 
tenants J. v. Ewald gelesen, wcVhe aus dein handschriftlichen 
Nachlasse desselben geschöpft, und mit Benutzung einiger nicht 
unbedeutenden Originalactenstücke von dem einzigen Sohne des* 
selben in eiuem reinen und tlicssenden Stvle mit überall durch- 
scheinender, höchst schätzbarer kindlicher Hochachtung verfafst 
ist. Als Kurhessc von Geburt bildete er sich erst im sieben- 
jährigen Kriege, gieng dann mit den Subsidicntruppen nach 
Amerika, über welche unglücklichen Feldzüge hier viele inte- 
ressante Erzählungen vorkommen, mit einer sehr schönen erläu- 
ternden Charte des dortigen Kriegsschauplatzes , vcrliefs erst nach 
manchen unverdienten Kränkungen sein Vaterland, und machte 
ein besseres Glück in K. Dänischen Diensten, bis er i8i3 au 
der Brust Wassersucht starb. Einen nicht angenehmen Eindruck 
machte es allerdings, wie der Erzähler auch selbst bemerkt, 
auf die Gemüther seiner deutschen Landsleute, dafs dieser doch 
wohl wahrhaft deutsch gesinnte Krieger es gerade war, wel+ 
eher durch seine Verbindung mit dem General Graticn dem Le- 
ben des leiter zu früh begeisterten Schill in Stralsund ein Ende 
machte, allein einen Schatten kann dieses auf seine militairischc 
Laufbahn eben so wenig werfen, als dafs er sein Möglichstes 
that, die nach Freiheit ringenden Amerikaner wieder unter uas 
eiserne Joch zu beugen j denn er war Offizier, hatte als solcher 
die ihm gewordenen Befehle pünktlich, wenn gleich ungern zu 
vollziehen, unbekümmert um das politische System , welches sein 
Regent befolgte, und solche Gründe, welche in einem , entfernt 
ähnlichen Falle den General v. York bewogen, eine durch ge- 
bieterische Umstände ünnachläfslich nöth wendige Aenderun^ der 
politischen Verhältnisse des Staats schon vor erhaltenem Befehle 
zu befolgtn, waren in dem gegenwärtigen keineswegs vorhan- 
den. Sowohl in Rücksicht auf praktische Lebeiisphilusophie, als 
auch auf militairischc Bildung ist die Biographie unterhaltend 
und belehrend. 



AnnaUn der Protestantischen Kirche im Königreich fiaiern. P on 
Karl Fuchs, d. TL Dr., Cons.R. und erstem Hauptpre- 
diger, an der Stiftskirche zu Anspach, hin Beitrag zur 
neuem Kjirchengeschic/Ue. Nürnberg bei Riegel und M'icji- 



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34o Dr. Karl Fuchs Anoalen d. pfot. Kirche in Baiern. 

ner. 484 9 I. Heft 43* S. 48*0 IL Heft 454 S. in 8. (Ih- 
rer Majestät der Königin von Baiem dedicirt.) 

Nach dem neuesten * Amtshandbuch für die Protestantische Geist- 
lichen des Königreichs Bayern« besteht die Evangelisch- Prote- 
stantische Kirche dieses Landes aus 98$ Pfarreien , hat überhaupt 
4i49 geistliche Amtsstellen und eine Mitgliederzahl von 1 Mil- 
lion und 7269. Die GesammtBevölkerung vou Baiem wird auf 
drei und eine halbe Million angegeben. Nach der Zahl betrach- 
tet beträgt also das Protestantische Baiern fast das Doppelte des 
vormaligen Herzogtums Württemberg, und macht beinahe ein Drtt- 
theil des Bair. Königreichs. So wird nicht nur nach der verlas* 
sungsmässigen Rechtsgleichheit*! sondern auch nach der blos staats- 
künstlerischen Berechnung klar, wie viele Rücksicht dieser, meist 
erst hinzugekommene, Bestandtheil des Ganzen erfordere, um zu 
jeder Zeit als integrirend, uud nie als etwas accessorisches zu 
erscheinen. Eben deswegen ist es um so schätzbarer, dafs ein 
Mann, der als Prediger, Gelehrter und Geschäftmann an der 
Bildung des protestant. Kirchen wesens im Königreich seit 1802 
Jtuudi£en , thätigen Antheil nahm, den Gang dieser Sache mit 
eben so viel Mässigung als sachdienlicher Freimüthlgkeit in ei- 
nen TJebci blick gebracht hat. Der erste bedeutende Schritt war, 
dafs durch Ernennung eines Gcneral-Consistoriums »zur AüsüV 
• bung des obersten Episkopats« sämtliche Protestant. Gemeinden 
1808 durch Verordnung vom 8. Sept. als eine Gesa mmtGemein- 
de oder NationalKirchc gesetzlich anerkannt und nachher durch 
General- und Special - Decanate in einen organisirten Zusam- 
menhang gebracht wurde. Die Instruction du*. 4» Febr. iSöy 
zu Prüfungen der Theologie Studiereuden (von deren Vorberei- 
tung das Wohl der Gesatnmtkirchc auf Generationen hinaus ab- 
hängt) war mustermässig. Eine besondere Prüfungscommission 
in der Nahe der Universität urthcilte nach den zweckdienlich- 
sten Vorschriften , ob die, welche den Curs gemacht hatten, als 
Caudidaten des Ministeriums anerkannt werden könnten oder noch 
Ergänzuugsstudien machen sollten. Sogleich wurde eine grös- 
sere Stuaicntfiätigkeit auf der Universität bemerkbar. Hatten 
alsdann diese Caudidaten auf Vicariaten sich weiter geübt oder 
auch gegründete Neigung zum Schulwesen bewiesen, so rief sie 
ein zweites Exa/nen zum Überconsistorium selbst, wo, was so sehr 
zweckmässig wirkt, jeder dem Vorgesetzten, nach seiner Indivi- 
dualität, aber auch jedem das Personale der Obern und man- 
ches Verhältnifs bekannt werden kouute, das ihm für sein gan- 
zes Gescbaftlcben Licht oder Adressen zu weiterer Sachkennt- 
nis, gewähren konnte. Der Verf. giebt S. 33 — 35 bedeuten- 
de Gründe an ; warum die Wiederherstellung einer solchen Prü- 



• 

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Dr. Karl Fuchs Annalen d. prot. Kirche in Baiern. 34 1 

fuog vor dem Generakonsistorium zu wünschen wäre. Von grosser 
Wirksamkeit war ferner, dafs der Qeneraldecan unter Ueberein- 
stimmung mit dem Generalcommissär des Kreises für welt- 
liche und geistliche Unterstellen geltend decretierte. Eine ana- 
loge Einrichtung wird auch für die jeteige 3 Kreisconsistorien 
mit Grund gewünscht. Nur die Sonderung der Gcneralscbulen- 
Inspection von der Kirchlichen war, wenn gleich tabellarisch 
richtig, doch für die Energie und Wirkung hinderlich, • Ohne 
die Pfarrer durch Hoffnungen antreiben zu können , ists unmög- 
lich, dafs Landschulen gedeihen. Ist aber nicht der Kirchen - und 
Schulvorsteher des Kreises in Einer Person vereint, hat der Pfarrer 
nicht von ihm Begutachtung zur Beförderung und sonstige Antriebe 
zu erwarten. Steht Er vielmehr und die Schullehrer unter verschie- 
dener Oberaufsicht, so geht bei weitem nicht so viel vereinte 
Thätigkcjt ins Leben hervor, auch Streitigkeiten lassen sich nicht 
so leicht abhalten oder schlichten. Noch mehrte sich durch die- 
se Theilung der Uebelstand, dafs unter den Kreisschulinspecto- 
rea kaum 3, bald nur 2 Protestanten waren, ungeachtet der gute 
Schid - und Gymnasialunterricht die Basis der Selbstüberzeugung 
ist, ohne welche der Geist des Protestantismus nicht zu denken 
ist. Nur ein zum Nachdenken angewöhnender Schulunterricht 
bereitet zur klugen Selbsttätigkeit im bürgerlichen Leben vor 
und macht zugleich für den Katechisations- und Predigtunter- 
riebt empfänglich, welcher der fortdauernde Hauptbestandteil 
der Gottesdienstlichen Vereine bleiben mufs, wenn nicht statt 
Religion blosser Cultus eintreten so|I. Denn -wer nicht in der Selm-» 
1« verstehen lernte, wird auch nicht den Canzel Vortrag, auch nicht 
die Landesverfügungen, auch nicht Aufsatze, die für seinen Er- 
werb nöthig wären, verstehen, und also nur wie eine Maschi- 
ne sich treiben lassen. So sehr wirkt Eines in das Andere, ent- 
weder zur allgemeinen Passivität, oder zu einer für verstandige 
Leitung empfänglichen Thätigkeif. 

Zur Erleichterung des Bekanntwerdens der oft entfernten 
prot Gemeinden miteinander erschien *8i2 das Protestantische 
Kirchenjahrbuch, dessen bisherige Unterbrechung auch Ree. mit 
S. 55 bedauert. Von grosser Wichtigkeit ist, dafs seit dem 6 f 
März 1817 den neugebildeten Magistraten und Ortsvorständen 
auch die Verwaltung des Localstiftungsvermögcns unter verbes« 
serten Formen zurückgestellt wurde. Doch wird niemals ein 
wahres Zusammenwirken zwischen Mitteln u, dem Zweck denkbar 
seyq, wenn nicht die, welche hauptsächlich den Zweck zu be- 
treiben haben, auch eine officielle genaue Kenutnifs der dispc~ 
uiblen Mittel und ein Recht, ihre Zweckdienlichst mitzubeur« 
theilen, haben. Der beste Rath und Plan für Zwecke, was ver» 

m% er ohne directeo Miteinflufs auf die Wittel? 



1 



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342 Dr. Karl Fuchs Annalen d.prot. Kirche in Baiem. 

Grosse Aufmerksamkeit in der protest. Landeskirche erweck- 
te seit 1818 das mit der römischen Curie wegen der kathol. 
Landeskirche abgeschlossene Cöncordat. (Warum? läfst sich zum 
Tiieil aus Bemerkungen abnehmen , welche im 4« Heft des drit- 
ten Bandes des Sophronizon 121 — 2 5 als Zeitbemerkungen dar- 
gelegt sind.J Das Cöncordat wurde, was mm nach S. 70 lan- 
ge bezweifelt hatte, »als Staatsgesetz (durch die Vcrlassungsur- 
»urkundc vom 26. Mai 1818) bekannt gemacht, aber als An- 
fang eines ! r ön. Edicts über die kirchlichen Verhältnisse, wo- 
» lureb die Verfassungsrechte der protestant. Kirche und die Gc- 
»wissenstreiheit ihrer Bekenner vollkommene Bürgschaft erhiel- 
ten und unter den Protestanten Besorgnifs erregende Bcstim- 
»muugen des Concordats gewissermaßen als entkräftet erschic- 
3>nen.« Gewissermassen? Der Sinn des Regenten und die Gei- 
stesbildung seines Ministeriums will gewifs, dafs beide Landes-, 
kinheu, die Katholische und Protestatitische, vollständig gleich 
gestellt und rechtlich ungestört neben einander gedeihen und gu- 
tes wirken sollen. Aber dafür ist für die Protestanten, welchen 
Selbstubcr/.cugung, d, i. tiefer, gründlicher, also freyer, selbst- 
ständiger Unterricht Hauptsache ist, das noch nicht hinreichend, 
was auch in dem (von dem Verf. nicht angeführten) Kön. Edict 
dd. München vom 7. Nov. 18 18, conform mit der unter dem 
Datum Rom d. 27. Sept. 1 3 1 8 i durch den bevollmächtigten Car- 
dinal Hafteln) Sr. päbstl. Heiligkeit im Namen des Königs vor- 
gelegten Erklärung, ausgedrückt wurde: »dafs die Geistliche Ge- 
»walt keiner in Baiern bestehenden Kirchengcsellschaft in ihrem 
»eigentlichen Wirkungskreise je gehemmt werden und die welt- 
liche Regierung in rein geistliche Gegenstände der Religionsleh- 
sre und des Gewissens sich nicht einmischen dürfe, als in soweit 
»das obersthohcilliche Schutz- und Aufsichtsrecht dabei einträte.« 
Der Evangelisch -Protestantischen Kirche kann es nicht blos um 
Dogmen und Kirchengesetze, um das Geglaubte und Verordnete, 
zu thun seyn, vielmehr um Geistesbildung und also um Unter- 
richtsanstaltcn, in denen die ganze Methode nicht meist auf Er- 
lernen und Einüben der Ueberlieferungen , sondern auf Einsicht 
der Gründe und auf eine von den niedern Schulen bis in die 
Mittleren und Höheren Studienanstalten aufsteigende Uebung, 
das Warum und Wo/u des Erlernten zu wiesen, und dadurch 
sich weitere Vervollkommnung möglich zu machen. Deswegen, 
weil Erlernen des Herkömmlichen, und Stndieren zwei äusserst 
verschiedene Zwecke sind, welche nur durch eine von Grund 
aus verschiedene Methode erreicht werden können, bedürfen 
die Protestantischen Gemeinden sowohl Institutionen als Aufseher 
und Leiter von ihrer Art, das heifst, solche, deren Richtung 
nicht durch Traditionelles und Hierarchisches zum voraus im 
ganzen Lebensgang beengt ist, vielmehr duf Selbsteinsicht und 

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Di\ &arj Fuchs Annalen d. prot. Kirche in Baiern. 343 

Ucberzcugung (diese Grundbedingungen der Perfectibilitä't) bei 
jedem Gegenstand hinleitet. Deswegen ist es ohne Zveifel im- 
mer für gerecht und zweckmässig zu halten, dafs in dem, was 
für die beiderlei Kirchengesellschaftcn eigentümlich ist, die ka- 
tholische sowohl als die protestantische Einrichtungen und Vor- 
stände von ihrer eigentümlichen Art über und für sich haben 
sollte, unstreitig; wie auch die Verwaltung ihrer eigentümlichen 
Mittel nur von solchen, die den Zweck, wofür diese da sind, 
genauer kennen und lieben, am besten zu erwarten ist. Nir- 
gends sollte die eine Parthie sich als die herrschende, und die 
andere nur als die unterthanige betrachten dürfen. Ein grosser 
Schritt zur Rechtsgleichheit der Protestantisch- Bairisclien Gc- 
sammtkirche geschalt durch das der Verfassungsurkunde ange- 
hängte Edict, welches ihr ein auch von einem Präsidenten glei- 
cher Confession geleitetes Oberconsistorium gab, worauf in dem 
Staalsrath Freih. von SccI. • dorf ein sehr geachteter erster Vor- 
stand ernannt wurde. Auch ist es gewifs sachgemäfs, dafs ein 
Oberstudienrath (der für Kirchen und Schulen rastlose Dr. Niet- 
hammer) zugleich unter den Oberkirchenrathen ist. Es wird 
sich gewifs immer mehr offenbar machen, wie viel untrennbarer 
Schulen und Kirchen bei den Protestanten zusammenhangen, alg 
nach dem Katholischen, besonders dem curialistisch - römischen 
System; vorausgesetzt, dafs zu Kirchenrathen andere nicht, als 
wirklich gelehrte und philosophisch - protestantische Männer ge- 
wählt sind. Eben so merkwürdig als wahr ist überhaupt, was 
Heft II. andeutet, dafs Protestant. Stellen nicht den Bischöffli- 
chen Vicariaten ähnlich zu denken sind. Diese stellen nur den Bi- 
scholl vor, welcher neben der blossen Genehmigung (placct) 
der Landesregierung eine fremde Vollmacht und Anerkennung 
hat, annimmt und fortwährend berücksichtigt. Jede Protestan- 
tische Stelle aber nimmt ihre Vollmacht vom Regenten, als Re- 
genten und Oberbischoff zugleich , und ist als Gesetzvollziehungs- 
Behörde einzig an die Regierung und das Einheimische, als Va- 
terland, angeschlossen. Hier ist nie eine curialistische Parthie 
Nie ist da eine Concordia zwisohen Imperium und Sacerdotium 
erst zu stiften, sondern nur zu erhalten. Die Evangc\jsch-Pro-» 
testautische Kirche war, seit sie geltend, wurde und wo sie die- 
ses ist, die Retterin der Regenten - und Gemeinden- Rechte ge- 
gen die Uebermacht der curialistischcn und hierarchischen selbs- 
genommenen Ansprüche. Ihre Consistorien , Schul - und Stif- 
tungsbehörden handeln aus vereintem Auftrag der Regierungen 
und der Kirchengesellschaftcn, und nicht nach einem Obedienz- 
eid an eine nichtvaterländische Oberaufsicht. Was also durch 
sie gesetzlich geschieht, ist nur durch die Auctorität des Regen- 
ten und Bischoffs im Namen der Kirehengemeinden gethn«. Un-» 



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344 Dr. Karl Fuchs Annalea cL prot. Kirche in Baiern. 

» 

bedenklich können sich deswegen iq innen die Jura in sacrq 
und circa sacra, die Verfügung nicht pur über den innern Zweck, 
sondern auch über die dazu gehörigen Mittel vereinigen , weil 
solche Kirchen und Schalen, welche einzig vaterländische, ein- 
heimische Anstalten und von aller fremdartigen Einwirkung frei 
sind, nie ihre Mittel dem Staatszweck entgegensetzen wollen 
oder können. Auch trunsigiert diese Kirchengesellschaft, wo sie 
Landeskirche ist, nie durch einen Auswärtigen mit der einhei- 
mischen Staatsmacht, sondern v>, wie ein Tlieil des Staats mit 
dem ganzen Staatsverein und dessen Überhaupt in Verhandlung 
treten darf. Am allerwenigsten werden die Resultate einer sol- 
chen, einheimischen Ucbereinkunft am Ende wie Nachgiebigkei- 
ten, Indulte und Gebote einer selbstverfügenden auswärtigen 
JVlacht an die Regierungen behandelt, publicirt und unter man- 
cherlei (Kollisionen "ausgeübt, da die Evangelisch- Protestantischen 
vielmehr das Verhältnifs und den Ion localer Einverständnisse 
zwischen Obrigkeit,, Unterthanen und Mitbürgern nie überschrei- 
ten. Was dadurch diese Kirche offenbar an Eigenmacht verliert 
pder vielmehr aus Grundsätzen nicht anspricht, das darf sie un- 
streitig vermöge der Anerkennung ihres engsten Verbaudes mit 
dem Staate durch vertrauensvolle Behandlung immer vergütet zu 
erhalten hoffen, ohne dafs der Staat, wenn er Ihren bürgerlich- 
last noch mehr als kirchlich- wichtigen Bildungsanstalteu aufhilft, 
dadurch eine Art von Gegenmacht unterstützt zu haben fürch- 
ten darf. Diese Betrachtungen erläutern auch die Bemerkung Su 
jy wie es Wunsch war, dafs die wichtigeren Beschlüsse des 
öberconsistoriuras in reinkirchiieben Gegenständen dem Regen- 
ten von dem Präsidenten dieses Collcgiums zur Sanction vorge- 
legt würden. Inzwischen wii^d dankbar anerkannt , dafs die sach- 

femässe Behandlung der Protestantischen Kirchen Angelegenheiten 
ei demStaatsrainisterium mehr verbürgt wordeu ist, indem der bis- 
herige Ob«rkirchenrath Dr. Schmidt, durch mehrjährige Amts- 
führung mit den Angelegenheiten der prot. Kirche vertraut; für 
den Vortrag derselben als Ministerialrath in das Staatsrainisterium 
eintrat. Die evang. Kirche ist für Baiern noch grossem heils neu. 
Bilden steh nur ihre Kirchen- und Schullehrer iq protestanti- 
schem Geiste mit Gründlichkeit und Lebensklugheit ferner aus, 
und drängen die Eltern durch Aufsicht in der Erziehung auf 
"Fi lichte der Sejbstüberzeugung in den höhern und höchsten Un- 
{crrichtsanstalten bei ihren Kindern, so wirdeine solche aus mehr 
als einher Million bestehende Gesellschaft, Köpfe genug hervor-, 
bringen, welche der Staat nicht entbehren zu können, und weil 
sie ihm allein a ngehören , um so, unbedenklicher benutzen. $u 
Wlfefl; afe Qvwa^tz anerlienn.en wird, 



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Dr. Karl Fuchs Annalend.prot Kirche in Baiern, 345 



Ausser den allgemeinen Nachrichten giebt schon das I. und 
poch mehr sjthon das II. Heft auch specielle kirchlich statistische 
Notizen z.B. über die Kirchenorganisation in den grösseren Städten, 
München, Augsburg, Nürnberg, Regensburg etc. über die von dem 
würdigen Consistorialpräsidenten, als ernanntem Reichsrath durch 
einen sehr anschaulich motivirten Antrag eingeleitete Erhöhung des 
Pfarrwitt wentonds (If. S. t6 — 35,) über die jetzt bestehende 
3 Consistoricn und ihre Amukreise, über die Universität*- und 
Prüfungsanstalten für die cv. Geistliche (und Schullchrer ?) über 
die Feier beim Jahresschlufs, Confirmationen, Publikationen von 
der Canzel u. dgl. Am Ende eine nöthige Aufklarung des von 
dein (nachmaligen Wunderversuchmacher ) Geistl. Vicariatsrath, 
F. v. Hohenlohe zu Bamberg an dem todtkranken Dr. Wetzel gemach- 
ten Conversions^ Versuchs. Mit dieser Geschichte war aufch die 
Bchanptung verbunden wo/den : bei dem ersten Gottesdienst in 
der Protest. Kirche zu Bamberg habe der Kreiskirchenrath Fuchs 
die Kirche mit 600 Mann vom IX. Linienregiment umstellen las- 
sen. Das ganze biedere Bamberg weifs, dals an ein solches 
Beschützen nicht zu denken war, weil in einer so wenig bigot- 
ten oder pfäflischen Stadt keinem Menschen, es bedürfen zn kön- 
nen, einfiel. Auch Ree. welcher selbst in der Kirche anwesend 
war, bezeugt das Thörichte jener unwahren Behauptung. 

ff. E. G, pau(ut % 

r 

, , , \ , 

Lehrbuch der Astronomie für Schulen und zum Selbstunterricht 
für gebildete Naturfreunde. Mit deutlicher Beschreibung 
der vorzüglichsten astronomischen Instrumente, Beobach- 
tungsmethoden und Versinnlichungswerkzcuge , von H. L. 
Schulze j Pfarrer in Polenz und Ammelshain bei Leipzig. 
Zweite gänzlich umgearbeitete Ausgabe des »Sonnen-Systems, 
wie es jetzt bekannt ist.* Mit 4 ty** Leipzig 4 8 st 4. VUI 
und $4 4 S. 8, 

Es ist eine zwar in ihrer Art nicht einzige, aber doch seltene 
Erscheinung, dafs der Verf. dieses Lehrbuches der Astronomie 
zugleich die Stelle eines Pfarrers auf dem Lande bekleidet. Zwar 
liegt die Kenntnifs des gestirnten Himmels den Theologen viel 
naher, als die meisten glauben, aber in der Regel erstreckt; 
sich, alles Hedens über die Grösse und Schönheit des Weltalts 
ungeachtet, ihre' Kenntnifs von dem letzteren blofs auf ein win*- 
ziges Theilchen der Erdoberfläche. Um so rühmlicher ist die 
Ausnahme, welche der Verf. des vorliegenden Werks, (durch 



346 Schulze Lehrbuch der Astronomie. 



«3 



einige andere astronomische Aufsätze und namentlich als Philo- 
loge durch eine kleine Schrift: Systema Solare , carmine latmo 
descriptum. Lips. 48 4 J. vorteilhaft bekannt) in dieser Hinsicht 
macht. In eine ausführliche Kritik dieses Lehrbuches einzugchen 
wäre weder der Absicht desselben, noch der Bestimmung die- 
ser Blatter angemessen, und wir begnügeu uns daher mit einer 
kurzen Anzeige. Man findet in demselben, was der Titel ver- 
spricht, keine Belehrung für den Astronomen von Profession 
geeignet, wohl aber eine tiefer eingehende, als die sogenannten 
populären Schriften über diesen Gegenstand meistens zu ge- 
ben pflegen. Eine hinlänglich vollständige Literatur giebt aus- 
serdem Anleitung mit dem weiteren Umfange dieser Wissenschaft 
bekannt zu werden. Der Vortrag ist klar und verständlich, 
dabei* das Werk frei von Hypothesen und Dichtungen über- den 
Ursprung und die physische Beschaffenheit der Himmelskörper, 
welche eigentlich dem Ernste dieser Wissenschaft oicht ange- 
messen sind. Ree. will zum Beschlüsse dieser Anzeige nur noch 
einige Kleinigkeiten anführen, um seine Aufmerksamkeit beim 
Lesen des Buches zu beweisen. Die S. 123 angegebene Ab- 
plattung r=: 1 / 334 kann nach den übereinstimmenden, dem Verf. 
sicher bekannten, Resultaten der neuesten Untersuchungen schwer- 
lich noch angenommen werden. Auf der folgenden Seite wer- 
den von der Base du Systeme metrique vier Bande angegeben, 
allein der vierte ist nicht erschienen, und wird leider schwer- 
lich jemals ins Publicum »kommen. Ob die S. 2o4* gegebene 
Erklärung des Zodiacallichts aus dem Stosse der Sonnenatmo- 
sphäre gegen die Lichtmateric im Welträume zulässig sey, mufs 
Ree. bezweifeln, und S. 281 hätte in der Anzeige der bekann- 
testen Kometen der merkwürdige von 1818 und 19, , worüber 
das astronomische Jahrbuch von 1822 S. 180 ff. handelt, billig 
nicht vergessen seyn sollen. 



Anfangsgrunde der darstellenden Geometrie, oder die Projec- 
tionslehre für Schulen , von M. Kreiznjcu. Synthetischer 
Theil, mit sechs Steintafeln. Mainz 4 8% 4 bei Florian 
Kupferberg, 408 S. in 8. 

Der Verf. hat durch Bearbeitung vorliegenden Werkchens eine 
Lücke in unsrer mathematischen Literatur ausgefüllt, wofür wir 
ihm Dank schuldig sind. 

In keinem Theile der Mathematik ist wohl die Praxis der 
Theorie mehr vorangeeilt, als iu der Projectionslehrc, oder der 



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Kreiznach Anfangsgr. d. darstelL Geometrie. 347 

* 

Lehre, auf einem Plane Gegenstände des durch bestimmte Gran* 
zen eingeschlossenen Raumes darzustellen. Schon die Alten hat- 
ten sehr richtige Ideen von einem Zweige derselben, der Per- 
spektive j wie aus den zu uns gelangten Malereien zu ersehen 
ist, und noch jetzt bewundern wir ihre Präcision in den Thei- 
len der Architektur, welche die kenntnifs der Durchschnitte 
krummer Flachen voraussetzen, in welchen Theilen sich auch 
vorzüglich die gothischc Baukunst auszeichnet. Der Zweig der 
Projektionslehrc, welcher am frühesten wissenschaftlich bearbei- 
tet wurde, ist ohnstreitig die Lehre von der Perspektive; ei- 
nige andere Zweite dieses Theils der Mathematik wurden nur 
gelegentlich in Lehrbüchern der Bauhandwerke, urid zwar in 
der Regel ohne Beweis, aufgenommen. Monge erwarb sich 
zuerst das Verdienst, die Theorie dieser Lehre in ein mathe- 
matisches System zu bringen; von seinem Schüler, Hacket te er- 
schien späterhin eine Fortsetzung dieser Arbeit, enthaltend die 
Anwendungen dieser Lehre auf Perspektive; Schattenlehre, Stein- 
schnitte u. s. w. Lacroix bearbeitete denselben Gegenstand auf 
eine mehr elementare Weise in seinem Complement, dw Geo- 
metrie. 

Abgesehen von dem entschiedenen praktischen Nutzen die- 
ser Lehre, ist sie auch noch sehr geeignet, in dem Vortrage 
der Mathematik als Einleitung in das Studium der Analvsis zu 
dienen, und da die Methode, nach welcher ihre Sätze erwiesen 
werden, eine rein svnthctische ist, so trägt das Studium der- 
selben sehr zur Schärfung des mathematischen An theils bei, und 
giebt dem Lehrer Gelegenheit, den Zuhörer m der mathema- 
tischen Zeichnung durch Entwerfung der nöthigen Figuren zu 
üben. 

Recensenten ist es daher sehr erfreulich, ein Lehrbuch 
über diesen Gegenstand anzeigen zn können, welches alle Em- 
pfehlung verdient. Der erste Abschnitt enthält die Lehre von 
dem Punkte , der geraden Linie , und ihrer Projektionen auf 
zwei senkrechte Pläne. Der zweite Abschnitt 'handelt von den 
krummen Flächen, namentlich den Walzen-, Kegel- und Um- 
drehungs- Flächen. Im dritten wird die Lehre von den Durch- 
schnitten krummer Flächen vorgetragen; im vierten endlich sind 
noch einige Anwendungen auf die Lehre der Perspektiven bei- 
gefügt. Hier hätten wir sehr gewünscht, dafs es dem Verf. 
gefallen hätte, etwas mehr über das letztere zu sagen, so wie 
auch die Schattenlehre nicht zu Übergehn. 

Der Vortrag ist klar und bestimmt, und in dem ganzen 
Werkchen herrscht ein zweckmässiges Voranschreiten von dem 
leichtern zu dem schwereren. Der Verf. verspricht einen zwei- 
ten Theil, enthaltend den analysitcheu Theü der Projektions- 



I 



348 • Weiler Krankheiten des Auges. 

lehre. Es wird uns sehr freuen, wenn er bald sein Verspre- 
chen löset. 

Zu bcdaueru ist, dafs in den Steintafeln sich einige Fehler 
in den Buchstaben eingeschlichen haben. />, />, 



Die Krankheiten des menschlichen sftiges j herausgegeben von 
Dr. C. Heiüricu Jf^ttLEK. Berlin in der Schuppeischen 
Buchhandlung 4846, V orr. und EinL XX S, und 356 S. 
in 8. 

- 

Der vielfaltig geäusserte Wunsch ein -kurzgefafstes praktisches 
Handbuch der Augenkrankheiten zu besitzen, dem die herrliche» 
Lehren Beeret als Grundlage dienen, und in welchem die wich- 
tigsten Erfahrungen und Entdeckungen in- und ausländischer 
Aerzte neuerer Zeit nicht vergessen sind, bewog den Verf. das 
vorlie^nde Werk herauszugeben. 

JP^afs ein Werk über die Krankheiten sdes Auges, welches 
die Leiden dieses wichtigen Organes getreu beschreibt und die 
verschiedenen Heilungswege genau ängiebt, wünsch enswerth ist, 
unterliegt keinem Zweifel, Beer's Werk (Lehre von den Au- 
genkrankheiten i Tbl, i8i3. 2 Thl, tSty.) enthält schätzbare 
Bereicherungen der Kunst; allein dieser grosse Mann achtete 
fremde Verdienste zu wenig, so, dais manche wichtige neue 
Entdeckung uiffl Bereicherung der Kunst von ihm nicht erwähnt 
wurde, und deshalb seinem Weike der wünschenswerte Grad 
der Vollkommenheit abgeht. Ein Werk, welches auf Vollkom- 
menheit Anspruch macht, soll dem gegenwartigen Standpunkte 
der Wissenschaft vollkommen entsprechen; keine neue Ent- 
deckung, keine wahre Bereicherung der Kunst soll darin ver- 
gessen sevn. Der Verf., welcher die wichtigsten Lehren Beer's 
auszog, und hier mittheilt, bemühte sich zwar das Neue und 
Wisseuswerthe dieses Gegenstandes aufzuführen; allein es sind, 
wie aus dem Folgenden erhellen wird , wichtige Lücken und 
Mängel vorhanden, selbst einige Irrthümer finden sich in diesem 
Werke, welche umsomehr hätten vermieden werden sollen, als 
dieses Buch für angehende Aerzte bestimmt ist. 

Der Verf. befolgt in der Aufführung der Gegenstande nicht 
die von Beer aufgestellte Anordnung, sondern er wählt die 
anatomische Ordnung. Diese Methode, welche die verschieden- 
artigsten Gegenstände zusammenreiht, und von den französischen 
Augenärzten z. B. Demours j Delarue etc. befolgt wird, findet 

der Verf, selbst nicht untadetyaft; allein er gesteht, keine an« 

> 

» 



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Weller Krankheiten des Auges. d.fo 



derc auffinden zu können, Welche vollkommen ohne Mängel ist. 
Ree. muis gestehen, dal 's er gerade diese Anordnung für die 
unpassendste halt, und hier eine methodische Zusammenstellung 
der Gegenstande gewünscht hätte, da gerade das Auffinden ei* 
Her solchen eine lobeuswerthe Eigenschaft eines Schriftstellers 
ist, und diese zum leichten und fafslichen Ueberblick der Ge* 
genstaude nicht fehlen darf, wenn das Werk Ansprüche auf 
Vollkommenheit machen soll. In. diesem Buche, welches für 
angehende Aerzte vorzüglich bestimmt ist, möchte eine solche 
urasomehr wünschenswerth seyn. 

Die Krankheiten des Auges werden eingeteilt; I.) in sol- 
che, welche die den Augapfel umgebenden Theile befallen, und 
hier werden ab Unterabtheilungen aufgestellt, a>) Krankheiten 
der äussern Umgebungen des Auges, b.J Krankheiten jener Or- 
gane, welche zwischen der Orbita und dem Bulbus ihren Sitz 
haben; II.) Krankheiten des Augapfels, a.) der durchsichtigen 
Theile, b.J der undurchsichtigen Theile, c.) Welche die durch- 
sichtigen und undurchsichtigen Gebilde zugleich angreifen, d.) 
des Bulbus in seiner Totalität. Endlich werden noch die spe- 
eifischen Augenentzündungen- besonders abgehandelt. 

In der Einleitung sucht der Verf. auf die Verschiedenhei- 
ten , welche zwischen der reinen und speeifischen Augenentzün- 
dung t>bwalten, aufmerksam zu machen. Reine Entzündung ist 
nach dem Vf» eine solche, bei welcher niemals eine speeifische 
Krankheit zu Grunde liegt, in welcher die Phlogosis i